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Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Das Schädliche - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMeistererzälungen
authorMarie von Ebner-Eschenbach
year1990
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1104-1
titleDas Schädliche
pages290-388
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1894
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An diesem Verrat starb meine Liebe. Aber – ein Geständnis, schwer abzulegen – die Leidenschaft überlebte den Haß und die Liebe. Der herbe Zusatz, den meine Selbstvorwürfe ihr gaben, vertiefte sie nur; sie wurde so recht eine erniedrigende Wonne, eine selige Bitternis, um so mächtiger, je elender sie macht; denn sie nährt sich von unsrer besten Kraft. Sie ist der aus Nektar und Wermut gemischte Trank, nach dem ewig lechzen wird, der ihn einmal gekostet hat. Er allein löscht den Durst des Erdgeborenen nach Lust und Leid zugleich.

Was heiße Reue – das heißt, nein, dieses Wort muß ich zurücknehmen, eigentlicher Reue war Edith unfähig; sie rühmte sich dessen sogar – was heiße Liebe tun kann, um einen Frevel zu sühnen, das hat Edith damals getan. Ich hätte ihr verzeihen oder sie von mir stoßen sollen, fand aber weder zum einen noch zum andern die Kraft. Es war ein gräßliches Wirrsal in mir. In einem Atem verurteilte und entschuldigte ich seine Urheberin. Ich sprach nicht die Verdammnis über sie wie ein Richter, ich fluchte ihr, wie man einem Spießgesellen flucht.

An der Leiche meiner Mutter war mein Gewissen erwacht. Ich lernte alle seine Qualen kennen. Die stummen Lippen der Toten hatten gesprochen.- «Schlechter Sohn!»

Wie war's möglich gewesen? Ich begriff's nicht mehr, daß ich mich hatte täuschen lassen durch ihren frommen Betrug, irreführen durch ihre großmütige Verstellung; daß ich nicht erraten hatte, was sie mir verschwieg, den unaufhaltsamen Fortschritt der Krankheit, die an ihr zehrte, daß ich nicht gegeizt hatte mit jeder Minute ihres entschwindenden Lebens. Und sie – die letzten Worte, den letzten Wunsch, alles, was sie aufgespart für den Augenblick, in dem es «Ernst werden sollte», hatte sie nicht aussprechen, mich nicht mehr segnen können.

Sie war so schwer hinübergegangen, hörte ich. Die Sehnsucht nach mir in ihrem mütterlichen Herzen verlängerte den Todeskampf, ließ sie nicht friedlich hinübergehen.

Von der Zeit an habe ich eine reine Freude nicht mehr gekannt, ich war unheilbar verwundet.

Ob der Grund meines veränderten Benehmens gegen Edith ihren Eltern ein Geheimnis blieb, weiß ich nicht. Sie haben darüber nie Rechenschaft von mir verlangt, mir nicht die geringste Unzufriedenheit gezeigt. Im Gegenteil, sie waren rücksichtsvoller und aufmerksamer denn je für mich, kälter denn je gegen ihre Tochter. Auch an ihren Schwestern fand Edith keine Stütze. Maud, so vortrefflich, so pflichttreu, so liebevoll, wenn sie verehrte, war doch nicht ohne die gewisse Härte, die von großer Frömmigkeit unzertrennlich scheint. Diese Härte bekam Edith jetzt zu fühlen. Die kleine Ethel, die vor der unberechenbaren Schwester immer eine instinktive Scheu gehabt hatte, zog sich ganz und gar von ihr zurück, nahm keine Einladung mehr an. Umsonst forderte Edith sie auf, bat (und wie inständig!) umsonst: «Komm zu uns! Bleib bei uns!»

Dagegen empörte ich mich. An mir hatte Edith sich versündigt, mir, nicht den andern kam's zu, sie zu strafen. Einmal stellt ich meine Schwägerin Ethel zur Rede: «Was hat Edith dir getan?» Nun, ihr nichts; aber was mußte sie mir getan haben, daß ich so bös mit ihr sein konnte?

Sie war nur das Echo ihres Vaterhauses, und ich fand die Parteinahme, die mir dort zuteil wurde, sehr unberufen und sehr beschämend für mich.

Das absolute Alleinstehen Ediths erweckte am Ende doch wieder mein Mitleid, und wieder schlichen sich in mein Herz noch andere Empfindungen als die leidenschaftlicher Mißachtung oder leidenschaftlicher Hingerissenheit. Ich konnte nicht ausrufen: «Du irrst», wenn sie sagte: «Hätten wir deine Mutter am Leben gefunden, mein Unrecht wäre dasselbe geblieben, aber wie anders würdest du's beurteilt haben!»

Es ergriff mich, wenn ich meine Schwäche verwünschte nach einer Rückkehr zu ihr und sie dann sprach: «Sei ruhig, ich fühle deine Lieblosigkeit nie demütigender als jetzt in deinen Armen.»

Es rührte mich, wenn sie meine rauheste Abweisung mit der Bitte beantwortete: «Mißhandle mich, je ärger, je besser! Um so früher tilgst du meine Schuld gegen dich und wirst endlich in der meinen stehen. Dann sollst du erfahren, wie die Liebe und was sie verzeiht. Alles, alles! Es gibt nichts im Bereich des Denkbaren, das ich dir nicht verzeihen würde.»

So brachte sie mich langsam wieder in ihren Bann; aber wo blieb das Glück? An eine stille, gleichmäßige Existenz in wohlgeordneter Häuslichkeit war an der Seite Ediths nicht zu denken; ein Haus führen ist eine Mühewaltung, und davor graute ihr. Ihr graute auch vor dem Lesen eines ernsten Buches, und unrettbar lächerlich machte sich in ihren Augen, wer mit ihr ein Gespräch führen wollte, das nicht ausschließend vom Nächsten, seinen Schwächen und Fehlern handelte. Wenn es etwas gab, das ihr Interesse und sogar ihre Bewunderung erregte, so war's ein schönes Bild, und wenn es Menschen gab, die wenigstens eine Zeitlang von ihren Spöttereien und Lästerungen verschont wurden, so waren es Künstler. Aber Pietät flößte ihr selbst der größte nicht ein. Diese Empfindung ist ihr fremd geblieben bis ins Grab. Sie hatte zu scharfe Augen für alle menschlichen Fehler, ihre eigenen nicht ausgenommen. Ich muß ihr die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie zwei große Vorzüge besaß; sie war nicht eitel, und sie kannte sich selbst. Die Stunden der Einkehr kamen selten und hinterließen keinen bleibenden Eindruck; kamen sie aber, dann waren sie furchtbar.

Später noch, in Tagen, in denen ich ihr noch viel schwerere Schuld zu verzeihen hatte, meint ich, sie müsse Erlösung finden können in der Kunst und in der Religion. Sie wollte davon nichts wissen. «Das lebendige Leben interessiert mich, nicht das gemalte», sagte sie; «und beten? Lieber nicht. Mein Gebet wird immer zur Anklage. Warum hat der Ewige ein verpfuschtes Werk, wie ich bin, nicht zurückgeschleudert in das Nichts, da er es geschaffen hatte und sah, daß es nicht gut war?»

Mit der kleinen Lore, die leidenschaftlich an ihr hing, beschäftigte sie sich wenig. Sie hatte kein rechtes Herz für das Kind. «Weil es dir nicht ähnlich sieht», sagte sie zu ihrer Entschuldigung, «sondern mein Ebenbild ist. Sieh nur, Lieber, die Gestalt, die Kopfform, die Augen: die meinen! Ihr Sprechen, ihr Lachen: das meine! Es ist schrecklich. Ich bin hineingeschneit gekommen in die Familie, wer weiß wie? Ich sehe keinem der unsern gleich, erinnere an keinen. Dieses Kind ist Fleisch von meinem Fleisch und Geist von meinem Geist. Es ist noch einmal ich, doppelt ich und wird doppelt unselig sein.»

Sie verfiel in wahnsinniges Schluchzen. Ich ging aus dem Zimmer, ich wollte nicht weich werden.

Eine Viertelstunde später saß Edith am Klavier, spielte einen Walzer und lachte, lachte schallend über die Kleine, die zu tanzen versuchte und alle Augenblicke über ihre eigenen, ungelenken Füßchen stolperte und hinfiel. Endlich hatte sie genug und blieb auf dem Boden sitzen, ganz artig und erschöpft. Edith ließ sie hart an. Sogleich brach das Kind in Schreien aus, strampelte und plärrte und entwickelte so viel Zorn und Bosheit, als einem dreijährigen Ding nur irgend möglich ist. Seine Mutter betrachtete es eine Weile höchlich ergötzt, sprang plötzlich auf, hob's in ihre Arme, überflutete es mit Zärtlichkeiten und drehte sich mit ihm und tanzte und sang dabei ihrem wilden, schönen Kinde ein wildes, schönes Zigeunerlied vor. Jede ihrer Bewegungen, jede ihrer Gebärden paßte zu der Musik, war – wenn man so sagen darf – stumme Musik. Sie sah wohl, daß ich dastand und sie beobachtete, tat aber nichts dergleichen. Und das Kind, belohnt für seine Unart, war entzückt und jauchzte laut.

So erzog sie's.

Mein Haus hatte keine Herrin, mein Kind hatte keine Mutter, ich hatte keine Lebensgefährtin, ich hatte – eine schöne Geliebte.

 

Meine landwirtschaftliche Tätigkeit erweiterte sich von Jahr zu Jahr. Ein gemeinnütziges Unternehmen, das ich ins Leben gerufen hatte, gedieh viel schneller und nahm größeren Umfang an, als ich im Beginne mir hätte träumen lassen. Die leidige Politik erhob auch Anspruch auf einen Teil meiner Zeit; so hatt ich Beschäftigung in Hülle und Fülle. Sie zog mich ab von meiner unfruchtbaren Reue, von der Pein meines inneren Zwiespalts.

Edith war nun oft allein. Sie klagte darüber; ich gab ihr zur Antwort: «Du hast dein Haus, dein Kind, deine sträflich vernachlässigte Kunst, du hast die Nachbarschaft deiner Eltern, nütz all den Reichtum aus.»

Wieder muß ich ihr Gerechtigkeit widerfahren lassen: sie hat sich bemüht, meine Ratschläge zu befolgen.

Über meinem Schreibtisch hängt ein Bild – ich hab's von da nie verbannen wollen -, das stammt aus dieser Zeit und bittet für die arme Edith. Es ist ein Aquarell, mit außerordentlicher Kraft und Leichtigkeit hingeworfen, nicht ausgeführt. Einsam steht ein junges Weib am Rande einer Klippenwand. Tiefer Schatten um sie her, die Nacht bricht an. Aus dem Dunkel leuchtet, von durchsichtigen Schleiern umwallt, der blühende Leib. Hoch am Himmel sind die Umrisse einer dem Wolkendunst entrückten Lichtgestalt angedeutet. Zu der hebt das Weib den Kopf empor, der streckt sie hilferufend die Arme entgegen. Verzweiflungsvolle Sehnsucht glüht und schmachtet in ihren Augen, spannt jede Fiber ihres Körpers. Sie ringt vergeblich. Geister der Tiefe haben ihn in Ketten geschlagen. Gestalten, schön und ungeheuerlich, aus einer selbstquälerischen, einer erfindungsreichen Phantasie geboren, kriechen, stürzen herbei. Sie zerren an den Fesseln und werden ihr Opfer in den Abgrund reißen. Hilfe! möchte man mit der Unglückseligen rufen.

Aber die Lichtgestalt bleibt abgewendet.

 

Ein Jahr nach dem Tode meiner Mutter wurde die Verlobung der kleinen Ethel gefeiert. Ein, wie's in Romanen und Novellen heißt, «schmucker Reiteroffizier» hatte ihr Herz und, was viel entscheidender war, die Sympathie ihrer Eltern gewonnen. Die Ehrlichkeit, mit der er ihnen eingestand, daß er sich um die Kleine nicht beworben hätte, wenn sie arm wäre, so sehr sie es ihm auch angetan, gefiel ihnen. Er trug einen großen Namen und hatte von einem kürzlich verstorbenen Verwandten die schwerbelasteten Familiengüter geerbt. Nun hieß es (immer die alte Geschichte!) entweder heiraten und den Dienst verlassen oder ledig bleiben und weiterdienen. Zu dem letzteren erklärte er sich entschlossen, wenn er die kleine Ethel nicht zur Frau bekäme.

Meine Schwiegereltern legten die Angelegenheit in meine Hand, und ich brachte sie zu gutem Ende. Es war ebenso leicht, über die Verhältnisse meines zukünftigen Schwagers ins reine zu kommen wie über ihn selbst. Man brauchte keinen besonderen Scharfblick, um zu erkennen, daß in dem gutmütigen Lebemann, der sein Geld hinauswarf, solange er wenig hatte, ein solider Hausvater und Sparmeister schlummerte.

Die Eltern gaben denn ihren, im Sinne des Wortes, reichen Segen, und Ethel, die Tag und Nacht geweint hatte wie ein Fontänchen, während die Unterhandlungen mit ihrem Karl oder vielmehr mit seinen Gläubigern noch in der Schwebe waren, glänzte jetzt vor Glück an seiner Seite wie eine kleine Sonne.

Das Regiment Karls stationierte in der Nähe; er führte im Hause C. seine Kameraden ein, von denen er bald Abschied nehmen sollte, was ihm und ihnen schwer wurde. Bisher hatte es von Malern gewimmelt, jetzt wimmelte es von Malern und von Offizieren. Sie vertrugen sich vortrefflich miteinander. Schöne Pferde wurden vorgeritten und in allen Gangarten skizziert, gezeichnet und gemalt. Eine Hälfte des Tages gehörte der Kunstbegeisterung und der «Arbeit» (sie nannten das so), die andre der Erholung bei Tisch, im Park oder im Tanzsaal. Es ging heiter her, und der Heiterste der Gesellschaft war mein Schwiegervater.

Eines seiner Bilder, ein spannlanger Landsknecht, hatte auf irgendeiner Ausstellung irgendeinen Preis bekommen. All sein Ehe- und übriges Glück in Ehren; aber der Augenblick, der die Nachricht der Erfüllung eines jahrelang stillgehegten Wunsches brachte, war doch der schönste seines Lebens. Er kam vielen zugute. Daß ihm das Herz manchmal schwer war, dafür sorgte Edith, bewußt und unbewußt. Dann hieß es bei ihm: Wenn ich keine Freude habe, sollen doch die andern Freude haben; und er gab und half, wo er konnte. – War ihm aber eine Freude zuteil geworden, dann sollten die andern doppelt Freude haben, und seine Großmut überstieg die kühnsten Zumutungen, die man an sie gestellt hatte.

Die Meistgefeierte bei den Unterhaltungen und Festlichkeiten im Elternhause blieb immer Edith. Es war einmal so. Ob sie's darauf abgesehen hatte oder nicht, sie herrschte, wo sie erschien, und verdrehte den Leuten die Köpfe. Die leichten Siege über junge Künstler- und Soldatenherzen schmeichelten ihr nicht. Sie hatte etwas ganz anderes im Sinn als spielende Eroberungen, wenn sie sich herbeiließ, liebenswürdig zu sein mit diesen (ihr Ausdruck) armen Teufeln. Sie wollte mich eifersüchtig machen. Ich merkte die Absicht und wurde nicht verstimmt.

Daß sie selbst von Eifersucht gepeinigt wurde, suchte sie zu verbergen; aber Verstellung war ihre Sache nicht. Einmal eingestanden, wuchs die kläglichste aller Leidenschaften bis an die Grenze des Wahnsinns. «Du liebst mich nicht mehr; wen liebst du?», Mit der Frage peinigte sie mich. Sie war eifersüchtig auf ein Buch, das ich las, auf jedes kleine Andenken an meine Mutter, auf eine unsichtbare Geliebte, die ich, sie wußte nur nicht wo, vor ihr verbarg. Sie war eifersüchtig auf Maud, die ich nur zu oft bitten mußte, sich des vernachlässigten Kindes anzunehmen, das der Willkür der Dienerschaft überantwortet blieb.

Eines Abends trat Edith plötzlich bei mir ein und fand mich schreibend. Sie war wie im Fieber, durchstöberte meine Mappe, riß die schon geschlossenen Briefe aus den Kuverts: «An wen adressierst du deine Liebesepisteln, wer vermittelt sie? Ich will's wissen – ich hab das Recht.»

Ihre Aufregung erschreckte mich, und ich sagte: «Lies nur, lies alles, es wird dir als Schlafmittel dienen.»

«Du fängst es eben sehr geschickt an. Ein Zeichen mehr, wie durchtrieben...»

«Edith!» schrie ich auf – und sie lag an meiner Brust, schmiegte sich an mich, angstvoll und bebend an allen Gliedern.

«Tu ich dir unrecht? Liebst du keine andre? Dann verzeih, und um des Guten, um Gottes willen liebe mich! Liebe mich wieder wie einst, aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele. Wenn du mich nicht mehr so lieben kannst, bin ich verloren. Ich hab zu wenig Seele, wie ich glaube, und zu wenig Herz, wie ich weiß. Ich habe keins, außer für dich. Gib mir deine Seele, dein Herz, damit ich wieder lebe. Willst du – willst du?» fragte sie heftig, fast drohend, und ich kämpfte zwischen Zorn und Erbarmen. Was forderte diese Frau? Meine Seele, die sie belastet hatte mit einem Vorwurf, der nicht ruhte, mein Herz, das sie in seiner heiligsten Empfindung verwundet hatte.

«Willst du?» wiederholte sie.

«Wollen ist nicht Können», antwortete ich. Sie sprang auf. Sie sah mich an, mit einem Blick, finster wie die Hölle, kreuzte die Arme über der Brust und sprach: «Auch gut.»

Die zwei Worte sollte ich noch einmal hören.

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