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Das Riesenspielzeug

Max Dreyer: Das Riesenspielzeug - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDas Riesenspielzeug
authorMax Dreyer
year1923
firstpub1923
publisherMosaik Verlag
addressBerlin
titleDas Riesenspielzeug
pages93
created20170226
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Es ging zu Ende mit der Saison. Die Tage der Kurkapelle waren gezählt, die Orchestermitglieder sprachen von nichts als von Winterengagements. Ueber Gust Bötefüer, der mir nichts dir nichts hierbleiben wollte, wurden die Köpfe geschüttelt. Daß der alte Bastian Wamp, von dessen Tiefen die wenigsten etwas wußten, sich hier zur Ruhe setzte, fand überall Verständnis, in vielen weckte es Neid.

Bei Gust in der Giebelstube saß der alte Freund. Hatte eine Notenrolle in der Hand, die letzte Komposition von Gust, die er sich sorgfältig zu Gemüte geführt, ein Notturno in fis-dur.

Die Kollegen hatten in der Morgenfrühe den Ort verlassen. »Gut, daß die Rasselbande hier ausgerasselt hat,« meinte Bastian. »Wenn die Luft jetzt reingeworden ist von all den falschen Tönen, dann kommt deine Zeit. Dann horchst du um 50 dich und in dich. Dann erlebst du ungestört dich selbst. Und dann erleben wir das Neue.«

Gust starrte auf die Notenrolle. »Heißt also, auch das ist wieder nichts geworden!«

»Nicht das Rechte, Gust – nicht das Rechte. Hier die eine Stelle – die Septimenakkorde – darin ist etwas – die heilige Mitternachtsstunde – da erlebt man ihre Schauer – und ein eigener Ton will hier schwingen. Aber dann geht ihm das Licht aus.«

»Ich sag es ja – es ist nichts und wird nichts. Und ein Hansnarr bin ich mit meinem albernen Herumgestümper und Gewimmer. Warum schlag ich nicht die Fiedel entzwei auf meinem tauben Schädel! Und wenn ich noch zum Fischerknecht taugte! Aber auch dazu langt es nicht! Weil ich mir das bißchen Seele aus dem elenden Leibe kotze! Ich Jammerlappen! Vielleicht hat Mutter Kluck eine Stelle für mich – zum Schweinefüttern oder zum Flaschenspülen!« Er toste durch's Zimmer.

Die Blicke des Alten geleiteten ihn. »Sieh mal, Junge, das sollst du in Musik setzen. Mach dich gleich an die Arbeit – und morgen bringst du's mir! Los!«

Der Alte hatte nun schon die richtige Art, ihn anzupacken, mit dem griffigen Humor seiner schwermütigen Herbheit, mit der rauhen Festigkeit seiner Güte.

Und Gust ging wieder einmal in sich, und dann ging er strahlender und zuversichtlicher immer mehr aus sich heraus.

Er wanderte über seine Haide. Hatte er jetzt nicht sein Reich für sich allein? Und es gab so unendlich viel zu belauschen – vor lauter Horchen kam er nicht zum Hören, nicht zum Fassen, viel weniger zum Gestalten.

Gleich in den ersten Tagen dieses Nebelheer, dieser Geisterzug, der aus dem Meere aufsteigt und über die Heide hinwallt – ein Chaos erst – aber das Chaos hat seine Bildkraft – und nun träumt es, nun schafft es Gestalten. Die 51 Seelen der Wikingerhelden, die die See verschlungen hat, schweben über die Erde gen Walhall empor. Ein sagenhaft dumpf-leises Klingen ist in der Luft wie von fernen Totenglocken ferner Zeiten. Und einzelne Stimmen geistern hindurch – angstvoll – und lockend wieder – drohend dem Leben und nach Leben heischend – verflogene Rufe. Und dann hüllt sich alles, Wasser und Flur und Wald in Trauerschleier ein – der Raum ist geschwunden, die Stunde steht still – nichts mehr ist auf der Welt, als die Klage – –

Wird ihm, ihm dies alles nicht gezeigt und offenbart? Ihm das nicht dargebracht? Ist das nicht wie ein Geschenk für ihn? Eine Gabe, die ihn verpflichtet! Eine Gnade, die ihn erhöht und emporträgt!

Er zittert in seiner Andacht und zagt. Dies Erhabene – darf er nach ihm greifen? Darf er es zu sich herabziehen mit seinen Händen, für seiner Hände Werk? Wer ist er? Kann die Sehnsucht allein die Weihen geben? Reicht Größe des Wollens hin, ihn emporzuführen zu so großem eigenen Wagnis? Würde er mit dem, was er schafft, die Masse unter sich lassen, ein Eigener mit eigenen Tönen? Würde es nicht schließlich nur so etwas von dem Vielen werden, was ihm, dem großen Meister von Walhall nachstammelt – ! – Nur das nicht!

Dafür ward ihm im Kleinen ein Wurf beschieden, der ihm Freude machte und andern auch. Und der hier den Reiz des Beruflichen hatte. Ein Fischerlied war es, zum Tanz zu singen.

Früher als sonst fanden sich Seehunde in größerer Menge ein, die das Eis aus den nordischen Gewässern zu vertreiben pflegt – woraus Wetterkundige schlossen, daß der Winter bald auch in diese Breiten nachrücken würde.

Die Fischer schimpften weidlich auf das »Ungeziefer«, das ihnen die Heringe aus den Netzen fraß und das Fangzeug zerriß. Alle Welt sprach von nichts anderem als von den Hunden, und Gust war mit hellen Ohren dabei. 52

Agathe Drews fielen aus ihren Kindertagen ein paar alte Verse ein, nach denen die Fischer ihres Heimatdorfes im Tanze sich drehten. Sie gingen so:

»Hal mi den Salhund, den Salhund to Lann!
He hät uns Nett terreten,
He hät uns Fisch upfreten,
He hät uns Schaden dhan,
Wi will'n em dod slahn!«

Bewegung und Temperament kommt über die Fischer am ersten, wenn ihnen Schaden geschieht.

Gust griffen die Reime ins Ohr, in den Sinn – sie lösten Musik in ihm aus und schufen sich ihre Weise. Er zeichnete sie auf und fühlte, sie war geworden, war gewachsen. Und sie ging in die Sinne. Als sie unter die Leute kam, wurde sie bald volkstümlich. Selbst diesen schweren Strandmenschen pulsten davon die trägen Adern. Gust aber bekräftigte sich, es war ihm nur deshalb so gelungen, weil die Fischerei als ein Seelenverwandtes ihm am Herzen lag, und er fühlte sich wieder auf der Höhe, sozusagen als Zunftgenosse.

Alice bekam natürlich das kleine Tonstück zuerst vorgesetzt, in einer Fassung, die sie spielen konnte. Sie war Feuer und Flamme dafür. Und hat es ihm mit Feuer und Flamme gelohnt.

Sie hat es auch zum ersten Mal gesungen. Auf ihrem eigenen Geburtstag war es, die Gäste – auch Gust war darunter – sangen es nach. Und von hier aus ging es dann ins Land.

Vater Kloband war nicht wenig stolz auf sein Döchding, die hier so den Ton angab und dirigierte. Er lehnte sich zurück, reckte die Glieder – die Stubenwände bogen sich entsetzt auseinander. Seinem Nebenmann Martin Dunker schlug 53 er auf die Schulter, daß der wochenlang mit verschobenem Knochenbau herumlief, und versicherte ihm dröhnend: »Ja, mien Lietzing – mien Lietzing, de gehüert in de Welt! De Diern, kann ick di seggen, de Diern is 'n Lebemann!«

*

Es war ein Septembertag von einer schlechthin verklärten Stille. Niemals war so viel rieselndes Licht in der Luft. Gust meinte, es tropfe ihm das lautere Gold in die Saiten.

Fast den ganzen Tag spielte er in seinem Giebel. Erst kamen Uebungen, dann stellte wie von selber Mozart sich ein, dem recht eigentlich diese Feststunden der Sonne gehörten. Trägt nicht die ganze Welt von Lichtperlen ein Geschmeide?

Von so viel Glanz überströmt findet er in der Freude den Glauben und die Kraft zu eigenem Schaffen. Aber seine Phantasien – wie bald ersterben sie in ihrem Nichts. Nein, nein – dieser Tag gehört dem Gottesdienst.

Und er atmet sich aus in der seligsüßen Fülle des Adagios aus dem Bachschen D-moll-Konzert.

Wächst nicht seine Kunstfertigkeit in solcher Andacht? Wieder einmal findet er den Mut, sich an die D-moll-Sonate von Schumann zu wagen. Wird er heute den großen Ton haben, den die tiefen Saiten fordern?

Ja, ja, sein Ton ist gewachsen! Er fühlt es glückhaft und stark! Wenn er nun noch das rechte Instrument hätte, dann könnte es werden.

Er wird es haben! Jetzt nimmt sein Leben die Wendung. Hier, an diesem Gestade, wird sein Glück aufblühen.

Die ganze volle Gabe dieses Tages will er nun am Abend zu seinem Mädchen bringen. Will sie damit beschenken, will sie sich damit erhöhen.

Unter dem Rotdorn auf der Haide soll er sie treffen. Wie federn seine Schritte, wie singt er dazu! 54

Der Platz ist leer. Noch – sie wird ja kommen. Er summt sich die Minuten fort. Dann kreist er ungeduldig um den Baum. Noch nie hat sie ihn warten lassen.

Er blickt nach ihrem Haus über die dämmernde Haide. Nichts ist zu sehen. Und das Dunkel wird schwerer.

Jetzt versteckt sich auch das Haus. Er geht die Wegrichtung, die sie herführen mußte. Er wird ihr begegnen. Er begegnet ihr nicht.

Und er kehrt wieder um. Sie ist von anderer Seite gekommen! Wieder steht er unter dem Baum. Der Platz ist und bleibt leer.

Da geht er getrübt heim. Wie kann ein solcher Sonnentag so schmerzlich trügen!

An ihrem Hause bleibt er stehen. Im Wohnzimmer ist Licht. Da sieht er sie – mit der Mutter sitzt sie da – ihr Gesicht ist nachdenklich und ernst, versunken, verschlossen –

Schritte kommen, er will hier nicht herumlungern. Warum ist sie heute nicht bei ihm gewesen? Vergessen – nein, vergessen kann sie es nicht haben. Was nur hat sie zurückgehalten?

Grau und dumpf lag es ihm im Schädel. Er war sich selber verleidet und zur Last. Wie halb war doch alles, sein Wollen, sein Können, sein ganzes Leben.

Er trug seine Not zu Peter Willich, der mit seinen Sternen war. Daß es nichts Rechtes mit ihm sei und nichts Rechtes mit ihm werden wolle, so klagte er dem Weißhaarigen sich aus. Wenn er bedächte, wie viel die andern könnten und wie wenig er selbst! Wie es bei denen sprieße und blühe, und in ihm sei dürre Saat.

Der Alte sieht ihm ins Auge und nickt still vor sich hin. »Hm« – sagt er bedachtsam – »Sie haben noch nich in den Kohlensack gekuckt. Und eh Sie das nich haben – –«

*

55 Der Regen schlug die Scheiben, seit zwei Tagen und zwei Nächten. Die Sonne war zur Sage geworden.

Heute ging Gust wieder als Lehrer zu Lietze. »Warum bist du Montag nicht gekommen?« fragte er sie.

»Montag« – antwortete sie ziemlich gedankenlos – »ach ja – ich konnte nich.«

Konnte nicht!? Das hatte es früher nicht für sie gegeben. Groß sah er sie an. Was sie da sagte – und ihr Gesicht – ihr ganzes Wesen – ein fremder Klang war in dem Allen.

Sie ist von ihm abgerückt. Was ist's, das sie so von ihm entfernt?

Aber schon ward es lebhafter in ihrem Auge, heller und wärmer. Sie legte die Hand auf seine Schulter. »Ach Gust –«

»Was ist?« Er nahm ihren Kopf und küßte sie.

Jetzt stahl sich auch wieder einmal ein Sonnenstrahl, verflogen märchenhaft durch eine Ritze der Wolkenmauer. »Guck!« sagte er und küßte sie wieder.

Und schon war er ganz frohgestimmt, glaubte wieder an die Sonne und sang dem Herbst sein Loblied.

Sie aber ging nicht mit. »Herbst is Herbst,« sagte sie matt und dumpf.

Ihn focht es nicht an. »Das ist er und das soll er sein! Und wie schön ist er hier bei euch! Hier habe ich zum ersten Mal in meinem Leben wilde Schwäne gesehen!«

Sein Aufschwung wie immer stimmte sie herab. »Wenn's weiter nichts ist.«

»Sie flogen nach Norden, ins kristallene Märchenland.«

Und trockener ward sie und verdrossener. »Nach Schweden un Norwegen flogen sie.«

Gust aber der Junge blieb oben auf. »Hast du gestern abend nicht in den Himmel geblickt – als der Regen einmal aufhörte und es sich aufklärte – hast du nicht ins Abendrot gesehen?«

»Nee.« 56

»Nicht in die Wolken? O, ich kann dir sagen, da zogen sie alle, all die alten Heidengötter – Odin und Thor und Balder und Frigga, Freia und Fro – und Loki fehlte nicht und die Todesgöttin Hel – und ganz deutlich sah man den Wolf Fenrir und die Midgardsschlange.«

»Würklich?«

»Wirklich und leibhaftig! Denn sie sind nicht tot. So klar, so wahr, so gewaltig zogen sie – zum Händeheben, zum Hinknien! Und die Welt klang von Andacht und Verklärung.«

»Was du nich alles hörst.«

»Ein Brausen in den Ohren – der Kopf ging einem in Stücke! Man wollte die Töne halten und haben – aber man flog mit ihnen davon und verflog in Luft. Nichts und wieder nichts. Lietze – ob ich's noch einmal erreiche?«

Dies immer stärkere Pochen an ihre Seele wurde ihr unbehaglich. Und leise Bitterkeit war in ihrer Antwort: »Das kann ich dir doch nich sagen. Und darüber mußt du mit deinem Freunde Bastian sprechen. Ich versteh davon ja doch nicks.«

»Lietze – ! –«

»Nee. Wahrhaftig nich. Deine Wolken sind mir zu hoch.« Ihre Abwehr, sonst gelassen und lächelnd, hatte eine Spitze bekommen.

»Was ist bloß?« fragte er und forschte in ihr Gesicht. »Und da zwischen den Augen eine Falte, die ich nicht kenne. Denkst du an die Böen da draußen? Ist dein Vater noch auf dem Wasser?«

»Nee. Das Boot is an Land.«

»Sie wollten mich heut morgen nicht mit rausnehmen.«

»Was sollst du da auch?«.

»Na, ich hab doch schon 'n paar Mal tüchtig geholfen.«

»Un hast das letzte Mal doch wieder mit 'n Kopf über Bord gelegen. Das ist nu mal nicks für dich. Du bist nu mal von anderm Holz un hast ne andre Hantierung.« 57

»Hantierung – Hantierung ist günstig.« Eine Munterkeit regte sich in ihm. Jetzt deutete er auf's Klavier. »Und wie ist das heute mit unserm Hantieren hier?«

»Ich mag nich.«

»Du magst nicht? Das ist das erste Mal –«

Und jetzt unter seinen prüfenden Augen schüttelt sie alles ab und streckt sich und lacht in alter Weise. »Ja, ich mag auch. Is ja allens plus minus, sagt Korl Klump.« Und damit wird sie geradezu ausgelassen. »Du, Gust – weißt du was?«

»Was wohl, aber nicht allzu viel.«

»Weißt du, daß ich – auf dein Gesicht höllisch neugierig bin?«

»Auf mein Gesicht?«

»Ja, wenn ich dir nun so erzähle –«

»Na?«

Jetzt schweigt sie und spielt eine Tonleiter.

»Ich denk, du willst mir was erzählen!«

Sie nimmt die Finger von den Tasten. »Erzählen – ja. Was willst du hören. Geschichten aus dem Dorf? Von Mutter Knaksch, die so geizig ist, daß sie Mausedreck sammelt und da Seife aus kocht? Oder lieber von dem alten Bauer Brümmer, dem eine Zahnstocherfabrik seinen Wald abkaufen will. Un nu rechend er Tag und Nacht, wieviel Zahnstocher er aus seinen Bäumen rauskriegt.«

Immer größer werden Gust seine Augen. »Wie soll man heute bloß klug aus dir werden.«

»Also davon willst du nicks hören? Na denn ein ander Lied!«

Und damit richtete sie sich steil auf und steigerte sich in eine fröhliche Ueberlegenheit hinein, die dann eine schelmische, eine verschmitzt feierliche Miene aufsetzte. Und nun sprach sie langsam, nach einer gedehnten, schicksalsschweren Pause, und es regte sich ein derbvergnügter Kobold in ihren Blicken. »Weißt du, daß wir Familie kriegen?« 58

»Wir – kriegen – ? –«

»Ja, wir kriegen! Wat segst du nu?«

Er gab sich alle Mühe, das als Scherz zu nehmen, aber er fühlte deutlich, daß sie nicht spaßte. Nur daß sie es vorläufig nicht eben tragisch nahm. Er aber dachte weiter als sie, ihm wurde es dunkel im Gemüt, er faßte ihre Hand und neigte sehr nachdenklich den Kopf.

Da hatte der Kobold ausgetanzt. »Viel Trost hab' ich woll von dir nich zu erwarten,« sagte sie fremd, ablehnend und wehrhaft.

»Lietze –«

Nun regte sich eine Grausamkeit in ihr. »Ja, mein Jünging, so is es nu. Un für groß Versteckspielen bin ich nich.«

Er hielt den Atem an. Das reizte sie. Sie forschte in ihn hinein, spürte nach Schwäche und Kleinheit und feigem Sinn. Etwas Feindseliges stand in ihr auf. Sie war ganz das Weibchen, dessen Beruf erfüllt ist und das sich jetzt das Männchen als überflüssig oder gar schädlich störend vom Leibe hält. Und ihre Grausamkeit flackerte weiter.

»Wir werden es jetzt Vater sagen,« erklärte sie, und ihre Augen gruben.

Der Gedanke gab ihm einen Stoß, sie spürte, wie es ihn warf.

»Soll ich oder willst du?« fragte sie.

Er antwortete nicht gleich. Da fuhr der Zorn in ihr auf. »Bücksenschieter!« rief sie. »So werd' ich es ihm also sagen!«

Er hatte sich gleich beisammen, sein Stolz flammte empor, erregt wies er sie zurecht. »Was redest du! Was fällt dir ein! Ich weiß, was ich zu tun hab! Wann kommt dein Vater vom Strand?«

»Zu Mittag.«

»Nach Tisch sprech ich dann also mit ihm.«

Nach Tisch – gesättigt sind die Bestien am zahmsten, fuhr es ihm durch den Sinn. Weiter aber drang es wieder 59 drohend auf ihn ein: da ist nicht bloß der Vater, da sind auch die Brüder noch – –

Er hatte noch ein paar Stunden vor sich, um mit sich ins Reine zu kommen. Das Schicksal hatte ihn überrumpelt – nur den Kopf oben behalten. Zu früh war diese Wendung eingetreten, er war noch nicht fertig mit dem Leben, hatte den rechten Weg in die Zukunft noch nicht unter den Füßen.

Ja, ja, zu früh brach es über ihn herein. Aber es gibt nur das eine. Und Lietzens Schimpfwort schlägt ihn mit Nesseln, bis in die Seele brennt es ihm. Nur das eine! Frank und frei tritt er vor Vater Kloband: Lietze und ich haben uns lieb, und ich bitte um ihre Hand!

Was geschehen ist – wahrlich, etwas Landfremdes ist es nicht. Und die Fischersleute hier sind nicht so zimperlich genau. Knurren wird der Alte ja wohl. Aber dann wird er seinen Segen geben – was bleibt ihm auch anders übrig?

Und ihm – Gust Bötefüer – wenn von ihm auch noch ein wenig die Rede sein darf – ja, was anderes übrig bleibt auch ihm nicht. Heiraten. Alice Kloband.

Wie? Möchtest du dir dein Mädel schon wieder herabziehen? Wie fest und aufrecht steht sie doch in ihren Schuhen! Wie frei trägt sie den Kopf, wie mutig! Hat sie sich in dieser Bedrängnis nicht ihm überlegen gezeigt? Ihm, dem Schwankenden, dem Beirrten und Unsicheren? Dem Tastenden, der erst durch ihren geraden Zorn auf das Ziel hingestoßen ist?

Keine Ueberhebung, Gust Bötefüer, – jetzt weniger davon als je!

Kann nicht Lietze, entwicklungsfähig wie sie ist, gerade die richtige Ergänzung für ihn werden? Wie er Geist und Wesen dieser Küste als Folie seiner Kunst begriffen hat! Vielleicht öffnet sich ihm gerade so das Tor zur Erfüllung, zur Vollendung seines Lebens.

Es litt ihn nun doch nicht zu Hause. Mutter Drews bat er, ihm sein Mittagessen warm zu setzen. Die kannte ihn 60 längst und war seine Unregelmäßigkeiten gewohnt. Nun lief er wieder im Wind herum und griff sich Töne!

Durch die Dünen stolperte er, bergauf, bergab. Der Wind hatte in Nebelkissen sich schlafen gelegt. Grau und gries war die Welt und sterbensmüde, und ihm, dem Ruhelosen, Gehetzten, wankten die Knie. Er warf sich auf den kalten feuchten Sand und schlug die Hände hinein und schaufelte und grub, und grub in sich selbst – und wühlte wieder in dem Sand, tiefer und tiefer, als grüb er sich ein Grab.

Nun griff ihm doch so was wie die kalte Verzweiflung ans Herz.

Ja – er hatte hierbleiben wollen – sich ausatmen – sich volltrinken – ein Seelenbad sollte es für ihn sein – das war die Meinung, seine und seines alten Bastian, des treuen, kundigen Beraters. Und jetzt – jetzt saß ihm die Fangleine am Knöchel. Jetzt mußte, mußte er bleiben, ein unfreier Mann, gefesselt, eingesperrt – was würde seine Kunst dazu sagen!

Und seine Hände schaufelten und gruben.

Dann steifte er den Nacken. Was bist du für ein Kerl – was für ein dummer Junge! Das könnte dir so passen – hier herumzutändeln und zu liebeln – so eine Liebschaft ohne Folgen, ohne Verantwortung, ohne Pflichten. Ist dein Mädchen dir so wenig wert? Ist daran nicht schließlich dein eigener Wert zu bemessen?

Lietze – ja, nun ja, auf der Höhe ist sie nicht. Aber ist nicht seine Hand dafür da, sie zu führen – aufwärts zu einem Verstehen seines Wollens, zu einem Fördern seines Strebens, zu einem Zusammenleben im Geiste!

Im Geiste? Sitzt nicht das Klobandtum zu tief in ihrem Blut? Und ist sie nicht eigentlich ganz und gar von Musik verlassen? Ein Trommeln ihr Spiel – sie ein kleiner Tambour im besten Falle.

Ein reizender kleiner Tambour – alles, was recht ist. Und der Wirbel, den sie schlägt, betört, verstört er einem nicht alle Sinne? 61

Und hatte er nicht oft genug gehört, daß gerade Künstler Lebensgefährtinnen sich suchen, die nicht vom Bau sind, nicht eingeschworen auf das Schaffen, nicht gebannt in den Kreis. Natürlichkeit wird gebraucht, aus der der Kunst neue Quellen sprudeln, Sinnenfreude, gedankenlos, die das Schöpferische befeuert! Dieses entzückend Kunstlose, in dem man wieder Mensch wird, Mensch und Mann. Nichts Fachliches, nichts Sachliches – das Persönliche, das Weib!

Das Weib – o ja – das Weib – und das Kind – und der ganze holdselige Familienzauber! Jetzt fällt doch das alte Grauen über ihn her. Ist er nicht noch zu jung, noch zu sehr Wanderer, noch zu leicht für die Haft des Hauses?

Und schlimme Bilder schrecken ihn. Eine enge Kleinleute-Wohnung auf einem Berliner Hof – eine Gefangenenzelle, ein Haufen unter lauter beklagenswerten Sträflingen. Die Stube voll von Kindergeschrei, von dem Geruch säuerlicher Windeln.

Denn zur Großstadt ist er nun einmal verurteilt! Wo sonst soll er die Nahrung herbeischaffen, des Leibes Notdurft, für die Familie, für Weib und Kind.

Und wieder schlägt dann der Höllengeruch der Kaffeehäuser über ihm zusammen und sein bischen Kunst verröchelt vollends. Und bliebe wirklich etwas von ihr lebendig, die häusliche Misere würde ihr den Garaus machen.

Das Entsetzen hat ihn wieder auf die Beine geworfen, und er stolpert weiter in die Welt hinein. Aber dann mit harter Hand greift er sich selbst an die Kehle und würgt die Aengste hinunter.

Misere – warum muß es eine Misere werden! Nur wenn er selbst ein miserabler Kerl ist! Arbeite, schaffe, ringe dich empor! Alles, was auch das Leben dir beschert, muß dich beflügeln. Alles, was es dir aufbürdet, muß deine Schwungkraft stählen.

Und Lietze – bleibt seine Lietze nicht Lietze! Muß er sie nicht immer wieder aufs neue in Schutz nehmen gegen ihn selbst. 62

Wer untersteht sich zu behaupten, daß Lietze nicht sein richtiger Lebenskamerad werden kann? Wer wagt es zu bezweifeln, daß tiefe seelische Kräfte in seiner Lietze schlummern! Daß geistige Eigenart in ihr lebt! Wenn sie einmal herauskommt aus diesem Erdzipfel, wie ganz anders wird ihre Ursprünglichkeit, ihre Frische, ihre Schelmerei, ihr aufrechter Sinn sich entfalten.

Er ist aus dem Stolpern und Stürmen in Schritt gefallen und wandelt schon wieder ruhig geordnete Bahnen. Und jetzt meldet sich auch die praktische Erwägung zu Worte – wie sagt doch Bastian Wamp – »der kleine Schweinhund von Kalkulator in uns«. Und der spricht so: Vater Kloband ist ein wohlhabender Mann und Alice, sein Liebling, das, was man eine gute Partie nennt. Drückende Sorgen werden ihnen erspart bleiben.

Alles in allem also – warum die Ohren so hängen lassen? Warum soll es nicht werden? Es wird werden!

Und Gust Bötefüer ist schon wieder zu Hause angelangt, setzt sich noch rechtzeitig zu seinem Mittagessen und ein gutes Gewissen schafft ihm leidlichen Appetit. Dann überhört er sich noch einmal seinen Seelenzustand, und er darf mit sich zufrieden sein.

So innerlich gestärkt und gerüstet zieht Gust seinen Gehrock an. Ohne wesentliche Stockungen und im ganzen kühn legt er den schweren Weg zum Hause Kloband zurück.

Die Mutter empfängt ihn wie immer, mit dem zahnlosen Schmunzeln ihrer unbekümmerten Güte. Sie führt ihn ins Wohnzimmer, wo der Vater nach dem Mittagessen auf dem Sofa liegt, zu zwei Dritteilen, der untere Rest nimmt mit den Dielen vorlieb.

Er hat ausgeschlafen, döst aber noch vor sich hin; der Schopf ist wirr geworden und struppt sich bis in die harmlos glotzenden Augen. Wie ein ganz gemütliches Ungeheuer, dem man den Kopf krauen könnte, sieht er aus. 63

Gleichwohl tritt Gust behutsam auf den Plan und muß sich erst in Positur bringen.

Da hört er ein Geräusch im Nebenzimmer – das ist Lietze, fährt es ihm durch den Kopf. Sie ist an der Tür! Sie will ein Schauspiel haben! Sie lebt in Spannungen – wie alle Weiber – so sind sie nun einmal! Zu solch fertig überlegenem Urteil berechtigt ihn seine durch die Vaterschaft beglaubigte Männlichkeit.

Aber erbost ist er über die Lauscherin – möchte sie ihn auf Angst und Zähneklappern ertappen? – geradezu brüsk rüttelt er nun an dieser ins Ungemessene ausgereckten verschlafenen Ahnungslosigkeit, die da vor ihm über'm Sofa liegt.

Und ihn selbst befällt dabei eine Spannung, voll grausigen Vergnügens und lustigen Entsetzens, wie nun wohl das plötzliche Erwachen der Großvaterschaft mit diesen Gebeinen herumfuhrwerken würde.

Patzig spricht Gust die Worte: »Herr Kloband – ich habe in einer wichtigen Angelegenheit mit Ihnen zu reden.«

»Nanu?« Die Zweidrittel bleiben ungestört liegen, aber das eine Bein macht eine Bewegung, die immerhin auf eine gewisse Bereitwilligkeit schließen läßt.

Doch über Gust schlagen Erregung und Unmut vollends zusammen, er macht weiter keine Einleitungen, keine Vorbereitungen, von denen er selber fürchten muß, daß sie ihn ins Wanken bringen könnten, er stellt glatt und bündig die Lebensfrage. »Alice und ich, wir haben uns lieb, und ich bitte Sie um die Hand Ihrer Tochter.«

Nun sitzt Vater Kloband doch aufrecht, in voller Lebensgröße, sein Mund stößt gähnend die letzte Schläfrigkeit heraus und sagt dann breit fletschend: »Ach nee,« doch ohne daß der Sprechende sich der Mühe einer besonderen Gemütswallung unterzöge.

So etwas von roher und hohnvoller Gleichgültigkeit – und ein Unheimliches ist darin wie Stille vor dem Sturm – 64 Gust fühlt sich durcheinander verletzt und bedroht – und er fängt nun doch an, etwas hin und her zu flackern.

Dann aber wirft er sich wieder in die Brust und sagt mit einer Bestimmtheit, die suggestiv wirken möchte: »Ich darf doch wohl auf Ihr Jawort rechnen!«

Jetzt hat Vater Kloband sich denn doch erhoben, sein Schopf fegt die Decke, und mit allen Suggestionen ist es vorbei.

»Nu will ich Se mal wat seggen, Fründting,« so spricht Herr Kloband, »gahn Se ruhig nah Hus un hängen Se Ehren swarten Kittel werrer int Schapp. Ut dat Geschäft kann nicks warn.«

Gust flüchtet sich zu moralischer Entrüstung. »Geschäft – ist eine Herzenssache Geschäft?«

»Jerst recht,« erklärt Herr Kloband und tritt unverzagt alles Seelische tot. Dann gibt er seinem Wunsch, weiteren Verhandlungen überhoben zu werden, menschenfreundlichen Ausdruck: »Wi will'n so dhon, as harn Se nicks segt un as har ick nicks hüert.«

Aber so geht es nicht los! Das Schwerste hat ja Gust noch auf dem Herzen. Bisher war es schieres Holz, jetzt kommt erst der Knubben, und was für einer!

Gust muß neuen Atem holen, muß auf's neue und ganz anders ins Zeug sich legen.

Ist da nicht wieder ein Geräusch an der Tür?

Das möchtest du wohl, daß Gust Bötefüer jetzt versagte! Was denkst du eigentlich von mir! Was bildet ihr euch eigentlich ein, ihr Klobands alle!

Und er reitet tollkühn die Attacke auf Leben und Tod.

»Ich glaube, Sie sind nicht ganz im Bilde, Herr Kloband. Alice und ich – wir sind nämlich schon so gut wie verheiratet –«

Der Riese macht sein dümmstes Gesicht, dann aber gibt es einen Ruck in ihm, den die Dachbalken spüren – jetzt bricht er dir das Genick, denkt Gust. Aber nach dem Ruck ist eisige Stille. 65

Dann kommt ein scharf abgebissenes Lachen: »So'n Muskant!« Und was nachrollt, ist ein schmerzlicher, ein unversöhnlicher, aber gebändigter Groll.

Noch findet er keine Worte, und Gust weiß immer noch nicht, ob die Fäuste nicht sprechen werden. Vielleicht die letzten Worte für sein Gebein.

Dann aber kommt es in Fluten, in Wellen und in Brechern.

Dazu hätte er also die Klavierstunden benutzt, darauf hätte er es angelegt! Ja, das könnte ihm so passen! Ihm, dem Vagabondierer, sich hier ins warme Nest zu setzen! Und wenn er auch alle Anstalten dafür getroffen hätte, jetzt würde es gerade nichts! Gerade jetzt nicht! So ließen die Klobands nicht von einem Musikantenbengel mit sich umspringen! Wenn er sich einbildete, jetzt müßten sie wie er wollte – gerade das Gegenteil hätte er damit erreicht! Gerade jetzt müßten sie nicht! Gerade so wären sie geschiedene Leute! Alietze bliebe wer sie wär und wo sie wär – und er, der Vater, sorgte jetzt erst recht für sie, der Muskant aber flöge aus dem Haus! Und nicht bloß aus dem Haus! Heut noch hätte er sein Bündel zu schnüren! Heut noch würde er über die Grenze gebracht! Und das – nun kommt in das ehrlich erboste Gesicht von Vater Kloband doch ein niederträchtig lauernder und hämischer Zug – das würden seine Jungen besorgen! Die würden ihn mit dem Segelboot rüberschaffen nach dem Festland, »nach Europa«, und Gnade ihm Gott, wenn er nicht dabliebe, wo er hingehörte.

Mächtig, daß die Hausbalken winseln, stakt er zum Fenster und stößt es auf. »Kamt doch mal rin!« ruft er hinaus – seinen Jungen gilt der Ruf – und wieder wendet er sich an Gust: »Und das eine will ich Ihnen noch sagen. Wenn da unterwegs 'n büschen was passieren sollte – den Jungens sitzt nun mal das Handgelenk was lose – so bin ich dafür weiter nich verantwortlich.« 66

Jetzt treten die beiden Gerufenen ein. Gust bewahrt in Wut und Stolz eine gute Haltung.

»Kiekt juch den mal an!« sagt der Alte.

Korl, die Hände in den Hosentaschen, das schwere Augenlid in Ruh, breit und gemächlich, tut als der Aeltere die Frage, die sich darauf gehört: »Wat hät he maakt?«

»Wat he maakt hät? Mi hät he ton Großvadder maakt un juch to Unkels!«

Die beiden sehen sich an. Langsam begreifen sie. Die Tatsache an sich will sie nicht sehr erschüttern. Und der Gedanke, daß Lietze, die gehätschelte, bevorzugte, ihnen immer als Muster aufgestellte nun ihr Malheur hat, geht ihnen eine Weile ganz sänftiglich ein. Aber dann gibt der Zorn des Vaters ihnen die Richtung und das Hündische in ihnen läßt sich nur zu gerne hetzen.

In Emil reckt sich jetzt rege der grausam tückische Hang: »De hergelopene Kierl!« Hierin liegt ihnen allein das Verbrechen, nicht in dem Geschehnis selbst. Und das Opfer muß gequält werden. »He sall dor an glöben!«

Der Alte gibt seine Befehle. »Ji makt hüet abend de Boot farig un segelt em röwer. Ji moet jo sowieso von dröben de Netten afhalen. Un unnerwegs könt ji juch jo mit em öwer juch Verwandtschaft unnerhollen.«

Gust aber – er bleibt nicht mehr das Standbild von Trotz und Grauen und Zorn. Frei hebt er den Kopf gegen den alten Cyklopen: »Wer sind Sie! Was bilden Sie sich ein! Glauben Sie, ich laß mich von Ihnen meiner Freiheit berauben! Schließlich leben wir doch noch in einem Ordnungsstaat und nicht unter Südseeinsulanern.«

In seinem Auftreten und seinen Worten ist ein Etwas, davor die beiden Lümmels den Mund aufreißen. Den Alten aber berührt es nicht. Er hält Gust die Faust vor die Nase: »Mien Ordnungsstaat is dit!« spricht er mit unüberwindlicher Urgewalt. 67

Gust aber hält eben seine Nase weiter hoch und frei in die Luft: »Ihr Haus können Sie mir verbieten. Und ich gehe. Aber mir die Insel verbieten – mich des Landes verweisen – zum Quietschen!«

Und er bringt es fertig, frisch und ehrlich aufzulachen, dreht den drei Kolossen langsam den Rücken und verläßt gemächlich das Zimmer.

Ehern dröhnt es aus der Brust des Alten: »Dat wast du jo sehen.« Den beiden Henkersknechten aber ist es zum Grunzen wohl in ihrem Amt, und sie brüllen gegen die Tür, Korl mit zermalmendem Behagen: »Ja, mien Jung, du wast wat erleben!« Und Emil mit keuchender Gier: »Versöpt wast du as ne Rott!«

Jöbbe entläßt die beiden: »So. Nu gaht man ierst wedder an juch Arbeit.«

Wie er allein ist, wandert er wuchtend durch den Raum. Noch ruckt ihm zu viel in den unbändigen Gliedern. »So'n Hund!« rollt er noch einmal durch die Kehle. Und er spuckt den Priem in die Hand und schleudert ihn mit Kraft in den Spucknapf. Schon aber beißt er sich einen gewaltigen neuen ab, verstaut ihn, und in sanfterer Regung mit dem Grundton des sich verziehenden Unwetters grollt er vor sich hin: »Mien Diern – mien Diern –«

Jetzt kommt Regine, sein Ehegesponst herein, läßt aber die Tür hinter sich offen. Der mummelnde Mund ist weh und weinerlich verzogen. Demütig kauert sie sich unter dem Zorn des Riesen nieder. »Lietzing hät mi eben allens segt.«

»Ja – ja! Is sowat to glöben!«

»Jä, Jöbbing« – sie reißt wie die Eiderente die Federn aus der eigenen Brust für ihre Brut, »is jo 'n Unglück mit uns lütt Diern. Oewer – uns Korl is doch ook vör de Eh dor west –«

Jöbbe stutzt zurück. Dann aber hebt er übermächtig seinen Bau. »Dat wier ick ook! Un wi hebben uns friegt. Wier ick nich ansässig! Wier ick'n Landstrieker, 'n Muskant!« 68

»Nee, Jöbbe, nee.«

»Na sühst du. Bie uns wier allens in Ornung. Von den Kierl öwer is dat ne Gemeinheit!«

Nun tritt auch Lietze durch die offene Tür zu den Eltern. Sie ist wohl etwas unsicher und recht vorsichtig, doch geknickt ist sie nicht.

Der Vater macht eine Bewegung zu ihr: »Lietze!« – da duckt sie sich leicht. Mutter Regine aber schmiegt sich um seinen Arm: »Doh ehr nicks!«

Und nun ist dem Alten der liebe Familienrührsinn ein willkommenes Pflaster auf seinem geschundenen Stolz: »Nee, nee.« Und gar zu einem Augenaufschlag bringt er es und zu weichmütigen Worten – hat dem großen Kunstgönner das Kino dabei Gevatter gestanden? »Unser armes verführtes Kind!« Wozu der mummelnde Mund ein Schluchzen sich verbeißt, Lietze aber doch sich nicht enthalten kann, ein reichlich verschmitztes Gesicht aufzusetzen.

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