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Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Das Schädliche - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMeistererzälungen
authorMarie von Ebner-Eschenbach
year1990
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1104-1
titleDas Schädliche
pages290-388
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1894
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Eines Tages, eines schönen Sommertags, kehrte ich vom Feld zurück. Ich war nur vergnügten Gesichtern begegnet, die Ernte versprach vortrefflich zu werden. Freudige Erwartung lag gleichsam in der Luft und warf sogar in meine Seele einen Widerschein. Brot für alle. Brot, der Leckerbissen der Armen, Brot, das der Volksmund bei uns mit verkleinerndem Kosenamen nennt. Wahrlich, ein trostvoller Gedanke.

Das letzte Stück Weges führte durch einen ziemlich entlegenen Teil des Gartens, zu dessen Pförtchen ich den Schlüssel bei mir hatte. Beim Einbiegen in einen breiten, dichten Laubgang, wen erblickte ich vor mir? Lore. Sie war allein; ich ging hinter ihr her, ohne daß sie es wußte. Da sah ich, daß sie Studien machte und sehr ernsthaft und unverdrossen wiederholte, was ihr nicht gleich gelang. Sie streckte sich, nahm eine steife Kopfhaltung an, änderte ihren leichten Kindergang. Die Ellbogen an den Leib gepreßt und ein bißchen zurückgeschoben, schritt sie kerzengerade einher, grüßte nach rechts und nach links mit freundlichem und doch würdevollem Neigen des Hauptes. Sie riß ein Blatt vom Strauch und brachte es dicht vor die Augen und betrachtete es, genau wie die kurzsichtige Tante Maud oft tat, Tante Maud, die sie nachzuahmen suchte – mit dem größten Glück.

Diese kleine Verruchtheit führte sie aus mit einer Anmut, einem Humor, die meine ungelenke Hand nicht schildern kann. Es hätte mich ergötzen müssen, wenn die Komödie nur nicht von der Tochter Ediths aufgeführt worden wäre, wenn sie mir nur nicht die Erinnerung an jene ebenfalls sehr gelungene Nachahmung...

Kein Vergleich! Ich wollte ihn nicht machen, ich wollte auch Herr der Erregung werden, die mich ergriffen hatte, und dann erst dem Kinde die verdiente Strafpredigt halten. Ich blieb stehen, wartete, hörte Johanna rufen und ihren Zögling schelten, weil er ihr davongelaufen war.

Am Abend, als Lore schlief, ging ich, wie so oft, zu ihr hinüber, setzte mich an ihr Bett und versenkte mich in ihren Anblick. Auch im Schlafe wechselte ihr Gesichtchen fortwährend seinen Ausdruck. Es begab sich immer etwas in ihrer Gedankenwelt, ihre junge Phantasie ruhte nicht, und die Bilder, die sie dem schlafenden Kinde vorgaukelte, spiegelten sich in seinen lieblichen Zügen. Es lächelte, es zürnte, die feinen Brauen zogen sich zusammen.

«Wen ahmt sie jetzt nach?» fragte ich die Wärterin und sah sie dabei scharf an.

Sie geriet in Verlegenheit, sie war dem Weinen nahe. Du lieber Gott. Sie hatte sich schon alle Mühe gegeben, es dem Kinde abzugewöhnen, aber umsonst. Lorchen entwischte, lief ins Frauenzimmer, in die Küche und führte dort ihre Komödien auf. Niemand war ihr heilig – die Worte trafen mich ins Herz -, nicht die Großeltern, nicht der... Johanna stockte. Und die dummen, abscheulichen Dienstleute lachen über sie, muntern sie noch auf.

Auch Maud erschrak, als ich ihr meine Entdeckung und Johannas Geständnis mitteilte. Aber sie riet: «Keine Ermahnung, keine Strafe; Lore soll nicht wissen, wie schlecht das ist, was sie tut. Wir dürfen den bei ihr so mächtigen Widerspruchsgeist nicht wecken.»

Von nun an ließ Maud das Kind nicht mehr von ihrer Seite. Die Stunden ausgenommen, die ihren Andachtsübungen und ihren Armen gehörten, widmete sie Lore ihre ganze Zeit. Sie gab ihr den ersten Unterricht, und bei diesen Lektionen mußte man Lehrerin und Schülerin sehen! Die eine voll Hingebung an die Sache, von der Wichtigkeit ihres Amtes durchdrungen, die andre mit halbem Ohr hinhörend, immer zerstreut, den Kopf immer von der Tante abgewendet. Sagte die: «Ich bitte dich, Lore, gib acht!», bekam sie zur Antwort: «Sekkier mich nicht, ich geb genug acht!», und wie's zuging, wer könnte das sagen? Das scheinbar so lässige Persönchen hatte alles gehört, alles verstanden, sich alles gemerkt. Sie fand auch Vergnügen an den Unterrichtsstunden; aber wie hütete sie sich, das zu zeigen! Es hätte Maud Freude gemacht, und die sollte keine haben. Sie war ja selbst eine Freudeverderberin mit ihrer fortwährenden Überwachung der Nichte, mit ihrem langweiligen «Tu das, es ist schön, tu das nicht, es ist nicht schön!»

In Ungnade gefallen bei dem Kind, die Tante Maud! Sie teilte das Schicksal aller, für die sich das wandelbare kleine Ding eine Zeitlang fanatisch begeistert hatte – auch mein Schicksal.

Meine Tochter liebte mich nicht. Ich wußte es längst. Indessen – lächerlich, so etwas zu sagen! -, ich wußte es und – glaubte es nicht.

Als ich's endlich doch glauben mußte, warb ich um die Liebe meines Kindes, wie man um Liebe nur werben kann. Von Pflicht, von Dankbarkeit nie ein Wort. Sie sollte sich selbst überzeugen, mit ihren eigenen klugen Augen sehen lernen, daß es einen Menschen gab, dem sie und ihr Wohl in Gegenwart und Zukunft alles war. Nichts konnte meine Liebe zu meinem Kind erschüttern. Sie hatte ihre Wurzeln im tiefsten Grund meiner Seele. Väterliche Liebe ist doch noch mächtiger als die Liebe zu einem Weibe.

 

Lore war sieben Jahre alt geworden, als sie mir zum erstenmal bewies, daß sie des Mitleids fähig sei. Ein Marder, den ich erschossen hatte, flößte es ihr ein. Sie warf sich neben ihn auf die Erde, streichelte, küßte ihn und brach in Anschuldigungen aus gegen mich. «Wie bös bist du, o wie bös! Du hast ihn erschossen, und er war so schön und so jung. Armes Marderl, armes, armes!» klagte sie. «Es ist tot, seine schönen Augen sind tot, es kann nicht mehr herumlaufen, es kann sich sein Fell nicht mehr putzen, sein weiches, feines Fell. Wer hat dir das erlaubt?» schrie sie auf, schlug mit ihrer Faust auf den Boden und funkelte mich mit ihren zornsprühenden Augen an.

Ich zwang sie, aufzustehen, nahm sie bei der Hand, führte sie in den Hühnerhof und zeigte ihr die Verwüstungen, die der Marder dort angerichtet hatte. «Siehst du», sagte ich, «nicht nur erlaubt ist mir's, ein so gefährliches Tier zu töten, ich muß das tun, um unsert- und der andern willen. Heute hat es unsre Hennen erwürgt, ihr Blut ausgetrunken und ihre Eier, morgen würde es beim Nachbarn einbrechen. Es ist gut und recht, das Schädliche wegzuschaffen aus der Welt.»

«Das Schädliche?» wiederholte sie. «Nennt man einen Marder das Schädliche?»

«Man nennt in der Jägersprache alle Tiere so, die sich vom Fraße nützlicher Tiere nähren, des guten, armen Federviehs im Haus, im Wald und auf dem Feld, der kleinen Hasen, der jungen Rehe.»

Sie besann sich. Über ihre Stirn flog ein Schatten. Die Augen langsam erhebend, richtete sie ihren erschreckend klugen und durchdringenden Blick zu mir hinauf, und spöttische Schadenfreude lachte aus dem Ton, in dem sie sprach: «Du bist also das Schädliche, und ich bin das Schädliche. Wir essen ja Hühner, Eier, Fasanen, Hasen und Rehe.»

Ich hab ihr nicht geantwortet. Was hätte ich ihr antworten können?

In der Nacht hatte ich einen furchtbaren Traum. Ich lag da, wehrlos und gelähmt an allen Gliedern, und sah einen Marder an mich heranschleichen, mit leisen, leichten Schritten. Es war ein unvergleichlich schönes Raubtier, ich konnt's nicht hassen, ich mußte es bewundern, während es mein Herzblut trank; denn es hatte Lores Augen.

In Angstschweiß gebadet, wachte ich auf...

 

Maud war, obwohl sie fortfuhr, regelmäßig zu schreiben, lange Zeit ohne Nachricht von ihrer Schwester geblieben. Fast ein halbes Jahr. Endlich, am 12. Mai 18.., kam ein Brief. Die Adresse war von fremder Hand, der eines berühmten Pariser Arztes, der auch ein Krankheitszeugnis geschrieben und beigelegt hatte.

Der Brief war von Edith. Er liegt vor mir, ich habe mich eben wieder in die schattenhaften, hastend und müd hingeworfenen Züge der einst so festen, künstlerisch ausgearbeiteten Schrift versenkt. Der Inhalt lautet:

«Maud, ich richte meinen Brief an Dich, sonst wird er nicht gelesen; ich schicke ein ärztliches Zeugnis, sonst wird mir nicht geglaubt. Du vermagst alles über Franz, bestimme ihn, zu mir zu kommen.

Ich möchte ihn noch einmal sehen vor meinem Tode.

Die Eltern nicht, Dich auch nicht. Lore...» Ein Fragezeichen, eine große, leer gelassene Stelle, dann:

«Ich weiß es nicht. Franz soll kommen; er soll nicht Rache dafür nehmen, daß er durch meine Schuld vom Totenbett seiner Mutter ferngeblieben ist. Er soll kommen, es beschwört ihn Edith.»

Karl und Ethel waren bei uns, als dieses Schreiben eintraf. Sie übernahmen es, die traurige Kunde den Eltern mitzuteilen und sie auf alle Fälle abzuhalten, uns zu folgen. Uns, das heißt Lore, Johanna, mir und Maud, die sofort entschlossen war, mitzukommen. Edith konnte vielleicht doch im letzten Augenblick wünschen, Abschied von ihr zu nehmen und ihr eine Botschaft an Vater und Mutter aufzutragen. In zwei Stunden waren wir reisefertig und auf dem Wege zur Eisenbahnstation. Der Kleinen wurde vorläufig das Ziel der Fahrt und auch deren Veranlassung verschwiegen. Sie erriet alles und war während der ganzen Reise von einer ausgelassenen Lustigkeit, die wir an ihr gar nicht kannten. Die sparte sie sonst wohl auf für die Gesindestube.

«Warum bist du so lustig?» fragte ich.

«Nun, weil wir auf der Eisenbahn sind, und ich bin so gern auf der Eisenbahn.»

«Weißt du, wohin wir fahren?»

«Nein», erwiderte sie mit der größten Unbefangenheit, und Johanna platzte heraus:

«Aber Lore, du hast mir doch selbst gesagt: ‹Wir fahren nach Paris.›»

Ich wollte wissen, woher sie das hatte, und sie provozierte förmlich ein Frag-und-Antwort-Spiel und war übermütig und schlagfertig und gab die seltsamsten Einfälle und Beobachtungen zum besten. Maud und ich sahen einander oft ganz verwundert an. Unmöglich, den Spuren der Gedanken nachzugehen, die sich in diesem jungen Kopfe jagten. Und das selbe Kind, das so rasch begriff, für so vieles ein unerhörtes Verständnis besaß, hatte keins für die Gemütsstimmung, in der wir uns befanden, keine Teilnahme, keine Schonung.

«Ich glaube wirklich, du bist lustig, weil du siehst, daß Tante Maud und ich traurig sind», sagte ich, und sie zuckte die Achseln und tollte herum im Waggon, bis der Abend kam und sie einschlief.

«Du kennst die Kinder nicht», versicherte mir Maud. «Sie sind am muntersten, wenn ihre Umgebung übler Laune oder betrübt ist. Es liegt darin eine Art Notwehr, ein Bedürfnis, die Last abzuschütteln, die sich auch ihnen aufbürden möchte und die ihrer innersten Natur widerstrebt. Das haben die meisten Kinder, beobachte es nur.»

Getreue Maud! Sie wußte, daß mir nichts auf Erden einen größeren Trost gewährte, als zu hören: Dein Kind ist wie andre Kinder. Sie wollte mich beruhigen und beruhigte mich.

In Paris stiegen wir im Hotel du Louvre ab, in unmittelbarer Nähe von Ediths Wohnung.

Als ich die Meinen installiert hatte und mich anschickte, meinen schweren Gang anzutreten, kam es zu einer Szene, die im Hause peinliches Aufsehen erregte. Lore lief mir nach bis zur Treppe, klammerte sich an mich und schrie, ich müsse sie mitnehmen zu ihrer Mama. Ihre Mama sei in Paris, der Großvater habe es ihr gesagt und die Großmutter (das log sie), und nicht mich, o nein, nicht den Papa, sie, ihre kleine Lore, wolle Mama sehen.

Unter Mitleidskundgebungen des Auditoriums, das ihr Toben um uns versammelt hatte, wurde sie ins Zimmer zurückgebracht.

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