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Das rote Siegel

Alfred de Vigny: Das rote Siegel - Kapitel 1
Quellenangabe
authorAlfred de Vigny
titleDas rote Siegel
booktitleMeistererzhlungen fremder Dichter
publisherVerlag von Otto Spamer
printrunZweite Auflage
editorJohannes Henningsen
year1911
translatorChristian Stapelfeldt
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170202
projectid3814c334
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I.

Die große Heerstraße von Artois und Flandern ist lang und öde. Ohne Baum, ohne Gräben erstreckt sie sich in gerader Linie durch weite Felder und ist jederzeit voll von gelbem Schmutz. Im März des Jahres 1815 passierte ich diese Straße und hatte dort eine Begegnung, die mir in unauslöschlicher Erinnerung geblieben ist.

Ich war allein, ich war zu Pferde, wohl ausgerüstet mit weißem Mantel, rotem Waffenrock, schwarzem Tschako, mit Pistolen und langem Säbel. Seit vier Marschtagen regnete es ununterbrochen. Trotzdem sang ich die Joconde aus voller Kehle. Ich war so jung! – Mein Regiment, Maison du Roi genannt, bestand im Jahre 1814 aus Kindern und Greisen; die Männer schien das Kaiserreich verschlungen zu haben.

Meine Kameraden waren im Gefolge Ludwigs XVIII. auf der Heerstraße voraus; ich sah ihre weißen Mäntel und roten Röcke fern am nördlichen Horizont schimmern; die Lanzenreiter Bonapartes, die schrittweise unsern Rückzug überwachten und verfolgten, zeigten von Zeit zu Zeit die dreifarbigen Fähnchen ihrer Lanzen am entgegengesetzten Horizont.

Mein Pferd hatte ein Hufeisen verloren, und ich hatte zurückbleiben müssen. Indes das Tier war jung und stark; ich spornte es an, um meine Schwadron einzuholen; es griff aus in scharfem Trabe. Ich schlug an meinen Gürtel; er war artig mit Geld gespickt; ich hörte die Eisenscheide meines Säbels am Steigbügel klirren, stolz und vollkommen glücklich fühlte ich mich.

Es regnete weiter, und ich sang weiter. Indes wurde es mir bald langweilig, immer die eigene Stimme zu hören. So schwieg ich und hörte nur noch das Niederrieseln des Regens und das Patschen meines Pferdes in den Pfützen des Weges. Das Pflaster wurde immer schlechter; wir sanken tief ein, und ich mußte Schritt reiten. Meine hohen Stiefel waren außen mit einer dicken Kruste von gelbem Schmutz wie mit Ocker bedeckt und innen voll Wasser. Ich betrachtete meine ganz neuen, goldenen Epauletten, mein Glück und mein Trost; zu meiner nicht geringen Betrübnis waren sie starr von Nässe.

Mein Pferd ließ den Kopf hängen, und ich tat desgleichen: ich fing an nachzudenken und fragte mich zum erstenmal, wohin es mit uns ginge. Ich fand keine Antwort, aber das bekümmerte mich durchaus nicht. Dort ritt meine Schwadron, dort war auch meine Pflicht. Die tiefe und unerschütterliche Ruhe in meinem Herzen entsprang eben aus diesem unfehlbaren Gefühl der Pflicht, und ich suchte nach einer Erklärung für diese Tatsache. Ich sah aus nächster Nähe, wie ungewohnte Anstrengungen fröhlich von jung und alt ertragen wurden, wie eine gesicherte Zukunft von Millionen glücklichen, weltfrohen Menschen ritterlich in die Schanze geschlagen wurde, wie in allen die Überzeugung lebendig, daß man keiner Ehrenpflicht sich entziehen kann und darf; – und ich kam zu der Einsicht, daß die Selbstverleugnung leichter und allgemeiner ist, als man gewöhnlich glaubt.

Ich fragte mich, ob die Selbstverleugnung nicht ein Gefühl sei, das mit uns geboren wird; was es auf sich habe mit diesem Bedürfnis zu gehorchen und seinen Willen als eine schwere, unbequeme Last in die Hände anderer zu legen; woher es komme, das heimliche Glück, dieser Last enthoben zu sein, und warum sich unser Stolz niemals dagegen auflehne. Zwar ist es dieser geheimnisvolle Instinkt, der überall die Menschen zu machtvollen Verbänden zusammenschließt. Aber nirgends als im Heere sieht man in so greifbarer und schauererregender Gestalt den Verzicht auf seine Handlungen, auf seine Worte, seine Wünsche und selbst auf sein Denken. Der Bürger zeigt einen klarschauenden, vernünftigen Gehorsam, der prüfen und aufhören kann. Selbst die zärtliche Unterwürfigkeit der Frau endet, wenn man ihr Böses zumutet; und das Gesetz nimmt sie alsdann in seinen Schutz. Aber der militärische Gehorsam, passiv und aktiv gleichzeitig, empfängt den Befehl und führt ihn aus, blind zuschlagend wie das antike Schicksal. Ich ließ sie an meinem Geiste vorüberziehen mit ihren möglichen Folgen, diese Selbstverleugnung des Soldaten, die unwiderruflich und bedingungslos ist und manchmal die traurigsten Pflichten auferlegt.

In solchen Gedanken ritt ich dahin, mein Pferd gewähren lassend. Ich sah auf die Uhr und auf den Weg, der in gerader Linie immer noch weiterging, ohne Baum, ohne Haus, und die Ebene bis zum Horizont durchzog wie ein großer gelber Streifen auf grauer Leinwand. Manchmal verschwand auch dieser Strich in dem Moraste, der ihn einfaßte, und wenn einmal ein heller Schimmer über die Öde huschte, sah ich mich auf einem Streifen Schlamm durch ein Meer von Morast dahinreiten.

Als ich nun einmal diesen gelben Strich ein wenig genauer ansah, ward ich darauf in einer Entfernung von ungefähr einer Viertelmeile einen kleinen schwarzen Punkt gewahr, der sich vorwärts bewegte. Das freute mich; da war doch etwas. Ich wandte kein Auge mehr davon. Er bewegte sich wie ich selber vorwärts in der Richtung auf Lille und ging im Zickzack, was auf einen beschwerlichen Weg hindeutete. Ich trieb mein Pferd an und kam dem Gegenstände näher, der zusehends ein wenig wuchs. Da der Weg gerade mal ein bißchen fester war, ritt ich Trab, und nun glaubte ich einen kleinen schwarzen Wagen zu erkennen. Ich hatte Hunger und hoffte, es sei das Fuhrwerk einer Marketenderin, und, mein armes Pferd als Schaluppe ansehend, ließ ich es tüchtig rudern in unserm Meer von Schlamm, um an jene glückverheißende Insel zu gelangen.

Auf ungefähr hundert Schritt konnte ich deutlich ein Wägelchen von weißem Holz unterscheiden, überspannt von drei Reifen und einer schwarzen Wachsleinwand. Es glich einer kleinen Wiege, die man auf zwei Räder gesetzt hat. Letztere drangen bis zur Achse in den Schlamm; ein kleines Maultier, das das Fuhrwerk zog, wurde von einem Mann getrieben, der nebenher ging und den Zügel hielt. Ich näherte mich und betrachtete ihn aufmerksam.

Es war ein Mann von etwa fünfzig Jahren mit weißem Schnurrbart, er war groß und stark und hatte einen gewölbten Rücken wie die alten Infanterieoffiziere, die den Tornister getragen haben. Er trug auch die Uniform eines solchen, und man sah die Epaulette eines Bataillonschefs unter dem abgetragenen, kurzen blauen Mantel. Sein Gesicht war hart aber gut, wie so oft bei alten Soldaten. Er sah mich unter seinen großen, schwarzen Brauen von der Seite an, zog flink aus seinem Wagen eine Flinte, deren Hahn er spannte, und ging auf die andere Seite seines Maultieres hinüber, um es als Deckung zu benutzen. Da ich seine weiße Kokarde gesehen hatte, zeigte ich nur den Ärmel meines roten Waffenrocks, und er legte die Flinte wieder in den Wagen und sagte:

»Ah, das ist etwas anderes; ich hielt Sie für einen jener Marodeure, die uns nachlaufen, wollen Sie einen Schluck?«

»Gern,« sagte ich näherkommend, »seit vierundzwanzig Stunden habe ich keinen Tropfen getrunken.«

Er trug um den Hals eine sehr hübsch zu einer Flasche geschnitzte Kokosnuß mit einem silbernen Hals, auf die er nicht wenig eitel zu sein schien. Er reichte sie mir, und ich trank daraus ein wenig gewöhnlichen Weißwein mit viel Behagen und gab sie ihm zurück.

»Auf die Gesundheit des Königs!« sagte er, in dem er ansetzte; »er hat mich zum Offizier der Ehrenlegion gemacht, und es ist billig, daß ich ihm bis an die Grenze folge. Da ich nichts als meine Epauletten zum Leben habe, werde ich nachher mein Bataillon wieder übernehmen; das ist meine Pflicht.«

So wie zu sich selbst redend, setzte er sein kleines Maultier wieder in Gang und sagte, daß wir keine Zeit zu verlieren hätten, und da ich ganz seiner Meinung war, machte ich mich auch wieder auf den Weg, zwei Schritte von ihm. Ich betrachtete ihn immer, ohne ihn etwas zu fragen, da ich nie die geschwätzige Neugier geliebt habe, die unter uns so häufig ist.

Wir legten so ohne etwas zu sagen eine Viertelmeile zurück. Als er dann anhielt, um sein armes kleines Maultier, das ich nicht ohne Bedauern ansehen konnte, verschnaufen zu lassen, hielt ich ebenfalls an und versuchte, das Wasser aus meinen Reiterstiefeln zu entfernen, worin meine Beine wie in zwei Regenröhren steckten.

»Ihre Stiefel scheinen Ihnen an den Füßen zu kleben,« sagte er.

»Seit vier Nächten bin ich nicht aus ihnen herausgekommen.«

»Bah, in acht Tagen werden Sie nichts mehr davon spüren,« erwiderte er mit seiner heiseren Stimme. »In Zeiten wie die unsern allein zu sein und nur für sich sorgen zu müssen, was will das sagen? wissen Sie, was ich da drinnen habe?«

»Nein.«

»Eine Frau.«

»Ah,« machte ich, ohne großes Staunen zu verraten, und setzte langsam meinen Weg fort. Er folgte.

»Diese schlechte Karre da,« fing er wieder an, »hat nicht viel gekostet und das Maultier auch nicht; aber sie genügen, obgleich dieser Weg ein etwas langes Ende ist.«

Ich bot ihm an, mein Pferd zu besteigen, wenn er müde wäre, und da ich nur ernst und ohne Spott von seinem Fuhrwerk sprach, durch das er sich offenbar lächerlich zu machen fürchtete, wurde er plötzlich zutraulich und sich meinem Steigbügel nähernd, klopfte er mir aufs Knie und sagte:

»Nun ja, Sie sind ein guter Junge, wenn Sie auch zu den ›Roten‹ gehören.«

So nannte er die vier roten Leibkompagnien, und ich erkannte aus seinem bittern Ton, wie viel gehässiges Vorurteil der Luxus und die Haltung der Offiziere dieser Kompagnien in der Armee geweckt hatten.

»Dennoch,« fuhr er fort, »werde ich Ihr Anerbieten nicht annehmen; denn ich kann nicht reiten und brauche es auch nicht.«

»Aber, Kommandant, die höheren Offiziere wie Sie müssen doch reiten.«

»Bah, einmal im Jahre, bei der Besichtigung, und noch dazu auf einem Mietgaul! Ich bin immer Seemann gewesen und dann Fußsoldat; reiten kann ich nicht.«

Er ging etwa zwanzig Schritte weiter und sah mich dann und wann von der Seite an, als wenn er eine Frage erwartete, und da keine erfolgte, fuhr er fort:

»Sie sind wirklich nicht neugierig. Es dürfte Sie doch wundernehmen, was ich da sagte.«

»Ich bin überhaupt selten erstaunt,« sagte ich.

»O, wenn ich Ihnen erzählen würde, warum ich den Seedienst verlassen habe, wollen wir doch sehen!«

»Nun,« sagte ich, »versuchen Sie es doch! Das wird Sie wieder warm machen und mich vergessen lassen, daß mir der Regen vom Rücken herunter bis auf die Fersen läuft.«

Der gute Bataillonschef machte sich feierlich zum Erzählen fertig mit kindlichem Vergnügen. Er setzte seinen mit Wachstuch überzogenen Tschako zurecht und tat jenen Schulterruck, den niemand sich vorstellen kann, der nicht bei der Infanterie gedient hat, jenen Ruck, den der Fußsoldat seinem Tornister gibt, um ihn hochzustoßen und einen Augenblick sein Gewicht zu erleichtern; eine Gewohnheit des Soldaten, die er auch als Offizier beibehält. Nach dieser krampfhaften Bewegung trank er noch einen Schluck aus seiner Kokosnuß, gab seinem Maultier mit dem Fuß einen Ermunterungsstoß und begann:

 

II.

»Sie sollen zunächst erfahren, mein Lieber, daß ich in Brest geboren bin; ich war Regimentskind und bekam vom neunten Jahre ab die halbe Ration und den halben Sold, da mein Vater Soldat bei der Garde war. Doch ich liebte das Meer über alles. In einer schönen Nacht, als ich in Brest auf Urlaub war, versteckte ich mich im untersten Schiffsraum eines Kauffahrteischiffes, das gerade nach Indien abfahren sollte. Man entdeckte mich erst auf hoher See, und der Kapitän hielt es für besser, mich zum Schiffsjungen zu machen als mich ins Meer zu werfen. Als die Revolution kam, hatte ich meinen Weg bereits gemacht, war Kapitän eines kleinen schmucken Kauffahrzeuges geworden und schwamm schon fünfzehn Jahre auf dem Wasser. Da die ehemalige königliche Marine – eine gute alte Marine fürwahr! – plötzlich von Offizieren entblößt war, nahm man die Kapitäne der Handelsmarine dazu. Ich hatte einige Kämpfe mit den Seeräubern bestanden, die ich Ihnen vielleicht später einmal erzähle: man gab mir das Kommando eines Kriegsschiffes, das den Namen ›Marat‹ führte.

Am 28. Fruktidor erhielt ich den Befehl, nach Cayenne klarzumachen. Ich sollte sechzig Soldaten hinbringen und einen zur Deportation Verurteilten, der von den einhundertdreiundneunzig übrig geblieben war, die einige Tage vorher die Fregatte ›Décade‹ an Bord genommen hatte. Ich hatte Befehl, diesen Mann mit Schonung zu behandeln, und die Order des Direktoriums enthielt einen zweiten Brief, verschlossen mit drei roten Siegeln, von denen das mittlere ungewöhnlich groß war. Es war mir verboten, dies zweite Schreiben vor dem ersten Grad nördlicher Breite und dem achtundzwanzigsten Längengrade, d. h. vor dem Überschreiten der Linie zu öffnen.

Dieser Brief sah ganz seltsam aus. Er war länglich und so dicht umschlossen, daß man weder an den Ecken noch sonst durch den Umschlag hindurch etwas lesen konnte. Ich bin nicht abergläubisch; aber er war mir unheimlich, dieser Brief. Ich steckte ihn unter das Glas der kleinen, gewöhnlichen englischen Wanduhr, die in meiner Kabine über meinem Bett hing. Das Bett war ein echtes Seemannsbett, wie Sie solche wohl kennen. Aber wo habe ich denn meine Gedanken! Sie sind höchstens sechzehn Jahre und können so etwas nicht gesehen haben.

Ohne uns rühmen zu wollen, das Zimmer einer Königin kann nicht so sauber in Ordnung sein wie die Kajüte eines Seemanns. Jedes Ding hat seinen kleinen Platz und seinen kleinen Nagel. Nichts kommt von der Stelle. Das Schiff kann rollen soviel es will, ohne daß etwas in Unordnung kommt. Die Möbel sind der Form des Schiffes und des kleinen Kajütenraumes angepaßt. Mein Bett war eine Art Koffer; wenn offen, schlief ich darin, wenn geschlossen, war es mein Sofa, und ich rauchte da meine Pfeife. Mitunter diente es mir auch als Tisch; dann setzte ich mich auf zwei Tönnchen, die in der Kajüte standen. Der Fußboden war gewachst und gebohnt wie Mahagoni und glänzte wie ein Spiegel. O, es war eine nette kleine Kajüte. Und die Brigg war auch wirklich nicht übel. Es lebte sich vergnügt darauf, und auch diese Reise fing recht angenehm an, wenn nur nicht der Brief ... Aber greifen wir nicht vor.

Wir hatten einen hübschen Nordnordwest, und ich wollte gerade den bewußten Brief unter das Glas meiner Wanduhr stecken, als mein Mann in die Kajüte trat, an der Hand ein hübsches kleines Weib von etwa siebzehn Jahren. Er sei neunzehn Jahre, sagte er mir; ein hübscher Junge, obwohl ein wenig blaß und zu zart für einen Mann. Er war aber ein Mann, und zwar einer, der sich mit seinem Geschick besser abfand, als viele ältere es vermocht hätten; Sie werden ja sehen. Er hielt sein Frauchen unter dem Arm; sie war frisch und fröhlich wie ein Kind. Wie zwei Turteltauben kamen sie mir vor; sie zu sehen tat meinem Herzen wohl. Ich sagte:

›Schön, meine Kinder, ihr wollt eurem alten Kapitän einen Besuch machen; das ist hübsch von euch. Ich führe euch ein bißchen weit weg; aber um so besser, wir werden Zeit haben, uns kennen zu lernen. Es tut mir leid, daß ich die Madame in Hemdärmeln empfange, aber daran ist das Untier von Brief schuld, das ich eben hier oben festmache, wenn ihr mir ein wenig helfen wollt ... ‹

Das taten sie denn auch. Der junge Mann nahm den Hammer, die kleine Frau die Nägel, und sie reichten mir sie, je nachdem ich sie verlangte, und sie rief: Rechts, links, Kapitän, immer lachend und es immer wiederholend, da das Stampfen des Schiffes meine Wanduhr zu verschieben schien. Ich höre noch die liebe Stimme: Links, rechts! Kapitän. Sie trieb ihren Spaß mit mir ›Warten Sie, kleiner Schelm!‹ sagte ich, ›ich werde Sie von Ihrem Mann ausschelten lassen!‹ Da fiel sie ihm um den Hals und küßte ihn. Sie waren wirklich allerliebst, und die Bekanntschaft machte sich leicht. Wir wurden gleich gute Freunde.

Es war wirklich eine fröhliche Fahrt. Das Wetter war eigens für uns gemacht. Da ich immer nur finstere Gesichter an Bord gehabt hatte, ließ ich jeden Tag meine beiden kleinen Liebesleute zu Tisch kommen. Es war mir wirklich ergötzlich. Wenn wir den Biskuit und den Fisch gegessen hatten, sahen die beiden sich in einem fort an, als hätten sie sich nie gesehen. Dann fing ich von Herzen an zu lachen und neckte sie. Sie lachten mit mir. Wer uns gesehen hätte, würde uns für drei Unkluge gehalten haben, die nicht wußten, was sie vorhatten. Es war wirklich spaßig zu sehen, wie gut sie sich waren. Es gefiel ihnen augenscheinlich prächtig bei uns auf dem Schiff. Sie fanden alles wunderschön, was man ihnen gab, und doch bekamen sie nur ihre Ration wie alle übrigen; ich gab nur ein wenig schwedischen Schnaps extra, aber nur ein kleines Glas, um mein Ansehen zu wahren. Sie schliefen in Hängematten, wo das Schiff sie schüttelte, wie ich hier die zwei Birnen in meinem nassen Taschentuch. Sie waren froh und schienen mir nichts Besonderes zu erzählen zu haben, und ich fragte auch nicht, Was brauchte ich ihren Namen und ihre Angelegenheiten zu wissen. Ich war doch nur ihr Fährmann! Ich brachte sie übers Meer, wie ich zwei Paradiesvögel hinüber gebracht hätte.

Nach einem Monat hatte ich mich schon gewöhnt, sie als meine Kinder zu betrachten. Immer wenn ich sie rief, kamen sie und setzten sich zu mir, Der junge Mann schrieb an meinem Tische, will sagen auf meinem Bette, und wenn ich wollte, half er mir die Höhe nehmen. Das konnte er bald ebensogut wie ich, so daß ich mitunter ganz erstaunt darüber war. Die junge Frau setzte sich auf eine kleine Tonne daneben und nähte.

Als sie eines Tages so bei mir saßen, sagte ich zu ihnen:

»Wißt ihr, meine kleinen Freunde, daß wir ein richtiges Familienbild darstellen, wie wir hier sitzen. Ich will euch nicht ausfragen; aber wahrscheinlich habt ihr nicht Geld im Überfluß, und ihr seid dabei zu zart, um zu graben und zu hacken, wie es die Deportierten in Cayenne tun müssen. Es ist ein böses Land, bei meiner Seele, sage ich euch; aber ich alter, von der Sonne ausgedörrter Seewolf, würde dort leben wie ein Herrgott. Wenn ihr, wie es mir fast scheint (ohne in euch dringen zu wollen), ein wenig Freundschaft für mich empfindet, würde ich recht gern meine alte Brigg, die nur noch ein Holzschuh ist, verlassen und mich mit euch da niederlassen, wenn's euch recht ist. Ich habe keine Familie mehr; das ist langweilig. Ihr würdet mir eine liebe Gesellschaft sein, und ich würde euch in vielen Dingen nützlich sein können. Auch habe ich ein nettes Sümmchen zurückgelegt, wovon wir leben könnten, und das ich euch hinterlassen würde, wenn ich das Zeitliche segne, wie man so sagt.«

Sie sahen sich ganz verdutzt an und schienen anfangs nicht zu glauben, daß ich im Ernst spräche. Und die kleine Frau fiel ihrem Mann um den Hals und setzte sich auf seinen Schoß, wurde ganz rot vor Erregung und fing an zu weinen. Er schloß sie fest in seine Arme, und auch seine Augen füllten sich mit Tränen. Dann reichte er mir die Hand und war noch blasser als gewöhnlich. Sie sprach leise mit ihm, und ihr volles blondes Haar fiel auf seine Schulter. Der Haarknoten im Nacken löste sich dabei; denn sie war lebhaft wie ein kleiner Fisch, wenn Sie es gesehen hätten, dies Haar! Es war lauter Gold. Da sie nicht aufhörten zu flüstern, wobei der junge Mann ihr ab und zu die Stirn küßte und sie immerfort weinte, wurde ich endlich ungeduldig.

»Nun, was sagt ihr dazu?« fragte ich endlich.

»Aber ..., aber Kapitän, Sie sind sehr gütig; Sie können doch unmöglich mit Deportierten dort leben ... und ...« er schlug die Augen nieder.

»Was Sie verbrochen haben, um deportiert zu werden, weiß ich nicht,« sagte ich. »Sie können es mir ja später einmal erzählen, wenn Sie wollen. Aber ihr seht nicht aus, als hättet ihr viel auf dem Gewissen, und ich bin sicher, daß ich viel Schlimmeres in meinem Leben verbrochen habe als ihr. Ihr armen, unschuldigen Kinder! Zwar solange ihr unter meiner Bewachung seid, werde ich euch nicht entschlüpfen lassen; ich würde euch eher den Hals abschneiden wie zwei Tauben. Sind aber einmal die Epauletten abgelegt, so schert mich länger weder Admiral noch sonst etwas.

»Nur fürchte ich,« entgegnete er, indem er traurig den braunen Kopf schüttelte, der nach der Mode der Zeit leicht mit Puder bestreut war, »nur fürchte ich, daß es für Sie gefährlich wäre, Kapitän, für uns Interesse zu haben. – Wir lachen, weil wir jung sind, und sind glücklich, weil wir uns lieb haben; aber dazwischen habe ich schlimme Augenblicke, wenn ich an die Zukunft denke. Was soll aus meiner armen Laura werden?!« Und wieder zog er den Kopf des jungen Weibes an seine Brust.

»Nicht wahr, mein Kind, das mußte ich dem Kapitän sagen; das hättest du auch getan, nicht?« –

Ich nahm meine Pfeife und stand auf, weil ich fühlte, daß meine Augen ein wenig naß wurden, und das schien mir unpassend.

»Nun, nun,« sagte ich, »das wird sich später finden. Wenn der Tabak Madame belästigt, entfernt sie sich besser.«

Sie stand auf, das Gesicht über und über in Feuer und ganz naß von Tränen, wie ein Kind, das man gescholten hat.

»Und an den Brief,« sagte sie, indem sie meine Wanduhr ansah, »denkt ihr wohl beide gar nicht.«

Diese Worte gingen mir durch und durch, und ich fühlte gewissermaßen einen Schmerz in den Haarwurzeln.

»Bei Gott, daran dachte ich wirklich nicht mehr,« sagte ich. »Eine schöne Geschichte! wenn wir jetzt den ersten Grad Norderbreite schon überschritten hätten, würde mir nichts weiter übrig bleiben als ins Wasser zu gehen. Ein Glück wirklich, daß die Kleine mich an diesen dummen Brief erinnert.«

Rasch sah ich auf meiner Seekarte nach, und als ich fand, daß wir bis dahin wenigstens noch eine Woche vor uns hatten, beruhigte sich mein Kopf, aber nicht mein Herz; warum, wußte ich nicht.

»Das Direktorium versteht keinen Spaß inbezug auf den Gehorsam,« sagte ich. »Nun diesmal geht's noch gut; die Zeit ist mir so schnell vergangen, daß ich meine Order bald vergessen hätte.«

Gleichzeitig erhoben wir alle drei den Kopf, um den Brief anzusehen, als ob er etwas sagen könnte. Gerade in demselben Augenblick fiel die Sonne durch das Fenster und beleuchtete das Glas der Uhr, so daß das große rote Siegel auf dem Brief aussah wie ein Gesicht, glühend von Feuer.

»Sieht er nicht aus, als ob die Augen ihm aus dem Kopfe träten?« sagte ich, um sie zu erheitern.

»O, mein Freund,« sagte sie, »mir kommen die Siegel vor wie Blutflecke.«

»Bah, bah,« sagte ihr Mann, indem er ihren Arm nahm, »du irrst dich, Laura, der Brief sieht aus wie eine Einladungskarte zu einer Hochzeit. Ruhe dich aus, komm! Was kümmert uns der Brief.«

Sie liefen davon, als wenn ein Gespenst hinter ihnen her wäre, und stiegen aufs Hinterdeck. Ich blieb allein mit dem unheimlichen Brief, und während ich meine Pfeife rauchte, mußte ich ihn immerfort ansehen, als wenn seine roten Augen die meinigen gebannt hielten wie Schlangenaugen, und das große Siegel (erschien mir) sah aus wie ein gähnender Wolfsrachen ... Das verursachte mir Unbehagen; ich verdeckte die Uhr mit meinem Mantel, um weder sie noch den verfluchten Brief zu sehen.

Dann ging ich hinauf, meine Pfeife oben auszurauchen und blieb dort bis in die Nacht.

Wir befanden uns auf der Höhe der Capverdischen Inseln. Der ›Marat‹ lief vor dem Winde bequem seine zehn Knoten. Die Tropennacht war die schönste, die ich je erlebte. Der Mond stieg auf am Horizont, groß wie eine Sonne. Das Meer zerschnitt ihn in zwei Teile und glitzerte wie eine mit Demanten übersäte Schneefläche. Mit Entzücken genoß ich dies Bild von meiner Bank aus, behaglich meine Pfeife rauchend. Der wachthabende Offizier und die Matrosen schwiegen ebenfalls und betrachteten wie ich den Schatten der Brigg auf der funkelnden Wasserfläche. Ich freute mich dieses Schweigens; denn ich liebe die Ruhe und die Ordnung und hatte überhaupt während der Nacht Lärm und Licht verboten. Doch da sah ich einen schmalen Lichtstreifen fast unter meinen Füßen. Ich wollte schon heftig in Zorn geraten; aber da meine beiden kleinen Deportierten die Missetäter waren, wollte ich doch erst nachsehen, was sie so spät noch machten. Ich brauchte mich nur zu bücken und konnte durch einen großen Spalt in die kleine Kabine hineinsehen, und ich tat es.

Die junge Frau lag auf den Knien und betete. Das Licht einer kleinen Lampe beschien sie. Sie war im Nachtgewand. Ich sah von oben ihre nackten Schultern, ihre kleinen, nackten Füße und ihr langes, blondes, ganz gelöstes Haar. Erst wollte ich mich zurückziehen; aber ich sagte mir: »Bah, ein alter Soldat, was macht das.« Und ich blieb, sie weiter zu belauschen.

Ihr Mann saß auf einem Koffer, das Haupt in den Händen und sah auf die Betende. Sie hob den Kopf wie zum Himmel, und ihre großen blauen Augen erglänzten feucht wie die einer Magdalena. Während sie noch betete, nahm er das Ende ihres langen Haares und küßte es unvermerkt. Als ihr Gebet zu Ende, machte sie das Zeichen des Kreuzes und lächelte selig, als ging's ins Paradies. Auch er schlug das Kreuz, heimlich, als wenn er sich dessen schämte.

Nun stand sie auf und umarmte ihn, und er hob sie in die Hängematte, sanft wie man ein Kind in die Wiege legt. Bei der drückenden Hitze fühlte sie sich durch das Schaukeln des Schiffes angenehm gewiegt und schien gleich zu schlafen. Ihre kleinen weißen Füße lagen gekreuzt in gleicher Höhe mit dem Kopf, ein langes, weißes Nachtgewand umhüllte ihre schlanke Gestalt. Ein liebliches Bild, was?

»Mein Freund,« sagte sie halb im Schlaf, »bist du noch nicht müde? weißt du, daß es schon recht spät ist.«

Er hatte noch immer den Kopf gestützt und antwortete nicht. Das beunruhigte die gute Kleine ein wenig, und sie steckte ihren hübschen Kopf aus der Hängematte wie der Vogel aus dem Nest und betrachtete ihn mit offenem Munde ohne zu sprechen.

Endlich fing er an: »Ach, meine liebe Laura, je näher wir Amerika kommen, kann ich's nicht hindern, immer trauriger zu werden. Ich weiß nicht warum; aber mir schwant, als wenn diese Überfahrt die glücklichste Zeit unseres Lebens wäre.«

»Das glaube ich auch,« sagte sie, »ich wollte, sie ginge nie zu Ende.«

Die Hände faltend, blickte er sie an mit einer Zärtlichkeit, die Sie sich nicht vorstellen können.

»Und doch, mein Engel, du weinst immer, wenn du zu Gott betest, und das betrübt mich sehr; denn ich weiß wohl, an wen du dann denkst, und ich glaube fast, du bedauerst, daß du mir gefolgt bist.«

»Ich bedauern,« sagte sie mit sehr ernster Miene, »ich bedauern, dir gefolgt zu sein, mein Freund?! Glaubst du, weil wir uns erst so kurze Zeit angehörten, daß du mir darum weniger teuer warst? Kennt man nicht seine Pflicht als Frau auch schon mit siebzehn Jahren? Und haben nicht meine Mutter und meine Schwestern auch gesagt, es wäre meine Pflicht, dir nach Guyana zu folgen? Sie sahen darin durchaus nichts Besonderes, und es wundert mich nur, mein Freund, daß du darin etwas findest; das ist doch alles ganz selbstverständlich. Wie kommst du nur darauf zu glauben, daß ich etwas bedauern sollte, da ich bei dir bin, dein Leben zu teilen, oder mit dir zu sterben, wenn es denn sein muß.«

Sie sagte das alles mit einer so süßen Stimme, daß man Musik zu hören glaubte.

»Gute, kleine Frau, du!« sagte ich.

Der junge Mann seufzte und küßte die hübsche kleine Hand, die sie ihm reichte.

»O, Laurette, meine Laurette,« sagte er, »wenn ich bedenke, daß, wenn wir unsre Hochzeit vier Tage aufgeschoben hätten, man mich allein festgesetzt hätte und ich allein hätte reisen müssen, kann ich es mir nicht verzeihen.«

Da streckte die schöne Kleine ihre hübschen weißen Arme aus der Hängematte und strich ihm liebkosend über Stirn, Haar und Augen. Dann nahm sie seinen Kopf zwischen ihre Hände und barg ihn an ihrer Brust. Sie lächelte wie ein Kind und sagte ihm eine Menge Zärtlichkeiten, wie ich niemals dergleichen gehört hatte. Dabei hielt sie ihm den Mund zu, um ganz allein zu reden und trocknete mit ihrem langen Haar seine Tränen.

»Ist es nicht besser,« sagte sie, »daß du eine Frau bei dir hast, die dich liebt? Sage, mein Freund. Ich gehe sehr gern nach Cayenne; ich werde dort Wilde sehen und Kokospalmen wie in Paul und Virginie, nicht wahr? wir werden uns jeder eine pflanzen und sehen, wer der bessere Gärtner ist. Und eine kleine Hütte wollen wir uns bauen, und den ganzen Tag und die ganze Nacht will ich arbeiten. Ich bin stark, was? sieh meine Arme, ich könnte dich fast hochheben. So lache doch nicht! Übrigens kann ich auch sehr gut sticken, und es wird da wohl eine Stadt sein, wo man Stickerinnen braucht. Auch Zeichen- und Musikstunden geben, wenn es daraus ankommt; und wenn die Menschen dort lesen können, wirst du schreiben.«

Als sie das sagte, geriet der arme Mann so in Verzweiflung, daß er hell aufschrie.

»Schreiben!« rief er, »schreiben!«

Und er faßte die rechte Hand mit der linken und zog am Handgelenk. »Ach, schreiben! warum habe ich es je gelernt? Schreiben! Das ist das Tun eines Narren. Ich habe an ihre Preßfreiheit geglaubt! Wo hatte ich meinen Verstand? Ach, und warum es tun? Fünf oder sechs armselige, recht mittelmäßige Gedanken drucken lassen, die nur von den Gleichgesinnten gelesen und von denen, die andrer Meinung sind, ins Feuer geworfen werden, und dann dafür solche Verfolgung erdulden! Was ist noch an mir gelegen; aber du, mein Engel, seit vier Tagen kaum meine Frau! Was hattest du getan? Wie konnte ich nur erlauben, daß du deinen Edelmut so weit triebst, mir hierher zu folgen. Weißt du überhaupt, wo du bist, arme Kleine? Und wohin du gehst, weißt du es? Bald, mein Kind, wirst du sechzehnhundert Meilen von deiner Mutter und deinen Schwestern entfernt sein, und das alles für mich! für mich!«

Sie verbarg ihr Haupt einen Augenblick in der Hängematte, und ich sah von oben, daß sie weinte. Er, der unten stand, konnte ihr Gesicht nicht sehen, und als sie sich aufrichtete, lächelte sie schon wieder, um ihn aufzuheitern.

»Wirklich, wir sind augenblicklich nicht reich,« sagte sie, indem sie hell auflachte. »Da, sieh meine Börse, ich habe nur noch einen einzigen Louisdor, und du?«

Er fing ebenfalls an zu lachen wie ein Kind.

»Wahrhaftig, ich hatte noch einen Taler, aber ich habe ihn dem kleinen Jungen gegeben, der deinen Koffer zum Schiff trug.«

»Ah bah, was tut's!« rief sie, indem sie mit ihren kleinen weißen Fingern wie mit Kastagnetten knippste, »man ist nie vergnügter, als wenn man nichts hat. Auch habe ich noch die beiden Diamantringe, die meine Mutter mir gegeben hat, die sind immer und überall zu gebrauchen, nicht wahr? wir können sie ja verkaufen, wenn es sein muß. Übrigens glaube ich, daß der liebe gute Kapitän uns nicht alles gesagt hat, was er weiß; er wird wohl wissen, was in dem Brief dort steht. Es ist gewiß eine Empfehlung für uns an den Gouverneur von Cayenne.«

»Vielleicht,« entgegnete er, »wer weiß.«

»Nicht wahr?« fuhr die kleine Frau fort, »du bist so gut; die Regierung hat dich sicherlich nur für kurze Zeit verbannt, aber zürnt dir sonst nicht.«

Es klang so niedlich, als sie mich den lieben, guten Kapitän nannte, daß ich davon ganz gerührt wurde, und der Gedanke, daß sie vielleicht den Inhalt des versiegelten Briefes richtig erraten hätte, machte mir herzliche Freude. Sie wollten sich von neuem umarmen, da trat ich hart mit dem Fuße auf und rief ihnen zu:

»Ah, sagt doch, meine kleinen Freunde, alles Licht auf dem Schiffe soll ausgelöscht sein. Löscht gefälligst eure Lampe aus.«

Sie taten es, und ich hörte sie lachen und ganz leise im Dunkeln plaudern wie zwei Schüler. Ich begann wieder, auf dem Oberdeck auf und ab zu gehen, und rauchte meine Pfeife weiter. Alle Sterne des Tropenhimmels waren auf ihrem Posten, groß wie kleine Monde. Ich betrachtete sie und atmete mit Behagen die herrliche frische Luft. Der Gedanke kam mir wieder, daß die guten Kleinen sicherlich die Wahrheit erraten hätten, und er machte mich ganz froh. Es war wohl anzunehmen, daß einer der fünf Direktoren sich eines Besseren besonnen und sie mir empfahl. Es war mir nicht recht klar weshalb? weil ich von Staatsgeschäften nie etwas begriffen habe; genug, ich glaubte es und war beruhigt und zufrieden.

Ich stieg hinunter in meine Kajüte und betrachtete wieder den Brief unter meinem alten Mantel. Er machte jetzt ein ganz anderes Gesicht: er schien zu lachen, und die Siegel erschienen mir rosenfarbig. Ich zweifelte nicht, daß er Gutes enthielte und nickte ihm freundlich zu. Trotzdem hängte ich den Rock wieder darüber; leiden mochte ich ihn doch nicht.

Tagelang dachten wir gar nicht mehr an ihn und waren heiter und froh. Aber als wir uns dem ersten Breitengrade näherten, verging uns doch die Fröhlichkeit.

Eines schönen Morgens erwachte ich und war erstaunt, gar keine Bewegung im Schiff zu spüren, wirklich schlief ich immer nur mit einem Auge, wie man sagt; und da mir das Schaukeln des Schisses fehlte, öffnete ich beide Augen. Richtig! wir waren in eine Windstille geraten und befanden uns auf dem ersten Grad nördlicher Breite und dem 27. Längengrade. Ich steckte die Nase aufs Deck; das Meer war glatt wie ein Napf voll Öl. Die Segel hingen an den Masten wie leere Säcke. Ach, sagte ich, nun werde ich Zeit haben, dich zu lesen, indem ich den Brief von der Seite anschielte. Dennoch verschob ich es noch bis zum Abend; aber endlich mußte es ja doch sein: ich öffnete die Uhr und zog hastig den versiegelten Brief daraus hervor. Ja, mein Lieber, können Sie sich denken, daß ich ihn eine Viertelstunde in der Hand hielt und es nicht über mich gewinnen konnte, ihn zu lesen. »Das geht zu weit!« sagte ich mir endlich und brach die drei Siegel mit einem Druck des Daumens, und das große rote Siegel zerrieb ich zu Staub ...

Nachdem ich gelesen, rieb ich mir die Augen; denn ich glaubte, mich getäuscht zu haben.

Ich las den ganzen Brief noch einmal und nochmal, und dann von hinten nach vorne. Ich glaubte nicht daran. Meine Beine zitterten, und ich mußte mich setzen. Ich fühlte ein Zucken im Gesicht und rieb mir die Backen mit Rum und goß auch davon in die hohlen Hände. Dabei empfand ich Ärger über diese meine Ergriffenheit. Aber das alles war Sache eines Augenblicks; dann stieg ich hinauf, um Luft zu schöpfen.

Laurette war diesen Tag so schön, daß ich mich ihr nicht nähern mochte. Sie hatte ein einfaches, weißes Kleid mit kurzen Ärmeln an und trug ihr langes Haar lose wie gewöhnlich. Sie vergnügte sich damit, ein anderes Kleid an einem Strick durchs Meer zu ziehen und damit die weintraubenähnlichen Algen aufzufischen; die auf den Tropengewässern schwimmen.

»Sieh doch die Trauben! komm schnell!« rief sie. Und ihr Freund lehnte sich über sie, aber er sah nicht ins Wasser, weil er die Augen nicht von ihr wenden konnte.

Ich gab dem jungen Manne ein Zeichen, mit mir nach hinten zu kommen. Sie hatte es bemerkt. Ich weiß nicht, was für ein Gesicht ich machte; aber sie ließ das Tau los, faßte ihn heftig am Arme und rief:

»O, geh nicht hin; er ist ganz bleich!«

Das konnte wohl sein; Ursache war dazu vorhanden.

Er ging jedoch mit mir nach dem Hinterdeck. Die kleine Frau lehnte sich an den großen Mast und schaute nach uns hin. wir gingen lange Zeit auf und ab, ohne etwas zu sagen. Ich rauchte eine Zigarre, fand sie aber bitter und spuckte sie ins Meer. Ängstlich hängen seine Augen an mir – es mußte sein – ich ergriff seinen Arm: ich erstickte, mein Ehrenwort darauf, ich war dem Ersticken nahe.

»Ja, was ich noch sagen wollte,« begann ich endlich, »erzählen Sie mir doch, mein lieber Freund, erzählen Sie mir doch ein wenig Ihre Geschichte, was zum Teufel haben Sie denn eigentlich diesen Hunden von Advokaten getan, die sich wie fünf Könige aufspielen. Es scheint, daß sie auf Sie sehr erbost sind! Das ist komisch!«

Er zuckte die Achseln, senkte das Haupt (wie sanft sah er aus, der arme Junge) und sagte:

»O mein Gott, Kapitän, nichts Bedeutendes fürwahr, drei Spottlieder auf das Direktorium, das ist alles.«

»Nicht möglich!« rief ich.

»Bei Gott, doch! Und die Lieder taugten nicht mal was!

Ich wurde am 15. Fruktidor verhaftet und ins Gefängnis La Force gebracht. Am 16. wurde mir der Prozeß gemacht; ich wurde zum Tode verurteilt und nachher zur Deportation begnadigt.«

»Das ist sehr komisch,« sagte ich. »Die Direktoren sind sehr empfindliche Burschen, denn jener Brief, daß Sie's wissen, gibt mir den Befehl, Sie zu erschießen.«

Er sagte nichts, er lächelte. Für einen jungen Menschen von 19 Jahren bewahrte er eine sehr gute Fassung. Er sah seine Frau an und trocknete sich die Stirn, von der die Schweißtropfen herniederrannen. Auch ich hatte solche auf der Stirn und andere Tropfen in den Augen. Ich sagte:

»Es scheint, jene Bürger wollten Eure Angelegenheit nicht auf dem Lande erledigen; sie haben gedacht, daß es hier weniger auffallen würde. Aber für mich ist das sehr traurig; denn ein so guter Junge Sie sind, ich kann nicht darum herum; das Todesurteil ist in bester Ordnung, und der Befehl zur Ausführung unterzeichnet, begründet, versiegelt; es fehlt nichts daran.«

Er verbeugte sich sehr höflich und errötete.

»Ich bitte nichts, Kapitän,« sagte er mit seiner gewöhnlichen sanften Stimme; es könnte mir gar nicht einfallen, Sie veranlassen zu wollen, Ihre Pflicht zu verletzen. Ich möchte nur noch ein wenig mit Laura sprechen und Sie bitten, sie zu beschützen, im Falle, daß sie mich überleben sollte, was ich zwar nicht glaube.«

»O, was das anlangt, verlassen Sie sich nur ganz auf mich, mein armer Junge!« sagte ich. »wenn es Ihnen recht ist, werde ich sie bei meiner Rückkehr nach Frankreich zu ihrer Familie bringen und will sie nicht eher verlassen, als bis sie mich fortschickt. Aber nach meinem Gefühl können Sie darüber ganz ruhig sein; sie wird diesen Schlag nicht überleben, die arme kleine Frau.«

Er faßte meine beiden Hände, schüttelte sie und sagte: »Mein braver Kapitän, Sie leiden wohl gar mehr unter diesem Befehl als ich selber. Aber was können wir dabei machen? Ja, ja, ich rechne auf Sie, daß Sie ihr das wenige erhalten, was mir gehört, und daß ihr zuteil werde, was ihre alte Mutter ihr vielleicht hinterläßt, nicht wahr? Sie werden ihr Leben, ihre Ehre behüten, nicht wahr? und dafür sorgen, daß immer ihre Gesundheit in acht genommen werde. Halt! fügte er leiser hinzu, ich muß Ihnen sagen, sie ist sehr zart; sie leidet an Atemnot bis zum Ohnmächtigwerden mehrere Male am Tag; sie muß sich immer gut warm halten. Kurz, Sie werden ihr Vater, Mutter und Gatten so gut wie möglich ersetzen, nicht wahr? wenn sie die Ringe behalten könnte, die ihre Mutter ihr gegeben hat, würde mich das freuen. Aber wenn man sie zu ihrem Besten verkaufen muß, dann in Gottes Namen. Meine arme Laurette! Sehen Sie nur, wie schön sie ist!«

Ich hielt es nicht mehr aus, so rührend wurde es. Ich hatte bis dahin mit einer heiteren Miene zu ihm gesprochen, um nicht schwach zu werden. Aber es ging nicht länger; ich runzelte die Stirn und sagte: »Hören Sie endlich auf; unter braven Menschen versteht sich das alles von selbst. Sprechen Sie mit ihr, und beeilen wir uns.«

Ich schüttelte ihm freundschaftlich die Hand, und da er mich nicht losließ und mich mit einer eigenen Miene ansah, fügte ich hinzu: »wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, sprechen Sie nicht mit ihr davon, wir werden die Sache so einrichten, daß sie nichts davon merkt, und Sie auch nicht. Lassen Sie das meine Sorge sein, und seien Sie ganz gefaßt!«

»Ach ja,« sagte er, »das ist besser; ich dachte nicht daran. Das ist wirklich viel besser! Ach, der Abschied, der Abschied! Das wirft einen um.«

»Ja, ja,« suchte ich ihn zu beruhigen, »seien Sie kein Kind! es ist wirklich besser so. Nur nicht umarmen, wenn es irgend geht, sonst sind Sie verloren.«

Ich drückte ihm nochmals die Hand und ließ ihn gehen. O, es war hart, sehr hart für mich. Er schien wirklich das Geheimnis vor ihr zu bewahren; denn sie gingen Arm in Arm eine Viertelstunde auf und ab, dann traten sie an die Reling und nahmen den Strick und das Kleid auf, die einer meiner Schiffsjungen aus dem Wasser gefischt hatte. Sie schien ganz froh; er hatte ihr offenbar nichts verraten.

Die Nacht kam plötzlich. Den Augenblick hatte ich mir ausersehen. Aber dieser Augenblick hat für mich gedauert bis zum heutigen Tage, und ich werde ihn mein ganzes Leben mit mir schleppen wie eine Kugel am Bein.

Hier mußte der alte Kommandant innehalten. Ich hütete mich wohl zu sprechen, aus Furcht, seine Gedanken zu stören. Indem er sich an die Brust schlug, begann er wieder: »Diesen Augenblick, sage ich Ihnen, ich kann ihn immer noch nicht fassen. Ich fühlte, daß der Zorn mich an den Haaren packte, und gleichzeitig war etwas in mir, das mich zum Gehorsam trieb. Ich rief die Offiziere und befahl einem von ihnen: »vorwärts! ein Boot klargemacht! wir sind jetzt Henker! Bringen Sie diese Frau hinein und rudert sie vom Schiff weg aufs Meer, bis Sie Flintenschüsse hören. Dann kommen Sie zurück!« – Einem Wisch zu gehorchen! Denn weiter war's schließlich nichts. Es mußte irgend etwas in der Luft sein, das mich trieb. Ich sah von ferne den jungen Mann – o, es war schrecklich zu sehen – vor Laurette knieen und ihr Knie und Füße küssen! Nicht wahr, Sie müssen zugeben, daß ich ein sehr unglücklicher Mann war.

»Reißt sie auseinander!« schrie ich wie ein Rasender, »wir sind alle Verbrecher! Reißt sie auseinander! Die arme Republik ist ein toter Körper! Direktorium, Direktoren! Das sind die Würmer darin. Ich verlasse den Seedienst! Ich fürchte die Advokaten nicht! Hinterbringe man ihnen, was ich sage; es ist mir ganz gleich!« O, ich hätte sie alle fünf erschießen mögen, diese Schurken! Ich hätte es getan; um mein Leben bekümmerte ich mich so wenig wie um die Regentropfen, die dort fallen! Ich machte mir wirklich nichts daraus, ein Leben wie meines? Armseliges Dasein!

Die Stimme des Kommandanten erstarb nach und nach und wurde ebenso undeutlich wie seine Worte. Er ging dahin, indem er sich auf die Lippen biß und in schrecklichem Grimme die Brauen zog. Hin und wieder bekam er ein krampfhaftes Zucken und gab seinem Maultier Schläge mit der Degenscheide, als wenn er es töten wollte. Mit Erstaunen sah ich, daß die gelbe Haut seines Gesichts dunkelrot wurde. Ungestüm riß er seinen Rock auf der Brust auf, diese dem Sturm und dem Regen preisgebend. In tiefem Schweigen gingen wir weiter. Ich sah wohl, daß er von selbst nicht weitersprechen würde, und daß ich mich entschließen mußte, ihn zum weitererzählen zu veranlassen.

»Ich begreife wohl,« sagte ich, als hielte ich seine Geschichte für beendet, »daß nach einem so grausamen Erlebnis man seinen Stand schrecklich findet.«

»Den Stand? was fällt Ihnen ein?« sagte er barsch; »was hat das mit dem Stand zu tun? Niemals wird der Kapitän eines Fahrzeuges verpflichtet sein, Henkersdienste zu verrichten, wenn nicht Mörder und Diebe am Ruder sind, die sich den blinden Gehorsam von Männern Zunutze machen, die gewohnt sind, dem Befehl Folge zu leisten wie eine elende Maschine, wenn sich auch ihr Herz dagegen auflehnt.«

Dabei zog er ein rotes Tuch aus der Tasche und wischte sich die Augen; denn er weinte wie ein Kind. Ich hielt einen Augenblick an, als hätte ich etwas an meinem Steigbügel zu ordnen und ritt eine Weile hinter dem Wagen, da ich dachte, es würde ihm peinlich sein, wenn ich seine strömenden Tränen sähe.

Ich hatte richtig vermutet. Nach Verlauf von einer Viertelstunde, als er sich ausgeweint hatte, kam er zu mir hinter sein armseliges Fuhrwerk und fragte, ob ich nicht ein Rasiermesser in meinem Mantelsack hätte. Ich gab einfach zur Antwort: da ich noch keinen Bart hätte, sei das doch für mich höchst überflüssig. Er war aber auch nicht deswegen gekommen; er wollte nur von etwas anderem sprechen. Zu meiner Freude kam er gleich wieder auf seine Geschichte. Er sagte plötzlich: »Sie haben nie in Ihrem Leben ein Schiff gesehen, was?«

»Nein,« sagte ich, »nur im Panorama in Paris, und ich gebe nicht viel auf die Wissenschaft vom Seewesen, die ich daraus geschöpft habe!«

»Sie wissen also nicht; was ein Kranbalken ist?«

»Keine Ahnung.«

»Das ist eine Art Vorbau vorn am Schiff, von wo man den Anker auswirft, wenn man einen Menschen erschießen will, stellt man ihn gewöhnlich dort hin,« setzte er leiser hinzu.

»Ach, ich verstehe, weil er von dort gleich ins Meer fällt?«

Er antwortete nicht, sondern fing an alle Arten von Booten zu beschreiben, die eine Brigg führen kann, sowie ihren Platz auf dem Fahrzeug; dann setzte er ohne folgerechten Übergang seine Erzählung fort mit jener sorglosen Miene, die man im langen Militärdienst unfehlbar annimmt, weil man gewöhnt ist, seinen Untergebenen gegenüber eine stete Mißachtung der Gefahr, Mißachtung der Menschen, Mißachtung des Lebens, des Todes und sogar seiner selbst zur Schau zu tragen, was alles unter einer rauhen Hülle fast immer ein tiefes Gefühl verbirgt. Die Härte des Soldaten ist wie eine eiserne Maske über einem edlen Gesicht, wie steinerne Kerkermauern, die einen königlichen Gefangenen einschließen.

»Diese Boote fassen sechs Menschen,« fuhr er fort. »Sie sprangen hinein und trugen Laurette mit sich, ohne daß sie Zeit gehabt hätte, zu sprechen oder zu schreien. O, das ist etwas, worüber ein ehrlicher Mann nicht hinwegkommen kann, wenn er es ausführen muß. Man mag sagen, was man will, dergleichen vergißt sich nicht ... Huh, das Wetter! Wer, zum Teufel, hat mich getrieben, das zu erzählen. wenn ich damit anfange, kann ich nicht wieder aufhören, bis es zu Ende ist. Das ist eine Geschichte, die mir zu Kopfe steigt wie Wein von Juranxon. – O, das Wetter! Mein Mantel ist ganz durchnäßt.

Sprach ich nicht zuletzt von der kleinen Laurette? Die arme Frau! was es doch für ungeschickte Menschen in der Welt gibt! Der Offizier, der das Boot führte, der Dummkopf, ruderte dem Schiffe vorauf anstatt sich hinten zu halten. Freilich, man kann nicht an alles denken. Ich hatte gemeint, die Nacht solle die Sache verdecken, und dachte nicht an das gleichzeitige Aufblitzen der zwölf Flinten. Genug, sie sah vom Boot aus ihren Mann erschossen ins Meer fallen.

Gott im Himmel weiß, wie es der Ärmsten dabei erging. Ich sah es ja nicht; aber meine Leute haben es gesehen und gehört, deutlich, wie ich Sie sehe und höre, und haben's mir gesagt: Als die Schüsse krachten fuhr sie mit der Hand an die Stirn, als wenn eine Kugel sie dort getroffen hätte, und sie setzte sich nieder, ohne ohnmächtig zu werden, ohne zu schreien, ohne zu sprechen, und ließ sich willenlos zurückführen. Ich ging zu ihr und redete ihr lange, so gut ich nur konnte, zu. Sie schien mir zuzuhören, sah mich starr an und rieb sich die Stirn. Offenbar verstand sie mich gar nicht; ihre Stirn war rot und ihr Gesicht ganz bleich. An allen Gliedern zitternd blickte sie scheu um sich, als wenn sie Furcht vor aller Welt hätte. Das ist ihr geblieben. So ist sie noch, die Ärmste! schwachsinnig, verstört, närrisch, oder wie Sie es sonst nennen wollen. Nie hat man wieder ein Wort aus ihr herausbringen können; höchstens, daß sie mitunter sagt, man soll ihr herausnehmen, was sie da im Kopfe habe.

Von der Zeit an wurde ich traurig wie sie, und eine innere Stimme sagte mir: »Bleibe bei ihr bis ans Ende deiner Tage und behüte sie.«

Ich hab's getan. Als ich nach Frankreich zurückkehrte, bat ich, unter Beibehaltung meines Ranges in die Landarmee eintreten zu dürfen; denn ich verabscheute das Meer, auf dem ich unschuldiges Blut vergossen hatte. Ich suchte Laurettes Familie auf: Ihre Mutter war tot. Ihre Schwestern wollten nichts von der Wahnsinnigen wissen und schlugen mir vor, sie ins Irrenhaus zu bringen. Ich drehte ihnen den Rücken und behielt die arme Kleine bei mir.

O, mein Gott, wenn Sie sie sehen wollen, Kamerad, es steht bei Ihnen.«

»Was? Ist sie etwa da drin?« flüsterte ich. »Gewiß, brr, Esel, brr.«

 

III.

Er hielt sein armes kleines Maultier an, das sich darüber nicht wenig zu freuen schien. Dann schob er das Wachstuch seines kleinen Wagens zurück, wie um das Stroh zu ordnen, wovon er fast angefüllt war, und ich sah nun etwas tief Trauriges: Zwei blaue Augen, übergroß und wunderbar geformt, die aus einem bleichen, abgemagerten Gesicht heraustraten, das von schlichtem, blonden Haar umwallt war. Ich sah in Wahrheit nur diese beiden Augen, das einzige noch Lebendige in diesem armen Geschöpf, alles übrige war tot. Die Stirn war rot, die eingefallenen, bleichen Wangen zeigten bläuliche Flecke. Sie saß zusammengekauert in dem Stroh, so tief darin versteckt, daß man nur ihre Knie daraus hervorragen sah, auf denen sie Domino spielte. Sie sah uns einen Augenblick an, zitterte heftig, lächelte mir ein wenig zu und fing wieder an zu spielen, wobei sie darüber nachzudenken schien, wie es komme, daß ihre rechte Hand die linke besiege.

»Sehen Sie, schon seit einem Monat spielt sie diese Partie,« sagte der Bataillonschef. »Morgen beginnt sie vielleicht eine andere, die noch länger dauert. Merkwürdig, nicht?«

Gleichzeitig glättete er den Überzug seines Tschakos, den Wind und Regen ein wenig verschoben hatten.

»Arme Laurette,« sagte ich, »dein Spiel ist für immer verloren!«

Ich lenkte mein Pferd an den Wagen und reichte ihr die Hand; mechanisch und mit schwermütigem Lächeln gab sie mir die ihre. Zu meinem Erstaunen sah ich an ihren langen, dünnen Fingern zwei Diamantringe. Ich sagte mir, daß es noch die Ringe von ihrer Mutter seien, und fragte mich, wie sie die in ihrem Elend hatte behalten können. Nicht um die Welt hätte ich den Alten danach fragen mögen; aber er sah, wie meine Augen auf den Fingern Laurettes ruhten, und sagte mit einem gewissen Stolz:

»Das sind recht große Diamanten, nicht wahr? wir hätten sie schon mitunter gebrauchen können; aber ich wollte nicht, daß sie sich davon trennen sollte, das arme Kind, wenn man daran rührt, weint sie. Sie legt sie nie ab. Im übrigen beklagt sie sich nie, und sie kann bisweilen ein wenig nähen. Ich habe ihrem armen Manne redlich mein Wort gehalten und bereue es nicht. Ich habe sie nie verlassen und überall erzählt, es sei meine Tochter, die leider geisteskrank sei. Man hat das respektiert. In der Armee macht sich das alles besser, als man in Paris glaubt. Sie hat alle Kriege des Kaisers mitgemacht, und ich habe sie stets glücklich durchgebracht. Ich hielt sie immer warm. Mit Stroh und einem kleinen Wagen geht das immer. Ich brauchte es an nichts fehlen zu lassen; ich hatte als Bataillonschef einen guten Sold, außerdem die Pension der Ehrenlegion; so hatte ich immer Geld, und sie war uns nie zur Last. Im Gegenteil, ihre Spielereien ergötzten oft die Offiziere des siebenten Leichten Regiments.

»Nun, meine Tochter, sprich doch ein wenig mit dem Leutnant hier. Sieh uns einmal freundlich an!« sagte er.

Sie wandte sich wieder ihrem Spiel zu.

»O,« sagte er, »sie ist heute ein wenig ungnädig, weil es regnet. Jedoch krank ist sie nie. Bei der Beresina und auf dem ganzen Rückzug von Moskau war sie immer barhaupt. Nun, meine Tochter, spiele weiter, laß dich nicht stören, tue, was dir beliebt, Laurette.«

Sie nahm seine Hand, die er ihr auf die Schulter gelegt hatte, eine große, braune, rauhe Hand, führte sie schüchtern an die Lippen und küßte sie wie eine arme Sklavin. – Es schnitt mir durchs Herz, und ich wandte mich schnell ab.

»Wollen wir unsern Marsch fortsetzen, Kommandant? Die Nacht wird da sein, ehe wir in Bethune sind.«

Der Kommandant kratzte sorgfältig mit dem Ende seines Säbels den gelben Schmutz von seinen Stiefeln; dann stieg er auf das Trittbrett des Wagens und zog behutsam der Laura die Kapuze ihres kleinen Mantels über den Kopf. Darauf nahm er sein schwarzes Seidentuch ab und band es seiner Pflegetochter um den Hals, gab dann seinem Tier einen Ermunterungsstoß, machte sein gewöhnliches Zucken mit den Schultern und sagte »Marsch, die Truppe!« und wir setzten unsern Weg fort.

Der Regen rieselte noch immer hernieder; Himmel und Erde, grau in grau, dehnten sich ohne Ende. Die bleiche Sonne verschwand hinter großen Windmühlenflügeln, die regungslos dastanden. Wir versanken in ein großes Schweigen.

Ich betrachtete meinen alten Kommandanten. Er marschierte mit großen Schritten, ohne die geringste Müdigkeit zu zeigen, während sein Maultier beinahe nicht mehr konnte, und mein Pferd den Kopf hängen ließ, von Zeit zu Zeit nahm er den Tschako ab und trocknete sich Stirn und Haar, sowie die großen Augenbrauen und den weißen Schnurrbart, die von Nässe trieften. Es schien ihn wenig zu kümmern, wie seine Erzählung auf mich gewirkt hatte. Er hatte sich nicht besser und nicht schlechter gemacht, als er war. Es lag ihm sehr fern sich herauszustreichen und seine Persönlichkeit in den Vordergrund zu stellen. Nach Verlauf von einer Viertelstunde begann er in demselben Ton eine längere Geschichte von einem Feldzuge des Marschalls Masséna, wo sein Bataillon das Karree gebildet hatte, ich weiß nicht gegen welches Kavallerieregiment. Ich hörte gar nicht zu, obwohl er ganz in Hitze geriet, mir die Überlegenheit der Infanterie über die Kavallerie zu beweisen.

Die Nacht brach herein, und wir kamen nur langsam vorwärts; denn der Schmutz wurde immer dicker und tiefer. Auf der Straße, so weit man auch sah, zeigte sich nichts. Wir machten halt am Fuße eines vermoderten Baumes, des einzigen an der ganzen Straße. Er sorgte erst für sein Maultier, wie ich für mein Pferd. Dann sah er in den Wagen wie eine Mutter in die Wiege ihres Kindes. Ich hörte, wie er sagte: »Hier, meine Tochter, lege diesen Mantel über deine Füße und versuche zu schlafen. So ist's recht; so kann der Regen dir nichts anhaben. Aber, Teufel, sie hat meine Uhr zerbrochen, die ich ihr um den Hals gehängt hatte.

Meine schöne silberne Uhr! Aber schadet nichts, mein Kind; versuche zu schlafen. Bald werden wir schönes Wetter bekommen.« – Es ist merkwürdig, sie hat immer Fieber, das ist bei den Geisteskranken so. – »Da, hier ist Schokolade für dich, mein Kind.«

Er lehnte den Wagen an den Baum, und wir setzten uns darunter und aßen jeder ein Brötchen. Ein mäßiges Abendessen!

»Es tut mir leid, daß ich nichts Besseres habe,« sagte er, »aber es ist doch noch besser als Pferdefleisch in Asche gebraten und mit Pulver darauf statt Salz, wie wir es in Rußland aßen, was ich Besseres habe, muß ich der armen kleinen Frau geben. Ihr seht, daß ich sie immer für sich halte. Sie kann die Nähe der Menschen nicht ertragen seit der Sache mit dem Brief. Ich bin alt, und sie scheint zu glauben, daß ich ihr Vater bin; aber trotzdem würde sie mich würgen, wenn ich ihr nur die Stirn küssen wollte. Das kommt noch von ihrer Erziehung, wie mir scheint; sie vergißt nie, sich zu verhüllen wie eine Nonne. Drollig, nicht?«

Als er so von ihr sprach, hörten wir sie seufzen und dann sagen: »Nehmt mir das Blei heraus! Nehmt mir das Blei heraus!« Ich sprang aus; aber der Alte zog mich wieder nieder.

»Laßt, laßt!« sagte er, »es ist nichts. Sie sagt das immer, weil sie eine Kugel im Kopf zu haben glaubt. Aber trotzdem tut sie alles, was man ihr sagt, und mit großer Sanftmut.«

Ich schwieg und war tief erschüttert, von 1797 bis 1815, das wir jetzt schrieben, lange achtzehn Jahre hatte dieser Mann so durchlebt. Lange saß ich schweigend neben ihm und dachte nach über diesen Charakter und über dieses Geschick. Dann drückte ich ihm ohne besondere Veranlassung warm die Hand. Er war ganz erstaunt darüber.

»Sie sind ein braver Mann!« sagte ich. Er erwiderte: »Na, warum denn? Wegen dieser armen Frau? Sie fühlen doch wohl, mein Lieber, daß es meine Pflicht war, so zu handeln. Seit lange übe ich mich in der Selbstverleugnung.«

Und er sprach wieder von Masséna.

Am andern Morgen kamen wir in Bélhune an, einer häßlichen kleinen Festung, von der man sagen könnte, daß die Wälle, ihren Umkreis verengend, die Häuser aufeinander gedrückt hätten, alles war in Aufruhr, denn man fürchtete einen Überfall von seiten der Kaiserlichen. Die Einwohner rissen die weißen Vorhänge von den Fenstern, um dreifarbige Fahnen zurechtzumachen. Die Trommler schlugen Generalmarsch. Die Trompeter bliesen: Aufs Pferd! auf Befehl des Herzogs von Berry. Die langen Wagen aus der Pikardie trugen die hundert Schweizer und ihr Gepäck. Die Kanonen der Gardedukorps, die auch die Wälle besetzen sollten, die Wagen mit den Fürstlichkeiten, die Schwadronen der Roten Kompagnien, die sich formierten, sperrten die Straßen. Der Anblick der königlichen Leibwache und der Musketiere ließ mich meinen alten Reisegefährten vergessen. Ich schloß mich meiner Kompagnie an und verlor in der Menge den kleinen Wagen aus den Augen, zu meinem großen Bedauern für immer.

Zum ersten Male in meinem Leben hatte ich einem echten Soldatenherzen auf den Grund gesehen. Diese Begegnung enthüllte mir eine Menschennatur, die mir bis dahin unbekannt war, die auch die Welt schlecht kennt und lange nicht hoch genug achtet, für die ich aber von da an den allergrößten Respekt empfand. Seitdem habe ich mich oft nach Menschen umgesehen, die ihm glichen und einer so gänzlichen Selbstverleugnung fähig wären. Vierzehn Jahre habe ich der Armee angehört, und nur in ihr und besonders in den verachteten Reihen der Infanterie habe ich Menschen von solch antikem Charakter wiedergefunden, die ihre Pflicht bis in die letzten Folgen ausübten, die weder die Bürde des Gehorchens noch das Elend des Armseins empfanden, die einfach in Sitten und Sprache, stolz auf die Wohlfahrt des Vaterlandes und unbekümmert um die eigene, vergnügt und zufrieden in ihrem Dunkel verharren und mit den Unglücklichen das Stück Brot teilen, das sie mit ihrem Blute bezahlen.

Ich erfuhr lange Zeit nicht, was aus dem armen Bataillonschef geworden war, zumal da ich nicht einmal seinen Namen wußte. Erst im Jahre 1825 traf ich eines Tages im Café, wo ich auf die Parade wartete, einen alten Hauptmann der Linie, dem ich ihn beschrieb und der mir sagte:

»Jawohl, mein Lieber, ich habe ihn gekannt, den armen Teufel. Es war ein braver Mann: bei Waterloo ist er gefallen. Er hatte in der Tat beim Gepäck ein wahnsinniges Mädchen zurückgelassen, das wir in Amiens ins Hospital brachten, als wir zur Loirearmee gingen, und das dort nach Verlauf von drei Tagen gestorben ist.«

»Ich glaube es wohl,« sagte ich, »sie hatte nicht mehr ihren Pflegevater!«








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