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Leonid Nikolajewitsch Andrejew: Das rote Lachen - Kapitel 14
Quellenangabe
typefragment
authorLeonid Andrejew
titleDas rote Lachen
publisherScholz & Co. (Verlag »Snanije«)
addressBerlin S. 59
printrun4. Tausend
year
firstpub
translatorAugust Scholz
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectiddd03b8bf
secondcorrectorgerd.bouillon
secondcorrection20120112
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Zehntes Fragment

... Der Tod hat ihn endlich erlöst – in der vergangenen Woche, am Freitag. Es war in der Tat eine Erlösung für meinen armen Bruder: dieser beinlose, am ganzen Leibe zitternde Krüppel mit der verwirrten Seele bot in seiner wahnsinnigen Schaffensekstase einen wahrhaft schaurigen, tief bejammernswerten Anblick. Seit jener Nacht, da ich ihn im Rollstuhl in sein Kabinett gebracht hatte, schrieb er zwei Monate lang in einem fort, ohne seinen Sessel zu verlassen, verweigerte die Nahrungsaufnahme, weinte und schalt, wenn wir ihn auf kurze Zeit von seinem Arbeitstisch fortbrachten. Mit außerordentlicher Schnelligkeit ließ er die Feder über das Papier hinfliegen, warf ein Blatt nach dem anderen zur Seite und schrieb und schrieb nur immer. Er verlor den Schlaf, und nur zweimal gelang es uns, ihn, dank einer tüchtigen Dosis Morphium, für ein paar Stunden ins Bett zu bringen; später vermochten dann auch die narkotischen Mittel seinen wahnsinnigen Schaffensdrang nicht mehr zu hemmen. Auf seinen Wunsch waren die Fenster den ganzen Tag verhängt, die Lampe brannte beständig und erzeugte in ihm die Illusion der Nacht; er rauchte eine Zigarette nach der anderen und schrieb. Offenbar fühlte er sich glücklich, ich habe niemals bei gesunden Menschen einen so begeisterten Gesichtsausdruck gesehen: es war das Gesicht eines Propheten oder großen Dichters. Er war sehr mager geworden, ganz durchsichtig und wachsbleich, wie ein Leichnam oder Asket, und sein Haar war vollständig ergraut; als ein verhältnismäßig junger Mann hatte er sein Wahnsinnswerk begonnen, und als Greis beendete er es. Bisweilen steigerte sich sein Schaffenseifer zu einer wahren Wut, die Feder fuhr tief ins Papier hinein, aber er bemerkte das gar nicht; in solchen Momenten durfte man ihn nicht anfassen, da er bei der geringsten Berührung einen Krampfanfall bekam und in Tränen und Lachen ausbrach; bisweilen, doch nur sehr selten, gönnte er sich eine kurze Ruhepause, lächelte glücklich und ließ sich herab, mit mir zu plaudern, wobei er jedesmal dieselben Fragen wiederholte: wer ich sei, wie ich heiße, und wie lange ich schon litterarisch tätig sei.

Und dann erzählte er in zuvorkommender Weise, immer mit denselben Worten, welch komischer Schrecken ihn damals ergriff, als er merkte, daß er das Gedächtnis verloren habe und nicht arbeiten könne, und wie glänzend er diese törichte Befürchtung widerlegt habe, indem er sein großes, unsterbliches Werk, seine »Blumen und Lieder«, begonnen.

»Ich rechne natürlich nicht auf die Anerkennung der Zeitgenossen,« sagte er stolz und zugleich bescheiden, während er seine zitternde Hand auf den Haufen leerer Blätter legte – »aber die Zukunft wird meine Ideen zu würdigen wissen.«

Vom Kriege sprach er nicht ein einziges Mal, und nicht ein einziges Mal gedachte er auch seiner Frau oder seines kleinen Sohnes: das Phantom der Arbeit, dieser gespenstischen, endlosen Arbeit nahm seine Aufmerksamkeit so vollständig in Anspruch, daß er für nichts weiter außer ihr Sinn hatte. Man konnte in seinem Zimmer umhergehen und sprechen – er merkte es nicht; nicht einen Augenblick wich von seinem Gesichte der unheimliche Ausdruck der Gespanntheit, der schaffensfrohen Begeisterung. In der Stille der Nacht, wenn alles schlief und nur er allein ohne Rast den endlosen Faden des Wahnsinns spann, machte er einen geradezu furchtbaren Eindruck; nur ich und die Mutter wagten es dann, ihm zu nahen. Einmal versuchte ich es, ihm statt der trockenen Feder einen Bleistift in die Hand zu geben – ich dachte, daß er vielleicht wirklich etwas schreiben würde; aber auf dem Papier fand ich dieselben unzusammenhängenden, sinnlosen Striche und Schnörkel vor wie sonst.

Er starb in der Nacht, bei seiner Arbeit. Ich kannte meinen Bruder sehr gut, und die Art, wie sich seine Wahnidee äußerte, war für mich nicht überraschend: schon in den Briefen, die er uns vom Kriegsschauplatze geschrieben, war seine leidenschaftliche Sehnsucht nach der Arbeit zum Ausdruck gekommen, sie hatte nach seiner Rückkehr den ganzen Inhalt seines Lebens ausgemacht, und sie mußte im Zusammenhang mit der hilflosen Ohnmacht seines erschöpften, zermarterten Gehirns die Katastrophe herbeiführen. Und ich glaube, daß es mir gelungen ist, die ganze Aufeinanderfolge der seelischen Erregungen, die schließlich sein Ende in jener schicksalsschweren Nacht herbeigeführt haben, mit einiger Klarheit darzulegen. Alles, was ich hier über den Krieg geschrieben, habe ich den Schilderungen und Erzählungen meines verstorbenen Bruders entnommen, die allerdings vielfach verworren und zusammenhangslos waren; nur gewisse einzelne Bilder und Erinnerungen hatten sich seinem Gehirn so unauslöschlich tief eingeprägt, daß ich sie fast wörtlich so, wie er sie erzählt hat, wiedergeben konnte.

Ich habe ihn geliebt, und sein Tod lastet auf mir wie ein schwerer Stein und drückt auf mein Hirn mit seiner ganzen absurden Unvernunft und Sinnlosigkeit. Jenes Unbegreifliche, das mein Denken wie ein Spinngewebe umfängt, hat durch den Tod des Bruders eine Stärkung erfahren – es drückt und quält mich mit einer unheimlichen, unfaßbaren Gewalt. Unsere ganze Familie ist zu Verwandten aufs Land gefahren, ich bin ganz allein im Hause – in diesem einsam gelegenen, stillen Hause, das mein Bruder so sehr liebte. Die Dienerschaft ist entlassen, nur der Portier des Nachbarhauses kommt jeden Morgen, um die Öfen zu heizen; sonst bin ich mutterseelenallein, die ganze geschlagene Zeit. Ich komme mir vor wie eine Fliege, die man im Innenraum eines Doppelfensters eingesperrt hat – ich schwirre hin und her und stoße mit dem Kopfe immer wieder gegen ein unsichtbares, undurchdringliches Hindernis. Und ich fühle es, ich weiß es, daß ich dieses Haus nicht mehr verlassen soll. Jetzt, da ich allein bin, beherrscht mich ganz und gar dieser Krieg, er steht vor mir wie ein undurchdringliches Rätsel, wie ein furchtbarer Geist, dem ich keine Körperlichkeit, keine greifbare Form zu geben vermag. Ich suche ihn in alle möglichen Gestalten zu bannen: als ein hoch zu Roß sitzendes, hohläugiges Gespenst, als ein wolkengeborenes, lautlos zur Erde niederschwebendes Schattenungetüm stelle ich ihn mir vor – aber nicht eins dieser Bilder gibt mir Antwort, nicht eins vermag den kalten, dumpfen, starren Schauer zu lösen, der mich umfängt.

Ich begreife den Krieg nicht und muß dem Wahnsinn verfallen, wie mein Bruder, wie die Hunderte von Irrsinnigen, die man vom Kriegsschauplatze hierher bringt. Ich fürchte den Wahnsinn nicht: es scheint mir vielmehr Ehrensache, über diesem tollen »Problem« den Verstand zu verlieren – ganz so, wie es für den Soldaten Ehrensache ist, auf seinem Posten zu fallen. Aber die Erwartung, dieses langsame, unverwandte Herannahen des Wahnsinns, dieses Vorgefühl eines jähen, gewaltigen Sturzes in den Abgrund, dieser unerträgliche Schmerz des zermarterten Gehirns – das ist's, was mich zerreibt, ... Mein Herz ist stumm und starr, ist tot – ihm blüht kein neues Leben; aber mein Denken ist noch lebendig und sucht noch anzukämpfen gegen das, was ihm bevorsteht. Freilich, so riesenstark, wie einst, ist es längst nicht mehr, und bisweilen wird es hilflos und schwach wie ein Kind, daß es mir selber leid tut. Es kommen Augenblicke, da mein wie in eiserne Ringe gezwängtes Hirn die Folterqual nicht mehr zu ertragen vermag und ich Hals über Kopf auf die Straße, auf den Markt, mitten unter die Volksmenge hinausstürmen möchte, um laut aufzuschreien:

»Macht dem Kriege sofort ein Ende – oder ...«

Ja – was denn »oder«? Gibt es denn Worte, die sie zur Vernunft bringen könnten, Worte, auf die sie nicht eine ebenso laute, verlogene Antwort finden würden? Oder soll ich vor ihnen auf die Knie niedersinken und weinen? Aber Hunderttausende betteln ja unter Tränen um den Frieden – und erreichen sie damit auch nur das Geringste? Oder soll ich mich vor ihren Augen töten? Töten! ... Tausende werden jeden Tag getötet – und nützt das auch nur das Geringste?

Und wenn ich so meine Ohnmacht fühle, übermannt mich die Tollwut, die Raserei des Krieges, den ich so verabscheue. Ich möchte, wie jener Doktor, von dem mein Bruder erzählte, ihre Häuser verbrennen, mitsamt ihren Schätzen, ihren Frauen und Kindern; ich möchte das Wasser vergiften, das sie trinken; ich möchte all die Toten dieses Krieges aus ihren Gräbern herausholen und sie in ihre unreinen Wohnungen, ihre Betten werfen, daß sie mit ihnen schlafen wie mit ihren Frauen, ihren Geliebten!

Jetzt möchte ich so der Teufel sein, haha! Alle Schrecken der Hölle würde ich auf diese Erde verpflanzen. Ich würde mich zum Herrn ihrer Nächte, ihrer Träume machen, und wenn sie ihre Kinder geküßt haben und mit einem Lächeln um den Mund entschlummert sind, würde ich vor sie hintreten – schwarz, gewaltig! ...

Ja, ich verliere wirklich den Verstand – wenn's nur recht schnell gehen wollte! Nur recht schnell ...

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