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Das Schloß im Moor

Arthur Achleitner: Das Schloß im Moor - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Schloß im Moor
authorArthur Achleitner
year1903
firstpub1903
publisherGebrüder Paetel Verlag
addressBerlin
titleDas Schloß im Moor
pages269
created20080728
sendergerd.bouillon@t-online.de
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183 Elftes Kapitel

In gedrückter Stimmung war Theo heimgekehrt, allein und über München, unzufrieden mit sich, ärgerlich darüber, den Meerbummel vollführt zu haben. Seine Rückkehr fand fast keine Beachtung, die Bewohner des Schlosses standen zu sehr im Banne des Ereignisses der Verhaftung Hodenbergs. Nur die Mama erkundigte sich, welcher Art die von Theo in München besorgten Geschäfte waren. Theo errötete im Angesicht der blinden Mutter vor Scham, tiefe Reue erfaßte ihn, doch eine Notlüge war geboten, es mußte geflunkert werden, um die arme schwergeprüfte Mama nicht in Unruhe und Sorge zu versetzen. Eine glaubwürdige Ausrede hatte sich Theo schon im Orientexpreß auf der Fahrt von Wien nach München zurechtgelegt, jetzt plapperte er sie herunter, und die Mutter glaubte jedes Wort, lobte den Geschäftseifer des Sohnes und trieb dadurch unbewußt den schmerzhaften Stachel bitterer Reue in Theos Brust.

Die Folge der Audienz war, als Theo im Büro saß, ein energischer Entschluß zu gründlicher Besserung und Sühne: Theo telegraphierte an Wurm Hotel Bristol Wien die Vertragskündigung unter Angebot einer Geldentschädigung von tausend Mark, an 184 Fräulein Camacero schickte er eine Absagedepesche, Schloß Ried sei von Gästen besetzt, daher müsse die Besuchseinladung zurückgezogen werden.

Befreit von allen Qualen sittlicher Bedrückung, widmete sich Theo mit regem Eifer dem Geschäfte, in der emsigen Arbeit gewann er die alte Fröhlichkeit wieder, die ihn der Niedergeschlagenheit Olgas ebensowenig wie der Angelegenheit Hodenbergs achten ließ. Die gute Laune verwandelte sich tags darauf in Verlegenheit, als Herr Verwalter Wurm erschien und seinen Posten antreten wollte. Jetzt hieß es Farbe bekennen! Theo fand dem zielbewußten Manne gegenüber nicht den Mut, von der Kündigungsdepesche, welche offenbar den Adressaten nicht erreicht hatte, Mitteilung zu machen, er wagte nicht, die Kündigung auszusprechen aus Furcht, daß der darob beleidigte Verwalter die Spritzfahrt und damit auch das galante Abenteuer der Mama verraten könnte. Es blieb somit der Vertrag zu Recht, der Verwalter trat seinen Posten an; Theo selbst, wenn auch wütend über sich, mußte Wurm einführen in das neue Amt, ihn dem Personal vorstellen und bekunden, daß fürder Herr Wurm von Hohensteinberg Vollmacht in eigener Zuständigkeit habe. Damit verlor der junge Herr den unmittelbaren Einfluß auf alle Angestellten, Wurm nahm von der Stunde an die Zügel fest in die Hand und ging zielbewußt an die Arbeit.

Von dieser Tatsache nahmen die Damen Notiz, Mama seufzend, Olga gleichgültig, ersichtlich einen 185 inneren Kampf führend, mit anderen Gedanken beschäftigt. Theo hatte früher wohl die Absicht gehabt, Wurm einzuladen, die Mahlzeiten am Familientische einzunehmen, nun aber war er froh, diese Absicht Wurm gegenüber nicht ausgesprochen zu haben. Andernteils schien der Verwalter auf familiäre Behandlung Gewicht zu legen, Wurm sondierte gleich nach Dienstantritt in diesem Sinne mit der Frage, wo er wohl speisen werde. Kühl erwiderte Theo, daß sich ein Abonnement im Posthause empfehle. In einer gewissen Befangenheit und Sorge hielt Theo den Blick gesenkt, er konnte nicht sehen, wie scharf und feindlich ihn Wurm beobachtete. Frostig klang das knappe Dankwort für die Empfehlung, begleitet von einem nichts Gutes kündenden Blick. Dann gingen die Herren ihrer Wege, Theo unzufrieden mit sich und der Welt. Wurm heuchelte immensen Geschäftseifer, schielte dabei aber nach Gelegenheit, Fräulein Olga zu treffen und sich der jungen Dame angenehm zu machen. Darüber vergingen die nächsten Tage, und an einem Abend, da Wurm langsam das Schloß verlassen wollte, erblickte sein Luchsauge die zierliche Gestalt des Schloßfräuleins im Park, anscheinend in Schmerz aufgelöst auf einer Bank sitzend. Der Verwalter schritt der Brauerei zu, umkreiste den Park und bog weit draußen in die Allee von Ulmen und Linden ein, die er langsam heraufpromenierte, um mählich Olga Tristner näher zu kommen.

Tief in Gedanken versunken, merkte Olga die 186 Annäherung des Mannes erst, als Wurm wenige Schritte vor ihr entfernt war und überrascht den Hut grüßend abnahm, eine höfliche Entschuldigung ob der Störung vorbringend.

Unwillig, herb antwortete Olga, fast schien sie gewillt, den lästigen Menschen aus dem Park zu weisen.

»Verzeihung, gnädiges Fräulein, ich bin noch so fremd, daß ich mich auf dem Weg zur ›Post‹ hier im Park verirrte. Eine mir höchst peinliche Störung war gewiß nicht beabsichtigt, ich war außerdem zu sehr mit Gedanken an den Baron Hodenberg beschäftigt, achtete daher nicht auf den Weg.«

Überrascht horchte Olga auf und blickte gespannt auf den Verwalter. »Bitte, es hat nichts zu bedeuten, auch wird es für mich Zeit, ins Haus zurückzugehen.«

»Gnädiges Fräulein sind sehr gütig, Ihre Verzeihung beglückt mich, ich danke vielmals und werde bestrebt sein, mich Ihrer Gnade würdig zu zeigen. Der Fall Hodenberg . . .«

»Was wissen denn Sie von Hodenberg? Sie sind doch erst wenige Tage hier!«

»Das letztere ist allerdings richtig! Doch ich hatte schon bei meiner Vorstellungsvisite Gelegenheit, den Herrn kennenzulernen, daher interessierte es mich, zu hören, daß der Herr verhaftet wurde.«

Hastig erhob sich Olga, und erregt fragte sie: »Glauben Sie an ein Vergehen Hodenbergs?«

»Nein, gnädiges Fräulein, doch ein echter Baron Hodenberg ist der Herr nicht!«

187 »Mit welchem Recht erheben Sie eine solche Anklage?«

»Verzeihung, gnädiges Fräulein, zu einer Anklage würde mir jede Berechtigung fehlen. Es ist lediglich eine Vermutung, welche ich nicht auszusprechen gewagt haben würde, wenn ich hätte ahnen können, daß gnädiges Fräulein geruhen, jenes Herrn Anwalt zu sein.«

»Ich will wissen, wodurch Sie auf die Vermutung kamen, daß sich der Baron einen fremden Namen, Titel und Rang beigelegt habe.«

»Wenn der Baron behauptet, aus Hannover zu stammen, ist die Sache kaum richtig. Ein echter Hodenberg hätte es auch nicht nötig, sich vor Moorbauern auf Heinrich den Löwen zu berufen und seine Baronie mit Sekt unter Bauern zu begießen.«

Olga zuckte zusammen, wie wenn ein Peitschenhieb sie getroffen hätte. »Das soll der Baron getan haben?«

»Ja, ich war dessen Zeuge. Möglich, daß der Herr Hannoveraner ist, er spricht wenigstens annähernd hannoverschen Dialekt, ein Baron Hodenberg ist er aber nicht.«

»Er wird Sie zur Rechenschaft zu ziehen wissen!« rief erregt Olga aus.

»Bitte, ich stehe jeden Augenblick zur Verfügung, glaube aber nicht, daß der Herr Gelegenheit zu einer Forderung finden wird.«

»Weshalb nicht?«

188 »Weil er die Freiheit so schnell nicht wieder erlangen wird!«

»Gott! Was sagen Sie? Sie glauben an eine Verurteilung?«

»Nein, es liegt ja, wie ich höre, kein schwerwiegendes Verbrechen vor. Doch wird das Gericht diese Persönlichkeit ohne Ausweise kaum freigeben, solange nicht das Geheimnis der Herkunft gelüftet ist.«

»Aus Ihnen spricht Haß und Mißgunst!«

»Mitnichten, gnädiges Fräulein, ich kenne den Herrn ja fast gar nicht, weilte kaum ein Halbstündchen in seiner Gesellschaft; wie sollte ich in solch winzigem Zeitraum von Haß erfüllt werden? Ein Gefühl hege ich in der Brust, die Sorge, daß eine Entlarvung jenes Mannes unangenehm für das hochverehrte Hans Tristner werden wird. Freilich ist gegen Zudringlichkeiten niemand gefeit, in die feinste Familie von ausgezeichnetem Rufe kann sich ein Gauner eindrängen und Unheil stiften!«

»Mäßigen Sie sich in Ihren Ausdrücken! Hodenberg ein gewöhnlicher Gauner – undenkbar!«

»Ich will gar nichts gesagt haben, gnädiges Fräulein, und wäre unglücklich, wenn ich mir Ihre Ungnade zugezogen haben sollte. Gott ist mein Zeuge, daß ich mich den Herrschaften nicht aufdrängen will! Meine frühere Stellung und das erhaltene Zeugnis beweisen zur Genüge, daß mir alles ferner liegt als Taktlosigkeit und Aufdringlichkeit! Der Fall Hodenberg ist fatal in mehrfacher Hinsicht.«

189 »Wieso?«

»Die Klugheit gebietet, sich von dem Verhafteten loszusagen; ihn preisgeben in seiner momentanen Lage erweckt den Anschein eines Mangels an Noblesse und Mut, man schüttelt einen lästig Gewordenen ab, und das sieht niemals gut aus. Die Ratten verlassen das sinkende Schiff. Hilfe kann aber andernteils dem Verhafteten nicht geboten werden, sie ist unmöglich während der Untersuchung, auch müßte jeder Interventionsversuch den Verdacht des Einverständnisses mit Hodenberg oder doch den Verdacht einer Sinnesgleichheit wachrufen. Die Gerichtsherren denken manchmal recht seltsam. Ich für meine Person möchte mich vom Untersuchungsrichter nicht als Freund Hodenbergs angucken und taxieren lassen!«

»Sie sagen also, daß Sie ein Feind des Barons sind, das glaube und fühle ich auch heraus!«

»Mitnichten, gnädiges Fräulein! Ich bin lediglich kein Freund des Verhafteten, hätte gar keinen Grund zu einer Freundschaft mit einem Unbekannten und Unechten. Von Feindschaft kann nicht gesprochen werden, weil auch hiezu jede Veranlassung fehlt. Kann ich aber gnädigem Fräulein irgendwie dienen, bitte über meine Wenigkeit zu verfügen. Vielleicht läßt sich der Gerichtsvorstand bewegen, den Verhafteten einem Gericht in andrer entfernter Gegend zur Aburteilung zu überweisen. Hier muß der Fall immer peinliches Aufsehen erregen, für die Nerven des 190 gnädigen Fräuleins möchte ich den baldigen Eintritt absoluter Ruhe sehnlichst wünschen.«

»Ja, ich leide gräßlich! Vielen Dank für Ihre Anteilnahme! Gute Nacht!«

»Darf ich gnädiges Fräulein bis zum Schlosse begleiten, zur Sicherheit?«

»Danke, ist nicht nötig! Ich werde nachdenken darüber, ob Ihre Intervention nützlich sein kann. Ich danke Ihnen!«

Ehrerbietig grüßend verabschiedete sich Wurm und folgte langsamen Schrittes dem Schloßfräulein, um dann quer über den Schloßhof ins Dorf zu steuern, des Erfolges seines Anknüpfungsversuches sich freuend. Die Gunst Olgas zu erringen, ist der größten Mühe wahrlich wert.

Mit einer Neuerung in der Amtsführung wußte Wurm sich rasch die Sympathie Frau Tristners zu erwerben. Der Verwalter meldete sich jeden zweiten Tag zum Bericht bei der blinden Schloßherrin, hielt Vortrag über alle Maßnahmen, die zu treffen sind, erholte selbst für Kleinigkeiten die Zustimmung der Besitzerin und besprach Ein- und Auslauf der geschäftlichen Korrespondenz. Dieses freiwillige Unterwerfen unter die Kompetenz der Schloßherrin mußte Frau Tristner um so mehr gefallen, die Sorge vor Anmaßung und Übergriffen beseitigen, als Theo nur widerwillig dergleichen Berichte erstatten wollte. Jetzt hatte Frau Tristner trotz erloschenen Augenlichtes einen befriedigenden Einblick in den 191 Geschäftsgang, sie zeigte sich für das Gebaren des neuen Verwalters dankbar und gewährte mählich wachsendes Vertrauen. Gelegentlich einer solchen Besprechung äußerte Frau Helene die Befürchtung, daß Theo zu wenig zu tun habe und auf dumme Gedanken kommen könnte; es wäre daher gut, wenn der Sohn sich dem Außendienst widmen, die Wirte aufsuchen, neue Kunden erwerben würde.

Vorsichtig stimmte Wurm zwar zu, gab aber seiner Meinung dahin Ausdruck, daß zu solchen Fahrten doch wohl der Braumeister besser geeignet sein dürfte, weil der völlig gesund und trinkfest sei. Herr Theo müßte eher in gesundheitlicher Beziehung geschont, vielleicht in ein Sanatorium geschickt werden.

Davon wollte die schlicht bürgerliche Frau der Kosten wegen nichts wissen, doch willigte Frau Helene in eine Hinausschiebung der strapaziösen Zechfahrten seitens Theos ein.

Wurm fuhr kurze Zeit nach diesem Bericht zur Bahnstation, um dort unbeobachtet eine Depesche aufzugeben; sodann ließ er sich ins Städtchen Landsberg fahren und stieg vor dem Amtsgerichtsgebäude ab.

Doktor Thein stand im Begriff, die Kanzlei zu verlassen, als Wurm erschien und um Gewährung einer kurzen Audienz bat. Im Amtsrichter regte sich der Kriminalist, da er den auffallend forschenden Blick des sich als Tristnerschen Verwalter vorstellenden Herrn gewahrte. Dieser Blick gemahnte Doktor Thein an eine Persönlichkeit, die er schon einmal irgendwo 192 gesehen zu haben glaubte, nur wußte der Richter im Augenblick nicht, wo eine Begegnung stattfand, oder ob nur eine Ähnlichkeit vorlag. Damals handelte es sich um ein elegantes Individuum, um einen Müßiggänger, der feinste Manieren, sicheres Auftreten und einen eigentümlich lauernden, durchdringenden Blick hatte. Der Verwalter scheint etwas Eigentümliches zu haben, man kann das wohl empfinden, aber nicht definieren.

»Womit kann ich dienen?« fragte Doktor Thein und bot dem Besucher einen Stuhl an, zugleich Hut und Stock ablegend.

»Verbindlichsten Dank, Herr Amtsrichter! Mit Ihrer Erlaubnis werde ich stehenbleiben. Meine Mission ist sozusagen delikater Natur, als ich im Interesse einer Dame hier bin, jedoch keinen Auftrag der Dame besitze, auch keine Ahnung davon habe, ob meine Intervention von Erfolg begleitet sein werde.«

»Zur Sache!« mahnte Doktor Thein.

Wurm verbeugte sich höflich und äußerte sich dahin, daß es ihm darum zu tun sei, Fräulein Tristner von etwaigen Beziehungen zu Baron Hodenberg rechtzeitig frei zu machen.

In höchstem Maße überrascht, rief Doktor Thein: »Wie? Sie, ein Angestellter der Familie Tristner, unterfangen sich, ohne jeden Auftrag eine Angelegenheit ordnen zu wollen, die in höchstem Maße diskreter Natur ist?«

»Pardon, Herr Amtsrichter! Ich sagte bereits, 193 daß mir jeder Auftrag fehle, daß ich keineswegs die Existenz von Beziehungen des Fräuleins Tristner zu dem verhafteten Baron Hodenberg behaupten möchte.«

»Was wollen Sie dann bei mir?«

»Mit Ihrer Genehmigung und in Ihrer Gegenwart möchte ich den Häftling sprechen, sondieren, ob Beziehungen vorliegen oder von dem angeblichen Baron behauptet werden, vielleicht auch den Erfolg erzielen, daß ein etwaiger Ring oder sonst ein Geschenk von zarter Hand ausgefolgt werde, bevor der Staatsanwalt den Verhafteten übernimmt. Ich möchte, falls dergleichen vorhanden, einer Bloßstellung des Fräulein Tristner vorbeugen.«

»Mit welchem Rechte wollen Sie sich einmischen?«

»Ich bin ohne jeden Auftrag, meine Intervention entspringt dem Gefühle, daß ich als Angestellter Tristners alles aufbieten solle, die Familie meines Chefs vor Diskreditierung oder möglicher Verunglimpfung zu bewahren. Dies erachte ich als meine heilige Pflicht, und daher stehe ich vor Euer Hochwohlgeboren und wiederhole meine Bitte, in Ihrer Gegenwart mit dem Gauner sprechen zu dürfen.«

Doktor Thein stutzte, die Bezeichnung des Untersuchungsgefangenen als Gauner verblüffte und veranlaßte ihn, zu fragen, ob der Verwalter den Häftling kenne.

»Nur flüchtig von einer Vorstellung durch Herrn Tristner her! Wenn ich Hodenberg gesprochen haben 194 werde, kann ich Ihnen vielleicht wünschenswerte Aufschlüsse über seine Heimat geben.«

»Wieso? Sie sind der Sprache nach Norddeutscher?«

»Von Geburt nicht, aber lange Jahre in Norddeutschland gewesen, in Berlin in Hofstellung, vorher wohnte ich in Osnabrück und Hamburg.«

Nach Gewohnheit der Richterbeamten hatte Doktor Thein diese Angaben Wurms stenographisch fixiert; bei dieser hastigen Schreibart entging dem Richter der funkelnde, durchdringende Blick des Verwalters. Aufschauend sprach Doktor Thein: »Es will mir zwar nicht einleuchten, daß eine Aussprache mit dem Verhafteten ein Resultat für die Untersuchung ergeben könnte, doch vermag ich andernteils keinen Schaden für die Sache zu erblicken. Ich werde also den Verhafteten vorführen lassen!« Doktor Thein klingelte und gab dem eintretenden Amtsdiener entsprechenden Befehl.

Nach etwa einer Viertelstunde erschien Baron Hodenberg, der überrascht den Verwalter Wurm fixierte und sodann den Richter spöttisch fragte, ob vielleicht jetzt das Gericht in der Lage sei, nachzuweisen, welches schwere Verbrechen von ihm verübt worden sei.

»Der Herr hier will einige Worte an Sie richten, geben Sie auf seine Fragen Antwort!« sprach Doktor Thein.

»Bedaure, mit fremden Leuten verkehre ich nicht!« äußerte Hodenberg und drehte Wurm den Rücken.

195 Der Verwalter ließ sich durch diese Unhöflichkeit nicht einschüchtern und sprach: »Ji ward in korte Tid freeloten warn, wenn Ji dat junge Frölen freegewt un den Verlowungsring trügg gewt!«

»Halt! Eine Konversation in einer mir fremden Sprache ist nicht zulässig!« rief Doktor Thein.

Unschlüssig guckte Hodenberg den Verwalter an, schwankend zwischen Glauben und Mißtrauen.

Wurm begann ruhig ein harmloses Gespräch über Verhältnisse der Städte Hannover und Hamburg und mengte fast unmerklich die Worte ein: »Keine Fraselmahr! Alt Tschak! Gaterling spinnen!«

Hodenberg streifte einen Ring vom Finger und reichte ihn dem Verwalter. Doch Doktor Thein forderte Auslieferung an ihn selbst und nahm den Ring Olgas in Verwahrung. Dagegen wollte Wurm Einspruch erheben, und auch Hodenberg protestierte gegen die Beschlagnahme seines Eigentums, verstummte jedoch, als Wurm rief: »Schuffti!«

Der Gebrauch unverständlicher Worte veranlaßte den Amtsrichter, den Untersuchungsgefangenen in die Zelle zurückführen zu lassen.

Als beide Herren ungestört sich gegenüberstanden, fragte Doktor Thein, weshalb der Herr Verwalter in einer fremden Sprache zu Hodenberg gesprochen habe und was die Worte bedeuten.

Ein maliziöses Lächeln huschte über Wurms Gesicht, doch sofort war er wieder ernst und sehr höflich. »Ich habe die Ehre, Euer Hochwohlgeboren zu 196 versichern, daß der Verhaftete ein Gauner und der Gaunersprache völlig mächtig ist!«

»Wie? Was? Wenn Sie das behaupten, müssen doch auch Sie selbst der Gaunersprache mächtig sein und . . .«

». . . gleichfalls ein Gauner sein, wollen Sie sagen! Verbindlichsten Dank, Herr Amtsrichter, für diese liebenswürdig gute Meinung! Mitnichten! Ich interessiere mich seit Jahren für das sogenannte Rotwelsch und habe mir einige Ausdrücke angeeignet. In specie forderte ich den angeblichen Hodenberg auf, den Ring zurückzugeben, und erfreulicherweise verstand der Baron diese Worte und leistete der Aufforderung Folge. Dadurch ist bewiesen, daß Hodenberg den Ring von Fräulein Tristner erhalten hat, und daß der Häftling Rotwelsch versteht. Nun kombinieren Sie weiter: Ist es wahrscheinlich, daß der Angehörige eines uralten Adelsgeschlechtes Kenntnisse der Gaunersprache besitzt?«

»Schwer zu glauben! Solche Kenntnis würde beweisen, daß der Mann eben dem Adelsgeschlecht nicht angehört oder tief gefallen ist.«

»Logisch gefolgert! Ich habe des weiteren die Ehre, zu versichern, daß der angebliche Hodenberg allerdings hannoverschen Dialekt spricht; ich halte Hodenberg aber dennoch für einen Hamburger.«

»Weshalb?«

»Das ist freilich schwer zu sagen; wer lange in Hamburg gelebt, hat ein geschärftes Ohr für Hamburger Dialekt und spezielle Betonung. Auch 197 gebraucht Hodenberg nach Hamburger Sprechweise das Wörtchen ›ach‹ in bezeichnender Weise. Ich glaube, mich nicht zu irren, wenn ich behaupte, der Verhaftete ist gebürtiger Hamburger!«

»Das könnte wertvoll werden! Ich danke Ihnen für Ihre Mitteilungen.«

»Bitte sehr, es freut mich, Herrn Amtsrichter dienen gekonnt zu haben! Nun aber möchte ich doch bitten, mir für Fräulein Tristner den Ring zu übergeben.«

»Die Rückgabe werde ich persönlich besorgen!«

»Pardon, Herr Amtsrichter! Gestatten Sie mir, daß ich Sie aufmerksam mache, wie peinlich es für Fräulein Tristner sein muß, von Amts wegen einen Ring, den Hodenberg getragen, zurückgestellt zu erhalten.«

»Ob vom Amt oder von Ihnen wird in der Wirkung gleichgültig sein!«

»Doch nicht, Herr Amtsrichter! Ich habe mich Fräulein Tristner in der Hodenbergschen Affäre zur Verfügung gestellt, das gnädige Fräulein weiß von meinem Gang zu Ihnen. Es wird sicher für Fräulein Tristner weniger peinlich sein, den Ring aus meiner Hand zurückzuerhalten, denn von Ihnen, weil das Fräulein in solchem Falle doch vermuten müßte, die Rückgabe sei das Ergebnis einer amtlichen Nachforschung oder eines auf den Verhafteten ausgeübten gerichtlichen Zwanges. Üben Sie Rücksicht auf das gnädige Fräulein!«

Thein überlegte rasch, ob er dem Ansuchen Wurms Folge leisten solle; der Gedanke, daß Olga, zweifellos 198 von Hodenberg bestürmt, zum Ringaustausch gezwungen wurde, daher die amtliche Rückgabe des Ringes peinliche Gefühle wecken könnte, war entscheidend; der Amtsrichter übergab Wurm den Ring mit dem Bemerken, daß eine persönliche Rücksprache mit Fräulein Tristner in allernächster Zeit erfolgen werde.

Verwalter Wurm verabschiedete sich unter verbindlichen Dankesbezeugungen, mit Mühe seinen Triumph verbergend.

Kaum war der Mann weg, empfand Doktor Thein ein Gefühl quälender Reue und intensiven Ärgers über sein Tun. Eine Menge unangenehmer Fragen stürmten ihm durch den Kopf, darunter die Frage, ob amtlich richtig gehandelt oder gar eine Ungeschicklichkeit begangen wurde. Wer ist dieser Verwalter Wurm? Weshalb will dieser Mann die Interessen Olgas vertreten? War Fräulein Tristner vielleicht heimlich verlobt mit Hodenberg? Warum stellt Wurm den Baron direkt als Gauner hin? Mit welcher Berechtigung, da selbst der Untersuchungsrichter bis jetzt nichts Belastendes gegen den Baron vorzubringen vermag? Mißtrauen gegen Hodenberg ist zweifelsohne angezeigt, dennoch empfindet Doktor Thein noch eher Sympathie für den Verhafteten im Vergleich zu Wurm, und trotzdem hat sich Thein von dem Verwalter beschwätzen lassen. Oder entspringt diese Antipathie gegen Wurm der – Eifersucht? Wittert Thein einen Nebenbuhler?

Der Amtsrichter ließ sich trotz der vorgeschrittenen 199 Stunde Hodenberg nochmals vorführen, und der Baron erschien mit so erstaunter Miene, daß Thein unwillkürlich als höflicher Mann bat, die abendlich späte Störung entschuldigen zu wollen.

Unter einer Verbeugung erwiderte Hodenberg: »Bitte sehr! Ich bin ja Gefangener und in Ihrer Gewalt, von einer Störung kann daher keine Rede sein! Herr Amtsrichter befehlen?«

»Ich möchte Ihnen nahelegen, durch offene Aussprache mir Gelegenheit zu Ihrer Freilassung zu geben.«

»Sie sind sehr gütig; vermutlich genügte Ihnen die Auskunft des neuengagierten Verwalters nicht?«

»Doch! In vierzehn Tagen wird von der Hamburger Polizei Bescheid hier sein.«

Hodenberg erblaßte, unsicher fragte er: »Hat jener Verwalter Ihnen gesagt, daß ich etwa gar in Hamburg beheimatet sei?«

»Wollen Sie das in Abrede stellen?«

»Gewiß! Ich war trotz der Nähe Hannovers nie in Hamburg!«

»Sie sprechen aber Hamburger Dialekt, Ihr Hannoversch ist nur beabsichtigter Aufputz und soll glauben machen, daß Sie Baron Hodenberg aus Hannover seien.«

»Herr Amtsrichter haben sich in den letzten Stunden erstaunliche Kenntnisse angeeignet. Oder verdanken Sie diese dem Tristnerschen Verwalter? Der Mann lügt besser als ich!«

200 »Sie geben also zu, mich belogen zu haben!«

»Keineswegs, die Redensart ist belanglos und mir nur unbeabsichtigterweise herausgerutscht.«

»Seltsam! Der Verwalter Wurm scheint doch besonderen Einfluß auf Sie zu haben, weil Sie so bereitwillig den Ring des Fräulein Tristner zurückgegeben haben. Damit hat Ihre Verlobung endgültig ein Ende.«

»Verlobung? Lächerlich!«

»Was ist lächerlich? Hatten Sie nicht die Absicht, Fräulein Tristner zu heiraten?«

»Anfangs ja!«

»Jetzt, das heißt in der letzten Zeit vor Ihrer Verhaftung, nicht mehr?«

»Nein!«

»Weshalb nicht?«

»Ich habe gefunden, daß unsere Charaktere nicht zueinander passen.«

»Das glaube ich allerdings auch, meine aber, daß Sie vielleicht die geringe Mitgifthöhe zu einem unausgesprochenen Verzicht veranlaßt haben werde. Ritterlich war Ihr Verhalten aber nicht.«

Hodenberg zuckte geringschätzig die Achseln.

»Sie wollten doch bislang ein Ehrenmann sein und für voll angesehen werden?«

»Wollen Sie mir, Herr Amtsrichter, sagen, was Ihnen der Verwalter über mich mitgeteilt hat?«

»Nein, das kann ich Ihnen nicht sagen!«

201 »So viel haben Sie aber doch gesagt, daß der Verwalter meine Heimat nach Hamburg verlegt habe!«

»Das ist richtig.«

»Sonst sagte der Herr nichts über mich?«

»Direkt nicht!«

»Also indirekt! Aug um Aug, Zahn um Zahn!«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Erst muß ich wissen, was indirekt der Mann über mich mitgeteilt hat.«

»Gut! Er warnte mich, Sie aus der Haft zu entlassen!«

»Das glaube ich Ihnen nicht!«

»Warum nicht?«

»Der Mann hat keine Veranlassung dazu, auch kann er nichts gewinnen, wenn ich hineingeritten werde.«

»Sie geben also die Möglichkeit zu, tiefer hineingeritten werden zu können!«

»Ach wo!«

»Das genügt für heute, und in vierzehn Tagen wissen wir genau, wer Sie sind! Der Schwindel mit dem Baron Hodenberg ist zu Ende.«

»Das wollen wir abwarten!«

Doktor Thein ließ den Häftling in die Zelle bringen und begab sich nach Hause.

Am nächsten Morgen wurde Hodenberg trotz seines Protestes zwangsweise im Hofe des Gerichtsgebäudes fotografiert. Sein Sträuben bestärkte den Richter im Verdacht, daß der Häftling große Sorge wegen der 202 Einsendung der Fotografie an die Hamburger Polizeidirektion haben müsse. Ein ihm selbst unerklärliches Verlangen empfand Doktor Thein nach einer Fotografie des Verwalters Wurm, wenngleich der Richter nicht wußte, wem das Bild vorgelegt werden sollte.

Bis der Fotograf die Kopien liefern konnte, nützte der Amtsrichter die Zeit zur Anfertigung einer Personalbeschreibung Hodenbergs und eines Auszuges aus dem bisherigen Akt. Gewissenhaft wurde der Lebenswandel, soweit er gerichtsbekannt war, geschildert, das unsinnige Geldausgeben, ein Verzeichnis der Hodenberg abgenommenen Wertpapiere und des Inhalts seiner Koffer angefertigt und auch erwähnt, daß ein Verwalter Wurm nach Konfrontation mit dem angeblichen Hodenberg dessen Heimat nach Hamburg verlege.

Nach wenigen Tagen konnte der Akt mit Hodenbergs Fotografie nach Hamburg, Hannover, Bremen und Osnabrück abgeschickt werden.

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