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Leonid Nikolajewitsch Andrejew: Das rote Lachen - Kapitel 4
Quellenangabe
typefragment
authorLeonid Andrejew
titleDas rote Lachen
publisherScholz & Co. (Verlag »Snanije«)
addressBerlin S. 59
printrun4. Tausend
year
firstpub
translatorAugust Scholz
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectiddd03b8bf
secondcorrectorgerd.bouillon
secondcorrection20120112
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Erstes Fragment

... Wahnsinn und Schrecken!

Zum ersten Male ward ich mir dessen bewußt, als wir auf der nach N. führenden Straße dahinmarschierten – zehn Stunden lang ununterbrochen marschierten, ohne einen Augenblick Halt zu machen, ohne das Marschtempo zu mäßigen, ohne die Fallenden mitzunehmen, die in der Gewalt des auf drei, vier Stunden Entfernung hinter uns herdrängenden, die Spuren unseres Rückzugs mit seinen Schritten verwischenden Feindes verblieben.

Es war unerträglich heiß. Ich weiß nicht, wie viel Grad, ob vierzig, fünfzig oder noch mehr – ich weiß nur, daß es eine ununterbrochene, gleichmäßige, intensive Hitze war, die uns zur Verzweiflung brachte. Die Sonne erschien so groß, so glühend heiß und furchtbar, als ob die Erde ihr immer näher rückte und über kurz oder lang von dieser erbarmungslosen Glut verzehrt werden sollte. Die Augen hatten das Sehen verlernt. Die Pupillen hatten sich zusammengezogen, sie waren so winzig klein geworden wie Mohnkörner und suchten gierig das Dunkel im Schatten der geschlossenen Lider. Doch die Sonne durchdrang die dünne Membrane, und ihr blutig-rotes Licht fand den Weg in das erschlaffte Gehirn. Aber es war doch immer erträglicher so, als wenn man die Augen offen hielt, und ich marschierte lange, vielleicht ein paar Stunden lang so mit geschlossenen Augen einher und hörte nur, wie rings um mich sich die Massen vorwärts bewegten: ich hörte das dumpfe, unregelmäßige Stampfen von Menschen und Pferden, hörte das Knirschen der eisernen Geschützräder auf dem Steingeröll, das schwere, stoßweise Atmen der erschöpften Lungen und das trockene Schmatzen der verdorrten Lippen. Alles schwieg – es war, als ob eine Armee von Stummen daherzöge. Wenn jemand zusammenbrach, so tat er es schweigend, und die anderen stolperten über seinen Körper, fielen hin, standen schweigend wieder auf und gingen, ohne zurückzuschauen, weiter, als wären sie nicht nur stumm, sondern auch taub und blind dazu. Was ich sah, schien mir eine wilde Phantasie, ein wüstes Traumbild der tollgewordenen Erde. Die heißdurchglühte Luft vibrierte, und lautlos, als ob sie eben in Fluß kommen sollten, vibrierten auch die Felsen; und die Züge der Mannschaften, die Geschütze und Pferde weit hinten an der Wegbiegung schienen wie von der Erde losgelöst und zitterten wie Gallerte – als wären es nicht lebende Wesen, die da marschierten, sondern ein Heer von fleischlosen Schatten. Bis ins Innerste des Körpers, in die Knochen, ins Hirn drang die heiße, dörrende Glut und erzeugte das Gefühl, als wackle da oben zwischen den Schultern nicht der Kopf hin und her, sondern eine seltsam fremde, schaurige, äußerlich aufgestülpte Kugel ...

 

Und da – da erinnerte ich mich plötzlich meines trauten Heims: ich sehe einen Winkel des Zimmers, und ein Stück der blauen Tapete, und die unbenutzte, staubige Wasserkaraffe auf meinem kleinen Tische, von dessen drei Beinen das eine kürzer ist als die beiden anderen und durch ein zusammengefaltetes Stück Papier gestützt wird. Und im anstoßenden Zimmer – so, daß ich sie nicht sehen kann – sitzt meine Frau mit meinem kleinen Sohne. Wäre ich imstande gewesen, zu schreien, ich hätte laut aufgeschrien vor Ueberraschung: so ungewohnt war mir dieses einfache, friedliche Bild, dieses Stück blaue Tapete samt der unbenutzten, staubigen Karaffe.

Ich weiß, daß ich stehen blieb und die Arme ausstreckte – aber da erhielt ich von hinten einen Stoß und lief rasch weiter, hastig durch die Menge drängend, als ob ich es sehr, sehr eilig hätte. Eine ganze Zeit lang lief ich dahin zwischen den schweigsamen Menschenreihen, vorüber an den vom Sonnenbrand geröteten Nacken, an den aufgeprotzten, glühend heißen Geschützen, die ich unbewußt streifte – als plötzlich der Gedanke, was ich denn eigentlich treibe, wohin ich so eilig laufe, mich abermals Halt machen ließ. Nun schlug ich mich seitwärts, gelangte auf eine freie Stelle, kroch durch eine Schlucht und setzte mich auf einen Felsblock, tief aufatmend, als ob dieser heiße, rauhe Block das Ziel all meiner Wünsche wäre. Und da kam mir jene furchtbare Tatsache zum erstenmal klar zum Bewußtsein: ich sah mit aller Deutlichkeit, daß alle diese Menschen, die da schweigend in der Sonnenglut vorwärts hasteten und, von Hitze und Erschöpfung übermannt, jäh zusammenbrachen – daß sie Wahnsinnige waren. Sie wissen nicht, wohin sie gehen, sie wissen nicht, warum diese Sonne da auf sie niederbrennt, sie wissen nichts, rein nichts. Sie tragen keinen Kopf auf den Schultern, sondern Kugeln – seltsame, schaurige Kugeln. Dort drängt sich einer, gleich mir, hastig durch die Reihen und stürzt nieder; ihm folgt noch ein zweiter, ein dritter. Da bäumt sich über der Menge der Kopf eines Pferdes empor, mit starren, blutunterlaufenen Augen und breit gefletschtem Maule, aus dem jäh ein entsetzlicher, halb erstickter Schrei dringt – es bäumt sich empor, stürzt zu Boden und bildet im nächsten Moment den Mittelpunkt eines Auflaufs – – bis nach einem kurzen, dumpfen Wechsel von Worten ein jäher Schuß ertönt und dann von neuem diese endlose, schweigsame Bewegung einsetzt. Bereits seit einer Stunde sitze ich auf dem Felsblock, und an mir vorüber marschieren, marschieren sie nur immer, und die Erde, die Luft, die gespenstischen Menschenreihen dort hinten vibrieren in einem fort. Wiederum spüre ich diese ins Innerste dringende, ausdörrende Hitze; vergessen ist, was für einen Augenblick mich so lebhaft beschäftigte, und an mir vorüber sehe ich sie nur immer gehen und gehen, und ich weiß nicht, wer sie sind. Die einen tragen Gewehre und sehen wie Soldaten aus; andere sind halb nackt, und ihre Haut ist ganz purpurrot und entsetzlich anzuschauen. Nicht weit von mir liegt einer lang ausgestreckt, mit dem nackten Rücken nach oben; nach der Art, wie er gleichgültig sein Gesicht auf das spitze, heiße Felsgestein stützt, nach der blutlosen Weiße der seitwärts gedrehten Handfläche kann man darauf schließen, daß er tot ist; aber sein Rücken ist rot, wie bei einem Lebenden, und nur ein leichter gelber Anflug, gleich dem von geräuchertem Fleische, verkündet den Tod. Ich will von ihm fortrücken, doch ich habe nicht die Kraft dazu, und so starre ich über ihn hinweg, immer wieder auf diese endlos daherschreitenden, gespenstisch schwankenden Reihen. Ich spüre es wohl, daß auch mich im nächsten Augenblick der Hitzschlag treffen wird, aber ich erwarte ihn ruhig, wie in einem Traume, der den Tod nur als Etappe auf einem Wege voll wunderbarer, wirrer Visionen erscheinen läßt.

Und ich sehe, wie ein Soldat sich von der Truppe löst und seinen Schritt auf uns zulenkt. Einen Augenblick verschwindet er in einem Graben, und wie er dann herauskriecht und weitergeht, werden seine Schritte unsicher, und über seinem verzweifelten Versuche, die versagenden Glieder zusammenzuraffen und vom Fleck zu bringen, liegt's wie ein Abglanz des Endes. Er kommt so jäh auf mich zu, daß ich aus dem dumpfen Halbschlummer auffahre, der mein Hirn umfängt, und erschrocken frage: »Was willst du?«

Er macht plötzlich Halt, als ob er nur dieses eine Wort erwartet hätte, und steht nun vor mir da – groß und breit, bärtig, mit zerrissenem Kragen. Die Arme und Beine stehen vom Körper ab, er sucht sie an sich zu ziehen, doch vermag er es nicht mehr; kaum hat er sie an den Leib gebracht, so streckt er sie gleich wieder von sich.

»Was ist dir? So setz dich doch!« rufe ich.

Doch er steht da, sucht vergeblich seine Haltung zu bewahren, schweigt und sieht mich an. Und ich richte mich unwillkürlich von meinem Felsblock empor, blicke, während ich unsicher hin und her schwanke, in seine Augen und schaue in ihnen einen Abgrund von Schrecken und Wahnsinn. Bei allen andern sind die Pupillen klein und eng – bei ihm jedoch haben sie sich geweitet, daß sie das ganze Auge ausfüllen: welch ein Feuermeer muß er sehen durch diese großen, schwarzen Fenster! In diesen schwarzen, grundlosen, wie bei den Vögeln von einer schmalen, orangefarbigen Iris umgebenen Sehlöchern lag mehr als der Tod, mehr als die Angst vor dem Sterben.

»Geh fort!« schrie ich, unwillkürlich zurückweichend – »geh fort!«

Und wie ich so rufe, stürzt er auch schon mit der ganzen Wucht seines Körpers auf mich nieder, wortlos und starr, und bringt mich zu Falle. Zitternd mache ich meine Beine frei von der unheimlichen Last, voll Entsetzen springe ich auf und will irgend wohin in die sonnige, menschenleere, vibrierende Ferne flüchten – da erdröhnt von links auf dem Berggipfel ein Schuß, und gleich darauf folgen ihm, wie ein Echo, zwei andere. Und irgendwo über meinem Kopfe saust mit Zischen und Pfeifen und Jubeln eine Granate durch die Luft.

Wir sind umzingelt!

Vergessen ist plötzlich die mörderische Hitze, verschwunden die Angst und die Müdigkeit. Meine Gedanken sind klar, meine Vorstellungen scharf und deutlich, und wie ich keuchend zu der in Reihe und Glied aufmarschierenden Batterie eile, sehe ich heitere, fast lachende Gesichter, höre ich laute, wenn auch heisere Stimmen, Kommandorufe, Scherze. Die Sonne scheint höher gestiegen zu sein, um nicht zu stören, ihr Glanz erscheint matter, ihre Glut gemildert – und abermals saust, wie mit freudigem Aufschrei, gleich einem Luftgespenst, eine Granate über meinen Kopf hinweg.

Schon bin ich zur Stelle ...

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