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Das Recht der Mutter

Helene Böhlau: Das Recht der Mutter - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Recht der Mutter
authorHelene Böhlau
year1896
firstpub1896
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleDas Recht der Mutter
pages377
created20140211
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.

Sankt Petersburg, den 16./28. Mai.    

Sztipann Sztipannowitsch weicht mir aus, es ist gar kein Zweifel. Er ist unwohl – beschäftigt – oder sonst was, und wenn er mir Rede stehen soll, läßt er sich abrufen.

Ich will den Rat Jermáks befolgen und will morgen, Sonntag, aufs Gut – dort kann er mir nicht ausweichen.

 

18./30. Mai.    

Es ist also klar: Sztipann Sztipannowitsch will den Versuch machen, mich beiseite zu schieben. Es ist eine komplete Spitzbüberei; aber sie soll ihm nicht gelingen.

Kühl – ein schöner Morgen, heute früh, als wir fuhren! Die Sonne schon hoch am Himmel, und nachdem wir aus dem Gerassel der Stadt heraus sind, alles friedlich und still. Lerchengesang und Glockengeläute.

Mein Jermák, wider seine Gewohnheit, ganz still.

Wie wir durch die Doppelallee von Balsampappeln, über den Damm, der mitten durch den See führt, hinfahren, zeigt er plötzlich mit der Peitsche gegen das Schloß.

»Schau mal hin, Dmitri Alexandrowitsch – das wußt' ich – sie haben uns bemerkt. – Da reitet er fort mit Mikolka, seinem Kosacken. Mag er nur reiten wohin er will! Mir soll er nicht entgehen!«

47 Meine Schwester, Anna Alexándrowna, empfängt mich auf der Veranda. Die ganze Schar der Nichten und Neffen hat sich mir angehängt. Nur die Amme mit dem Jüngsten läßt sich von Jermák langsam spazieren fahren, und der Älteste fehlt, vielleicht weil er für irgend eine Schlingelei im Kadettenkorps den Sonntagsurlaub nicht bekommen hat.

Aber Anna Alexándrowna schickt alle mit einander mit Gouvernante und Kindermädchen in den Park.

»Nun, Dmitri,« sagt sie zu mir, »setz' dich dahin, ich weiß schon, weshalb du gekommen bist.

»Willst du Thee?« und läßt servieren. Meine Schwester liegt auf der Chaiselongue in grauer Seide und im Pelzjäckchen von Zobel. Sie ist wirklich noch eine schöne Frau.

»Warum machst du denn solche Dummheiten?« sagt sie.

»Was für Dummheiten?«

»Nun, kommst her und willst allerlei.«

»Ja, was will ich denn?«

»Nun, Sztipann Sztipannowitsch wird schon alles einrichten. – Warum trinkst du deinen Thee nicht? Ja, – Sztipann Sztipannowitsch wird schon alles einrichten.«

»Warum habt ihr mir denn nicht geschrieben, daß Alexander gestorben ist?«

»Ach, mein Gott, das ist sehr schade – sehr schade, – der arme Alexander. Weißt du, man sagt, ein Tscherkesse hat ihn erschossen. – Weißt du, er hat solche Geschichten gemacht – der arme Alexander. Das Denkmal wird sehr schön, in voller Generalsuniform; ich habe es schon gesehen, – von weißem Marmor. Weißt du, es macht der berühmte Petroff.«

48 »Schön,« sagte ich – »aber ihr hättet mich doch benachrichtigen sollen.«

»Ach, lieber Junge, das war gar nicht nötig. – Du sollst doch studieren. Und Sztipann Sztipannowitsch schickt dir so viel du willst.«

»Das ist sehr hübsch von Sztipann Sztipannowitsch; aber ich bin mündig.«

»Ach was – mündig, – laß doch nur Sztipann Sztipannowitsch machen.«

»Aber ich bin gerade hier hergekommen, um es selbst zu machen.«

»Ach, aber das ist komisch von dir.«

»Komisch?«

»Sztipann Sztipannowitsch wird alles einrichten und dir Geld schicken.«

»Weißt du, liebe Anna, so kommen wir nicht weiter. Ich will es dir ruhig sagen. Ich bin nach Petersburg gekommen, um das Erbe zu übernehmen und selbst zu verwalten.«

»Ja, mein lieber Junge, ich weiß noch gar nicht, wie viel du kriegst.«

»Du weißt es vielleicht nicht; aber das Testament weiß es.«

»Das Testament ist gar nicht giltig, sagt Sztipann Sztipannowitsch.«

»Nicht giltig? Warum denn nicht?«

»Ja, weißt du, weil deine Mama die dritte Frau war.«

»Was weiter?«

»Und die dritte Frau ist bei uns gar nicht giltig, und Papa war schon so alt. Und deine Mama hatte ja auch nichts. Weißt du, nur so ein bißchen deutschen 49 Schmuck. Und die dritte Frau – das ist komisch. Bei den Danilewskis war es ebenso, – da haben die Kinder der dritten Frau auch nichts bekommen.«

»Wo ist das Testament?«

»Das weiß ich nicht, das weiß Sztipann Sztipannowitsch . . . ich glaube, es ist gar nicht da.«

»Du meinst also, die Ehe mit Mama ist gar nicht giltig?«

»Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Aber alle sagen so.«

»Und das Testament, meinst du, ist gar nicht mehr da? – Aber da werden ja wohl die Kirchenbücher da sein und die Zeugen bei der Trauung.«

Schwester Anna schweigt.

»Oder glaubst du, daß sie auch nicht mehr zu finden sind?«

»Frag' doch selbst nach«, sagt Anna und wird rot.

Die kleine Maascha ist der Gouvernante entsprungen, kommt hereingeschlüpft und schmiegt sich an die Mama.

Draußen haben die Kinder die Ponies anschirren lassen und jagen über den Rasen.

Ich muß doch endlich meinen Thee austrinken, er schmeckt ganz komisch – nach gar nichts.

»Du meinst also, liebe Anna, daß ich am vernünftigsten thäte, auf die Erbschaft zu verzichten?«

»Ach, mein lieber Junge, das ist nett von dir. Ich habe dich immer so lieb gehabt. Weißt du, wir haben furchtbare Ausgaben, und alles ist so teuer. Hier das Gut – und die Häuser in Petersburg – und die andern Sachen – und der zweite Sohn muß ins Kadettenkorps – und der älteste wird jetzt Leutnant. Sztipann Sztipannowitsch kommt gar nicht aus.

50 »Er hat ja selbst kein Vermögen, nur die dumme Gage – und dann hat er noch Schulden – ich weiß gar nicht, wo er die her hat, ich glaube, von früher, oder er hat gespielt; ich weiß gar nicht, wo er das Geld gelassen hat. Siehst du, mein lieber Junge, du bist jung und gelehrt. – Alle sagen, es ist nur gut, wenn du arbeitest – und Sztipann Sztipannowitsch giebt dir, so viel du brauchst. Und du kannst alles behalten, die Equipage und das Reitpferd, und du kannst auch hierher kommen, so oft du willst.«

Ich stand auf.

»Du meinst also, daß ich Bettler werden soll, damit Sztipann Sztipannowitsch seine Schulden bezahlen kann?«

»Ach was Bettler – keine Idee – Bettler!«

»Nun, ich meine so ein unterstützter Bettler!

»Und zu dem Zweck hat Sztipann Sztipannowitsch das Testament verschwinden lassen? – Und die andern Papiere werden auch nicht zu finden sein? – Und eigentlich nenne ich mich auch mit Unrecht nach dem Vater, nicht wahr? – Und was ich bekomme, bekomme ich aus Gnade und Barmherzigkeit? Von Sztipann Sztipannowitsch, der so edel an mir handelt! Und deshalb habt Ihr mich den Tod von Alexander nicht wissen lassen? Und das hat Sztipann Sztipannowitsch alles so eingerichtet? Und du hilfst ihm zu alledem? Und weißt du denn, wie man das alles nennt? Das ist gemeiner Betrug!«

Schwester Anna sieht mich strafend an; dann spricht sie:

»Siehst du, nun wirst du unartig – nun kannst du gehen. – Mach doch nicht solche Dummheiten! Man 51 kann ja Sztipann Sztipannowitsch nicht verklagen – und du hast ja auch gar nicht das Geld dazu.«

Die kleine Maascha, die merkt, daß etwas vorgeht, weint leise in sich hinein.

»Komm, liebe kleine Maascha,« sag' ich zu ihr, »komm, begleite mich zum Wagen.«

Schwester Anna wird doch unruhig.

»Dmitri!« ruft sie, »mach' doch nicht solche Dummheiten! . . . Das sind ja Dummheiten, Dmitri. Dmitri, sei doch vernünftig!«

»Leb' wohl.«

* * *

Mein Jermák und ich sind von Haus zu Haus im Dorf gefahren.

Der Starost ist tot. Der alte Pope stumpfsinnig. Der Spitzbube, der Diakon, weiß sich an nichts zu erinnern. Die Kirchenbücher sind seit dem letzten Brand im Schloß fort, verbrannt, und keine Kopien vorhanden.

Jermák schlägt mir vor, Sztipann Sztipannowitsch zu erschlagen.

 

16. Juni.    

Es ist zum verrückt werden. Ich fahre tagtäglich von einem zum andern. Jeder macht Ausflüchte. Keiner will was mit Sztipann Sztipannowitsch zu thun haben.

Ich habe ihm zum drittenmal geschrieben – natürlich keine Antwort.

 

22. Juni.    

Nichts! Nichts! – Wunderbare Tage draußen, hier im Haus entsetzlich. – Ich will fort, um zu Vernunft zu kommen.

52 Und was alles über mich gesprochen wird!

Ich will die Familie unglücklich machen!!

 

2. Juli.    

Ich laufe seit einem Monat ganz vergeblich herum. Es sind lauter feige Schufte. Kaum wird es klar, daß es gegen Sztipannowitsch geht, so ziehen sie sich zurück, versteckt oder grob. Es wagt niemand zu mir zu stehen! »Es fehlen Beweise!« »Es ist nicht möglich!«

Gestern zum erstenmal hat mich einer angehört, der Advokat, uns gegenüber. Aber heute hab' ich das sichere Gefühl, daß er mich nur aushorchen wollte, der Herr Franzose!

Ich bin am Ende meiner Weisheit; ich finde niemanden.

Ich will den guten Rat Jermáks befolgen, und Peter Fuhks aufsuchen. Sein Vater ist Winkeladvokat.

 

3. Juli, mein Geburtstag.    

Peter Fuhks wohnt in der Riesenkaserne an der Polizeibrücke. Ich trete ins Thor; niemand zu sehen, der mir Auskunft geben könnte. Im Hof wird Holz ausgeladen. Eine ganze Reihe straffhaariger Kerle in bunten Hemden und Bastschuhen führen die Birkenscheite auf kleinen Schubkarren vom Holzkahne ein. Der Eigentümer vermietet die achtzig Wohnungen seines Riesenhauses mit freiem Holz. Da ist nun offenbar die erste Holzbarke eingetroffen, und der Wintervorrat soll im Hofe aufgestapelt und je nach dem Mietzins sehr gerecht verteilt werden.

Aber die Hauseinwohner sind aus früheren Jahren gewitzigt. Schon seit Wochen ist die Holzbarke signalisiert, 53 und achtzig Parteien sind heute entschlossen, sich ihr Anrecht auf Holz mit List oder Gewalt zu sichern. Da hat sich denn eine ganz regelrechte Schlacht entwickelt. Die kurzen Scheite fliegen hinüber und herüber. Aber was vermöchten acht tatarische Hausknechte gegen hundert russische Burschen, Köche, Kutscher und Diener und Weiber! Im Nu sind die Tataren an die Wand gedrückt, blockiert, kampfunfähig gemacht, und der Hof von jedem Splitter Holz gesäubert. Dort in der Ecke des Hofes hat sich die mit schweren Eisenplatten beschlagene Thür aufgethan, und ein feister Riese in blauem Kaftan, hochschulterig, mit schwammigem Gesicht, lugt vorsichtig heraus. Es ist der Hausherr. Er ist ganz bleich vor Aufregung, schlottert in den Knien und atmet schwer.

»Hundesöhne, Hundesöhne! Gott sei mir gnädig,« ist alles, was er zu sagen vermag. Ich trete an ihn heran und frage nach Peter Fuhks. Der Riese zieht ehrerbietig die fette Mütze und sagt mit piepender Stimme: »Belieben Sie näher zu treten,« und nötigt mich in ein kleines finsteres Loch. Er, der Besitzer dieses Riesenhauses, in der denkbar günstigsten Lage St. Petersburgs, Wechsler und Millionär, hat sein Wechselstübchen unter der Treppe eingerichtet! Das einzige Licht dringt durch die Öffnung über dem Ladentisch. Die Öffnung führt nach der Straße, dem Newski Prospekt. Rechts und links hängen über der Lade vergitterte Glasschränkchen, und drin glänzen als Lockspeise Geldrollen und neue Hundert-Rubel-Scheine, mit Silber und Gold gefüllte Holzschalen. Hinter dem Ladentisch sitzt ein hoch aufgeschossener Jüngling mit straffen, grad' beschnittenen Haaren, mit großen, abstehenden Fledermaus-Ohren unter der dick wattierten Mütze und mit auffallend blödem 54 Ausdruck im knochigen Gesicht; auf seinem Schoß schläft ein Kater. Der Wechsler bietet mir den einzigen Stuhl. »Pjotr Petrówwitsch Fuhks« sagt er. »Sehr wohl . . .« Es ist hier, trotz der drückenden Hitze draußen, feuchtkalt wie in einem Keller, kahl, schmutzig und dunkel wie in einem Gefängnis. Eiserne Kisten, mit mächtigen Schlössern davor, lehnen an der Mauer, ein Tisch, darauf dicke Bücher mit zerstoßenen Ecken, daneben der dampfende Ssamowar. Gegenüber ein Sofa mit schwarzem, zerschlissenem, aus Roßhaar geflochtenem Bezug, offenbar zugleich sein Schlaflager, denn zu Füßen desselben liegt ein wirrer Haufen geflickter Wattdecken, und ein ekelhafter Dunst steigt von ihnen auf.

»Pjotr Petrówwitsch Fuhks! Meinen Euer Hochgeboren Pjotr Petrówwitsch Fuhks, den Ältern, den Winkeladvokaten, oder Pjotr Petrówwitsch Fuhks, den Jüngern? Kann ich Euer Hochgeboren dienstbar sein? Bitte sich nur zu äußern.« – »Hundesöhne!« fügte er hinzu, »es ist trockenes, wunderschönes Birkenholz, kommt den Wuoxen herunter, von Imatra, Herr! Ich hab' dort meine Waldungen, herrliche Waldungen, alles schlagbares Holz, alles hundertjährig. Die Hälfte ist mir schon unterwegs gestohlen, Herr! Und hier fallen alle wie die Raben darüber her. Nun frag' ich blos, ist das anständig? Wie kann da unsereins auf die Kosten kommen? Ehrlichkeit bringt durch die Welt, Herr, aber die jungen Leute denken immer, das Geld käme einem nur so zugeflogen! Urteilen Sie selbst, gnädiger Herr, das Geld verdienen ist eine schwierige Sache, und es gelingt nicht jedem. Ja, ja, es gelingt nicht jedem. Darf ich Euer Hochgeboren mit einer Kleinigkeit aushelfen? Tausend Rubel vielleicht? Wieviel befehlen Euer Gnaden? Bitte unterthänigst, hier ist Geld wie Heu!«

55 Glänzendes Behagen spiegelte sich auf dem breiten Gesicht des Wechslers! Er wühlte mit der Linken in der goldgefüllten Holzschale und strich sich dann wohlgefällig über den kahlen Kopf und das kahle Kinn. Es giebt doch wohl noch glückliche Menschen auf der Welt.

»Ich wünsche die Wohnung von Pjotr Petrówwitsch zu wissen. Wohnt er noch im Hause?«

»Pjotr Petrówwitsch ist tot, zu dienen, gnädiger Herr. Vorigen Winter. Er ist mir die Miete schuldig geblieben. Miete für Wohnung und Holz. Er ist erfroren, sagen die Leute, aber das schadet nichts. Ich habe die Sachen zurück behalten, lumpige Sachen! Nur der Junge ist ausgerissen und hat seine Geige mitgenommen. Er ist fort, der Teufel hol' ihn! mag er seinen Landsleuten, den Finnen, geigen! Die Wohnung steht noch leer, die einzige im ganzen Hause. Aber das schadet nichts. Urteilen Sie selber, gnädiger Herr. Ich komme schon auf meine Kosten. Eine schöne Wohnung, Zimmer und Küche, mit Wasser und Heizung. Etwas hoch, fünfte Etage.

»Freilich nichts für Sie, gnädiger Herr, aber darf ich Euer Gnaden mit tausend Rubel dienen? Eins, zwei, drei, zehn. Erweisen Sie mir die Ehre.« Er fuhr mit dem Daumen in den Mund und zählte mir die schmierigen, zerrissenen Hundertrubel-Scheine vor.

Der alte Fuhks tot! Also damit wäre es wieder nichts, fuhr es mir durch den Kopf.

»Sie zahlen wieder, ganz, wann es Ihnen paßt – hat gar keine Eile.«

»Danke. Also wohin ist Pjotr Petrówwitsch – der Jüngere meine ich?«

»Zu den Finnen, gnädiger Herr, weiß Gott, wohin, 56 hol' ihn der Teufel! Mag der den Finnen geigen, der Lump! Hier soll er sich nicht wieder blicken lassen, oder ich schlage ihm die Zähne ein, dem Windhund.«

Er verzog den Mund zu einem Lächeln.

»Tausend Rubel,« sagte er sich verneigend. »Bitte selbst zu urteilen,« und schob mir den schmierigen Haufen über den Tisch zu.

»Danke, danke, ich brauche nichts.«

»Erweisen Sie mir die Ehre. Oder zwei- dreitausend? Wieviel befehlen Sie? Bitte unterthänigst, erweisen Sie mir die Ehre. Euer Hochgeboren haben gewißlich die Gnade, mich Ihrem Herrn Schwager zu empfehlen; nur ein kleines Wörtchen.«

»Meinem Schwager?«

»Ihrem Herrn Schwager Sztipann Sztipannowitsch, Excellenz!«

»Ja – kennen Sie mich denn?«

»Gott sei mir gnädig! Ich sollte Euer Hochgeboren nicht kennen? Dmitri Alexándrowitsch? Ihr Herr Vater hat mir oft die Ehre erwiesen. Ein vortrefflicher Mann und gar nicht stolz. Und Ihre Frau Mama! Eine liebe Dame. Eine Deutsche, aber eine sehr vornehme Dame. Von oben bis unten schwarz angezogen, nur einen Schleier hatte sie und einen grünen Kranz, und weinte gar nicht, wie doch unsere Mädchen immer bei der Hochzeit thun.«

»Bei der Hochzeit? Waren Sie denn bei der Hochzeit?«

»Freilich war ich dabei, Euer Gnaden. Erlauben Euer Gnaden, wie lang' ist es her? Es sind jetzt . . .« Ich fühlte das Herz im Halse schlagen.

»Ich denke die Hochzeit war auf dem Gute?«

57 »Freilich war sie auf dem Gute, Euer Gnaden. Ihr Herr Vater hatte mir die Ehre erwiesen, und da bin ich selbst hinausgefahren und habe ihm das Geld gebracht. Einhundertdreißigtausend Rubel. Und da hat mir Ihr Herr Vater die Ehre erwiesen und hat mir erlaubt, dem Gottesdienste beizuwohnen.«

»Sie waren also bei der Trauung meines Vaters mit meiner Mutter zugegen? Sie waren selbst da und haben es selbst gesehen?«

»Mein Wort ist Gold, gnädiger Herr, gerade wie ich es sage.«

»Können Sie das bezeugen?«

»Auf die Hostie will ich es beschwören. Ich war dabei! Es ist alles ins Kirchenbuch eingetragen worden, und meine Wenigkeit hat auch unterzeichnen dürfen. Ich verstehe wohl, es ist eine große Ehre für mich. Aber urteilen Sie selbst: Einhundertdreißigtausend Rubel ist auch kein Spaß, und es standen schon andere Gelder darauf, und wer kann wissen, wie viel so ein Gut wert ist?«

Von der sonnigen Straße draußen flatterte unvermutet ein Schmetterling durch die Öffnung über die Lade in unser finsteres Loch. Wer weiß, welchem eingebildeten Glück er hier nachjagt, vielleicht flüchtet er nur aus dem betäubenden Gerassel der Straße; er taumelte von der fetten Mütze des Buben zum Tintenfaß, vom Tintenfaß zum Goldhäuschen in der Holzschale, flatterte der Katze um die Ohren und entschloß sich, offenbar unbefriedigt, den Ausweg wieder in das Freie durch das vergitterte Hoffenster zu nehmen. Er faltete die prächtigen Flügel auseinander und wieder zusammen, weißgelblich gestäubt, schwarz gerändert, durchsichtig und 58 schimmernd, wie ein Edelstein – und tänzelte an der Scheibe auf und nieder. Das war kein Anblick für unsern Wechsler; mit dem verknüllten, schmierigen Taschentuch wischte er den lustigen Gesellen vom Fenster und zerdrückte ihn mit dem Daumen. Was für ein mörderisches Tier ist doch der Mensch!

»Ungeziefer! gnädiger Herr,« sagte der Wechsler, »es giebt sehr viel Ungeziefer bei uns in Rußland.«

Das Schicksal meint es gut mit mir, es will mich befreien. Jetzt erst fühle ich, wie schwer es auf mir gelastet. Ich atme auf. – Es giebt mir den Weg frei und ich will ihn gehen. Ich darf mir selbst leben. Ich hab' niemanden zu fragen, mich nach niemandem zu richten. Wie fühl' ich mich erhaben über all die kleinlichen Seelen, die nichts vor Augen haben als ihr bißchen Stellung und Gehalt. Ich erstrebe mehr und werde es erreichen. Ich will Lehrer, Leiter, Weiser einem ganzen Volke werden, der ganzen Menschheit! . . . Welch schöner Sommertag ist draußen! Welch ein Gewoge von Menschen und Wagen hin und her! O es ist schön auf der Welt! . . . Und wenn ich diesen Menschen, da gegenüber mir, nicht gefunden hätte, was wär' aus mir geworden, was wär' mir übrig geblieben? Knechtschaft, elende Knechtschaft um das tägliche Brot, elende Knechtschaft ein ganzes Leben lang. –

Mein Gegenüber hatte weiter geschwatzt, was von aufgelaufenen Zinsen, von Hypotheken und von Sztipann Sztipannowitsch, und ich möchte ein gutes Wort einlegen, aber ich hörte und verstand nur das eine: Hier war ein lebender Zeuge der Trauung meiner Mutter!

»Wollen Sie mir einen Gefallen erweisen?«

59 »Mit dem größten Vergnügen. Das ist meine Schuldigkeit.«

»Schreiben Sie mir mal das auf, was Sie da sagten.«

»Befehlen Sie gleich?«

»Ja, gleich hier, ich meine das, was Sie von der Hochzeit sagten.«

»Hm, von der Hochzeit?«^

»Ja, wer war denn noch dabei?«

»Nun, der alte Pope, und der Diakon, der Starost und meine Wenigkeit waren die Zeugen. Sonst niemand, – das heißt die deutsche Dame, die Kammerfrau von Euer Hochgeboren Mutter, die später Euer Gnaden Kindermädchen wurde – so eine kleine Person, sie ging nachher nach Deutschland zurück. Euer Gnaden muß wissen, es war den Kindern gar nicht genehm, daß ihr Herr Papa zum drittenmal heiratete. Da waren sie denn alle ausgeblieben, und die Hochzeit wurde in aller Stille in der Gutskapelle gefeiert. Niemand war sonst zugegen.«

»Also bitte, schreiben Sie.«

»Was befehlen Sie?«

»Nun also: Der Endesunterzeichnete, Ilja Petrówwitsch Kotomin, Hausbesitzer, Ehrenbürger, Kaufmann zweiter Gilde, bescheinigt durch vorliegende Schrift, daß er am so und so vielten Datum u. s. w. u. s. w., ganz ausführlich, am so und so vielten der Hochzeit des Fürsten Alexander Alexándrowitsch Ker-Asowsky mit der Freiin Marie von Lützerode als Zeuge beigewohnt habe. So wahr mir Gott helfe u. s. w. u. s. w. . . .«

Er schien zögern zu wollen.

60 »Ja, erlauben Sie wohl,« sagte er, »ich verstehe nicht. Das steht ja alles im Kirchenbuch?«

»Das Kirchenbuch ist nicht zu finden, es soll verbrannt sein.«

»Verbrannt? Aber da ist ja noch der Starost?«

»Der Starost ist tot.«

»Und der alte Pope?«

»Der Pope ist stumpfsinnig vor Alter, dazu immer besoffen.«

»Und der Diakon?«

»Der Diakon ist ein Spitzbube, der thut, als wüßte er von nichts mehr.«

»Aber da muß ja noch ein Trauschein sein; den kann Ihnen ja Sztipann Sztipannowitsch am besten besorgen.«

»Schreiben Sie nur! Sztipann Sztipannowitsch ist es ja gerade, der alles so eingerichtet hat. Er will mich um mein Erbe bringen.«

Der Wechsler schnitt ein Gesicht, spitzte den Mund und pfiff.

»Und die deutsche Kindermuhme ist wohl in Deutschland verschwunden – hui – fort? Nicht zu finden? – – Aha – das sind schöne Geschichten.«

»Also schreiben Sie nur. Sie sehen ja, Sie erweisen mir einen großen Gefallen.«

»Und da soll ich gegen Sztipann Sztipannowitsch auftreten? Sieh mal an! Wie schlau! Euer Hochgeboren, sagt man, war in Deutschland? Haben dort studiert?«

»Wen geht es was an?«

»Ich meine nur so. Ja, – da wird man klug, da lernt man solche Geschichten. Sieh mal an, wie schlau! – Nichts weiß ich, gar nichts von der ganzen 61 Geschichte! Nichts, nichts! Ich hab' gar nichts gesehen! Gott soll mich bewahren, ich weiß nichts von der Hochzeit, gar nichts. Wo sollt' ich denn meine Wissenschaft her haben? – Das sind mir Geschichten! Das ist Raub! Raub! Man will mich berauben! Da muß man die Polizei holen. Man kennt euch!«

»Will ich dich etwa berauben?«

»Man kennt euch! Man kennt euch! Man kennt euch! Kommt da so ein Herr von Habenichts von Deutschland, brüstet sich euch mit den sieben Haaren am Kinn! – Höflich – immer höflich! – Herr Gott! – nimmt bare tausend Rubel.« – Er hatte die ausgespreizte Hand auf die Geldscheine gelegt und strich sie mit einem Ruck in das Schubfach darunter. – »Das ist Raub! Raub! Wir sind hier nicht bei Kehlabschneidern! Das ist Überfall! Man will mich berauben! Nihilisten! Man muß die Polizei holen!« – Er ging von Kiste zu Kiste und schlug die eisenbeschlagenen Deckel dröhnend ins Schloß.

»Nein, mein Vögelchen, so geht das nicht. Nein, mein Hühnchen, da mußt du früher aufstehen!«

»Sprichst du zu deinem Hausknecht? Halunke!«

Er hielt einen Augenblick inne.

»Es nützt dir alles nichts,« fuhr ich ruhiger fort, »du hast es deutlich ausgesprochen und wirst es vor Gericht bekennen müssen. Ich bin es nicht allein, der es gehört hat, es waren auch andere dabei, Zeugen, – der dort,« – und ich wies auf den Zweiten in dem Loch, den Jungen, der noch immer regungslos vor der Tischlade saß, – »der dort hat Wort für Wort verstanden und ich werde euch beide nicht lassen.«

Der alte Riese fuhr wie ein Raubvogel auf den 62 Buben los und stieß ihn mit der Faust in den Nacken, daß ihm die Mütze hintenüberflog.

»Urteilen Sie selber,« schrie er, »der ist mein Neffe, mein Erbe, mein einziger Erbe! Der ist taubstumm! Der gütige Gott mag ihn lange warten lassen! Taubstumm vom Mutterleibe an! Haha – Taubstumm!«

Er hatte die Theemaschine umgerissen. Die glühenden Kohlen kollerten aus dem Rohr und zischten im kochenden Wasser; Rauch und Dampf füllten den Raum. Er schien sich noch nicht sicher genug zu fühlen. Wahrscheinlich stieg ihm der Gedanke in den Kopf, wie gut es ihm bei Sztipann Sztipannowitsch angeschrieben würde, wenn er mich in eine Geschichte brächte. Er griff nach der mit Goldstücken gefüllten Holzschale, schüttete das Geld vorsichtig auf den Boden, setzte sich dann auf das Sofa, beide Arme auf die Knie gestemmt und den Oberkörper vornüber gebogen, und schrie überlaut:

»Ka–ra–ull! Die Wache! Zu Hilfe, zu Hilfe! – Nihilisten! Nihilisten! –«

Ich blieb mit gekreuzten Armen vor dem jämmerlichen Gauner stehen. Daß bei solch einem Ehrenmann nichts zu erreichen sei, war mir klar. Was blieb mir zu thun übrig? – Ich wandte mich langsam, stieß den Kater, der sich wieder behaglich zusammengerollt hatte, von der Tischlade, öffnete die Klappe und trat aus der Höhle ins Sonnenlicht heraus . . .

Verspielt! Verspielt! . . .

Welch ein Lärm und Gewühl ist auf der Straße! Gerade vor der Thür flötet ein Leierkasten und wimmert durch all den Lärm die Arie aus »La Traviata«: Qual cor perdisti, qual cor tradisti – – ein prächtiger 63 schwarzlockiger Bursche in sammtenem Rock und weiten Hosen.

Ein Polizeisoldat spaziert mit gemessenem Schritt vorbei. Er grüßt höflich.

»Ei, Brüderchen,« sag' ich zu ihm, »edler Wächter des Gesetzes, geh' da hinein, man bedarf deiner, da giebt es Spitzbuben! Geh hinein. Es giebt viel Ungeziefer in Rußland.«

Wieder etwas abgethan. Nach Peter Fuhks brauch ich hier nicht mehr zu suchen, er ist fort.

Ich trete zu meinem Pferdchen, klopfe ihm auf den Hals – wie lang werd' ich dich noch behalten? – und steige ein.

»Nach Hause, Herr?« frägt mein Kutscher.

»Nach Hause, Jermák! – Nichts ausgerichtet!«

* * *

Mein Bursch und der Hausknecht, die einzigen Wesen im verlassenen Hause, empfingen uns. Mir fiel auf, daß die Paradetreppe aufgeschlossen war, und ich erkundigte mich, ob jemand nach mir gefragt habe.

»Das nicht, Dmitri Alexandrowitsch,« antwortete der Hausknecht, »aber Sztipann Sztipannowitsch waren hier.«

»Sztipann Sztipannowitsch? Was wollte er?«

»Das ist nicht bekannt. Aber es war noch jemand mit ihm, so ein langer Herr mit Brillen und mit einem Bärtchen ›auf französisch‹. Ich glaube, es war das Advokätchen von da drüben. Aus dem Nihilistenprozeß der Rechtsverdreher, aus dem Haus da drüben.«

»So, so. Das ist ja recht nett.«

64 »Die Herrschaften waren auch beim Ober-Polizeimeister vorgefahren –«

»Woher weißt du es denn?«

»Der Kutscher von Sztipann Sztipannowitsch hat es mir erzählt.«

»Beim Ober-Polizeimeister?«

»Genau richtig, Dmitri Alexandrowitsch. Hier im Hause war auch von Ihnen die Rede –«

»Nun, was sagten denn die Herren?«

»Das ist nicht bekannt. Aber die Herren sind auch in Ihrem Zimmer gewesen, Dmitri Alexandrowitsch –«

»In meinem Zimmer? Was haben sie dort zu suchen?«

»Das ist nicht bekannt, Dmitri Alexandrowitsch. Aber sie haben sich umgesehen und haben gelacht.«

»Gelacht?«

»Genau richtig, Dmitri Alexandrowitsch. Es sind nämlich Briefe an Sie angekommen.«

»Gut, gieb her. –«

»Die Briefe sind oben auf dem Tische, in Ihrem Zimmer, Dmitri Alexandrowitsch.«

»Auf meinem Zimmer, gut.«

Ich stieg hinauf. – Sztipann Sztipannowitsch also und der Spitzbube, der französisch frisierte Advokat! Der hat es mit aller seiner strengen Ehrenhaftigkeit zu Wege gebracht, gleich nachdem ich bei ihm gewesen, zu Sztipann Sztipannowitsch zu laufen. Und jetzt beraten die beiden Edlen mit einander. So eine kleine Nihilistengeschichte ist bald zustande gebracht: Student – Jena – unzweifelhaft ein Ungeheuer. Und sitzt man erst einmal auf der Festung und ein paar Jahr in Sibirien – nun, da mag man zusehen, wie man wieder herauskommt. – 65 Wirklich, recht erbaulich! Sibirien ist nicht gar so weit! Und nicht jedem begegnet der Zar. Ein paar Jahr Sibirien – und das Leben ist vorbei!

Wahrhaftig! Hausknechte, Diener, Kutscher sind jetzt meine Freunde, sonst niemand.

Wie scheußlich öde ist es im Haus! Die Teppiche zusammengerollt, die Pflanzen entfernt, die Möbel verdeckt, Bilder und Spiegel verhängt. Einsame Fliegen stoßen sich an den mit Kreide geweißten Scheiben zu Tode. Dicker Staub über allem. Dazu das ewige dumpfe Gerassel von der Straße und die erstickende Schwüle in den Sälen. Trostlos und öde, wie in einem weiten Sarg!

Zwei Briefe liegen auf meinem Schreibtisch. Der eine – gewichtig, groß, mit dem Kronsiegel geschlossen, – besagt mir, daß ich zum Beamten in besonderer Mission im Ministerium des Äußern ernannt bin, daß ich mich Montag, den 9. dieses Monats, in Wiborg dem Kommandanten Marosow an Bord S. M. Schiff ›Wladiwostok‹ vorzustellen und weitere Befehle zu erwarten habe – Equipierungsgelder – &c. &c. und daß die gesamte Mission, Gegenstand, Ziel und Richtung der Reise, im Ganzen, wie in allen Einzelheiten, auf meinen zu leistenden Amtseid als Staatsgeheimnis zu bewahren sei. Angefügt ein sehr schmeichelhaftes Billet vom Minister selbst.

Sonderbar! Gerade jetzt? Es ist schon früher von etwas ähnlichem die Rede gewesen – ganz beiläufig – aber ich habe mich gar nicht beworben – ich dachte auch gar nicht, daß es der Minister im Ernst meinte – und jetzt so schnell, in wenigen Tagen! Ich muß sofort zum Minister vorfahren. Es ist mir unmöglich, jetzt anzunehmen.

66 Der zweite Brief ist aus Wiborg und lautet so:

»Mein lieber Ker!

Ich habe gehört, daß Du schon seit einiger Zeit wieder nach Petersburg zurückgekehrt bist, und da thut es mir wahrhaftig sehr leid, daß ich Dich nicht gleich aufsuchen kann. Mein lieber Ker! Ich muß Dir berichten, daß mein Papa diesen Winter am 21sten März um drei Uhr morgens gestorben ist. Wir waren unserm Wirt die Miete schuldig geblieben, da mein Papa während seiner Krankheit nichts verdienen konnte und ich auch nichts. Mein lieber Ker, es war schrecklich. Der Wirt hatte uns Wasser und Holz sperren lassen. Ich habe Möbel verheizt, alles, was von Holz war, aber die grimmige Kälte hielt an, und mein armer Papa ist buchstäblich erfroren. Es war wirklich sehr schrecklich, mein lieber Ker! Der Wirt hatte auch alle unsere Sachen zurückbehalten und hat mich hinausgejagt, kahl wie eine Kirchenmaus. Um meinen kleinen Krimskrams, für ihn ganz wertlose Sachen, thut es mir furchtbar leid. Was thun? Er ist gesetzlich vollkommen in seinem Recht, aber es giebt doch schreckliche Menschen, mein lieber Ker! Ich habe gar nichts retten können als meine Geige und das Bärenfell; auch nicht Deine ›Sulamith‹, die Du mir aus Jena geschickt hast.

Mein lieber Ker! Ich glaube es fest und schwöre darauf, daß unser Judenlied, die ›Sulamith‹, gut ist. Glaube es mir, mein lieber Ker! Ich könnte es Dir mit guten Gründen belegen. Ich kenne es auswendig. Ich habe das ganze Material durchgearbeitet. Aber sage nur selbst! Es stinkt zum Himmel, was Gelehrte 67 und Ungelehrte, Berufene und Unberufene, was Christen und Juden sich an diesem herrlichen Liebesliede versündigt haben. Zweihundert Bearbeiter, Ausleger, Deuter und Umdichter dieser uralten Judengeschichte. Zweihundert! Und solcher Blödsinn darunter. Es könnte einem wirklich ganz angst und bange werden. Und Du hast die alte Streitfrage, ob Lied oder Drama oder sonst was, so einfach gelöst.

Mein lieber Ker! Was bist Du doch für ein beneidenswerter Mensch! Dir ist alles zugefallen, was es hier auf Erden von Glück giebt. Du bist Fürst, reich und Dichter! Wenn ich Dich nur wiedersehen und Dir die Hand schütteln könnte, mein lieber Ker!

Also wie gesagt, mein lieber Ker, es war eine schreckliche Zeit, und ich wollte mich umbringen. Da hat mir Viktor Alexandrowitsch Schröter durchgeholfen, bei dem wir früher wohnten, nicht wie ein Bruder, nein, denn Brüder helfen einander schlecht, sondern wie ein Mensch! Der hat mich also durchgefüttert, hat sich um mich bemüht, und hat mir auch die Stellung hier in Wiborg verschafft.

Ich bin jetzt drei Wochen hier, und sehr glücklich! Bei Heinrich Ahrensee, – ein reicher Reeder, und eigentlich sogar ein Verwandter von mir – habe nichts zu thun, oder so gut wie nichts, ein paar Briefe täglich, sonst nichts. Ich schäme mich ordentlich das Geld einzustecken, aber alle sind sehr liebenswürdig gegen mich. Schade nur, daß die ganze Herrlichkeit so bald wieder zu Ende geht. Er ist nämlich krank, immer krank und will nach Deutschland. Wie ein 68 Traum kommt mir manchmal der Gedanke, daß er mich mitnimmt. Deutschland zu sehen! Doch das wäre zu viel Glück für

Deinen P. F.

Vale! Vale! Vale!«

Peter Fuhks! da hätte ich dich ja – in Wiborg Du treue Seele! Heute Abend fährt das Dampfboot. Ich schicke dir deinen Krimskrams. Ich such' dich auf, sobald ich kann. Was für ein großes Glück ist doch ein freundliches Wort, und dazu ein so lieber Kerl – und ich habe ihn so sehr vernachlässigt, habe nur an mich gedacht!

 

Drei Uhr.    

Gott sei Dank! – Es ist, als wenn ich wieder aufatmen könnte. – Es scheint sich alles zu machen. Ich habe meine ganze Angelegenheit dem Minister vorgetragen; alles von Sztipann Sztipannowitsch ganz genau: vom Brand in der Gutskapelle, und daß nichts aufzufinden, vom Diakon, der so thut, als wüßte er von gar nichts, daß der Starost tot ist, der Pope stumpf vor Alter, die Kinderfrau irgendwo verschollen, vielleicht auch tot. Endlich die ganze Geschichte vom Wechsler, und daß man den doch vielleicht zum Zeugnis zwingen könnte. Ich hab' ihm auch erzählt, wie ich vergeblich von Advokat zu Advokat gelaufen bin, und daß ich niemanden, gar niemanden habe, der mir beistünde und dem ich mich vertrauen könnte, auch die ganze lächerliche Geschichte, daß eine dritte Ehe nicht giltig sein soll – und so weiter!

Er war wirklich sehr liebenswürdig. Er ist ganz erstaunt über die Geschichte von Sztipann Sztipannowitsch und hält 69 sie für ganz unglaublich. Er will selbst persönlich eingreifen und nötigenfalls ohne Rücksicht vorgehen. Ich soll ruhig reisen. Er nimmt indessen meine Angelegenheiten in die Hand.

Gott sei Dank! – endlich ein Mensch!

Ich habe annehmen müssen! Es wäre geradezu beleidigend, wenn ich abgeschlagen hätte.

Also nach Wiborg!

Um acht Uhr geht das Dampfboot. Ich habe noch vier Stunden Zeit. Ich equipiere mich unterwegs, Kopenhagen, Havre. Ich nehme von niemandem Abschied. Sie haben sich alle gegen mich gestellt. Alle guten Freunde und Bekannten!

 

An Bord 8 Uhr.    

Eben kommen Fuhksens Sachen. Mein braver Hausknecht hat sie dem gemästeten Riesen lächerlich billig abgejagt. Die Leute verstehen einander. Freilich erbärmliches Zeug. Ein eisernes Bettgestell, zerrissene Matratzen und Decken, eine offene Kiste mit Noten, Büchern, Schreibereien, ein Bündel jämmerlicher abgetragener Kleider, endlich ein Korb mit leeren Flaschen, Scherben, Stroh. Es war mir bis heute nie klar geworden, in welch peinlicher Armut der gute Kerl steckte. Und an diesen Sachen hing seine Seele; doch wer weiß, was mir bevorsteht!

 

9 Uhr abends.    

Wir gehen endlich. Es ist ein altes Schiff, kaum seetüchtig, natürlich in England gebaut; aber entsetzlich 70 klapperig. Es stöhnte laut auf beim Abdampfen. Die zersprungene Glocke hatte ganz vergeblich ein paarmal geschrillt, es ließ sich niemand mehr heranlocken. Die erste Kajüte, außer mir, leer; vorn allerlei Volk bunt durcheinander, die Bemannung wettergebräunte, stämmige Finnländer.

Um Jermák thut es mir leid, daß ich gehe, sonst um niemand. – Der gute Kerl war ganz starr.

Wir sind aus dem Gewühl der Dampfer und Kähne hinaus und gleiten vom mächtigen Strom und der kränklichen Maschine getrieben, an den öden Ufern von Wassili-Ostrow vorüber. Die dicht aneinander gedrängten, riesigen Lagerhäuser sind verschwunden und haben einzeln stehenden Hütten Platz gemacht. Der weite Friedhof von Wolkowa taucht auf. Ein Wald von Kreuzen! Wie viel Tausende liegen dort ganz friedlich nebeneinander, Schulter an Schulter! Es ist nur gut, daß ihnen mit dem bißchen Prunk, den sie mit sich ins Grab genommen, auch Kraft und Macht vermodert ist, den Nächsten zu beneiden und zu bekämpfen. Sie alle haben sich im Leben nach Herzenslust verachtet und befeindet, und jetzt soll ein frommer Spruch auf einem Stückchen Holz oder Eisen, zu ihren Häupten angebracht, alles wieder gut machen. Einige wenige mögen sich auch geliebt haben – und jetzt haben alle Liebe und Haß vergessen! Wozu ist alle Qual auf Erden?

Auch mein Vater ruht dort in einer Gruft mit seinen drei Frauen. Ich habe es oft erzählen hören, wie sehr er meine Mutter geliebt hat, wie er ihr bald nachgestorben ist, und wie er mich, den Jüngsten, vor allen reichlich bedacht hat. Auf dem Totenbette hatten ihm die älteren Geschwister schwören müssen, mich nicht 71 zu verlassen. Um Mitternacht verlangte er nach mir und ließ mich nicht mehr von seiner Seite. Gegen Morgen waren wir beide sanft eingeschlafen.

Wer weiß, was mich trifft.

* * *

Wir sind an der Mündung der Newa, im freien Wasser. Die Sonne geht unter. Allmählich steigen die Schatten höher, und Sankt Petersburg versinkt im abendlichen Dunst. Nur die goldene Kuppel des heiligen Isaakischen Tempels blitzt noch im Sonnenlicht. Es ist friedlich und ruhig auf dem Wasser, ein paar Boote, Möven, ein Dampfer in der Ferne, und weit im Norden am flachen finnländischen Ufer die mächtigen Feuer der Lachsfischer und das Licht des Leuchtturmes.

Kronstadt. Riesentürme, niedere granitene Wälle, und aus finstern Scharten: Geschütz an Geschütz. So fletscht Rußland die Zähne. Gegen wen wohl? Nun, gegen die lieben Nachbarn und Nachbarsnachbarn. – Was für ein räuberisches Geschlecht sind doch die Menschen. Ein Volk lauert auf das andere! Einer übervorteilt den andern, auf diese oder jene Weise. Läßt er sich fangen, so heißt er Dieb und Räuber; wischt er durch, so heißt er Ehrenmann, oder Staatsrat, – oder Bankdirektor – Millionär. Er ist ganz derselbe Schuft, er hat sich nur nicht erwischen lassen.

Es ist eine herrliche Nacht. Einige wenige Sterne ziehen auf, aber sie leuchten nicht, es ist beinah so hell wie am Tage.

Ich ziehe es vor, auf dem Deck in freier Luft zu schlafen. –

* * *

72 Ja schlafen! Die letzten Tage haben mich doch mehr angegriffen, als ich mir selbst gestehen will.

Wenn es doch nur Höflichkeit – nichts als Höflichkeit war – und leere Worte? – Wenn er mich nur beschwichtigen wollte? – Nur einschläfern? – Wenn er es mit Sztipann Sztipannowitsch hielte? – Dummes Zeug! Es ist unmöglich.

Ich will auf alle Fälle Peter Fuhks meine Vollmacht hinterlassen. Er ist ein braver Kerl; er kennt von seinem Vater her die Advokatenschliche, und wenn es nötig ist, so greift er ein, vielleicht geschickter als ich. Jedenfalls schreibt er mir, wie es steht. Und ich kehre nötigenfalls von Suez zurück – desertiere – denn wollte ich mit dem Schiff den Bestimmungsort erreichen und vom Amur aus in aller Ordnung um Urlaub nachsuchen, so könnte leicht ein Jahr vergehen, ehe nur die Antwort aus Petersburg ankömmt.

* * *

Ich bin übermüdet, abgespannt; dennoch lassen die Gedanken keinen Schlaf aufkommen.

Ehe ich mich ihrer erwehren kann, stürmen Hoffnung und Verzweiflung in wildem Durcheinander auf mich ein. Soll ich mich dem frechen Raube fügen? Soll ich Stellung, Vermögen und Namen willig aufgeben? –^ Nimmermehr! Nimmermehr!

* * *

So weit wär' ich nun! Ich suche Philosophie und finde nur geistreiche Spitzfindigkeit; ich sehne mich nach 73 Freunden und vergesse den besten, den ich habe; ich dichte über Liebe und habe kein Weib gefunden, kein Weib berührt. Ich bin Fürst und – Bettler!

* * *

Wir fahren in dichtem Nebel, Wiborg kann nicht mehr weit sein. Es ist bald drei Uhr. Die Sonne muß aufgehen. 74

 


 

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