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Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Das Schädliche - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMeistererzälungen
authorMarie von Ebner-Eschenbach
year1990
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1104-1
titleDas Schädliche
pages290-388
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1894
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Ich habe noch nicht gesagt, daß Lore einen Spielgefährten gehabt hat, den Sohn unsrer Johanna. Er wuchs in meinem Hause auf; sein Vater, einer meiner Beamten, war früh gestorben. Er hieß oder vielmehr heißt, er lebt ja noch – im Irrenhause -, Rupert. Ein stämmiger, wilder junge, die verkörperte Unbotmäßigkeit gegen seine Umgebung; aber vor Lore mußte ich ihn schließlich retten, wie ich ihre Hunde und Vögel vor ihr hatte retten müssen. Es gab immer Streitigkeiten zwischen den beiden Kindern, und immer endigten sie mit der Unterwerfung des älteren, starken Buben unter die Tyrannei des kleinen Mädchens. Ein gutes Wort, eine Liebkosung, und er lag auf dem Boden und setzte ihr Füßchen auf seinen Nacken – tat es faktisch.

Sein höchster Wunsch wurde erfüllt, als Johanna ihm erlaubte, Soldat zu werden. Er hat sich brav gehalten und in den Militärschulen immer zu den Vorzugsschülern gehört. Wir ließen ihn während der Erziehungszeit selten nach Niedernbach kommen; seine Mutter brachte die Ferien meist auf kleinen Reisen mit ihm zu. Als er aber Leutnant geworden war und sich als solcher bei uns präsentieren wollte, mochte ich ihm nicht die Tür weisen.

Er war ein hübscher Bursch geworden, etwas klein zwar und untersetzt, sah aber vortrefflich aus in seiner neuen Jägeruniform. Sein etwas zigeunerhaftes Gesicht, seine braunen Augen hatten einen Ausdruck von männlicher Willenskraft und Energie, der mir gefiel. Die Gunst Mauds errang er nicht. Sie sagte: «Der ist vierhundert Jahre alt, der kommt aus der Holkischen Bande und nicht aus der Militärakademie.»

Anfangs benahm er sich Lore gegenüber sehr gemessen im Gefühl seiner jungen Würde. Allmählich stellte das alte Verhältnis zwischen ihnen sich wieder her. Einmal luden wir ihn zu Tische, Maud und ich, und wollten, daß auch seine Mutter mit uns speise. Sie war nicht dazu zu bewegen. «Was mein Sohn, der Leutnant, an Ehren erfährt, ist für mich Ehre genug», erwiderte sie. Und wir konnten froh sein, daß sie unsre Einladung nicht angenommen hatte und nicht Zeuge der Grausamkeit sein mußte, mit der ihr Rupert von Lore behandelt wurde.

Er aß, wie die Zöglinge unsrer Militärschulen zu essen pflegen, zerschnitt sein Brot, führte sein Messer zum Munde, fiel über sein Roastbeef her und legte es in Stücke. Lore verfolgte jede seiner Bewegungen mit gespannter Aufmerksamkeit und fing an, ihm alles nachzumachen. Höchst diskret, ohne Übertreibung. Plötzlich legte sie Messer und Gabel hin und sprach laut und langsam: «Sie, meine Hund' haben schon gegessen. Wissen Sie, Rupert, wer das gesagt hat?» – «Nein», erwiderte er betroffen. «Ein Feldmarschalleutnant zu einem Leutnant, der das Fleisch just so geschnitten hat wie – ich.»

Er wußte nicht, was antworten; er wußte auch nicht, was tun. Auf einen Wink Lores redete ihn die französische Lehrerin – auch eine der weißen Sklavinnen meiner Tochter – in ihrer Sprache an. Und er ging ganz naiv in die Falle und gab ein Französisch zum besten, das entsetzlich war. Selbst Maud hatte Mühe, ihren Ernst zu bewahren. Und Lore traf sogleich Ruperts Ton und wiederholte die Ungeheuerlichkeiten, die er sagte, und hob jeden unliebsamen Doppelsinn hervor, ohne eine Miene zu verziehen, indes die Französin sich vor unterdrücktem Lachen wand.

Er begriff endlich, daß man ihn zum besten hatte, und in ihm kochte der Zorn. Zehn Jahre lang heiß nach einem ehrenvollen Ziel gestrebt, es erreicht haben und dort ein junges Ding finden, das einen auslacht, weil man nicht so ißt und nicht so spricht, wie es in dem Kreise des jungen Dings üblich ist, das brächte wohl den Ruhigsten aus dem Geleise. Wie denn nicht diesen nur halb geleckten Bären? Ich konnte kaum den Augenblick erwarten, in dem Maud die Tafel aufhob, winkte Lore heran und befahl ihr leise, auf ihr Zimmer zu gehen und dort den Rest des Tages zu bleiben. Sie wandte sich an Rupert und erwiderte laut: «Sehen Sie, Herr Leutnant, ich bekomme Zimmerarrest, weil ich Sie geneckt habe bei Tische. Mein Vater diktiert mir noch Strafen wie einem kleinen Mädchen.»

Mit unbefangener, höchst drolliger Überlegenheit ging sie auf ihn zu, reichte ihm beide Hände und sprach: «Bitten Sie mich wenigstens für morgen los, und nichts für ungut, Spielkamerad.»

Er faßte ihre Hände und drückte sie, daß sie sich auf die Lippen biß vor Schmerz. Als er das sah, stieg ihm die heiße Röte der Bestürzung ins Gesicht. Er zitterte; er hätte sich vor ihr auf den Boden niederwerfen mögen wie ehemals. Er war noch der selbe, leidenschaftlich und unfähig der Selbstbeherrschung und der Verstellung.

Erbliche Belastung? – Possen! Seine Mutter die langmütige Unterwürfigkeit selbst. Wenn es keine «Herrschaften» mehr geben wird, solche Leute werden sich welche aus einem Bund Stroh zusammenflechten. Sein Vater ein tabakschnupfender fischblütiger Pedant, den nichts aus seinem Gleichmut brachte, der sich weder freuen noch ärgern konnte.

Und dann wieder: Es gibt keine erbliche Belastung? – Possen! Edith wiederholte sich in jedem Blutstropfen ihres Kindes. Lores Fehler waren die Fehler ihrer Mutter, nur zur Potenz erhoben... Die Falschheit zum Beispiel. Das wenige Gute freilich fehlte. Lore war einer großen Liebe unfähig. Bei ihr schlich sich überall Berechnung ein. Wie sie so geworden? Nein, nicht geworden, sie war so geboren, hat sich ihren innersten Gesetzen gemäß entfaltet, wie es in ihrer urkräftigen Natur lag, allen äußeren Einwirkungen zum Trotze. –

Rupert war nicht geheilt von seiner Anbetung für sie, und sie sorgte dafür, daß er's auch nicht wurde. An diesem Menschen hat sie ihre ersten Studien gemacht in der Kunst, sich andere zu unterwerfen. Es war ein erster Waffengang mit einem schwachen Gegner.

Nach acht Tagen blieb mir nichts übrig, als der armen Johanna zu sagen: «Ihr Sohn muß fort.» Sie weinte bitterlich, aber sie gab es zu, tadelte nur ihn. «Warum ist er auch so ein Narr! Was bildet er sich ein, der Narr!»

Der Unglückliche schrieb an Lore, und sie brachte mir den Brief... lachend, wie nur sie lachen konnte. Du warst entsetzt, daß sie lachte, und ihr Lachen gefiel dir doch.

«Eine Erklärung in Militärgeschäftsstil», sagte sie, und wirklich war's ein wunderliches Schriftstück. So blutjunge, heiße, ehrliche, geschmacklos ausgedrückte Leidenschaft, sie brannte manchmal lichterloh durch das Phrasengedrechsel hindurch.

Sie hatten Abschied genommen, und er hatte sie geküßt. Sie gab das zu mit der größten Unbefangenheit. «Er ist ja der Sohn meiner Johanna, und ich bin noch ein kleines Mädchen; als ein solches wenigstens werd ich behandelt.» Der Kuß des «kleinen Mädchens» hatte ihn toll gemacht. Er fühlte sich gefeit, geweiht, es gab nichts Unerreichbares für ihn. Ein Eroberer, ein zweiter Napoleon wollte er werden, und Lore dann zu sich erheben.

Und sie lachte und sagte verächtlich: «Der dumme, dumme Rupert, und wie frech er ist!» Sie begriff völlig, daß er um seiner Dummheit und Frechheit willen noch werde viel leiden müssen, und fand, es geschehe ihm recht.

Die Menschen hinter sich her schleifen, am Leitseil eines Verlangens und einer Sehnsucht, die man nie zu stillen gedenkt, mißhandeln, quälen und dafür vergöttert werden und unumschränkt herrschen über alle – so dachte sie sich ihre Zukunft. Und so schien sie sich auch gestalten zu wollen. Um diese Zeit war's, wenn ich nicht irre, daß Mauds verändertes Benehmen gegen mich mir zuerst auffiel. Sie vermied, mit mir allein zu sein, sie wurde noch zurückhaltender und kühler, als es ohnehin in ihrer Art lag. In ihrer Art, nicht in ihrem Wesen. Sie fühlte tief und warm und treu. Sie sprach wenig, aber sie tat viel; sie bedauerte nicht, aber sie half. Daß sie frommer wurde von Jahr zu Jahr, das ist die einzige Veränderung, die ich an ihr wahrgenommen habe im Laufe der Zeit. Auch ihr Äußeres veränderte sich wenig. Sie alterte, aber sie gehörte zu den seltenen Ausnahmen unter den Frauen, die auch im Alter schön bleiben.

Es war schon öfters vorgekommen, daß Lore, wenn sie mich im Salon Mauds wußte, eintrat, irgendeine Frage stellte und regelmäßig hinzufügte: «Ich gehe gleich wieder, ich will nicht stören.»

Dabei richtete sie einen Blick auf Maud, unter dem diese regelmäßig errötete.

Einmal rief ich Lore auf mein Zimmer und stellte sie zur Rede. Sie hatte ihre Antwort so bereit, daß mir schien, sie habe nur gewartet auf die Gelegenheit, sie anzubringen.

«Die Tante», sagte sie, «hat mir Vorwürfe gemacht wegen meiner Gefallsucht. Das hätte sie sich schenken können. Ich will der Welt, die mir gefällt, gefallen. Ich bin ihr Kind, ein Weltkind, keine Fromme. Ich bin auch keine Heuchlerin wie die fromme Tante Maud.»

«Wie Tante Maud?»

«Die Eifersucht auf sie hat meine Mutter aus dem Hause getrieben. Meine Mutter hat ihr nicht einmal auf dem Sterbebett verziehen...»

«Lore!» schrie ich sie an.

Mit Entsetzen, mit Verzweiflung blickte ich in den Abgrund von Schlechtigkeit in dieser jungen Seele. Worte fand ich nicht. Sie feierte einen abscheulichen Triumph.

«Tante Maud ist von jeher in dich verliebt gewesen!» fuhr sie fort, nachlässig, als ob sie von den gleichgültigsten Dingen spräche. «Alle Leute wissen es.»

Ich hatte schon die Hand gegen sie erhoben; ich hätte sie zerschmettern können, ja – mögen... Ich nahm mich zusammen, wie so oft! wie immer! und wies ihr stumm die Tür.

Vieles wurde mir jetzt erklärt, das mir früher flüchtig aufgefallen war, ohne mich weiter zu beschäftigen. Allerlei Fragen, Anspielungen. Und wer hatte die Gerüchte, die Mauds Frauenehre befleckten, in Umlauf gesetzt? Das Kind – ich zweifelte keinen Augenblick daran -, das Kind, das ihr so viel verdankte.

Damals hatte Maud unter einem schlecht gewählten Vorwand – sie verstand sich nicht aufs Lügen – mich verlassen wollen. Ich sprach offenherzig mit ihr und bestimmte sie, auf dem Posten zu bleiben, den sie selbst erwählt hatte. «Man muß die Verleumdung niederleben», sagt ein englisches Sprichwort.

Sie hat treu bei mir ausgeharrt, meine edle Schwester Maud.

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