Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Helene Böhlau >

Das Recht der Mutter

Helene Böhlau: Das Recht der Mutter - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Recht der Mutter
authorHelene Böhlau
year1896
firstpub1896
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleDas Recht der Mutter
pages377
created20140211
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Drittes Kapitel.

Indessen hatte Peter Fuhks seinen Freund wieder aufgesucht. Er hatte die Thüre vorsichtig geöffnet und war zaghaft eingetreten, als wäre das Zimmer nicht mehr sein eigenes. Ker hatte den Rock ausgezogen, saß am offenen Fenster und kratzte auf Fuhksens Geige.

»Wie befindest du dich?« frug Fuhks in seiner langsamen, förmlichen Weise.

»Ich habe dir hier deinen Krimskrams mitgebracht,« sagte Ker, ohne von der Geige aufzublicken.

Sie hatten mittlerweile das sonderbare Reisegepäck, das aus alten Körben, die mit allerlei Hausratwust gefüllt waren, aus dem Schiffe heraufgebracht.

Fuhks stürzte darauf zu. »Wahrhaftig,« rief er, »da sind die Sachen.« Und er begann sogleich zu kramen und richtete eine große Wühlerei an. Alte Kleider quollen unter seinen emsigen Fingern aus alten Bündeln. Ein verschabtes Handbeschen fiel auf den Boden. Fuhks hob es gleich auf und blickte es nachdenklich von allen Seiten an. – »Ich weiß gar nicht,« sagte er, »ob das auch wirklich das unserige ist. Ich meine, das hätte keinen rötlichen Streif um den Rand gehabt.«

Ker blickte lächelnd auf seinen Freund. Da polterten Flaschen, in graues, verstaubtes Stroh gehüllt, 101 aus einem zerschlissenen Korbe, verrostete Blechbüchsen kommen zum Vorschein, ein paar abgestoßene Teller, ein Salzfaß, zwei Tassen ohne Henkel, ein verworrener Knäuel schmutziger Fäden.

»Mein Gott,« sagte Fuhks, »was bedarf der Mensch alles zum Leben!«

Es roch jetzt im Zimmer nach feuchtgewesenem alten Staub.

»Nein, daß du den Krimskrams mir mitgebracht hast! Als wenn du wüßtest, daß mein Herz daran hängt, an dem alten Zeug, als wenn du das verstehen könntest, daß der alte Plunder mir so teuer ist wie meine Heimat! Ja, daß er eigentlich meine einzige wahre Heimat ist! Vaterhaus und alles!«

Fuhks sprach diesen gewiß armseligen Begriff, den er von Heimat und Vaterhaus hatte, äußerst heiter aus.

»Wo ist denn aber –!« rief er mit einem mal aus, »ich hatte doch das Beste ganz nach unten gesteckt?« –

Fuhks tastete zwischen den Sachen, wühlte wie ein Maulwurf und förderte ein paar vergriffene Bände zutage.

»Aber weißt du, – dieser Hauswirt!« rief er außer sich, »ist ein Schwein, so zu sagen, es fehlt ihm überhaupt alles Herz. Es ist gar nicht über ihn zu reden. Er liegt außerhalb von alledem, worüber ein anständiger Mensch reden darf! – Nein! – wenn ich dir sage: – da hat er dein Judenlied behalten! – natürlich Ker!« – Fuhks schaute ganz verwirrt. – »Nein! doch nicht! – Gott Lob!«

Fuhks hatte wütend gewühlt, war ganz in Staub gehüllt.

»Da ist's!« rief er glückselig. »Ker, unser Bestes! Das Judenlied. Unser hohes Lied. Weißt du, in deiner 102 runden herrlichen Stube hast du es mir vorgelesen – weißt du noch?

– Und du kannst denken, wie ich gerannt bin, um das wenigstens herauszubekommen von der Hundeseele. – Ja was denkst du, ausgespuckt hat er – der –

Nichts herausgegeben hat er.«

Fuhks schlug die kleine Mappe auf und brummte ungeschickt und bewegt vor sich hin:

»Wer ist es, die hervorschimmert
unter den Rosenbüschen,
schön wie die Morgenröte
und wie das erste Licht des Tages
unter den Palmen im Thal?

Ach, Ker, was bist du doch für ein glücklicher Mensch!«

Er hatte in seinem Eifer gar nicht auf den Freund geachtet, der in sich versunken saß, immer noch Geige und Bogen haltend, und der sich jetzt hastig erhob und mit von innerem Kampf verzogenen Lippen sagte:

»Laß das! Glücklich sagst du? Ich bin Bettler!« –

Fuhks starrte ihn ganz verblüfft an.

Er machte keine Anstalten, sein Mienenspiel zu ändern.

»Sie haben mich betrogen,« sagte Ker weiter, »ich habe nichts mehr. Fuhks, es kann sein, daß du mir helfen mußt – es wird so sein.« –

Ker suchte in seiner Brusttasche, nahm ein zusammengefaltetes Papier auseinander und legte es auf den Tisch.

»Lies dies! Es ist eine Vollmacht, die dir das Recht giebt, mich in meiner Sache zu vertreten. Ich 103 selbst muß fort – hab' mich schon verkauft. Mit allem, was ich wollte, ist's zu Ende – für immer zu Ende. Du wirst mich schon begreifen.«

Ker sprach mit schwer erregter Stimme in abgerissenen Sätzen.

Aber Fuhks begriff nichts, sondern starrte den Freund an.

»– Hier ist, was ich noch an Geld habe – es ist ziemlich viel. Ich brauche jetzt nichts, ich habe ja Gehalt!« rief Ker höhnend, »und wenn es nicht genug ist, den Prozeß zu führen, verkauf' alles hier und in Jena. Ich habe dort Pferde, die Einrichtung, die Bibliothek, und hier die Yachten, Boote, meine Sammlungen, was du herausbekommen kannst, Kleider, Pelze, auch noch einigen Schmuck von Mama, alles, alles! Du lebst davon, so viel du brauchst. – Vielleicht ist alles nicht genug. – Ich hätte gern deinen Vater über alles gehört.

»Er ist jämmerlich zu Grunde gegangen,« fuhr er fort, »du hast ihm und dir nicht helfen können! Das Schicksal läßt sich nicht ins Handwerk pfuschen. Es kann mitleidige Helfer nicht leiden. – Solche, denen es zutraut, daß sie den eigentlichen Zweck des Lebens vergessen, und statt nur an ihren Vorteil zu denken, andern armen Teufeln, die in Not sind, beispringen möchten – die läßt es arm sein – oder macht sie arm. – Wie dich armen Kerl, und jetzt auch mich. – Mit dem Geld ist mir meine Kraft genommen und meine Ziele; nicht das Fressen und Saufen, so viel werde ich schon finden, wenn ich alles ansetze, um mich satt zu machen. – Das ist es nicht, was mich ängstigt, wahrhaftig nicht!«

Fuhks hatte wie verwirrt seinen Freund reden 104 gehört. »Lieber, lieber Ker,« rief er jetzt und legte seinem Freund beide Hände auf die Schultern. »Du kommst, um bei mir Trost zu suchen für etwas, was dir geschehen ist. – Ach, mein lieber Ker, wie glücklich und unglücklich bin ich darüber. – Ja, du hast recht, die Leute, die so recht von ganzem Herzen helfen möchten, die sind immer arm und elend – wenigstens arm, wie ich, denn elend bin ich nicht – mir geht's recht wohl; aber dir, mein lieber Ker, was ist dir geschehn? Sprich mit mir, sag' mir alles und jedes – und am helfenwollen soll's nicht fehlen, das weißt du. Aber was soll ich thun?« frug er ängstlich.

Ker drückte ihm beide Hände.

Und nun erzählte Ker erregt alles, was ihm in den letzten Tagen widerfahren war.

Peter Fuhks war seinem Freunde aufmerksam gefolgt, weit mehr als aufmerksam, ganz hingebend.

Peter Fuhks konnte zuhören, wenn ein anderer von sich sprach – ganz unselbstsüchtig zuhören.

Einem Neuling im Leben scheint das nicht viel – ›zuhören‹! als wenn das helfen oder trösten könnte! zuhören! als wenn das irgend etwas bedeutete!

Weder Geist noch Kraft noch Witz noch Schlauheit gehört dazu; aber vielleicht Herz, und zwar für diese arge Welt ein ganz gewaltiges Übermaß von Herz.

Wenig Leute verstehen zuzuhören und wenig Leute haben Herz. Nicht etwa ein Zuhören, wie man es wohl findet, wo Höflichkeit geübt wird und ein jeder abgerichtet ist, ein aufmerksames Gesicht zu ziehen.

Nein, anders – mit ganzer Seele sich selbst vergessend, aufgehend in den andern, voll und ganz, die eigene 105 Machtlosigkeit verwünschend, ganz hilfebereit und opferbereit, ganz Mitgefühl.

Solch einen Zuhörer hatte unser Freund. Was Wunder, daß er in der bösen Lage, in der er sich befand, zu diesem Freund gereist war. Unzähligemal fuhr sich Peter Fuhks über den Mund, mitfühlend, oder bedauernd, oder verächtlich, oder übereinstimmend, oder im edelsten Zorn, in der Erkenntnis, wie übel man seinem lieben Ker mitgespielt.

Und er wußte nicht zu helfen, er wußte nicht.

Ratlos hatte er in dem ärmlichen Stübchen Umschau gehalten, seine Blicke hatten an dem eingesessenen zerschlissenen Sofachen gehangen, dessen halbes Polster auf der Erde auflag.

Die Blicke blieben an dem Büchergestell hängen, das er sich selbst aus einem Brett und Bindfaden zusammengeknüpft hatte; an den kahlen Rohrsesseln, dem Tisch mit grünem Wachstuch überzogen, an seinem wundervollen Bärenfell, das er mit samt der Geige als einziges Besitztum aus dem Zusammensturz seines früheren Heims sich gerettet hatte. Und während seine Blicke auf dem Bärenfell ruhten, ging mit diesem eine Wandlung vor. Es war mit einemmale nicht mehr Peter Fuhksens Bärenfell, – Fuhks hatte es seinem Ker soeben in seinen Gedanken feierlich geschenkt. Ker sollte es haben – sollte es mitnehmen.

Das war das einzige, was er jetzt für ihn thun konnte.

Ker wußte von dieser liebevollen Schenkung freilich noch nichts. Aber er hatte dennoch soeben das einzige wertvolle Eigentum eines armen Menschen geschenkt erhalten.

106 Fuhks saß vorgeneigt auf einem strohgeflochtenen Sessel. Sein straffes Haar fiel ihm wie immer, wenn er gebückt saß, in zusammenhängenden Strähnen über die Ohren. Und diese Ohren wurden bei jeder Gemütsbewegung rot, und wenn sein Gemüt bewegt war, hielt er sich immer gebückt.

Und jetzt war er tief bewegt und rotohrig und in sich zusammengesunken. Wenig Vertrauen erweckend für einen Menschen, der energisch handeln soll, – der seinem Freund, wie Peter Fuhks es eben gethan, versprochen hat, alles daran zu setzen, um eine schwere Sache durchzuführen.

Während er sich mit aller Kraft und Liebe, ganz heiß im Gesicht, hineindachte, wie der arme Ker wieder zu dem seinigen gelangen könnte, waren die Gedanken ihm sachte, unmerklich aus seiner freundlichen Seele entwischt und ihre eigenen Wege gegangen zu ihrer Erholung.

Mitgefühl strengt auf die Länge doch an, und es muß auf dieser Welt alles natürlich zugehen, und Mitgefühl ist nicht so natürlich, wie vielleicht hier und da eine harmlose Seele annehmen mag. Mitgefühl und Freundschaft ist ein Vergessen des eigentlichen Lebenszweckes – und dieser eigentliche Lebenszweck, das gegenseitige Sichfressen und Anfressen, läßt sich nicht allzulang vergessen.

Peter Fuhksens Gedanken also waren unversehens auf die von allen Lebendigen betretene Straße gelangt, die zum Ziele hat, die eigene Person, und nur die eigene Person zu Glück und Wohlergehen, zur Erfüllung aller Wünsche zu führen.

Peter Fuhks sah im Geiste ein paar Augen auf sich gerichtet, ach, unbeschreiblich schöne Augen.

Über Peter Fuhksens Züge glitt es wie Sonnenschein, das Blut wallte ihm zum Herzen.

107 Er stand auf und fuhr sich langsam mit der Hand über den Mund.

»Ker,« sagte er, »wir kommen schon durch. Der Minister hat dir ja auch zu helfen versprochen.«

Das sagte der gute Fuhks freundlich beschwichtigend, und wollte doch selbst nicht so recht daran glauben.

»Ich sagte dir schon, daß ich ihm nicht traue. Es war zu ehrlich, was er sagte. Ich kann nichts glauben. Er ist Freund von Sztipann Sztipannowitsch. Sie kennen sich seit lange. Er wird nichts thun. Es wird mir immer klarer, daß es nur leere Worte waren, um mich hinzuhalten, nichts wie eine Falle – die Stellung und alles. – Und ich – ich gehe mit offenen Augen in die Falle!«

»Aber warum denn?«

»Ich kann nicht anders, ich habe schon zugesagt. Am 9. geht das Schiff. Noch zwei Tage. Ich habe mich verkauft. Es blieb mir nichts übrig.«

Durch das offene Fenster klangen helle Stimmen und jugendliches Lachen. Peter Fuhks fuhr mit dem Kopfe in die Höhe, so daß seine steifen Haarsträhnen die roten Ohren frei ließen.

Seine Augen, die am Munde des Freundes hingen, bekamen einen erschreckten, gedankenlosen Ausdruck. Er erhob sich und machte sich am Tische etwas zu thun.

»Fuhks! Herr Fuhks! Fuhks!« klang es unter Lachen. –

Fuhks, der gute Mensch, der seines eignen Herzens Angst und Freude wie etwas Ungehöriges vor aller Welt Augen zu verbergen strebte, dem gerade standen seine Herzensempfindungen in für alle Welt leserlicher Schrift auf Stirn und Wangen, rote Flämmchen 108 begannen zu glühen, die Ohren brannten, und da war kein Empfinden so rein und groß, so verschwiegen und heilig, wenn es sein Herz zu erregen begann, so glühten die Ohren. Und jetzt lachte und rief es unten wieder.

»Was ist dir, Fuhks?« frug Ker.

»Du,« sagte Fuhks, »das sind die Mädchen von Ahrensees, die wollen irgend etwas.« Er sagte es auf die gleichgiltigste Weise von der Welt –

»Weißt du, Ker,« und es brach auch in der Stimme erregt durch, »herauf dürfen sie natürlich nicht, nie und nimmermehr! – Was sollten sie denn denken! Mach' dich rasch fertig, wir müssen hinunter.«

»Höre einmal,« sagte er und hatte, wie es schien, Umschau im Zimmer gehalten, »deine Verwandten hätten dir auch eine bessere Wohnung anweisen können.«

»Bewahre,« sagte Fuhks, »was denkst du denn? Ich hätte bei Ahrensees selbst wohnen können; – aber das ist mein Zimmer, mein eigenes – ich bin so, du weißt ja.« Damit drängte er Ker zur Thür hinaus und schob sich selbst so eifrig nach, daß er seinen Freund gehörig auf die Fersen trat. Er hatte in seiner Erregung die Thür zum Hinausschlüpfen nur viertels geöffnet.

»Herr Fuhks!« rief es, »Fuhks« und kam die breite, dämmerige Treppe, die die Freunde herabgingen, herauf, langsam, zögernd.

»Ja, das sind sie,« sagte Fuhks stotternd.

Jetzt stand man sich gegenüber.

Fuhks stellte ganz verwirrt seinen Freund den beiden Mädchen vor.

Mathilde wendete sich an Ker und begrüßte ihn als alten Bekannten aus Jena. Ker war im ersten 109 Augenblick betroffen, schien sich Mathildens nicht sogleich erinnern zu können, begrüßte sie aber sehr höflich. Kristine war etwas befangen und sagte nach einer Weile: »Wir kamen, weil wir dem Vetter Fuhks eine Freude machen wollten. Er wünscht so sehr, daß Sie uns kennen lernen, da wollten wir Sie bitten, mit ihm zu uns zu kommen.«

Über Fuhksens Gesicht ging ein wunderliches Leuchten, was er auf der dämmerigen Treppe, in der fast dunkeln Ecke, in die er gedrückt stand, ruhig strahlen ließ.

Wie es ihm wohl war!

Er hätte sich nichts Besseres wünschen können. Nicht seine kühnsten Träume wären auf dergleichen verfallen.

Wie gehoben stand er jetzt neben seinem schönen Freund. Ja – ja, sein lieber Ker hatte sich doch nicht an einen ganz Unwürdigen gewendet. Ker mußte fühlen, daß Peter Fuhks hier geachtet wurde, daß er etwas galt. – Und wenn er das Mädchen erst kennen würde, das hierher kam, um ihm, dem armen unbeholfenen Fuhks, solch eine Freude zu bereiten!

Ker aber schien weder die Freundlichkeit der Familie Ahrensee gegen seinen Freund, noch das Mädchen zu beachten. Er war zerstreut und still und hatte nur mit einer zustimmenden Verbeugung auf die Einladung geantwortet.

»Herr Fuhks, wenn Sie doch ein vernünftiges Boot besorgen könnten, da brauchten wir den staubigen Weg nicht zurückzugehen,« sagte Mathilde sehr unternehmend. Sie waren inzwischen aus dem alten Warenspeicher, in dem Fuhks sein Stübchen hatte, hinausgetreten.

Die frische Seeluft begrüßte sie, die über das Gewühl der Schiffe und Boote im Hafen strich.

110 Fuhks sagte mit einer an ihm unbekannten Bestimmtheit: »Freilich haben wir ein Boot, meinen Walfisch!«

»Fuhks – Sie werden doch nicht? – Lebt denn der Walfisch noch? Sie haben ihn doch als Brennholz gekauft, sagten Sie,« rief Kristine.

»Ja, sagte ich!« erwiderte Fuhks mit einem Anflug von Übermut, der ihn fremd kleidete. »Er ist aber in gutem Stand jetzt. Lieber Ker, ein Boot für zwei Rubel, was meinst du? – eine Schaluppe. Das Pech und Blech natürlich nicht mitgerechnet.«

Ker erwiderte nichts.

»Kommen Sie, bitte, kommen Sie!« rief Fuhks. »Oder warten Sie, ich bringe noch was!« und in großen Sätzen war er auf und davon und kam nach einer Weile mit seinem Bärenfell beladen zurück.

Seine Freudigkeit und Lebhaftigkeit hatte etwas von einem kleinen Wagen an sich, der lange nicht geschmiert wurde und dessen Räder sich holprig um die trockenen Achsen drehen.

Er führte seine Gäste durch einen kleinen, düstern Hof, dann durch einen langen, kahlen Hausflur, durch ein Gärtchen, in dem ein paar Birken standen und Kohl gepflanzt war und Beerensträuche wuchsen, und über eine kleine, versandete Bleiche, auf der blaue Schürzen zum Trocknen lagen.

Der Garten führte zum Hafen hinab, und an seinen Mauern plätscherte das Wasser.

Allerlei Bote lagen hier angekettet.

»Man hat mir gestattet,« sagte Fuhks, »meinen Walfisch hier aufzubewahren.«

Die Mädchen lachten.

Da lag der Walfisch, wahrhaftig eine Schaluppe, 111 breit und lang, weitbauchig, so groß, daß man darin hätte tanzen können, ein schwerfälliges Ding, innen und außen dick mit Teer verstrichen und mit Blech vernagelt, geflickt wie ein alter Strumpf. Nur hier und da kam ein unverstrichenes Stück des vermorschten Eichenholzes zu Tage.

»Ich habe ihn selbst hergerichtet, er ist ganz sicher,« sagte Fuhks mit Stolz und sah überglücklich und würdig aus. »Wir können ihn benutzen, ich vertrete es, was ich sage. Er ist auch ganz rein, er sieht nur schmutzig aus.«

Peter Fuhks war wie vertauscht heute.

»Steigen Sie ein! Steigen Sie ein!« rief er lebenslustig und breitete sein Bärenfell im Walfisch aus.

»Nie und nimmermehr!« rief Mathilde.

»Ach geh,« meinte Kristine, »wenn Fuhks sagt, daß er sicher ist, so ist's gut. Natürlich fahren wir. Es liegt sich prächtig auf dem Bärenfell! Komm, Mathilde!«

Mathilde ließ sich von Ker und Fuhks hineinhelfen und strauchelte, als sie auf der Bank stand, sodaß Kristine sie lachend auffing.

Fuhks trug an seiner Uhrschnur den Riesenschlüssel, der das Boot loslösen sollte. Es war aber eine beängstigende Operation, ehe dies zustande kam. Fuhksens Uhr schwebte besorgniserregend über dem Wasser und seine Hände zitterten vor Erregung.

»Ihre Uhr, Fuhks,« rief Kristine, »schauen Sie mal meinen Schlüssel an!« Sie zog ihn aus der Tasche und schüttelte damit, »der ist an einem Gummiball, sehen Sie! der kann nicht untersinken.«

Fuhks und Ker holten unter den Bänken die Ruder vor. Das Boot ging leichter als es sich vermuten ließ, und Kristine war sehr vergnügt, kümmerte sich um keinen 112 der Insassen, hatte sich weit übergebogen, den Ärmel etwas zurückgestreift und ließ die Hand im Wasser nachziehen.

Sie trug ein weißes Kleid aus weicher Wolle, das sich ihrer Gestalt anschmiegte. In dem blonden Haar spielte der Wind, den Hut hatte sie abgelegt.

Ker war vom Rudern endlich wach gerüttelt. Die Gegenwart hatte ihn erfaßt. Der Seewind trieb die düstern, schweren Gedanken wie einen Traum auf den Grund seiner Seele zurück.

Halb unbewußt blickte er auf die dem Wasser zugeneigte, von ihrem weißen Kleid behaglich umhüllte Gestalt.

Wie angenehm es war, daß niemand sprach, daß die hübsche Gestalt sich nicht regte.

Ein kleines, unbedeutendes Zwischenspiel, das den schweren Ernst des Lebens für einige Augenblicke vergessen ließ.

Der weiche Wind, der frische Wassergeruch, das sanfte Schlagen der Ruder, die schimmernden Wassertropfen, die Wirbel im Wasser von den Ruderschlägen und der Anblick des jungen Mädchens.

Es war ihm, als läge etwas unaussprechlich Zartes in dem hingeneigten Geschöpfe, als koste ihre Hand mit dem Wasser, als schmeichelten die weichen Falten dem jungen Körper.

Man hatte ihn beraubt, betrogen, das alles hatte ihn ganz unvorbereitet getroffen.

Er war noch so jung.

Seine Natur wollte sich mit aller Kraft von dem Verzerrten, Verworrnen, Wüsten abwenden; aber wohin wenden? Nun – vielleicht kommt doch noch Glück! – –

»Wer steuert?« frug Kristine, ohne aufzusehen.

113 »Niemand,« erwiderte Fuhks gut gelaunt. »Steuer haben wir gar nicht.«

»Da wird's schwer sein, zwischen den Blöcken durchzukommen.«

Mathilde wurde unruhig: »Ist es gefährlich?«

»Bst,« sagte Kristine, »jetzt kommen wir an die Stelle, wo die Hechte stehen. Laßt das rudern sein! – Einen Augenblick! – Bitte!«

Das Wasser war wunderbar klar und durchsichtig; das schwere Boot glitt, wie über der Tiefe schwebend, dahin!

»Dort,« sagte sie eifrig und beugte sich weit über und zeigte in den Schatten eines mächtigen Steines im Wasser, auf dessen Spitze straffes Gras sich eingenistet hatte. »Dort stehen sie! Jetzt sind wir über ihnen. Ich kenn' sie alle. Seht ihr sie? Im Bootsschatten sieht man sie ganz deutlich.«

Jetzt bog sie sich zu Mathilde hin, schlang ihr den Arm um die Schulter und flüsterte ihr ins Ohr:

»Bis hier an den Stein bin ich heut' morgen geschwommen.«

Mathilde errötete und blickte verschämt zu Ker hinüber.

»Aber Tina,« sagte sie laut verweisend.

»Ja, aber wie werden wir landen? der Walfisch geht zu tief.«

»O ho,« lachte Peter Fuhks auf.

Kristine blickte ihn forschend an. »Ich glaube,« sagte sie zu Ker gewendet, »Herr Fuhks ist sehr froh, daß wir Sie überredet haben mit uns zu kommen.« Mittlerweile waren sie wieder ein gut Stück dem flachen Ufer zugefahren, da gab es einen Ruck, es knirschte, und der

114 Walfisch saß wirklich fest, und die Wellchen glucksten an seinen Planken.

Kristine lachte. »Stoßt nur mit den Rudern, wir müssen zurück, wo die Föhren über dem Ufer stehen, da wird es vielleicht besser gehen! Aber ich glaube nicht.«

Das war leicht gesagt, Fuhks und Ker thaten ihr Möglichstes, um den Walfisch wieder flott zu machen, – vergebens.

»Was nun!« sagte Fuhks. »Da ist garnichts zu machen.«

Mathilde war außer sich.

Ehe sie sich zu einer Rede recht besonnen, stand Ker im Wasser; er hatte die Schuhe ausgezogen, die Beinkleider aufgestreift, und arbeitete so im flachen Wasser am Walfisch.

Peter Fuhks folgte zaghaft und verlegen seinem Beispiel.

Kristine ließ ihr ganzes, helles Glockenspiel durcheinander läuten.

»Es geht nicht, – so nicht! Nutzt auch nichts! Das Ufer ist überall flach,« sagte Ker zu Kristine. »Bitte legen Sie mir den Arm um die Schulter!«

Kristine that es, und er hob sie aus dem Boote.

Fuhks blickte seinem Freund erstaunt zu – und wenn sie in dem Boote hätten verhungern müssen, er hätte sich kaum dazu entschlossen, zu wagen, was sein Freund so ganz unauffällig, ohne jedes Bedenken that: aber freilich, was sollte sonst anderes geschehen?

So mußte auch er sich ein Herz fassen und Mathilden hinübertragen.

Ker hielt das schöne, heitere Mädchen fest und behutsam im Arm.

115 »Ich bin recht schwer?« sagte sie leicht befangen.

Er antwortete nicht.

Es war ihm wunderlich zu Mute, dies fremde, warme, schöne Geschöpf so zu empfinden, war es doch, als wenn ihr ganzes Wesen ihn durchströmte.

Er lächelte nachträglich über ihre Frage, und schüttelte kaum merklich den Kopf, trug sie weit hinauf aufs Land. Dann ließ er sie auf den feinen, trockenen Sand niedergleiten, und wieder wie vorhin durchströmte es ihn übermächtig.

Unterdessen war auch Peter Fuhks mit Mathilden auf das Trockene gelangt. Fuhks hatte beim gehen sehr gespritzt, und Mathilden ungeschickt gehalten, da er nicht recht gewußt, wie er sich in solchem Falle zu benehmen habe, und so war seine Last gehörig naß geworden; und um allem die Krone aufzusetzen, hatte er sie, statt auf dem trockenen Boden, ein ganz klein wenig zu früh ins Wasser niedergelassen. Natürlich war dies nicht absichtlich, sondern aus reinster Verlegenheit geschehen, vielleicht auch, weil Mathilde sich gar zu tugendhaft spreizte.

Der Walfisch wurde alsdann noch energisch herausgezogen und verankert.

Jetzt wanderten die vier, Mathilde ungnädig und mit durchnäßten Stiefelchen, Fuhks reuevoll, und Kristine ganz ausgelassen, durch den Birkengarten. Das hohe, dichte Gras duftete, und die silberblinkenden Stämme standen wie darin versunken.

»Wir sind gestrandet« rief Kristine von weitem, »Mathilde ist ganz naß geworden!«

Als sie vor dem Hause angelangt waren, begrüßte Frau Ahrensee, von der Veranda aus, ihre Gäste.

»Nun, ist es euch gelungen?« rief sie den Eintretenden 116 freundlich entgegen, »es freut mich unseres Fuhksens Freund kennen zu lernen. Fuhks sagt mir, daß Sie mir Grüße von meiner Tochter zu überbringen haben.«

Jetzt erst dachte Ker daran, daß Kristine die Schwester der reizenden Frau des soignierten Professors sei, die er in Jena kennen gelernt hatte.

Er sprach mit Frau Ahrensee, richtete seine Grüße aus, konnte sich aber aus dem wunderbaren Traumzustand, in den er gesunken war, immer noch nicht recht befreien.

Kristinens Vater trat ein. Ein heimisches, friedliches Behagen verbreitete sich. Sie sprachen über die bevorstehende Abreise nach Deutschland. Sie erbaten sich Rat, da Ker ja eben aus Deutschland kam.

Als man in bester Unterhaltung war, that sich die Thür auf, und eine untersetzte magere Person in wirrem Haar und aufgestreiften Ärmeln, in einer Schürze ohne Latz und im dunkeln Wollrock stolperte ins Zimmer.

»Annuschka, was willst du?« frug Frau Ahrensee und blickte lächelnd, wie sich entschuldigend, auf Mathilde.

Die Person kam näher, sie hatte wieder wie heut morgen, als wir ihre Bekanntschaft machten, das sehr rücksichtsvolle Vorhaben, zu schleichen und ging wieder wie auf Stummeln. Sie näherte sich Ker und schaute ihn sich mit einer naiven Neugier an, stemmte die Arme in die Seiten und war ganz versunken in seinem Anblick – und wie es schien, befriedigt.

»Annuschka,« frug Frau Ahrensee, »willst du etwas?«

»Katze-Teifel hier?« sagte diese und hob die Decke, die über einem Tisch hing, und benahm sich 117 äußerst kaltblütig bei ihrer improvisierten oder wohl vorbereiteten Lüge.

»Schäm' dich, Annuschka!« flüsterte Kristine ihr zu.

»Kind, ungezogen sein!« antwortete Annuschka in der Art, wie Dienerinnen einem ganz kleinen Mädchen zu antworten gewohnt sind.

Man ließ sie gewähren.

Sie suchte noch einige Zeit, ohne die mindeste Scheu oder Besserung zu verraten, nach Katze-Teifel. Und zur Verstärkung, als Frau Ahrensee ihr ein nicht mißzuverstehendes Zeichen gemacht hatte, sich endlich zu entfernen, sagte sie: »Gut, Katze-Teifel Milch frißt.« Dabei zuckte sie die Schultern, was wohl heißen mochte: ›Annuschka wäscht ihre Hände in Unschuld.‹

Als sie hinausstolperte, sagte sie laut und deutlich und erregte dadurch ein herzliches Gelächter: »Schönes Mensch – Schönes Mensch!«

»Das ist unsere Annuschka!« sagte Frau Ahrensee. »Man hat sich an Annuschka so gewöhnt, Annuschka muß im Hause sein. Sie ginge auch nicht,« setzte Frau Ahrensee hinzu, »selbst wenn wir es wünschten. Was sie hier treibt, weiß ich wirklich gar nicht zu sagen. Sie ist aber fest davon überzeugt, daß sie ganz unentbehrlich ist. Wollte man ihr im Ernste etwas verbieten, so würde sie ganz wild und ungebärdig werden.«

»Solche unnütze Geschöpfe, von denen man sich unmöglich befreien kann, hat man gottlob bei uns in Deutschland nicht mehr,« sagte Mathilde reserviert.

»Glaub's wohl,« meinte Heinrich Ahrensee, »Annuschka wiegen aber all die modernen Damen und Herren nicht auf, die bei euch die Güte haben, sich in euere Dienste zu begeben.«

118 Es fanden sich jetzt noch einige Gäste ein. Der Diener meldete, daß serviert sei.

Fuhks war es während dieses Abendessens so angenehm wie noch nie zu Mute.

Er hörte seinen Ker eifrig sprechen – und sein Ker gefiel allen. Besonders Heinrich Ahrensee und Ker schienen einander zu finden. Sie hatten sich in ein philosophisches Thema vertieft, und Fuhks hörte beiden andächtig zu. Das war ein Feld, auf dem er sich nicht zu Hause fühlte. Nur Fräulein Mathilde benahm sich einigermaßen erhaben und von oben herab, das war nun einmal ihre Art so; aber Fräulein Mathilde war ja im Grund ebenso studiert wie Ker. Es ging die Sage, daß sie ihr Gonvernantenexamen brillant bestanden habe. Konnte Ker das von sich sagen? Nein – Ker konnte das nicht von sich sagen.

Während Peter Fuhks dies auf eine wunderlich verschwommene Weise dachte, empfand er etwas wie einen leichten Schleier vor seinen Augen. Er hatte an diesem einen glückseligen Abend den Wein etwas zu hastig getrunken.

Ein alter Herr aus Dünaburg – er trug eine merkwürdig steife, ehrbare Kravatte, dieser alte Herr, von dem man behauptete, daß er vor fünfzig Jahren ein Semester lang auf der Universität Dorpat gewesen sei – erhob sich, trat zu Peter Fuhks, tappte diesen mit der flachen Hand auf die Schulter und frug:

»Hat denn der junge Mann überhaupt an einer Universität Studien gemacht?«

»Jawohl,« sagte Fuhks, »in Jena.«

»Ach so, in Deutschland.«

Das Gefühl, daß ihm, Peter Fuhks, heute Ehre 119 und Freude widerfahren sei, verließ ihn keinen Augenblick.

Den leichten Schleier vor seinen Augen empfand er als etwas wunderbar Angenehmes. Ihm war es, als breitete sich dieser Schleier allmählich über die ganze Welt aus und es war augenblicklich nur Peter Fuhks und die große Glückseligkeit von Peter Fuhks übrig geblieben, und nur was auf Peter Fuhks Bezug hatte. Er sah Kristinens schönen blonden Kopf neben sich, und Kristine hatte ihm heute die Freude gemacht, daß er seinen Freund hier haben konnte.

Er beobachtete Kristinens Augen. Sie hat so wunderschöne Augen, dachte er wieder und sah diese Augen auf seinen Freund gerichtet – und freute sich.

Ja, meinte er für sich, Peter Fuhks ist nicht so ein Elender wie du denkst. Er kann sich sehen lassen, es giebt Menschen, – und was für Menschen! – die extra zu ihm her reisen, um ihn zu sehen – eigentlich, sagte er sich, giebt es nur einen einzigen Menschen, der dies thut – aber was für einen Menschen!

Peter Fuhks erhob sich, nahm sein Glas mit sich, ging zu Ker und stieß mit diesem an.

»Lieber Ker,« flüsterte er, »ich habe etwas des Guten zu viel gethan, sieht man es mir an?«

»Du?« frug Ker, »nein.«

»Desto besser!« sagte Fuhks, »mir ist es auch durchaus nicht unangenehm zu Mute.«

»Ist es dir auch so wohl?« frug er leise.

Ker nickte lächelnd und Fuhks bemerkte einen Ausdruck in seines Freundes Zügen, so weltvergeßner Art – er hatte Ker wirklich noch nie so gesehen, wie diesen einen Augenblick.

120 Fuhks ging wahrhaft selig auf seinen Platz zurück. –

»Nun ›Freisel?‹« rief Mathilde unvermittelt und mit einem Anflug von Spott über den Tisch, Kristinen zu, die still und aufmerksam Ker zuhörte, der mit ihrem Vater sprach.

»Wissen Sie auch, was ›Freisel‹ oder ›Freiseel‹ bedeutet?« frug Mathilde und wendete sich zu Ker.

»Mathilde!« flüsterte Kristine erregt, »das ist verräterisch.«

»Nun, was bedeutet es denn?« frug Ker.

Es war das erste Wort, das er während des Soupers an sie richtete, und er richtete es an sie in einer wunderlichen Erregung.

Kristine schüttelte leicht lächelnd den Kopf.

»Ich will Ihnen etwas anderes sagen,« begann sie ein wenig verlegen, aber in vertrauensvollem Ton zu ihm geneigt.

»Kennen Sie unser uraltes finnisches Epos?«

»O je!« sagte Mathilde, die ihre Ohren überall hatte und überall drein redete, »jetzt kommt sie mit ihrer Kylliki.«

Und Kristine, die ihm nur die ersten Zeilen vorsagen wollte, kam durch Mathilde in Erregung und sprach lebhaft, ergriffen und unschuldig die Lieblingsstelle in ihrer Kylliki von Anfang bis zu Ende:

»Haus und Hof und reiche Herden,
Unermeßlich weite Wälder
Giebt mein Vater mir zur Mitgift.
Ich bin reich und schön und acht' mich
Einer Königstochter gleich.
Ebenbürtig will ich meinen Gatten,
Ebenbürtig meinem Reichtum, 121
Meiner Klugheit ebenbürtig,
Ebenbürtig meiner Schönheit,
Ebenbürtig meinem jungen Leibe!

Glaubst du, daß ich folgsam wie ein kleines Mädchen
Diesen oder Jenen nehme,
Den mein Vater mir bestimmte? –
Nimmermehr! und eher wollt' ich
Mich mit eignem Haar erdrosseln!
Oder, glaubst du, der bezwäng' mich,
Welcher, roher Kraft vertrauend,
Raubend mich zum Weibe nähme? –
Nimmermehr! – denn wie die Wölfin
Bräche ich aus seinem Lager!

Solchem aber, den ich selber wählte
Aus der Schar der jungen Männer –
– Barde und zugleich ein Krieger –
Solchem wollt' ich willig folgen
Über Ströme, über weite Sümpfe,
Über Seen, über hohe Berge,
Barfuß, jeder Mühsal trotzend,
Bis zum fernen, fernen Meere –
– Sei's denn, daß er mich verstieße –
Willig folgen bis zum Tode!«

Sie hatte nur fragen wollen, ob er die Kylliki kenne, die es ihr so angethan hatte; aber sie war immer tiefer hineingeraten. Wie heute am Morgen hatte sie dabei verständnisinnig ihrem Vater zugenickt.

Mathilde fand Kristinens Benehmen shocking, diesem jungen Manne die dumme Kylliki vorzusagen – geradezu wie eine Aufforderung.

Jetzt schaute Kristine auf und frug Ker: »Wer kann so etwas jetzt dichten?«

Das hatte nun wieder Fuhks aufgefangen und sagte: »Weshalb nicht, der Ker kann das schon.«

122 Und Fuhks, der immer noch mitten in angenehm-schwankenden Gedanken und Gefühlen steckte, that etwas sehr Besonderes, was durchaus nicht zu dem Gebaren des guten Fuhks paßte: Er stand mit einemmal, ohne sich recht bewußt zu werden, wie es geschehen, hinter seinem eigenen Stuhl. Seine beiden Hände lagen ungeschickt auf der Lehne des Sessels, und er schaute auf diese Hände herab und grübelte.

Aller Augen waren mit Erstaunen auf den bescheidenen Fuhks gerichtet.

Und mit einemmal begann er ganz unvermittelt und mit einem unerwarteten Pathos und doch nicht ganz übel zu deklamieren

»Was ist es, das herauf von der Wüste steigt
wie eine Säule feurigen Rauchs,
und wälzt sich heran wie Staub
und wie eine Wolke über die Ebene,
Myrrhe wehend und Opferduft?«

Peter Fuhks ging es wie Kristine, er war von seiner Sache ganz hingerissen und bemerkte die lächelnden Blicke nicht, die auf ihn gerichtet waren, und sprach weiter:

»Wer ist sie, die hervorschimmert
wie die Morgenröte so schön,
schön wie der Mond,
wie Sonnenstrahlen so rein,
und glückselig wie die Heeresscharen Jehovas?
wer ist sie, die herauf von Jerusalem steigt,
aufgelehnt auf den Inniggeliebten?

Mächtiger ist die Liebe als der Tod,
fest wie die Hölle,
unbezwinglich wie das Niederreich.
Wasserwogen löschen die Liebe nicht,
Ströme ersticken sie nimmer, 123
Ihre Gluten – Feuersgluten,
lodernde Flammen Jehovas.
                      Wahrlich!
– Um Kronen nicht und nicht um Welten –
              Liebe ist nimmer feil!«

»Fuhks,« rief Ker lachend, »was fällt dir denn ein! Fuhks!«

Da errötete Fuhks sehr tief und nahm wieder seinen Platz ein.

Alle lachten; aber Kristine ärgerte sich, daß sie lachten.

»Das war sehr schön,« sagte sie zu Fuhks, »geht es noch weiter?«

»Natürlich,« antwortete Fuhks, »das ist ja von Ker. Das ist ja aus Kers Judenlied. – Wissen Sie? das hohe Lied der Liebe – Wissen Sie? – Sie glauben nicht, wie schön es ist.«

»Fuhks! Fuhks!« sagte Ker wieder lachend zu ihm. »Was fällt dir denn eigentlich ein?«

Fuhks aber richtete seine Worte weiter an Kristine und wendete sich, während er sprach, nach allen Seiten hin, als hielte er eine Predigt.

»Ob es schön ist!« sagte er. »Das ist gewiß, ja, es ist schön; aber das ist noch nicht alles. Der Ker hat da eine Entdeckung gemacht, eine ganz merkwürdige Entdeckung.«

Fuhks war ganz in Eifer geraten.

»Zweihundert und vierzig bekannte hochgelehrte Herren, die alle das Judenlied haben ergründen wollen – nichts haben sie entdeckt. Ker aber hat gefunden, daß das Lied aus acht ganz gleichen Liedern besteht. Es hat einer wahrscheinlich einmal diese beinah gleichartigen Lieder gesammelt, und mit der Zeit sind alle diese acht 124 Lieder zusammengeschüttelt, alles durcheinander – immer von neuem alles durcheinander.

»Sie sollten einmal die Riesentabelle sehen, die daheim bei Ker hängt: da stehen die acht Lieder darauf nebeneinander geordnet – und es hat seine Richtigkeit . . . Es braucht nur ein Mensch einen Blick auf diese Tabelle zu thun und er ist überzeugt. Kein Drama, keine Liedersammlung, sondern achtmal ein und dasselbe Lied, nur mit kleinen Variationen! Ganz offenbar, unwidersprechlich: achtmal dasselbe Lied!«

»Nun aber sollten Sie hören, wie herrlich das hohe Lied ist – wie es jetzt mein Freund neu geschaffen hat. Ja, es ist ein Lied, ein Wunder von einem Lied – eigentlich kein Lied, sondern . . .«

»Fuhks!« unterbrach Ker wieder lachend, »was für ein sonderbarer Missionar bist du? Glaubst du, weil das Judenlied uns beiden einmal gefiel, es ginge aller Welt so?«

»Ja,« sagte Fuhks überzeugt, »ja, das glaub' ich. So gieb es doch heraus, Ker! Veröffentliche es doch! Weshalb versteckst du es? Und denken Sie,« sagte Fuhks unbeirrt zu Kristine gewendet, »deutsch hat er's geschrieben. Er ist deutsch wie seine Mutter. Er ist im tiefsten Grund seiner Seele deutsch. – Jawohl.«

Fuhksens Augen richteten sich kampfbereit auf Ker, als wenn er hoffte, daß sein Freund etwas gegen diese Behauptung einwenden würde.

Ker aber schien dies alles peinlich zu sein. Er unterhielt sich mit seiner Nachbarin Mathilde, die, wie alle andern, außer Ahrensee und Kristine, auf Fuhksens Vortrag einigermaßen kühl und teilnahmslos gehört hatte.

125 Was war dieser Fuhks für ein sonderbarer Heiliger.

»Daß ich es nicht vergesse,« fuhr er immer zu Kristine gewendet fort, »das ist eine merkwürdige Geschichte mit diesem Judenlied. Es ist nämlich gar kein Judenlied, sondern ein uralt indisches Lied, eine Hymne, und heißt: Yavana und Nurvady.

»Fragen Sie nur Ker, der weiß alles, der hat's herausgefunden – und reden Sie ihm zu, daß er's veröffentlicht. Er versteckt alles – das muß man nicht thun.«

Er wendete sich jetzt leise eifrig zu Kristine: »Reden Sie ihm zu, daß er's thut. Er muß es thun, es ist notwendig für ihn.«

»Weshalb lieben Sie die Verse aus dem Kalewala, die Sie vorhin sprachen?« frug Ker und bog sich zu Kristine hinüber.

Kristine blickte fragend zu ihm hin. Weshalb sie diese Verse liebte, das wußte sie nicht recht zu sagen.

»Sie sind nicht traurig,« meinte sie nach einer Weile, »auch nicht besonders heiter. Sie sind wie so ein frischer Wind, man wird lustig davon.«

Sie sprach leise zu ihm hingewendet.

Kers Augen ruhten auf ihr; alles Gute, alles Liebenswerte, alles Zärtliche und Frische schien ihm von dieser weißen Gestalt auszugehen. Und Kristine empfand es, wie seine Augen auf ihr ruhten! Sie empfand es mit Jubel.

Es währte nicht lange, da erhob man sich vom Tisch und trat auf die Veranda heraus.

Der lange nordische Sommertag war noch kaum im Ersterben.

Eine weiche Klarheit lag über der Gegend. Über dem Meer schimmerte es wie zarter Dunst. Der 126 Vollmond stand am Himmel in bleicher Scheibe. Man trat von der Veranda hinaus in den Garten. Mathilde befand sich sofort an Kers Seite und bestürmte diesen mit allerlei wissenschaftlichen litterarischen Fragen, versicherte, daß man hier in dieser Einöde wahrhaft verdürstete und verhungerte nach geistiger Speise.

Inzwischen hatte Fuhks sich Kristinen angeschlossen und wandelte mit ihr im Garten auf und nieder.

Daß sie so still mit ihm ging, that ihm wohl und war ihm wie eine langersehnte Erfüllung unbewußter Wünsche.

Kristine erschien ihm wie eben in dieser weichen, hellen Nacht erblüht, so neu, als wäre sie wirklich eben erst entstanden. Sie kam ihm so jung wie nichts sonst auf der Welt vor. Er dachte über mancherlei nach, und nichts schien ihm unentweiht und frisch genug, um es mit ihr zu vergleichen. Doch fühlte er, seine Gedanken mochten noch immer in einer sonderbaren Bewegung sein, und die Notwendigkeit, vorsichtig zu bleiben, drängte sich ihm auf.

Ja, ohne Frage, er lebte den besten Tag seines Lebens.

Nach langem Schweigen sagte er: »Der Ker sollte doch mit uns gehen, ich verstehe nicht, weshalb er nicht kommt. Ich wollte, Sie würden meinen Ker kennen!«

Kristine antwortete nicht, sondern blickte ihn nur mit großen, fragenden Augen an, in denen deutlich zu lesen stand: Red' weiter.

Fuhks aber freute sich dieser schönen, von ihm so sehr geliebten Augen und verstand sie nicht.

Mathilde Swensen kam ihnen jetzt entgegen, leichten, hüpfenden Schrittes: »Tina! Tina!« rief sie schon von 127 weitem und schlang, als sie die schweigsamen Spaziergänger erreicht hatte, den Arm um Kristinens Hals und drückte ihr einen kräftigen Kuß auf die Wange und wanderte energisch, von Hochgefühlen getragen, welche sie heute schon den ganzen Abend belebt hatten, weiter. Sie war mit Ker spazieren gegangen.

Die beiden Spaziergänger schienen jetzt völlig verstummt, Kristine hatte die Augen gesenkt – so tief, daß es aussah, als wandelte sie mit geschlossenen Lidern – und so trafen die beiden Schweigsamen auf einen Dritten gerade als sie am großen erratischen Block vorüberkamen, in dessen Nähe es Kristinen heut am frühsten Morgen im Nebel so beklommen zu Mute geworden war. Dieser Dritte wanderte auch ganz versunken, sah und hörte nicht und wäre vielleicht an seinem Freund und dessen Gefährtin vorübergegangen, wäre Fuhks ihm nicht mit ausgebreiteten Armen entgegengetreten, in die auch Ker einlief, als in den sichersten Hafen, den sein Lebensschifflein bisher gefunden.

Fuhksens Freund, Ker, blickte überrascht und erregt auf. »Nun Fuhks, was sagst du dazu; ich bin deiner Meinung: Es giebt Abende und Stunden, die auch den ärmsten Teufel mit dem Leben versöhnen. Ich sehe schon, worauf es hinaus will – nur nach und nach stutzt das Schicksal dem Hunde Schwanz und Ohren –«

»Ja wohl! So ist's!« rief Fuhks seelenvergnügt. »Du wirst schon sehen, man verschnauft immer ein bißchen zwischen dem Gestutztwerden – das ist ja das Herrliche, mein Ker! – Du mußt das nur verstehen! Ja, dir ist's bisher zu gut gegangen, mein armer Ker. – Nun gehörst du zu uns Burschen, die du in deinem 128 Zorn und deiner Ungeduld heut morgen gelästert hast – – Ja, was meinst du denn, wir sind so elend nicht, wie du denkst – so dämlich sind wir nicht! wohl lassen wir's uns sein bei jeder Gelegenheit, und zwar ganz anders wohl, als ihr Reichen es versteht – so aus voller Seele – weil nichts zu verlieren und wenig zu hoffen ist. – Aber wir machen's schon mit dir, wart' nur! – du sollst nur eine kleine Weile zu uns verschlagen sein – wart' nur, wir machen's schon! Wir verschaffen dir schon dein Recht!«

Ker lächelte. Seine Blicke ruhten, während Fuhks sprach, mit einem wahrhaft strahlenden Ausdruck auf Kristinen. »Mein Fuhks,« sagte er zu ihr gewendet, »ist heute so gut gelaunt, wie ich ihn noch nie sah.«

»Unser Fuhks ist immer gut,« sagte Kristine, »auch immer gut gelaunt.«

»Das sollten Sie nicht von mir sagen, Fräulein Kristine, das verdiene ich gewiß nicht. Ich weiß nicht, ich bin so ein gedankenloser Mensch – die bösen Dinge sehe ich auf Erden gar nicht – nur einzig allein die guten – da ist's kein Kunststück, bei Laune zu sein!«

»Freilich,« sagte Ker, »darum bin ich auch zu ihm gekommen, um mir von ihm helfen zu lassen. Fuhks verliert den Mut nicht, wenn wir andern schon lang an Mut und Hoffnung nicht mehr glauben.«

»Ja, wahrhaftig!« rief Fuhks mit einer komischen Lebhaftigkeit, »ehe ich etwas verloren gebe, das hat gute Weile – und gar zum Beispiel den liebsten, besten Menschen! Ho ho!« rief Fuhks mit einer Stimme, die so wenig seiner gewöhnlichen Stimmlage angepaßt war, daß er selbst ganz erschreckt die Gefährten anblickte – ihm war es, als hätte er gebrüllt; – aber so 129 schlimm mußte es nicht ausgefallen sein; ja sie schienen es beide kaum bemerkt zu haben. Unbegreiflich, dachte Fuhks, wie ich so viel Wein habe trinken können, – es ist wirklich abscheulich; aber man muß es doch auch einmal versuchen.

So bemerkte Fuhks in seiner wunderlichen Stimmung nicht, daß neben ihm zwei junge Herzen, die besten, liebsten Herzen, die er auf Erden kannte, in ahnungsvoller, banger Seligkeit sich einander im Gespräche, in Lächeln und Schweigen, zuneigten. Er bemerkte nicht das wundervolle Strahlen der Augen, das nur in erster unschuldigster Jugend in heiligsten Stunden auf dem Antlitz der Menschen liegt. Die weiche Dämmerung verhüllte es ihm vollends und die wenigen Worte, die gewechselt wurden, trugen kein Zeichen an sich, von dem uralten Wunder, das sich in zwei Seelen vollzogen hatte, ja diese beiden Menschen selbst ahnten nicht daß sie schon vereinigt waren, und jedes von ihnen fürchtete, während eins ganz in das Wesen des andern versenkt war, daß es allein nur diese ahnungsvolle Seligkeit empfände. Wenn er sie anredete, so durchzitterte es sie; wenn er die Augen auf sie richtete, wollte ihr das Herz in der Brust zerspringen; als er neben ihr ging und wie zufällig seine Hand die ihrige streifte, war's ihr, als hätte ein Feuer sie getroffen.

»Ach, du mein lieber, guter Gott,« dachte sie, »was hülfe es, wenn ich auch löge – du siehst meine Seele!«

Ker ging es nicht besser wie ihr. Die Liebe zu dem schönen, sonnigen Mädchen war wie ein Frühlingssturm über ihn gekommen, der sein ganzes Wesen so durchwehte, daß von allem, was ihn niedergedrückt hatte, von allem, was ihn empört hatte, auch kein Atom 130 zurückgeblieben war. – Wie Spreu und dürres Laub und Staub hatte der Sturm all dies ihm aus der Seele gefegt – und sie konnte rein, ungebeugt und ungetrübt das herrlichste Geschenk des Schicksals, die erste große Liebe, in sich aufnehmen. – Kers Gemüt befand sich in einem Rausch – Unglück und Qual, Erbitterung und ohnmächtiger Zorn waren unvermittelt über ihn hergefallen und hatten ihn völlig aus der gewohnten Bahn seines Fühlens und Denkens gerissen, – und jetzt, mitten in diesem Aufruhr seines Gemütes tauchte ein Empfinden auf, von solcher beseligenden Macht, die Erfüllung einer unbewußten starken Sehnsucht, so daß es in der Seele des armen Ker wahrhaft kochte und brauste. Die unverträglichsten Elemente wollten sich verbinden, wollten bald in Verzweiflung und Zorn ganz aufgehen, bald ganz in berauschender Seligkeit, bald schieden sie sich wieder kräftig, um gleich darauf wieder in einander zu stürmen. Unser guter Freund war mit einemmal mitten in's Leben hineinversetzt, in das Leben, das er schon vordem zu kennen und zu beurteilen geglaubt hatte.

Jetzt langten die drei am Hause wieder an, und kamen dazu, wie die Gäste sich empfahlen. Fuhks, der es natürlich in der Ordnung fand, daß auch sie beide nun gingen, nahm einen sehr formvollen Abschied von der Frau des Hauses, und diese lud beide Freunde auf das liebenswürdigste ein, zu kommen, wann es ihnen gefiele.

Als Fuhks und Ker miteinander der See zugingen, um den Walfisch wieder flott zur Abfahrt zu machen, schaute die Familie Ahrensee den beiden langen Menschen freundlich nach.

131 »Höre, mein lieber Ker, was meinst du, wie es mir hier ergeht?« frug Fuhks. »Ach wollte Gott, du hättest Grund so ruhig und zufrieden wie ich zu sein.«

Jetzt standen sie mit einander vor der jungen Birke, unter deren Schutz Kristine am Morgen ihre sieben Sächelchen niedergelegt hatte.

Peter Fuhks blieb vor dem kräftig-zarten Bäumchen stehen, dessen schlanker Stamm wie reines Silber durch das frische Grün glänzte und sagte langsam:

»Siehst du, mein Ker, als ich heute mit Kristine auf und nieder ging, dachte ich: So jung, so frisch, wie eben erst erstanden, kenne ich nichts, wie Kristine. Ich dachte nach, ob mir doch etwas beifallen möchte, was ihr gliche, ich kam aber auf nichts. – Jetzt, wie ich diese Birke sehe, ist mir's, als hätt ich's gefunden. Sie gleichen einander – du mußt mich nicht auslachen – ich meine wirklich. –«

Ker nickte leicht. Fuhks machte sich eifrig zurecht, um zu seinem Walfisch zu waten, um dessen Schicksal er heut abend ein paarmal Sorge empfunden hatte und den er jetzt mit großer Freude wohlbehalten vor sich liegen sah. Ker ging nachlässig, scheinbar ziellos ein Stück Wegs zurück, ohne daß Fuhks in seinem Eifer dessen gewahr wurde. – In der Nähe der schönen, jungen Birke wurden seine Schritte hastiger. – Er stürzte vor dieser Birke auf die Knie, preßte das frische, duftende, feuchte Laub leidenschaftlich an seine Lippen, vergrub seine Stirn darin – einen Augenblick, und mit klopfendem Herzen erhob er sich wieder. Das Laub schien gelebt, duftig geatmet, empfunden zu haben. Es war ihm, als wären Dämonen bei ihm eingezogen, die ihm die Sinne verwirrten, 132 das Herz bestürmten, die ihn Unbekanntem, noch nie Empfundenem entgegentrieben. –

In wahrer Hast beeilte er sich, Fuhksen, der sich am Walfisch abarbeitete und nichts hörte und sah, beizustehen. Sie ließen aber bald ab davon, das Wasser war gefallen, das unförmliche Boot so festgerannt, daß es ruhig liegen bleiben konnte. So gingen sie miteinander nach Fuhksens Turm und ließen auch das Bärenfell im Walfisch liegen.

Als sie in Fuhksens Behausung angelangt waren, bereitete Fuhks seinem Freund aus Decken und seinen eigenen Kissen und allem Möglichen und Unmöglichen ein Lager mit solchem Eifer und solcher Hingebung, daß es undenkbar war, dem guten Menschen irgendwie Einhalt zu thun. Er ruhte auch nicht, bis sein Freund sich sogleich zur Ruhe legte, und freute sich, als sein armer Ker bald in einen tiefen Schlaf verfiel, dann streckte auch er sich zufrieden und glücklich auf dem Sofa aus und war im Handumdrehen aus der ihm so lieben bewußten Gegenwart in eine andere, unbewußte Welt entrückt. 133

 


 

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.