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Leonid Nikolajewitsch Andrejew: Das rote Lachen - Kapitel 9
Quellenangabe
typefragment
authorLeonid Andrejew
titleDas rote Lachen
publisherScholz & Co. (Verlag »Snanije«)
addressBerlin S. 59
printrun4. Tausend
year
firstpub
translatorAugust Scholz
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectiddd03b8bf
secondcorrectorgerd.bouillon
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Sechstes Fragment

... Es waren in der Tat die Unsrigen. In dem tollen Wirrwarr, der während des letzten Monats in den Bewegungen beider Armeen, der unsrigen sowohl wie der feindlichen, geherrscht und alle Dispositionen und Pläne gestört hatte, waren wir fest davon überzeugt gewesen, daß der Feind – und zwar das vierte feindliche Korps – gegen uns heranrücke. Schon war alles zum Angriff bereit, als jemand durchs Fernrohr deutlich unsere Uniformen erkannte, und zehn Minuten später war die Vermutung uns zur beruhigenden Gewißheit geworden, daß es wirklich unsere Leute waren, die auf uns zu marschierten. Und auch sie hatten uns offenbar erkannt: sie kamen in aller Ruhe an uns heran, und aus dieser ruhigen Bewegung fühlte man gewissermaßen die gleiche Freude über die unerwartete Begegnung heraus, die wir selbst empfanden.

Und als sie dann zu schießen anfingen, konnten wir eine Zeitlang gar nicht begreifen, was das bedeute, und lächelten noch – als plötzlich ein Hagel von Schrapnells und Kugeln über uns herabkam und uns zu Hunderten niedermähte. Irgend jemand schrie, es liege ein Mißverständnis vor, aber nun sahen wir schon alle – ich erinnere mich dessen ganz genau – daß es der Feind war, daß es seine Uniform, nicht die unsrige war, und wir erwiderten sofort das Feuer. Fünfzehn Minuten etwa nach dem Beginn dieses merkwürdigen Kampfes wurden mir beide Beine weggerissen, und ich kam erst im Lazarett, nach der Amputation, wieder zum Bewußtsein.

Ich fragte, wie der Kampf geendet habe, aber man gab mir eine ausweichende, beschwichtigende Antwort, aus der ich entnahm, daß wir geschlagen waren; und dann gab ich mich ganz der Freude darüber hin, daß man mich nun, wenn auch ohne Beine, nach Hause schicken würde, daß ich doch wenigstens noch am Leben war und vielleicht noch lange, lange leben würde. Erst eine Woche später vernahm ich einige Einzelheiten, die von neuem allerhand Zweifel in mir erregten und eine mir bisher fremde Befürchtung und Unruhe in mir weckten.

Ja, es scheint wirklich, daß es die Unsrigen waren – eine unserer eigenen Granaten, aus einem unserer Geschütze, hatte mir die Beine weggerissen, und einer unserer Soldaten hatte es abgefeuert. Und niemand vermochte Auskunft darüber zu geben, wie das nur geschehen konnte. Irgend etwas war da eingetreten, irgend etwas hatte die Blicke getrübt, und zwei Regimenter derselben Armee, die sich auf eine Werst Entfernung gegenüberstanden, hatten sich eine ganze Stunde lang gegenseitig unter ein mörderisches Feuer genommen, in der festen Ueberzeugung, daß sie es mit dem Feinde zu tun hätten. Man sprach von diesem Zwischenfall nicht gern, nur so in Andeutungen, und – was das Sonderbarste war: es herrschte die Empfindung vor, als ob viele von denen, die über die Angelegenheit sprachen, den Irrtum noch immer nicht zugeben wollten. Oder vielmehr, sie gaben ihn wohl zu, doch meinten sie, das Mißverständnis sei erst später eingetreten. Im Anfang hätten sie es wirklich mit dem Feinde zu tun gehabt, der in der allgemeinen Verwirrung irgend wohin verschwunden sei, so daß wir nun den Geschossen unserer eigenen Landsleute preisgegeben waren. Etliche sprachen ganz offen davon, wobei sie ausführliche Schilderungen gaben, die ihnen selbst durchaus wahrscheinlich und klar erschienen. Ich selbst kann es bis heute nicht mit voller Bestimmtheit sagen, wie dieses verhängnisvolle Mißverständnis begonnen hatte, da ich mit gleicher Deutlichkeit zuerst unsere roten und dann die orangefarbigen feindlichen Uniformen gesehen hatte. Sehr bald wurde der Vorfall von allen vergessen, so zwar, daß man von ihm nur noch wie von einem wirklichen Treffen sprach, und in diesem Sinne wurden auch zahlreiche, durchaus aufrichtig gemeinte Korrespondenzen abgesandt; ich habe später, als ich schon daheim war, einige davon gelesen. Gegen uns, die wir in diesem Kampfe verwundet worden waren, verhielt man sich anfangs ein wenig sonderbar – es war, als ob man uns weniger bemitleidete als die übrigen Blessierten, doch glich auch dieser Unterschied sich sehr bald aus. Nur der Umstand, daß bald neue, ähnliche Vorfälle sich ereigneten, daß beispielsweise bei der feindlichen Armee zwei Detachements zur Nachtzeit ganz dicht auf einander gerieten und sich buchstäblich aufrieben – nur dieser Umstand berechtigt mich zu der Annahme, daß in der Tat ein Mißverständnis vorlag ...

Unser Arzt – derselbe, der die Amputation ausgeführt hatte, ein magerer, knochiger alter Herr, der ganz abscheulich nach Jodoform, Tabakrauch und Karbol roch und beständig unter seinem gelbgrauen, dünnen Schnurrbart über irgend etwas lächelte, sagte mir mit pfiffigem Augenblinzeln:

»Seien Sie froh, daß Sie nach Hause fahren dürfen! Hier ist es nicht recht geheuer ...«

»Wieso denn?«

»So ... Einfach nicht geheuer. Zu unserer Zeit war das alles viel einfacher.«

Er hatte vor einem Vierteljahrhundert an unserem letzten europäischen Kriege teilgenommen und gab gern seine Erinnerungen aus jener Zeit zum besten. Diesem jetzigen Kriege jedoch stand er ohne Verständnis gegenüber, ja er fürchtete ihn sogar, wie ich beobachten konnte.

»Ja, es ist hier etwas nicht in Ordnung,« sprach er dumpf aus einer Wolke von Tabakqualm hervor und zog finster die Brauen zusammen, »Ich selbst würde mich aus dem Staube machen, wenn ich nur könnte.«

Dann neigte er sich über mich und flüsterte unter seinem gelben, verräucherten Schnurrbart hervor:

»Es wird bald ein Moment eintreten, da niemand mehr von hier fortkönnen wird. Ja – weder ich, noch sonst jemand –« und in seinen kurzsichtigen alten Augen bemerkte ich jenen starren Ausdruck stumpfen Erstaunens, den ich schon früher bei anderen beobachtet hatte. Und eine Vorstellung, grausig, unerträglich – die Vorstellung von einem jähen, furchtbaren Zusammenbruch – zuckte durch mein Hirn, und vor Angst erschauernd, flüsterte ich:

»Das rote Lachen ...«

Und er war der erste, der mich verstand. Er nickte hastig mit dem Kopfe und sagte beipflichtend:

»Ja ... das rote Lachen!«

Er setzte sich ganz dicht neben mich, sah sich nach allen Seiten um und sagte im Flüsterton, während sein spitzer grauer Kinnbart krampfhaft zuckte:

»Sie werden bald von hier wegkommen, Ihnen kann ich's also sagen. Haben Sie einmal zugesehen, wenn sich die Leute im Tollhause prügeln? Nein? Ich hab's gesehen. Sie prügelten sich ganz so wie die Gesunden – verstehen Sie: ganz wie die Gesunden ...«

Er wiederholte diesen Ausdruck mehrmals mit vielsagender Miene.

»Und was weiter?« fragte ich, gleichfalls flüsternd und erschrocken.

»Nichts weiter. Wie die Gesunden ...«

»Das rote Lachen,« sagte ich.

»Man mußte sie mit Wasser begießen, um sie zu trennen.«

Ich dachte an den Regen, der uns so erschreckt hatte, und wurde ärgerlich über die Geheimniskrämerei des Doktors.

»Sie haben den Verstand verloren, Doktor,« sagte ich.

»Nicht mehr als Sie,« versetzte er. »Jedenfalls nicht mehr als Sie!«

Er schlug seine Arme um die spitzen, alterssteifen Kniee und kicherte; und indem er mich, immer noch das seltsame, peinliche Lächeln um die mageren Lippen, über die Schulter hinweg anschielte, blinzelte er mir mehrmals listig zu, als ob wir beide, er und ich, irgend etwas sehr Lustiges wüßten, das sonst niemandem bekannt war. Dann hob er mit der Feierlichkeit eines Zauberkünstlers, der seine Taschenspielerstückchen produziert, die Arme hoch empor, senkte sie langsam herab und berührte vorsichtig mit zwei Fingern die Stelle der Bettdecke, an der meine Beine hätten sein müssen, wenn man mir sie nicht abgesägt hätte.

»Und das – verstehen Sie das da?« fragte er geheimnisvoll.

Dann strich er ebenso feierlich und bedeutsam mit der Hand über die Reihe der Betten hin, auf denen die übrigen Verwundeten lagen, und wieberholte:

»Und das – können Sie das erklären?«

»Das sind Verwundete,« sagte ich, »Verwundete ...«

»Verwundete ...« klang es wie ein Echo aus seinem Munde – »ja, Verwundete. Menschen ohne Beine, ohne Arme, mit zerrissenem Unterleib, zerschmetterter Brust, herausgerissenen Augen. Verstehen Sie das? Sollte mich freuen! Dann werden Sie auch das da verstehen?!«

Mit einer Gewandtheit, die man seinen Jahren nicht mehr zugetraut hätte, überschlug er sich plötzlich, stand vor mir auf den Händen und balancierte mit den Beinen in der Luft, Der weiße Kittel glitt über seinen Nacken, das Blut stieg ihm ins Gesicht, und indem er seine unheimlich rollenden Augen starr auf mich heftete, warf er mit Mühe die abgerissenen Worte hin:

»Und das da ... das Laufen auf den Armen ... verstehen Sie ... das?«

»Hören Sie auf,« flüsterte ich erschrocken, »sonst schrei' ich!«

Er überschlug sich, nahm wieder seine natürliche Haltung ein, setzte sich an mein Bett, räusperte sich heftig und sagte in lehrhaftem Tone:

»Niemand, sag' ich Ihnen, niemand versteht das, was hier vorgeht!«

»Gestern wurde wieder geschossen,« versetzte ich.

»Gestern wurde geschossen ... und vorgestern wurde geschossen ...« meinte er und nickte mit dem Kopfe.

»Ich möchte nun bald nach Hause fahren,« sagte ich voll unruhiger Sehnsucht. – »Doktor, lieber Doktor – ich will nach Hause! Ich darf nicht länger hier bleiben! Ich glaube es beinahe nicht mehr, daß es für mich ein Heim ... ein Zuhause gibt!«

Seine Gedanken weilten irgendwo weit ab, und er antwortete mir nicht. Ich begann zu weinen.

»O Gott, ich bin ein Krüppel – ein Mensch ohne Beine! Ich fuhr so gern auf dem Zweirad, machte so gern Fußtouren, übte mich so gern im Dauerlauf – und nun habe ich keine Beine! Auf meinem linken Bein ließ ich immer meinen Sohn reiten, worüber er jedesmal so vergnügt lachte – und nun? ... Fluch über euch! Was soll ich nun zu Hause? Ich zähle kaum dreißig Jahre ... Fluch über euch!«

Und ich schluchzte, als ich so an meine kräftigen, flinken Beine, meine lieben, guten Beine dachte. Wer hat sie mir abgenommen? Wer war's, der es wagte, sie mir abzunehmen?

»Hören Sie mal,« sagte der Doktor, indem er zur Seite sah, »gestern sprach hier bei uns ein verrückt gewordener Soldat vor. Ein feindlicher Soldat. Er war fast ganz nackt, hatte am ganzen Körper nichts als Beulen und Schrammen und war hungrig wie ein Wolf; er war ganz mit Haaren bedeckt, wie wir alle, und glich völlig einem Wilden, einem Urmenschen, einem Affen. Er fuchtelte mit den Armen in der Luft, schnitt Grimassen, sang und schrie und suchte mit uns Händel. Man gab ihm zu essen und trieb ihn wieder hinaus, ins Feld. Was soll man mit diesen armen Burschen anfangen? Tag und Nacht irren sie gleich zerlumpten, unheimlichen Gespenstern auf den Hügeln umher, dahin und dorthin, immer querfeldein, ohne Weg, ohne Ziel, ohne Unterkunft. Sie fuchteln mit den Armen, lachen, schreien und singen, und wenn sie einander begegnen, dann prügeln sie sich, oder sie sehen sich gegenseitig gar nicht und gehen aneinander vorüber. Wovon sie sich nähren? Wahrscheinlich von gar nichts, oder vielleicht von den Leichen der Gefallenen, zusammen mit den wilden Tieren und mit diesen vollgefressenen, verwilderten Hunden, die sich zur Nachtzeit heulend und winselnd auf den Hügeln herumtreiben. Gleich Vögeln, die der Sturm aufgejagt hat, oder gleich mißgestalteten, ruppigen Motten sammeln sie sich zur kühlen Nachtzeit um die Wachtfeuer; man braucht nur solch ein Feuer anzuzünden, und in einer halben Stunde tauchen wohl ein Dutzend dieser schreienden, zerlumpten, wüsten, halberfrorenen, Affen ähnlichen Gestalten davor auf. Man schießt bisweilen nach ihnen aus Versehen, oder auch absichtlich, wenn ihr törichtes, beängstigendes Geschrei schon gar zu sehr die Geduld erschöpft ...«

»Ich will heimfahren!« schrie ich, mir die Ohren zuhaltend. Aber wie durch Wattepfropfen, dumpf und unheimlich, drangen immer aufs neue seine schauerlichen Worte in mein gequältes Hirn:

»So viel, so viele sind ihrer! Sie sterben zu Hunderten in den Schluchten und Wolfsgruben, die doch für die Gesunden, Nichtverrückten bestimmt sind, und in den Stacheldrahthecken; sie mischen sich unter die regulären, vernünftigen Streiter und schlagen sich wie die Helden: immer sind sie voran im Kampf, immer furchtlos und tapfer – – nur daß sie häufig ihren eigenen Leuten die Schädel einschlagen. Das sind Kerle nach meinem Geschmack! Ich sitze hier nur noch so lange plaudernd bei Ihnen, bis ich vollends verrückt geworden bin – dann, wenn das letzte Fünkchen Vernunft zum Teufel ist, zieh' ich hinaus ins Feld, hinaus, und lasse einen Schrei ertönen, einen Schrei so gellend wild, und sammle sie alle um mich, diese Tapferen, diese Ritter ohne Furcht und Tadel, und erkläre der ganzen Welt den Krieg. Mit Musik uud Schlachtgesang werden wir in die Städte und Dörfer einbrechen, und wo wir auftauchen, dort wird alles rot aufleuchten, dort wird alles wirbeln und tanzen wie des Feuers Gluten. Wer noch nicht tot ist, wird sich uns anschließen, und unser tapferes Heer wird wachsen wie eine Lawine, und es wird über die ganze Welt wie ein reinigendes Gewitter hinfegen. Wer hat's denn gesagt, daß man nicht morden, sengen und rauben dürfe? ...«

Er schrie ganz laut, dieser verrückte Doktor, und rief mit seinem Geschrei gleichsam den schlummernden Schmerz all der Unglücklichen wach, die ringsum mit zerschmetterter Brust, zerrissenem Unterleib, herausgerissenen Augen und amputierten Beinen auf ihren Betten lagen. Ein knirschendes, schluchzendes, dumpfes Stöhnen erfüllte die Baracke, und von allen Seiten wandten sich bleiche, gelbe, erschöpfte Gesichter nach uns um, manche ohne Augen, andere auf andere Weise so furchtbar entstellt, als ob sie aus der Hölle zurückgekehrt wären. Sie stöhnten und hörten zu, und durch die offene Tür spähte verstohlen der schwarze, formlose Schatten herein, der sich über der Welt erhoben. Und der verrückte Alte schrie, die Arme weit ausstreckend:

»Wer hat's denn gesagt, daß man nicht morden, sengen und rauben dürfe? Wir werden morden, und auch rauben, und sengen. Eine fröhliche, sorglose Schar von tapferen Recken, werden wir alles in Grund und Boden vernichten: ihre Staatsgebäude, ihre Universitäten und Museen, und auf den Ruinen werden wir, tolle Kinder der Lust, voll feurigen Lachens einen Tanz aufführen. Das Tollhaus werde ich zu unserem Vaterland proklamieren, und wer noch nicht den Verstand verloren hat, den werde ich für einen Verrückten und Vaterlandsfeind erklären; und wenn ich endlich als der große, unüberwindliche Triumphator, als der einzige Herr und Gebieter den Weltenthron besteige – ha, welch ein unbändiges Lachen wird dann das Weltall erschüttern!«

»Das rote Lachen!« schrie ich, ihn unterbrechend. »Rettet mich! Ich hör' es wieder – das rote Lachen!«

»Freunde!« fuhr der Doktor fort, indem er sich zu den stöhnenden, verstümmelten Schatten ringsum wandte – »Freunde! Wir werden einen roten Mond und eine rote Sonne haben, und die Tiere werden ein so spaßiges, rotes Fell haben, und wer uns zu weiß, uns nicht rot genug ist – dem werden wir einfach das Fell abziehen! ... Habt ihr schon einmal Menschenblut getrunken? Es ist ein bischen klebrig, und ein bischen warm, aber es ist rot, und es hat ein so lustiges, rotes Lachen! ...«

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