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Das Riesenspielzeug

Max Dreyer: Das Riesenspielzeug - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDas Riesenspielzeug
authorMax Dreyer
year1923
firstpub1923
publisherMosaik Verlag
addressBerlin
titleDas Riesenspielzeug
pages93
created20170226
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Hinter der Düne stehen zwei Häuser, ein größeres, ein kleineres, sich ähnlich wie Geschwister, die letzten des Dorfs. Die ersten vielmehr, denn keines sonst hat sich so mutig wie diese beiden an die See herangetraut.

So stehen sie als Wärter und Wächter, lauernd und achtsam, ihre struppigen Strohköpfe lugen über den hohen Kamm hinaus auf das Meer. Dabei werfen sie sich selber aus den verschmitzten kleinen Fensteraugen ihrer Giebel zwinkernde Seitenblicke zu, denn sie kennen einander gut aus der langen Zeit ihres Lebens, mancherlei ist zwischen ihnen geschehen, und keines traut dem andern so recht über den Weg.

Gut, daß dieser Weg breit genug ist, gut, daß ein beträchtlicher Streif von Haide und Weideland zwischen ihnen sich reckt.

Unter dem größeren Strohdach haust der Fischer Jakob Kloband.

Dieser Jakob hatte zwei Söhne – nur zwei, aber sie sind danach; sie haben von ihrem Vater das Gebäude, und ihre Knochen hätten es mit Ruben, Simeon, Levi, Juda – ob dieser gleich ein junger Löwe war – hätten es mit dem ganzen Dutzend der andern Jakobssöhne getrost und gottesfürchtig aufgenommen.

Neben diesen beiden, nach dem Vater zugeschnittenen Schlagetots ist aber in dem Klobandschen Fischerhause noch ein Zarteres aufgewachsen, eine Tochter, die der weichen und rundlichen Mutter nachartet. 6

Alice – sprich Alietze – ist jenen Knochenmenschen gegenüber das geistige Element in der Familie und offenbar zu Höherem geboren. Dies zeigt schon, daß sie allen Werbungen der jungen Fischer widerstanden und ihre erste Liebe einem braunlockigen Friseurgehilfen in dem benachbarten Badeort geschenkt hat. Neuerdings aber ist sie von der Haarkunst zur Musik abgebogen. Die Jünglinge der Kurkapelle stechen ihr in die Augen.

Und nun geschieht es, daß ihr Vater, für den Geld nach den fabelhaften Frühjahrsfängen keine Rolle spielt, sich die Wohnung neu einrichtet. Nach dem maßgebenden Wunsche seiner Damen, ob sich auch dem alten Fischerhaus das ehrliche Strohdach sträubt, im »Jugendstil« – das, wovor als Gespenst man sich längst sogar in Zentralafrika bekreuzigt, greift heute noch an die Sehnsucht und den Ehrgeiz hyperboreischer Gehirne.

»Lietzing« aber schmeichelt dem Vater ins Ohr, sie möcht »zu und zu gern« ein Klavier haben. »Dat sast du, mien Diern!« erklärt der Alte, der es sich leisten kann, mit Breite und Haltung. Und sie kriegt ihr Klavier und den Klavierlehrer, der dazu gehört, kriegt sie auch.

Gust Bötefüer ist der Lehrer.

Ueber die Haide wandert ein Mensch, in eckigem Schlenkern, ein langer Junge. Nein, das ist kein Wandern, jetzt bleibt er alle Naslang stehen und reckt die Arme und spreitet die Finger – und dann stürmt er vorwärts mit Gejohl und Gebrüll und greift in die Luft, machtvoll, und hat was gepackt und schüttelt es, schüttelt es. Bleibt plötzlich stehen wie erstarrt – die Arme fallen – und schreitet dann langsam im Takt, singt leise dazu. Und geht wie auf Wolken eine lange Wegstrecke. Nun aber ist er wieder auf der Haide und wirft sich ins Kraut, greift hinein mit beiden Händen und will die Welt an sich drücken, an sein Herz. Dreht sich dann um, wälzt sich und rollt sich auf dem Rücken wie ein Fohlen und streckt alle Viere gen Himmel. 7

Jetzt läßt er die Glieder sinken und liegt bald still und steif wie in Verzückung, und seine Augen steigen in das Blau, höher, höher. Leise fallen sie ihm zu, er träumt und schläft ein. Schläft, weiß nicht, wie lange. Bis er aufwacht mit einem fröhlichen Schreck. Und sitzt aufrecht im Gras, ein lustiger Bursch, unbekümmert, und summt vor sich hin. Eine Lerche flattert auf – er horcht ihrem Jubel zu und pfeift ihn ihr nach. Haargenau. Und die See, durch die Dünenhügel, braust ihre Akkorde her zu dem Lerchentriller. Sie stimmen – fis-Dur. Der Mann nickt. Die Welt ist richtig und darf so bleiben. Gewährend hebt er den Zeigefinger. Ist all dies noch eines vernunftbegnadeten Wesens Gehabe? Wer ist dieser Mensch? Gust Bötefüer.

In dem kleinen Musikpavillon am Strande sitzt die Kurkapelle. Streitlustig stimmen sie die Instrumente. »Was die jungen Mädchen träumen« wird den Hörern zu Gemüte geführt. Zornig dirigiert der Kapellmeister, Herr Rütebusch. Er und seine Leute verstehen sich nicht gut. Es ist wahr, er hat eine heillos bunte Kohorte unter sich – aber dafür fehlt ihm selber alles Ausgleichende, Nivellierende, Versöhnende – das Zusammenfassen und Verschmelzen. Hart und straff ist alles an ihm, nach oben stehen Schnurrbart, Brauen, Kopfhaare, und er dirigiert, wie seine Haare stehen, spitz und stachlig nach oben. Er holt nichts herauf und heraus, er schreckt bloß, so sagen sie und macht stutzig. Gefahrvoll wird es, so oft die Wut seines Ehrgeizes mit ihm durchgeht und er Wagner, Brahms, Grieg, Puccini das Wort erteilt. Hilft ihm der Konzertmeister, die Bande zusammenhalten und leiten? Das ist ein matter Weißbart, sehr still und sehr resigniert. Aber der junge neben ihm, die erste Geige? Der sieht nach etwas aus, nur daß man erst nicht so recht klug aus ihm wird. Weltenfern können die Augen sein, als ob ihn der ganze Kram hier ganz und gar nichts kümmere. Dann, wenn der Konflikt zwischen Führer und Mannschaft sich verschärft, flackert es ganz 8 schlingelhaft in seinen Blicken – so wie Straßenjungen sich freuen, wenn Hunde sich beißen. Plötzlich aber, da die Sache ganz schief zu gehen droht, zuckt und ruckt es in ihm, dem Klarinettisten nickt er zu, der ihm gegenübersitzt – dieser plinkt zurück mit seinen durch das viele Blasen hervorgequollenen, melancholischen Seehundsaugen, und die beiden Wackern ziehen gemeinsam die verfahrene Karre auf die rechte Bahn.

Wer ist's, der so rührend sieghaft violino primo spielt? Gust Bötefüer.

*

Gust hatte sein Quartier in dem kleineren der beiden Dünenhäuser, das der Witwe Drews gehörte. Deren Hausgenosse war ihr gleichfalls verwitweter Schwager, der alte Fischer Peter Willich. Das waren zwei stille Menschen, die ihre eigenen Wege gingen, vom Dasein hart angefaßt und doch nicht verbittert. Und gut anzusehen, er wie sie, beide schneeweiß, obwohl sie noch in den Sechzigern standen. Aber beileibe nicht ausgelaugt von der Lake des Lebens, gar nicht blaß, gar nicht verwaschen. Von gesunden Neigungen und Abneigungen, von Lust an der Arbeit und freudig versunken in ihre Feierstunden. Agathe Drews hatte ihre Blumen, Peter Willich hatte seine Sterne.

Peter war als Seefahrer um die ganze Welt gekommen, und in der Südsee hatte es ihn gepackt. Nicht von dem berühmten Kreuz des Südens war er so überwältigt worden – nein, da ist am südlichen Himmel so eine leere, ganz sternlose Stelle, die Amerikaner nennen sie den Kohlensack – Windstille war seit Tagen – an Bord des Dreimasters eine Stimmung, in der man mordet, andere oder sich – verdüstert lag er auf Deck, allein für sich und starrte nach oben – da trafen seine Blicke diesen furchtbar traurigen, von Gott völlig verlassenen Himmelsraum, und seine Augen wollten mit ihm ganz und gar 9 hinein in den grauenhaft unergründlichen Schlund – er mußte, wie er selbst erzählt, seine Seele aus Leibeskräften festhalten, daß sie mit ihm nicht hineinflog in dieses unentrinnbare, grausige Loch, in die Finsternis, das Nachtland der ewig Verlorenen. Und da rettete er sich mit Gewalt zu den leuchtenden Sternen, betete zu ihrem Licht und wurde ihr Gläubiger, schloß einen Herzensbund mit ihnen und suchte ihrem Wesen näher zu kommen, nach seinem Vermögen. So war er ein Sternkucker geworden, von den Klobands verlacht – aber das war ihm ein Ruhm.

Ueberflüssig zu bemerken, daß diese Freunde von Blumen und Sternen die Musik liebten.

Heute saßen sie nach schwülem Frühlingstag im Abenddämmer vor der Tür. Gust hatte ihnen Volkslieder gespielt, hatte die Weisen hier und da mit eigenen Arabesken umschlungen.

Im Osten wetterleuchtete es. Wolkengespenster zogen am Himmel. Kobolde drängten sich um die Mondsichel, hängten sich an ihre Zacken und schnitten ihr Fratzen. Da prickelte es Gust in den Fingern, er spielte ihnen die B-Dur-Caprice von Paganini.

Er war nicht mit sich zufrieden. Welcher Teufel ritt ihn, daß er an den Teufelskünsten des diabolischen Genuesers sich vergriff! Mit seinen Stümperhänden – ja, ja, Stümperhänden, trotz allem. Wenn er die Flageoletts auch in Doppelgriffen fertigbrachte, und ob sich gleich sein Pizzicato mit der Linken zur Not hören lassen konnte. Ein Stümper gegen den höllischen Meister! Und welch eine Geschmacklosigkeit, wie geist- und stilverlassen mit diesem prasselnden, knisternden, prickelnden Konzertgefunkel, das in den leuchtenden Saal gehörte, vor die diamantengeschmückten Ohren überreizter Frauen, hier die stillträumende Ostseehaide heimzusuchen – die einfachen Seelen seiner Zuhörer mit solchem Blendwerk aufzustören! Gust Bötefüer war böse auf sich selbst und nahm sich selbst sehr 10 heftig bei den Ohren für die Entgleisung seines Ehrgeizes, für die Pose seines kleinen Könnens.

In solche Verfassung geriet ihm Jakob Kloband hinein, der gerade des Weges kam und sich jetzt zu ihnen gesellte. Dem machte es nichts, daß er im Kreise dieses Hauses nicht wohl gelitten war – im Gegenteil, sein Selbstgefühl steigerte sich an allem, was ihm Widerstände bot.

»Junge, Junge,« erklärte er in ehrlicher Bewunderung des Spiels, das zu ihm herübergeklungen war, »könen Se öwer fix!«

Dann begrüßte er alle drei mit ungestörter zugreifender Tatze, sprach vom Wetter und fragte nun Gust wie nebenher, ob er nicht einen Klavierlehrer wüßte für seine Tochter.

»Nee,« antwortete Gust kurz und von oben.

Den Schulmeister wolle sie nicht, der sei ihr zu »transtäwelig.« Ob er, Gust Bötefüer, nicht könne.

Könne – vielleicht. Aber er habe nicht die geringste Lust dazu.

»Oh,« sagte Vater Kloband, und er reckte sich himmelan. »Dat sülln Se sich denn doch noch mal öwerleggen.«

Dieses infam breitspurige Wesen! Fehlte bloß noch, daß er sich an die Männerbrust schlug, auf die Herzseite, wo die platzende Brieftasche saß.

Wie aber Gust mit kränkender Verständnislosigkeit ins Weite blickte, wurde der Mann deutlicher.

Natürlich zahle er »die höchsten Preise«. Denn erstens mal könne er das, und zweitens wäre er das sich selber schuldig. Wenn er auch von Haus aus nur ein gewöhnlicher Fischer wäre, immer hätte er den Sinn für's Höhere gehabt. Und so säße er nicht bloß in der Gemeindevertretung, auch in die Badekommission hätten sie sich ihn geholt – sie wüßten warum. Und seine Stimme wäre es gewesen, die in der Frage, ob sie hier in diesem Jahr eine Badekapelle haben wollten oder nicht, den Ausschlag gegeben hätte. 11

»Und so, mein lieber Herr, verdanken Sie und Ihre Kollegens es mir, daß Sie überhaupt hier sünd.«

Dazu machte nun doch Gust Bötefüer eine tiefe Verbeugung. Die tat dem Gewaltigen wohl und gehoben verkündete er weiter: »Denn das muß mein Feind mir lassen – für die Kunst un so weiter habe ich ümmer sehr viel übrig gehabt – wat Peter Willich?«

Der nickte ihm zu, mit einem Lächeln, das toternst war: »Ich bin dein Feind und laß es dir.«

Denn Kunst un so weiter – so was veredelt den Minschen.«

Nun ist Gust denn auch ganz auf der spaßigen Seite des Lebens angelangt. Dieser machtvolle Freund und Beschützer von »Kunst und so weiter« ist ein Liebling der Götter.

Schon aber holt der sich für seine gute Sache auch Mutter Drews als Kronzeugin herbei.

»Un nu sag du – meine Tochter, meine Alietze – was ist das für ne Diern? Ist das so ne Schlafmütz, wie sie hier meist in Land herumdammeln?«

»Ne Schlafmütze? Alice Kloband? Nee, eher das Gegenteil!«

»Na also!« Und solch einer aufgeweckten Diern Klavierstunde geben und denn auf einem ganz neuen Instrument – von Nußbaumholz wäre es, das beste und teuerste wäre es aus dem Geschäft – darüber müßte sich doch reden lassen!

Klavierstunde geben – nun packte Gust völlig das fröhliche Grauen und munter sprudelte er sich aus. »Ich soll Klavierstunde geben? Lieber häng ich mich auf an'm sauern Pflaumenbaum.«

»Man nich.«

»Klavierstunde geben – wissen Sie, was das heißt? Das ist, als wenn einem 'n Dutzend Hechtangeln in den Pöker gesteckt werden und man wird daran in die Höhe gezogen – ganz langsam, immer höher, bis in die Wolken – das ist, 12 als wird einem 'n Loch in den Kopf gebohrt und der Brägen mit 'm verrosteten Pfropfenzieher flockenweis' herausgezerrt – das ist, als wenn – oh, oh –«

Das Entsetzen lähmte seine Zunge. Jakob Kloband blieb Herr der Lage.

»Sie steuern ja schon selbst 'n andern Kurs,« kaute er schmunzelnd. »Und bei dem Stundenlohn, den ich bezahle –«

»Stundenlohn!« Nun legte sich Gust ganz gehörig ins Geschirr. »Wissen Sie, daß Klavierstunden überhaupt nicht zu bezahlen sind!«

»Zu bizahlen is allens!«

»Donnerwetter! Das ist ein Wort. Ich will Ihnen mal was sagen. Ich bin ja sonst nicht so –«

Hier fletschte der Riese ein verschmitztes»Aha!« durch die Raffzähne.

Das aber schlug dem Faß den Boden aus und Gust wurde sehr ungemütlich. »Aha? Wieso aha? Was bilden Sie sich ein! Wären Sie gekommen und hätten gesagt: da ist nun 'ne kleine Dirn, die hat 'n Klavier gekriegt und möchte gerne darauf spielen lernen – und sie möchte die Gelegenheit wahrnehmen, daß nun gerade Musikanten hier sind –«

»Na ja doch!«

»Nee, nicht na ja doch! Statt dessen klopfen Sie mit Ihrem großen Geldbeutel auf den Tisch!«

Dies war ein Schauspiel – David und Goliath. Peter Willich rieb sich die Hände und Mutter Drews nickte mit dem weißen Scheitel.

Jakob Kloband erkannte, daß das Spiel für ihn nicht günstig stand. Jetzt kam es darauf an, so zu tun, als ob ganz und gar nichts verloren wäre. Er zuckte die mächtige Schulter und lachte dröhnend. »Na, denn nich! 't giwt jo noch mihr Muskanten in de Welt!«

Aber wie er sich zum Gehen gewandt hatte, grollte es doch dumpf hinterher: »Wat de dumme Muskantenbengel sich inbildt!« 13

Frei aber, ohne grollende Nachklänge lacht sich Gust Bötefüer die Kehle rein. Das hat er diesem breitspurig trampelnden Koloß gut gegeben – ihm und seinem Geld!

Geld! Gust Bötefüer hat, was er braucht und braucht, was er hat, und mehr will er nicht. Ein Musikant ist er, und was verträgt sich weniger miteinander als Musik und Mammon! Mozart, Beethoven, Schubert, nicht wahr? Wie sie ihm, als jungem Konservatoristen, erzählten, daß größte Tonsetzer unserer Tage die größten Finanzkünstler seien, lief er Sturm, wie gegen unerhörte Verleumdung.

Auch sonstige Gelegenheiten, als Junge ausgelacht zu werden, vermied er nicht. Aber seine Meinung blieb, nachdem er die spanischen Stiefel des Konservatoriums ausgezogen hatte, in Einklang mit seinem Leben: sein eigener Aufstieg behängte sich nicht mit metallischer Last.

Er zigeunerte herum, in Berlin zumeist, spielte in Cafés, in Kinos, in kleinen Theaterkapellen – dann aber, doch wohlzubemerken nur, wenn er etwas Geld beisammen hatte, warf er die »Lohnfiedelei« hin, lief in Konzerte – das kannst du auch, das kannst du besser, das wirst du lernen! – und übte und hatte Gedanken – genoß, arbeitete und schuf. –

Aber das hatte natürlich seine Weile. Dann mußte er doch wieder Lohnfiedler werden, so kam er aus der Halbheit nicht heraus und wurde vollends unstet.

Eine Ruhepause wollte das Schicksal ihm gönnen – wär sie größer gewesen, er hätte festen Boden gewonnen, Siedlung und Heimat. Nun aber bekam er in Stücken, was als Ganzes ihm hätte helfen können.

Ihm fiel eine kleine Erbschaft zu. Der Erblasser – der ihn zu kennen glaubte und der es gut meinte – hatte bestimmt, daß sie ihm in Raten ausgezahlt werden sollte.

Machte das nicht im Grunde alles sehr viel schlimmer, die Rastlosigkeit, das Haschende seines Wesens, das Hin und Her, das Auf und Ab seines Lebens? 14

Wurde es ihm nicht zum Verhängnis, daß die guten Tage, die er stets mit heiligen Vorsätzen, mit den höchsten Entwürfen einleitete, ihn allmählich immer wieder ablenkten und zerstreuten, ihn verwöhnten und verweichlichten und weidlich aufs Faulbett streckten? Eben weil sie bloße Ferien, bloße Intermezzis waren!

Und zornig fragte er dann: was soll ich mit solchem Labsal, alle dreiviertel Jahr einen Teelöffel voll!

Warum hatte er diese heimtückische Erbschaft überhaupt angetreten! Hat er nicht immer gepredigt, das Geld ist verflucht! Und läßt sich nun selbst, nun selbst vergiften!

Dann verfiel er in tiefsinnige Niedertracht. Und baute eine Nänie an den »Paten in Raten«. Die einführenden Worte sang er so:

Wir leben in Raten,
Wir sterben in Raten,
Wir geben in Raten,
Wir erben in Raten,
Wir lieben in Raten
Und sieben die Saaten
Und danken den Paten
In Jubelkantaten.

Und jetzt kam es, eine Dachkatzenmusik, ein Herrenritt, ein Höllensabbat.

Von Berlin aber, da mal wieder eine Rate aufgebraucht war, hatte er vorderhand genug, sein niederdeutsches Gemüt sehnte sich nach der See, und so nahm er die Stelle hier in der Kurkapelle an.

Er hatte viel von seinem Ehrgeiz und das meiste seines Hochmuts draußen gelassen, er erhob sich nicht über die Kollegen, diese scheckige, gesprenkelte Schar, in der er als wirklichen Künstler nur den Klarinettisten fand. 15

Der schlug denselben Ton an, nur noch milder und müder. »Diese lieben Kunstfreunde« – so nannte er sie – »für mich haben sie was Rührendes. Möchten alle so gern, aber es wird nun einmal nicht mehr.« Doch wie er den Gust sich vorknöpfte, wurde er heller und härter. »Sie gehören nicht hierher, und Sie dürfen so was nicht wieder tun. Denn schließlich färbt es nun einmal ab.«

»Und Sie selbst?«

»Du lieber Gott, was liegt an mir. Und in viel Tinten bin ich schon geraten. Mir tut keine Farbe mehr was zuleide.« Sein Asthma wurde wehmütig, aber dann schämte er sich und wetterte nun los gegen Gust.

»Von Ihnen ist die Rede! Und Sie – was wollen Sie hier! Hier der Erste! Rein mit Ihnen in ein Orchester, wo Sie der Letzte sind! Primgeiger! Primgeiger in Kakeldütt und Stiefelknechtshagen!«

Die Augen rollten und der Schnurrbart schnob.

Gust Bötefüer neigte das Gesicht; er wehrte sich, ein Stolz kam in ihm auf, ein Bewußtes; er wollte etwas sagen, hielt dann aber lieber doch den Mund.

Und nun das Schlußwort des Alten: »Ich weiß, was Sie sich jetzt da erzählen. Mit innerer Genugtuung und so was. Daß Sie komponieren! Du lieber Gott – ein Musikant, und nicht komponieren! Wie spricht der Hund? Und der Hund bellt. Aber das eine lassen Sie sich von mir sagen: Es wird viel zu viel gebellt in der Welt und zu wenig gearbeitet, zu wenig gelernt!«

Recht hat er, dreimal recht, dieser widerwärtige, wildgewordene Melancholikus. Und Gust hatte seinen Dämpfer, der ihm not tat trotz des genugsam abgewiegelten Größenwahns.

Setzte er sich nicht immer noch gern aufs hohe Pferd? Die Sache mit der Klavierstunde kann es bezeugen. 16

Aber schon wurde sein Konflikt mit Vater Kloband gelöst, und die lösende war eine weibliche Hand.

*

Alice Kloband erschien auf dem Plan.

Gust hatte sie bisher nur von ferne gesehen und keinen besonderen Begriff mit ihr verbunden. Nun schritt sie mit wiegenden Hüften, in einer pomadigen Entschlossenheit auf das Nachbarhaus zu, begrüßte in der Tür Tante Agathe und fragte in dem bedächtigen Tonfall ihrer singenden Stimme nach dem Musiker – sie hob in diesem Wort wie alle Leute hier zu Lande die zweite Silbe hervor.

Gust war in seinem Giebel. Ihm gefiel der volle, sinnlich runde Klang ihres Organs. Die müssen wir uns näher besehen – der Gedanke hätte ihn hinuntergeführt, auch wenn er nicht der Gesuchte gewesen wäre.

Ungezwungen trat sie ihm entgegen. »Ach Herr Musiker, wir haben ehgestern unser Klavier gekriegt, un da möchten wir Sie bitten, daß Sie es mal probieren. Ob es so in Ordnung is oder ob es noch gestimmt werden muß. Bei uns zu Haus versteht keiner was davon.« Dazu blinkten lachende Zähne.

Sie hatten draußen auf der Hausbank Platz genommen. Gust Bötefüer setzte sich kräftig in Positur. Es galt auf der Hut sein. Eine Larve abzureißen galt es mit unbeirrbar fester Hand. Und er fragte im Ton des Verhörs.

»Sie sind Fräulein Kloband?«

»Ja das bin ich.«

»Wenn Sie Fräulein Kloband sind, dann sind Sie auch eine Schlange.«

»Nanu?«

»Eine Schlange. Und wollen mich verführen.«

Sie sah ihm sehr frank ins Gesicht. »Ach nee! Was ihr Musikanten immer gleich für Gedanken habt!« 17

Gust erschrak ein wenig ob solcher munteren und beinahe ermunternden Naivität. Schnell brachte er in der ursprünglichen sachgemäßen Haltung die Karre wieder auf das rechte Geleis.

»Ihr Vater hat einen offenen Angriff auf mich gemacht. Nachdem ich den abgeschlagen habe, versuchen Sie es jetzt mit einer List.«

Das war eindringlich und genugsam hoheitsvoll. Er hoffte auf die Miene ertappter Sünde. Aber da irrte er sich.

Mit sorglosem Gleichmut strahlte sie ihn an. »Was Sie für'n feinen Riecher haben! Na ja – ich denk mir, hast du ihn mal erst beim Klavier, dann legen wir auch gleich los mit der Stunde.« Und wieder blitzten die lachenden Zähne.

Seine Augen wurden immer weiter, jetzt wurden sie fröhlich und groß, und er führte sich erst einmal ihr ganzes Bild zu Gemüte.

Dieses Klobanderzeugnis – so sagte er sich – hast du dir eigentlich anders vorgestellt. Sie war nett angezogen, städtisch, mit leidlichem Geschmack. Ihr dunkelblondes Haar, das Sonne und Seeluft in den Enden fuchsig gebleicht hatten, war kleidsam aufgesteckt. Die Stupsnase nahm einen Aufschwung zu krauser Fröhlichkeit, schwer war der Mund, dunkelrot und naschhaft breit, schwerer noch die Lider, die aber so das fischartige im Ausdruck der runden großen blaugrauen Augen wesentlich milderten. Das Schönste war ihre flaumige Haut, das leuchtende Weiß und Rot ihrer Farben.

Sie spürte gleich an seinen Blicken, wenn sie schon mehr knabenhaft erstaunt und neugierig als männlich zudringlich waren, daß sie, sofern es hier überhaupt einen Weg gab, sich auf dem richtigen befand. Und ihre Herzhaftigkeit brauchte nicht zu wanken.

Er nahm das Wort. »Wenn ich nur wüßte, warum Sie gerade auf mich verfallen sind!«

»Oh – ich hab Sie doch öfter gesehen.« 18

»Nun das –!–« Er wollte dies Hemmungs- und Gedankenlose, dies kindlich Unüberlegte mit überlegenem Lächeln abtun, aber geschmeichelt fühlte er sich doch. Und ihr Instinkt deutete ihr zuverlässig, woran sie war.

»Un denn hab ich Sie so wunderschön spielen hören.«

Das »wunderschön« rief eine abwehrende Handbewegung hervor. »Aber doch Geige –« Und die Hand sank müde herab. Schließlich, was lag ihm an der Anerkennung dieses Fischermädels.

»Wenn einer solche Musik machen kann, denn weiß er doch auch mit'm Klavier Bescheid. Oder nicht?« Ihre natürliche Verschmitztheit wies ihr schon die Saiten, an die sie rühren mußte.

»Bescheid – nun ja – wenn man das nicht wüßte –!«

»Und da Sie das nun mal am besten verstehen – wollen Sie mir nich wirklich den Gefallen tun un sich mein Klavier mal ankucken? Noch können wir es umtauschen.«

Wurde ihm nun doch kaninchenhaft zumut vor dieser Schlange? »Wenn Sie nur das nicht von der Klavierstunde gesagt hätten!« Er zuckte mit den Armen, unsicher, gequält und klagend.

Sie sah ihn von der Seite an und machte beruhigende Augen. »Ich kann Sie doch nicht zwingen.«

Nun warf er sich heftig in die Brust. »Natürlich nicht! Und es ist ja lächerlich, von dem Unterricht noch weiter zu reden. Ihrem Klavier einmal auf den Zahn fühlen, das könnte ich ja wohl.«

»Ich danke Ihnen auch schön. Und wenn wir denn gleich rübergehen könnten –«

Warnende Stimmen wachten in ihm auf. Er blickte zu dem Nachbarhaus hinüber. Wie tückisch es mit seinen schrägen Augen zu ihm herblinkte! Hieß das nicht deutlich genug: bleib du, wo du bist! Ihr da drüben und meine Leute haben noch nie etwas mit einander im Sinn gehabt. Also komm mir gefälligst nicht über die Schwelle! 19

Und die Gestalt des Herrn dieses Hauses reckte sich vor ihm auf, unermeßlich. War er diesem klobigen Unhold nicht sehr empfindlich gegen das Gekröse gerannt? Oh ja, er war schon einer und fürchtete sich auch vor Riesen nicht. Aber sein Dasein stellte ihm schließlich doch andere Aufgaben als mit überlebenslangen Knoten sich herumzuschlagen.

»Sie wissen, Fräulein Kloband, ich bin mit Ihrem Vater sehr lebhaft aneinander geraten –«

»Ach wat! Das Klavier is mein Klavier! Un mein Vater is mein Vater!« erklärte sie frohgemut. »Wer mir einen Wunsch erfüllt, der is Vater sein Freund mit heidi und hurra!«

Und nun war sie aufgesprungen und machte eine ganz selbstverständliche Bewegung nach ihrem Hause hin.

Auch Gust hatte sich erhoben, noch stand er fest, lauter klang die warnende Stimme – tu's nicht! Unheil droht dir im Klobandlande! Klein kriegen sie dich, sie schlachten dich ein, sie machen Wurstfleisch aus dir.

Aber sein junger Stolz und sein junger Trotz waren auch noch da. Mich, Gust Bötefüer! Mich, den Fiedelmann! Sie sollen mir kommen.

Und das kleine Mädchen gefällt mir, gefällt mir um so besser, weil solch ein Unband von Vater die Tatzen über sie hält.

So ging er mit ihr in das Klobandheim.

Zu Hause fanden sie nur die Mutter, die den Besuch stumm mit lächelndem, zahnlosen Wohlwollen begrüßte und weiter keine Rolle spielte.

Gust trat schaudernd in die gute Stube und setzte sich gleich an das Instrument. Ein paar Harpeggien, dann eine Tonleiter und noch eine, ein kurzes Fantasieren über die ganze Klaviatur – er nickte kurz. Reichlich seelenlos war der Kasten, aber sachgemäß tüchtig und hielt den Ton.

»Ich glaube, es ist alles gut,« sagte er, stand auf und machte den Deckel zu. 20

»Ach nee,« sagte sie enttäuscht. »Wollen Sie mir nich noch 'n bischen was vorspielen?«

Darin war wieder all das erfrischend Vertraute und natürlich Begehrliche, daß er sie lächelnd ansah. Gleichwohl lehnte er ab. »Ich sprach schon mit Ihnen darüber – Sie wissen doch, daß ich Geiger bin – ich bin auf dem Klavier nicht richtig zu Hause.«

Ihr Spürsinn aber fühlte, wie sie immer mehr Oberwasser bei ihm bekam. Sie rückte ihm einen Schritt näher. »Aber doch so, daß ich von Ihnen lernen kann.«

»Von mir lernen – ja aber – Sie haben ja keine Ahnung von mir. Wäre noch Verlaß auf mich – ist aber nicht! Wenn wir wirklich damit anfingen –«

»Ja, ja – wir fangen an!«

»Es wär doch nicht von Dauer. Ich bin ja so'n unruhiger Geist – sehen Sie, nun sitzen Sie da und üben die Tonleiter: c d e f g a h c – o Gott, o Gott! – und bei f vergreifen Sie sich – und bei h noch mal – und da draußen – was haben Sie hier für eine wundervolle Haide gleich vor der Tür bis an die Dünen! Was ist da für Musik! Da trommeln die Hummeln und die Grillen schlagen das Hackbrett – und die Lerchen tirilieren in die Höhe – so –« er macht die Lerchen nach –»und von dem Rotdorn wutscht ein verliebter Fink herüber – so macht er – und aus den Ginsterbüschen kommt ein Rotschwänzchen und eine Grasmücke« – auch deren Stimmen läßt er tönen –»wenn ich das sehe und hör, dann bleib ich nicht sitzen, dann muß ich in der Haide koppheister schießen – dann reiß ich einfach aus!«

»Das können Sie ruhig tun,« spricht sie sehr unverzagt. »Utrieters kamen ok wedder.«

Er lachte und seufzte, hilflos – was konnte man machen gegen soviel Gottvertrauen.

Wieder sah er sie an – es lief wieder über ihn hin, dies Lockende und Warnende zugleich. 21

Das unbefangene, triebhafte Habenwollen ihrer ganzen Art, es ging ihm ins Blut.

Er wollte sie sich verleiden, wollte sie häßlich finden, ihren Mund, ihre Augen – aber gerade in denen war dieses lässig animalische, dieses betörend Dürstende und Schlürfende – alle Wetter – ging das ins Blut!

Da entdeckt er etwas! Ihre Ohren – ja doch, ja – sie sind ungleich – das linke ist größer als das rechte – auffallend! Und mit solchen Ohren will sie Gehör haben für Musik! – –

Darüber freilich kann man nichts Genaues wissen – hier gibt es die unmöglichsten Möglichkeiten – aber der Unterschied – lächerlich groß ist er – das Mädel ist ja eine Mißgeburt! – –

Und jetzt ist er gerettet. Nun hat er die richtige Operationsbasis, von hier aus kann er sie sich ins Bewußtsein führen mit all ihren Unzulänglichkeiten.

Diese Fehlfarben in ihrem Haar! Und hat sie nicht einen Lappländermund – ja, ja, ja! Und Fischaugen, wenn sie auch manchmal halb zugeklappt sind, Fischaugen, Fischaugen! O, eine ganze Sinfonie von Kakophonieen bringt er aus ihr zustande.

Und diese Umgebung, diese gute Stube, zum Purzeln!

Sirene, wo bist du geblieben!

Und dann die Familie. Diese stupide Mutter. Und die Mannsleut, diese drei Schlakse und Schlote! Einer immer länger und dümmer als der andere!

Freilich, daß drei solche Giganten dieses Kleinod behüteten, das hatte nun doch seinen Reiz, das machte Spaß! Ja, weiß Gott, das konnte der ganzen Geschichte so etwas wie Schwung und Schmiß geben. Und auf die Geschmähte fiel eine Art Glanz.

Wie sie dann aber seinen aufs neue forschenden Augen ihr Gesicht näher brachte – bitte, bedienen Sie sich! – und 22 mit leuchtendem Gleichmut ihn ertappte: »Sie gucken sich wohl meine Ohren an – sind ulkig, nicht?« – da war er wehrlos, da war es um ihn geschehen, da brach seine Ueberhebung in die Knie, beschämt, belustigt, verlegen, bezwungen wurde er. Und er stammelte ihr lächelnd sein Gewähren. »Ja – wenn Sie also meinen – dann – können wir es ja mal miteinander versuchen!«

*

Als Lietzchen sich ihren Klavierlehrer geholt hatte, war eine Zeit lang Ruhe in der Natur.

Gust tat seinen Dienst, schlenderte über die Haide, wandelte auf Wolken, führte wöchentlich zweimal seine Schülerin in die Geheimnisse des Notensystems, ganz Lehrer, ernst, gehalten und gestärkt von jedem kleinen Erfolg.

Aber was hat das auch für Künste gekostet, ehe es so weit gekommen ist! Mehr als einmal hat er gründlich ausbrechen wollen. Nicht bloß in der ersten Stunde.

Verhältnismäßig pünktlich ist er das erste Mal zur Stelle. Lietzes immergleiche Gelassenheit erleichtert ihm einigermaßen den Beginn seines schweren Amtes.

Nach einigem Räuspern: »Na ja – denn also – dann wollen wir uns zunächst mal hinsetzen.« Sie tun es. »So. So. Ja – Und nun sagen Sie mal, wissen Sie was ein Klavier ist?«

Darauf Alice in leuchtender Sicherheit: »Ja. Dis is ein Klavier.«

Gust muß herzlich dazu lachen: »Nun ja – ich mein aber, was das Wesen – worin das Wesen des Klaviers besteht?«

»Das Wesen? Daß man da Klavier auf spielt.«

Er ist fröhlich entwaffnet. »Eigentlich haben Sie recht.«

»Un nu zeigen Sie mir man lieber gleich, wie man das macht. Das andere findet sich dann beim Ausfegen.« 23

»Wie man das macht – ja, aber dafür muß ich Ihnen doch zunächst mal das Allererste erklären – das Elementare –« Ziemlich ratlos wird er und blickt suchend vor sich hin.

Und plötzlich fährt er auf. »Ach, dieser ganze Kram hier! Was ist es für ein schöner Morgen heut! Und da draußen – fliegt da nicht gerade ein Stieglitz nach der Haide rüber? Ja, 'n Stieglitz! Und ich soll Ihnen hier mit Do Re Mi Fa Sol das Leben verbittern? Nein, das bring ich nicht übers Herz. Kommen Sie mit – wir brennen durch!«

Er ist schon auf dem Weg, doch sie hält ihn tapfer am Schlafittchen. »Nein, so geht das nicht los!«

»Wir beide – wir beide wollen koppheister schießen – die Dünen runter – in den weißen, warmen, weichen Seesand! Lockt Sie das nicht?«

»Alles hat seine Zeit, steht in der Bibel. Klavierspielen und Koppheisterschießen auch. Un hier is jetzt Klavierstunde.«

Solcher Unerschütterlichkeit gibt Gust sich stöhnend gefangen. »Also in Gottes Namen! Denn rin in den Golfstrom!« Und nun doziert er drauflos. »Also dies ist die Klaviatur. Und die Intervalle, die Zwischenräume, die zuerst für uns in Frage kommen, sind die Oktaven –«

Ob so viel bloßer Namen und blasser Theorie, die sie sich doch erstlich verbeten, wird Alice jetzt ehrlich ungehalten. »Is mir ja ganz egal, wie das allens heißen tut! Ich will spielen!«

Gust blickt sie an mit vergnügtem Schreck, und jetzt bleibt die Lustigkeit Trumpf bei ihm. »Schön! Dann geben Sie mal die Hand her!«

Sie gibt sie ihm, mit dieser sinnfälligen Methode ist sie zufrieden. »Jetzt wollen wir mal sehen, ob Sie ne Oktave greifen können.«

Wie die beiden so zusammen fingerieren, tritt Mutter Regine Kloband ein mit einem mächtigen Korb Schoten, die sie hier auspalen will. Strahlend pflanzt sie sich auf einen Stuhl. 24

»So!« Damit hat sie sich breit niedergelassen. Und sie spricht mit kauendem Behagen: »Musik hüer ick gor un gor to giern.«

Die Beiden sind zuerst verblüfft und einigermaßen ratlos. Dann tritt Alice entschlossen auf die alte Dame zu, faßt sie rund um und sagt mütterlich: »Mudding – ne Klavierstunn! Häst du ne Ahnung! Kumm, du stüerst uns hier!« Damit nimmt sie den Gemüsekorb und führt die Alte, die ganz ungekränkt wohlwollend bleibt, in zärtlicher Umschlingung hinaus.

Ein Mädel ist das! muß Gust denken. Kopf und Herz und Hand – alles ist bei ihr an der richtigen Stelle. Und die Hand – die kleine, feste Hand, mit der seine Finger sich befreundet haben – sie ist eigentlich wunderhübsch, kaum einem Fischermädchen zuzutrauen. Und er freut sich darauf, diese Hand wieder zu fassen. Daß nur seine Fingerspitzen nicht entgleisen und in die Grübchen ihrer Hand geraten, sich dort hineinbetten und da ausruhen, lange, lange –

Und es rieselt ihm durchs Blut, wie sie wieder bei einander sitzen, allein.

Dann aber zuckt es ihm wieder durchs Hirn – zärtliche Regungen – für Vater Klobands Tochter – für die Schwester ihrer Brüder – drei Wächter sind da, drei Schatzhüter, einer immer gewaltiger als der andere.

Immer wieder seiner Phantasie diese Lockung!

Gemach! Keinen falschen Ehrgeiz, keinen Männermut an verkehrter Stelle.

Und er sucht Hilfe bei dem »Milieu«, bei den Lächerlichkeiten dieser guten Stube und bei der kleinen Klobandine selbst, bei den schreiend verschiedenen Ohren, bei dieser verletzenden, ja, ja höchst verletzenden Mißbildung.

Und er verschluckt einen Ladestock, setzt sich steil hin, ist ganz Lehrer und ergibt sich dem Stolz, aus diesem spröden Material etwas zu formen. 25

Alice aber setzte das Schwergewicht ihres gelassenen, wuchtenden Willens an ihre Aufgabe, und sie drang allmählich durch. Während die andern ihren Tag weiterlebten. Die Mutter schmunzelte und mummelte mit ihrem wunschlos zufriedenen Munde; Vater Kloband und seine Jungen fischten, verdienten nach wie vor viel Geld, lümmelten sich und rauchten. In dem kleinen Haus nebenan aber wurden die Blumen und Sterne bedacht.

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