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Das Recht der Mutter

Helene Böhlau: Das Recht der Mutter - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Recht der Mutter
authorHelene Böhlau
year1896
firstpub1896
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleDas Recht der Mutter
pages377
created20140211
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Buch.

Erstes Kapitel.

Eine im modernsten Geschmack erbaute Villa, umgeben von einem Garten mit breiten kiesbestreuten Wegen und Teppichbeeten, die eine sparsam springende Fontaine schmückt, deren Wasserstrählchen aus dem langen Schnabel eines Bronze-Reihers in ein wohlgerundetes, wohl cementiertes Becken tropft, solch eine Villa steht vor den Thoren der kleinen Stadt Jena. Aus jedem Fenster hat man einen köstlichen Blick in den lieblichen Thalkessel, in dem das Städtchen wie ein Pilznest aneinandergedrängt liegt, auf die wunderlich geformten abgeplatteten Berge und auf den gewundenen Lauf der Saale. Gute drei Jahr lang hat die Villa nach ihrer Fertigstellung keinen Bewohner gefunden, trotzdem sie in Jenas Tageblatt unermüdlich mit allen ihren Vorzügen angepriesen war: Als herrschaftlich mit allen Bequemlichkeiten und Erfordernissen der Neuzeit ausgestattet, als da sind: Parquet, Gas- und Wasserleitung, Butzenscheiben, elektrische Leitung, Badezimmer, Dienerzimmer, Stallung u. s. w., u. s. w. Diese Vorzüge aber gerade waren es, die manchen Mietslustigen zurückschreckten. Sich in Besitz so vieler Herrlichkeiten zu setzen, erschien den Jenensern, die in den engen, alten Häusern mit ihren Urväter-Bequemlichkeiten groß geworden und 149 eingewohnt waren, an das Frevelhafte zu streifen. Hauptsächlich aber mochte es der geforderte Preis sein, der den braven Jenensern in die Nase stieg.

So blieb die von allen bewunderte Villa, die der kleinen Universitätsstadt durchaus zur Ehre gereichte, leer stehen, bis endlich ein äußerst patenter Herr, wie der sorgenvolle Besitzer dieser untadelhaften Villa sich ausdrückte, einzog und zwar mit seiner sehr eleganten jungen Frau.

Und dieser Herr, der in die Villa eingezogen war, ist uns ein alter Bekannter, was wir uns zur Ehre rechnen dürfen, denn obgleich noch jung, ist er ein hochberühmter Mann und ein bevorzugter Mensch.

Wir begegneten ihm flüchtig in der Gesellschaft, die Jekatirina Alexándrowna ihrem Bruder gab.

Er ist der Herr mit den englischen Etuis, Bürsten, Stoffen, Hüten, Reisenecessaires, der deutsche Professor in tadellosester Toilette, der berühmte vielgelesene Schriftsteller, der die deutsche Novelle so schmackhaft zuzubereiten versteht, daß sie beim Lesen nur so hinabrutscht, ohne alle Gräten und Knochen, eine leicht verdauliche Speise, die allen bequem und willkommen ist. Seine beliebten Dramen bringen ihm dazu jährlich eine ansehnliche Summe. – Seine schlanke, gepflegte, feinknochige Persönlichkeit ist daher gediehen und hat sich zu ihrer Vollkommenheit entwickelt. Von seiner englischen Mama hat er den achtunggebietenden Reichtum und das eigentümliche, schon in früher Jugend ergraute Haar geerbt, das er kurz geschnitten wie ein silberglänzendes Maulwurfsfell trägt.

Er ist stolz auf seine Werke, stolz auf die englische Mama und stolz auf das eigentümliche Haar, das seiner Erscheinung etwas außerordentlich Distinguiertes giebt.

150 Er verkehrt trotz seiner bürgerlichen Abkunft auf das Intimste mit einzelnen Fürstlichkeiten, hat überhaupt einen sehr auserwählten Bekanntenkreis.

Die Professur in Jena ist von ihm gewissermaßen aus noblesse oblige angenommen. Er liest Litteratur.

Jekatirina Alexándrowna war es damals in jener Gesellschaft beigefallen, zu ihrem Bruder zu sagen: »Gottlob, daß er Schriftsteller ist und so ein berühmter dazu. Seine menschlichen Schwächen mußten einen Ausfluß finden, sonst hätten sie ihm die Säfte verdorben. So kann er nun ohne Beschwerde die übermenschlichste Ehrenhaftigkeit sich gönnen, denn seine Schwachheiten und Auswüchse liegen brochiert und gebunden beim Buchhändler, machen ihn zum berühmten Mann, beglücken die Welt, verdienen Geld und sind so angenehm anständig unanständig, daß es eine wahre Freude ist, wie reizend er das gemacht hat. So weit entfernt von dem durchaus schweren und rüden Leben! ein wahres Kunstwerk – und für jedermann!«

Unter seinen Freunden liebte er, wenn er redselig wurde, vielleicht nach einer ersten Aufführung eines neuen Dramas, in pathetischer Bescheidenheit zu sagen:

»Ob ich ein Dichter bin, das weiß ich nicht!«

Unter Professor Arnold Hennebergs Händen gestaltete sich die Villa zu einer nie für möglich gehaltenen Vollkommenheit.

Man erzählte sich Wunderdinge.

Das, was die Wünsche gewöhnlicher Jenenser Sterblichen bei weitem überstieg, genügte seinen Ansprüchen noch nicht.

Die Jenenser Handwerker, die der Professor und berühmte Schriftsteller in seiner Villa beschäftigte, thaten 151 einen Blick in die Bedürfnisse eines Menschen, der es für erforderlich hielt, sich mit allen Segnungen der Civilisation auf vertrauten Fuß zu stellen – und es standen ihnen Mund und Augen vor Verwunderung offen. War ein ehrsamer Maler und Tüncher in den letzten Jahrzehnten schon daran gewöhnt, es als ein bedeutendes Zeichen des Fortschritts anzusehen, wenn ein Jenenser Hausbesitzer seine alte, ausgetretene Treppe mit einem Ölfarbenanstrich versah, dem blieb der Verstand stehen, als ihm der Auftrag wurde, die wundervolle Treppe der Villa von dem daraufhaftenden Wachsüberzug zu säubern, damit ein ebenso erstaunter Tischlermeister seine Kunst im Polieren beweisen könne. – Eine polierte Treppe schien ihnen insgesamt als beinah frevelhaft; aber dennoch fühlten sie sich gehoben und geehrt, daß so etwas in der Stadt jetzt vorging. Und als ein weicher, grüner Plüschteppich über diese Wundertreppe gelegt wurde, unter dem das polierte Holzwerk an jeder Seite zwei Handbreit herausschaute, da klopfte der neue Hausherr dem Tischlermeister, der diesen zwei Handbreit im Schweiße seines Angesichtes eben noch einen ganz unheimlichen Glanz verliehen hatte, auf die Schulter und sagte:

»Sehen Sie, mein Lieber, so könnte sie auch in Hamburg stehen, auch in den ersten Häusern in London – sie genügt jetzt so ziemlich!«

Und jedes Ding und jedes Möbel, das aus dem Transportwagen ins Haus getragen wurde, war musterhaft elegant und praktisch und das Neueste des Neuesten.

So hatte diese Villa seit ihrem dreijährigen Bestehen eigentlich nur ihrer selbsteigenen Vervollkommnung gelebt, war immer unberührter, immer neuer und vornehmer geworden. Auch als ihre Bewohner einzogen, war sie 152 sozusagen die Hauptperson geblieben, die sich noch immer zu weiteren Vervollkommnungen entwickelte. Die beiden eleganten Leute lebten, wie es nicht anders zu erwarten stand, machten ihre Visiten, wurden eingeladen und gaben hin und wieder ein vortreffliches Diner oder Souper, thaten alles, was mit der allgemeinen Meinung in vollkommenem Einklang stand, waren in jeder Beziehung musterhaft vornehm, unauffällig und gediegen. – Sie hätten auf einer Ausstellung, welche die Entwickelung der Menschheit vom rohen Wilden bis zur kultiviertesten, civilisiertesten Menschenspezies zu zeigen sich die Aufgabe gestellt hätte, diese letzte Stufe samt ihrer Villa mit gutem Gewissen vertreten können und wären sicher gewesen, von der strengsten Jury einstimmig prämiiert zu werden, in jeder Beziehung, und zwar in betreff der Toilette, des Benehmens, des guten Geschmackes, der Moral, betreffs ihrer Möbel und ihrer Dienerschaft, wie auch ihrer Ansichten, ihrer Reiseetuis und Koffer, ihrer Wäsche, der steifen Kragen und Manschetten des Herrn, und in betreff ihrer unantastbaren religiösen und politischen Gesinnungen. – Im Haushalt ging alles seinen vortrefflichen, geregelten Gang. Es hatte den Anschein, als sollte die Villa mit allen Erfordernissen der Neuzeit endlich einmal ein Bollwerk gegen alle Einfälle des Schicksals abgeben, denn es war nicht leicht, sich vorzustellen, daß dieser geregelte Zustand irgend wie durch irgend etwas gestört werden könnte, wie es auch unmöglich war, sich diese Menschen, die wie gepanzert in ihren untadelhaften Toiletten und wie verwachsen mit ihnen erschienen, unbekleidet, zerrissen oder beschmutzt sich zu denken.

Herr und Frau Professor Henneberg befanden sich 153 vortrefflich, sahen strahlend, neu, elegant aus und verbrachten ihre Tage in ausgezeichneter Gesundheit.

Alles war in bester Ordnung.

Trotz alledem aber sollte auch hier in der Villa ein Ereignis eintreten, das den Frieden stören mußte. Das erste Kind wurde erwartet.

Alles war auch in dieser Zeit durchaus comme il faut, die Toiletten wie die Erscheinung der jungen Frau, die Einteilung ihres Tages, ihre Ausfahrten und Spaziergänge, ihre Diät, ihre Beschäftigungen, der Trousseau des künftigen Weltbürgers, alles und jedes. Professor Henneberg verzieh seiner Frau gern eine mehr oder weniger leichte Gereiztheit, die hin und wieder hervorbrach und die er verständnisvoll ihrem Zustand zuschrieb und als völlig in der Ordnung empfand. – Man muß der Natur ihre Rechte belassen, oder: alles verstehen heißt alles verzeihen. Überhaupt waren diese beiden Redensarten seine Wahlsprüche, nach denen er zu leben glaubte.

Er war vollkommen damit einverstanden, daß seine Frau, Mutter, und Schwester zu dieser Zeit erwartete, weniger, daß auch sein Schwiegervater, mit dem er sich nicht besonders stand, die beiden begleitete, ein kränklicher Mensch, der hier in Jena Spezialisten konsultieren wollte. Die Mutter sollte im Hause der Tochter wohnen – für Vater und Schwester war eine Wohnung in einem nahen Hause gemietet worden. – So war alles zum Empfang der Gäste geordnet; und als der Tag kam, der die Erwarteten bringen sollte, machte sich Herr Professor Henneberg auf, seine Verwandten auf dem Bahnhof zu empfangen. Er verabschiedete sich von seiner Frau und drückte ihr einen Kuß auf die Stirn.

154 »Olga, mein Kind,« sagte er, »es ist ein Opfer, was ich von dir verlangt habe, aber du siehst ja die Deinen wenige Minuten später. Familienscenen gehören nun einmal nicht unter freien Himmel – und es würde bei deiner und deiner Eltern leichter Erregbarkeit zu einer Art Scene auf dem Bahnhof kommen. – Ich möchte jetzt alles, um deinetwillen vermeiden, was irgend auffallen könnte. Wir sind ja einer Meinung – nicht wahr?«

Die kleine Frau nickte ein wenig zögernd, aber zustimmend, machte sich von seiner Hand, die auf ihrer Schulter lag, los und nahm von ihrem Schreibtisch vier Rosen, die dort bereit lagen und je zwei und zwei mit einem schmalen rosa Seidenband zusammengebunden waren.

»Für Mama und Kristine,« sagte sie, »du sollst sie ihnen gleich beim Empfang geben.«

»Ist das nötig?« frug er lächelnd.

»Wenn du das auch für eine Scene hältst, so laß es,« antwortete die kleine Frau ungeduldig.

»Bestes Kind,« er faßte sie an der Hand – ihre Augen schimmerten feucht.

Professor Henneberg schien das zu Herzen zu gehen, der große Dichter erwachte in ihm. Er drückte seine Frau in einen Sessel nieder und sank vor ihr auf dem weichen Teppich in die Knie.

»Du süße Märtyrerin,« flüsterte er bewegt. »Verstehst du's denn, wie ich über dich, wie über ein Heiligtum, keusche Schleier breiten möchte, daß kein profaner Hauch das zarte Geheimnis streifen darf?«

Die kleine Frau errötete tief und sagte: »Du wirst den Zug versäumen. – Geh doch.«

155 Und er ging, nachdem er sich leicht erhoben und mit seiner Taschenbürste sich noch einmal sorgsam über das Haar gestrichen war.

* * *

Als die Verwandten Professor Hennebergs sich anschickten, das Coupé zu verlassen, half er seiner Schwiegermutter höflich und herzlich beim Aussteigen und drückte ihr einen Kuß auf ihre Hand.

»Und Olga? Olga?« frug diese bestürzt, »warum ist sie nicht hier? sie ist doch wohl?«

»Vollkommen – ausgezeichnet. – Wir sind augenblicklich bei ihr.«

Jetzt begrüßte er seine Schwägerin Kristine und seinen Schwiegervater, der sich auf Kristine stützte.

»Du bist etwas von der Reise ermüdet, lieber Papa,« sagte Professor Henneberg, »nun, das wird sich hier in der schönen Luft bald geben.« So führte er die Gäste seinem Wagen zu, sah mit Wohlgefallen auf die Schwägerin, die sich, seit er sie nicht gesehen, vom wilden Kinde zum jungen Mädchen entwickelt hatte, begrüßte Ahrensees Reisegefährtin, Mathilde Swensen, die sich in Wiedersehensfreude in die Arme einer mageren, gelben, kleinen Dame gestürzt hatte, an deren Kleiderrock ein schreiender, dickköpfiger Junge hing, dem die Strümpfe von den Beinen gerutscht waren und dessen Schuhbänder durch alle Pfützen nachschleiften.

Nachdem die beiden Damen nach der freudigen Umarmung Luft geschöpft hatten, stürzte Mathilde Swensen, 156 an der Hand ihre Freundin, die den schreienden Jungen nachzog, mitten unter die Ahrensees. –

»Das ist meine Freundin, Frau Professorin Majunke, von der ich euch so viel gesprochen habe – und das sind meine Verwandten aus Finnland.«

Damit war die zwanglose freudige Vorstellung erledigt. Frau Ahrensee reichte Frau Professor Majunke ihre Hand, die ihrerseits diese Höflichkeit erwiderte und sich durchaus nicht dadurch bedrückt fühlte, daß ihre Hand in einem etwas fragwürdigen, schwarzen Handschuh steckte, dessen Finger wie die Schalen von aufgesprungenen Bohnenschoten auseinanderklafften.

»Nun,« rief Frau Majunke laut, um ihren schreienden Sprößling zu übertäuben, »wir werden uns ja wohl öfters sehen, da Herr Gemahl und Fräulein Tochter in unserem Hause gemietet haben – ein altes Haus – aber oben bei Ihnen recht hübsch.«

So plauderte Frau Majunke, und der schreiende Sohn begleitete jedes ihrer Worte mit einer gewaltigen Melodie, an welche die Nerven der guten Frau sich so völlig gewöhnt hatten, daß sie es nur hin und wieder für nötig fand, mit der schwarz behandschuhten Hand, wie mit einem Deckel, ihm auf den Mund zu fahren, in dem eine runde, stramme Zunge zitterte. Und zwar schien ihr diese Bewegung eine so gewohnte zu sein, daß sie der Hand nie mit dem Auge zu folgen brauchte.

Kristine öffnete ihr Reisetäschchen, näherte sich dem kleinen Schreihals, hielt ihm lächelnd ein Stück Chokolade vor die Augen, legte es dann in das offene, geräumige Mäulchen wie in einem Opferstock, vorsichtig vor das 157 zitternde, stramme Züngelchen, damit er sich im Schrecke nicht verschlucken sollte, und hatte damit erreicht, was für alle ersprießlich war.

»Wie heißt du denn?«

Da sah der Junge sie mit runden, nassen Augen an und antwortete mit vollem Mund und einer tiefen Stimme: »Bümm Bümm.«

Diesen Ausspruch faßte seine Mutter zufällig auf und sagte: »Ja, er heißt Bimm Bimm.«

In Frau Ahrensees ganzem Wesen war während dieses Aufenthaltes eine leichte Unruhe zu spüren; es verlangte sie, ihre Tochter endlich in die Arme zu schließen.

Frau Professor Majunke schien dies zu bemerken und sagte klug lächelnd:

»Ja, ja, die sorgenvolle Frau Mama!« Dabei klopfte sie Frau Ahrensee verständnisvoll auf die Schulter und fuhr fort:

»I – was Sorge! So eine Kernspitze von junger Ehefrau! – und so vortreffliche Leute! Wenden Sie sich nur an mich – wo ich immer helfen kann, helf ich,« sprach sie eifrig – »das hier« – sie zeigte auf den jetzt mäuschenstillen Sohn, »ist mein so und so vielter, und zwei kleinere waren auch noch da – da können Sie sich vorstellen – Also! auf Wiedersehen.«

Sie hakte sich in Mathildens Arm ein, zog diese und den Jungen mit sich fort und gab den Ahrensees freie Bahn.

Professor Henneberg hatte durch den Diener das Gepäck besorgen lassen und es schien, als stände dem Weiterkommen jetzt nichts mehr im Wege – da stürzte ein Wesen, dem die braunen Haare zottig um den Kopf standen, dem der oberste Rockbund weit herabgerutscht 158 war, so daß der Rock an der Seite schleifte und der unglücklichen Person bei jedem Schritt zwischen die Füße kam, auf die Gesellschaft zu. – »Kind« – rief sie – »Kind! Mátuschka! Frau! Warten! – Laufen nicht! – Verloren gehen ich!« Den Regenschirm hatte sie an der Spitze gefaßt und fuchtelte mit dem Griff in der Luft herum.

»Wer ist denn das?« frug Professor Henneberg, »gehört die zu euch?«

»Das ist ja Annuschka,« sagte Kristine und war dabei, das außer sich geratene Geschöpf zu besänftigen. Sie band ihr den Rockbund hinauf und kehrte ihr den Regenschirm um. »Geh uns nach,« sagte sie, »wir laufen nicht davon.«

»Das ist ja ein fürchterliches Wesen,« bemerkte der Professor.

»Sie wollte durchaus mit, es war nichts mit ihr zu machen, sie wäre zu Grunde gegangen, hätten wir sie nicht mitgenommen,« antwortete ihm Frau Ahrensee etwas verlegen.

»Annuschka ist uns von der Reise so auseinander gekommen,« ergänzte Kristine, »und wird sich schon wieder beruhigen.«

»Eine allerliebste Kammerfrau, das muß ich sagen!«

Professor Henneberg war es unbehaglich zu Mute.

»Ich muß gestehen, daß mir, wie die Dinge augenblicklich liegen, das einigermaßen bedenklich erscheint: ich möchte die aufgeregte Person meiner Frau jetzt nicht unter die Augen bringen.«

»Annuschka wohnt bei uns,« sagte Kristine.

»Mein Gott,« rief Frau Ahrensee, »glaubst du, daß Olga das schaden könnte? Was sollen wir thun? Wir 159 sind an Annuschka so gewöhnt, daß sie uns gar nicht mehr so sonderbar erscheint.«

»Annuschka ist für Olga ja auch keine neue Person,« sagte Ahrensee ruhig.

In demselben Augenblick traten Mathilde und Frau Majunke Arm in Arm wieder aus dem Bahnhofsgebäude, Kristine ging auf sie zu, und es währte ein paar Augenblicke, da trabte Annuschka hastig kopfschüttelnd, von Kristine so weit beschwichtigt, den beiden Damen nach, die mit einander dem Städtchen zugingen.

Dieser Stein des Anstoßes war ruhig und ohne jede Weitläuftigkeit beiseite geschoben, so daß Professor Henneberg sich bewogen fühlte, seiner kleinen Schwägerin die Hand zu drücken. Auch Frau Ahrensee strich ihr dankbar über die Wange und sagte:

»Was uns Kristel auf der Reise war, kann ich gar nicht genug loben.«

»Ja, mein Herz,« nickte Ahrensee seinem Kinde liebevoll zu. »Du hast uns sehr geholfen. Sie war die ganze Zeit jetzt so geschickt und gut.«

Kristine lächelte, faßte die Hand ihres Vaters, der ihr im Wagen gegenüber saß, mit beiden Händen und sah ihn an – und über ihr Gesicht zog ein fremder tiefbewegter Zug – für einen Augenblick.

»Olga wird sich wundern, wenn sie dich sieht, kleine Schwägerin. – Was ist in so kurzer Zeit aus dem wilden Kinde geworden! Ihr seid gewohnt, sie zu sehen – euch fällt nichts auf. – Sie ist viel ruhiger geworden und hat gehalten, was sie versprach.«

»Sie ist viel ruhiger geworden –« klang Professor Hennebergs Stimme in Ahrensees Ohren noch – und 160 wahrhaftig, er mochte recht haben, ihre Heiterkeit schien ihm nicht mehr so sonnig wie früher zu sein. – »Ihre Güte ist rührender, wie bewußter geworden,« dachte er – »das muß nun so ein Fremder eher bemerken, als der eigene Vater.«

Jetzt hielt der Wagen. Sie gingen durch den Garten in das Haus, und oben an der Treppe stand Olga. Die Mutter schloß sie in die Arme, so zart, als wäre sie ein zerbrechliches Püppchen, sah ihr forschend, weinend und voller mütterlicher Liebe in die Augen, und küßte sie, hielt sie umfangen und wollte sie, wie es schien, niemandem gönnen.

Ein liebevoll besorgtes Leben entfaltete sich in der Villa. Aus der kleinen wohldressierten Frau war mit einemmal wieder das Kind zärtlicher Eltern geworden.

Mit einer gewissen Scheu betrachtete Frau Ahrensee die Tochter in ihrer untadelhaften Umgebung. Sie erschien ihr wie eine Meisterin in den Dingen, in denen sie selbst es nie zur geahnten Vollendung hatte bringen können. So behaglich es auch bei Ahrensee daheim zuging, so war immer etwas Urwüchsiges, Naives, Ländliches im Hause zu spüren.

Gegen Abend empfing Mathilde Swensen ihre Verwandten in der gemieteten Wohnung auf das angeregteste; sie schien im Wohlgefühl zu schwelgen. Hier wurde sie einmal wieder ganz verstanden! Ihre staubfarbene Taille war ausgefüllter als je, saß rund und prall und schlug nirgends ein Fältchen. Es hatte den Anschein, als hätte Mathilde Swensen sich wie ein Luftkissen neu aufblasen lassen. An der Brust steckte ihr ein Blumenstrauß; ihr Atem duftete nach allerlei Süßem, nach Torte und Wein: 161 sie war schon in aller Eile gefeiert worden. – »Was sind die Majunkes für herrliche Menschen!« – rief sie. Annuschka hatte sie auch mitgebracht, die lehnte wie betäubt in dem großen dreifensterigen Salon, der mit seinen steifen Mahagonimöbeln einen ehrbaren altbürgerlichen Eindruck machte. Er war dämmerig und tief, war ein Raum, dem man anfühlte, daß er viel Leben schon umschlossen hatte; durch die Decke zog sich ein gewaltiger Balken.

Heinrich Ahrensee schien sein neuer Aufenthalt zu interessieren, er ging auf und nieder, beschaute sich die Stahl- und Kupferstiche, die altväterischen, frisch aufpolierten, paradierenden Möbel.

Währenddem stand Annuschka noch immer steif und unbeweglich.

Kristine, die inzwischen die andern Zimmer sich angesehen hatte, sagte, als ihr die steife Annuschka jetzt auffiel:

»Das Reisen hat jetzt ein Ende.«

Annuschka schüttelte ungläubig den Kopf.

»Denke nur an die Koffer, an nichts weiter. – Pack' aus.«

Mathilde lachte: »Da habt ihr euch wirklich einen Tanzbären aufgehalst. Onkel, warum bist du eigentlich nicht energisch dagegen aufgetreten? – Es ist ja schrecklich.«

»Ich halte es für kein Unglück,« sagte Ahrensee ruhig.

»Nun, ein Unglück nicht gerade; aber eine Unannehmlichkeit –«

»Sie wird ihre Sache schon besorgen, laß sie und Kristine nur mit einander fertig werden. Mir ist Annuschka ganz recht, so ein Stück Heimat!«

162 »Aber ein unkultiviertes.«

»Gottlob«, sagte Ahrensee. »Du weißt ja, ich bin auch unkultiviert.«

In diesem Augenblick erscholl die Treppe herauf ein gleichmäßiges Geschrei, kam näher und näher – tief, eintönig, klagend – ein Geschrei, dem wir in diesem Kapitel schon einmal begegnet sind.

»Bimm Bimm!« sagte Mathilde frohlockend, ging zur Thür, öffnete sie – das Geschrei drang gewaltig herein, – und draußen stand Frau Majunke mit Bimm Bimm, der ihr am Rocke hing und diesen auf das straffste spannte, denn Bimm Bimm beabsichtigte offenbar, nicht näher zu treten. –

Frau Majunke begrüßte mit einem süßen Lächeln Herrn Ahrensee und wendete dann ihre volle Aufmerksamkeit auf Mathilde: »Engelskind,« sagte sie zärtlich, »komm jetzt zu uns herunter. – Verzeihen Sie,« wendete sie sich höflich an Heinrich Ahrensee durch die Thürspalte – weiter kam sie nicht, Bimm Bimm zog aus Leibeskräften am Rock.

»Ja, Teuerste, Beste, augenblicklich,« sagte Mathilde liebevoll und mit so warmem Herzenston, wie Heinrich Ahrensee ihn noch nicht an ihr vernommen hatte. Bald darauf waren Mathilde und Frau Majunke miteinander verschwunden. Das Geschrei entfernte sich, tief, eintönig und klagend. Schließlich hörte man nur hin und wieder noch einen entfernten langgezogenen Ton – und manchmal etwas – etwas ganz eigentümliches – eine Art Geheul, nicht recht Erklärliches; aber dumpf, ganz dumpf.

Ahrensee ging in Gedanken auf und nieder. – Es war ihm nicht wohl, er fühlte sich erregt und abgespannt, die Reise hatte ihm nicht gut gethan. Kristine stellte 163 zwei brennende Lichter auf den Tisch, weil das Zimmer trotz der Lampe düster aussah, und wollte eben wieder geschäftig aus der Thür gehen.

»Bleib' doch hier,« sagte ihr Vater, und gleich darauf lag Kristinens blonder Kopf an seiner Brust.

»Einem alten Menschen wird das Reisen sauer, die Fremde ist nichts mehr für ihn. Wir wollen uns hier eine Heimatsecke machen – wir beide!«

»Ja,« sagte Kristine – »hätten wir nur unser Boot und die See, und den Garten, und alles miteinander auch gleich hier.«

»Sing' mir etwas – Sing deine Kylliki.« –

Sie saßen jetzt miteinander auf dem steiflehnigen Sofa.

»Nun?« frug Ahrensee. Kristine sah ihn mit großen, erschreckten Augen an.

»Deine alte Kylliki.«

»Etwas anderes –«

»Was du willst. Aber was hast du denn gegen die Kylliki?«

Kristine schüttelte den Kopf leicht und machte sich von ihrem Vater los – saß eine Weile ganz still. Mit einemmal begann sie ein Liedchen mit halber Stimme zu singen, fast flüsternd leise wie ein Vogel, der sich selbst in Schlaf singt. –

»Was ist das?« frug sie und brach mitten im Liede ab. Es hatte wieder dumpf und sonderbar lang anhaltend vielstimmig geheult. – »Da muß etwas geschehen sein,« sagte sie ängstlich. »Es ist schon öfters so gewesen. – Hast du's noch nicht gehört? Es klingt so angstvoll.« Und mit einemmal begann sie zu weinen, ihr ganzer Körper wurde von diesem Weinen durchzittert.

164 Ihr Vater zog sie an sich, hielt ihren Kopf zwischen seinen Händen, aber sie wendete sich von ihm ab.

»Was ist dir? Bist du müde? Hast du dich erschreckt? – Sei ruhig!« – sagte und frug er bewegt. – »Es ist ja nichts. Unten wohnt die sonderbare Person. Gott weiß, was sie treiben! – Es sind viele Kinder da – denke nur, wie der eine einzige schrie!«

»Jawohl,« erwiderte Kristine unter Thränen lächelnd. »Aber es klingt so angstvoll – so« – Kristine schüttelte den Kopf und verbarg das Gesicht in den Händen.

Da erscholl es eben wieder – dumpf und dröhnend – das Geheul kroch wie an den Wänden herauf, – Thüren wurden geschlagen, – Fenster geöffnet. Das Geheul klang jetzt aus den offenen Fenstern ins Freie – in die Nachtluft hinaus. Es schien vom Hof oder Garten herzukommen. – Ein Trappen, Rufen, Treten auf der Treppe, eine befehlende Männerstimme, eine sehr hohe Stimme – das war Frau Majunkes Stimme – und wieder das Geheul. Es schien, als sollte Ahrensee gleich am ersten Abend in die Geheimnisse des Majunkeschen Hauses eingeweiht werden.

Jetzt kam Annuschka aus dem Nebenzimmer gestürzt, deutete mit beiden Händen auf die Diele und rief:

»Was das ist? Teifel unten – schreien Teifel! Kind nicht erschrecken. – Alles verrückt hier. Anders wie in Wiborg. – Warum fort sein! – zu Hause sehr gut haben gewesen sein! Leute in Säcken zum Fenster herausgeschafft worden seind, – geschaut haben ich.«

»Geh, Annuschka,« sagte Ahrensee.

»Was! Kind weint?« rief Annuschka, laut und drohend, »Kind nie noch geweint haben, nur bei verfluchte Teifel, hier im Haus!«

165 In diesem Augenblick klopfte es äußerst sittsam an die Zimmerthür.

Vor der Thür stand ein langer Junge von fünfzehn Jahren, schmächtig und gelb.

»Eine schöne Empfehlung von Mama und Papa,« sagte er verlegen, »und Sie möchten entschuldigen, wenn es nicht ganz ruhig war, aber wir werden gerettet.«

»Was werdet ihr?« frug Ahrensee.

Da schaute der Junge ihn verblüfft an und erwiderte, indem er die Augen fest auf seine Schuhspitzen bannte:

»Wir werden Sonnabends alle vierzehn Tage gerettet, oder alle vier Wochen, wegen dem Feuer, damit wir's einmal können.«

»Ich versteh's zwar nicht, aber das scheint ihr ja zu können,« sagte Ahrensee. »Komm einmal her, Kristel, und sieh dir einen von den Schreihälsen an.«

Kristel stand schon neben ihm. Sie war bleich und sah müde aus.

Feste Schritte kamen eilig die Treppe herauf.

Mathilde Swensen war es.

»Johannes!« rief sie. »Sie sind also noch auf. Ich wollte euch fragen, ob ihr einen Augenblick mit hinunter kämt, es ist zu interessant. Vor Majunkes braucht ihr euch nicht zu genieren, das sind die zwanglosesten Menschen, die man sich denken kann. Es werden unten Feuerwehrübungen gemacht. Das habt ihr auch noch nicht gesehen. Die Kinder sind noch alle auf.«

»Nicht wahr, Johannes, alter Junge?« frug sie und legte um die Schulter des schmächtigen Knaben ihren prallen, staubfarbenen Arm.

166 »Aber bitte, kommt, gerade werden wieder welche im Sack aus dem Fenster gelassen.«

Mathilde Swensen war auf das jugendlichste eifrig im Gegensatz zu dem schmächtigen Johannes, der die ganze Geschichte ziemlich trübselig aufzufassen schien.

Mathilde ruhte nicht, bis sie im Verein mit Johannes, Ahrensee und Kristine die Treppe zu Majunkes hinabzog.

Ihnen nach schlüpfte Annuschka, geräuschlos und geduckt wie eine schwarze Katze.

Es war ein gehöriger Lärm, und bei jeder Stufe, die sie hinabstiegen, versanken sie gewissermaßen tiefer darin.

Als sie unten angekommen waren, befanden sie sich in einem Wirbel von Stimmen und Gepolter. Alle Thüren standen auf.

Alles lief durcheinander, und sie waren, ehe sie es sich versahen, in einem großen, düstern Zimmer angelangt, in dem es hin und her huschte, in dem geschrieen und gerufen wurde, wie jedenfalls in allen andern Zimmern bei Majunkes auch.

Von der Decke herab hing die Urform einer einfachen Blechhängelampe, die ein sehr mäßiges, verräuchertes Licht um sich her verbreitete. Eine ganze Anzahl von schmalen Betten stand in diesem Raum, hölzerne und eiserne.

Die Bett-Tücher waren in Unordnung geraten, hingen und zipfelten an allen Ecken und sahen nichts weniger als blütenweiß aus. Mit den mißfarbigen Bettdecken schienen sich die Majunkeschen Kinder geworfen zu haben.

Mathilde führte die Gäste in das Wohnzimmer; 167 mitten darin stand Herr Professor Majunke in Hemdärmeln, eifrig beschäftigt einen Knaben in einen Sack zu stecken, drei andere Sprößlinge hielten den Sack offen, nach Herzenslust Rufe, Schreie und Töne aller Art ausstoßend. Der Sack war an einer Leine befestigt und wurde mitsamt seinem Insassen auf das Fensterbrett gehoben und von da in den Garten, nicht allzuhoch, herabgelassen. Indessen stürzten welche von den Rangen mit Blitzesschnelle die Treppen hinab, um den aus dem Fenster Beförderten unten in Empfang zu nehmen.

Jetzt erst begrüßten Herr und Frau Professor Majunke noch ganz erhitzt die Eingetretenen.

Frau Majunke sagte sehr artig: »Wissen Sie, mein Mann hat so großes Interesse an der Feuerwehr, deshalb!«

Diesmal hing Bimm Bimm nicht wie gewöhnlich am Rocke seiner Mutter und brüllte; es stand aber etwas Unbestimmbares, Unbegreifliches mitten im Zimmer und that das, was Bimm Bimm unter allen Verhältnissen thun mußte, dies Unbestimmbare, Unbegreifliche brüllte, und zwar ganz in Bimm Bimms Manier.

Es war ein Sack, der in Hosenbeine verlief, das heißt, in zwei von allen Seiten geschlossene Säcke, in denen ein paar Beine zu stecken schienen. Oben war der Sack zugeschnürt und bildete eine handliche Quaste. Ein Stück unter dieser Quaste waren ein paar runde Löcher geschnitten, wie die Augenlöcher in einer Vehmrichterskappe; – und aus diesen Löchern im Sacke blitzten auch wirklich ein paar Augen wütend heraus, und unter der Sackquaste bewegte sich ein runder Kopf, und alles übrige war von einem stämmigen Körperchen ausgefüllt.

»Darin steckt Bimm Bimm,« sagte Herr Professor 168 Majunke, nahm den Sack an der Quaste und hielt ihn hoch, während Bimm Bimm wütend zappelte und schnickte und schrie.

»Diese Einrichtung habe ich seit kurzem getroffen, und wir sind beide eingenommen dafür« – das heißt nicht Bimm Bimm und Herr Majunke, sondern Herr Majunke und Frau Majunke.

»Bricht ein Feuer aus, wird solch ein Kind einfach in einen derartigen Sack gesteckt. Ein jeder kann es so auf das Leichteste an der Quaste transportieren, ohne es zu erkälten; selbst einem Kind wäre dies möglich, und sollte der Sack während des Transportes verloren oder vergessen werden, so kann es sich vortrefflich weiter helfen.«

»Petrus!« rief Herr Majunke, »schaff Bimm Bimm fort!«

Sogleich sprang ein dünnes Jüngelchen vor, einen halben Kopf größer als Bimm Bimm, das faßte ohne weiteres den Sack an der Quaste, schleifte ihn mit Anstrengung, aber unaufhaltsam, trotz Bimm Bimms Gebrüll zur Thür hinaus – wohin, das blieb unaufgeklärt, doch nach geraumer Zeit stand derselbe Sack mit demselben Inhalt wieder mitten im Zimmer – und brüllte immer noch aus Leibeskräften und schrie immer dasselbe: »Niß mis anfassen! Niß mis anfassen!«

Herr Ahrensee erkundigte sich, weshalb Bimm Bimm nur allein so glücklich sei, solch einen Sack zu besitzen.

»Zufall,« sagte Frau Professor Majunke eifrig. »Sie sollten alle solche Säcke haben, die Geduld aber reichte nicht aus. Vielleicht kommt's noch.«

Eine neue Übung und Vorstellung wurde von Herrn Majunke proklamiert.

169 Es handelte sich darum, daß jedes der Kinder bei eins, zwei, drei und etwaiger Feuersgefahr das ergreifen sollte, was ihnen im Zimmer das Wertvollste zu sein bedünkte. Sie standen alle in Reih und Glied, und auf eins, zwei, drei stürzten sie vorwärts, blieben dann unschlüssig stehen, sahen einander an und wußten nicht recht, womit beginnen. Bimm Bimm in seinem Sacke aber trollte zielbewußt auf eine Ecke zu und warf sich auf eine angeschnittene Leberwurst, die merkwürdigerweise in dieser Ecke auf einem Teller lag. Durch eines der Augenlöcher zwängten sich zwei kleine Finger, die bestrebt waren, die Wurst beim Zipfel zu packen. Als die andern diese Bemühung verstanden, war ihnen plötzlich klar, was der Rettung zweifellos wert sei, und sie stürzten mit Hallo auf die Wurst zu und entrissen sie gewaltsam Bimm Bimms Fingern. Die Wurst war zur Erde gefallen, und über ihr rauften und kämpften die Retter, und Bimm Bimm schrie herzzerreißend. –

Herr und Frau Majunke aber sprangen dem beweglichen lärmenden Haufen zu, und Herr Majunke rief in das Durcheinander hinein: »Ihr Teufelsjungen wißt doch, was bei den Übungen gerettet wird!«

Und Frau Majunke hatte ihren Arm mutig in den zappelnden Haufen gesteckt, wie in einen Klumpen Krebse, um die Wurst nun wirklich vor den Handscheren ihrer Kinder zu retten, zog aber mit einem Jammerton nur die leere Wursthaut aus dem kneipenden Wirrsal hervor. Sie hatten die Wurst ausgedrückt und es war, außer an den fettglänzenden Fingern und Mäulern, von der Füllung kein nennenswertes Atom mehr vorhanden.

Herr und Frau Majunke sahen sich starr an.

»Empörend,« sagte Herr Majunke.

170 »Das ist gestohlen!« rief Frau Majunke in sittlicher Entrüstung.

»Wird's wohl!« rief wiederum Herr Majunke, dem mit einemmal, wie es schien, ein himmlischer Geist einen Rohrstock in die Hand gedrückt hatte, den er nun über dem schmatzenden und leckenden Wirrsal empfindlich schwirren ließ.

Und ehe man es sich versah, stand alles auf den Beinen. Sie hatten sich selbst und gegenseitig zum Verwundern gründlich abgeleckt.

Herr Majunke hielt eine kurze donnernde Ansprache an alle, worin von allerlei bald erfolgenden Strafen und Unannehmlichkeiten beängstigend viel die Rede war.

»Ich komme auf das zurück, was ich euch vordem befahl, und hoffe es jetzt zur Zufriedenheit ausgeführt zu sehen,« sagte er. »Also rettet, was allein rettungswert ist nach Übung sechs – oder – –« Herr Majunke schwang den Stock, den ihm der himmlische Geist, der ihn ihm vorhin in die Hand gespielt hatte, noch immer zu weiterem Gebrauch beließ.

»Also aufgepaßt!« donnerte er.

Das Volk zerstob nach allen Seiten hin, und in kurzer Zeit erschien ein jedes mit einem Buch oder Büchlein in der Hand, und jedes bestrebte sich, ein möglichst ehrbares oder demütiges Gebaren bei diesem Rettungswerke anzunehmen. Nur Bimm Bimm verzichtete jetzt auf den glänzenden Einfall, die Fingerchen durch die Augenlöcher seines Sackes zu stecken, um das Verlockende zu ergreifen, er trug nichts, sondern schrie nur. Die andern aber hatten, der eine den kleinen Katechismus, der andere Morgen- und Abendandachten, der dritte ›Über die Gnadenwahl‹, verschiedene trugen die 171 landesüblichen Gesangbücher, und alle verschwanden mit diesen Schätzen aus der Thür, um sie scheinbar in Sicherheit zu bringen.

»Gottlob,« sagte Herr Majunke und wandte sich an Heinrich Ahrensee. »Sehen Sie, mein Herr, die Ethik – diese Übung soll gewissermaßen den Kindern die Religion befestigen helfen. Ich halte auf diese Übung die größten Stücke.«

»Ob sie besonders praktisch ist,« wendete Heinrich Ahrensee ein, »möchte ich bezweifeln. Ich glaube nicht, daß Sie, verehrter Herr, damit einverstanden wären, wenn die Kinder bei wirklicher Gefahr Ihnen diese Bücher und nichts mehr retten würden!«

Herr Majunke lächelte: »Ich betrachte diese Sache gewissermaßen nur als religiöse Übung, weniger als Feuerwehrübung.«

»Es ist aber eine gefährliche Übung,« sagte Heinrich Ahrensee, »die Kinder gewöhnen sich dabei nicht ganz wahr zu sein.«

»Oho,« antwortete Herr Majunke eifrig in Feuerwehrstimmung.

»Ein frommer Schein ist immer besser als eine garstige Wahrheit,« sagte Frau Majunke zart. Es war jetzt möglich auch zart zu reden, da die Kinder ihr Rettungswerk der frommen Bücher außerhalb des Zimmers zu Ende führten.

Bimm Bimm kam zur Thür hereingestolpert, der Sack machte ihm das Gehen schwer und mühsam, die Augenlöcher hatten sich verschoben, und so tappte er im Dunkeln und gerade auf Kristine zu, lehnte sich an sie und seufzte tief.

Kristine warf einen fragenden, bittenden Blick auf 172 Frau Majunke, der so viel hieß wie: Darf ich ihn herausnehmen? – und Frau Majunke gab einen bejahenden Blick zurück.

Kristine öffnete den Zug, der die Sackquaste zusammenhielt, und schälte den erhitzten, schläfrigen Bimm Bimm, der nur ein braungestreiftes Nachthemdchen an hatte, aus seinem Sack heraus. Der arme Bursche seufzte wieder tief und schmerzlich auf, blieb an Kristinens Knieen lehnen und legte den runden Kopf auf ihren Schoß: »Niß anfassen,« sagte er mit leiser Stimme und schloß die Augen.

In diesem Augenblick kamen zwei Knaben herein, gelb, müde, übernächtig, rückten jeder einen Stuhl an den Tisch, legten Bücher und Hefte lässig auf, und der eine schnappte an dem Deckel eines Taschentintenfäßchens gedankenvoll und trübselig auf und nieder.

»Nun, wird's bald?« sagte Herr Majunke.

Da saßen die beiden armseligen Burschen mitten im Spektakel, verstopften sich mit den Fingern die Ohren und steckten die blassen Nasen in die Bücher.

Das alles spielte sich in wenigen Augenblicken ab.

Müde und abgespannt kamen Vater und Tochter nach diesem Genuß in ihrer stillen Wohnung an.

Die Lampen waren indessen wieder angezündet und es sah leidlich wohnlich aus, wenn man einen Vergleich mit Majunkes Etage anstellte.

Ahrensee küßte sein Kind, ehe er es entließ, und schüttelte lächelnd den Kopf.

»Geh,« sagte er, »morgen erzählen wir uns einander von diesen Käuzen.«

Bald war im ganzen Hause tiefste Stille.

Nur eine Hängelampe brannte trüb über zwei müden 173 Jungen, die wegen der Feuerwehrübung ihre Schularbeiten in später Nachtstunde nachholen mußten.

Sie saßen überbürdet und trübselig und schauten mit den bleichen Nasen mißmuthig in ihre zerarbeiteten Schulbücher.

Und das Treiben bei Professor Majunkes setzte sich abenteuerlich und spukhaft in den ersten Träumen der Neuangekommenen fort.

* * *

In der Villa wurde der neue Weltbürger mit tausend Sorgen erwartet.

Frau Ahrensee ging oftmals sinnend im Hause umher; es war ihr darum zu thun, etwas zu finden, was sie hätte in Ordnung bringen können. Sie hatte sich vorgenommen, auf allen Gängen Teppiche legen zu lassen, aber fand keinen Fußbreit im ganzen Hause, der nicht neu und weich bedeckt gewesen wäre. Sie hatte sich vorgenommen, Thüren und Schlösser auf das sorgfältigste ölen zu lassen, fand aber zu ihrem Verdruß, daß keine Thür, kein Schubfach auch nur den allerleisesten Ton von sich gab; sie versuchte und horchte, fand aber nicht das Geringste zu ändern und zu bessern. Das machte Frau Ahrensee ganz nervös und verstärkte ihre sorgenvolle Erregung, die durch nichts abgeleitet wurde, so daß sie bei hellem Tag Gespenster aller Art sah, sich mit Befürchtungen quälte, auf Vorahnungen lauschte, und daß es ihr mitunter schwer wurde, der Tochter ein unbefangenes, heiteres Gesicht zu zeigen. –

Mittlerweile war die wohlbehütete Ruhe, die die junge Frau umgab, unliebsam unterbrochen worden.

174 Die junge Frau lag schluchzend und ganz verwirrt im Arm ihres Gatten. »So ein Schwein! Arni, Arni!« Der Professor traute seinen Ohren nicht. Er war erstarrt. Dieser Ausdruck von den Lippen seiner eleganten sanften Frau! Unmöglich! Was war das? Eine Undenkbarkeit – und doch? Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Dies unerhörte Wort schien der Ausdruck einer unsäglichen Reinheit zu sein, einer kinderhaften Weltunkenntnis, einer süßen anbetungswürdigen Unlogik. Nie hatte er die Idee der Heiligkeit der Ehe, wie sie im Herzen eines unschuldigen Weibes wohnt, so unmittelbar empfunden. Er war gerührt, beseligt. – O diese süße dumpfe Weiblichkeit – dies Anbetungswürdige!

»Arni, Arni! Wie konnte die Person! Sie war doch so ein nettes Mädchen und so ordentlich!« flüsterte sie bebend mit tiefem Herzensabscheu, und heiße Thränen und bange Aufgeregtheit erschütterten sie.

Professor Henneberg hielt sie schwer besorgt und erregt in seinem Arm. Frau Ahrensee stand händeringend. Der Arzt kam. Unter der Dienerschaft herrschte eine gedrückte, schwere Stimmung, ein bitteres Geschluchz ließ sich in den Wirtschaftsräumen hören.

Es war etwas geschehen, was nicht hätte geschehen sollen.

Als sich die Wellen so weit gelegt hatten, der Arzt gegangen war, die junge Frau zur Ruhe gekommen und behütet und ängstlich wohlversorgt in ihrem Kissen lag, erklang unten in der Küche der Telegraph, der den Diener heraufrief, und dieser erschien vor seinem Herrn, der über den Schreibtisch geneigt dasaß.

»Rufen Sie die Person, sie soll mein Haus in diesem Augenblick noch verlassen.«

175 Bald darauf trat das Zimmermädchen bei dem Professor ein, zitternd und dunkelrot, und dieser warf einen durchbohrenden verächtlichen Blick auf sie, einen Blick, wie er Professor Henneberg sehr leicht wurde, und zählte ihr das Geld auf den Tisch.

»Der Lohn,« sagte er, »Sie gehen augenblicklich. Mein Haus ist kein Aufenthalt für Personen Ihrer Art.«

Seine Stimme zitterte.

Das Mädchen wollte reden, die Thränen rannen ihr übers Gesicht.

»Fort! Fort! Fort!« rief der Professor mit einer Gebärde des Ekels, als wäre an Stelle des Mädchens eine Kröte über die Schwelle gekommen.

Laute Stimmen drangen jetzt aus dem vornehm stillen Hausflur. Frau Professor Majunke huschte in das Haus herein, ihr folgte Mathilde Swensen und dieser eine vierschrötige Person.

Alle drei kamen die Treppe herauf.

Frau Ahrensee und Professor Henneberg traten den dreien im Salon entgegen.

»Hier bringen wir die Amme!« rief Frau Majunke fröhlich.

»Ah, die Amme,« sagte Professor Henneberg wie erleichtert.

»Ja, hier bringen wir sie gleich mit,« wiederholte Frau Majunke. »Eine Prachtperson!«

Frau Majunke hatte sich zu diesem wichtigen Dienst, eine Amme zu finden, eifrig erboten, so daß man es ihr auf einen zustimmenden Wink des Arztes überlassen hatte.

Frau Majunke rief und klopfte Frau Ahrensee mit 176 der Hand, deren Handschuh immer noch wie eine getrocknete Bohnenschale offen stand, auf die Schulter:

»Ich glaube, daß unser Doktor zufrieden sein wird. Sehen Sie sie nur an! Die Person ist außerdem reinlich, hält ihre zwei Kinder gut, und das dritte ist ein sehr kräftiger Junge – und,« flüsterte sie Frau Ahrensee schelmisch ins Ohr, »aus sehr guter Familie ist unser drittes! – Nun?« wendete sich Frau Majunke zur Amme, die sich mürrisch ein paar Schritte vorwärts schob.

Frau Majunke sagte, als sie dies Vorrücken bemerkte: »Sie will jetzt eine Suppe und Ruhe nach der Fahrt. Sie weiß sehr wohl, was sich gehört.«

Frau Ahrensee war nach der Klingel geeilt, um anzuordnen, daß alles aufs beste für die Amme hergerichtet würde.

Professor Henneberg betrachtete die schwergliedrige, hübsche Gestalt mit Aufmerksamkeit.

»Ein Naturkind,« sagte er, »wir sind Ihnen zu größtem Danke verpflichtet, gnädige Frau.«

»Ah, bitte! bitte!« rief Frau Professor Majunke. »Ich habe nur das meine gethan. Nun müssen hier alle das ihre thun, daß Mine sich im Hause ruhig und behaglich fühlt.«

Die Amme schaute mit äußerster Gelassenheit und großer Würde um sich.

»Setzen Sie sich doch,« sagte Professor Henneberg freundlich und schob der derben Person einen Sessel zu.

»Setzen Sie sich,« wiederholte er noch einmal.

Die Amme ließ sich bequem nieder.

An Stelle des entlassenen Zimmermädchens erschien die Köchin und forderte die Amme auf, mit ihr in die Küche hinabzukommen. –

177 Indes die Amme derart empfangen ward, stand auf dem Hausflur an einem der hohen Schränke gedrückt, bleich und zitternd, das Zimmermädchen.

»Du, mein Herr Gott! bist du denn noch immer da?« rief die Köchin halblaut, als sie mit der Amme vorüberging. »Nimm doch die Beine unter die Arme und mach, daß du fortkommst. Deine Mutter geht unten schon auf und ab. Ich hab's ihr sagen lassen, wie's steht. Geh nur, sei ohne Sorge. Deine Sachen schick' ich dir schon. Mach' nur, daß du fortkommst! Jesses, wenn dich der Herr säh'!«

Die Hausthür schlug hinter dem Mädchen zu und man hörte von draußen ein heftiges Aufschluchzen und eine tiefe, gutmütige Frauenstimme.

Eine alte Frau sprach tröstend auf das Mädchen ein, sie ging ruhig und nickte mit dem Kopf und gab dem Mädchen ihr eigenes Schnupftuch, damit sie sich die Augen trocknete.

Armes, elendes Volk, selbst voll Sorgen im Herzen, das sich in der Not noch einander beisteht!

Die Amme hatte, als das Mädchen die Treppe hinabschlüpfte, behäbig zugeschaut.

»Öh!« sagte sie gedehnt und stieß jedes Wort wie einen Kloß von sich: »Die hamm se furtgeschickt.«

»Warum denn?«

»Darum,« sagte die Köchin; »die eine hamse gejagt, als wäre se räudig, die andere hamse eingeholt wie 'n Erntewagen. Gelle ja? Bild' dir nischt ein! Wann se was gebrauchen können, da sieht dirsch ganz anderschter aus – ja dann. Sonst pfeift's aus 'm andern Loche. Das is nu ma' bei den Herrschaften so. Mir schlagen noch alle Glieder.«

178 Am nächsten Tage schon kam Frau Ahrensee auf einen Augenblick zu ihrem Mann, gerade nur auf einen Augenblick, der soviel Zeit gab, ein paar Worte tief bewegt zu flüstern, die Hand zu drücken, eine besorgte Entgegnung zu hören, und wieder davon zu eilen.

Auch in das hohe Giebelhaus, in dem Heinrich Ahrensee und Kristine wohnten, hatte der schwüle Augusttag die Sorge, und das Ausschauen um Nachricht eine schwere Stimmung gebracht.

Heinrich Ahrensee wanderte schweigsam in seinem Zimmer auf und ab.

Er trat an das Fenster und schaute dem Gewitter entgegen, das sich über den Bergen dunkel zusammenzog. Annuschka war eben dagewesen, und er hatte von neuem von ihr erfahren, daß es noch immer nicht gut stände.

Gern wäre er selbst nach der Villa gegangen, fühlte sich aber zu krank. Die Reise hatte ihm nicht gut gethan, seit Wochen konnte er sich nicht davon erholen, empfand sein Leiden heftiger und ununterbrochener denn je.

Der hochberühmte Arzt, den er hier konsultierte, hatte ihm sofort mit großer Sicherheit den lateinischen Namen seines Leidens genannt und hatte ihm damit die Gewißheit der Unheilbarkeit und des nahen Todes gegeben, – ein einziges Wort, das er sehr wohl kannte und das ihm oft in schlaflosen Nächten beängstigend vorgeschwebt. Von nun an hatte das Morgenlicht und die hellste Sonne nicht die Macht, dieses Wort aus dem bedrückten Herzen auszulöschen.

Er wußte, daß er noch eine kleine Weile gequält und immer gequälter leben würde. Er wußte aber auch, daß irgend eine Kleinigkeit genügte, das gefürchtete und das ersehnte Ende rasch herbeizuführen.

179 So schaute er zu, wie sich die Gewitterwolken ballten, hörte den fernen Donner, und schwül umgab ihn die Atmosphäre seines Zimmers.

»Arme Menschen,« sagte er vor sich hin, »arme Menschen! – Arme angefressene Menschen. Nun wird wieder ein solcher Narr geboren mit Qualen, um in Qualen zu leben und zu sterben.«

Vor Ahrensees Augen zog das Leben vorüber in dunkeln, schweren Zügen. Das Gewitter kam näher, die Wolken wälzten sich massig über die Gipfel der Berge hin.

Volle warme Windstöße fuhren gegen das Haus und drangen bis in das dumpfe Gemach.

Er sah die Leute auf der Straße eilen. Jedes wollte vor Ausbruch des Wetters ans Ziel kommen.

»So sehen sie ganz wohl aus, als wär's in bester Ordnung mit ihnen!« dachte Ahrensee.

»Ist auch in bester Ordnung. – Jeder trägt den Todeskeim in sich, wie sich's gehört, denn in einer kurzen Spanne Zeit ist mit ihnen allen gründlich aufgeräumt. Bis dahin müssen die, die jetzt hier laufen – und alle Millionen der Erde – zerfressen, zermartert, zermalmt sein, jeder auf seine Weise.

»Arme Menschen! arme Menschen!

»Und nicht genug, daß die Natur an ihnen frißt und zehrt, sie hinschmelzen läßt unter jämmerlichen Qualen; – sie thun's der Natur nach, sehen es ihr ab, quälen einander, einer den andern – und so geht's fort ohne Aufhören, ohne Ende«

Die schwülen Windstöße fuhren ins dumpfe Zimmer hinein und der Donner rollte. Die Wolken stürmten immer noch dahin, ohne Regen zu bringen.

180 Heinrich Ahrensee blickte mit dem ruhigen Gedanken in das Sturm- und Wolkentreiben, daß er bald von dieser Erde scheiden müsse.

Er schaute in das Nebenzimmer nach Kristine aus, ihn verlangte nach ihr. Sie waren sich in diesen stillen Wochen, in denen sie mehr als je aufeinander angewiesen sein mußten, noch weit näher gekommen. Kristine schien ihm unentbehrlich geworden zu sein. Ein heiteres; hoffnungsvolles Lächeln von ihr, die von dem Urteil des Arztes nichts wußte – wie auch niemand sonst außer ihm selbst – that ihm wohl.

Bisher war sie ihm das Kind gewesen, sein liebes Kind. Er hatte sie sich nicht anders, als harmlos froh denken können. Jetzt, wie er sie fast ununterbrochen um sich hatte, empfand er, sie hatte sich in etwas noch viel Lieblicheres umgewandelt: in etwas Tröstliches für Kranke, in etwas Verständiges, Ruhiges für Leute, die verstanden sein wollten, in etwas Helfendes für alle, die ihrer bedurften. Ihrer Heiterkeit war ein fremder stiller Zug beigemischt – es war nicht mehr die alte Kinderheiterkeit, die ihn so sehr an ihr entzückt hatte. Heinrich Ahrensee konnte diesen Schmerzenszug, der hin und wieder zu Tage trat, nicht recht erklären. War es das ahnungsvolle Erkennen seines nahen Todes? war es Mitleiden mit ihm? – er wußte es nicht. Dieser Zug in ihrem Wesen mochte wohl auch nur für ein sorgendes Auge wahrzunehmen sein. Er drängte sich nicht vor. Kaum war ein Augenblick am Tage, daß sie nicht bei ihrem Vater, bei Mutter und Schwester und da unten in dem armseligen Durcheinander helfend beschäftigt war. Dort mochte sie wohl der erste helle, ruhige Stern sein, der diesen Geschöpfen aufging.

181 Und auch jetzt waren die Kinder wieder bei ihr.

Das Gewitter hatte sich inzwischen kräftig entwickelt, die Windstöße waren naß und kühl geworden. Die Blitze zuckten, der Donner rollte und der Regen troff mächtig nieder.

Als der Kranke in Kristinens Zimmer eintrat, fand er sie mitten unter den Kindern; Bimm Bimm saß auf ihrem Schoß und hatte den Kopf an ihren Hals versteckt, aus Furcht vor den Blitzen.

Kristine erzählte ihm und den andern. Die drei größten Buben waren ihren Schularbeiten entlaufen, um mit zuzuhören und hielten Buch und Federhalter in den tintigen Fingern.

Annuschka kam angeschlichen und meldete Frau Müller – Jekatirina Alexándrowna –, die eben trotz des Gewitters vorgefahren war.

Jekatirina Alexándrowna begrüßte Heinrich Ahrensee auf eine weiche Art. Sie wußte, daß er ein aufgegebener Mann sei. Bei Professor Henneberg waren sie einander begegnet und schienen sich gegenseitig sympathisch zu sein.

Jekatirina Alexándrowna strich Kristine, die den eingeschlafenen Bimm Bimm auf den Armen hielt, über das Haar und sagte zu Heinrich Ahrensee gewendet: »So ein Blondkopf! Es ist etwas Eigenes um diese Blondköpfe; wenn sie die rechte Art sind, so hat man mit ihnen einen Sonnenstrahl im Zimmer. Aber es müssen die rechten sein.«

»Sie ist ein rechter,« sagte Heinrich Ahrensee.

Kristinens Augen aber hingen gespannt – durchdringend, angstvoll, forschend an Jekatirina Alexándrownas Zügen. Sie wußte es ja, wessen Schwester 182 diese gealterte Frau war. Sie hätte ihr mit einem Aufschrei an die Brust sinken mögen. Sie hätte vor ihr hinknieen mögen und bitten: »Sag' mir von ihm! sprich mir von ihm! Wo ist er um Himmels willen?«

Aber der tapfere Blondkopf wurde der sie überwältigenden Erregung Herr. Es war nur ein Augenblick, dann schauten ihre Augen wieder ruhig.

Jekatirina Alexándrowna blickte nachdenklich auf das junge Mädchen, als hätte sie den eigentümlich angstvollen Blick, der auf sie gerichtet war, bemerkt. Als sie sich nach der jungen Frau erkundigt hatte, sagte sie zu Heinrich Ahrensee gewendet:

»Wir beiden alten Weltverächter sehen der Geburt von so einer armen Eintagsfliege mit größerem Mitleid entgegen als die aller menschenfreundlichsten Herzen. Nicht wahr? Wenn es ein Bub wird, soll er ja gescheit sein und nach seinem Vater schlagen. Solche Leute kommen durch die Welt. Wozu soll man einem Kinde Dinge wünschen, die für diese Welt verderblich sind, etwa ein weiches Herz, oder ein tiefes Gemüt, oder einen großen Hang zur Wahrhaftigkeit oder dergleichen. Blinde, die so etwas ihren Kindern wünschen können oder sich freuen, wenn sie dergleichen entdecken! Arme Kinder, euer Reich ist nicht von dieser Welt, und sie sollen doch hier gerade Fuß fassen.«

Kristine blickte Jekatirina Alexándrowna mit großen Augen an. Es war zum erstenmal, daß sie einen Menschen sagen hörte, es wäre besser, nicht wahr zu sein, es wäre besser, kein weiches Herz zu haben. Und die es sagte, war Kers Schwester. Und Kers Schwester hatte dies mit solch warmer Stimme gesagt, so ruhig und einfach, daß man hätte meinen können, sie hätte gerade vom Gegenteil gesprochen.

183 Und ihr Vater hatte zu dem, was Jekatirina Alexándrowna meinte, genickt, ihr eigener Vater!

Die Stimme aber, mit der Jekatirina Alexándrowna die neue Botschaft verkündete, hatte es Kristine angethan. Erinnerte diese Stimme sie an Kers Stimme?

Kristine lauschte mit angehaltenem Atem, und ihr war, als versänke sie rettungslos in ein Meer von Sehnsucht. Aber nein, nein, nein! Sie wollte nicht versinken, sie durfte nicht, und wieder kämpfte sie stark und tapfer und siegte wieder über sich selbst.

Heinrich Ahrensee hatte den erstaunten fragenden Ausdruck seines Kindes bemerkt und sagte zu Jekatirina Alexándrowna:

»Wir haben da eine Zuhörerin, die sich jetzt über uns ihre Gedanken macht. Nicht wahr, Kristel?«

»Ja,« sagte sie leise, »ich glaubte, Wahrheit wäre das Beste.«

»Für Engel,« unterbrach sie Jekatirina Alexándrowna.

Jekatirina Alexándrowna faßte Kristinens Hand.

»Armes kleines Lamm,« sagte sie.

In diesem Augenblick trat wie durch ein Zauber vor ihre Seele das Bild ihres Bruders Dmitri, und sie erinnerte sich, daß er bei Ahrensees ein paar Tage gesteckt haben sollte. Von ihm selbst hatte sie, seit er von Jena fort war, nichts mehr gehört. Und wie Dmitris Bild in ihrem Herzen auftauchte, war's ihr zu Mute, als müßte der junge Blondkopf auf ihren Bruder Eindruck gemacht haben. Sie erinnerte sich, daß er schon von der Schönheit der Schwester gesprochen hatte, der närrische Schwärmer, trunken ohne Wein und verliebt ohne Mädchen, dieser Wolkenläufer! so dachte sie. Wenn 184 das Leben ihn einmal zu packen bekommt! Möchte wissen ob er sich bewährt.

»Wie ist es denn,« frug Jekatirina Alexándrowna, »der Junge, der Dmitri, war bei Ihnen – und ging nach Petersburg zurück? Ich verstehe nicht, er hat mir nicht geschrieben, die ganze Zeit nicht –«

»Nicht nach Petersburg zurück,« entgegnete Ahrensee, »nein, er hatte eine Reise vor sich um die halbe Welt, zum Amur. Ich glaube, er ging als Gehilfe des Gouverneurs oder im besonderen Auftrag. Ein wichtiger Posten für einen so jungen Mann.«

»So weit?« fragte Jekatirina Alexándrowna.

»Er blieb nur zwei Tage, glaube ich, und mußte dann an Bord. Das Kriegsschiff, mit dem er ging, hatte bei uns in Wiborg angelegt.«

»Er hat Ihnen nicht geschrieben?« frug Kristine kaum hörbar, während sie Bimm Bimm, der erwacht war, von ihrem Schoß gleiten ließ. Sie war erbleicht.

›Was ist da vorgegangen‹ dachte Jekatirina Alexándrowna und schaute vor sich hin.

»Ist er, wie soll ich sagen – zufrieden gegangen?«

»Das schien mir so,« antwortete Heinrich Ahrensee. »Er sagte mir, daß er hinaus in die Welt wolle, daß er arbeiten wolle, als er Abschied nahm. Deshalb habe er die Stellung, die sich ihm bot, fast ohne Besinnen angenommen.«

»Ohne Besinnen,« sagte Jekatirina Alexándrowna langsam und blickte auf Kristine, als wollte sie von der das Wahre erfahren.

Kristine aber schwieg. Was sie wußte, war in ihrem Herzen begraben, und sie dachte, Ker werde seinen Grund haben, weshalb er nicht schrieb. Aber es zog sie mächtig 185 hin zu seiner Schwester, sie hätte ihr die Hände küssen, den armen Kopf an die Brust der ernsten Frau legen und sich ihr vertrauen mögen.

In diesem Augenblick that sich die Thür auf, und Frau Ahrensee trat mit rotgeweinten Augen, den Hut nicht mit der an ihr gewohnten Sorgfalt gebunden, eilig ein. Heinrich Ahrensee fuhr merklich zusammen und wurde bei dem Anblick seiner Frau bleich.

»Es ist ein Töchterchen!« sagte Frau Ahrensee. – »Es ist alles viel besser gegangen, als wir dachten.« Damit sank sie mit beiden Armen ihrem Mann um den Hals. »Aber wie soll man sich über ein Geschöpfchen freuen, das mit solchem Jammer auf die Welt gebracht wird? Die arme Olga, wir werden sie noch lange, lange krank haben.« Damit brach Frau Ahrensee in heftiges Weinen aus, die Erregung, die Angst des ganzen Tages machten sich jetzt bei ihr geltend.

Heinrich Ahrensee ließ sie sich ausweinen.

»Die Kinder leiden zu sehen, das ist doch das Härteste auf Erden!« sagte Frau Ahrensee mit von Thränen gebrochener Stimme und strich Kristine, während sie das sagte, zärtlich über die Wangen, so mütterlich schützend.

»Nicht wahr, meine Kristel, du bleibst bei uns? du Herzenskind!« schluchzte sie. 186

 


 

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