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Das Riesenspielzeug

Max Dreyer: Das Riesenspielzeug - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDas Riesenspielzeug
authorMax Dreyer
year1923
firstpub1923
publisherMosaik Verlag
addressBerlin
titleDas Riesenspielzeug
pages93
created20170226
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sie waren in den letzten Maitagen. Der erste Frühlingsansturm war vorüber. Aus dem Sprühen und Flimmern war ein Blühen und Leuchten geworden. Die Welt atmete sich wohlig aus in Farbe und Licht. Eine zeitlose, gedankenlose Glückseligkeit war aufgegangen.

Gust liegt am Strande und läßt sich die Sonne in den Hals scheinen. Seine Finger spielen im Sande. Er ist der liebe Gott – die Sandkörner, die durch seine Hände rieseln, sind Stunden, sind Schicksale, sind Menschenleben. Er ist über den Dingen, über den Zeiten, über den Räumen.

Gott ist er, und Gott ist der Rhythmus der Dinge. Ist die Musik der Welt.

Er ist die Musik. Die Musik – kann die Musik Musik machen? In einem kleinen verwunschenen Kurorchester an der Ostsee die »Rosen aus dem Süden« spielen? Mit Hans Baguhn als Trompeter, der sich meist verzählt und selten die Einsätze rein und richtig bringt!

Wie wohl lächelt es sich hier oben über der Welt. Ja, als lieber Gott hat man's gut.

Und Klavierstunde braucht man auch nicht zu geben.

Obwohl – er hat es sich eigentlich schlimmer gedacht. Begabt ist sie ja nicht, aber sie hat immerhin Gehör, wennschon ihre beiden Ohren – nein, nein, nicht wieder davon anfangen! Warum der kleinen Lietze was zuleide tun? Ist sie nicht ein 26 resolutes Mädel? Mit Energie im Leibe, mit eigenem Willen und eigenem Weg! Wenn man so ihre Brüder, die Stumpfböcke, neben sie hält! – Nichts gegen die kleine Lietze!

Morgen will er ihr eine kleine Etude bringen, die er selbst für sie gesetzt hat. Ganz leicht ist sie und bleibt natürlich ganz obenauf, aber sie klingt gefällig und geht ihr hoffentlich ins Ohr.

Eigentümlich ist es: erst schien es ihm so, als möchte sie ihn leiden – als wär sie gar ein wenig verliebt in ihn. Aber jetzt fühlt er nichts mehr in ihr schwingen, alles Zärtliche hat die Sachlichkeit verschlungen, der Fleiß, die Lernbegier.

Achtungswert – ja – und etwas kränkend. Ein gewisser Stachel ist da, eine Nadel, die seine Sinne prickelt.

Wenn er sich nun wirklich und wahrhaftig in sie verliebt? Er lacht dazu. In Alice Kloband! Doch gleich schlägt er seinem Hochmut zwischen die Hörner.

Möglich ist auch dies. Doch man male sich die Folgen aus. Dabei stellen sich allerlei peinliche Gesichte ein.

Nein, nein – er rettet sich in die Sonne und kehrt lieber in sein Gottesdasein zurück.

Bis die Uhr kräftig mit der Zeitlosigkeit umspringt und ihn in den Pavillon ruft. Hier geigt er seinen Striemel, oft ein wenig abwesend, oft ein wenig boshaft und verschlagen, aber im ganzen brav.

Mehr als sonst beschäftigt er sich mit dem, was da unten auf der Strandpromenade vorbeiflaniert. All dies Affige und Gespreizte, dies sich Ausstellen und Ausbieten, dies Geschnalze und Gebalze, verstohlen und verlogen – übel, übel, übel! Und was bildet ihr euch ein, ihr Puten! Wir wären für euch da, wir, zu eurem Ergötzen! Ihr gebt uns eine Vorstellung, ihr uns! Ein Affentheater seid ihr!

So schilt heute sein Zorn. Und auf dem Heimweg bekommt sein Begleiter, der Klarinettist, noch einen Nachhall zu hören. 27

Der lächelt wehmütig: »Mummenschanz – Maskenspiel – hier wie überall. Und was steckt dahinter? Ueberall und auch hier? Gequälte Kreatur.«

Mit solchen asthmatischen Allgemeinheiten gibt Gust sich nicht zufrieden. Er reitet weiter seine Attacken gegen die »Abgeschmacktheiten der Zivilisation« und schimpft auf die Städte und – plätschert schließlich auch in Verallgemeinerungen herum.

Dann sagt er: »Was gäb ich, wenn ich nicht in die Stadt zurück brauchte!«

Die Seehundsaugen blicken hell. »Das ist ein Gedanke, Mann! Ja, ja – Sie müssen sich mal gründlich auslüften – von den Cafés – von dem ›schweren exotischen Duft‹.« Es muß sich mal was setzen von all dem, was in Ihnen rumort.«

»Ja, ja – das redet sich so leicht –«

»Werden Sie mal 'n paar Monate Landarbeiter – Himmel noch mal! Im Freien sein und die Knochen mal rühren. Und mit unparfümierten Menschen zusammen! Tagelöhnern Sie in der Stadt nicht auch? Nur in schlechter Luft. Und haben außerdem das ekelhafte Gefühl, daß Sie Ihre Kunst dazu hergeben! Lassen Sie die Fiedel mal 'ne Zeit lang Ihre Feierstunde sein – Ihren Sonn- und Festtag. Sollen mal sehen, was dann aus ihr herauskommt! Wenn es überhaupt was wird, dann nur so!«

Sie wurden Freunde, der alte Bastian Wamp, der wegmüde, an Leben und Kunst verzagte, und Gust Bötefüer, der junge Wanderbursch, mit seinem jubelnd-verzweifelten Kreuz und Quer, seiner glückselig-betrübten Irrfahrt, mit der ganzen unergründlichen Schwermut seiner unbändigen Leichtherzigkeit.

Und sie brauchten einander. Für Bastian war der Junge ein Stück eigenen Lebens, gerade so hatte es ihn geworfen, ebenso hatte er gekämpft und gesucht und wieder sich treiben lassen, war versunken und wieder emporgetaucht, bis daß die große Müdigkeit ihn bezwungen. Aber der Junge war nicht seine Vergangenheit bloß, auch ein Stück eigener Zukunft galt er ihm. 28

»Aus Ihnen soll etwas werden,« so sagte er immer wieder. »Das will ich noch erleben. Sie sollen die Erfüllung sein dessen, was ich selbst gewollt und nicht gekonnt habe.«

Er entpuppte sich immer mehr als ein außerordentlich gebildeter Musiker von reifem, tiefem und rücksichtslos ehrlichem Urteil, dem Gust unbedingt vertrauen durfte. All seine Kompositionen hatte er dem Alten gezeigt und bisher keine Gnade gefunden. »Hier und da etwas von Herzschlag, echt, kräftig, bezwingend – aber nur hier und da. Immer wieder das süßliche Getändel, süß und sentimental – pfui Deibel! Man spielt eben nicht ungestraft all dies schmi-schma-schmalzige Zeug eine Nacht wie die andere in den gottverfluchten Dielen mit ihrem von allen Wohlgerüchen des Orients und Occidents stinkenden Gesindel. Das frißt sich ins Hirn! Und die Kunst wird das Scheußlichste, was es gibt, wird ein Parfümeriegeschäft.«

Gust begleitete wieder einmal den Berater nach seiner Behausung. Er hatte im Dorfkrug bei der Witwe Kluck Quartier genommen.

»Kluck heißt sie, nach einem Schluck aus der Buddel wird einem zumute, und sie läßt einen wahrlich nicht verdursten.« Dabei kam ein schelmisches Leuchten in die großen, runden, von Asthma geängstigten Augen. »Auch eine Klucke ist sie, die geradezu leidenschaftlich für die Atzung ihrer Küchlein sorgt. Küchlein – so sieht ein Küchlein aus.« Er freute sich bescheiden an eigenen Scherzen und lachte stillvergnügt vor sich hin.

Gust sah ein wenig überrascht solchen Zug stiller Genügsamkeit bei diesem Manne unzufrieden heischender und polternder Melancholie. Der schon versunken also weiter sprach: »Etwas ungemein Beruhigendes hat diese Frau. Sie ist nun einmal ganz so wie ihres Namens suggestive Macht. Heute hat sie gesagt, wenn sie sich noch einmal veränderte, nehme sie nur einen besseren Herrn zum Manne. Damit könnte ich gemeint sein. Ob ich unter ihre Flügel krieche?« 29

»Eine Krugwirtin – heiraten –!«

»Halt die Luft an, Junge! Bist du vierzig Jahre durch's Leben zigeunert, immer mit leeren Taschen, immer mit unterernährtem leeren Gehirn? Und was hatte ich für Platz in der Tasche, was für Platz im Schädel! Was hätt' da alles hineinkommen müssen! Wie wäre ich dann mit der Welt umgesprungen! Der Genius muß hungern –? – Blödsinn! Gefüttert muß er werden wie alle Bestien. Ich hab' mein Futter nicht gekriegt. Und so ist man denn gründlich verelendet, verschrumpft und versimpelt. Aber ist so mein Genie einfach Hungers gestorben – sanft ruhe seine Asche und der Pflicht bin ich ledig – er, der Leib, der lebet noch. Und warum soll der nicht jetzt sein Labsal haben und seine Ruhe nach vierzig Jahren Landstraße.«

»Aber – aber – aber – im Dorfkrug hier sein Leben beschließen – ! –

»Ist mein Leben nicht beschlossen?«

»Nein, nein, nein – denn du hast die Kunst.«

»Hab' ich die?« Ein Licht leuchtete auf in den schweren nächtigen Augen.

»Ja, du hast sie! Das einfache alte untrügliche Gesetz: Du hast sie, denn sie hat dich! Und sie läßt dich nicht los. Und darum – glaub' ich das alles ja gar nicht! Ich glaub' es nicht! Ich glaub' es nicht!« Er hüpfte von einem Bein auf's andere und seine Jungenaugen strahlten den Alten an.

Dem wurde es warm ums Kamisol. »Daß du so viel für mich übrig hast! Daß du diesem alten ausgepowerten Hirnkasten nun doch noch so was wie Kredit gibst!« Er ist versunken in seine innere Welt.

Dann aber taucht er wehmütig aus den Träumen auf, hinein ins harte Leben und ist hart gegen sich selbst. Und der Zyniker reckt sich auf aus der versponnenen Melancholie. »Alles recht schön und gut, mein lieber Kerl! Aber wenn du wüßtest, was ich heute wieder für ein Abendessen vorgesetzt 30 bekomme. Künstlerstolz – Rührei mit Schinken – löst sich dieses Problem für geschlagene Leute meines Schlages nicht ganz von selbst!«

Und wie Gust dazu aufstöhnt, gibt es ihm doch wieder einen Ruck, und erst verschämt, dann stoßend und rauh bekennt er sich: »Was willst du eigentlich, Junge! Glaubst du, ich hätte hier Siedlungsgedanken nur für mich? Auch für dich hab' ich sie!«

»Wieso?«

»Auf dich kommt es an. Und du sollst nicht zurück in den Höllengestank. Du sollst nicht. Sollst hier Ozon in die Adern kriegen. Ozon und was vom Ozean – das brauchst du. Und da du ein Windhund bist, einer muß dich hier festhalten, und der eine bin ich. Und nun geh nach Haus.«

*

Gedankenvoll wanderte Gust. Hierbleiben – ja hatte er das nicht selbst schon ins Auge gefaßt? Die Worte des Alten gingen mit eigenen Wünschen seines Wegs.

Und er sann nach. Im Herbst war wieder eine Rate fällig – die letzte, leider oder auch Gott sei Dank! Für die nächsten Monate brauchte er sich nicht zu sorgen. Nicht mal als Knecht brauchte er sich zu verdingen – er war ein freier Mann und konnte singen.

Und singen wollte er – endlich einmal in Tönen sich ausschwingen lassen, was in ihm lebendig war. Hier würde es ihm gelingen.

Er liebte dieses Land. Wieder sah er aus seinem Giebelfenster, wie dort hinter dem Buchengehölz auf der Uferhöhe die Sonne versank. Ihre Feuer harften durch die Stämme und zogen Flammenstreifen über die violetten Wasser, Boote mit rostbraunen Segeln glitten tönend durch Schatten und Licht. Wie melodisch das alles lebte! 31

Er dachte all der klingenden Bilder, die das Ufer ihm schenkte, – dachte, wie das Mondlicht die Wellen meistert, und an die Zwiesprache zwischen Meer und Sternen.

Und wie er sich auf die Herbststürme freute! Ja, auf die Herbststürme – denn nun war es beschlossen, daß er blieb.

Immer freundschaftlicher gedachte er auch der Bewohner dieses Gestades; selbst die, die ihm fremd waren, peinlich oder unangenehm, rückte er sich in ein anderes Licht.

Da gingen die beiden Klobandjungen auf ihr Haus zu. Man mochte gegen sie sagen, was man wollte – hatten sie nicht ihre Linie? War das nicht Kraft, Haltung, Charakter – und was gibt es Besseres! Und in ihrem klobigen Schreiten, so ungefüge es schien – war darin nicht ein besonderer wiegender Rhythmus? Nur die Augen offen halten – und das Ohr! – –

Gust Bötefüer setzt sich auf die Hausbank zu Peter Willich. Ein Stern, ein einziger an dem noch dämmerungsmatten Himmel, tief im Süden über dem Horizont.

»Der Mars,« gibt Vater Willich zu wissen.

»Ist das nun was mit den Kanälen oder nicht?« fragt Gust den Kundigen. »Leben da nun Wesen ähnlich wie wir?«

Auf dem Gesicht des Alten liegt der Kummer der Wissenschaft.

»Das is ümmer noch nicht 'raus,« antwortet er sorgenvoll. »Ob da die nötige Luft is zum Atmen oder nich. Neuerdings wollen sie auf dem Mars Schneelager entdeckt haben. Dann hat es seine Richtigkeit mit der Atmosphäre, dann kann man da leben. Aber da haben wir nu wieder das Spektroskop, und das weist nu nach, daß da nich genug Wasserdampf is fürs Luftholen. Un danach is es wieder nicks mit den Lebewesen. Ja, so is es nu leider.«

Damit, so erklärt Gust entschlossen, bekomme die ganze Weltenordnung ein anderes Gesicht! Dann seien die Erdbewohner, die Menschen vielleicht doch die einzigen Lebewesen 32 im Kosmos und die Erde sei und bleibe der Mittelpunkt der Welt. Dann dürfe man auch nicht mehr lächeln über das bischen Menschenleid und das bischen Menschenerlösung und über den kleinen Christus, der bloß für die Erde sich opferte! Dann ist Gott wirklich der Menschengott und der Mensch, der Erdenmensch Gottes Ebenbild!

Stolzer, gehobener von Lebenswert und eigener Schöpferkraft blickt Gust zum Himmel auf, an dem der Abend jetzt Stern um Stern heraufführt, der Erde zum Dienst, den Menschen zur Freude. Ein Reigen ihren Augen, eine Musik ihrem Ohr.

Auf die Banklehne legt er die gereckten Arme und atmet tief. Und es ist ein Tönen in ihm.

Dann sinkt er zurück, in die Dinge um ihn, wird hausbacken und nachbarlich und hat seinen Scherz. Jetzt weiß ich auch, woher die Klobands ihr Selbstgefühl beziehen, denkt er schmunzelnd – auch Alice, sein Klaviersäugling, die nicht das wenigste davon abbekommen hat.

Morgen wird er ihr die Etude bringen. Wird sie diese Gabe würdigen?

Sie hat sie gewürdigt. Als Gust ihr am andern Vormittag die geschriebenen Noten bringt, nimmt sie sie erst gedankenlos in die Hand. Dann aber geht ihr ein Licht auf.

»Haben Sie das geschrieben?«

»Ja.«

»Und selbst gemacht?«

»Ja.«

»Oh. Und für mich?«

»Ja, Fräulein Alice!«

Sie blickt in die Noten mit einer eigenen Andacht, ein geistiger Glanz, ein Seelisches steigt auf in ihren Augen – ob ihr selber unbewußt, ob nur von ihm empfunden, der Stolz der gefeierten Frau.

»Wollen Sie es mir nich mal vorspielen?«

»Gern.« 33

Er setzt sich an's Instrument. Nur ein Uebungsstück ist es. Aber wie perlen die Töne! Und sie perlen um eine kleine Melodie, die sehnsüchtig ist.

»Netting!« sagt sie erwärmt. »O ist das hübsch!«

Gründlich aber ist sie schon und vorsichtig in der Verausgabung von Gefühlen. Und noch einmal forscht sie: »Und Sie haben das nich von andern abgeschrieben?«

»Wissentlich nicht.«

»Un haben an mich dabei gedacht?«

»Gewiß!«

Jetzt darf sie ihre Gefühle sich zu Kopf steigen lassen. Und das tut ihr wohl.

Dicht tritt sie vor Gust hin und nimmt seine beiden Hände.

Und der – sind die Sterne dran schuld und daß er sich gestern so vollgetrunken hat von irdischem Kraftgefühl – er zieht sie an sich und mit stoßenden Lippen gibt er ihr einen Kuß.

Wie ein Schreck lähmt es sie, und dann zucken ihre Glieder in Wellen. Ihr Rücken krümmt sich – sie sträubt sich von ihm und zu ihm und wieder von ihm –

Da fragt er zagend – »bist du böse?«

»Nein! Nein!« und sie preßt ihm die Worte ins Ohr in halb verschämter, halb dreist lachender Glut: »Klavierstunde – und nicht küssen – dat wier noch beder!«

Er lacht zurück und sein Mund nimmt ihre Lippen. Und sie lehren sich, die beiden, in gemeinsamem Unterricht, mit versunkenen Augen, was küssen heißt.

*

Für Gust Bötefüer gab es eine selige Sommerzeit – voll Zärtlichkeiten und in diese lächelnde Heimlichkeit geborgen. Ein Glück, das die andern auslachen durfte aus Herzensgrund – all die Dummen, die nichts wußten und nichts ahnten. Ein vergnügter Schalk war sein Glück und schuf sich immer neue Schelmenspiele. 34

Freilich, für solche mehr spirituellen Regungen war Lietze weniger zu haben. Und auch da, wo er in der Musik als Lehrer versuchte, sie allmählich für feinere Genüsse zu werben, weigerte sie ihm die Gefolgschaft. Sie lobte sich nun mal die Freuden eines derben, knalligen Ohrenschmauses.

Aber noch fand er sich fröhlich damit ab, das gehörte zu ihr, so mußte sie sein – sie konnte, sie durfte ja gar nicht anders. Was verlangte er denn alles von ihr! Wer aus der weiten Welt kann so küssen wie sie – in so durstig dummeligem Trinken?

Gust Bötefüer fühlt sich. Er ist jetzt hier verankert, sein Heimrecht hat er hier.

Er holte sein Plattdeutsch hervor, sprach mit den Fischern, von Sachkunde ganz unbeschwert und um so munterer, über Navigation und Heringsfang, legte sich aufs Priemen und spuckte bogenweis ins Gelände.

Er hatte als Junge auf Fluß und Haff mit Segeln hantiert und kam sich selber annähernd seebefahren vor.

Peter Willich mußte ihn zum Fischen mit hinausnehmen. Der hatte mit dem Steuern und der Segelführung zu tun, sein Bootsgenosse, der lange trockene Kieljast, war beileibe kein Redner – kein Erdensohn konnte sich rühmen, je einen zusammenhängenden Satz aus seinem Munde vernommen zu haben; wenn er je das Gehege der starken braunen Zähne auftat, biß er mit ihnen ein paar Substantive ab. So konnte Gust ungeschmälert das große Wort führen.

Er faßte auch mit an, als die Segel umgelegt, als die Netze aufgenommen wurden und kam sich tüchtig vor. Pries den Beruf des Fischers in allen Tönen als frei und stolz, als mutvoll und männerwürdig.

Da er an Land ging, schritt er gewaltig, wiegte sich in den Hüftknochen – Vorbild wogendes Meer – und näherte sich dem Kloband'schen Rhythmus. 35

Was hatte sein Freund Bastian gesagt? Landarbeiter? Dummes Zeug! Seearbeiter, das ist für ihn das Wahre! Fischer! Auf dem Wasser leben und schaffen! Ist das Wasser nicht das Leben selbst, die Seele alles Gewordenen? Hat nicht das Wasser erst das Land geboren? Und sind in dem Wasser nicht alle Kräfte, alle Töne, alle Melodien? Gibt es für ihn, gerade für ihn, die Knochen zu rühren, die Muskeln zu kräftigen, sich auszuatmen und innerlich zu reinigen, ein anderes Arbeitsfeld als die See?

Fischer und Tonkünstler – Tonkünstler und Fischer – was auf Erden ergänzt sich dermaßen, gehört so natürlich zusammen, befruchtet sich und hilft sich gegenseitig wie dies beides?

Und dann der Junge, der verliebte Junge, der er ist – was spinnt sein lachendes Herz für törichtschillernde Zukunftspläne. Wenn er dann Berufsfischer geworden – Fischen ist hierzulande ein einträgliches Geschäft. Unabhängig sein – erlöst von dem Spielenmüssen – in diesen kleinen Bierorchestern, die Einen mit ihrer rührenden Hilflosigkeit entwaffnen und der Apathie überliefern – in diesen falschen »Künstlerkapellen« der Kaffeekaschemmen, der fürnehmen, die gerade deshalb die üblen sind, Künstlerkapellen, für die es keine Kunst gibt, die nicht Schmalz ist, und die Einem mit solcher Schmiere das Gewissen verkleben.

Er schüttelte sich und schritt weiter im Klobandtakt.

Sturmtage kamen. Himmel und Erde und See brüllten um die Wette und wollten sich zu dem großen Urbrei zusammenrühren. O, die unsäglichen Akkorde!

Gust irrte und flatterte herum zwischen den Elementen, jauchzte in den Tönen und freute sich, wenn Ohren und Haare sich ihm sträubten in dem Graus.

Dann, in der Nacht, war der Sturm wie weggeweht. Aber am Morgen ging die See noch höher, als hätte sie nun allein das Wort. Und den kümmerlichen Zweibeinern, die da am 36 Strande herumstakten, nach den Reusen hinausblickten, ob sie noch ständen, und überlegten, wann sie wohl durch die Brandung hindurchkönnten, bölkte sie ins Ohr: kommt ihr mir man aufs Wasser, ihr Jammergestelle – kommt ihr mir!

Am Nachmittag aber wagten sie's doch. Und die Klobandjungen waren unter den Ersten.

Auch der Wind hatte sich wieder eingefunden, aus Osten kam er, frisch, aber gemäßigt, und die Fischer begrüßten ihn, denn nun konnten sie die Segel brauchen.

Gust wanderte durch die Dünen, berauscht von der kochenden See. Er sah die Klobandbrut, Korl und Emil, das Boot fertig machen. Da ging er zu ihnen.

Es war längst keine Vertraulichkeit zwischen ihm und den Enaksöhnen. Doch waren die beiden Teile allmählich über den Abstand, den sie zuerst vor einander gewahrt, vorsichtig, argwöhnisch wie wildfremde Völkerschaften, und über gegenseitige Mißachtung hinweggekommen und hatten sich in letzter Zeit nicht unfreundlich berochen.

Korl, der Aeltere und Bedachtsamere, war sogar der anfangs verhöhnten Kunstübung seiner Schwester nähergerückt, fand sich dann und wann in der gnädigen Stimmung, ihr zuzuhören, bestätigte mit seinem runden, kurzgeschorenen Schädel den Takt, kniff in der Höhe des Gefühls auch das zweite Auge zu – das erste, von einer Segelstange getroffen, lag immer dreiviertel unter Dach – und reckte sich so wohlig aus, daß die langen Beine durchs ganze Zimmer wuchsen.

Emil freilich, ungestümer, rauher, heftiger, blieb von Musik, die nicht das Trommelfell einschlug, unberührt, und sein Gemüt erlag keinem Zauber. Doch galt ihm der Musikant nach und nach als ein unschuldiges Tier, und er tat ihm nichts zuleide.

Sie wuchteten und schoben das Boot zum Wasser hin, warfen die Heringsnetze hinein, wollten das Fahrzeug der See überantworten.

Gust stand bei ihnen. »Kann ick nich mitführen?« 37

Sie sahen ihn kaum, sie hörten ihn kaum. Korl zog sich die Seestiefel höher, das Boot vom Land aus festen Fußes durch die ersten Brecher zu geleiten, Emil machte für sich den Platz auf der Ruderbank frei.

Aber soviel Selbstgefühl und Menschenkenntnis hatte Gust Bötefüer denn doch, daß er sich von dieser maritimen, schalentierartigen Schweigsamkeit nicht verblüffen ließ.

Keine Antwort heißt, ja – und als Emil ins Boot springt, klettert er ihm nach. Das Wasser ist ihm über die Füße gegangen, die Stiefel saugen wie die Schwämme – wer achtet auf so was!

Er weiß, worauf es ankommt, nimmt den zweiten Riemen und rudert mit – rudern hatte er als Junge gelernt – kräftig und sachgemäß. Ein schräger, prüfender Seitenblick aus den grauen, harten Augen Emils – dann wischt der ihn nicht von der Bank, wozu er erst Miene gemacht hat, und läßt ihn gewähren.

Schwer stößt das Boot und schlägt sich mit der Brandung, schüttelt sich und stöhnt. Die wütenden Pranken schlagen ihm die Wellen in Schnauze und Rippen. Es bäumt sich und stöhnt und stößt und würgt und beißt sich hinein in die Hunde, die es in Stücke reißen wollen.

Korl, der Gewaltige, gibt ihm die Kraft seines letzten Stoßes, wirft sich jetzt auch hinein, greift den dritten Riemen, bohrt ihn in den Sand und schiebt mit ihm, übermächtig, daß die Planken in dem Druck und Schwall sich biegen.

Sturzseen brechen über sie ein – die Fischer sind durch Oelzeug geschützt, Gust wird nun ganz und gar ein Schwamm; er schüttelt sich, aber noch denkt er forsch und fröhlich, es geht in einem hin.

Eine ganze Weile stampft und steigt das Boot auf einem Fleck, wie von riesigen Polypenarmen gehalten – dann gibt es einen unbändigen Ruck – die Arme reißen – vorwärts fliegt es – zerbricht den nächsten Wellenhunden die Kiefern – 38 Korl rudert jetzt mit und steuert zugleich – immer den zähnefletschenden Bestien gerade in den Rachen.

Und jetzt liegt das Schlimmste hinter ihnen. Wenn sie nun die Segel hoch haben, ist das Boot frei und Herr über die See.

Gust ist anstellig. Er kriecht nach vorn, den Klüver zu bedienen. Die Segel steigen, sind fest, der Wind legt sich hinein, das Boot hat seine Fahrt, sein Leben und kümmert sich jetzt noch den Teufel um die Meute.

Gust verschnauft sich. Er darf mit sich zufrieden sein, er hat seinen Mann gestanden. Er ist nicht mehr Luft für die beiden, sie sehen nicht mehr über ihn hinweg, das eine Auge von Korl hat ihm sogar zugeblinzelt. Vorläufig gibt es nichts für ihn zu tun. Heillos naß ist er geworden, eimervoll ist es ihm über Kopf und Hals in den Kragen geschüttet und aus den Hosen hinausgelaufen. Und daß er nicht trocken wird, dafür sorgen die Spritzer, die ihm immer wieder um Nase und Ohren klatschen. Es friert ihn. Der Ost ist steif geworden und bläst ihm bis ins Mark. Die See geht hoch, der tagelange Sturm wuchtet noch in ihr nach.

Hätte er nur Arbeit gehabt. Dies Stillsitzen in der Nässe! Die Beiden haben es gut, sind danach angezogen und haben zu tun. Der eine, Korl, sitzt am Steuer, der andere, der die Segel zu versorgen hat, beschäftigt sich in der Zwischenzeit mit den Netzen.

Zu dem könnte man hinrücken – und mit ihm plaudern – wenn es bloß der Emil nicht wäre – mit diesen kalten, stechenden Augen – und plaudern – mit den Klobandmännern plaudern! – –

Lietze – wenn seine Lietze ihn so sähe! Ganz gewiß würde ihr das gefallen. Daß er hierher gehört, daß er auf See zu gebrauchen ist, er glaubt, denn doch einen kleinen Beweis dafür beigebracht zu haben. Das tut wohl – und so was kann er brauchen. 39

Lietze – dich hier haben – mich an dir wärmen – Wärme ist, was mir not tut! – –

Nun macht er doch die Bewegung zu Emil hin – der doch immer ihr Bruder ist – und sind sie jetzt nicht zusammen gewesen bei einer Arbeit, die Männer verlangt, und hat er ihnen nicht immerhin geholfen – er will ja nicht viel, nur die Regung eines leisen, losen Miteinander –

Emil blickt auf – immer dasselbe in den Augen – dies Niederträchtig-Kalte und Gleichgültige – das schlimmer ist als Feindschaft und Haß.

Wie es ihn friert. In den Adern sticht es, wie von Eisnadeln. Uebel wird ihm zu Mut. Er muß schlucken und würgen.

Und wie das Boot mit einemmale rollt. Kopfüber wirft es ihn, kopfunter.

Hat er den Kopf nicht zwischen den Knien? Ist die Welt nicht umgekehrt? Oder ist das die Achsendrehung der Erde, fragt sein Galgenhumor.

Und alles kreist nun wieder um ihn her. Was saust ihm so in den Ohren? Wie ein Wirbelsturm fegt es herum in seinen Schädelwänden. Die Glieder klappern vor Frost, und im Gehirn glüht es und brandet und siedet, auf der Stirne tropft ihm der Schweiß.

Warum taumelt die Welt nur so? Was ist oben, was ist unten? Was wühlt ihm so im Gekröse? Was würgt ihm so im Schlund?

Seekrank – entsetzt von solcher Schmach fährt er in die Höhe – er – nein – er ist seefest – immer gewesen – er wird nicht seekrank – das ist nur die Kälte – wenn er nur einen Schnaps hätte – o – ja – schon der Gedanke hilft ihm wieder auf die Beine – das wäre noch besser – er – und hier vor den Klobands –

Nein – nein – ich will nicht – ich – –

Da wirft es ihn schon an den Rand, und über Bord hängt sein Kopf, und er spuckt – unergründlich – spuckt sich und seine Seele ins Meer. Und liegt ohne Leben. 40

Emil hat es bemerkt. Dafür gibt es beim Seemann nur ein Achselzucken. Wer die See nicht verträgt, soll an Land bleiben. Auf einen fragenden Blick aus Korls Auge deutet er, ohne sich weiter umzusehen, mit dem Daumen hinter sich.

Korl aber hat eine Art Mitleid mit diesem zusammengesunkenen Bündel Kümmernis. Er wirft dem Bruder ein aufgerolltes Tau zu. »Leg em dat unner'n Kopp.« Der tut's und verstaut dabei den Regungslosen so, daß er beim Segelumlegen und Netzeaussetzen nicht stört. Dann kümmert sich keiner weiter um ihn.

Als sie nach getaner Arbeit dem Lande sich wieder nähern – es ist wie eine Heilwirkung der Mutter Erde – wird es langsam besser mit ihm. Er hat den Kopf gehoben, die Glieder gerührt, und als es zum Landen geht, als es die immer noch bösartige Brandung zu überwinden gilt, da ist er wieder nach seiner Art auf dem Posten. Hilft dann auch das Boot bergen und auf den Strand ziehen – doch dies alles unter dem dumpfen Druck seines jämmerlichen Zustandes, des zertrümmerten Stolzes und Selbstvertrauens, geschieht gezwungen, gewaltsam, wie aufgepeitscht.

So tun, als ob nichts gewesen wäre – gar nichts – höchstens eine scherzhafte Episode!

Dann aber wird ihm selbst solche Komödie zuwider, und er bekennt sich, wenn auch mit Schonung: »Es hatte mich doch gehörig beim Kragen.«

»Das richtige war das ja nun eigentlich nicht,« sagt er dann zum Abschied. »Für diesmal noch nicht,« fügt er hinzu und läßt sich eine Zukunft.

Emil hüllt sich in schweigsame Geringschätzung. Korl aber ist trostreicher gesinnt, und er meint, an breitem Behagen kauend: »Na – ick kann jo ook nich Musik maken.«

*

41 Gust eilt auf Umwegen heim, zieht sich trocken an, beschwichtigt den Schreck der sorgenden Frau Agathe und ist pünktlich zum Nachmittagskonzert im Pavillon.

Hundeelend ist ihm zu Mut, aber er hält tapfer aus. Er wird nicht wieder seekrank, trotz des Programms, das er heute herunterfiedeln muß. Seine Widerstandsfähigkeit flößt ihm Achtung ein. Und er gewinnt einen Teil seines Selbstgefühls zurück.

Der weitere Nachmittag stellt noch besondere Anforderungen an ihn. Frau Regine Kloband, die Mutter seiner Lietze, feiert ihren Geburtstag. Ihm die Weihe zu geben, soll die Klavierschülerin zum ersten Male in weiterem Kreise vorspielen.

Lietzing ist nicht nur für größere Aufmachung, sie ist auch für größere Sicherheit und hat ihre Taktik. Weshalb auf ihren Wunsch ein vierhändiges Stück gewählt ist, vorzutragen von ihr und ihrem Lehrer zugleich.

Gust traf die Gesellschaft versammelt an. Drei Gäste waren da außer den Familienmitgliedern. Frau Agathe Drews, die gütige, sanfte – Peter Willich, der die ehrliche Feindschaft des Nachbarhauses vertrat, hatte erklärt, daß es ja sonst zwischen den Klobands und den Sternen nicht viel Aehnlichkeit gäbe, daß er aber auch jene am liebsten durch's Fernrohr sich betrachtete, und war daheim geblieben – Agathe aber hatte sich den Pflichten der Verwandtschaft, so weitläufig sie sein mochte, nicht entziehen können. Und eine andere Kusine, Frau Henriette Kluck, die Krugwirtin, hatte sich gar ihren Kavalier mitgebracht, und dieser Kavalier war Bastian Wamp.

Sie fühlte sich nicht wenig in solcher Musikbegleitung; daß ein Künstler ihr seine Huldigung darbrachte, ein »hochfeiner Mann«, das hob sie gewaltig. Der kleine spitze, von spärlichem Haar bedeckte Kopf, der sonst wie verlassen und verloren auf der Fleischfülle ihres Oberkörpers saß, drehte 42 sich in beweglichstem Stolze. In den kleinen, von den hohen Backenknochen arg bedrängten Aeuglein waren Blinkfeuer entzündet. Sie hatte ihr Seidenes angetan und trug eine goldene Kette.

Mutter Kloband stand an ihrem mit Geschenken überladenen Geburtstagstisch, wie Gust eintrat, und zeigte dem Glückwünschenden mit kindlicher Freude ihre Schätze. Als mächtige Garde nahmen Vater Kloband und seine beiden Söhne den Hintergrund ein.

Jetzt gebot Alice, die Veranstalterin des festlichen Teiles dieses Feiertages, Stillschweigen, sie reichte Gust die Hand – er sah blaß aus nach der Seefahrt und edel und vornehm in seiner Blässe, so daß ein verliebter Seitenblick ihn abtastete – und das Paar schritt zum Klavier.

Die Hörer setzten sich. Mühselig brachten die drei Kolosse in dem Zimmer ihre langgestreckten Beine unter, zwischen diesen Schlagbäumen suchten die anderen sich bedachtsam ihren Unterschlupf.

Und nun schauert die Andacht durch den Raum, die Welt hält den Atem an, Alice spielt.

Gar nicht verlegen sitzt sie da, ohne eine Spur von Kulissenfieber, ganz Selbstgefühl und Wichtigkeit. Sie blickt nur selten auf die Noten, sie zeigt das durch ihre Haltung, unterstreicht und betont es, daß sie alles auswendig weiß. Hoch hält sie die Nase, triumphierend blickt sie im Kreise sich um – niemals mit so verblüffender Sieghaftigkeit, als wenn sie, was ihr mehrmals passiert, ganz heftig daneben haut.

Und nun ist das Werk vollendet, dem Hause Kloband ist sein Ereignis bereitet.

Vater Kloband brach den Bann. Er machte die Knie krumm, erhob sich, stellte sich steil und ragte wie ein Turm bis zur Decke. Und der Turm bebte und wie Orgelklang brauste es: »Na Tanten Drews – wat seggste nu?« 43 Agathes Wort galt hier am meisten. Die guten Augen unter dem weißen Scheitel spendeten Lob und der Mund sprach: »Ja uns Lietzing! Ne düchtige Diern.«

Nachdem die maßgebende Kritik so gesprochen hatte, durfte Alice von ihrem Ruhm etwas abgeben.

»Wenn man aber auch so'n Lehrer hat!« erklärte sie und lenkte aller Augen auf Gust.

Verteufelt war dem zu Mute. Der Familiendunst legte sich ihm auf die Sinne, in denen immer noch die Seekrankheit zupfte und zuckte. Und dann – seine Kleine – nie hatte sie so miserabel gespielt wie heute, wenn schon auch sonst kein Staat mit ihr zu machen war. Nie hatte sie so seelenverlassen drauf losgetrommelt.

Was tat er hier, was sollte er hier unter diesen Walrössern!

Und sein alter Bastian Wamp, wie er dasaß, neben seiner Klucke, keuchend und verzweifelt, er, den das Fett in Banden schlug.

Was hockten sie hier, sie beide! Ausbrechen – ausbrechen mit fröhlichem Flügelschlag!

Aber schon klang eine zärtliche Schelmerei der Kleinen, die ihn noch weiter lobte, an sein Ohr und betörte ihn: »So 'ne Hand wie er hat aber auch keiner!«

Jetzt kam auch in ihm die Schalkhaftigkeit oben auf. Ihr Dummen, wie ihr dasitzt, einer neben dem andern! Und wißt von nichts! Und ahnt nichts, daß ich sie streicheln darf und daß sie mein Eigen ist.

Schon aber hatte des Hauses Gebieter sich feierlich zurechtgerückt, er legte dem Mädel die Hand auf die Schulter und mit unbändigem Hochgefühl verkündete er: »Mien Lietze! Mien Diern!« Doch jetzt kam die Nutzanwendung und es erfüllte sich des Tages Weihe. Jakob Kloband hielt seine Rede.

»Wenn ich »mien Diern« sage – 'n büschen hat ja uns Mudding auch dabei getan. Die nu heut ihren Geburtstag 44 feiert. Die ümmer fründlich is und keinem was zuleide tut. Ja. Un wenn sie auch 'n büschen stilling is un 'n büschen simpel – na, dafür bin ich ja da! Und darum sage ich, sie als unser Geburtstagskind, sie soll leben – vivat hoch!«

Die beiden Enakssöhne hatten inzwischen die Gläser, die auf einem Wandtische standen, mit dampfender Flüssigkeit gefüllt. Jeder nahm sich ein Glas, und alle stießen sie an.

Frau Regine hob das liebe dummelige mummelige Gesicht bewundernd zu ihrem Jöbbe empor und schmachtete ihn an: »Reden hüer ick di gor un gor to giern.«

Jakob Kloband aber hob beschwichtigend die Hand: »Was würst du erst sagen, wenn du eine Gemeinderatssitzung von uns beigewohnt hättst!«

Bastian Wamp aber, der in verzweifelter Ergebenheit alles, aber auch alles hatte über sich ergehen lassen, hatte mit der Nase Lebensstärkung aus dem dampfenden Getränk gesogen, und da er getrunken, sprach er quick: »Ein wonnesames, ein schlagrührend schönes Land! Im Augustmond, gleich hinter dem Nachmittagskaffee trinkt man Grog!« Und wißbegierig wandte er sich an Jakob: »Sagen Sie mal, was trinken Sie denn da im Winter?«

»Veel Grog.«

»Gott soll Euch segnen.«

Der ermunterte Bastian befreite auch Gust aus seiner schmerzlichen Verstörtheit. Warum die Welt, die Umwelt, die lieben Leute hier so bitter ernst nehmen! Sie sind wie sie sind, und vor allem – den geistigen Hochmutsteufel soll er doch mal zu Hause lassen! Ist bei ihnen nicht Gesundheit, Ursprünglichkeit, all das, was er sucht und braucht? Und haben sie die Kraft ihrer Enge – es ist doch Kraft!

Will er sich jetzt auf's hohe Pferd setzen! Wo er am Vormittag doch so elendiglich im Graben gelegen hat.

Seearbeiter – so ganz einfach ist die Sache offenbar nicht. Aber jetzt den Mut verlieren und zu Kreuze kriechen – 45 wieder mit Haut und Haar der Großstadt sich verschreiben – der Großstadt mit ihrem Mob und Snob! Ihm schaudert die Haut.

Und da Bastian zutunlich und interessiert mit Jöbbe vom Fischfang zu reden anfing, mischte er sich ein. Erzählte frei von der Leber, daß er heute Morgen mit hinausgefahren wäre und wie grimmig schlecht es ihm dabei ergangen.

Seine Offenherzigkeit wirkte auf Vater Kloband, den alten Seehund. Der ganz richtig herauswitterte, daß hier so was wie ermunternder Zuspruch gebraucht wurde.

»Glauben Sie, ich bün zuerst nich auch seekrank geworn? Düchdig. Wie heißt der olle Seemannsspruch?

»Wiß du di de See verfriegen,
Moest du spiegen!«

Un was hab ich gespieen! Hier as Fischerjung aus'm Kahn, un denn bei der Marine auf'm Torpedoboot. Un mir ging's nich allein so. Ich hab mal auf 'ne Barkasse 'n leibhaftigen Korvettenkapitän spucken sehen. Rut mit den Trödel und stief de Uhren! Un allens muß erst gelernt werden! Klavierspielen und Seefahren auch.«

Er lachte zu dieser letzten Wendung, die ihm gefiel. Und Gust gefiel sie auch, und er lachte mit.

Ließ es sich mit Vater Kloband nicht leben? Wenn der bei der stürmischen Fahrt das Boot geführt hätte, ob es ihm da nicht besser gegangen wäre? So wahr es seelische Kräfte gibt, die nun allerdings zwischen ihm und den bösen Brüdern nicht walteten. Hier war ein Widerstand, ein Argwohn, ein Feindliches in seiner Art – aber sollte sich das schließlich nicht auch überwinden lassen? Wenn er nur mit dem Alten sich stand und verstand.

Mißtrauisch waren die ungeschlachten Gesellen. Er hatte mit der Musik ein fremdes Element ins Haus gebracht. Eifersüchtig waren sie auf seine Macht und Wirkung. Gerade weil 46 auch sie sich ihr nicht entziehen konnten. Es war ganz spaßig zu beobachten, wie bei Korl das schwere Augenlid zu jedem Tonstück treulich im Takt zuckte. Und ein Neid auf die Schwester, die verwöhnte, des Vaters Liebling kam hinzu. Aber auch hier muß und wird er es zwingen, auch diese Kloben wird er kleinkriegen!

Und doch kommt urplötzlich wieder das graue Elend über ihn. Ist es wirklich für ihn das Richtige, sich hier festzulegen und seine Kunst der heftigen Wasserkur zu unterziehen? Bastian rät dazu – du lieber Gott, wie hockt dieser Adler hier an der Seite seiner Erkorenen, dieses trantriefenden Pinguins! Und wieder steigt es ihm in die Kehle – übel, übel, übel diese Umwelt.

Und jetzt hört er wieder die Stimme des Alten durch den Raum orgeln: »Ja Kinnings un Lüer – wenn es nu nach mir ging, denn blieben wir ja den Abend gemütlich zusammen bei Grog un Tanz un Musik. Mudding, wir haben noch auf jeden von deine Geburtstage getanzt.«

Mudding nickt bestätigend dazu.

»Aberst heut Abend wist du ja nu partu in Kino!«

»Ja.« Und die alten Putenaugen blinzeln. »Kino mag ick gor un gor to giern.«

In Jöbbe, dem Patron aller Künste, strahlt die Genugtuung auf. Doch gibt es noch ein Bedenken. »Heut is da nu grad so 'ne bannig blutwürstige un grugelige Geschicht –«

Aber die alte Truthenne sträubt in fröhlichem Grauen ihr Gefieder: »Ja, so wat grugeliges mag ick gor un gor to giern.«

Vater Kloband schlägt die Pranken zusammen. »Good denn. Aberst meinen Tanz muß ich haben! So seine Muskanten as heut bei uns sünd –!«

Alice ist jetzt ganz Leben. »Also denn tanzen wir mal rum.«

Tanzen ist auch von den beiden Lümmeln eine Leidenschaft, auch in sie kommt Bewegung, im Handumdrehen haben sie die Möbel an die Wände gerückt. 47

Jöbbe aber gibt den Landfremden seine gütige Belehrung: »Mehr as hier un besser as hier, kann ich Ihnen sagen, wird in ganzen europäischen Kontinent nich getanzt. Die ältesten Beine fangen hier an zu zappeln. Dies is dreist die tanzlustige Ecke von der Erde.«

Und nun warten die Augen auf den Spieler. Bastian winkt ab. »Dafür ist Gust der Mann. Bei mir schlaft ihr ein. Er fantasiert euch in eine wirbelnde Welt.«

Gust aber, mit dem zerrissenen Gemüt und dem immer noch wehen Eingeweide, er windet sich schmerzhaft, und seine Kleine springt ihm bei.

»Herr Bötefüer muß tanzen.«

Aber auch das ist nicht seine Sehnsucht. »Tanzen – ich tanze zu schlecht« – er blickt sich nach einem Schlupfloch um, er möchte hinaus, auf die Haide, in die Dünen, an die See.

Da wittert Lietzing seine Ausreißergedanken, entschlossen nimmt sie seine Hand: »Dann müssen Sie spielen!« Und nun hilft ihm kein Gott.

Grimmig setzt er sich an die Tasten und haut seine Verzweiflung hinein. Dann aber lockt es ihn, all die Knochen hier zu rütteln, die Glieder zu schütteln, die Sinne zu knütteln und zu bütteln, durch seine Töne.

Und nun mit dem Raffinement einer Bosheit beginnt er sacht und schmeichelnd – die Paare drehen sich, Jöbbe und Regine, Korl und Agathe, Emil mit Lietze und auch Bastian muß daran glauben, das Rundstück Henriette läßt nicht locker.

Alle folgen sie ihm – alle müssen ihm gehorchen, auch die beiden ihm feindlichen Brüder sind ihm untertan – und immer mehr juckt ihn der kleine Dämon.

An dem Bewußtsein seiner Macht, an dem Willen, zu zwingen wächst seine Kraft – und an seiner Kraft wieder seine Herrschbegier – und nun schwingt er die Geißel – und peitscht sie in immer schnellere Wirbel.

Sie haben genug – sie möchten nicht mehr – sie müssen. 48

Bis denn doch Bastians Asthma den Bann durchbricht. Er sinkt auf's Sofa – »verdammter Kerl!« – so löst er auch die anderen aus des Reigens Zauberkreis, und erschöpft taumelt alles auf Stuhl und Bank.

Und jetzt keucht auch Vater Kloband seinen lustigen Grimm heraus: »Dunnerlüchting – steht der mit einem um! Nich ut de Finger lät he eenen! Heiliges Pust und Kanonenrohr! Mudding« – er fächelt mit der mächtigen geblümten Nasenfahne seiner Regine – »du büst ok noch nich wedder to Huus. Hät de Bengel uns in de Welt rümjagd!«

Und jetzt stürzt sich auf Gust sein zorniger Dank. »Was sünd Sie für'n Kerl! 'n Rottenfänger! Un blaß, as wären Sie mit die höllischen Mächte in Bund!«

Auch Gust hat sich erschöpft in einer Ecke seinen Ruheplatz gesucht. Jetzt tritt Bastian zu ihm. »Junge, so hast du noch nie gespielt.«

»Was glaubst du, wie es in mir selber rumort hat.«

»Das ist es ja. Rumoren soll es in dir – katastrophal soll es in dir rumoren – Widerstreite, Konflikte, Peripetieen – so was wird gebraucht! Du kennst es doch, das alte Wort, daß man nur schmerzgequält, nur in Wut, Zorn und wildem Ungestüm den Himmel stürmt! Das Große sollst du wollen! Herrgott, wenn du so aufsteigst! Ich selbst will dabei sein – mir selbst macht dann das Leben wieder Spaß! Ich selbst hab eine Zukunft! In dir, Junge, in dir!«

Aber schon ist die Gegenwart an seiner Seite. Frau Kluck, noch mit wogendem Speck, wallt in seine nächste Nähe. »Kommen Sie mit mir nach Hause, Herr Wamp? Das Abendbrot steht auf'n Tisch.«

Und Bastian gleitet hinab, die Erde hat ihn wieder. »Ja, ja, ich gehe mit.« Heiser und dumpf liefert er sich der strotzenden Notwendigkeit aus.

»Künstlerstolz vor Rührei mit Schinken«, schauert es Gust durch den Sinn und schwer geht es um in seinem Gemüt. 49

Regine aber besteht auf ihrem Schein, sie will an dem blutigen Kinoknochen sich gütlich tun. So macht auch die Familie sich zum Gehen bereit.

»Kumm Lietzing,« mahnt der Vater die Säumende. Sie aber macht keine Anstalten. »Na, wistu nich mit?«

Da erklärt sie schlankweg: »Nee, Vadding. Ick bün hüt nahmiddag üm mien Klavierstunn kamen. Die wollen wir nachholen – nich so, Herr Bötefüer?«

Gust begreift und gibt mit Brustton sein »ja!« darein. Hier ist das, was bleibt, das Echte, das Wahre, hier ist das, was beglückt. Er ist jung – und voll Glut ist sein Mädchen.

Die andern sind fort. Alice schließt die Fensterläden.

»Hilf mir doch!« haucht sie. Und zärtlich legt sich in seine Ohren eines Volkslieds verliebte Weise, die sie in den Abend summt:

»Gust mach du die Fensterläden zu,
ich hab ja nich so lange lange Finger as wie du – –«

*

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