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Leonid Nikolajewitsch Andrejew: Das rote Lachen - Kapitel 12
Quellenangabe
typefragment
authorLeonid Andrejew
titleDas rote Lachen
publisherScholz & Co. (Verlag »Snanije«)
addressBerlin S. 59
printrun4. Tausend
year
firstpub
translatorAugust Scholz
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectiddd03b8bf
secondcorrectorgerd.bouillon
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Neuntes Fragment.

... Ich saß in der Badewanne im warmen Wasser, und mein Bruder ging unruhig in dem kleinen Räume auf und ab, setzte sich, stand wieder auf, nahm bald die Seife, bald das Laken in die Hand, hielt beides an seine kurzsichtigen Augen und legte es wieder zurück. Dann drehte er sich mit dem Gesicht zur Wand um, begann mit dem Finger an dem Kalkbewurf herumzukratzen und fuhr hitzig in seiner Rede fort:

»Urteile doch selbst: man lehrt doch nicht ungestraft den Menschen jahrzehnte- und jahrhundertelang mitleidig, verständig und logisch zu sein, nicht umsonst erzieht man ihn zu einem vernünftigen, bewußt handelnden Wesen! Das klare Bewußtsein – das ist's, worauf es ankommt. Man kann wohl das Mitleidsgefühl einbüßen, kann die Empfindungsfähigkeit verlieren, kann sich an den Anblick von Blut und Tränen und Leiden gewöhnen, wie dies bei den Metzgern oder bei manchen Ärzten und Militärs der Fall ist; wie aber ist es möglich, daß der Mensch, wenn er einmal die Wahrheit erkannt hat, ihr wieder entsage? Nach meiner Ansicht ist das einfach unmöglich. Von Kindheit an hat man mich gelehrt, die Tiere nicht zu quälen, barmherzig zu sein; dasselbe haben mich alle Bücher gelehrt, die ich gelesen habe, und ich empfinde ein schmerzliches Mitleid mit allen jenen, die unter eurem fluchwürdigen Kriege zu leiden haben. Aber nach und nach fange ich an, mich an alle diese Todesfälle, diese Leiden, dieses Blutvergießen zu gewöhnen; ich fühle deutlich, daß ich auch sonst im täglichen Leben weniger empfindlich, weniger teilnahmsvoll werde und nur noch auf die stärksten Eindrücke reagiere. An die Tatsache des Krieges selbst jedoch vermag ich mich nicht zu gewöhnen, meine Vernunft sträubt sich dagegen, das zu begreifen und klar zu erfassen, was eben seinem innersten Wesen nach unvernünftig ist. Eine Million Menschen versammeln sich an einer Stelle, sie schlagen sich gegenseitig tot, sie suchen ihr Verhalten mit allen möglichen Gründen zu rechtfertigen, sie fühlen alle miteinander das Qualvolle ihrer Lage, sind alle gleich unglücklich darüber – – ja, sag' einmal: was ist das? Ist das nicht heller Wahnsinn?«

Der Bruder wandte sich um und sah mich mit seinen kurzsichtigen, etwas naiv dreinschauenden Augen fragend an.

»Das rote Lachen ist's,« sagte ich in scherzendem Tone und plätscherte im Wasser.

»Und ich will dir die Wahrheit sagen« – fuhr der Bruder fort, während er seine kalte Hand vertraulich auf meine Schulter legte, um sie gleich wieder fortzuziehen, als ob er darüber erschrocken wäre, daß meine Schulter nackt und naß war – – »ich will dir die Wahrheit sagen: ich fürchte sehr, daß ich den Verstand verliere. Ich kann nicht begreifen, was eigentlich in der Welt vorgeht. Wenn mich doch irgend jemand darüber aufklären wollte – aber kein Mensch vermag es! Du hast den Krieg mitgemacht, du hast alles gesehen – erkläre mir es doch!«

»Geh zum Teufel!« sagte ich scherzend und plätscherte im Wasser.

»Auch du kannst es mir nicht sagen,« fuhr er traurig fort – »kein Mensch kommt mir zu Hilfe. Das ist entsetzlich. Ich kann einfach nicht mehr begreifen, was möglich und was unmöglich, was vernünftig und was unvernünftig ist. Wenn ich dich jetzt an der Kehle fasse, zuerst ganz leicht, als ob ich dich liebkosen wollte, und dann immer fester und fester, bis ich dich erwürgt habe – sag' einmal, was wäre das?«

»Du redest Unsinn. Niemand tut so etwas.«

Der Bruder rieb sich die kalten Hände, lächelte still und fuhr fort:

»Als du noch dort warst, gab es Nächte, in denen ich nicht schlief, nicht einschlafen konnte, und dann kamen mir so seltsame Einfälle: ob ich nicht ein Beil nehmen und alle mit einander totschlagen sollte, unsere Mutter, die Schwester, die Dienerschaft, den Hund. Es waren natürlich nur Einfälle, in Wirklichkeit würde ich's ja nie tun.«

»Das will ich hoffen,« sprach ich lächelnd, und plätscherte im Wasser.

»Ich habe auch eine so seltsame Furcht vor Messern, vor allen scharfen, blitzenden Gegenständen: ich glaube, wenn ich ein Messer in die Hand nehme, schneide ich unbedingt jemandem die Gurgel ab. Warum sollte ich's nicht tun, wenn das Messer nur scharf genug ist?«

»Die Motivierung genügt. Bist ein komischer Kauz, lieber Bruder! Laß doch noch etwas warmes Wasser nachlaufen!«

Der Bruder öffnete den Hahn, ließ das Wasser einlaufen und fuhr fort: »Ich fürchte mich auch vor der Menge – vor den Menschen, wenn sie sich in großer Anzahl versammeln. Wenn ich des Abends auf der Straße Lärm höre, oder lautes Schreien, dann fahre ich zusammen und denke, daß es bereits begonnen hat ... das Blutbad. Wenn ich ein paar Menschen zusammenstehen sehe und nicht hören kann, wovon sie reden, fürchte ich immer, daß sie im nächsten Augenblick mit wildem Geschrei über einander herfallen und sich gegenseitig morden werden. Du weißt doch« – er neigte sich geheimnisvoll an mein Ohr – »daß die Zeitungen voll sind von Nachrichten über allerhand Mordtaten – höchst geheimnisvolle Mordtaten ... Es ist einfach Unsinn, zu behaupten, jeder Mensch habe seinen eigenen Verstand: die ganze Menschheit hat nur einen einzigen Verstand, und der ist's, der sich zu verwirren beginnt. Fühle doch, wie heiß mein Kopf ist! Es brennt darin wie Feuer. Und manchmal ist er wieder ganz kalt, und alles darin ist gefroren, ist erstarrt, ist in einen toten, schaurigen Eisklumpen verwandelt. Lache mich nicht aus, Bruder – aber glaub's mir: ich werde wahnsinnig. Ich muß wahnsinnig werden. ... Eine Viertelstunde – nun ist's Zeit, daß du aus der Wanne steigst!«

»Noch ein Weilchen! Nur eine Minute noch!«

Es war ein so angenehmes Gefühl, wieder, wie früher, in der Wanne zu sitzen, eine bekannte Stimme zu hören, ohne lange auf den Sinn der Worte zu achten, und ringsum die alten, bekannten Dinge zu sehen: den Messinghahn mit dem leichten Anflug von Grünspan, die Wände mit den bekannten Arabesken, die sorgsam in die Fächer verteilten Vorrichtungen zum Photographieren. Ich werde mich wieder aufs Photographieren legen, werde schlichte, stille Landschaften aufnehmen und meinen Sohn photographieren, wie er geht, lacht und umhertollt. Alles das kann ich auch ohne Beine machen. Auch schreiben werde ich wieder – über verständige Bücher, über neue Errungenschaften des menschlichen Denkens, über die Schönheit und den ewigen Frieden.

»Ho ho ho!« lachte ich laut auf, und plätscherte im Wasser.

»Was ist denn?« fragte der Bruder erschrocken und ward blaß.

Er lächelte mich an, wie man ein Kind anlächelt, obschon ich drei Jahre älter bin als er. Und dann setzte er ein tief ernstes, nachdenkliches Gesicht auf, wie ein alter Mann, den schwere, dumpfe, alte Gedanken quälen.

»Wohin soll man sich flüchten?« sagte er achselzuckend. »Jeden Tag, gegen ein Uhr nachts, schließen die Zeitungen ihre Bureaus, und die ganze Menschheit fährt erschreckt empor. Diese Gleichzeitigkeit der Empfindungen, Tränen, Gedanken, Leiden und Schrecken beraubt mich jeder Stütze, und ich komme mir vor wie ein Holzspänchen auf dem Strome, wie ein Stäubchen im Wirbelwind. Mit Gewalt reißt mich irgend etwas los vom Alltäglichen, und an jedem Morgen durchlebe ich einen furchtbaren Augenblick, in dem ich gleichsam über dem schwarzen Abgrund des Wahnsinns in der Luft schwebe. Und ich werde – ich muß hineinstürzen in diesen Abgrund. Du weißt noch nicht alles, Bruder – du liest keine Zeitungen – man verbirgt dir vieles – du weißt noch lange nicht alles, Bruder!«

Ich hielt das, was er sagte, für einen etwas düsteren Scherz – und ähnlich ging es wohl zunächst allen denen, die der Wahnsinn dieses Krieges um ihren Verstand gebracht hatte. Ich hielt es für einen Scherz – als wenn ich in diesem Moment, da ich in dem molligen Badewasser plätscherte, alles das, was ich dort erlebt, ganz vergessen hätte.

»Laß die Zeitungen schreiben, was sie wollen,« sagte ich leichthin – »ich muß jetzt jedenfalls aus der Wanne heraus.«

Der Bruder lächelte und rief den Diener, und zu zweien hoben sie mich nun heraus und halfen mir in meine Kleider. Dann trank ich den köstlich duftenden Tee aus meinem gerippten Glase und dachte dabei im stillen, es lasse sich doch auch ohne Beine ganz gut leben, und dann schoben sie mich in mein Kabinett, an meinen Tisch, und ich schickte mich an, zu arbeiten.

Vor dem Kriege hatte ich in einer Zeitschrift allmonatlich die »Revue der ausländischen Literatur« geschrieben, und nun sah ich vor mir, so nahe, daß ich sie alle mit der Hand greifen konnte, einen ganzen Berg dieser mir so lieb gewordenen, gelb, blau und braun broschierten Bände. Meine Freude, wieder mitten unter ihnen zu sein, war so groß, daß ich mich gar nicht entschließen konnte, unter ihnen zu wählen, sondern immer nur bald diesen, bald jenen zur Hand nahm und zärtlich streichelte. Ich fühlte, daß bei diesem Gebaren ein Lächeln mein Gesicht verklärte, das sich wahrscheinlich ziemlich einfältig ausnahm; aber ich konnte mich dieses Lächelns nicht erwehren, als mein schwelgendes Auge sich in all die Schriften, Vignetten und einfach strengen, geschmackvollen Umschlagzeichnungen vertiefte. Wieviel feines Verständnis, wieviel Schönheitsgefühl lag doch in alledem! Wie viel Menschen haben daran arbeiten, haben ihr Hirn anstrengen, ihr Talent, ihren Geschmack daran wenden müssen, um auch nur diesen einen Buchstaben da zu konstruieren, der in seinen verschlungenen Formen doch so einfach-schön, so logisch, harmonisch und beredt erschien!

»Aber nun rasch ans Werk, ans Werk!« rief ich voll Respekt vor der Arbeit mir selber zu.

Und ich nahm die Feder, um die Überschrift niederzuschreiben – doch, ach, meine Hand wollte gar nicht vorwärts! Wie ein Frosch, den man an einen Zwirnfaden angebunden, hüpfte sie über das Papier, und die Feder blieb darin stecken, kratzte, zerrte, tappte hilflos nach rechts und links und produzierte nichts als unzusammenhängende, sinnlose, krumme und krause Striche. Ich schrie nicht auf, und ich rührte mich auch nicht – ich wurde nur kalt und starr in der schrecklichen Gewißheit, daß ein furchtbares Verhängnis mir nahte; meine Hand aber hüpfte über das hell beleuchtete Papier, und jeder einzelne Finger zitterte in so hoffnungsloser, wahnsinniger Angst, als ob sie, diese krampfhaft bebenden Finger, noch dort draußen im Kriege wären, und den lodernden Feuerschein und das Blut sähen, und die von unsäglichem Schmerz erfüllten Seufzer und Wehklagen hörten. Sie hatten sich gleichsam von mir losgelöst, diese wie närrisch zitternden Finger, waren lebendig, waren zu Augen und Ohren geworden. Und vor Kälte erstarrend, zu schwach, um zu schreien oder mich zu rühren, folgte ich mit den Augen dem wilden Tanze, den sie auf dem reinen, grellweißen Bogen vollführten.

Und es war so still um mich herum. Sie dachten, daß ich arbeite, und hatten alle Türen geschlossen, um mich nur ja durch keinen Laut zu stören; ich aber saß allein, jeder Möglichkeit, mich zu bewegen, beraubt, in meinem Zimmer und sah gehorsam zu, wie meine Hände zitterten.

»Das hat nichts zu bedeuten,« sagte ich laut, und in der Stille und Einsamkeit des Kabinetts tönte meine Stimme schrill und heiser, wie die Stimme eines Wahnsinnigen. »Hat nichts zu bedeuten. Ich werde eben diktieren. Milton war ja sogar blind, als er sein »Verlorenes Paradies« schrieb. Ich kann doch noch denken – das ist die Hauptsache, das ist alles.«

Und ich begann, einen tiefgründigen, langen Satz über den blinden Milton zu formen, aber die Worte gerieten mir durcheinander, sie entglitten mir, wie einem ungeschickten Setzer die Lettern aus dem Winkelhaken entgleiten, und als ich mit meinem Satz zu Ende war, hatte ich seinen Anfang bereits vergessen. Ich suchte nun, diesen Anfang wiederzufinden, suchte mich zu besinnen, wie ich eigentlich auf diesen sonderbaren, unsinnigen Satz über irgend einen Mann namens Milton gekommen – und war dazu nicht imstande.

»Das verlorene Paradies ... Das verlorene Paradies ...« wiederholte ich und begriff nicht, was das bedeutet.

Und nun kam es mir plötzlich zum Bewußtsein, daß ich überhaupt vieles vergaß, daß ich seltsam zerstreut geworden war und die Personen meiner Bekanntschaft nicht mehr recht unterschied; daß mir selbst in der einfachsten Unterhaltung öfters Ausdrücke fehlten oder, wenn ich auch die Wörter wußte, doch ihre Bedeutung nicht begriff. Ich wurde mir klar darüber, daß meine Tage doch jetzt ganz sonderbar beschaffen waren: sie waren so merkwürdig kurz, gewissermaßen verstümmelt wie meine Beine, von rätselhaften Pausen unterbrochen – die nichts anderes waren, als lange Stunden der Bewußtlosigkeit, von denen mir nicht die geringste Erinnerung geblieben war.

Ich wollte meine Frau rufen, aber ich hatte ihren Namen vergessen, was mich nun nicht mehr in Erstaunen setzte noch auch erschreckte. Ganz leise flüsterte ich:

»Frau! ...«

Das Wort, das mir plump und ungewohnt klang, verhallte ungehört. Keine Antwort erfolgte, es blieb ganz still um mich herum. Sie fürchteten, durch einen unvorsichtigen Laut mich bei der Arbeit zu stören, und so war es um mich so still, so still – ganz wie es sich schickt für das Kabinett eines Gelehrten, das hübsch behaglich, hübsch ruhig sein und zum Sinnen und Schaffen einladen muß.

»Wie sie um mich besorgt sind, die Lieben, Guten!« dachte ich voll Rührung.

... Und die Inspiration, die heilige Begeisterung kam über mich. Die Sonne flammte auf in meinem Haupte, und ihre glühenden, schöpferischen Strahlen fluteten über die ganze Welt hin, überall Blumen und Lieder verstreuend. Blumen und Lieder! Und ich schrieb die ganze Nacht, ohne zu ermüden, indem ich frei hinschwebte auf den Fittichen machtvoller, heiliger Begeisterung. Was ich schrieb, war groß, war unsterblich: es waren Blumen und Lieder.

Blumen und Lieder ...

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