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Gutenberg > Max Dreyer >

Das Riesenspielzeug

Max Dreyer: Das Riesenspielzeug - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDas Riesenspielzeug
authorMax Dreyer
year1923
firstpub1923
publisherMosaik Verlag
addressBerlin
titleDas Riesenspielzeug
pages93
created20170226
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Gust aber, da er nach Hause stolperte, geworfen von seinem Ingrimm, seiner Not und seiner Wut, mußte immer an Lietze denken.

Ist sie nicht zufrieden mit ihm? Wenn er jetzt auch das Feld räumt, hat er nicht frank und frei von der Leber gesprochen? Oder hat sie erwartet, er würde ihr Ungeheuer von Vater, das zehnpferdekräftige, im Boxkampf niederstrecken?

Das Haus verlassen mußte er nun schon. Aber das Land!? Und sich von den beiden jungen Lümmeln »über die Grenze« geleiten lassen – lächerlich! Wie kommt er dazu! Wenn er schon geht, zieht er, sobald es ihm paßt, allein seines Weges.

Aber er geht eben nicht, er bleibt. So viel Ehrgefühl hat er denn doch im Leib. Und sich von Lietze hinterher verhöhnen lassen! 69

Er muß sie sprechen. Was wird überhaupt mit ihr? Nach den Worten und dem Gehabe des Alten droht ihr nichts Böses. Aber – hätte er sie nicht hinzuziehen müssen? Warum hat er sie nicht hereingerufen! Hier sind wir beide, und wir gehören zusammen! Und halten zusammen! Was wollt ihr dagegen! Sie selbst hätte gesprochen. Und das Geschick hätte sich anders gewendet.

Wie war's nur möglich, daß er dies nicht getan – dies, das Natürliche! Freilich – Lietze war ja selbst daran schuld, sie hat es ihm nicht erleichtert, sie, die ihre eigenen Wege ging, eine lauernde, schleichende Katze.

Aber zum Donnerwetter noch mal, auf ihrem Lauscherposten hat sie es doch wahrgenommen, daß er ein Kerl ist, daß er seinen Mann steht! Warum hat sie sich nicht an seine Seite gestellt! Wo steckt sie überhaupt!

Sie hat doch auf alle Fälle selbst noch ein Wort mitzureden! Nicht in die Tatzen des Alten, in ihre Hand ist es gelegt, ob er bleibt oder geht – vielleicht – daß sie beide zusammengehen – ? –

Wenn sie jetzt käme – »Gust, laß die andern – ich weiß jetzt, wer du bist und was ich an dir habe – und wenn die andern nicht wollen – wir wollen und alles andere ist Dunst.« Ließ sich darauf nicht ein Leben bauen! Und dann könnte man vielleicht auch noch den Widerstand brechen!

Aber da das nicht gleich geschieht – Ueberlegung – Ueberlegung ist Zweifel und Zweifel ist der Tod.

Und wenn sie sich jetzt wirklich mühselig mit Hängen und Würgen losrisse von der Heimat, vom Vaterhause – nur mit sieghafter fragloser Unbesonnenheit darf so etwas geschehen. So aber geht ja doch das beste ihrer Kraft verloren. Und wie soll sie ohne ihn da draußen fertig werden? Wie in der Welt der Sorgen – denn jetzt gibt es Sorgen – wie soll sie da bestehen als seine Gefährtin! 70

Kopfüber, kopfunter ging es mit ihm diesen Nachmittag, da er wieder in seiner Bude hockte. Hatte er nicht einen Freund, seine Geige, für alle Not? Seinen Trotz wollte er ausklingen lassen hinüber zu der Klobandfeste. Und locken sollten die Saiten, locken sein Liebchen!

Aber der Wind warf ihm das Fenster zu. Ein streitbarer Ost hatte sich in Böen aufgemacht, da wuchs er noch bis zur Nacht. Und er, Gust, sollte sich heut abend bei dem Wetter von den beiden racheschnaubenden Klobanditen nach dem Festland hinübersegeln lassen! Nein, nein, ich danke schön! – Und er lachte laut – ich bin nicht vergnügungssüchtig. Aber sauersüß war das Lachen.

Und ein Unbehagen stieg ihm in die Kehle. Was saß er hier eigentlich noch? Warum war er nicht längst über alle Berge? Es war ihm ja so leicht gemacht – die da drüben, die wollten es ja gar nicht anders! Was ging ihn also die ganze Geschichte noch an? Ein Spielmannserlebnis – Schaum – und verweht –! Um so besser für ihn! Was war er nicht leicht und lustig!

Leicht und lustig das Ränzel schnüren! Fort von hier, wo er nichts mehr zu suchen hatte! Er holte den Reisekoffer hervor – aber plötzlich packte ihn die Wut, er kegelte den Koffer beiseite und rannte wieder in der Stube umher.

Da klopfte es – »herein!« – Frau Agathe Drews im Mantel, das Kopftuch in der Hand, trat ins Zimmer. »Ich krieg das da unten mit der Angst. Ich denk, es ist Mord und Totschlag hier oben.«

Darauf Gust mit Galgenhumor: »Noch nicht.« Und weiter: »Wollen Sie ausgehen?«

»Ja, ich will mit Peter einen Krankenbesuch machen.«

»So, so. Ja, liebe Frau Drews, ich fahr heute noch ab.«

»Was? So mit einem Mal?«

»Ja – mit einem Mal fährt man doch immer.«

»Sie wollten doch –« 71

»Ich wollte, ja – aber es ist eben anders gekommen. Ich bin – ich hab hier – ja, ich hab auch kein Geld mehr.«

»Ja denn – ! –«

»Ich bezahle Ihnen natürlich noch für die ganze Woche.«

»Ach, das ist das wenigste. Ich bin traurig, daß das hier jetzt ein Ende hat.«

»Das bin ich auch. Wir haben uns so gut vertragen, was Mudding Drews?«

»Ja, das muß wahr sein.«

»Aber – es geht nun mal nicht anders. Und darum – ohne viel Brimborium – sagen Sie, Mudding, Sie wissen mit den Zügen Bescheid?«

»Ja. Einer geht in 'ner Stunde.«

»Und wie lange ist es doch bis zur Station?«

»Ne dreiviertel Stunde brauchen Sie.«

Hell flackerte es auf in seinem blassen, verzehrten Gesicht.

»Da ist ja noch Zeit!« Aber dann stieg es wieder empor dunkel und schwer. Und wieder rang er mit sich selbst. »Nein, nein – so ausreißen, nein!«

Und dann stand er aufrecht vor Frau Agathe: »Nein, Mudding Drews, mit diesem Zug fahr ich nun doch noch nicht.« Und mehr gedankenlos die Frage: »Der andere geht spät abends, nicht wahr?«

»Ja.«

»Vielleicht nehm ich den. Vielleicht bleib ich auch noch die Nacht. Vielleicht auch noch morgen –«

»Um so besser.«

»Machen Sie also getrost Ihren Krankenbesuch – zum Abend sind Sie doch wieder da?«

»Das bin ich.«

Gust erwartete, daß sie gehen sollte. Aber sie blieb noch. Und sorgend sprach sie, und dazu leuchteten warm ihre innigen Augen: »Herr Bötefüer –«

»Was ist?« 72

»Sie sind heute so anders. Als ob Sie 'ne schlechte Nachricht bekommen hätten – von zu Hause oder so.«

»Ich hab doch kein zu Hause.«

»Hm – na ja – ist denn sonst was passiert?«

»Passiert – was soll passiert sein! Nein – nein. Sie wissen doch, wir Musikanten sind alle 'n bißchen trallig. Mir geht wieder mal so was im Kopfe herum – großes Orchester – Tschingtara und Bumtingting! Wenn Sie wiederkommen, ist es raus!«

Die liebe alte Frau blickte ihn sinnend an, ganz sicher war sie ihrer Sache nicht. Aber dann, da er völlig sein lustiges Jungengesicht aufsetzte, ging sie, wenn auch leise kopfschüttelnd, mit einem »wollens hoffen« ihres Weges.

Da sie das Haus verließ, möchte Gust sie zurückrufen. Dieses Alleinsein! Dies sich Herumwerfen mit sich selber! Zu Bastian sollte er gehen. Aber nein, erst mußte er sich selbst noch mehr beisammen haben.

Und wieder flüchtete er zu seiner Geige – nahm sie an sich wie einen Freund und liebkoste sie. Er spielte nicht, nur ein paar Töne griff er gedankenvoll – gedankenlos, und Träume schauerten über ihn hin.

Da tat die Tür sich auf und Alice kam hereingehuscht wie vom Winde geweht.

»Gust, mein Jung!« Sie umschlang ihn. »Ich hab das gehört, wie du zu Vater gesprochen hast. Fein war das. Un daß ich dich lieb hab, das weißt du. Aber was nützt das all –!« Sie ließ ihn los und nahm beschaulich Platz.

»Nützt –«

»Ja, kuck, da is nu doch mal nicks an zu ändern.«

»Woran?«

»Daran, daß wir uns trennen, mein Jünging.«

»Das sagst du so leicht –«

»Gar nich leicht. Leicht wird mir das ganz gewiß nich. Aber wie Vater nu einmal is – wenn der sich was in 'n Kopf 73 gesetzt hat –! Er premst es sich bloß immer tiefer rein, je mehr man daran rührt. Dagegen ankämpfen – sterbliche Menschen können das nicht. Und darum müssen wir schon.«

»Wenn du es meinst.«

»Meinst du es nich auch im Grunde? Sag ganz ehrlich, Gust! Meinst du es nich auch?«

»Nein, Lietze.«

»Ja – willst du mich vielleicht entführen?« Nun flimmerte es doch, hindurch durch den leichten Hohn, wie von einer Abenteuerlust in ihren Augen.

»Warum nicht? Wenn du mich wirklich lieb hast! Auf uns allein kommt es an! Haben wir nicht auf uns zwei unser Leben zu stellen.«

»Unser Leben – und wie denkst du dir das?« Sehr versunken war sie. »Willst du mich mit in die Stadt nehmen?«

»Nun ja!«

»Das is ja ganz schön so weit. Aber« – ihr praktischer Sinn nahm alle weichen Gefühle unter die Füße – »kannst du auch Frau und Kind ernähren?«

»Nun hör mal –«

»Ohne daß ich Zuschuß von Hause kriege? Und die Wohnung und die Einrichtung – was kostet das heute alles. Un wenn du das erst allens zusammenmusizieren sollst –«

»Glaubst du, meine Kräfte würden nicht wachsen – wenn ich so für dich zu sorgen hätte – für dich und für das Kleine!«

Jetzt war ein warmer, tiefer, feuchter Glanz über ihren Augen. »Du bist mein lieber Jung. Un ich glaub's auch wohl, daß sie wachsen würden, deine Kräfte – aber ob die Dürftigkeit un das Kinnergeschrei sie nicht bald genug wieder kleinkriegten! Un wenn ich dann fühlte, du wärst mich am liebsten wieder los –«

»Lietze!« 74

»Ja, mein Jung, davor hab ich Angst. Un habe auch Angst vor dem Leben in der Stadt. Ich gehör da nicht hin. Und – du kannst mich da draußen in der großen Welt auch gar nich brauchen!«

»Was redest du –«

»Ja, ja, ja. Un auch ich kann dich da draußen nich brauchen. Es würd nicks mit uns, Gust. Du kannst es mir glauben. Un ich kann nich an gegen mein Gefühl.«

»Ja – dann freilich –«

»Ich muß – muß nu schon hierbleiben.«

»Und ich zieh also allein meine Straße.«

»Gust – mein lieber Jung – wir wollen uns das Herz nicht schwer machen. Wir wollen an all das Schöne denken, was wir mit einander gehabt haben!«

»Aber – daß ich dich jetzt – jetzt so allein lassen soll! Hast du mich denn nicht nötig? Meinen Beistand?«

»Lieber Gust – das da zuhause, das bring ich schon wieder ganz in Schick. Das darfst du mir schon zutrauen. Un über dich werden sie sich ja inzwischen auch ausgeschimpft haben, un dann is Ruhe im Tempel. Du kannst getrost mit'm Abendzug abfahren.«

»Meinst du. Und so bringst du mich nun selbst auf den Schub.« Er sieht sie lange an. Dann schüttelt er mit schwerem Lächeln den Kopf. »Was bist du zu beneiden.«

Sie hängt sich an seine Lippen. »Ja Gust – haben kann ich mich nich. Un so reden von ›Liebe bis in den Tod‹ – was ja doch bloß Geschwöge is – da fang ich schon gar nich mit an. Ich hab dich lieb – jetzt hab ich dich lieb – und heute is noch heute –«

Es überläuft ihn, ihre Zärtlichkeit schwingt in seinen Sinnen – aber noch sind all die vielen Gedanken mächtig über ihn, und er wehrt ihr leise.

»Und das eine – beschäftigt dich gar nicht?« 75

»Das Kind – natürlich beschäftigt mich das. Un weißt du, ich kann mir das alles sehr schön denken.« Wieder vertiefen sich ihre Augen. Aber dann ist ihr leichtherziger Gleichmut wieder obenauf. »Gust, ich bin da einglich bannig neugierig auf.«

Zu diesen Worten muß er nun doch lachen, widerwillig erst, aber dann doch echt und ehrlich. »Ein Mädel bist du!«

»Siehst du, Jung. Nu machst du doch auch ein andres Gesicht. Un dich kümmert das alles doch auch am wenigsten. ›Wat gahn den Buck de Lämmer an.‹ Na, nu lach mal richtig, Gust. Warum sollst du's schwerer nehmen als ich!«

Und jetzt umfaßt sie ihn und wirbelt mit ihm im Zimmer umher. Er greift sich an den Kopf. »Wirst du schwindelig? Werd mir bloß jetzt nich seekrank!«

Er nimmt sich einen Stuhl und bleibt kopfschüttelnd sitzen. »Ein Mädel – ein Mädel – ! –«

Sie aber sieht, daß er bezwungen ist, auf seinen Schoß setzt sie sich. Sie küßt ihm die Worte in den Mund: »Wollen wir uns den Abschied nich leicht machen – leicht und schön« –

Und ins Ohr singt sie ihm: »Gust mach du die Fensterläden zu –«

*

Sie haben Abschied genommen, Gust ist allein. Noch zittern ihm Lietzes Zärtlichkeiten im Blut, und er lacht, lacht über Vater Kloband, als habe er dem einen neuen Streich gespielt. Ist er nun nicht doch der Sieger? Hat er nicht das letzte Wort behalten? Und so darf er getrost seinen Koffer packen.

Aber der Triumph dauert nicht lange.

Was ist das bloß für ein Mädel! Wie spricht sie! Wie empfindet sie! Geht es bei ihr nicht auch ins Ungewöhnliche? Hat sie nicht auch ein überlebensgroßes Format? Wie springen diese Menschen mit ihm um! 76

Nein, sein Abgang hat nichts Erhebendes. Wütend stopft er seine Sachen in den Koffer.

Und ihn hat hier so etwas wie ein Heimatgefühl gebunden, ihn – hier! Nein, weiß Gott, er gehört nicht an dies Gestade. Ergebenst will er es denen lassen, die es bevölkern. Wenn er selbst zu dessen Bevölkerung ein wenig mitgewirkt hat, diesen kleinen Witz, den das Schicksal mit ihm gemacht, kann es zu seiner Erheiterung ihm gönnen.

Und schon schleicht das große Unbehagen wieder über ihn her. Da ist noch ein Dunkles, ein Drohendes – die Abrechnung, die sie ihm verheißen haben.

Die beiden Brüder, die sich noch im Hintergrunde halten. Warum treten sie nicht hervor? Grad dies Ungewisse ist das Quälende.

Was hat Lietze gesagt? Zuhause werden sie sich inzwischen ausgetobt und beruhigt haben –

Werden sie das? Ob Lietzes pomadige Zuversicht sich nicht täuscht.

Er fährt zusammen. Tritte kommen die Treppe herauf – schwere Tritte – er starrt auf die Tür – da tritt Bastian herein, keuchend vom Steigen und von dem Gang durch den Sturm.

»Heiliges Ungewitter« – der Alte sank auf einen Stuhl und verschnaufte sich langsam. »Der Kollege Boreas kann's.«

Gust schmiegte sich in die Nähe des Freundes. »Alter, Lieber, warum hab ich dich so lange nicht gesehen!«

»Diese giftigen Nebel waren mir in die Lunge gekrochen. Ich lag fest auf der Nase. Du hättest zu mir kommen müssen. Warum bist du es nicht?«

»Mit mir war auch so mancherlei los.«

Nun sah Bastian den Koffer. »Was bedeutet denn das?«

»Ja, Alter – ich will heute noch fahren.«

»Fahren – was! Und das hört man so nebenbei und durch Zufall? Fort willst du! Und was ist denn der Grund – was ist denn geschehen?« 77

»Das ist eine ganze Geschichte. Und das Schlußkapitel – Vater Kloband hat mich rausgeschmissen.«

»Was? Wieso? Warum?«

»Weil – weil ich Alice heiraten wollte.«

»Heiraten – ! – Gott und Vater Kloband seien gelobt. Alice heiraten – sag mal, dich hat wohl 'ne Kuh, dich hat wohl 'ne ganze Rinderherde gebissen.«

»Ich wollte sie heiraten – weil sie ein Kind von mir erwartet.«

»Ach nee. Ja so. Na das ist was anderes – wenn auch nicht wesentlich! Aber die Kuh zieh ich zurück. Und der Alte – trotzdem und nun gerade nicht – sieht ihm ähnlich. Donnerwetter – ja so sind diese Kerle. Weißt du, daß er mir gefällt! Und die Kleine –«

»Tröstet sich.«

»Gefällt mir auch. Na, dann wäre doch da alles so weit in Ordnung. Und jetzt du, die Hauptsache. Die Herzenswunde heilt. Wenn man so an all seine ehrenvollen Narben denkt! Daß du nicht an die Kette kommst, ist ein Glück. Aber 'n Unglück, daß du hier nun nicht mehr bleiben kannst. Die Luftkur tat dir so gut. Und leider ist sie noch nicht fertig.«

Gust irrte durch's Zimmer, heimatlos, verweht. »Was hilfts! Also zurück nach Berlin. Die Motzstraße, die Kotzstraße ist nun doch einmal mein Geschick.«

»Nein, Junge, nein – verdammt noch mal. Aber nun renn nicht weiter so herum – setz dich gefälligst mal auf deinen Kriegsgott. So. Und nun wollen wir mal in aller Ruhe –«

Gust ließ sich in einen Stuhl fallen. »Ich bin ja ganz ruhig. Ganz Sammlung.« Und jetzt lachte er eisig. »Wenn ich Glück habe, komme ich ja überhaupt gar nicht lebendig hin.«

»Was –?«

»Oder ich behalte nicht die gesunden Knochen zum Musikmachen.« 78

»Was soll nun das?«

»Die Klobänder wollen noch Abrechnung mit mir halten.«

»Wie? Dummes Zeug! Abrechnung – ach was! Solche Drohungen – ! – Man weiß doch, was es damit auf sich hat.«

»Der Alte hat mich von der Insel verbannt –«

»Köstlich! Wo und wann lebt dieser Häuptling?«

»Die Söhne sollen mich nach dem Festlande, nach Europa, wie sie hier sagen, hinübersegeln.«

»Ach was! Wer segelt heut bei dem Sturm!«

»Das ist für die doch ein gefundenes Fressen.«

»Und für dich, den Seekranken, ein verlorenes Fressen – verzeih! Aber da muß man wirklich dumme Witze machen. Du nimmst das doch nicht ernst?«

Immer tiefer versank Gust in sich selber. »Ich berichte Tatsächliches. Das letzte, was ich hörte, war, daß sie mich wie 'ne Ratte ›versöpen‹ wollten. Emil, der Liebling, war's, der das sprach.«

Nun ward der Alte doch auch bedachtsam. »Der Bengel hat allerdings was Tückisches.«

»Nun siehst du.«

»Ja, Junge – wenn du wirklich Angst hast?«

»Angst – nein – Angst –« und plötzlich brach es aus ihm hervor, voll und ehrlich und lauthals: »Ja, ja – natürlich hab ich Angst! So wie die mir gesonnen sind! Und bei ihrer gewalttätigen Natur! Wenn einer bei diesem Wetter über Bord geht, nicht Hund oder Hahn kräht danach!«

»Aber Gust – ! –«

Und immer wilder schüttelte es den Gequälten. »Oder wenn sie mich mißhandeln! Ich kann mich nicht schlagen lassen! Dann spring ich selbst über Bord! Oder sie machen mich zum Krüppel. Sie ruinieren mir den Arm – die Hand – daß ich nicht mehr spielen kann!«

»Wohin gerätst du da, Junge. Aber wenn dich das wirklich dermaßen beunruhigt« – 79

»Bleib du bei mir, Bastian!«

»Ja. Natürlich bleib ich bei dir. Dann müssen die zu Hause sich eben ohne mich behelfen. In unserm Saal ist nämlich Tanz heut Abend – angehender Krugwirt« – sein Groll nimmt die Gelegenheit wahr, sich ein wenig auszuschnauben – »aber natürlich bleib ich hier bei dir. Davon ist weiter nicht zu reden.«

Gust aber war schon wieder zur Ruhe gekommen. »Dann gehst du unter allen Umständen dahin, wo du hingehörst! Was hätte das auch im Ernstfall für einen Zweck, wenn du bliebst! Jeder einzelne von diesen beiden Borenlümmeln würde ja schon mit uns zweien umspringen wie er will.« Ganz sorgenfrei war seine Vorstellung wahrlich doch noch nicht.

»Nun will ich dir mal was sagen – wenn sie dich ernstlich bedroht haben, dann ist doch ohne weiteres der gesetzliche Schutz für dich da!«

»Du lieber Gott!«

»Wir gehen zum Wachtmeister.«

»Und ich stell mich hinter sein Schwert. Und ich laß mich von ihm zum Bahnhof eskortieren. Und bin ein Schauspiel für die Welt und für mich selber auch.«

»Nun, was das betrifft –«

»Jeder Mensch hat doch wohl sein Maß für Unbill und Erniedrigung. Meines ist voll! Vom Vater aus dem Hause geworfen und dann das, was mich eben noch stolz und übermütig stimmte – ich lachte und dachte: nun bist du ganz und gar und von Herzen und voll Freuden quitt mit dem Hause Kloband – aber das erweist sich ja auch immer mehr als Niete! Nichts als ein neuer Schimpf – eine neue Blamage!«

»Was ist das?«

Gust zögerte eine Weile. Aber dann – er hatte keine süßen Geheimnisse mehr, vor dem Freunde nicht mehr. Und es loderte in ihm wie eine grausame Freude – grausam gegen 80 sie und noch mehr gegen sich selbst. »Alice war nach alledem – war jetzt eben noch einmal bei mir.«

»Wie? Nun ja! Das ist doch großartig und lustig dazu!«

»Großartig?« Eine Zornregung flog gegen den alten Freund. »Das Entwürdigende großartig! Sie holt sich höchst unverzagt noch einen ›schönen Abschied‹ – und damit bin ich jetzt abgefunden – abgetan – hab meinen Laufpaß und kann gehen.«

»Aber Junge – ein Kerl bist du – ! –«

Und Gust nach diesem Bekenntnis reckte sich und atmete frei, als wären ihm Ringe von der Brust gesprungen. »Ja Bastian – und jetzt ist es gut! Jetzt hab ich gar keine Angst mehr. Nur noch meine Wut! Und meinen Stolz. Auskneifen – nein! So mich lächerlich machen vor dieser Klobandbande! Ich will nicht, daß sie meinem Jungen –«

»Deinem Jungen –?«

Ausgelassen in all dem Wirrsal rieb er sich die Hände. »Ja, es wird ein Junge! Und ich will nicht, daß sie dem einmal anhängen, sein Vater wär ein Bücksenschieter! Ja, Bastian, lieber alter Kerl – so ist es nun und so bleibt es nun, und darauf kannst du mich verlassen!«

»Ich soll jetzt gehen?«

»Ja.«

»Dann kommst du mit.«

»Fällt mir doch nicht ein! Nach allem, was du eben von mir gehört hast –! Ich hab keine Furcht mehr! Willst du mich wieder bange machen? Die Angst ruft erst die Gefahr. Ich denke gar nicht an die Knoten – und dann kommen sie auch nicht. Denk ich aber an sie, sind sie da. Lauf ich vor ihnen weg, sind sie gleich hinter mir her. Versteck ich mich vor ihnen – sie suchen mich und sie finden mich. Meinetwegen – aus Angst vor der Angst bin ich mutig! Und so bleib ich geruhig hier. Und warte, wie sich's gehört, auf Mutter Drews. Mit der ich noch abrechnen muß.« 81

»Wo ist Frau Drews?«

»Sie muß jeden Augenblick wieder da sein.«

»Und was machst du dann?«

»Dann – wenn ich mich von ihr verabschiedet habe, komme ich zu dir, dir Lebewohl zu sagen. Alles, wie ich es sonst auch gemacht hätte. Und nun bitte ich dich – du hast zu tun –«

»Junge, ich weiß nicht –«

»Ja, ja – du weißt – und du sollst gehen! Sonst fängt es gleich wieder bei mir an! Als ob ich Schutz brauchte! Nun laß mich doch! Ich selbst habe auch zu tun. Mir ist etwas eingefallen. Du weißt doch und willst es doch – wenn mich etwas gehörig drangsaliert und durcheinander geworfen hat, muß und soll ich mich davon befreien! Du weißt auch, ich kann nichts aufschreiben, wenn einer dabei ist –! Also auf Wiedersehen!« Und damit drängte er ihn zur Tür.

»Und du kommst dann gleich zu uns herüber.«

»Sofort, wie wir es verabredet.«

Bastian ging. Er wollte es selbst wirklich nicht allzu schwer nehmen. Von der Drohung zur Tat, welch ein weiter Weg – und nun gar bei diesen schwerfälligen Menschen! Was war denn hier im Grunde auch zu bestrafen? Vor allem aber, Gust brauchte die eigene innere Sicherheit als einen Schutz – er glaubte, und mit Recht, daß in unserer Zuversicht unser Schicksal ruht – nicht ihn stören, ihn beirren! Und sollte hier wirklich eine Gewalttat, so etwas wie ein Verbrechen sich ins Werk setzen wollen, so ganz unbemerkt kann es nicht geschehen, und der Strand läßt sich vom Krug aus überblicken.

Gust aber wollte sich endlich in sich selber wiederfinden. Er wollte, wollte das Geschehene überwunden sein lassen und sich diese letzten Stunden noch still an seine Arbeit setzen. Ganz gewiß nicht nur, weil er dem alten Bastian das besonders angekündigt hatte. Er wollte nicht wieder in den Strudel 82 hinein, der ihn abwürgte. Seine Musik zog ihn in andere Bahnen. Seine Musik rief ihn – da er sie rief. In ihr war das Heil. Aber sie wollte sein ganzes innigstes, ungetrübtes, ungebrochenes Fühlen.

Noch stören die rasselnden, polternden Laute des Sturms da draußen die Versenkung. Wieder und wieder, wenn er gegen die Fenster sich anwirft, wenn er mit Gewalt an der Tür reißt und Einlaß begehrt, zuckt Gust schmerzlich zusammen. Aber er wird auch dieser Unruhe Herr und inbrünstig in seinem Wollen setzt er sich an die Lampe. Und da er einmal über die Schwelle der Traumwelt den Schritt gehoben, zieht sie ihn immer tiefer hinein in ihr Reich.

Er wüßte nicht zu sagen, warum gerade jetzt ein sommerliches Bild, gebadet in blaues Licht, in die leuchtenden Farben des Himmels und der jubelnden Wellen seine Sinne gefangen nimmt. In diesem Bild ist ein eigenes Klingen, das schon ein paar Mal bei ihm angeklopft hat und einen Widerhall in ihm hat wecken wollen. Möwen fliegen über die lichtselige Flut, sie streifen mit den Silberschwingen die jauchzenden Wogenkämme. Ist das nicht Musik? Er möchte es lebendig machen in seinen Tönen. Das muß er einfangen, das muß zu fassen, zu formen sein.

Er ruft die Stimmen – ganz hingegeben, ganz Andacht, ganz Feier und darum geweiht für sein Werk. Die letzten Schatten des Geschehenen sind im Schwinden, von seinen Mißklängen hat nichts mehr Macht über ihn. Schon ist ihm nichts mehr von des Tages Not bewußt, da das Ewige ihn in seine Obhut nehmen will.

Die Stimmen sind bei ihm, sie geben sich in seine Hand, seiner Geige sagt er sie, und die singt sie ihm zurück. Er ist nicht von dieser Welt.

Aber der Sturm duldet keine Weltflucht. Jetzt schlägt er wütend mit wilden Pranken das Haus, das schreiend sich duckt. Die Fenster klirren, die Tür springt auf, die Lampe erlischt. 83

Gust, dem Jenseits entrissen, ist in die Höhe gefahren. Er eilt an die offene Tür. »Frau Drews, sind Sie gekommen?« ruft er hinunter ins Treppenhaus.

Keine Antwort.

Er macht die Tür zu, steckt die Lampe wieder an, will sich wieder an seine Arbeit setzen.

Da – die Treppen wuchtet es herauf, die Tür wird aufgerissen, zwei dunkle Gestalten in schwarzem Oelzeug mit schwarzem Südwester treten ein und stellen sich gewaltig auf. Starr und drohend, zwei Scharfrichter. Die beiden Klobandbrüder.

Korls Stimme gibt den unheilvollen Auftakt: »Na? Sünd Se parat?«

Klar gibt Gust, gehalten, gestützt, getragen von seinem Grauen, die Gegenfrage: »Parat –? Wozu parat!«

Und nun läßt Emils Bösartigkeit sich vernehmen: »Hier warn nu keen lange Geschichten mihr maakt. Wi führen, un Se führen mit!«

Schon hat Korl den Koffer genommen und Emil will nach der Geige greifen – das reißt Gust aus seiner Erstarrung. In wildester Erregung wirft er sich dazwischen. »Keiner rührt mir die Geige an!«

Er packt sie in den Kasten und läßt den Kasten nicht aus der Hand. Er hat seinen Halt, seine Kraft, seinen Mut, und steil richtet er sich gegen die Eindringlinge: »Was haben Sie hier überhaupt zu suchen! Verlassen Sie mein Zimmer! Wissen Sie, daß das Hausfriedensbruch ist!«

»Quatsch!« rollt es unter Korls Südwester hervor.

Und Emil gibt sein Gift dazu: »Nu dröhnen S' nich lang. Wi sünd grad in de richtige Verfatung!« Was Korl ingrimmig bestätigt: »Ja. Upn Dörpkroog is Danz hüet Abend!« – »Un statt des möten wi di expedieren! Na, du sast dat ook utlöpeln, wat du uns inbrockt häst! Los!« 84

Emil setzt Gust den Hut auf, Korl schlägt ihm den Mantel um, beide packen den jetzt Sprachlosen unterm Arm und ziehen mit ihm von dannen.

Eingekeilt halten die beiden ihn, ohne weiter noch ein Wort zu verschwenden, zwischen sich. Er will ausbrechen, aber seine Kraft ist hin. Wie ein Hollundermännchen taumelt er, zur Rechten, zur Linken zwischen den stählernen, mächtigen Magneten und kann nicht aus dem Bann –

Er hat Angst, schlotternde Angst, die elendeste, gemeinste Todesangst – er will sich beschimpfen deswegen, aber auch dazu langt es nicht mehr –

Er kann nicht sprechen, nicht atmen – haben die Hunde ihm einen Strick um den Hals gelegt? Haben sie ihn schon aufgehängt? Baumeln seine Beine schon in der Luft? Klappern sie im Winde? So leblos sind sie, so welk und ohne Willen –

Haben sie ihm den Schädel eingeschlagen? Wo ist sein Gehirn? Ausgelaufen ist sein Gehirn. Nichts ist mehr in seinem Kopf. Nur der Wind rauscht und rasselt in dem hohlen Raum –

Der Wind – der kalte Wind – frierend zuckt es ihm durch das ganze Gebein –

Sprechen die beiden jetzt nicht vom Wind?

»Wad stiewer.« sagt der eine. Und der andere: »Wenn dorbi wat öwer Burd geiht –« Und der erste wieder: »Könen wi nich dorför.«

Warum überläuft es ihn so? Was kann ihm noch geschehen? Was ist an ihm noch zu verderben, wenn er über Bord geworfen wird – er, der schon erwürgt und totgeschlagen ist – was kann ihm noch geschehen?

Aber noch glimmt es in ihm – er fühlt es – ein Funken – ein Licht – ein Funken Wille – den nicht erlöschen lassen – den hegen und hüten – auf den kommt es an – er kann wachsen, kann aufflammen – belebend – zerstörend – 85

Zerstörend – das ist es – sich nicht zerstören lassen – selber vernichten – die Kraft haben, sich zu wehren – den andern an die Gurgel zu gehen – den Zorn behalten – die Wut –

Darin ist der Wille – und Wollen ist alles – Wollen ist Kraft –

Leben wollen – dann können sie ihm nichts anhaben – nichts!

Wer sind sie auch? Knochen – rohe Muskeln. Was vermögen die gegen das Geistige! Und in ihm das Geistige – so gering es sei – ein Gut ist es, ihm anvertraut – eine Macht ihm gegeben – er hat sie zu wahren! Und wenn er sie wahrt, wahrt sie ihn!

An sich glauben! An seine Sendung! Die jetzt erst beginnt! Und der erst die Not die Krone verleiht!

Bastian sagt es – Bastian, der Freund – o, es leben noch seine Freunde – es gibt noch mehr auf der Welt als diese beiden Würger! Sie ist nicht leer – Menschen sind darin, die ihn lieb haben – Mutter Drews – und Peter Willich – wie ist das mit dem Kohlensack – »ehe sie nicht in den Kohlensack gekuckt haben« – kuckt er jetzt nicht hinein? – gründlich, so scheint ihm – aber nicht hineinfallen – nicht haltlos versinken – nicht untergehen in dem furchtbaren Schlund – nicht das Nichts über sich zusammenschlagen lassen!

Wollen – leben wollen – noch mehr hat das Leben für ihn – noch mehr, die es gut mit ihm meinen – Lietze – hat sie ihn nicht lieb? Wenn ihre Art auch nicht die seine ist! Muß sie nicht an ihn denken? Und sind Gedanken nicht Schutzengel?

Ihre Brüder sind es, die ihn gepackt in ihren Tatzen halten. Gleich ihr von Mutter Regine geboren, dieser närrisch gütigen Frau ohne Arg. Kann sie Mörder in die Welt gesetzt haben? 86

Und wofür – wofür wollen die ihn morden. Wofür soll er hingerichtet werden. Ein heller Wahnsinn ist doch das! Wenn ich sie nicht hätte heiraten wollen! Aber ich wollte doch – ich wollte doch –!

Hat er das nicht eben hinausgeschrien? Hat der Sturm es ihm wieder zurückgewürgt in die Kehle?

Warum versucht er nicht zu sprechen mit seinen Quälgeistern. Menschen wie er – entstellt er sich nicht ihr Bild durch seine Angst, seine Verzweiflung, seine Wut, seinen Haß! Regines Söhne – Lietzes Brüder – und der Vater, der alte Recke – ein Unband ja – ein Berserker, aber kein heimtückischer Unhold – seit wann sind Riesen heimtückisch – ist es in seinem Sinne, daß er zu Tode gepeinigt wird? Und wofür, wofür!

Ein Wort finden zu den beiden – die als seine Schlächter sich gebärden – und es nicht sind, nein, es nicht sind! Er – ja – er selbst ist's, der sie sich verzerrt! Ein schlechtes Gewissen ist dabei. Hat er selbst sich nicht immer feindlich gegen sie gestellt! Sie ausgehöhnt, sie innerlich verlacht und verachtet! Hat er nicht von je seinen ganzen Hochmut gegen sie herausgekehrt? Als minderwertige Geschöpfe sie von sich gestoßen!

Sind sie das, sind sie gefangen, verhaftet in tierischer Dumpfheit – verdienen sie dann statt des Hohnes nicht Mitgefühl, nicht Hilfsbereitschaft? Sind sie dann nicht beklagenswerte Kreaturen? Ist es dann nicht geboten, Licht in ihres Kerkers Trübsal zu leiten!

Hat er jemals daran gedacht, sie zu beschenken aus seiner Fülle! Sie zu lösen, zu heben aus ihrer Enge und Niedrigkeit mit warmer, sorgender, führender Hand!

Sind sie nicht selbst in Not – in der Not ihrer Roheit, die sie verdammt zu diesem Schandwerk gemeinsten Schindertums.

Ihr armen Schächer! Muß man nicht Mitleid mit euch haben! 87

Liebet eure Feinde! In Flammenschrift zuckt es vor seinen wirren Augen. Flattert sein gehetzter Geist hinein in religiöse Schauer, – in visionäre Verzückung – ? –

Ist hier – hier die Erlösung?

Ist alles nicht nur diese elende Todesangst – dieselbe, die den Gottesleugner auf dem Totenbett im Gebet sich auswinseln läßt!

Todesangst – nein, nein – Lebenswille – er will leben – der Geist behält den Sieg –

Der Geist siegt – der Geist – noch mehr solcher Not, und er ist verstört! Noch mehr von diesem erbarmungslosen Frost in das ausgemergelte Gebein, und das Fieber frißt den Geist! Was bleibt dann noch – was soll dann den Sieg behalten!

Was ist noch an Geist in ihm! Was noch an lebendiger Seele?

Ist er nicht schon erfroren – kalt – erstarrt – was müssen die leblosen Glieder denn noch immer weiter wanken? Mechanisch im Schritt – das Uhrwerk rollt noch eine Weile fort – so wie noch die Lider eines abgeschlagenen Kopfes zucken – –

Wohin schleppen sie denn nur seinen Leichnam? Ja – richtig – der Wind – der starke Ost – darum liegt das Boot, in das sie ihn schaffen wollen, hinter dem kleinen Vorsprung. Da haben sie noch eine Strecke vor sich. Das Dorf müssen sie berühren. Das Dorf, wo Menschen sind.

Menschen – die könnten ihm helfen. Ihm – wer hilft ihm – und gegen die Klobandriesen, die ebenso stark wie tückisch sind – ? –

Helfen – ist ihm noch zu helfen – was ist von ihm zu retten –

Was tönt da? Musik? Etwas ähnliches – ja. Aus dem Dorfkrug kommt es – Handharmonikaklänge.

Entsetzlich – falsch und stümperig – aber das Leben ist darin – das Leben. Man ist ja nicht tot – man ist ja nicht 88 verloren und verdorben – die Hoffnung ist darin – ein Aufatmen – ein Luftholen – ein Spüren des Herzschlages – im Takt dieser wundervollen entsetzlichen Töne!

Und die beiden Büttel – sie halten ihn nicht mehr so fest zwischen sich – sie treten an die Fensterscheiben. »Dor danzen se jo!« – »Ja – kiek, Stine is ook dor!« – »Ja – un dor is ook Rieke.«

Damit ist beschlossen, daß sie hineingehen. »Kümmst mit,« wenden sie sich an den Delinquenten, »för di is ümmer noch Tied.«

So ziehn sie mit ihm in den Tanzsaal. In Wirbeln von Dunst, in Trichterhosen von Rauch kreisen die Paare. Auf der Bühne sitzt Alle Bolljahn und bearbeitet sein Instrument. Will es nicht wie er will, schlägt er mit dem Holzbein auf die Dielen und bringt es so in Takt und zur Raison. Wo ihn die Süße des eigenen Spiels in Ekstase versetzt, wirft er den krausen Graukopf, daß die großen silbernen Ohrringe klirren.

Jubel begrüßt die Eintretenden. »Korl – Emil – wat is denn mit juch?«

»Wi willn hüet Abend noch röwer,« bedeutet sie Korl.

»Bi dat Weder!«

Darauf Emil: »Wi willn de Regenböen hier afsitten. 't klort sich gliek wedder up.«

Und Korl: »Un willn noch 'n lütten Walzer mitnehmen. Un 'n lütten Grog.«

Hinter dem Schenktisch, wo er hantierte, ist Bastian hervorgestürzt. »Gust – Junge –«

Das Gesicht, die Augen sagen ihm, was hier nun doch am Werke ist. Noch weiß er nicht recht, was zu geschehen hat, der Gewalt zu begegnen.

Da sagt einer von den jungen Fischern: »Ji häwt jo 'n Fiedelmann gliek mitbröcht.«

Korl und Emil lassen ihn nicht aus den Augen. »Dat's uns Passagier,« spricht Korl. »Ja, för den hebben wi uptokamen,« spricht Emil. 89

Aber nun erheben sich die Zurufe aus dem Kreise: »So lang as ji hiersied, sall he spelen!« – »Ja, ja – he sall Vadder Bolljahn aflösen.« – »Vadder Bolljahn hät to veel Nebenluft!«

Und ein Weltgewandter richtet sich an Gust: »Nich wahr, Sie tun uns den Gefallen?«

Emil will hitzig Einspruch erheben, Korl aber beschwichtigt ihn: »Laat se! He bliwt uns. Un wi danzen mal rüm.«

Schon hat Bastian Gust auf's Podium geführt. »Jetzt, Junge, jetzt bist du dran! Jetzt steuerst du das Boot! Jetzt ersäuf du die Kerle in Strudel und Wirbeln! In deine Hand ist es gegeben!«

Er steht allein – vor ihnen – über ihnen. Er nimmt die Geige heraus – betäubt, schlafwandelnd – er spielt – er holt tief Atem und spielt.

Er spielt für sich – spielt sich selbst seine Erlösung und Befreiung – frei – jetzt ist er frei und ist sein Herr – ist ein Herr auch über die andern – ja wohl, ihr werdet's spüren – versunken ist, was war – und das, was kommen kann, wie versinkt es in nichts – er hat seine Geige in der Hand – er hat seinen ganzen Halt, seine ganze Kraft – er hat sein Leben – ! –

Ja, ja, ich komme euch schon! Ihr sollt tanzen. Ich weiß, wie man das macht – aber was ich früher konnte, ist nichts. So tanzen sollt ihr heute, wie ihr nie getanzt habt in euren Lebenstagen.

In schmelzenden Sexten nimmt er sie gefangen. Wie die plumpen Gestalten aufstreben, aufschweben, wie das Schwere sich löst, wie in feine, zitternde Schwingungen das Träge sich erregt.

O, ihr sollt tanzen! So viel Zärtlichkeit geig' ich euch ins Blut, so viel Sehnsucht, so viel flackerndes Feuer in eure Sinne – mein Wille soll euch treiben, meine Macht soll euch geißeln, ja geißeln! O, ihr sollt mir tanzen! 90

Da, die beiden Quälgeister, die Schlagetots, die Henker, die Schlächter, sie drehen sich auch! Nun bin ich über euch, nun halte ich euch im Bann, nun müßt ihr taumeln, taumeln in meinem Zauberkreis.

O, euch wisch ich jetzt noch ein Besonderes aus! Lachen will ich noch mal über euch – gründlich lachen – ! – Seid ihr nicht – ihr nicht die Angeführten? War eure Schwester nicht mein Liebchen – in vielen tollen heimlichen Stunden – hört ihr, in vielen, vielen seligen Nächten – was haben wir euch alle genasführt – eure Dummheit würzte uns die Lust – O, ihr Schlakse, ihr dummen – ihr dummen – ! –

Terzen, kichernde Terzen, ein Koboldsgelächter über die Blamierten!

Alle sollt ihr mit mir lachen, alle, die ich euch da herumwirble – bis in alle Fasern soll es euch prickeln und kitzeln –

Lachen – seht ihr, wie es euch schüttelt – über die beiden Labans lachen wir – mich wollten sie quälen – ihr Spielzeug war ich – nun spiel ich mit ihnen –

So spiel ich ihnen auf! So – seht ihr – so – ! –

Wie? Was? Das reißt an den Nerven! Das schäumt in den Adern! Könnt ihr denn noch? Ihr müßt, ihr müßt.

Müde – am ersten die längsten Knochen – du, der da über die eigenen Füße fallen will – Emil – nein, dich, dich laß ich nicht aus! Dich am allerwenigsten! Dich zu allerletzt!

Weiter, weiter. Tanzen sollst du, bis du umfällst! Tanzen, bis dir die Zunge zum Munde heraushängt, dem flapsigen! Geht es nicht um mich oder dich? Ist dies nicht wie ein Totentanz?

O, mir dienen noch andere Gewalten! Hab ich nicht mehr erlebt als ihr alle! Hab ich nicht den Tod erlebt! War ich nicht gestorben? Am andern Gestade?

Daher ist es mir zugeströmt! Daher habe ich sie nun, die dunkle Gewalt – die Macht über die Geister –

Dank ich sie nicht euch? So sollt ihr daran glauben! 91

Da – es gleitet einer aus und fällt nieder. Emil – er ist nicht mehr fest auf den Beinen – so lange Knochen und so kurzer Atem – es stolpern noch mehr – es stutzen die Paare –

Jetzt nicht nachlassen, Gust. O, er hat noch süßere Sexten, noch lockendere – und er bezwingt die Sinne, die Glieder auf's neue –

Rieke, die rote Rieke, Emils Tänzerin, steht allein – da nimmt sie ein spät gekommener Gast, Macke Wullkopp, ein wilder Geselle, ein früherer Matrose, der sich vorm Teufel nicht fürchtet, auch nicht vor den Klobands. Gust hat von ihm gehört, von seinen Schlägereien, die ihm ein Auge gekostet haben, und nun, wie einen Freund begrüßt ihn jauchzend seine Fiedel.

Und jauchzend geht der Tanz weiter. Nur Emil steht abseits. Wütend und spitz stechen seine Augen zu Rieke und ihrem Tänzer.

O, diese Wut – gesegnet soll sie sein! Die Geige frohlockt und ihre Leidenschaft wächst – ins Rasen gerät sie und sprüht Funken. Die Luft brennt. Die Liebesfeuer flammen. Und die Eifersucht tobt.

So – so will ich dich haben! Blut glühen die Augen des Einsamen, Verlassenen! Und die Geige spielt Blut und die Geige will Blut! Jäh stürmt der Eifersüchtige in die Kreise der Tanzenden – wie die Geige ihn peitscht! – und packt den Nebenbuhler beim Kragen. Der läßt seine Tänzerin los – tritt zurück – und rennt wie ein Stier mit dem Schädel in Emils Bauchhöhle, daß dieser auf's neue mit seinem langen Gebein hinschlägt. Aber schon ist er wieder auf den Füßen – die Weiber kreischen laut auf und flüchten zur Seite – die Geige wird nicht mehr gehört – aber ihre Macht ist in dem, was jetzt geschieht – ! –

Macke hat sein Glasauge herausgedrückt und einem Freund zur Verwahrung in die Hand gegeben, jetzt geht er mit den 92 Fäusten dem Gegner zu Leibe. Ein wilder Boxkampf – Korl will sich einmischen – andere treten ihm entgegen – ein neues Kämpferpaar – immer mehr werden mit einander handgemein – bald wogt ein tosendes Meer von Ringern und Boxern, von geschlagenen und geworfenen Menschenleibern durch den Saal. Die Frauen sind in die Nebenräume gestoben.

Gust blickt in den brausenden Orkan, den seine Schöpferhand entfesselt hat, jetzt mit fast selig überlegenem Gleichmut.

Innig glühende Augen nehmen Bastian in Empfang. Der hat sich durch das Getümmel mühsam vom Schenktisch her durchgewürgt, wo die ungefüge Wirtin in krampfhafter Verzweiflung Posto gefaßt hat – um die Gläser und Flaschen zu schützen, hebt sie bald schreiend die Arme und dreht sie wie Windmühlenflügel, bald packt sie die Schürze mit den beiden Händen und läßt sie gegen die rasenden, verbissenen, verknäulten Kerle flattern, als gelte es Hühner zu scheuchen.

Treulos ist Bastian von Amt, Braut und Pflicht entwichen. Wirft sich auf seinen Gust, reißt ihn in seine Arme, küßt seine Hände, seinen Mund, und wäre fast vor ihm hingekniet.

»Junge, was kannst du! Was hast du in dir! Jetzt hat es sich gelöst! Gründlich in die Tinte mußtest du geraten, um schreiben zu können! Aber was schreibst du jetzt auch für 'ne Handschrift!«

Er hat ihn in sein Zimmer gezogen. Seine Siebensachen packt er ein. »Bei dir bleibe ich – zu dir gehöre ich – den ersten Teil der Offenbarung hab ich gesehen – nun will ich auch den zweiten erleben – auch mein Schicksal ist dies! Wie dank ich dir! Die Zukunft – meine, deine, unsere tut sich auf!«

Ungeschwächt dröhnt das Kampfgetöse zu ihnen herein. »O diese göttliche Gigantomachie! Dein göttliches Werk! Die klopfen sich nun noch stundenlang das Fell. Und was von ihnen übrig bleibt, denkt nicht mehr an uns und tut uns ganz gewiß nichts mehr zuleide. So. Nun hab ich fertiggepackt. 93 Mein anderes Hemd ist in der Wäsche. Das kann sie als Andenken behalten. Wir wandern – wir wandern!«

Sie sind hinausgetreten in den Abend. Der Oststurm ist fort, er hat sich auf's Meer gestürzt, im Meer sich festgekrallt. Vom Süden, von Europa her weht eine andere Luft. Am Himmel leuchten Sterne.

Dumpf wie aus einer Unterwelt rollen immer noch die Töne des Schlachtenlärms ihnen nach – ein tiefgründiges Lachen trägt ihre Schritte.

Und das, was noch in Gust Bötefüers Fibern zuckt – ein Sprühen ist es ins Leben hinein, ein Drängen und Fliegen in die Zukunft hinein.

Hat er es jetzt nicht, das, worauf es ankommt: das starke Erleben, das Erleben des Schaffenden! Er fühlt es, fühlt die Stärke und fühlt sich. Und ist nicht mehr unter den Dingen.

Glückselig schreitet er durch die nächtige Heide, durch Mondlicht und Wolkenschatten – er jauchzt in die klingende Nacht.

Dort auf der Höhe vor ihnen stehen die Lichter der kleinen Stadt. Sie sind ihr Ziel, dort wird der Nachtzug sie aufnehmen.

Vor Gust liegt sie, die ihm gehört, die ganze große Welt.

* * *

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