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Leonid Nikolajewitsch Andrejew: Das rote Lachen - Kapitel 11
Quellenangabe
typefragment
authorLeonid Andrejew
titleDas rote Lachen
publisherScholz & Co. (Verlag »Snanije«)
addressBerlin S. 59
printrun4. Tausend
year
firstpub
translatorAugust Scholz
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectiddd03b8bf
secondcorrectorgerd.bouillon
secondcorrection20120112
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Achtes Fragment.

... Ein Samowar! Ein richtiger Samowar, aus dem der Dampf aufsteigt wie aus einer Lokomotive. Und dieselben Schälchen, außen blau und innen weiß – dieselben niedlichen Schälchen, die man uns damals zu unserer Hochzeit geschenkt hat. Die Schwester meiner Frau, eine treffliche, gutherzige Person, hatte sie geschenkt.

»Sind sie wirklich noch alle ganz?« fragte ich zweifelnd, während ich mit dem zierlichen silbernen Teelöffel in meinem Glase rührte.

»Eins ist zerschlagen,« sagte meine Frau obenhin; sie hatte den eben geöffneten Hahn des Samowars in der Hand, aus dem das heiße Wasser klar und rasch hervorquoll.

Ich lachte auf.

»Was gibt's denn?« fragte mein Bruder.

»Nichts weiter,« antwortete ich. »Nun könntet ihr mich noch einmal in mein Kabinettchen fahren. Laßt es euch nicht verdrießen, tut's dem tapferen Helden zu Liebe! Ihr habt genug gefaulenzt, während ich fort war – jetzt heißt es sich rühren! Ich werde euch straff an die Kandare nehmen!«

Und im Scherz begann ich zu singen: »Wohlan denn, auf den Feind, ihr Freunde, auf zum Streite! ...«

Sie gingen auf den Scherz ein und lächelten gleichfalls, nur meine Frau blickte nicht auf: sie wischte gerade die Schälchen mit einem sauberen, gestickten Handtuch aus.

Im Kabinett erwartete mich der längst bekannte Anblick: die blaue Tapete, die Lampe mit der grünen Glocke und der kleine Tisch, auf dem die Wasserkaraffe stand. Sie war von einer leichten Staubschicht bedeckt.

»Gießt mir doch, bitte, ein Glas Wasser ein!« sagte ich munter.

»Du hast ja eben erst Tee getrunken!«

»Tut nichts, tut nichts, gießt nur ein! Und du,« sagte ich zu meiner Frau, »nimm mal den Jungen und setz' dich ein Weilchen in das Zimmer da, bitte!«

Schlückchen für Schlückchen trank ich mit Behagen das Wasser – und im anstoßenden Zimmer saß meine Frau mit meinem kleinen Sohne, und ich sah sie nicht.

»So war's recht. Und nun kommt hierher, zu mir. Aber warum ist denn der junge Mann noch so spät auf?«

»Er freut sich, daß du zurück bist. Geh doch zum Papa, Herzchen!«

Aber der Kleine begann zu weinen und versteckte sich in Mamas Schoß.

»Warum weint er denn?« fragte ich verdutzt und sah mich rings um, »Und warum seid ihr überhaupt alle ... so bleich und so einsilbig, und huscht um mich herum wie die Schatten?«

Der Bruder lachte laut auf und sagte:

»Wir sind doch nicht einsilbig!«

Und die Schwester sekundierte ihm:

»Wir reden doch in einem fort!«

»Ich muß einmal sehen, wie weit das Abendbrot ist,« sagte die Mutter und ging hastig hinaus.

»Gewiß, ihr seid so schweigsam,« wiederholte ich mit Bestimmtheit. »Seit dem frühen Morgen höre ich nicht ein Wort von euch, ich allein schwatze immerzu und lache und freue mich. Freut ihr euch denn nicht, daß ich zurück bin? Und warum weicht ihr mir immer mit euren Blicken aus? Habe ich mich denn so sehr verändert? Es muß wohl der Fall sein. Ich sehe auch keine Spiegel. Ihr habt sie wohl fortgenommen? Gebt mir doch mal einen Spiegel her!«

»Gleich bring' ich ihn,« sagte meine Frau; sie kam lange nicht zurück, und den Spiegel brachte schließlich das Stubenmädchen. Ich blickte hinein – und sah dasselbe Gesicht, das ich bereits unterwegs im Waggon und auf den Bahnhöfen gesehen hatte: es war mein altgewohntes Gesicht, etwas gealtert, aber sonst ganz dasselbe. Sie schienen erwartet zu haben, daß ich vielleicht aufschreien oder in Ohnmacht fallen würde, und um so mehr freuten sie sich, als ich in aller Ruhe fragte:

»Ja – was ist denn so ungewöhnlich an meinem Gesicht?«

Laut lachend ging die Schwester hinaus, der Bruder aber sagte in ruhigem, überzeugungsvollem Tone:

»Ja, du hast dich nur wenig verändert. Eine kleine Glatze hast du bekommen.«

»Danke dem Herrgott, daß ich wenigstens meinen Kopf behalten habe,« versetzte ich mit Gleichmut. »Aber wohin sind sie denn alle ausgerückt? Erst die eine, dann die andere ... Fahr mich doch noch ein bißchen durch die Zimmer! Ein prächtiger Stuhl – so bequem und völlig geräuschlos! Was hat er gekostet? Auf's Geld soll's mir sicherlich nicht ankommen: ein Paar Beine will ich mir kaufen, besser als ... ah, da hängt ja auch mein Zweirad!«

Es hing an der Wand, noch so gut wie neu, nur daß die Pneumatiks schlaff geworden waren. Am Hinterrad haftete noch etwas trockener Schmutz – von der letzten Radtour, die ich damals, vor dem Ausmarsch, unternommen hatte. Der Bruder schwieg und schob den Stuhl nicht weiter, und ich verstand sein Schweigen und Zögern.

»Von unserem Regiment sind nur vier Offiziere am Leben geblieben,« sagte ich düster. »Ich habe noch Glück gehabt ... Und das da –« ich wies auf das Zweirad, »das kannst du jetzt benutzen, nimm es dir gleich morgen.«

»Gut, ich will's nehmen,« sagte der Bruder in ergebungsvollem Tone. »Ja, du hattest noch Glück. Die halbe Stadt hat bei uns Trauer. Und die Beine – nun, die sind ... schließlich ...«

»Natürlich. Ich bin ja kein Briefträger!«

Der Bruder blieb plötzlich stehen und fragte:

»Sag' mal – wovon zittert eigentlich ... dein Kopf so?«

»Hat nichts zu sagen ... wird vergehen, meinte der Doktor.«

»Und auch deine Hände zittern?«

»Ja, ja – auch die Hände. Wird alles vergehen. Fahr mich nun, bitte, ein bißchen, das Stehen langweilt mich.«

Sie hatten mich aus der Stimmung gebracht, diese Leutchen, die mit mir so gar nicht zufrieden schienen. Aber die Freude kehrte wieder ein, als man mir mein Bett bereitete – ein wirkliches Bett, mit wirklichen, weichen Kissen, die auf einer hübschen Bettstelle lagen; ich hatte diese Bettstelle vor vier Jahren, als wir Hochzeit machten, selbst gekauft. Ein reines Laken wurde darüber gedeckt, dann wurden die Kissen tüchtig aufgeschüttelt und die Decke umgeschlagen: ich war Zeuge dieser feierlichen Zeremonie, und die Tränen standen mir in den Augen vor Lachen.

»Und nun zieh mich aus und bring mich zu Bett!« sagte ich zu meiner Frau. »O, wie ich mich darauf freue!«

»Sofort, mein Lieber!«

»Nur rasch, rasch!«

»Sofort, mein Lieber!«

»Ja, was ist dir denn?«

»Sofort, mein Lieber!«

Sie stand hinter mir, neben der Waschtoilette, und ich wandte hastig den Kopf nach ihr um. Und da schrie sie plötzlich auf, so jäh und laut, wie man sonst nur dort draußen auf dem Schlachtfelde schreit:

»Was ist denn das? Was ist das?«

Und sie stürzte auf mich zu, umarmte mich, warf sich vor mir nieder und barg ihren Kopf an meinen verstümmelten Gliedmaßen, wich schaudernd zurück und schmiegte sich wieder an, wobei sie diese unglücklichen Stummel mit Küssen bedeckte und schluchzend ausrief:

»O, mein Lieber, Guter! Was ist denn aus dir geworden?! Du zählst doch erst dreißig Jahre! Du warst jung und schön. O, was ist das, was ist das? Wie grausam sind doch die Menschen! Warum das? Wer hat einen Nutzen davon? Du mein armer, stiller Junge, mein Lieber, Lieber ...«

Und auf ihr Geschrei kamen alle herbeigelaufen, die Mutter, die Schwester, die Kinderfrau, und sie alle weinten und sprachen durcheinander und warfen sich vor mir zu Boden und weinten so bitterlich. Auf der Türschwelle aber stand der Bruder, bleich, ganz bleich, und seine Kinnlade bebte, und er schrie in wimmerndem Tone:

»Ich werde bei euch hier verrückt, ich werde verrückt!«

Und die Mutter kroch um meinen Rollsessel herum und weinte nicht mehr, sondern röchelte nur noch heiser und schlug mit dem Kopfe gegen die Räder des Sessels. Dort aber, an der Wand, stand das saubere Bett mit den aufgeschütteten Kissen und der umgeschlagenen Decke, dasselbe Bett, das ich vor vier Jahren gekauft hatte – damals, als wir Hochzeit machten.

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