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Leonid Nikolajewitsch Andrejew: Das rote Lachen - Kapitel 8
Quellenangabe
typefragment
authorLeonid Andrejew
titleDas rote Lachen
publisherScholz & Co. (Verlag »Snanije«)
addressBerlin S. 59
printrun4. Tausend
year
firstpub
translatorAugust Scholz
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectiddd03b8bf
secondcorrectorgerd.bouillon
secondcorrection20120112
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Fünftes Fragment.

... Ich schlief bereits, als der Doktor mich leicht in die Seite stieß, um mich zu wecken. Ich schrie auf, erwachte und sprang empor; wir erwachten alle mit einem Schrei, wenn man uns aus dem Schlafe aufstörte. Ich stürzte nach dem Ausgang des Zeltes, aber der Doktor hielt meine Hand fest und entschuldigte sich:

»Ich habe Sie erschreckt, verzeihen Sie! Ich weiß, daß Sie des Schlafes bedürfen...«

»Fünf Tage und fünf Nächte...« murmelte ich, während ich auf das harte Lager zurücksank. Ich schlief im Moment wieder ein und glaubte Gott weiß wie lange geschlafen zu haben, als ich von neuem die Stimme des Doktors vernahm, der mir vorsichtige kleine Stöße gegen Rücken und Beine versetzte.

»Es muß sein, mein Lieber, es muß unbedingt sein. Ich glaube ganz bestimmt, daß noch Verwundete draußen auf dem Schlachtfelde liegen ...«

»Was für Verwundete? Wir haben doch den ganzen Tag nur immer Verwundete eingebracht. Das ist ja schändlich, ich habe fünf Tage und fünf Nächte nicht geschlafen!«

»Seien Sie nicht böse, Verehrtester,« murmelte der Doktor, während er mir ungeschickt die Mütze auf den Kopf schob. »Alles schläft, keinen Menschen kann ich wach bekommen. Eine Lokomotive und sieben Waggons habe ich glücklich aufgetrieben, doch nun brauch' ich auch Leute ... Ich versteh' ja vollkommen ... diese Strapazen ... Aber kommen Sie schon, ich beschwöre Sie! Alles schläft wie tot ... ich selbst halte mich kaum wach und fürchte, jeden Augenblick im Stehen einzuschlafen. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich geschlafen habe ... ich leide schon an Hallucinationen. So, mein Lieber ... ein Bein herunter, dann das andere ... so, so ...«

Der Doktor war bleich und schwankte vor Erschöpfung, und man sah es ihm an, daß, wenn er sich erst hinlegte, er ein paar Tage lang nicht wird aufstehen können. Die Beine brachen unter mir zusammen, und ich war überzeugt, daß ich im Gehen schlief – denn ganz unvermittelt und plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, tauchte vor mir eine Reihe massiger, schwarzer Silhouetten auf: die Lokomotive mit den sieben Waggons. Langsam und schweigend, im Dunkel kaum erkennbar, schritten ein paar Gestalten neben ihnen auf und ab. Weder auf der Lokomotive noch auf den Waggons brannte eine Laterne, nur von dem verdeckten Heizloch fiel ein matter rötlicher Schein auf den Bahnkörper.

»Was ist das?« fragte ich, einen Schritt zurückweichend.

»Haben Sie's schon vergessen? Wir fahren doch!« murmelte der Doktor.

Die Nacht war kalt, und er zitterte vor Kälte, und während ich ihn ansah, fühlte auch ich einen kitzelnden Schauer über meinen Körper laufen.

»Weiß der Teufel!« schrie ich ganz laut – »konnten Sie nicht einen andern mitnehmen?«

»Still doch, wenn ich bitten darf – still!« sagte der Doktor und faßte nach meiner Hand.

Aus dem Dunkel ließ sich eine Stimme vernehmen: »Jetzt könnte man alle Geschütze abfeuern, und kein Mensch würde sich rühren. Sie schlafen drüben gleichfalls. Man könnte sich unbemerkt an sie heranschleichen und sie alle im Schlafe fesseln. Ich bin eben an einem Vorposten vorübergekommen – er starrte mich an und sagte kein Wort, er rührte sich überhaupt nicht. Jedenfalls ist auch er eingeschlafen.«

Ein Gähnen folgte den Worten, und ich hörte an dem leisen Geräusch der Kleider, daß er sich dehnte. Ich lehnte mich mit der Brust gegen den Rand des Waggons und versuchte hinaufzuklettern, aber sogleich wieder kam der Schlaf über mich. Irgend jemand half mir von hinten hinauf, während ich ihn mit den Beinen fortzustoßen suchte. Endlich war ich oben und schlief sogleich wieder. Und im Schlafe, ganz zusammenhangslos, vernahm ich einzelne Bruchstücke eines Gesprächs:

»Auf der siebenten Werst ...«

»Habt Ihr Laternen mitgenommen?«

»Er wollte nicht mitkommen ...«

»Gib her. Schraub's etwas tiefer ... so!«

Ein Schütteln und Rütteln ging durch die Waggons. Von all den Geräuschen und Lauten, die auf mich eindrangen, wurde ich trotz der bequemen Lage, in die ich schließlich meinen Körper gebracht, fast ganz wach. Der Doktor war eingeschlafen, und als ich seine Hand faßte, war sie schwer und welk wie die Hand eines Toten. Der Zug bewegte sich bereits, langsam und vorsichtig, mit leichtem Zittern, als wenn er den Weg erst abtasten wollte. Ein Student, der bei der Sanitätskolonne Dienst tat, befand sich mit in unserem Waggon. Er zündete das Licht in der Laterne an, deren Schein auf die Wände und die schwarze Türöffnung fiel, und sagte ärgerlich:

»Daß uns der Doktor nur nicht einschläft, zum Henker! Wir wollen ihn lieber wecken, sonst ist dann gar nichts mit ihm anzufangen. Ich kenne das aus eigener Erfahrung.«

Wir rüttelten den Doktor aus dem Schlafe. Er setzte sich auf und starrte uns verständnislos an; dann wollte er sich wieder hinlegen, aber wir ließen es nicht zu.

»Ein Schluck Branntwein wäre jetzt nicht übel,« meinte der Student. Wir nahmen jeder einen Schluck Cognac, und der Schlaf verging uns vollends.

Das große, schwarze Rechteck der Tür färbte sich erst rosig, dann grell rot – irgendwo hinter den Hügelketten stieg lautlos ein gewaltiger Feuerschein auf, als wenn mitten in der Nacht die Sonne aufginge.

»Das ist weit von hier,« meinte jemand – »wenigstens zwanzig Werst weit!«

»Ich friere,« sagte der Doktor, während seine Zähne zusammenschlugen.

Der Student sah aus der Tür ins Freie und winkte mir mit der Hand. Ich blickte in die Nacht hinaus: an verschiedenen Stellen des Horizonts standen unbeweglich, gleich einer unheimlichen, schweigenden Kette, mächtige rote Flammenzeichen am Himmel – als wenn zehn Sonnen zu gleicher Zeit aufgingen. Und es war auch nicht mehr so finster: in der Ferne hoben sich die kompakten, dunklen Massen der Hügel in bald eckiger, bald gewellter Linie scharf ab, während in der Nähe alles in ein rotes, sanftes, ruhiges Licht getaucht war. Ich blickte den Studenten an: auch sein Gesicht strahlte in derselben roten, gespenstischen Farbe des Blutes, das sich in ein Meer von Luft und Licht aufgelöst zu haben schien.

»Gibt es viele Verwundete?« fragte ich.

Er bewegte, wie abwehrend, seine Hand.

»Verwundete – die schwere Menge,« sagte er, »aber noch mehr Geisteskranke.«

»Wirkliche Geisteskranke?«

»Was sonst für welche?«

Er sah mich an, und in seinen Augen lag derselbe stockende, wilde Ausdruck kalten Schreckens wie bei jenem Soldaten, den ich am Sonnenstich hatte sterben sehen.

»Starren Sie mich nicht so an,« sagte ich und wandte mich ab.

»Der Doktor ist ebenfalls geisteskrank,« meinte er. »Geben Sie nur acht auf ihn!«

Der Doktor hatte seine Worte nicht gehört. Er saß auf türkische Art mit gekreuzten Beinen da, wiegte sich hin und her und bewegte tonlos die Lippen. Seine Fingerspitzen zuckten krampfhaft, und in seinem Blick lag derselbe versteinerte, starre Ausdruck stumpfen Erstaunens wie bei dem Studenten.

»Ich friere,« sagte er und lächelte vor sich hin.

»Hol' euch allesamt der Teufel,« schrie ich und ging nach einer Ecke des Waggons. »Weshalb habt ihr mich eigentlich mitgenommen?«

Niemand gab mir Antwort. Der Student schaute nach dem schweigenden, immer größer werdenden Feuerschein, und wie ich auf seinen jugendlichen, von welligem Haar bedeckten Nacken sah, war es mir, als ob ich eine zarte Frauenhand erblickte, die ihm in dem Haar kraute. Und diese Vorstellung war mir so unangenehm, daß ich den Studenten zu hassen begann und ihn nicht ohne Widerwillen ansehen konnte.

»Wie alt sind Sie?« fragte ich ihn, aber er wandte sich ab und antwortete nicht.

Der Doktor wiegte sich immer noch hin und her.

»Ich friere,« murmelte er durch die Zähne.

»Wenn ich so bedenke,« sagte der Student, ohne sich umzudrehen – »wenn ich so bedenke, daß es irgendwo Straßen und Häuser und eine Universität gibt!«

Er hielt inne, als wenn er alles gesagt hätte, was ihm auf dem Herzen lag, und schwieg. Der Zug machte plötzlich Halt, so plötzlich, daß ich mit dem Kopfe gegen die Wand schlug. Man vernahm Stimmen, und wir sprangen auf.

Dicht vor der Lokomotive lag irgend etwas auf dem Bahnkörper, wie ein Bündel, aus dem ein Bein hervorstarrte.

»Ein Verwundeter?«

»Nein, ein Toter. Der Kopf ist abgerissen. Wenn Sie wollen, zünde ich die vordere Laterne an. Sonst überfahren wir noch jemanden.«

Der Klumpen mit dem hervortretenden Bein wurde zur Seite geschoben; das Bein wippte einen Augenblick empor, als ob es durch die Luft entfliehen wollte, dann verschwand alles in dem schwarzen Graben, der am Bahndamm entlang lief.

»Horcht mal!« rief jemand mit verhaltenem Entsetzen.

Wir lauschten in die Stille der Nacht hinaus. Von überallher vernahm man ein gleichmäßiges, heiseres Ächzen, wie ein Scharren und Kratzen, ganz seltsam ruhig und fast monoton in seiner Breite. Wir hatten schon so viel Ächzen und Schreien gehört, dieses Ächzen aber war von ganz anderer Art als alles das, was wir bisher vernommen. Es ließ sich nicht bestimmen, woher es kam. Auf der in trüben, rötlichen Dämmerschein getauchten Fläche konnte das Auge nichts erkennen, und so schien es, als ob die Erde selbst oder der von den lohenden Feuern erhellte Himmel ächzte.

»Wir sind hier auf der fünften Werst,« sagte der Maschinist.

»Das kommt von dort drüben,« meinte der Doktor, indem er mit der Hand in der Richtung des Bahndammes vorwärts wies. Der Student fuhr zusammen und wandte sich langsam zu uns um.

»Was ist das?« sagte er. »Das kann man ja gar nicht mit anhören!«

»Gehen wir – vorwärts!«

Wir schritten zu Fuß vor der Lokomotive her. Unser kompakter, langer Schatten fiel auf den Bahndamm, und er war nicht schwarz, sondern von mattem Rot, wie alles ringsum. Mit jedem Schritt, den wir vorwärts taten, ward dieses unheimliche, schaurige Stöhnen, das keinen Ursprung zu haben und von der Erde, vom Himmel, von dem roten Luftmeer selbst auszugehen schien, immer vernehmlicher und lauter. Es erinnerte ein wenig an das gleichmäßig monotone Zirpen der Heuschrecken auf der Sommerwiese. Und immer häufiger und häufiger stießen wir auf Leichen. Wir betrachteten sie flüchtig und warfen sie vom Bahndamm – diese gleichgültigen, welken, stillen Körper, die dort, wo sie gelegen, ihre dunklen, öligglänzenden, halb eingesickerten Blutspuren zurückließen. Wir begannen sie zu zählen, verzählten uns aber bald und gaben die Sache auf. Es waren ihrer so viel – nur allzu viel für diese unheilvolle, von kaltem Grausen erfüllte, schaurige Nacht.

»Was ist denn das?« schrie der Doktor und schwang dabei drohend die Faust. »So hört doch! ...«

Wir näherten uns der sechsten Werst, und das Ächzen klang nun bestimmter, schärfer. Wir glaubten die verzerrten Mundöffnungen zu sehen, die diese Töne hervorstießen. Wir blickten schaudernd in die rosig schimmernden, gespenstischen Nebel, als dicht vor uns, am Fuße des Bahndammes, jemand ein lautes, weinerliches, bittendes Ächzen ausstieß. Wir fanden ihn sogleich, diesen Verwundeten, in dessen Gesicht man nichts als die Augen sah – so riesengroß erschienen sie, als der Schein unserer Laternen auf sein Gesicht fiel. Er hörte auf zu stöhnen und ließ seinen Blick voll Erwartung über unsere Gruppe schweifen, wobei er nacheinander jeden von uns und dann die Laternen ansah. In seinen Augen lag eine wahnsinnige Freude darüber, daß er endlich Menschen und Licht sah, und zugleich eine wahnsinnige Furcht, daß alles dies im nächsten Augenblick wie eine Vision verschwinden könnte. Vielleicht hatte in den schrecklichen Stunden, die er verbracht, ihm diese Vision von suchenden Menschen mit Laternen schon mehr als einmal die Rettung vorgetäuscht, um dann in den blutigen, trüben Nachtnebel zu entfliehen.

Wir gingen weiter und stießen gleich darauf auf zwei neue Verwundete; der eine lag auf dem Bahndamm, der andere stöhnte unten im Graben. Als wir sie aufnahmen, rief der Doktor, vor innerer Erregung bebend, mir zu:

»Nun, was ist mit ihnen?«

Ohne die Antwort abzuwarten, wandte er sich ab. Ein paar Schritte weiter begegneten wir einem Leichtverwundeten, der uns selbst ohne fremde Hilfe entgegenkam; er stützte den einen, verwundeten Arm mit dem andern, schritt mit hocherhobenem Kopfe auf uns zu und schien, als wir zur Seite traten und ihm Platz machten, uns gar nicht zu bemerken. Vor der Lokomotive blieb er einen Augenblick stehen, bog dann um sie herum und ging an den Waggons entlang weiter.

»Steig doch ein!« rief der Doktor ihm zu, doch er gab keine Antwort.

Das waren die ersten, die uns noch Schrecken einflößten. Dann fanden wir ihrer immer mehr, auf dem Bahndamm und in seiner Nähe; das ganze, in der unbeweglichen roten Feuerlohe düster schimmernde Feld wimmelte von ihnen, als wäre es lebendig geworden, und es hallte wieder von ihrem lauten Geschrei, ihrem Ächzen, Fluchen und Stöhnen. Gleich dunklen kleinen Hügeln hoben sie sich ab von dem Blachfeld – beweglichen Hügeln, die durcheinander krochen wie schläfrig krabbelnde Riesenkrebse, ganz seltsam anzuschauen und mit ihren zuckenden, ruckweisen Bewegungen, ihrer kraftlosen Schwerfälligkeit kaum noch Menschen ähnlich. Die einen verhielten sich still und gehorsam, die anderen stöhnten, heulten, fluchten und haßten uns, die wir zu ihrer Rettung gekommen waren, so leidenschaftlich, als ob wir diese blutige, erbarmungslose Nacht heraufbeschworen, als ob wir ihre hilflose Vereinsamung inmitten der Leichen ringsum und ihre entsetzlichen Wunden verursacht hätten. Wir hatten keinen Platz mehr in unseren Waggons, und unsere Kleider waren ganz naß von Blut, als wenn wir lange in einem Blutregen gestanden hätten – und immer noch trugen wir Verwundete herbei, immer noch wimmelte und wogte diese unheimliche, lebendig gewordene Fläche.

Etliche krochen selbst auf allen Vieren herbei, andere kamen schwankend herangeschritten und brachen hilflos zusammen. Ein Soldat kam förmlich im Sturm herangerast. Sein Gesicht war zerschmettert, er hatte nur ein Auge, das wild und unheimlich glühte, und er war fast nackt, als wenn er aus der Badestube käme. Er stieß mich zur Seite, nahm sich den Doktor aufs Korn und packte ihn mit seiner Linken wütend an der Brust.

»Kriegst gleich was ins Maul!« schrie er, während er den Doktor schüttelte, und fügte ein boshaft cynisches Schimpfwort hinzu. »Kriegst gleich was ins Maul, du Schuft!«

Der Doktor machte sich von ihm los und schrie seinerseits, während er auf ihn eindrang, mit halberstickter Stimme:

»Ich bring' dich vor das Kriegsgericht, Schurke! Du hinderst mich bei der Arbeit! Hallunke! Bestie!«

Man brachte sie auseinander, aber lange noch hörte man das Schimpfen des Soldaten: »Schuft du! Kriegst gleich was ins Maul!«

Ich war schon ganz erschöpft und ging auf die Seite, um eine Zigarette zu rauchen und ein wenig zu verschnaufen. Von dem angetrockneten Blute sahen meine Hände aus, als wenn sie in schwarzen Handschuhen steckten. Die Finger hatten ihre Biegsamkeit verloren und vermochten kaum, die Zündhölzer und die Zigarette zu halten. Als ich diese endlich in Brand gesetzt hatte, schien mir der Rauch einen ganz besonderen, seltsamen Geschmack zu haben, wie ich ihn noch nie beobachtet hatte. Der Student, der als Krankenträger mit uns gekommen war, trat auf mich zu; es war mir, als hätte ich ihn nicht erst heute kennen gelernt, vor einer Stunde, sondern vor einer Reihe von Jahren, doch konnte ich mich nicht entsinnen, wo es gewesen. Festen Schrittes kam er auf mich zu, gleichsam marschierend, wobei er durch mich hindurch in die Ferne starrte.

»Sie schlafen,« sagte er in vollkommen ruhigem Tone. Seine Worte waren mir unverständlich, doch glaubte ich einen Vorwurf herauszulesen und brauste auf:

»Sie vergessen, daß sie zehn Tage lang wie die Löwen gekämpft haben!«

»Sie schlafen,« wiederholte er in demselben Tone und schaute durch mich hindurch, irgendwohin, in die Höhe. Dann neigte er den Kopf zu mir herab und sagte, mit dem Finger drohend, in demselben ruhigen, trockenen Tone:

»Ich will Ihnen nur sagen ... ich will Ihnen nur sagen ...«

»Was denn?«

Er beugte sich noch tiefer, drohte wieder bedeutsam mit dem Finger und wiederholte:

»Ich will Ihnen nur sagen ... ich will Ihnen nur sagen ... ich will Ihnen nur sagen ...«

Und mit demselben strengen Blick auf mich zog er seinen Revolver hervor, setzte ihn an und schoß sich durch die Schläfe. Und das setzte mich weder in Erstaunen, noch erschreckte es mich. Ich nahm die Zigarette in die linke Hand, betastete mit dem Finger seine Wunde und begab mich zu den Waggons.

»Der Student hat sich eben in den Kopf geschossen,« sagte ich zum Doktor, »ich glaube, er lebt noch.«

Der Doktor faßte sich an den Kopf und stöhnte laut auf:

»Hol' ihn doch der Teufel! Wir haben ja gar keinen Platz mehr. Auch dieser da« – er zeigte nach einem anderen Krankenträger, gleichfalls einem Studenten – »wird sich gleich erschießen. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf. Und auch ich« – seine Stimme klang zornig und drohend – »auch ich tue es! Ja! Wer jetzt noch kommt, mag zu Fuß gehen. Es ist kein Platz mehr da. Wem's nicht paßt, der soll sich beschweren.«

Immer noch weiterschreiend, kehrte er mir den Rücken, ich aber trat zu dem Studenten hin, der nach des Doktors Meinung sich gleichfalls erschießen wollte. Mit der Stirn gegen den Waggon gestützt, stand er da und schluchzte so heftig, daß seine Schultern konvulsivisch zuckten.

»Hören Sie auf,« sagte ich, ihn an der Schulter fassend.

Er wandte sich nicht einmal um, antwortete nicht und weinte nur, weinte. Sein Nacken machte denselben jugendlichen Eindruck wie der Nacken des anderen, der sich erschossen hatte. Er stand breit da, wie ein Betrunkener, den das Brechen ankommt, und sein Hals war ganz blutig – er hatte wohl mit den Händen hingefaßt.

»Nun?« sprach ich ungeduldig.

Er schwankte fort von dem Waggon und schritt mit gesenktem Kopfe, gebückt wie ein Greis, aufs Geratewohl in das nächtliche Dunkel hinein, hinweg von den andern. Ich schloß mich ihm an und ging, ich weiß nicht, warum, mit ihm immer weiter. Irgendwohin abseits schritten wir; die Waggons lagen bald weit hinter uns. Er schien zu weinen, und auch mir ward so gramvoll schwer ums Herz, daß ich am liebsten geweint hätte.

»Halt!« rief ich ihm dann plötzlich zu und blieb stehen. Er aber ging weiter, mit schleppenden, schweren Schritten, und mit den schmalen Schultern und dem gekrümmten Rücken sah er aus wie ein müder, alter Mann. Bald war er in dem rotgrauen Nebel, der zu leuchten schien und doch nichts recht erleuchtete, meinem Blick entschwunden. Ich blieb allein zurück.

Zu meiner Linken, weit, weit weg von mir, sah ich eine Reihe kleiner, trüber Lichter sich bewegen – es war der Eisenbahnzug, der davonfuhr. Ich war allein unter den Toten und Sterbenden. Wie viel waren ihrer noch zurückgeblieben! In meiner Nähe war alles still und tot, weiterhin aber wimmelte und zuckte das Feld noch, als wenn es lebte – oder vielleicht schien mir das nur so, weil ich allein war. Aber das Ächzen und Stöhnen verstummte nicht. Es hallte weithin über die Erde und klang jetzt so leise, so hoffnungslos wie das stille Weinen eines Kindes, oder wie das Winseln von tausend jungen Hunden, die, in die Winterkälte hinausgeworfen, hilflos erfroren. Wie eine spitze, endlos lange Eisnadel bohrte sich dieses stille Stöhnen ins Gehirn und bewegte sich darin langsam hin und her, immer hin und her ...

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