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Leonid Nikolajewitsch Andrejew: Das rote Lachen - Kapitel 18
Quellenangabe
typefragment
authorLeonid Andrejew
titleDas rote Lachen
publisherScholz & Co. (Verlag »Snanije«)
addressBerlin S. 59
printrun4. Tausend
year
firstpub
translatorAugust Scholz
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectiddd03b8bf
secondcorrectorgerd.bouillon
secondcorrection20120112
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Vierzehntes Fragment

... Ich hatte meinen Platz in der elften Parkettreihe. Rechts und links fühlte ich irgend jemandes Arm, dicht an den meinigen gepreßt, und weithin im Kreise starrte unbeweglich Kopf an Kopf ins Halbdunkel, in das von der Bühne ein matter, rötlicher Lichtschimmer fiel. Und nach und nach beschlich mich ein Angstgefühl, als ich so all diese Menschen in dem engen Raume zusammengedrängt sah. Sie schwiegen alle und lauschten den Worten, die auf der Bühne gesprochen wurden, oder sie gingen vielleicht ihren eignen Gedanken nach; weil ihrer aber so viele waren, so schien mir ihr Schweigen vernehmlicher als die lauten Stimmen der Schauspieler. Sie husteten, schneuzten sich, scharrten mit den Füßen, raschelten mit den Kleidern, und ich hörte deutlich ihr tiefes, ungleichmäßiges Atmen, das die Luft erwärmte. Es lag etwas Furchtbares in dem Anblick dieser Menschen, die alle miteinander binnen wenigen Minuten in Leichen verwandelt, oder dem Wahnsinn verfallen sein konnten. In der Ruhe dieser glattgekämmten, fest auf die weißen, steifen Kragen gestützten Nacken sah ich einen Orkan des Wahnsinns lauern, der jeden Augenblick losbrechen konnte.

Ich fühlte, wie meine Hände kalt wurden, als ich mir vorstellte, wie viel ihrer waren, wie furchtbar sie werden konnten, und wie weit ich vom Eingang entfernt war. Sie saßen so ruhig da – wenn ich nun plötzlich »Feuer!« rufen würde? Und mit Schaudern empfand ich ein qualvoll-heftiges Verlangen danach, dessen bloße Erinnerung meine Hände von neuem erkalten läßt und mir den Schweiß aus den Poren treibt. Wer hindert mich, es zu rufen? Aufzustehen, mich umzudrehen und ins Parkett hineinzuschreien: »Feuer! Rettet euch! Feuer!«

In wilden Wahnsinnskrämpfen werden ihre jetzt so ruhigen Glieder zucken, sie werden aufspringen, werden heulen und brüllen wie die Tiere, werden vergessen, daß ihre Frauen, ihre Schwestern und Mütter neben ihnen sitzen, werden umhertappen, als wären sie plötzlich mit Blindheit geschlagen, und sich mit ihren weißen, parfümierten Händen gegenseitig an die Kehlen fahren. Man wird den Zuschauerraum hell erleuchten, irgend jemand vom Theaterpersonal wird totenblaß auf die Bühne stürzen und den Feuerlärm für falsch erklären, das Orchester wird in zitternden, schrillen Akkorden eine lustig-tolle Weise spielen – sie aber werden nichts von alledem hören, sie werden sich gegenseitig würgen und zertreten und ihre Damen auf die elegant frisierten Köpfe schlagen. Sie werden einander die Ohren abreißen, die Nasen abbeißen und die Kleider in Fetzen bis aufs Nackte herunterzerren, und sie werden sich nicht schämen, nackt zu sein, da sie ja wahnsinnig sind. Ihre empfindsamen, zarten, hübschen, vergötterten Weibchen werden kreischen, werden hilflos zu ihren Füßen zappeln und im Vertrauen auf die Ritterlichkeit der Herren ihre Knie umfassen – sie aber, diese Ritter, werden sie wütend in die bittenden, hübschen Gesichter schlagen und wild dem Ausgang zustürmen. Denn sie sind Mörder von Natur, und ihre würdevolle Haltung, ihre Ruhe ist nur die Ruhe des satten Tieres, das sich in Sicherheit fühlt.

Und wenn die eine Hälfte erdrückt und erwürgt ist und die andere halbnackt als ein zitternder Haufen von scheuen Tieren sich am Ausgang drängt, werde ich vor die Rampe treten und ihnen hohnlachend zurufen:

»Das ist der Lohn dafür, daß ihr meinen Bruder gemordet habt!«

Und noch einmal werde ich es lachend wiederholen:

»Das ist der Lohn dafür, daß ihr meinen Bruder gemordet habt! ...«

... Ich muß wohl ziemlich laut vor mich hingeflüstert haben, denn mein Nachbar zur Rechten rückte unwillig auf seinem Platz hin und her und sagte:

»Still da! Stören Sie nicht!«

Ich war zum Scherzen aufgelegt, nahm eine strenge, warnende Miene an und beugte mich zu ihm hinüber.

»Was gibt's denn?« fragte er unruhig. »Warum schauen Sie so sonderbar drein?«

»Still doch, ich bitte Sie!« flüsterte ich tonlos mit den bloßen Lippen. »Merken Sie denn nichts? Es riecht so brandig! Es brennt im Theater!«

Er besaß Selbstbeherrschung genug, um nicht laut aufzuschreien. Sein Gesicht wurde kreidebleich, und die weit heraustretenden Augen hingen fast wie ein Paar Ochsenblasen über die Backen herab. Aber, wie gesagt: er schrie nicht. Er stand ganz leise auf, dankte mir nicht einmal und ging mit unsicher schwankendem, wie absichtlich zögerndem Schritt nach dem Ausgang. Er fürchtete, daß die anderen gleichfalls den Brandgeruch entdecken und ihn an der Flucht verhindern könnten – ihn, der als der einzige von allen würdig befunden war, gerettet zu werden und weiterzuleben.

Ein Gefühl des Ekels vor all dem Pack ringsum überkam mich, und ich verließ gleichfalls das Theater. Draußen auf der Straße wandte ich meinen Blick nach jener Himmelsgegend, in der der Krieg tobte – alles war stumm und still, und die vom Lichterschein gelblich schimmernden Wolken zogen am Nachthimmel langsam und ruhig dahin.

»Vielleicht ist das alles nur ein Traum – vielleicht gibt es gar keinen Krieg?« dachte ich, getäuscht durch die Ruhe des Himmels und der Stadt.

Aber schon hinter der nächsten Hausecke sprang plötzlich ein Zeitungsjunge hervor und schrie ganz begeistert:

»Nachttelegramm vom Kriegsschauplatz! Blutiger Kampf! Entsetzliche Verluste! Kaufen Sie, mein Herr – kaufen Sie!«

Beim Schein der Laterne las ich das Telegramm. Viertausend Tote! Im Theater waren vielleicht tausend Menschen gewesen, nicht mehr. Immer wieder ging es mir unterwegs durch den Kopf: viertausend Tote! ...

Furchtbar ist es mir jetzt, in das einsame, leere Haus zurückzukehren. Wenn ich eben noch den Schlüssel ins Schloß stecke und die stumme, flache Tür betrachte, sehe ich schon all die dunklen, öden Zimmer dahinter, die im nächsten Moment ein Mensch in einem Hute, ängstlich nach allen Seiten spähend, durchschreiten wird. Ich kenne den Weg sehr gut, aber schon auf der Treppe brenne ich ein Zündholz an und lasse immer wieder ein neues folgen, bis ich das Licht finde. In das Kabinett des Bruders gehe ich jetzt gar nicht mehr, es ist samt allem, was darin ist, verschlossen. Ich schlafe im Eßzimmer, in das ich nun ganz und gar übergesiedelt bin. Es ist dort ruhiger, in der Luft schweben gewissermaßen noch die Gespräche, das Lachen und das fröhliche Tellergeklirr von einst. Bisweilen höre ich deutlich das Kratzen einer Feder; und wenn ich mich schlafen lege ...

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