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Das Recht der Mutter

Helene Böhlau: Das Recht der Mutter - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Recht der Mutter
authorHelene Böhlau
year1896
firstpub1896
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleDas Recht der Mutter
pages377
created20140211
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Buch.

Erstes Kapitel.

Ueber dem Strande bei Wiborg liegt dichter Nebel. Milchweiß, nach kräftigem Meeresodem und frischem Birkenlaub und blühendem Grase duftend, verdeckt er die Dächer und Giebel, den Hafen, die alten Mauern und Türme, die Landhäuser inmitten ihrer Gärten, die Irrblöcke und Birkengebüsche, die vollen Wiesen und leichten Hügel des nordischen Städtchens.

Es ist frühester Morgen, die Luft, jeder Ton, jede Lebensregung steht still. Der feuchte, schwere Nebel hält alles im Bann und quillt und wogt.

In einem Hause, das dieser Nebel wie alles für alle Welt verborgen hat, und so versteckt hält, als stände es auf Meeresgrund, schläft noch alles!

In dem hohen, weitläuftigen Vorraum tickt eine Uhr in ihrem geschnitzten, von der Diele bis zur Decke reichendem Gehäuse.

Altersbraune, kunstvoll geschnitzte Schränke stehen an den Wänden, ehrwürdige Gestalten, an denen unsere wanderlustige Zeit vorübergezogen ist, ohne daß sie dieselben von der Stelle zu bewegen vermocht hätte.

Eine breite, schön geschwungene Treppe mit sammetweichem Läufer belegt, führt in den oberen Stock, ein 75 schweres Geländer aus derben, birkenen Säulen giebt dieser Treppe Wucht und Kraft.

Neben der Treppe zu ebener Erde führt eine Flügelthür, ein altes Kunstwerk an Einlage und Schnitzarbeit, in ein Zimmer.

Es ist ein hoher Raum. An die Fenster legt sich der Nebel, der draußen alles verhüllt, undurchsichtig an, wie eine Milchglasscheibe.

In den vier Ecken des Zimmers stehen in großen Kübeln frische Fichten mit hellgrünen Trieben, in der Mitte des Zimmers ein geöffneter Flügel.

Von der Decke herab, gerade über dem Flügel, hängt das Modell eines weißen, schlanken Bootes mit Flagge und Segeln, ein langer, blauer Wimpel an dem Maste.

Zierliche Möbel aus schwarz poliertem Holze mit feinen Kanten und Linien aus Perlmutter eingelegt.

Eine herrliche Kopie der Madonna della Sedia. Das Zimmer ist liebevoll gepflegt.

Eine Glasthür führt hinaus auf die Veranda. Und an der breiten, nur von der Eingangsthür unterbrochenen Wand steht ein zierliches Bett, ein wahres Schmuckkästchen. Wie die übrigen Möbel ist es reich mit Perlmutter ausgelegt. Vier hohe Pfeiler tragen einen Himmel, von dem ein weiches, zartfarbiges Gewebe niederfällt. Das junge Geschöpf, das hier im Morgenschlummer liegt, ist ein rosiges Ding und steckt im Bettchen wohlig eingehüllt, die dicken Zöpfe schmiegen sich ihr an Arm und Hals, goldig schimmernd. Die Hände, ganz junge Hände, liegen schlafesmatt auf der Decke, ein wenig geballt zu weichen, runden Fäustchen, bräunlich von Luft und Sonne gefärbt, kleine 76 Wetterhände, die ein noch kindisches Treiben draußen am Meeresstrand, in Garten und Wald verraten.

Sie hat sich bewegt, der Kopf ist ihr jetzt ganz zurückgesunken.

So liegt es sich nicht gut, so kommen böse Träume, auch am hellen Morgen, die bleiben nicht aus!

Und richtig, da gräbt sich eine Falte zwischen den Brauen, die Stirn wird kraus, die Lippen öffnen sich, Unruhe zieht über das schlafende Gesicht, – ein angstvoller Atemzug, ein zuckendes Auffahren!

Sie ist jetzt wach, mit klopfendem Herzen.

Wer so liegt, den Kopf zurückgeneigt, muß bös träumen, – und sie hat geträumt – einen dummen Traum! Es war ihr, als wäre sie die breite Treppe im Hause herabgefallen – so schnell – so tief – und so lang. – Nein, die Treppe war es nicht, es war etwas anderes gewesen, endlos, dunkel und unbekannt.

Im Traum ist alles sonderbar und unbestimmt, scheint uns vertraut und ist es doch nicht.

Es ist schon heller Morgen.

Verschlafene, noch ganz verwirrte Augen richten sich nach den Fenstern, an die der undurchdringliche Nebel noch feucht anliegt.

Da zieht es lebendig über das Gesicht; das Mädchen schlüpft aus dem Bett, wankt noch schlafbefangen, öffnet das Fenster, – und der Nebel zieht ein, legt sich ihr kühl und feucht an die warmen Wangen, durchdringt das leichte Nachthemd. Wie sie schaut! Nichts zu sehen!

Die alte, schwachbelaubte Birke, die so nahe steht, daß ihre Zweige auf dem Dach ruhen, sieht sie nicht – nichts – alles Nebel!

Kein Ton. Augenblicklich nicht. Die Vögel schlafen 77 noch oder wagen sich in die weißleuchtende Dämmerung nicht hervor.

Und doch! – Jetzt ruft ein Kuckuck – und wieder einer, und wieder einer, fern und nah. Sie rufen wie aus Wolken heraus.

Das klingt geheimnisvoll und fremdartig! Nur Kuckucke, sonst nichts.

Es ist schön, die Natur zu belauschen, zu einer Stunde, in der ihr Thun und Wirken uns fremd ist, da dringt sie so tief zu Herzen.

Langsam geht das junge Mädchen zu ihrem Bett zurück, sinkt davor auf die Kniee nieder, legt das rosige Gesicht in die Kissen, faltet die Hände und blickt friedlich vor sich hin.

»Lieber, guter Gott,« sagt sie, und spricht in ruhiger Gewohnheit leise ihr Morgengebet.

»Laß uns alle, die wir uns lieben, lange beieinanderbleiben.

»Meinen Vater mache mir gesund, dann ist alles gut.

»Ich möchte niemanden auf Erden ein Leid bringen. Ich möchte, daß alle mich immer liebten – und daß es bliebe, wie es jetzt ist. – Wenn es doch anginge, daß wir nicht nach Deutschland reisten!«

Sie schweigt, schaut noch halb schläfrig vor sich hin, ohne sich zu regen.

»Lieber, guter Gott behüt uns alle – Amen.«

Dann schlüpft sie im Nu in ihre sieben Sächelchen, so eilig, so flink, als wäre ihr ein guter Gedanke gekommen.

Die Zöpfe steckt sie hastig um den Kopf, und zwar thut sie dies mit goldenen Haarnadeln, die sie auf dem Tisch vor ihrem Bette eifrig zusammensucht. Ein 78 Kommodenfach schiebt sie auf, und entnimmt diesem ein weißes zusammengefaltetes Tuch, hängt es sich über den Arm, und öffnet so ausgerüstet vorsichtig die Thür ihres Zimmers, hält erst Umschau, ehe sie den Fuß über die Schwelle setzt.

Es ist noch still, sie schlafen alle noch. Die Uhr tickt gleichmäßig mit vollem Pendelschlag, gerad' über ihrem Zimmer schläft der Vater. Sie schlüpft hinauf, bleibt vor seiner Thür stehen und streicht wie liebkosend darüber hin, dann wendet sie sich wieder, schleicht wieder herunter, ganz leise, aber die alten Treppenstufen knarren doch.

Die Hausthür ist noch geschlossen.

Sie versucht ein paarmal fester auf die Klinke zu drücken, das ändert aber nichts. Die Thür giebt nicht nach.

Jetzt hält sie Umschau.

»Annuschka!« ruft sie mit gedämpfter Stimme. »Annuschka! da liegt sie ja!«

Sie schleicht ein paar Schritt vorwärts auf einen unentwirrbaren Bündel von Kleidern, Lappen und Decken zu, das in einem Verschlag, den einer der alten Schränke mit einem Mauervorsprung bildet, liegt.

»Annuschka, Annuschka!« flüstert sie, als sie vor dem Bündel steht und zwischen den Kleidern und Lappen etwas zu rütteln versucht, um es zu wecken.

»Annuschka, Annuschka!«

Ein Grunzen und Dehnen giebt Antwort.

Die Kleider und Decken bewegen sich, und der Kopf eines schwarzhaarigen Frauenzimmers arbeitet sich daraus hervor und schaut verblüfft um sich.

»Wo ist denn der Schlüssel, Annuschka?« ruft sie und wiederholt es, als keine Antwort kommt.

79 »Ecke hängt.«

Kristine schaut um sich.

»Wo denn?«

»Ecke hängt.«

Annuschka gähnt wieder.

»In welcher Ecke, Annuschka?«

»Wo immer hängt.«

Kristinen bleibt nichts übrig, als die Ecke, wo Annuschka den Schlüssel untergebracht hat, zu suchen.

Annuschka bleibt währenddem in einer beobachtenden Stellung kauern.

»Dumm sein!« brummt sie, als Kristine die Ecke und den Schlüssel durchaus nicht finden kann, erhebt sich endlich, langt hinter den Schrank, an dem sie schlief, und nimmt den riesigen Schlüssel daselbst hervor.

Kristine will ungeduldig danach greifen.

Annuschka aber läßt das nicht zu, macht sich selbst auf die Beine, um aufzuschließen.

Die kleine, untersetzte, struppige Annuschka geht wie auf Stummeln, als wären ihr die Füße abgeschnitten, und dieser sonderbare Gang soll offenbar eine Art auf den Fußspitzen schleichen vorstellen.

Annuschka ist rücksichtsvoll und will ihre Herrschaft nicht zu frühzeitig wecken.

»Weshalb hinaus? Weshalb Leute wecken?« frägt sie unzufrieden. »Haus schläft.«

Jetzt öffnet Annuschka die Hausthür, der Nebel wogt dicht und weich und lau. Man tritt wie auf den Boden des Meeres hinaus.

»Immer dumm Zeig!« sagt Annuschka.

Kristine ist mitten im Nebel drin. Die Thür schließt sich hinter ihr.

80 Da steht sie, umgeben von gleichmäßig weißem Dunst, durch den, wie sie es vorhin vom Fenster aus hörte, die Kuckucke rufen von Nah und Fern.

Kristine bleibt eine Weile ruhig, da rasselt etwas, klirrt, klappert, bewegt sich, da kommt etwas angesprungen, da schimmert es dunkel. Sie erschrickt, da rennt es haarig, naß mit lustigem Stoß an sie an. Das ist der Kettenhund, der große Schlingel.

Sein mächtiger Kopf, seine nasse Nase schnüffelt und stößt. Er hebt die braune Pfote, sein Schwanz, seine Hinterbeine wirtschaften im Nebel, und so begrüßt er die junge Herrin, die beinah befangen und beklommen in dem Dunste steht.

Jetzt geht sie langsam weiter.

Wie fremd erscheint ihr alles! Der bleiche, feine Seesand, der die Wege bedeckt, ist in seiner oberen Schicht feucht und fester geworden, bei jedem Schritt aber quillt es hervor, trocken und hell. Es hat nicht geregnet, und alles ist nur vom Nebel feucht durchsogen.

Jetzt ragt der mächtige, grün bemooste Granitblock vor ihr auf, um den stehen dichte Wachholderbüsche, einer jener erratischen Blöcke, die zu Tausenden über das Land verstreut liegen, von der finnischen Küste an bis tief hinein in das Herz Deutschlands.

Er erscheint ihr so mächtig, so unbekannt.

Einsam fühlt sie sich, die ganze Welt versunken, nur der Felsen in Nebel gehüllt, und tropfender, starrer Wachholder.

Wenn jetzt ein Wolf käme! fährt es ihr durch den Kopf, wenn der so auftauchte wie vorhin der Hund. Ja wenn es Winter wäre, da kommt es schon vor, daß die Wölfe sich bis hierher wagen. Von der Gartenmauer 81 aus hatten die Wiborger Vettern noch letzten Winter auf Wölfe geschossen, – aber jetzt im Sommer!

Es war wohl auch anderes, das sie fürchtete, das sie beklommen machte, unbestimmtes, rätselhaftes. Auf die Länge wirkte das unsichere Wandeln in dem gleichmäßigen Nebel bedrückend gespenstisch, und der unaufhörlich wiederholte Ruf des Kuckucks aus der Ferne machte ihr das Herz klopfen.

Im Hause schläft noch alles.

Wenn doch der Vater, geht es ihr wieder durch den Kopf, eines Tages ganz gesund aufwachen möchte!

Weshalb denn nicht? – Alles kann geschehen.

Das morgenfrische Mädchen geht, nachdem der Schauer, das ungewohnte Gefühl der Vereinsamung, des Abgeschiedenseins über ihre Seele hingezogen ist, in frischer Lebenslust weiter; sie läuft jetzt in den Nebel hinein.

Der weiche, sandige Weg führt abwärts. Hier und da funkelt es in weitester Ferne wie Sonne auf. Die Nebelmassen werden landeinwärts lichter und ballen sich über der See.

Die Baumspitzen schimmern hier und da wie aus weißen, dichten Schleiern. Es leuchtet auf.

Aber auf der See liegt es noch weiß und schwer, nur die ersten glitzernden Wellen, die zu der schöngeschwungenen Bucht lautlos gleiten, blitzen schon von Sonnenlichtern auf. Ein weicher Wind läßt das Schilf, das am Strand bis in die seichten Wellen hineinwächst, leise aneinanderstreichen, daß es wispert und scharftönend rauscht. Das Wasser ist hier ohne Salzgehalt, leicht wie das eines Binnensees. Die Wellen haben den feuchten Strand entlang eine dunkele Linie 82 aus Schilfstücken, Muscheln und dunkeln Holzteilen gebildet, die sich ihrem immer wiederkehrenden, leuchtenden Bogen anschmiegt.

Scharen kleiner Strandläufer fliegen auf, verschwinden in Nebelschleiern. Andere lassen sich wieder nieder, um sich bald wieder zu erheben und nah am Boden und den flachen Wellen hinzustreichen, bald im Dunst verschwindend, bald auftauchend. Sonnenblitze schießen durch weiße Nebelfetzen. Jetzt kommt das Mädchen dem Strande immer näher.

Sie hat mit Laufen inne gehalten, aber ihr Gang läßt sich nicht sogleich zur Vernunft bringen, er hat etwas hüpfendes, elastisches.

Der Weg führt eine Düne hinab.

Da gleitet sie beinahe wie von selbst in dem feinen nachgiebigen Sande. Das weiße Tuch, das sie über die Schulter gelegt hat, schleift ihr nach.

Ein Brett ist in das Wasser hinausgebaut, um die Boote bequem zu landen, und einige Boote liegen hier verankert, jedes zweimal, an der Spitze und dem Steuer. Sie steht auf dem Brett und schaut um sich.

Das Schilf wispert, die silberhellen Wellchen klucksen an die eingerammten Pfähle, die Boote schaukeln kaum merklich von einer Seite zur andern, schlupp – schlapp. An eines der Boote stößt sie mit dem Fuß, daß es ins Schaukeln kommt, stößt es an wie einen guten Kameraden.

Kylliki steht vorn auf dem weißen Stern. Es ist ihr Eigentum, sie hat es selbst getauft nach der Heldin des finnischen Epos.

Jetzt nimmt sie das Tuch von der Schulter, geht auf dem Brette zurück, auf einen der Granitblöcke zu, 83 dessen Kuppe von scharfem dunkeln Gras ganz überwachsen ist – dort legt sie ihr Tuch nieder.

Nicht weit von diesem Blocke, in das Wasser hinausgebaut, nahe dem Stege, steht ein kleines Badehaus. Sie schlüpft aber hier aus dem Kleide, zieht Schuh und Strümpfe von den Füßen, schlüpft aus den Röckchen, dem Hemdchen so flink, wie sie vordem hineingekrochen – und steht da am Meeresstrande, umwogt von Nebel wie die uralte Göttin, jung und herrlich.

Ruhig, schlank aufgerichtet, das Haar im Gehen fester um den Kopf windend, wandelt sie dem Wasser zu, die Luft umspielt sie feucht und warm. Sie tritt ins klare Wasser, und ein köstlicher Friede liegt auf dem Gesicht des wundervollen Geschöpfes.

Sie atmet so ruhig wie ein Kind. Sie fühlt sich wohl, ungetrübt wohl. Sonne und Nebel kämpfen um sie her. Die volle Jugend ist über sie ausgebreitet, deren ganze Kraft und Frische und Leichtigkeit.

Sie geht weiter und weiter, die klaren Wellen reichen ihr bis an die Brust.

Sie fühlt sich hier sicher wie in ihrem Element, kennt jeden Stein zu ihren Füßen, jede Untiefe ist ihr vertraut. Jetzt läßt sie die Füße sich vom Grunde erheben und schwebt leicht, gelassen über der Tiefe.

In der stillen Bucht ist die obere Wasserschicht warm, wie lauer Thee so weich, spielt sie an Hals und Lippen an, und tiefer ist das Wasser herzhaft frisch.

Wieder völlige Stille und Einsamkeit am Strande; die Bote schluppen langsam von einer Seite zur anderen, die Strandläufer schwärmen ungestört, das Schilf wispert. Die junge Göttin, die hier dem Wasser zuwandelte, in 84 den klaren Wellen hinsank, ist weit hinaus ins Meer, und dichte Nebelschleier liegen über ihr.

* * *

Indessen wandert durch den Garten eine zweite Gestalt, noch jugendlich stramm, eine hübsche Person in einem staubfarbenen, prall anschließenden Kleid. Sie hat einen festen energischen Schritt, ihr Kleiderrock schwippt und schwenkt, und ginge sie nicht auf dem weichen, unter den Schritten hingleitenden Sand, sondern auf festem Boden, würde man ihre Schritte ganz kräftig vernehmen.

Das ist Mathilde Swensen, eine Verwandte aus Deutschland, die hier zu Besuch ist. Sie hält wenig Umschau und geht einem bestimmten Ziele zu.

Mehr und mehr ist der Nebel gesunken, Birken, nichts als Birken, wohin man sieht, und hohes blühendes Gras.

Der Garten mochte in einem Birkengehölz angelegt worden sein.

Bequeme breite Wege, auch wohl ein Kieferchen, eine Fichtengruppe, Eichengebüsch, breite Rasenflächen und hohe Hecken von wilder Akazie.

Um die Findlingsblöcke, die der See zu in großer Zahl liegen, ist Wachholder gewuchert und das feste straffe Gras.

Ein paar Beete mit Blumen vor dem Hause abgerechnet, ist der parkartige Garten sich ziemlich selbst überlassen geblieben, wie die Natur ihn geschaffen, nur die Wege sind sorgfältig instand gehalten.

Mathilde Swensen trägt ein Buch unter dem Arm. Jetzt geht auch sie dem Meeresstrand zu, eifrig und 85 zielbewußt, stramm schreitet sie den leise sich senkenden Weg hinab, steht vor dem wachholderumwachsenen Irrblock und sieht die Kleider der jungen Frühaufsteherin liegen. Augenblicklich stößt sie ein helles»Tina! Tina!« aus, sie ruft dem Meere zu, aber vergebens, denn niemand ist so taub wie der, der nicht hören will. Und es kann sein, daß der energische Ruf zu ein paar rosigen Ohren drang, über den Wasserspiegel hin, daß ein prustender, schelmischer Kopf, dem die weichen Wellen bis an die Lippen spülen, hinter den großen Steinen im Wasser hervorlugt.

»Tina!« ruft Mathilde Swensen. »Tina! Um Gotteswillen, Tina!«

»Was für ein Geschrei!« murmeln zwei feuchte Lippen ärgerlich während des Schwimmens, und in dem goldfunkelnden Wasserstreif nach dem Strande taucht ein blonder Kopf auf, glänzende Schultern, eine rosige junge Brust.

»Tina! Tina!« ruft Mathilde Swensen wieder.

»Kristine heiß' ich,« antwortet das nasse, frische Geschöpf ärgerlich aus dem Wasser heraus, der Rufenden zu.

»Wo steckst du? Wie kannst du, Tina? Was wird deine Mama denken?«

»Kristine heiß ich.«

Jetzt sind sie sich beide einander gegenüber, die Staubfarbene und der rosige Fisch, der im seichten Wasser auf dem seidenweichen Sande liegt, mit den Armen aufgestützt. An die runden Schultern plätschern die durchleuchteten Wellchen an.

»Wie kannst du wagen, im Freien zu baden?«

86 »Hier kommt kein Mensch her! – Weshalb bist du denn so früh aufgestanden?«

»Aber Tina!« sagt Mathilde.

»Kristine heiß' ich, hörst du denn nicht? Wirst du dir's endlich merken? Gieb mir mein Badetuch.«

Mathilde geht, um es zu holen, als sie damit zurückkehrt, steht Kristine nur mit einem Fuße noch im Wasser und streckt die Hände gelassen nach dem Tuche aus.

»Mein Gott, wie bist du schön!« sagt Mathilde Swensen in einem eigentümlichen Ton.

»Das geht keinen Menschen etwas an, wie ich bin,« lacht das junge Mädchen lustig und fällt naß und tropfend der knapp und stramm Gekleideten um den Hals. Ihr blondes Haar, aus dem Wasserbäche fließen, drückt sie an Mathilde Swensens volle Wange und lacht glückselig.

Mathilde Swensen aber lamentiert und schüttelt sich.

»Hör' auf, geh ab, du verdirbst mich ganz. Meinetwegen geht's keinen Menschen etwas an wie du bist, ausgenommen deinen Zukünftigen!«

Da trifft sie ein erstaunter Blick aus zwei klaren blauen Augen.

Kristine läßt die prall Gekleidete los.

»Man muß so nicht sprechen,« sagt die feuchte Kreatur auf eine unbeholfene Weise.

Mathilde Swensen lacht.

»Ach, Kristine, was bist du für ein Kindchen, ihr seid hier alle hundert Jahr zurück. Mir wird doch so ein Scherz erlaubt sein; denke doch, was ich hinter mir habe.«

87 Kristine wickelt sich in ihr Badetuch und blickt Mathilden nachdenklich an.

»Was denn?« fragt sie langsam.

»Bestes Kind,« sagt Mathilde ernst, »ein Mädchen, das verlobt war, ist fast so gut, wie eine Witwe, verstehst du?«

Kristine legt sich fest eingewickelt in ihr weißes Tuch, in die Sonne nieder, um sich zu wärmen; und ist wieder ganz in ein angenehmes Wohlbefinden versunken, so daß sie für ihre gesprächige Gefährtin nicht viel Aufmerksamkeit übrig hat.

»Ach, Kristine,« sagt Mathilde Swensen, »wenn du wüßtest, was es heißt, mit eigener Hand solch ein Band zu lösen.«

»Mein Vater sagt,« unterbricht Kristine sie, »es giebt nur immer zwei Wege, entweder geht man den einen oder den andern, man thut's oder thut's nicht; aber immer geht man den, der uns auf irgend eine Weise am vorteilhaftesten scheint. Mein Vater sagt, das wäre nicht anders, auch wenn kluge Leute das nicht einsehen wollten.«

»Es wäre gut,« erwidert Mathilde Swensen, »wenn dein Vater dir gegenüber sich mit solchen Aussprüchen zurückhalten wollte.«

»So?« sagt Kristine.

»Weißt du? ganz offen,« fährt Mathilde Swensen fort, »bei euch kann man nicht auf der Höhe der Bildung stehen, du wirst es begreifen, was ich meine, wenn wir erst in Deutschland sind!«

»Wie so?«

»Ich liebe offen zu sein, Tina, ich weiß, welch vortrefflicher Mensch dein Vater ist; aber er sollte sich nicht 88 mit Gedanken, ich meine mit wissenschaftlichen Gedanken, abgeben; die verlangen einen vollkommen durchgebildeten Geist.«

Kristine ist bleich geworden und blickt mit weit offenen Augen auf Mathilde Swensen.

»Du bist unser Gast,« sagt sie, »und spottest über meinen Vater?«

Kristine hat sich erhoben und hält das Tuch mit der einen Hand über der Brust zusammen. Es liegt ein gespannter, leidenschaftlicher Ausdruck über ihren Zügen.

»Kristine,« entgegnet Mathilde in verweisendem Ton, »wie kannst du solch ein Wort wie ›verspotten‹ in Beziehung auf deinen vortrefflichen Vater gebrauchen!«

»Ich, Mathilde, ich?« frägt Kristine leise, tief erregt.

»Ja du, wer sonst?«

Kristine weiß nichts zu antworten, ihr Mund zittert und eine heiße Röte ist ihr jetzt in die Wangen gestiegen.

»Du kennst mich nicht,« sagt sie nach einer Weile, »und kennst meinen Vater nicht« – und auf eine, ihr eigene unbeholfene, aber liebliche Weise setzt sie langsam hinzu: »Weshalb drehst du es denn um und thust, als hätte ich etwas gegen meinen Vater gesagt – und du sagtest es doch?«

»Bestes Kind, das that ich ja nicht – wie du alles auffaßt!«

»Mathilde! ich weiß immer gar nicht, was du meinst.« Ratlos wie ein Kind blickt sie auf ihre würdige Gefährtin, die etwas ungeduldig den Kopf schüttelt und hinaus auf die See sieht, um nicht, wie es scheint, in 89 diese ihr unbequemen, beharrlich auf sie gerichteten Augen zu blicken.

»Wie könnte ich das?« entgegnet die andere ungeduldig, »ich, die der Güte deines vortrefflichen Vaters so viel verdankt – ich sprach ein rein wissenschaftliches Urteil aus über seine Art zu denken, das hat mit seiner Person durchaus nichts zu thun.«

»Wissenschaftlich?« fragt Kristine ruhig, »du weißt ja nichts – und wie willst du von seinen Gedanken, seinem Geiste schlecht denken und von seiner Person gut?«

»Wortklauberin,« sagt Mathilde mit angenommener Gleichgiltigkeit und blättert in ihrem Buch.

»Was sollen die Leute in Deutschland von ihm meinen, wenn du so von oben herab von ihm erzählst? Wenn ich etwas dazu thun könnte, so gingen wir nicht hin. Warum hast du immer so zugeredet! – du bist nur schuld daran, daß wir gehen; – du langweilst dich hier, das ist's.«

»Denke an deine vortreffliche Mutter, in welcher Sorge sie um die Tochter ist.«

»Hör' auf!« sagt Kristine. »Du langweilst dich eben doch!«

Sie wischt den Sand von den Füßen mit dem Saum ihres Badetuches.

»Liebe Kristine, du könntest dich irren, – ich glaube, daß du dich nicht genug in die Wünsche deiner Mutter und deines Vaters hineindenkst.«

»Oho!« sagt Kristine. »Ganz etwas Neues! Mein Vater weiß, daß ich ihn nie und nimmer verlasse – mein Vater glaubt an mich – und Mama ebenso –«

Mathilde lächelt. »Und nie und nimmer 90 verlasse! – Das sagen alle Mädchen. – Also immer Fräulein Tina?«

Kristine ist inzwischen in ihr Röckchen geschlüpft und wirft das Kleid über.

»Kristine!« ruft sie ungeduldig.

»Gut, also Fräulein Kristine.«

»Freisel Kristine.«

»Was ist denn das?«

»Freisel Kristine,« wiederholt das junge Mädchen ruhig. »Verstehst du, ›Freisel‹ heißt's, ›Freiseel‹ müßt' es eigentlich heißen, für die dummen Leute, daß sie's verstehn – aber sie brauchen's nicht zu verstehen. Frei-Seele heißt es, weißt du, in zwei Worten; aber im Gebrauch ist 's ›Freisel‹ Kristine.«

»Und was soll's denn damit?«

»Fräulein ist dumm,« sagt Kristine, »da weiß man nicht, wolltest du oder mußtest du – Freisel, das ist klar!«

»Was du für Ideen hast?«

Kristine hat die Hände um die Knie gelegt und hockt im feinen Sand.

Mathilde Swensen hat sich an den Felsblock gelehnt, die Hände auf dem Rücken, die Füße sind ihr vor geraumer Zeit ins Rutschen gekommen, sind auf ein Hindernis gestoßen und haben Halt gefunden, und so ist die stramme energische Gestalt in eine schwierige Lage gekommen – und hat sich in dieser Lage zu erhalten gewußt. Sie liebt es, sich in jugendliche Stellungen zu versetzen, und hat alles Recht zu dieser Liebhaberei, da sie bei besten Kräften und stets vorzüglicher Gesundheit ist.

Mathilde Swensen will Kristinen aus dem Buche vorlesen, das sie auf ihrem Morgenspaziergang begleitet 91 hat, Dantes Hölle; aber Kristine wünscht das nicht. Sie meint, daß es dazu viel zu früh jetzt sei.

So nimmt Mathilde Swensen ihr Buch, das sie hinter dem Rücken hielt, vor, schlägt es auf und liest für sich, verharrt aber in ihrer nicht gerade bequemen Stellung.

»Du mußt sie lieben lernen,« ruft Mathilde nach einer Weile, »das ist wahre Philosophie!«

»Geh,« sagt Kristine, »ich habe hineingesehen, das ist ein abscheuliches Buch. Solche Bücher machen die Menschen bös und dumm; wenn die Menschen lesen, daß Gott so grausam und bös ist – so werden sie denken: Weshalb sollen wir besser als er sein? Mathilde, lies das auch nicht, das ist wirklich ein schlechtes Buch,« sagt das junge Mädchen treuherzig, »glaub' mir. Ich fürchte, weil es ein altes Buch ist, sind schon viele davon vollends bös und dumm geworden.«

»Das Schlimmste ist,« sagt sie nach einer Weile, »wenn das Dumme und Böse prachtvoll gesagt ist.«

Mathilde Swensens Füße rutschen, wie es scheint, vor Bestürzung weiter und sie kommt auf den Sand zu sitzen.

»Du mit deinem ›prachtvoll‹,« fährt sie ihre Verwandte an und richtet sich auf.

»Glaubst du denn nicht an den Lohn der Gerechten und Ungerechten, an eine Fortdauer deiner Persönlichkeit?« fragt Mathilde Swensen pikiert.

»Hier vor deinen Augen würde ich mich jetzt im Augenblicke in die See stürzen, wenn ich dran zweifelte, daß all' das Herrliche in mir, das Lebenswerte, der ungeheuere Durst alles zu wissen und zu begreifen, untergehen müßte, daß meine Person sich nicht ewig erhielte!«

92 Kristine sieht sie erstaunt an.

»Was willst du denn alles wissen?«

»Du könntest ja schon hier eine Masse lernen und versuchst es nicht einmal. Gestern Nacht, als wir unser Fernrohr auf der Terrasse hatten, da bist du sogar fortgegangen – und kannst doch nicht einmal den großen Bären finden, weißt gar nichts davon.«

»Es ist alles nicht wahr, was die Menschen sagen!« meint Kristine mit einem wunderlichen Ausdruck und breitet beide Arme auseinander: »Ich liebe die heilige Wahrheit!«

Und wieder liegt über ihr, wie vordem, als sie im Gefühl eines durchdringenden Wohlseins in die klare Flut stieg, der ganze Zauber der Jugend, deren Reinheit und Unwissenheit.

Kristine geht vor Mathilden her, dem Garten wieder zu.

Als sie unter die Birken tritt, bleibt sie stehen, wendet sich um und blickt ruhig hinaus auf das jetzt klar leuchtende Meer.

Ein Dampfschiff zieht in der Ferne über die spiegelglatte Fläche und läßt einen langen schmalen Rauchstreifen hinter sich.

»Ich glaube,« sagt Kristine, »es ist das Schiff aus Petersburg.«

Jetzt gehen sie dem Hause zu.

Ihnen entgegen kommt ein leicht gebeugt gehender Mann.

»Papachen!« ruft Kristine, wirft Mathilden das Badetuch zu und läuft.

»Guten Morgen, mein Herz, guten Morgen,« sagt er, als er sie in den Armen aufgefangen hat.

93 Sein Haar ist ergraut, das hagere Gesicht macht einen leidenden Eindruck.

»Gut geschlafen? Sag mir, wie es dir geht?« frägt sie; »aber sage es auch,« frägt sie dringlich, als er nicht augenblicklich auf ihr stürmisches Fragen antwortet.

»Ja, mein Herz, recht gut.«

Er begrüßt sich mit Mathilden.

Kristine aber bleibt währenddem ruhig an seinem Halse hängen.

Ihr Köpfchen lehnt an des Vaters Brust, der ihre Zärtlichkeit mit dem sicheren Gefühl, das die Gewohnheit giebt, duldet.

»Ich bin heute gehörig weit hinaus geschwommen, Papachen,« sagt sie.

»Sei vorsichtig, nicht gedankenlos, dann ist's schon gut.«

Mathilde Swensen schüttelt den Kopf darüber, daß der Vater es nicht für angemessen hält, ihr das Baden in offener See zu untersagen.

Sie ihrerseits findet es geradezu unsittlich.

»Habt ihr denn schon Thee getrunken?«

»Gott bewahre!«

»Also geht, ich komme mit euch.«

»Dir ist es also besser,« sagt Kristine und schmiegt sich enger an den Vater an, legt den Arm, während sie gehen, um ihn.

»Dir ist's gut?« Ihre Fragen haben etwas übersprudelnd zärtliches.

»Ja, du Schlingel,« sagt er mit einem leichten, wehmütigen Lächeln.

»Also, ja!« ruft Kristine, und beginnt, am Arm ihres Vaters hängend, in die blaue Luft hinauszusingen, dabei 94 tritt sie, im Takt wie ein junges Füllen stampfend, auf und singt:

»Haus und Feld und reiche Herden,
Unermeßlich weite Wälder
Giebt mein Vater mir zur Mitgift.
Ich bin reich und schön und acht mich
Einer Königstochter gleich!
Ebenbürtig will ich meinen Gatten!«

»Laß deine Kylliki in Ruh!« sagt Heinrich Ahrensee, »frühstück' erst.« 95

 


 

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