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Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Das Schädliche - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMeistererzälungen
authorMarie von Ebner-Eschenbach
year1990
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1104-1
titleDas Schädliche
pages290-388
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1894
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Mein Schwager und Ethel wohnten auf dem Gute meiner verstorbenen Schwiegereltern, und nach wie vor wurde dort Gastfreundschaft im großen Stile geübt. An Umgang das Beste zu haben, was es gibt, war das Ehepaar immer bestrebt und verstand es vortrefflich, Angehörige der verschiedensten Stände, Berühmtheiten und Kapazitäten aller Art um sich zu versammeln und jeden auf den Platz zu stellen, auf dem er sich am behaglichsten fühlte, sich am besten ausnahm und von dem aus er die anderen im besten Lichte sah.

Sie scherzten selbst über ihre «Löwenjägerei». Ich sehe noch, wie fröhlich und stolz uns Ethel eines Nachmittags entgegenkam und uns mit den Worten begrüßte. «Ein großer Fang ist uns gelungen. Werner Klar ist da und bleibt einige Wochen bei uns.»

Du kennst den Mann, dessen wahren Namen zu nennen mir widerstrebt. Er hat einen Weltruhm errungen. Damals begannen die Sehenden unter seinen Freunden und Feinden schon zu ahnen, daß er ihn erringen werde. In jeder Hinsicht ein Auserwählter und Begnadeter, hat er die Not des Lebens nie gekannt. Er ist auf Händen getragen worden von seiner hochgebildeten und wohlhabenden Familie. Er ist nicht durch die Schulen gegangen, er ist im Triumph durch die Schulen gezogen und hat nebenbei immer etwas «ernstlich» getrieben. Musik zum Beispiel oder Malerei oder alle Arten von Sport. Daß auch in dieses glanzvolle Leben ein schwerer Schatten von Schmerz und Schuld fiel, dafür hat Lore gesorgt, und er hat ihr ein Denkmal gesetzt, das sie und – freilich auch ihn verherrlicht. Der große Philologe hat ein kleines Epos geschrieben, in dem die Tote im verklärten Bilde weiterlebt.

Heute noch wird jede Frau, wenn sie nicht ganz schwachen Geistes ist, stolzer darauf sein, seine Aufmerksamkeit zu wecken als die eines ganzen Zimmers voll Modeherren. Er ist heute noch ein Urbild männlicher Schönheit, und noch machen Maler und Bildhauer Jagd auf ihn. Zu jener Zeit lag auf seinen feinen, von Geist durchleuchteten Zügen der ganze Schmelz der Jugend...

Er war keine sinnliche Natur; die Frauen hatten bisher in seinem Leben nur Nebenrollen gespielt. Er liebte den Umgang mit ihnen, ließ sich ihre Schmeicheleien und Huldigungen gern gefallen. Einfluß nahmen sie auf ihn nicht.

Er war ein entzückender, selbst die Stumpfsinnigen hinreißender Gesellschafter. Es verstand sich von selbst, daß er nur in einen Kreis zu treten brauchte, um sogleich sein Mittelpunkt zu werden. Dabei war er durchaus nicht liebenswürdig. Liebenswürdigkeit bedingt eine gewisse Unterordnung dem Wert, der Stellung, der Ansicht anderer gegenüber. Unterordnung jedoch kannte er nicht. Er fühlte sich hoch erhaben über allen Anwesenden und dachte nicht daran, es zu verbergen, und weder Männer noch Frauen fühlten sich dadurch gedemütigt, alle bewunderten und liebten ihn.

Als Lore und er einander zum ersten Mal entgegentraten und mit befremdeten Blicken maßen, das war merkwürdig.

«Also diesen langen Gelehrten da zu haben, soll Ehre sein und Glück?»

«Also diesem kleinen Mädchen soll man nicht ungestraft in die Augen sehen können?»

Lore ist aus dem Leben gegangen, ohne eine noch so flüchtige Regung des Gefühls gekannt zu haben, das den Menschen am höchsten adelt – der Verehrung.

Das Genie Werner Klars, die großen Gedanken, die er aussprach, imponierten ihr nicht; was sie bezwang, das war seine Schönheit, sein Witz, seine Geschicklichkeit. Beim Fechten, beim Pistolen- und Bogenschießen, beim Wettrudern auf dem Teiche war er der Sieger, immer er. Und daran hatte er eine kindische Freude, erwartete Komplimente und forderte sie heraus. Er hielt sich für einen guten Reiter – aber mit Unrecht, in dieser Kunst hatte er's nicht weit gebracht. Lore machte ihm eine spöttische Bemerkung darüber, und nun mußte mein Schwager ihn täglich auf der Reitschule vornehmen und abrichten wie einen Rekruten. Diesen Menschen!

Ethel ärgerte sich darüber – «Er ist nur unter der Bedingung gekommen, daß ihm nicht der geringste Zwang auferlegt werde in der Verwendung seiner Zeit, und jetzt verliert er alle Vormittage ein paar Stunden, um es im Reiten doch nicht weiter zu bringen als das gewöhnlichste Offizierlein.»

Was mir an Werner Klar immer gefallen hat, war, daß sein eigenes Interesse geweckt wurde, sobald er bei jemand anderem ein Interesse für etwas Ernstes fand, mochte es sich nun um das Abc einer Wissenschaft oder um ihre schwierigsten Probleme handeln. Er war schon sehr verliebt in Lore, und sie war's noch mehr in ihn, als er einmal während eines ganzen Abends mit einer alten gelehrten Philosophin von der Weltentstehungslehre, ich weiß nicht mehr welches griechischen Denkers, gesprochen hat.

Er schien sich der Anwesenheit Lores erst zu erinnern, als wir uns verabschiedeten.

Im Wagen sagte sie dann: «Dieser Werner Klar ist der größte Geck. Ich hasse ihn.» Du liebst ihn, dachte ich und segnete diese Liebe und hoffte, hoffte auf sie.

Standesvorurteil? Plunder für einen in meiner Lage. Nur keine Verantwortung mehr haben, nur erlöst sein. Ich erwartete jeden Tag, daß er kommen und sich erklären würde, aber er kam nicht und liebte sie doch und wurde wiedergeliebt. Er verriet sich manchmal durch ein rasches, unwillkürliches Aufglühen in seinen Augen, durch die selig triumphierende Art, in der er sie ansah. Sie verriet sich nie; sie war auch nie schöner, nie umworbener als in dieser Zeit. Über ihr Wesen waren alle Zauber der Anmut und Holdheit ergossen, sie schwelgte in Freude an sich selbst... Wer hat damals nicht gerungen um ihre Gunst? wer von allen, die Aufnahme fanden im gastfreien Hause meines Schwagers? Sie entmutigte keinen, sie ließ jedem einen Schimmer von Hoffnung, bis er sie aussprach. Dann war er gerichtet und konnte seiner Wege gehen, leichter oder schwerer verwundet. Nicht alle sind genesen. Da war einer, der einzige Sohn armer Eltern, ihr ganzes Glück, ihre ganze Hoffnung – genug! Unheil und Schuld bezeichnen den Weg, den Lore gegangen ist in ihrem kurzen Leben.

Auf einmal hieß es: Werner Klar unternimmt eine wissenschaftliche Reise nach Indien, und es ist so gut, als wäre er schon fort, man sieht ihn nicht mehr. Seine Wirte haben ihm einen Pavillon am Ende des Parks eingeräumt, und er kommt nicht einmal zu den Mahlzeiten ins Schloß, treibt vorbereitende Studien zu seiner Gelehrtenfahrt.

Eines Tages kommt Fürst Emil Nordhausen, ganz bewegt, ganz ergriffen, der ruhige Mensch, und wirbt um die Hand Lores und hat ihr Jawort.

Du kennst auch den, du weißt von dem jahrelangen Verhältnis, in dem er zu einer liebenswürdigen Frau gestanden hat. Wenn der Ehebruch sich entschuldigen läßt, in dem Falle war er entschuldigt. Sie schmählich verlassen, er frei. Ihren nach menschlichen Gesetzen unrechtmäßigen Bund hat die Treue geheiligt. Nach dem Tode noch hat er sie der Vielgeliebten bewahrt – bis sein Unstern ihn Lore begegnen ließ.

Also, wie gesagt, er kommt, der ernste, besonnene Mensch kommt glückstrahlend und wirbt bei mir um meine Tochter; mit ihrer Zustimmung wirbt er. Das war kurz nachdem Werner Klar sein Einsiedlerleben angetreten hatte.

«Mit ihrer Zustimmung?» fragte ich, und wie er mein Staunen und Zögern sah, wurde sein ehrliches Gesicht rot bis an die Haarwurzeln. «Was hast du dagegen? Findest du mich zu alt für sie? Ich bin jünger als mancher Junge» und er richtete seine Hünengestalt stolz auf. «Es fällt mir nicht ein, zu glauben, daß sie in mich verliebt ist. Liebe fordere ich nicht. Ihre Sympathie und ihr Vertrauen schenkt sie mir.»

So dumm sind wir. Liebe nicht fordern. Damit glauben wir etwas Großmütiges und Uneigennütziges zu tun. Was du nicht «forderst», fordert des Weibes innerste Natur.

Ich ärgerte mich und war doch gerührt – von dem Ausdruck seiner Augen. Große Hunde von edler Rasse sehen einen manchmal an, unaussprechlich traurig, ergreifend vorwurfsvoll. Jeder Hundefreund kennt den Blick. Schau nur recht, du findest ihn manchmal bei ganz guten, ehrlichen Menschen.

«Nein, lieber Freund, du bist nicht zu alt, und sie ist noch sehr jung», gab ich ihm zur Antwort, «und deshalb habt ihr Zeit zu warten. Man heiratet nicht Hals über Kopf, man lernt einander kennen. Du kennst Lore nicht.»

Er sie nicht kennen! Da kam ich ihm recht! Er wollte Lore besser kennen als irgend jemand, besser jedenfalls als alle, die ihr zu Füßen lagen. Von denen ließ sie sich huldigen, ja, das tat sie. Ihr Vertrauen besaß er allein. Er wußte alles von ihr, auch von ihrer Schwärmerei für Werner Klar. Von dem war sie geblendet gewesen beim ersten Anblick. Er wäre ihr auch gefährlich geworden, wenn er's dabei gelassen hätte, bei dem einmaligen Blenden. Das aber genügte seiner Eitelkeit nicht, und in einem Zustande immerwährenden Geblendetseins leben hielt Lore für ein zweifelhaftes Glück.

«Ich bin ihrer sicher!» rief er aus. «Eine erste Schwärmerei hat nichts zu bedeuten. Welcher noch so heißgeliebte Mann darf sich rühmen, der erste zu sein, für den seine Frau geschwärmt hat? Und wenn er sie aus der Kinderstube wegheiratet, mit irgendeinem Prince charmant ist ihre Phantasie schon beschäftigt gewesen, mag er ihr nun in Gestalt eines Unerreichbaren erschienen sein, der sein Viergespann an ihrem Fenster vorbeikutschiert, oder in der ihres Klavierlehrers.»

Er geriet immer mehr in Eifer, und ich hörte ihm zu und bewunderte – den Verstand meiner Tochter. Sie redete aus ihm; er sah und dachte, wie sie wollte, daß er sehe und denke. Nein, es gibt nichts Schwächeres, nichts Blinderes als einen stark verliebten starken Mann.

Natürlich blieb ich dabei: «Du bekommst keine Antwort, bevor ich mit Lore gesprochen habe.» Damit mußte er sich bescheiden.

Er einmal fort, und ich ließ sie rufen. «Um alles in der Welt», sagte ich ihr, «du liebst nicht ihn, du liebst Werner Klar.» – Ich höre ihre Antwort noch, ich sehe noch ihre spöttische, unendlich kühle Miene.

«Würdest du mich dem geben? Du hast hochfliegende Pläne mit mir, das muß man dir lassen. ‹Frau Doktor Klar›? Nein, ich danke.»

«Du liebst ihn also nicht, und er liebt dich nicht?»

«Ich glaube kaum.»

Sie war damals schon seine Geliebte und sagte: «Ich glaube kaum. Heiraten würde er mich auf keinen Fall; was sollte er mit einer Frau, wie ich bin, anfangen? Er braucht eine hübsche Wirtschafterin, die aufgeht in der Sorge um sein leibliches Wohl und keine Ansprüche an ihn stellt. Also wisse: ich habe mich für Werner Klar interessiert, werde mich immer freuen, ihn kennengelernt zu haben, weiter nichts. Jetzt ist er untergegangen in seinen Studien, und ich heirate Nordhausen, bin ihm gut und will ihn glücklich machen.»

So sprach meine superkluge Tochter. Was hätte ich für ein paar jugendlich-törichte Worte des neunzehnjährigen Kindes gegeben!

Ich habe Nordhausen eine ebenso treue Schilderung ihres Charakters gemacht wie dir, nichts verhehlt, nichts beschönigt. Die Folge davon war, daß er gegen mich zurückhaltend und mißtrauisch wurde und daß seine Liebe zu dem armen, von ihrem eigenen Vater verkannten Kinde durch heißes Mitleid verstärkt wurde.

Sie verlobten sich. Die Schwester Emils und sein Schwager kamen aus Bayern mit ihrer zahlreichen Familie, und die Familie der Familie folgte nach. Alle vergötterten Nordhausen; er war ihre Stütze, ihre Vorsehung. Sie fanden ihn verwandelt, verjüngt durch das Glück und hüllten Lore, die das Wunder vollbracht hatte, in Weihrauchwolken. Sie schmeichelte sich bei jedem ein und verspottete ihn hinterrücks mit ihrer Französin. Maud machte ihr Vorstellungen darüber; da sprach sie: «Ach was! Sie sollen nur um mich herumhüpfen; wenn ich einmal Fürstin Nordhausen bin, wird einer nach dem andern fliegen lernen – zur Tür hinaus.»

Die Brautzeit sollte nur sechs Wochen dauern. Wir waren im Spätsommer, und Emil hing das Herz daran, seine junge Frau noch vor dem Blätterfall in ihr zukünftiges schönes Daheim einzuführen. Er wünschte, daß sie es kennenlerne und sehe, daß sich's dort leben lasse. Sobald der Herbst anrücken würde, wollten sie nach dem Orient reisen.

Mein Schwager und Nordhausen betrieben eifrig alle geschäftlichen Angelegenheiten, Maud und die Schwester Emils hatten vollauf mit Anordnungen im Hause zu tun. Ethel und mir blieb die Sorge für die Unterhaltung unsrer Gäste überlassen. ich bin dieser hausherrlichen Verpflichtung schlecht genug nachgekommen. Das lustige Treiben der jungen, die Gespräche der alten Leute waren mir gleichgültig und lästig. Es gab nur eine wichtige Sache für mich: meine Tochter beobachten und – eine unbestimmte, aber namenlose Angst trieb mich dazu – sie überwachen.

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