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Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Das Schädliche - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMeistererzälungen
authorMarie von Ebner-Eschenbach
year1990
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1104-1
titleDas Schädliche
pages290-388
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1894
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Marie von Ebner-Eschenbach

Das Schädliche

Erzählung (1894)

Lieber Freund!

Wir haben eine Zeitlang im öffentlichen Leben Seite an Seite gekämpft. Du wirst mit den Waffen in der Hand sterben; ich habe mich vom Schlachtfeld abgewandt. Es war Dir unlieb, aber Du ließest die Gründe, die mich dazu bestimmten, gelten und gabst mir recht. Tue das noch einmal, gib mir noch einmal recht. In einer ganz andern Sache.

Unlängst hörte ich eine berühmte Schauspielerin zu einem großen Arzte sagen: «Sie müssen auch manchmal Komödie spielen.» Er antwortete: «Ja, aber wir spielen schlecht.» – Recht schlecht, nach den Erfahrungen, die ich gemacht habe. Schon vor Wochen, als ich nach Wien fuhr, um meinen Arzt zu konsultieren, las ich es ihm vom Gesicht ab: Dir ist nicht zu helfen. Und neulich, da ich ihn wieder aufsuchte und ein schmerzstillendes Mittel von ihm verlangte, verriet mir seine Bereitwilligkeit, mich in die Kunst, ein Morphinist zu werden, einzuweihen, daß er die Gefahr einer zukünftigen Entwöhnungskur für ausgeschlossen hielt.

Finita la commedia. – Eine Komödie war's übrigens nicht.

Wir haben von meinen Verhältnissen nie gesprochen; Du weißt von meinem Privatleben nicht mehr als alle Welt, das heißt: was geschah; nicht, wie es geschah. Ich will Dir meine Geschichte erzählen, ich will eine Generalbeichte ablegen.

Deiner Gerechtigkeit sicher, sehne ich mich nach Deiner Lossprechung.

 

Ich bin im Jahre 1829 geboren auf unsrem Schlosse Niedernbach.

Ich habe von meinem Vater eine eiserne Gesundheit und eine eiserne Willenskraft geerbt. Meiner Mutter verdanke ich den Abscheu vor allem Unreinen, der mich schon im Obergymnasium dem Spotte fünfzehnjähriger Jungen preisgab.

Sie lachten über mich und nannten mich einen heiligen Antonius; ich verachtete sie und nannte sie angefaultes Grünzeug.

Ich war nicht dumm, aber ich lernte schwer. Gott weiß, welche Mühe es mich gekostet hat, immer der Erste in der Klasse zu sein.

Während der acht ersten Studienjahre (mein Vater hatte mich für die staatsmännische Laufbahn bestimmt) wohnte ich in der Hauptstadt unserer Provinz bei einem Gymnasialprofessor.

Er war ein guter und gescheiter Mann, ließ sich aber ganz beherrschen von seiner hübschen, um viele Jahre jüngeren Frau. Albern und mißgünstig, machte sie ihm und auch mir das Leben schwer.

Die Weihnachts-, die Oster- und die Ferienzeit brachte ich in Niedernbach zu, wünschte die Stunde der Heimkehr jedesmal mit einer Sehnsucht herbei, die mir tagelang und nächtelang vorher den Appetit und den Schlaf raubte, und konnte doch nirgends so unglücklich sein wie zu Hause.

Meine Eltern führten eine traurige Ehe. Die Liebe hatte einmal wieder zwei Leute zusammengeführt, die nicht für einander paßten. Das Lebenselement meiner Mutter war der Friede. Sie strömte ihn förmlich aus. Sie hatte sich ihn errungen nach schweren Leiden, durch die Kraft einer wahrhaft erhabenen Entsagung. Mein Vater besaß eine Kämpfernatur; und während meine Mutter früh alterte, blieb er jugendlich in seiner schönen Erscheinung, seinen Leidenschaften und Neigungen bis an sein Ende. Er starb lange vor dem Eintritt ins Greisenalter. Die Krankheit, die ihn in wenigen Tagen hinwegraffte, trat plötzlich und mit furchtbarer Heftigkeit auf. Sterbend rang er noch wie ein Held mit dem Tode und begriff erst wenige Augenblicke vor dem letzten, daß auch er seinen Meister gefunden hatte.

Da richteten seine Augen sich auf meine Mutter. Wir alle, die sein Bett umstanden, schauderten. In diesem Blick lag ein Ausdruck von unaussprechlicher Reue und Todesangst, ein verzweiflungsvolles Flehen, wie das eines Verdammten zum Urquell des Heils.

Meine Mutter beugte sich über ihn und küßte seinen qualverzerrten Mund und schloß seine armen Augen mit ihren Lippen.

Der Eindruck, den ich in dieser Stunde empfing, hat sich nie verwischt. Ich werde nicht sterben wie mein Vater, ich werde ruhig hinübergehen, trotz des furchtbaren Ereignisses in meinem Leben und obschon ich eigentlich ein Mörder bin.

 

Ich war sechsundzwanzig Jahre alt, als mein Vater starb, und hatte mir eben auf der Universität Wien den Doktorhut errungen. Mühsam, mit Anspannung aller meiner Kräfte.

Zunächst verstand es sich von selbst, daß ich das Trauerjahr bei meiner Mutter in Niedernbach zuzubringen habe, und nachdem es verflossen war, dachte ich nicht mehr daran, unsern gemeinsamen Aufenthaltsort zu verlassen.

Die Tätigkeit des Landwirts, die paßte mir. Freilich hieß es beim Abc anfangen, und das geschah unter der Leitung meines alten Verwalters, eines ungelernten, aber tüchtigen Ökonomen. Niedernbach war für ihn die Welt, und zwar die denkbar beste, und das Interesse des Herrn dieser Welt das höchste Interesse überhaupt.

Die glücklichste Zeit meines Lebens begann. Bis jetzt war Lernen für mich eine Plage; jetzt erfuhr ich, daß es ein Genuß sein kann. Ich habe ihn mir gegönnt und wurde mit der Zeit ein Landwirt, zu dem die Leute in die Schule gehen konnten und auch fleißig gegangen sind.

So günstige Verhältnisse wie die, die damals in Niedernbach herrschten, treffen sich freilich selten.

Eine aus arbeitsamen und in der Mehrzahl braven und friedfertigen Leuten bestehende Bevölkerung. Der Pfarrer ein Mann nach dem Geiste des Evangeliums; der Lehrer, zu seinem Amte innerlichst berufen, betrachtete die Kinder nicht nur als Schüler, sondern als Zöglinge. Zum Bürgermeister wurde ich gewählt, und ich hatte weder mir noch den Gemeinderäten das Amt bequem gemacht. Aber Ordnung hielten wir: die ehrlichen Leute waren obenauf, und die Lumpen mußten kuschen.

Das alles ist heute anders geworden.

Abgesehen von meiner amtlichen Tätigkeit, führte ich tagsüber dasselbe Leben wie mein Verwalter. Wenn es dunkel wurde, legte er sich zu Bette, ließ drei lange Pfeifen, drei Glas Bier, den Unterbeamten und den Oberknecht kommen und nahm den Rapport ab.

Ich wechselte die Kleider und ging meine Mutter begrüßen.

Nach dem Abendessen, das wir im Bibliothekszimmer einnahmen, begaben wir uns in die Gesellschaft irgendeines großen Menschen. Um seinen gebannten Geist zu beschwören, brauchte man nur eines seiner Werke aufzuschlagen. Sogleich offenbarte er sich, ließ uns in sein Herz blicken, enthüllte uns seine tiefsten Gedanken.

Schöne, allzu rasch entschwundene Abende, die wir so zubrachten, zu dreien. Die Tage wieder kürzte mir viel zu knapp die gewaltige Zeitvertreiberin Arbeit. Und wenn einem die Tage zu schnell vergehen, wie erst die Jahre!

Ihrer fünf des ungetrübten Glückes rannen dahin; dann begann meine Mutter zu kränkeln. «Der Anfang vom Ende, das aber noch länger auf sich warten lassen kann, als der Leidenden zu wünschen ist», sagten die Ärzte. Ich verfluchte ihre Weisheit, und in Zeiten, in denen das Übel stillstand, hoffte ich immer wieder gegen alle Wahrscheinlichkeit und alle Vernunft auf Heilung.

Während einer solchen Ruhepause meiner Sorgen legte ich den Grund zum Unglück meines Lebens. Ich verliebte und verlobte mich.

In unserer Nachbarschaft hatte sich ein Herr von C., ein ehemaliger Großindustrieller, mit seiner Familie angesiedelt. Er war ein Mann von Geist, Talent und strengster Redlichkeit. Ein geborener Österreicher, der aber viele Jahre in England zugebracht, dort ein ansehnliches Vermögen erworben und eine Familie gegründet hatte. Mit seiner stattlichen, einem alten schottischen Adelsgeschlecht entstammten Frau führte er die beste Ehe. Er war stolz auf seine Lady, und sie liebte ihren munteren, immer gut gelaunten «Sir James» noch viel heißer, als sie selbst passend fand für ihre zweiundvierzig Jahre. Sie hatten drei Töchter, drei Schönheiten. Die älteste und die jüngste waren blond wie die Mutter, die mittlere sah dem Vater ähnlich. Was man so ähnlich sehen nennt. Auch sie hatte braune Haare und einen olivenfarbigen Teint und große tiefblaue Augen. – Aber ihn könnte ich deutlich beschreiben; sie zu beschreiben wäre sogar einem Dichter unmöglich gewesen. Sie war das verkörperte Geheimnis, ein wunderbares, lockendes Rätsel. Ich habe nie wieder Augen gesehen, die so inbrünstig beschwören, so demütig flehen und so schrecklich drohen konnten, nie eine Stimme gehört von so bestrickendem Wohllaut, solchem Reichtum an Tönen für jeden Ausdruck der Zärtlichkeit und so herbem Klang für den Haß.

Das heißt – doch! Einmal lebte das alles wieder vor mir auf mit grauenhafter Treue.

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