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Das Recht der Mutter

Helene Böhlau: Das Recht der Mutter - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Recht der Mutter
authorHelene Böhlau
year1896
firstpub1896
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleDas Recht der Mutter
pages377
created20140211
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erstes Buch.

Erstes Kapitel.

Noch als grüner Bursche schrieb Ker, das heißt der Student Dmitri Alexándrowitsch Ker-Asowsky in sein Tagebuch:

 

St. Petersburg, den 2./14. April.    

Ich setze keinen Fuß mehr in die Universität. Was bekomme ich dort zu hören? Es ist wahrlich nicht des Hingehens wert. Tag für Tag entsetzlich wichtige Mienen, aber die Weisheit der Herren fließt tropfenweise. Tagtäglich ein sparsam zugemessenes Tröpfchen, da, wo ich in vollen Zügen trinken möchte. Und wie sie vortragen! wie sie vortragen! Semester für Semester immer dieselben Witze an derselben Stelle, die älteren Studenten kennen die Witze alle im voraus. Man denkt unwillkürlich: morgen kommt es! ja morgen! immer derselbe Quatsch. Und das nennen die Herren Philosophie! Entweder wissen sie nichts mehr zu sagen, oder sie wagen es nicht. Das ist nur bei uns in Rußland möglich. Dazu der ewige Winter, wir haben April. In Deutschland ist es voller Frühling.

Was soll ich hier?

Ich gehe nach Deutschland.

2 Wenn es mir einmal bestimmt war, über diesen Planeten als Mensch zu wandern, so will ich es nicht gethan haben, ohne das Höchste kennen zu lernen, was die Erde uns Menschen bietet.

Wanderer sind wir alle; ich will sehend wandern.

 

11./23. April.    

Mein lieber Schwager und Vormund Sztipann Sztipannowitsch ist ganz einverstanden. Er hat sehr liebenswürdig zugestimmt, hat sofort die nötigen Mittel angewiesen und hat mich lächelnd ermahnt, nicht gar zu sparsam zu sein, und das würde ja wohl die paar Monate bis zu meiner Mündigkeits-Erklärung reichen; dann könne ich ja über das Ganze selbst verfügen.

Ich weiß nicht, was ich gegen ihn habe. Er ist immer liebenswürdig und höflich gegen mich, aber ich mag ihn nicht. Man sagt ihm nach, daß er die Bauern schinde. Auch mein Bruder, der General im Kaukasus, ist so lang wie ich denken kann mit ihm verzankt.

Meine Schwester Anna Alexándrowna umarmte und küßte mich und konnte sich nicht enthalten zu sagen: »Papa war sehr liebenswürdig gegen dich, obgleich du doch von seiner dritten Frau bist, und kein Mensch dachte daran, daß er sich noch einmal verheiraten würde. Freifräulein von Lützerode-Stefanitz, Stiftsdame aus Waitzenbach ober Hammelburg bei Schweinfurt . . . reichsunmittelbar . . . und allen regierenden Häusern ebenbürtig! Warum hat sie denn nicht einen deutschen König geheiratet, statt unseren armen Papa?«

Aber, liebe Anna, sage ich, das scheint mir doch ganz und gar Papas Sache gewesen zu sein.

»Nun natürlich! Warum bist du denn gleich so 3 empfindlich wie ein echter Deutscher; du hast ja eine deutsche Mama und eine deutsche Kindermuhme gehabt. Alles deutsch. Unser armer Papa. Ich sage ja gar nichts, und du bist ja selbst bald mündig. Aber du weißt doch, daß deine Mama gar nichts gehabt hat, nur Diplome, Diplome, Diplome – ich glaube auch gar Gouvernanten-Diplom. Geh' doch lieber nach Paris. Ein junger Mann muß austoben. Aber wie du willst. Wenn du durchaus studieren willst, nun gut, so geh' nach Jena oder wie es heißt, und studiere. Offizier willst du ja nicht werden. Adieu, mein lieber Junge! Du kannst dort thun, was du willst, nur bitte, trinke kein Bier – das ist so, wie soll ich sagen – unfein. Man kriegt so eine deutsche Gestalt – so dick. Man hat mir gesagt, alle Deutschen sehen aus wie Kartoffeln. Sie laufen alle herum ohne Taille, wie Billardkugeln. Adieu mein lieber Dmitri! und kauf dir ein hübsches Reitpferd. Ich weiß gar nicht, ob es in Deutschland hübsche Pferde giebt, alles Bierfaß!«

Nicht wahr? hübsch!

Was für frische lebendige Kinder sind doch meine Nichten und Neffen: Daascha, Szaascha, Maascha, Paascha, Jaascha! Sie klettern alle an mir herum. Alle in russischen, weißseidenen Hemden, roten Hosen und roten Gürteln. Jeder will etwas haben, ich soll jedem was mitbringen, die Älteste will durchaus noch ein Brüderchen. Ja, hast du denn noch nicht genug? Nein, sagt sie, die hauen mich alle! So? und da willst du wohl einen solchen haben, den du hauen kannst? Ja, antwortet sie und lacht.

*

4 Ich nehme niemand von den Leuten mit, ich gehe ganz allein.

* * *

An Bord der »Schönen Louise.«

14./26. April.    

Es ist das erste Schiff, das abgeht. Aber trotz aller Unbequemlichkeiten ist es mir hier lieber, als im Waggon. Die Newa ist zwar seit einigen Tagen eisfrei, aber wir haben noch vollen Winter. Alles weiß.

Schöne Geschichten, mit Jermák, dem Kutscher!

Sollte er recht haben mit Sztipann Sztipannowitsch? Es wird nicht so schlimm werden!

Auf dem Weg vom Gut hierher lag ich behaglich verwahrt und halb träumend im Schlitten und blinzelte durch die bereiften Augenwimpern, bald nach dem dampfenden Dreigespann, bald rechts und links ins luftige Schneegestöber und dachte an der Frühling in Deutschland.

»Baarin, Herr!« begann der Kutscher.

»Nun?«

»He, du Schimmel munter, munter!«

»Was willst du?«

»Du gehst ins Ausland, Herr, nicht? Nach Germanien, in das Land, wo sie nicht russisch sprechen?«

»Freilich, was weiter?«

»He, du Strauchdieb, glaubst wohl, man kennt dich nicht?« und er hieb auf das Handpferd ein.

»Laß nur gut sein, laß sie verschnaufen.«

»Das weiß ich besser, Herr. Der Schimmel da ist ein Gauner, ein Hebräer, eine Hundeseele, blinzelt immer zurück, ob ich vielleicht einmal einnicke. Wartet nur, 5 Brüderchen, ich kenn' euch alle!« Und er hieb von neuem auf die Pferde ein, so daß wir pfeilschnell über die frische Schneebahn hinflogen.

»Gerade so habe ich deine Schwester gefahren, Herr.«

»Wen, sagst du?«

»Je nun, deine älteste Schwester Jekatirina Alexándrowna. Es ist freilich lange her, und ich war noch ein rüstiger Kerl. Du wirst nichts davon wissen, Herr, denn du warst ja kaum auf der Welt. Herrgott, Herrgott, wie die Zeit vergeht! Jekatirina Alexándrowna! – Wo mag sie jetzt sein? Glaub' mir, Herr, das war ein herrliches Mädchen. Eine Schönheit, Herr, glaub' mir, ein Engelsangesicht. Sie hat mir einen Pelz geschenkt, der Pope könnte auf solch' einen Pelz stolz sein – und ich Hund, ich habe ihn versoffen.«

»Was erzählst du da für Geschichten? Schweig doch lieber.«

»Wahrheit, Herr!

»Deine Schwester ging auch ins Ausland wie du, Herr, und hatte ein Bübchen mit, ein Püppchen, – so klein – ich sage dir, nicht größer als meine Fausthandschuhe – und ein Gesichtchen! wie von Wachs, das reine Wachs und das quäkte so jämmerlich – ich habe laut weinen müssen, wie ich deine Schwester fuhr. – – Wir sind nämlich heimlich ausgerissen, mußt du wissen, Herr. In der Nacht. Und dein Bruder hat mich hinterher gehörig prügeln lassen. Ach du lieber Gott, was thuen Prügel? Nichts, rein gar nichts. Jekatirina Alexándrowna war fort. Sie hat es mir befohlen, sie nach Petersburg zu fahren, zum Schiff. Warum ist sie denn nicht wieder gekommen? – Sag' mal, Herr, kennst du deine Schwester Jekatirina Alexándrowna?«

6 Es war mir höchst peinlich, den Alten so reden zu hören. Er sprach mit bäurischer Offenheit von einer Schmach in unserer Familie. Ich erinnerte mich: Ich hatte als Knabe auf dem Boden des Schlosses ein Pastellbild aufgestöbert – ein junges Mädchen in Bauerntracht – verstaubt, mit gebrochenem Rahmen und zersplittertem Glas, unter einem Haufen Gerümpel halb vergraben. Als ich es aber triumphierend der Schwester Anna brachte, befahl sie mir, es augenblicklich wieder dahin zu schaffen, wo ich's herhätte. Aber ich ließ das Bild nicht aus den Augen und erfuhr von den Dienstleuten, daß es meine älteste Schwester sei, Jekatirina, daß sie verstoßen sei, und daß sie in Deutschland wohne. Sie sei dort noch weiter gefallen, hieß es und hätte unter ihrem Stande, einen Herrn Müller, geheiratet, worauf sie dann abgefunden worden sei. Was bei uns mit peinlichstem Zartgefühl auch nur mit einer Silbe anzudeuten vermieden wurde – so lange Jahre, wovon ich selbst soviel wie gar nichts wußte, das erfrechte sich der Alte geradeaus mir ins Gesicht zu erzählen. Ich ahnte längst, daß sich an den Namen der ältesten Schwester eine schwere Schmach unserer Familie knüpfte. Jetzt, als ich die Bestätigung aus dem Munde des Alten hörte, durchfuhr es mich wie ein Schlag, und ich rief ihm voll tiefen Verdrusses zu:

»Halt's Maul, Alter!«

Der Alte schwieg – wir flogen nur so über die schneeige Fläche, – dann nach einer Weile zügelte er die Pferde, ließ sie im Schritt verschnaufen, setzte sich bequem zurecht und wandte mir sein bärtiges, weißbereiftes Gesicht zu.

»Sieh' mal hin, Herr, dort geht ein Jude.«

7 Der Jude, ein riesiger Kerl mit buschigen Brauen, zog die Mütze und grüßte demütig. Der Alte schmunzelte über das ganze Gesicht, fuhr mit der Hand herunter, holte die Ecke seines Kaftans hervor, formte in aller Geschwindigkeit aus dem Zipfel ein Ding, das ein Schweinsohr darstellen sollte, und fuchtelte damit gegen den Juden.

»Hebräer!« schrie er: »He Schweinsohr, Schweinsohr, Schweinsohr!« und lenkte die Pferde so plötzlich zur Seite, daß der Jude mit einem jähen Satz vom Wege in den tiefen Schnee ausweichen mußte.

»Laß doch deine Possen,« rief ich dem Alten zu.

»Was willst du, Herr?« entgegnete er gelassen, »ich hab' es immer so gehalten, es war ja ein Jude! Hast du gesehen, Herr, wie er springen mußte? – Wie ein Hase!«

Nach geraumer Weile sprach er weiter:

»So was wäre gewiß nicht bei den Juden geschehen. – Glaubst du nicht, Herr?«

»Was denn?«

»Gewißlich nicht, das sind andere Leute, diese Juden!«

»Was willst du denn mit deinen Juden?«

»Andere Leute als wir. Alle ordentlich, keine Säufer. Und hängen wie Kletten aneinander, und einer verläßt den andern nicht, und verlassen auch ihre Kinder nicht. – Ja, andere Leute, als wie wir.«

»Seit wann lobst du denn die Juden?«

»Alles was recht ist, Herr. Ich bin ein rechtgläubiger Christ und hab' alle Sonntag meinen Juden verhauen. Ich hab' immer welche erwischt. Jetzt thuen es die jungen Burschen, und mein Sohn ist auch dabei. Und der ist doch auch kein Jüngling mehr, und dann 8 werden es meine Enkel thun. Und das muß auch so sein, denn die Juden haben den Erlöser gekreuzigt. – Und meinen Sohn hat doch deine Schwester Jekatirina Alexándrowna aus der Taufe gehoben, und war doch selbst noch ein halbes Kind. Das weißt du doch, gnädiger Herr?«

Ich ließ den Alten schwatzen, er war ja doch nicht zu halten.

»Du lieber Gott, das ist schon lange her, wer will denn das genau wissen, aber dreißig Jahre sind es her. Wie gesagt, Herr, deine Schwester war selbst noch ein halbes Kind, aber klug war sie und schön, wahrhaft ein wahres Engelsangesicht. Und was sie sagte, das blieb gesagt, und was sie that, das war gethan. Sie konnte alles. Du hättest sie nur sehen sollen, wie sie solch ein Dreigespann meisterte! Wie nichts! Und es hatte sie doch niemand gelehrt. Es war ein richtig russisches Kind! Immer lustig und guter Dinge, lachte und sang den ganzen Tag.

»So gingen die Jahre hin – auch du wirst es erleben, Dmitri Alexándrowitsch!

»Da kam eines Frühjahrs zu Ostern solch ein Petersburger Fant, schnauzbärtig und ein Krauskopf, auch nicht ganz jung, der malte alle die Herrschaften, der malte überhaupt alles, den ganzen Tag, und schrieb alle Häuser und Bäume ab. Nur Heiligenbilder konnte er nicht malen, denn es war ein Jude, so wahr Gott lebt, ein Jude, oder ein Deutscher, oder ein Katholik. Nun hättest du aber die Herrin sehen sollen, die war gleich ganz weg von ihm, und lasen den ganzen Tag, oder malten und ritten, und Jekatirina Alexándrowna war wie umgewandelt, hing an seinem Munde, und allerlei 9 Dummheiten brachte er ihr bei. Sie mußte rings in die Dörfer und mußte die Bauern lesen lehren und Tag und Nacht zu armen Kranken laufen und derlei mehr! Als ob sich das für eine Herrschaft schickte.

»Und als er fortging, Herr, da war unsere Jekatirina Alexándrowna wie zusammengebrochen . . . wie hin, das war ein Jammer! Wenn ich spät abends aus der Schänke kam und alles war schon totenstill, da stand meine Herrin am offenen Fenster und weinte und schluchzte, daß mir das Herz im Leibe zerreißen wollte. Oder sie schlich am Wasser auf und ab. Da hab' ich sie nach Hause gebracht und hab' so manche Nacht wie ein Hund vor ihrem Fenster auf bloßer Erde geschlafen.

». . . . Na, es kam der Winter und verging . . . . Jekatirina Alexándrowna war nach Petersburg gegangen – So, gegen das Frühjahr – wie heute – kam sie aufs Gut zurück und brachte ein Kindchen mit und sagte, es wäre nicht ihr's, und wollte so friedlich weiterleben, als ob gar nichts geschehen wäre. Ja, wenn dein Vater gelebt hätte, der würde das Kindchen wohl aufgenommen haben, den aber hatten sie gerade in den Sarg gelegt und ihn der Erde und der Auferstehung übergeben. Du, Dmitri Alexándrowitsch, hättest auch nicht geduldet, daß deiner leiblichen Schwester Unrecht geschehe. – Aber du warst selbst kaum geboren, warst selbst noch ein zartes Kind, sechs Wochen alt und noch bei der Amme und der deutschen Kindermuhme. Unerforschliche Wege Gottes! – deine Brüder verstießen die Schwester und sagten sich von ihr los; und es war kein Mitleid bei ihnen zu finden.

»Da sind wir denn in der Nacht fort; gerade wie ich dich heute fahre, Herr, so hab' ich deine Schwester und 10 das Kindlein gefahren. Die wollte auch ins Ausland grad' wie du. Da hab' ich ihr zugeredet und gesagt: Jekatirina Alexándrowna, gehe nicht von uns. – ›Ich will fort, dahin, wo bessere Menschen sind.‹ – Gehe nicht, mein Töchterchen, gehe nicht! – ›Ich kann ja nicht anders, Jermák‹, antwortete sie und weinte, ›hier will mich ja niemand mehr.‹ – Ach, du heilige Mutter Gottes, sie hatte Recht. Es hat ihr niemand geholfen und niemand ein gutes Wort gegeben, was konnte sie thun?

»Dort am Walde habe ich gehalten, denn das Kindchen schrie. Da haben wir es beide gefüttert. Da sagte die Herrin zu mir: ›Es lacht ja garnicht, Jermák.‹ Da hab' ich sie getröstet und hab' ihr gesagt: Warte nur ein klein wenig, Jekatirina Alexándrowna, bald wird das Würmchen dich kennen und bald lachen; warte nur ein klein wenig, meine liebe Herrin.

»Dann mußte ich sie ans Schiff fahren, am Newaufer, gerade wie ich dich heute hinfahren werde. Damals gab es noch keine Bahnen. Als sie aber ausstieg, da hab' ich mich nochmals vor ihr auf die Erde geworfen, hab' ihr die Füße geküßt und hab' ihr gesagt: Gehe nicht von uns, Jekatirina Alexándrowna, Mütterchen, gehe nicht von uns, mein blaues Täubchen, du wirst Elend erdulden in der Fremde, mein Engel. Bleib bei uns und erzieh das Kind rechtgläubig. Aber sie weinte und sagte nur: ›Ich gehe zu besseren Menschen.‹

»So ging sie und hatte nicht einmal einen Pelz mit, nur ein Körbchen – so groß – und nichts mehr. Aber ich habe dem Kinde ein Bildnis der kasanischen Gottesgebärerin mitgegeben.

»Acht Tage bin ich nicht nach Haus gekehrt und 11 habe mich mit den Pferden in Petersburg herumgetrieben. Da ist denn der Pelz, den mir Jekatirina Alexándrowna geschenkt hat, drauf gegangen, und dein Bruder hat mich prügeln lassen. Herrgott! was sind Prügel?« – – –

Nach einer Weile begann der Alte wieder:

»Es war unrecht von dir, Herr, daß du mir vorhin den Mund verbotst. Solch ein junger Herr, wie du bist, soll gar nicht mitreden über Dinge, die er nicht versteht. So lange wir jung sind, sind wir alle dumm. Erst das Alter macht klug, Herr, und vor Gott sind wir alle gleich, Herren und Diener, Sünder und Gerechte, und es soll sich niemand überheben. Es ist freilich eine große Schande, wenn ein Mädchen ein Kind hat und dazu bei so vornehmen Leuten, wie ihr seid. Aber christlich ist es nicht, die Seinen zu verlassen, wenn sie in Not sind, wie ihr es gethan habt mit Jekatirina Alexándrowna.«

Ich sagte kurz:

»Es geschieht jedem, was recht ist und was er verdient.«

»Versündige dich nicht, Dmitri Alexándrowitsch, denn es steht geschrieben: ›der Mensch soll kein Tier sein, und nur das Schwein frißt sein eigenes Fleisch und Blut‹, und darum dürfen auch die Juden kein Schwein anrühren, wir aber, wir Christenmenschen, was thun wir? . . . Es ist freilich eine große Schande, wenn ein Mädchen ein Kind hat – eine große Schande –, vor den Menschen, aber nicht vor Gott. Und was Gott zuläßt, das will er . . . Ich weiß wohl, was die Leute sagen, aber das sind gottlose Leute, Neider. Gute Menschen reden gut, und Gott haßt nicht den armen Sünder. Und selbst wenn es in heiligen Schriften 12 geschrieben stünde, es ist nicht wahr! Das ist Menschensatzung, Gottes Wille ist anders. – Und die Popen wissen gar nichts zu sagen, sie wollen bloß das große Wort behalten und wollen ihre Gebühren; sie tragen ihre Haare lang, aber lange Haare, kurzer Verstand.

»Höre mich einmal an, Dmitri Alexándrowitsch:

»Wenn einmal von dir ein Mädchen, was Gott verhüten möge, ein Kindchen haben sollte – sag' mal, Herr – würdest du ihr darum gram sein? Oder würdest du sagen können, ich bin nicht schuld, nur das Mädchen allein ist schuld? . . . . und wenn du's thätest, wärst du da nicht ein Hund? . . . . Und wenn du das Mädchen verließest, wärst du's nicht wert, daß man dir ins Angesicht spie? – Aber die neidischen Menschen fallen gleich über das Mädchen her, wie die Wölfe über ein gestürztes Pferd, und zerreißen es mit ihren Zähnen.

»Hat uns Christen der heilige Joseph nicht selbst ein Beispiel gegeben? und ist die heilige Mutter Gottes nicht eine Jungfrau? Und der Erlöser selbst hatte keinen Vater auf Erden.

»Gottes Barmherzigkeit ist groß, sonst hätte Gott die Menschen schon alle vom Erdboden vertilgt, weil sie sein Beispiel nicht achten; und verdrehen es und verderben es. Und wenn es ein Gesetz ist, so ist es ein schlechtes Gesetz. Alle Gesetze sind menschlich, sie kommen und gehen und wechseln, wie die Menschen. – Der alte Pope stirbt und es kommt ein neuer und der predigt anders als der alte. – Gottes Allmacht ruft den Zaren ab, und es kommt ein junger Zar, ein herrlicher Zar, der übt größere Barmherzigkeit und giebt mildere Gesetze, und die alten Gesetze gelten nicht mehr.

»Dies alles ist Wahrheit, wahrhaftige Wahrheit – 13 und wenn dies nicht Wahrheit ist, nicht wahrhaftige Wahrheit, so widersprich mir, Herr, und unterrichte mich und belehre mich und berichtige mich.

»O, Menschen, Menschen, böse Menschen! . . .

»Sag' mal an, Herr, wo wohnt denn eigentlich deine Schwester? Lebt sie in Berlin? oder in Paris? oder in Deutschland? oder in Germanien? Nun, du wirst es schon wissen, wo sie lebt, du wirst sie schon finden.

»Aber antworte mir, Herr, du wirst doch deine Schwester im Elend aufsuchen?

»Wenn du bei ihr bist, so sage zu ihr: der alte Jermák lebt noch und läßt dich demütig grüßen, Herrin; und sieh zu, ob das kleine Würmchen gedeiht, und ob sie es hat taufen lassen, rechtgläubig, und ob es das heilige Gottesbild noch trägt, das ich ihm mitgegeben habe, das Bildnis von der heiligen Mutter Gottes von Kasan! Und bring sie wieder hierher, zu uns nach Rußland. Wir wollen sie empfangen wie eine Zarin und wollen ein Fest im Dorf veranstalten und ein Gelage, da soll keiner nüchtern bleiben! und wollen ihr Wohl trinken nicht in gemeinem Brantwein, nein, in gereinigtem Brantwein, und alt und jung soll dabei sein. Kommt alle beide im Winter wieder zu uns zurück, wenn bei uns in Rußland der Schnee wieder fällt, denn draußen, da sollen sie im Winter keinen Schnee haben. Was ist ein Winter ohne Schnee? Und wie kann das ein Mensch aushalten?

»Nun weiß ich aber nicht, ob ich dir trauen soll, Herr, oder nicht. – Wenn du nach deinen Brüdern gerätst, so wirst du auch schlecht und wirst deine Schwester verlassen wie sie; denn ich habe es ihnen allen beiden gesagt, wie ich es dir heute sage, und keiner von den 14 beiden hat Jekatirina Alexándrowna wieder gebracht. Sie waren schlecht, und der eine lebt noch! – Sztipann Sztipannowitsch, dein Vormund, wird dich um Haus und Hof bringen, ehe du mündig bist.

»Nun thu' ferner nach deinem Willen, Herr, der Wille ist dein, und wir Elenden vermögen nichts, und was der Arme redet, ist in den Wind gesprochen, und Gottes Auge ist überall!

»Schau einmal hin, Herr, dort über den Nebel da siehst du schon Petersburg, da blinken schon die Kuppeln des heiligen Tempels Isaak, und die Sonne scheint darauf!

»Heda, meine Pferdchen, greift aus!

»Herr Gott im Himmel! wie ist doch Rußland so groß und so weit. Viele Tage kannst du fahren, immer gerade aus, oder nach rechts oder nach links, und es hat nie ein Ende. Und immer wechseln ab dunkle Wälder und grüne Wiesen und goldene Roggenfelder, du fährst durch kleine Bäche mitten hindurch und kommst an mächtige Ströme und über weite Ebenen und hohe Berge. Aus einem kleinen Dörfchen fährst du aus, und schon blinken dir in der Ferne goldene Kuppeln. Tausend goldene Kuppeln von Archangelsk bis Kasan und tausend bis Nowgorod, und tausend sind in Moskau, dem Mütterchen, allein! . . . . Rings herum draußen, da wohnen die Türken und Schweden und alle die Verworfenen, Ungläubige und Heiden, und auch schwarze Völker, schwarz wie der Teufel. Aber niemand wird dir je etwas anhaben können, du mein heiliges Rußland! Weder die Franzosen noch die Engländer! Du hast sie alle geschlagen. Vor uns haben Helden gelebt und nach uns werden Helden kommen, dich alle Zeit zu verteidigen.

15 »Horche hin!

»Aus allen Kuppeln, da läuten die Glocken zur Ehre Gottes, des Höchsten! Alles hat Gott Rußland verliehen, Gold und Silber und Roggenfelder und über alles herrscht ein rechtgläubiger Zar! Gott erhalte ihn!

»Hurrah, ihr meine russischen Pferdchen!«

* * *

1. Mai, 8 Uhr, an Bord der »Schönen Luise«.    

Swinemünde, Deutschland in Sicht! 16

 


 

Zweites Kapitel.

Jena, 4. Mai.    

Vier Tage hatte uns die Ostsee geschaukelt, als wir in das enge Fahrwasser der Swine einlenkten, und vor Swinemünde anlegten. Ich betrat deutschen Boden. Das Wetter hatte sich in diesen Tagen allmählich freundlicher gestaltet. Am blauen Himmel zogen leichte Wölkchen, und ein milder Wind strich über die in vollem Lenzesschmuck prangende Landschaft. Niedrige bescheidene Häuschen, von wildem Wein umrankt, Obstbäume in voller Blüte, deutsch redende Menschen. Was mir als Knabe vorgeschwebt, war zur Wirklichkeit geworden. Deutschland! Das Land der Dichter und Denker, der tiefen Liebe und Treue. Das Land des umfassenden Wissens, ehrlicher Arbeit, das Land der Biederkeit und Redlichkeit! Goethes Land! Ich empfand alles wie ein Wunder.

Gegen Abend langten wir in Stettin an, und noch in derselben Nacht war ich in Berlin und sah auf die menschenleere Straße »Unter den Linden.« In den Tagen auf der See waren mir die Worte des alten Jermák immer wieder von neuem durch den Kopf gegangen und hatten in mir den Entschluß gezeitigt, die Schwester aufzusuchen. Und zwar gleich. Ehe der Zug mich Tags darauf weiter führte, hatte ich nur wenig Zeit, mich umzusehen. So kurz mein Blick war, den ich auf Berlin 17 werfen konnte, er genügte mir, die Überzeugung zu geben, daß ich eine neue Welt betreten hatte, und ich sagte mir mit Verwunderung, daß hier jeder Stein intelligent liege.

Es war meiner Mutter Heimatland, durch das ich fuhr – ich stand ihm nahe.

Jekatirina Alexándrowna, meine älteste Stiefschwester, von der Jermák so wunderlich gesprochen, lebte auch in Deutschland, das wußte ich, aber wo in Deutschland? Man sprach spöttisch von ihr, daß sie »studierte« in einem verlorenen Bauernnest, einer sogenannten Universitätsstadt! Gut! Vielleicht ist es Jena.

Den ersten Abend, als ich in dem winzigen Nest, das so angenehm zwischen sonderbar geformten Bergen liegt, im Gasthof zum Bären saß und es mir wohl sein ließ – das Nest gefiel mir, heimelte mich an – es war so deutsch – genau so wie ich »deutsch« mir vorgestellt hatte – da kam mir ein dünnes abgegriffenes Heft in die Hand, das auf dem Tisch im Speisezimmer lag, das Adreßbuch, ich sah hinein und erfuhr so, gleich eine halbe Stunde nach meiner Ankunft, am allerersten Abend, daß meine Schwester wirklich hier – gerade hier lebte. – Unter den zwei Dutzend Namens Müller war richtig eine Katharina, verwitwete Müller, und Jedermann wußte von ihr, daß sie eine russische Fürstin sei.

Jermák, der ernste Jermák würde sagen: »Wunderbare Fügung Gottes.« Und ich machte mich ohne Zögern auf.

Ich marschierte durch die Sträßchen, schöne alte Bäume, alte Mauern, alte Häuser – alles im Frühlingsschmuck – die Luft weich, das Leben heiter, so etwas wie zwanglos, alles lächerlich richtig »deutsch«. Auf dem Marktplatz saßen Studenten um Tische, im Freien, 18 tranken und sangen. Es war eine neue und harmlose Welt, wie es schien.

Meine Schwester wohnte ein Stück draußen vor der Stadt.

Ich fand mich ganz gut zurecht. Das Haus lag in einer Seitenstraße der alten Chaussee nach Weimar.

Bald stand ich vor dem Hause – dies mußte es sein – mitten in einem Garten lag es. Wie ich bei dem sternenhellen Himmel sehen konnte, war es ein einfaches Landhaus mit einem hohen Ziegeldach. An dem Gartenthor tastete ich nach einer Glocke.

Aus einem großen Ausbau über dem Dach schimmerte ein Lichtschein.

Es blieb lange alles still. Niemand kam, mir zu öffnen.

Endlich that sich im ersten Stock ein Fenster auf – und eine harte, angenehme Stimme rief deutsch, doch unverkennbar in unserem russischen Deutsch:

»Wer ist da – bitte zu sagen.«

Mir klopfte das Herz und ich wußte nicht recht, was ich antworten sollte.

»Nun!« rief es noch einmal.

»Dein Bruder!« rief ich.

»Wessen Bruder?«

»Nun, dein Bruder aus Petersburg.«

»Geh' nur wieder fort, ich hab' keinen Bruder.«

Das Fenster schloß sich heftig und es währte eine ganze Weile, da hörte ich, wie das Fenster wieder geöffnet wurde.

»Jekatirina Alexándrowna,« rief ich.

»Nun, wer ist es denn?«

»Dmitri.«

»Was für ein Dmitri?«

»Von Papas dritter Frau.«

»Der Deutschen?«

»Ja, der Deutschen.«

»Also das Baby der Stiftsdame?«

»Ja, ja!«

»Das Tier schläft schon.«

»Welches Tier?«

»Ich kann dir das Thor nicht aufmachen!«

»Ich steige über, wart!«

Dabei schwang ich mich auf den Zaun zum Übersteigen und saß rittlings auf dem Thorpfosten und schaute sehr bedenklich nach allerlei Spitzen und Stacheln, die das Thor mit teuflischer Raffinerie flankierten.

»Dmitri?« rief es noch einmal fragend.

»Ja wohl, Dmitri!«

Es folgt eine lange Pause.

»Jekatirina Alexándrowna!« rief ich ungeduldig. »Ich bitte, entschließe dich, ob du mich überhaupt hereinläßt. Ich sitze höchst unbequem auf deinem verdammten Stachelzaun . . . – – Gut also, ich werde morgen in aller Form um eine Audienz nachsuchen. Meine Empfehlung!«

»Nun, so komme ans Haus, ich will aufschließen!«

Ich stieg äußerst behutsam in den Garten herunter.

»Scheußliches Frauenzimmer,« sagte ich halblaut, als ich trotz aller Vorsicht wieder in einen Stachel gegriffen hatte.

Ein Lichtschein fiel durch den Ritz unter der Thür. Der Schlüssel drehte sich langsam im Schloß.

Ich trat ein. In der äußersten Ecke des Vorsaals 20 stand eine mittelhohe Gestalt in schwarzem Kleide und auf dem ergrauten Haar ein schwarzes Spitzentuch, in der Linken einen Stock und in der Rechten ein blitzendes Ding, wahrhaftig! ein Revolver! Sie stand vor der Portiere einer halbgeöffneten Thür, offenbar um sich unter Umständen den Rückzug zu sichern.

Dies sollte nun sehr gefährlich aussehen, aber ein Pudel, ein wunderschönes braungeschecktes Tier, der sich bis dahin ganz still verhalten hatte, und wie auf etwas Besonderes gewartet zu haben schien, war offenbar über die Situation ganz anderer Meinung als seine Herrin, und nahm alles für einen ganz außerordentlichen Spaß. Er sprang hin und her, wedelte aus Leibeskräften, warf sich auf die Vorderpfoten und bläffte seine Herrin kreuzfidel an.

»Couche-toi, canaille!«

Dann wendete sie sich zu mir mit herrischer Stimme:

»Nimm das Licht und geh die Treppe voran. Geh nur voran!« wiederholte sie hastig, als ich zögerte, »du bist doch auch ein Spitzbube, wie alle andern!«

Ich gehorchte lachend, und die Schwester humpelte hinterdrein, bei jedem Schritt den Stock schwer aufsetzend.

»Halt!« rief sie auf halber Treppe und blieb schwer atmend stehen. »Ich habe dich ins Haus gelassen unter der Bedingung, daß ich nichts von dort höre! Ich meine unser Rußland. Keine Silbe! Nichts von den Brüdern! – Nichts von der Schwester, nichts vom Schwager, nichts von der ganzen Sippschaft! – Ich will nichts von ihnen hören, nichts von Rußland, nichts von Petersburg, nichts vom Gut! – Nichts vom Geld, 21 oder Erbschaft, oder Versöhnung! Will nichts wissen, hören – Kanaille! Alles Kanaille! Ich kann nicht, ich will nicht! Ich hab' genug!

»Gott sei gelobt,« setzte sie etwas ruhiger hinzu, »ich bin zwanzig Jahr ohne euch ausgekommen.« Auf dem Treppenabsatz stand sie wieder still.

»Warte mal,« sagte sie aufatmend, »du wirst doch gerade solch ein Narr sein wie alle andern und wissen wollen, wie es mit dem Kinde ist. Gut. So ist es: das Kind ist nicht mein.

»Ich sag das dir, wie ich's deinen Brüdern sagte – es geht niemand etwas an und wenn ich zehn Kinder hätte. Ob ihr es glaubt oder nicht glaubt – gleichgiltig – abgethan.«

Jekatirina tappte die Treppe weiter in die Höhe.

»Wohl aus der Art geschlagen – heh? – Wäre nicht übel – deutsches Blut also – dann nimm dich nur in acht – du – Hörst du!«

Ich wendete mich um: – »Vor wem in acht? Vor dir in acht?«

»Nein,« sagte Jekatirina, »vor deinen lieben Verwandten in Rußland.«

Wir hatten den ersten Stock erreicht.

»Höher hinauf!« sagte Jekatirina, blieb aber wieder stehen. »Übrigens, um alles abgethan zu haben, – das Kind ist schon zwanzig Jahre tot – oder dreißig, ich weiß nicht, Zeit ist nichts, und gehört wirst du haben, daß ich hier in Deutschland verheiratet war – diese Heirat ist wie üblich, das heißt unglücklich ausgefallen. Gott Lob. Ich habe ein schnelles Ende gemacht – Nun ist auch er längst tot. – Ich bin allein – und das ist gut 22 so – ist mir recht – sehr recht. Ich heiße Frau Müller, nicht wahr, hübsch?«

Jetzt waren wir im zweiten Stock, der mir eine Art ausgebauter Bodenraum zu sein schien.

Meine Schwester öffnete eine Thür, und wir standen in einem hohen turmartigen Raum, mit Bücherregalen an den Wänden, mit Oberlicht, eine große Öffnung, durch welche die Sterne hereinblickten und die frische Luft einströmte, ein mächtiges Glasfenster war zurückgeschlagen –

Und unter der Öffnung, da stand ein prachtvolles astronomisches Fernrohr und blinkte und schimmerte und war aufgerichtet und gestellt –

»Stell' dich so – so – – so – sage ich!« Meine Schwester fuhr mich ungeduldig an –

»Nicht anrühren – nicht verrücken.«

Und ich beugte mich ein wenig – und sah klar und deutlich auf tiefschwarzem Grunde den blitzenden Jupiter und seine vier Möndchen – zum erstenmal in meinem Leben.

»Dabei hast du mich vorhin gestört,« sagte meine Schwester. »Jetzt setz' dich.« Wir sprachen dann ruhiger mit einander – und ich schaute mich in dem stillen Raume um. Die Sterne blickten zu uns hernieder. Es brannte eine Lampe dicht verdeckt mit großem grünen Schirm. Meine Schwester saß zurückgelehnt auf einer Chaiselongue, und ich ging im Raum auf und nieder – und wußte nicht recht, wovon ich reden sollte.

»Du gehörst also zu den Menschen, die im Zimmer hin und her laufen – so – so!« – sagte sie.

Sie saß zurückgelehnt, fast liegend, und sah auf mich, Innigkeit, Bedauern und Mitleid im Blicke, dann erhob sie sich schwer, trat an den Tisch, schlug den Deckel eines 23 Buches zurück und wies mit dem Finger auf das vorgeheftete Bildnis eines Mannes mit großer Stirne, von spärlichen Haaren affenartig eingerahmt, mit klugblickenden Augen und riesigem Maul.

»Kennst du den?« fragte sie und sah mich eigentümlich an.

Ich las: »Arthur Schoppenhauer.«

»Nicht Schoppenhauer, – Schopenhauer,« sagte sie.

»Nein, ich kenne ihn nicht, was ist's mit dem?«

»Was mit dem ist? nun, wenig und viel, wie man es nimmt! Ein alter Mann, der sich und andern das Leben sauer gemacht hat. Ein deutscher Bär von klassischer Grobheit. Ein Zänker, der in jedermann seinen Feind wittert, immer bereit, um sich zu hauen und jeden zu Boden zu schlagen, der anderer Meinung sein will, als er. Immer in Angst und auf der Wehr, halb Hase, halb bissiger Köter. Einer, der sich wie Preiskämpfer zum Faustkampf sein Lebelang zur Philosophie trainiert hat. Weißt du, – ein Einsiedler, der die Menschen nicht entbehren kann. Einer, der sehr stolz darauf ist, daß er Spanisch kann, denn Latein und Griechisch – können andere auch; ein Deutscher, der sich scheut, deutsch zu sein, und prahlt von Niederländern abzustammen, ein Mensch, wie andere auch, der in Ermangelung von etwas besserem Bücher schreibt, der seine Kapitelchen mit Überschriften aus allen Sprachen versieht, der andere niederdonnert und sich überhebt, der sich krank ärgert, daß ihn alle Welt links liegen läßt und daß sich kaum einer findet, der in ihm, wofür er sich selbst hält, das Licht der Welt erblickt. Ein Menschenfeind, der seinen Pudel höher wert hält als die besten Freunde, der jede Dummheit unbarmherzig an den Pranger stellt, der nur ein 24 Ziel hat, seine Weisheit sicher zu stellen, der zu kurz trifft oder übers Ziel hinaus und nur hin und wieder ins Schwarze, groß auf einem Gebiet, auf anderem kleinlich, kurzsichtig, albern bis zur Kinderei.

»Auf einen Gedanken versessen, wird er blind und taub gegen alles andere, was ihm nicht in den Kram paßt. Ein Philosoph, der keine Ader eines Weisen an sich hat.«

»Nun und weiter?«

»– Weiter! – Du wirst dich ja schon etwas unter den Alten umgethan haben. Und wenn es dir so ergangen ist wie mir, da wirst du dich erschreckt haben, daß die größten unter ihnen voll sind von schönen Redensarten, voll von Irrtümern, haltlosen Voraussetzungen, falschen Schlüssen, leerem Geschwätz, und daß nur hin und wieder ein Gedanke die Nacht erhellt wie ein Blitz, ein Gedanke, wie von einem Gott eingegeben, der dich im Innersten packt – der dir den Blick öffnet in eine Welt, die nicht die unsere ist, – dann kommen wieder andere, die erklären solche Gedanken, loben oder widersprechen, zwängen sie in ein System und treten sie breit und ruhen nicht eher, bis alles Leben daraus gewichen ist. Du siehst mit Staunen, wie dann an solchen Wechselbälgen sich die ganze Menschheit erbaut und Jahrtausende an mißverstandenem, verlogenem Unsinn widerkäut.

»Mühselig drängt sich dann hier und dort die Wahrheit ans Tageslicht und ein neues Körnchen kommt wohl auch dazu. So baut es sich unendlich langsam weiter. Die Quelle fließt unendlich spärlich, wem es nach Weisheit dürftet, der muß sich mit wenig Tropfen begnügen. Was von Plato, Aristoteles bis auf 25 Kant vom tiefsten menschlichen Wissen geschrieben worden, ist – versteh mich recht – vom höchsten Standpunkt – bis auf wenige Ausnahmen, nicht der Rede wert. Viele geistreiche Einfälle und viele tiefe Gedanken, viel Grübelei, wenig lichtvolle Klarheit.

»Nun, sieh mal, dieser Alte hier, Schopenhauer, hat es unternommen, alles Gedachte zusammenzufassen, das Rätsel der Welt zu lösen, ist ihm näher gekommen als irgend ein anderer.«

So sprach sie und noch vielerlei – aber ich war sehr müde.

* * *

Jermák langweilt mich. Wie mag er meine Adresse bekommen haben? Er will durchaus wissen, wie es meiner Schwester Kaatya, dem Engelsangesicht, geht und wie es mit dem Würmchen steht. Nun, – das Würmchen ist tot, aber von dem Engelsangesicht will ich ihm schreiben, um ihn los zu werden.

* * *

Meine Schwester, daß ich's sage, hat ganz mein Herz gewonnen. Ich gehe tagtäglich zu ihr, tagtäglich. Sie ist immer von derselben Liebenswürdigkeit, immer von derselben göttlichen Grobheit und Überhebung. Wir werden nicht müde, bald Schopenhauer und Kant, bald einen der alten Philosophen durchzuhecheln und uns gegenseitig zu beweisen, was für dumme Leute, bei aller wunderbaren Tiefe ihrer Gedanken, sie doch im Grunde gewesen. Wo wir beide selbst hingehören, darüber sind wir uns offenbar noch nicht recht klar. Vollends 26 mit unbeschreiblich hoheitsvoller souveräner Verachtung wird alles Lebende behandelt, Hartmann, Nietzsche u. s. w. Sunt pueri, pueri, pueri, puerilia tractant! Es sind Kinder, Kinder, Kinder und treiben Kindereien.

Das sage nicht ich, meine Schwester.

Im Herbst gehe ich nach Paris.

* * *

Nach einem Jahr.

Wieder Jena. 1. Mai.    

Wieder mal Frühling. Wieder mal Mai.

Von Paris will ich gar nichts sagen, jeder Esel weiß was kluges darüber zu schwatzen oder zu schreiben. Aber ich weiß, wenn ich das nächste mal wieder von Jena gehe, so gehe ich weit fort, fort aus Europa! Es ist nichts hier – ich wenigstens finde nichts. Wenn es auf Erden Weisheit giebt, so ist es in Ur-Asien! Buddha, die Veden! Ceylon, Indien, Tibet! Jetzt heißt es: Sanskrit!

* * *

2. Mai.    

Ich kam wie gewöhnlich zu Mittag zu ihr – und wie gewöhnlich kam sie mir mit ihrem Stock entgegen geholpert, reichte mir die Hand und sagte: »Dmitri, ich freue mich, dich zu sehen. – Wie steht's? Wann wird sich die Bestialität gar herrlich offenbaren?«

»An wem?«

»Nun an dir?«

»Noch nicht, Kaatya – noch nicht – noch immer nicht.«

Ich kannte ihre Frage schon.

27 – Und sie frägt nicht aus Scherz. – Sie erwartet Gott weiß was von mir – sie ist verbittert, die Arme – nein, nicht verbittert – es ist etwas anderes – ich bin mir selbst noch immer nicht klar darüber. –

Diesmal setzte sie zu ihrer Frage noch hinzu:

»Höre, Dmitri – wenn du mich zehnmal auf einer Gemeinheit ertappst, so fordere ich von dir so viel Vertrauen, daß du den eigenen Augen weniger traust, als meinem Wort – wir werden uns mit der Zeit schon verstehen.«

»Gut,« antwortete ich »aber ich verstehe dich schon jetzt!«

»So,« – jetzt lachte sie – »du verstehst mich schon? da müßtest du erstaunt sein, wenn du wirklich solch einen Menschen gefunden hättest! Wenn dieser Mensch ein altes Weib wäre – auch dann – Aber so ist's, mein grüner Dmitri.« (Meine liebe Schwester Jekatirina bleibt bei ihrer mäßigen Grobheit.) »Zwischen dem: ›Ich versteh's schon‹ – dem schulmäßigen ›kapieren‹ und dem selbst erleben ist eine gewaltige Kluft. Wirst es schon später begreifen.«

Als wir einander bei Tisch gegenüber saßen, und die Haushälterin, die sie ›das Tier‹ nennt, servierte, nahm Jekatirina ihren Stock in die Hand, klopfte mit dem breiten silbernen Knopf dreimal auf den Tisch.

»Aufmerken,« sagte sie, »damit du dich morgen nicht irgendwie versagst, morgen giebt's dir zu Ehren ein Fest hier bei mir – da werde ich dich mit der Menagerie, die hier gezüchtet wird, bekannt machen. Es ist so eine Maxime von mir, die Nebenbestien, die mich etwas angehen, des Jahres hin und wieder bei mir essen zu lassen – lieber laß ich sie meine Fasanen fressen, als daß 28 sie mich selbst anfressen – abfüttern nennt man das. Ich hab's den ganzen Winter schon versäumt und muß es nachholen, sonst nehmen sie mir's übel. Man muß das thun, wenn man es irgend kann, um Ruh zu haben und estimiert zu werden. Auf seine Krippe ist ein jedes Tier leidlich zu sprechen, und mit gutem Futter kommt man jeder Kreatur bei.«

»Wahrhaftig, Kaatya,« sagte ich ihr, »du solltest dich doch schämen, solche Ansichten zu haben.« – Es entfuhr mir dies so, als ich mir vorstellte, während sie sprach, daß sie trotz ihres Alters und ihres außerordentlich gealterten Aussehens meine Schwester sei, und ich als Bruder das Recht habe, mit ihr familiär zu reden, was wohl meist etwas weniger höflich heißen mag; aber es machte mir eine Befriedigung, dies zu versuchen – es war mir ein nie gekostetes Vergnügen.

»Oho,« sagte sie und sah mich an und lachte wieder so herzlich wie ich nicht dachte, daß diese verbitterte Frau es zu Wege bringen könnte – und da sah ich, wie schön meine alte Schwester war – was für gute Rasse, eine vornehme Person in jeder Bewegung – diese Frau Müller. Ihre starken Redensarten, die sie zu lieben scheint, verunstalten sie nicht, ziehen sie nicht herab. Ich freute mich, als ich dies wahrnahm – denn ich muß gestehen, meine alte Schwester Kaatya steht meinem Herzen nah.

Und wunderbar, auch in ihr mochte bei meiner unhöflichen Anrede ein ähnliches Gefühl auftauchen wie bei mir. Sie lehnte sich in den Stuhl zurück und sagte: »Es ist doch sonderbar, ich denke jetzt an einen alten Menschen, der sagte zu mir, als seine Mutter gestorben war: ›Ja, das ist das traurigste, nun lebt 29 kein Mensch auf Erden mehr, der mich alten Kerl einmal »Du Esel« nennen könnte. – Ja, das Einsamstehen auf Erden will ertragen sein!‹ – – Siehst du, ich erzähl' dir immer so dumme deutsche Anekdoten. Aber was meintest du eigentlich damit, daß ich mich schämen sollte, Dmitri, – was denn? – Weil ich die einfache Wahrheit sagte – doch wohl nicht?«

»Ich dächte, es wäre mindestens unhöflich, so von seinen Gästen und der Menschheit im allgemeinen zu reden.«

»– Das mit dem Fressen? Wie kannst du das ehrenrührig finden – – Weißt du denn nicht, auf was die ganze Welt beruht? Auf fressen und gefressen werden doch. – Die Natur hat keine ethischen Momente – alles ist fressen – alles gefressen werden.

»Eine wunderschöne Welt, Brüderchen! Denkt man an irgend ein lebendes Wesen, so muß man denken, was frißt's? von welchen Nebengeschöpfen mästet sich's? und von wem wird's wieder gefressen? und so denke ich auch bei meinen Oberlandesgerichtsräten und den Professoren und dergleichen – was fressen sie? was dinieren sie? was soupieren sie? was für Mitgeschöpfe setze ich ihnen vor? – Das macht mir eben Spaß, sie dann mit höchster Würde an dem furchtbarsten Naturgesetz sich behagen zu sehen; wenn sie manierlich schnalzen und schmatzen oder so nobel kauen, als kauten sie Watte, dann sehe und höre ich zu, – überschaue – und frage mich: Nun möcht' ich doch wissen, hat unsere liebe Erde, unsere gesegnete Natur ein Gott oder ein Teufel geschaffen? Da ist besonders einer unter meiner Gesellschaft, ein berühmter Dichter, der sich bemüht, seine Bärenhaftigkeit abzustreifen, und ein außerordentlich feiner Mensch 30 geworden ist. So etwas, dessen Wäsche englisch ist, allerlei an ihm französisch, das Schuhwerk wieder englisch, Zahnbürste und dergleichen auch englisch – das ganze ist, glaub' ich, aus Hamburg, aber seine Frau aus Finnland. Die sind hierher zu uns übergesiedelt, als du in Paris warst. Siehst du, das hängt alles so ein bißchen mit Rußland zusammen. Er hat es in Eleganz und Feinheit weiter gebracht, als je ein Deutscher vor ihm – ein Mensch, der mir außerordentlichen Spaß macht, du wirst ja sehn, so ein – Dichter. Im Auslande sind die Deutschen übrigens viel harmloser als in der Heimat. Die Deutschen im Auslande sind angenehme Leute, sehr angenehme Leute. Das weißt du ja!«

»Aber Kaatya, dein Gast zu sein ist doch eine zweifelhafte Ehre!«

»Freilich,« sagte meine Schwester, »ich lade sie ja auch nur zu meinem Vergnügen ein; dafür bekommen sie ihr Futter – du wirst ja sehen – übrigens mein Tier kocht vorzüglich, man ißt gut bei mir. – Und jetzt geh, lies etwas; ich will mich eine Weile schlafen legen.«

Sie erhob sich schwer, stützte sich auf ihren schwarzen Stock, reichte mir die Hand, eine schlanke Hand, die ich küßte. – – Und ich dachte dabei, daß Jekatirina Alexándrowna eine rätselhafte Frau sei – aber ich fühlte mich bei ihr so sicher, wie noch nirgends so lange ich lebe. – Und es macht mir Freude, daß wir zu einander gehören. – Ja, und wie ich schon erwähnte, ihr selbst scheint es lieb zu sein, wieder einmal einen Menschen im Haus zu haben, der sie etwas angeht. – Schade, daß sie von Rußland nichts hören will – ich möchte ihr von Jermák erzählen, – der hat nämlich wieder geschrieben – schon vor ein paar Wochen.

31 Ein unverschämter Brief!

»Geliebter Herr Dmitri Alexandrowitsch!

Als Du noch ganz klein warst, da bist Du einmal in den Graben gefallen, der vor unserem Dorfteich abfließt. Du bist selbst wieder herausgekrochen – aber da hättest Du Dich einmal ansehen sollen: Dein schönes weißes Hemd und der rotseidene Gürtel über und über beschmutzt! Und die Stulpenstiefel voll Schlamm – und die Haare und Augen ganz verkleistert – voll Kot.

Jetzt merk' Dir's: so beschmutzt kommt Ihr mir alle vor, trotzdem daß Ihr Edelleute seid, darum, weil Ihr Eure Schwester in Stich laßt.

Hab' ich es Dir nicht auf die Seele gebunden, daß Du Deine Schwester aufsuchen solltest und sie wieder mit ihrem Würmchen zu uns zurückbringen.

Herr Gott, Herr Gott! Was für Menschen! Verfolgen sich, statt sich zu lieben und sagen: Das ist gesetzlich.

Ich bin nur ein armer Bauer und ein Säufer – Gott hat es so gewollt – ich bin nicht gelehrt, und das Schreiben wird mir sauer.

Wenn ich ein großer Herr wäre und ein Zar, ich würde die Welt von oberst zu unterst kehren. Alle Popen fort, denn die lügen und machen uns das Leben voll Gram und hetzen uns gegeneinander – und nur Gott im Himmel soll herrschen.

Gott bewahre uns vor ihnen! In geistlichem Gewande und im Tempel Gottes, da sehen sie ja recht gut aus; aber im Herzen sind sie schlechter wie wir andere.

32 Ob sie wohl überall so sind, oder nur bei uns im heiligen Rußland?

Ich kenne auch Tataren, die müssen sich den Kopf scheren, damit sie keine Läuse haben, und müssen sich alle Tage fünfmal waschen und alles muß an ihnen rein sein. Sie glauben auch an Jesus Christus, den Heiland, aber noch mehr an Muhamed, der hat noch größere Wunder verrichtet, sagen sie. Wem soll man nun glauben?

Sie dürfen auch viele Weiber haben; aber Wein kommt nicht über ihre Lippen und es giebt keine Säufer unter ihnen.

Du bist jetzt lange fort, weit in der Welt, um alles zu wissen und zu lernen. Du hast ein ehrliches Herz, das weiß ich. Und wenn Du dann wiederkömmst und hast alles gesehn und gelernt, dann mußt Du mir sagen, wer Recht hat und wo die Wahrheit ist.

Wen könnte ich hier fragen? – Sie lügen alle.

Dann kannst Du mir auch sagen, ob es in Germanien auch so ist.

Oder kannst Du mir sagen, ob es sonst auf der Welt einen Fleck giebt, wo Gerechtigkeit ist?

Ob Du mich gleich nicht achtest, weil ich ein Bauer bin und alt und ungelehrt.

Ich verbleibe Dein unterwürfiger Diener

Jermák.« 33

* * *

4. Mai.    

Jekatirina hat ihre Gesellschaft gegeben. Es war wirklich erbaulich! Draußen ein stürmischer Abend, die Luft mild und weich – der Sturm kam in vollen Stößen über die weiten Bergrücken her und als wollte er sich in seiner ganzen Breite durch die engen alten Sträßchen Jenas zwängen, so fuhr er hinein, füllte sie aus von unten bis an die Giebel – rannte an jeden Vorsprung an, rüttelte an den Dachrinnen, riß und schleuderte, zerrte an allem und jedem, klappte und wirtschaftete. Ich bin, bis ich zu Schwester Kaatya heraus gehen mußte, auf und nieder durch Gassen und Gäßchen gestiegen. So gefällt mir die kleine Stadt, so dachte ich mir's von jeher – so gefällt mir Deutschland: eng und heimlich, so träumt man sich's, so ist's echt – nicht anders – kleinbürgerlich. Ich habe den Leuten in die Fenster geschaut – Bäckergesellen sah ich mit Meister und Meisterin, mit Kind und Kegel beim Abendmahl sitzen. Alle weiß eingestäubt und durchwärmt, gesund und rot – durch die Fensterritzen roch es nach warmem Mehl.

Hier im alten Nest stecken an 600 Studenten – in jedem Giebelhaus sind ein halbes Dutzend einquartiert. Alles steckt voll – Man merkt's fast der Luft im alten Städtchen an, es ist eine lustige Luft, und der Wind faucht so übermütig – ganz sonderbar. Entfernt singt und johlt es ununterbrochen beinah Tag und Nacht – die Töne klingen vom Sturme zerrissen hin und wieder durch die Sträßchen. Die hellen Fenster sehen alle einladend aus, wie erleuchtete Fenster in einem Bilderbuche.

Wäre jetzt ein gewisser guter Mensch hier! wäre der Peter Fuhks hier – dann würde ich einen 34 wundervollen Abendgang mit ihm gemacht haben. Der Fuhks wäre ganz verrückt gewesen. Ich seh' und höre ihn im Geiste. Er hätte ein Geschrei gemacht über alles und jedes! – Ich sehe ihn mit seinen langen Armen und Beinen umherflankieren – die unsinnige Sehnsucht, die er hat, nach Deutschland zu kommen! Es wäre ein Freudenfest für ihn gewesen – ich hätte meine Not mit ihm gehabt. Und ich wollte, er wäre da, so hätte ich einen guten Kameraden wie einstens. Ich fühle mich hier noch fremd, natürlich, kein Wunder.

Welch ein Städtchen! Das Leben sieht sich von hier aus so harmlos an – so, als könnte es keiner Kreatur etwas zu Leide thun. Alle meine Ansichten vom Leben kommen mir hier übertrieben vor. Das Bild des Elends von Millionen und Millionen, das in meiner Seele wie eingebrannt zu sein schien, sieht so unwahrscheinlich aus – wie ein Traum. Ich fühl's, hier vergißt man die Welt. Man sollte die Feuerköpfe nicht nach Sibirien schicken – besser – viel besser nach kleinen deutschen Städtchen, da würden sie ausheilen, da würden sie ungefährlich – gewiß!

Zehn Jahr in diesen Gäßchen, zwischen diesen heitern Bergen, bei der Unmasse Bier und den vielen Professoren, in engen geordneten Verhältnissen, engen Gedanken und Lehr-Tretmühlen – wahrhaftig, keine Faser wäre von dem mehr in mir, was mir jetzt noch einzig wert zu leben scheint – einzig und allein – der Opfermut, der den Mißhandelten helfen möchte, den Unterdrückten helfen, der keine Tugend ist, kein Hauch von Tugend, Lebensdrang. Der mir durch Kopf und Herzen braust wie der Sturm. – Das würde sich hier bald legen – ich würde mich schämen, ich würde alles von obenher belächeln!

35 Ein Hoch auf Kaatya, mein Schwesterchen – die ist stärker als alle – stärker als ich sein würde – da ist nichts verblaßt – da ist nichts beeinflußt – da ist Natur geblieben. Und wie lang steckt sie nun hier!

Ich kann ihr von mir, meinen Plänen, meinen Gedanken noch nicht reden – erst dann, wenn sie Grund hat, mir ganz zu vertrauen; – aber Spaß macht es mir, sie weiß, scheint es, nicht, wie sehr gut ich sie verstehe – wie sie mir selbst nahe steht. Trauen aber thut sie mir noch gar nicht.

Als ich zu meinem Schwesterchen heraufkam, war sie schon mitten unter ihren Gästen.

Sie wanderte mit ihrem Stock von Gruppe zu Gruppe.

Was soll ich von dieser Gesellschaft sagen?

Komische Leute!

Statt des »Tieres« gingen weißbaumwollene Handschuhe, auf plumpe Bursche gesteckt, ein und aus und trugen Erfrischungen.

Meine Schwester Kaatya schien sich wirklich auf die Bewirtung der Gäste zu verstehen, wenn ich von der Auswahl von Liqueuren und Delikatessen, auf die bevorstehende Mahlzeit schließe.

Kaatya nahm mich an der Hand und wir standen gleich darauf vor einer kleinen, häßlichen, auffallend mageren Frau.

Neben ihr ein untersetzter blonder Mann mit rotem Gesicht, ihr Gatte.

Meine Schwester stellte mich vor:

»Du hast hier die Ehre die Eltern der zwölf Apostel kennen zu lernen. – Nicht wahr?« wendete sie sich an die gelbe magere Frau.

36 »Bitte, bitte, Durchlaucht, zu viel Ehre, so hoch haben wir uns denn doch noch nicht verstiegen,« sagte der Mann mit dem roten Gesicht außerordentlich höflich.

Kaatya sagte sehr liebenswürdig:

»Sie können sich die Durchlaucht sparen, lieber Herr Professor, ›Müller‹ genügt vollkommen.«

»O weshalb, Ehre dem Ehre gebührt, es macht sich so hübsch,« erwiderte die kleine Dame statt des Gatten mit unheimlicher jugendlicher Schalkhaftigkeit.

»Eine kleine, kluge Frau,« sagte meine Schwester.

»Und wenn du die Ehre haben wirst Herrn und Frau Professor Majunke kennen zu lernen, wirst du ein Rätsel gelöst finden: wahre Frömmigkeit und heiterer Lebensgenuß. Man trifft das nicht oft bei einander. – Ich mache Ihnen mein Kompliment.«

»O bitte – bitte,« sagte Frau Professor Majunke.

»Und nicht wahr, Sie werden auch gleich Ihr Ziegenlied singen – jetzt schon, statt erst um Mitternacht – kommen Sie – das ist zu hübsch, und Dmitri muß es hören, er wird in Petersburg davon erzählen.«

Das Ehepaar stand schon während der ganzen Zeit vor dem geöffneten Flügel. Jetzt schlug die Frau ein paar Akkorde und begann nach dem Takte einer Melodie zu meckern wie eine Ziege, und zwar die erste Stimme, und der Gatte fiel mit der zweiten ein – und so meckerten sie wirklich meisterhaft. Und Jekatirina legte ihren Arm in den meinigen und hörte befriedigt zu:

»Siehst du – hörst du« – sagte sie einigemal, und nicht nur sie allein hörte zu, alle miteinander hatten im Nu das Instrument umdrängt, es herrschte begeistertes Schweigen, und die beiden meckerten nach Herzenslust – der Gatte stieß mit dem Kopfe, und die Gattin preßte 37 die Augen hervor, machte einen langen, dünnen Hals. Die Herren lachten, daß ihnen die Thränen herabrollten, und die Damen mochten insgesamt bedauern, nicht etwas ähnliches leisten zu können, denn die magere Frau gewann die Herzen im Sturm und hatte sie wohl schon oft auf diese Weise gewonnen.

»Köstlich! köstlich!« hörte man von allen Seiten. »Bei so vortrefflichen Leuten diese Heiterkeit!«

Der dünnen, gelben Frau und dem Gatten schien keine dieser Lobeserhebungen verloren zu gehen.

Sie hörten alles.

Nach Beendigung der Vorstellung waren Majunkes der Mittelpunkt der Gesellschaft geworden, und nachdem die Lobeserhebungen verstummt waren, bildete sich in der Gruppe um die beiden Ziegenmenschen ein sehr gebildetes Gespräch.

Manche sagten ihre Meinungen, einige dieser Meinungen wurden beachtet, andere fielen wie Brocken, die niemand aufheben will, zu Boden.

Einige brachten in die Unterhaltung einen höheren Schwung, beklagten zum Beispiel das Eindringen der pessimistischen Lebensanschauung und das Moderne überhaupt. Politik, Kunst, Litteratur, Bürgerruh, alles und jedes schien ihnen gefährdet. Herr Professor Majunke brüstete sich, und im selben Augenblick that dies auch die Gattin, so weit es ihr möglich war.

»Wäre ich der Staat,« sagte er, »so würde jede Äußerung dieser gemeingefährlichen Anschauungsweise auf das Härteste bestraft werden.«

»Wir sollen freudige Geschöpfe sein!« sagte Herr Professor Majunke. »Fröhlich leben und selig sterben! Wenn das ein jeder thäte, wie es vorgeschrieben ist, wäre es 38 gut. Gott will nicht, daß wir über unsere Lebensstellung grübeln sollen, daß wir überall in der Schöpfung das Häßliche, das Trübselige ausschnüffeln. Das will er durchaus nicht, das kann ich Sie versichern – durchaus nicht! Wir sollen eben zufrieden sein und sollen nicht vergleichen, der Arme soll sich nicht mit dem Reichen vergleichen – denn daraus kommt die ganze Geschichte, das Weib nicht mit dem Manne, der Elende nicht mit dem Gesunden.« Das sagte Herr Professor Majunke, schlug mit der Hand auf den Deckel des Flügels, daß es dröhnte, und die Gemahlin legte wieder zärtlich und bewundernd die Hand auf seine Schulter.

Sie sprachen weiter, und es wurde wirklich ganz ausgezeichnet lebhaft . . . Meine Schwester Kaatya horchte hier und dort – die Unterhaltung bekam in einer Ecke des Zimmers einen wissenschaftlichen Charakter. Die Herren sprachen würdig und ruhig über dasselbe Thema, gebrauchten sachgemäße, vorsichtig gewählte Ausdrücke. Es floß ihnen hin und wieder ein lateinisches Bächlein von den Lippen. Jeder von ihnen hörte sich gern reden und langweilte die andern. Sie sagten nicht ihre Herzensmeinung, sondern vertraten die Meinung und die Ansichten ihrer verschiedenen Parteien – was bei weitem wissenschaftlicher, würdiger, staatsbürgerlicher ist. Sie waren alle Vertreter von Ansichten, denen sie ihre Lebensstellung dankten. Meine Schwester Kaatya hörte hier doppelt aufmerksam zu, bemerkte ich. Nach einer Weile berührte sie die Schulter des eleganten Dichters mit dem Knopf ihres Stockes.

Der Soignierte schaute mit einem unbeschreiblich verblüfften Ausdruck um sich.

»Ah, Durchlaucht, verehrte Durchlaucht!«

39 »Ich höre Ihnen zu,« sagte meine Schwester Kaatya, »und wundre mich, wie man so viel über eine Sache reden kann, die so einfach ist.«

»Das scheint Ihnen so, verehrteste Durchlaucht,« erwiderte der Soignierte mit vielsagendem Lächeln.

Meine Schwester Kaatya aber ließ sich nicht irre machen.

»Sehen Sie, das ist einfach so: Alles möchte fressen und nicht gefressen werden – alles auf der Welt. Aber es kommt immer so: Eins frißt, und das andere wird gefressen.«

Das klang alles sehr komisch, wie das meine Schwester deutsch sagte.

»Der Pessimist, Sie sprachen doch davon, steht eben auf der Seite derer, die gefressen werden, der Optimist auf der Seite derer, die fressen; und die sich fressend wissen, nennen sich konservativ – und die sich gefressen fühlen, nennen sich liberal. Das ist das ganze Rätsel!«

»Ei, ei – ei – verehrte Durchlaucht,« sagte ein alter Professor, »Sie führen ein scharfes Schwert.« Er lächelte und drohte mit dem Finger.

Die Herren maßen meine Schwester Kaatya mit erstaunten Blicken – wie einen Eindringling in ihren geheiligten Zirkel. Keiner der Würdevollen hielt es für der Mühe wert, den Brocken, den meine Schwester Jekatirina hingeworfen hatte, näher zu betrachten – – er fiel natürlich zu Boden.

»Sie sind es nicht gewohnt auf irgend etwas, was ein Weib sagt, Wert zu legen,« sagte meine Schwester zu mir, und legte wieder ihren Arm in den meinigen – als spazierten wir miteinander in einem zoologischen Garten und hätten vor irgend einem Käfig gestanden. 40 Sie sagte ruhig und fachgemäß, eben wie eine naturgeschichtliche Erläuterung: »Die deutschen Frauen haben ihre Männer nicht zu erziehen verstanden.

»Und außerdem: vor einem Kanarienvogel, der bellt, und einem Hunde, der zwitschert, würde man so ein Erstaunen und Grauen haben, wie man es vor einem Menschen hat, der nicht in den gebräuchlichen und anererbten Redensarten spricht – und gar wenn dies ein Weib thut, das ist schlimmer als ein bellender Kanarienvogel. – Und da fällt mir noch etwas ein, Dmitri, eine Frau, die denkt, macht hier in Deutschland ungefähr den Eindruck wie ein abgerichteter Affe – hat auch ungefähr dieselbe Stellung in der Gesellschaft. Für eine Frau ist das gar nicht übel! oder für einen Affen ist das alles Mögliche – ganz merkwürdig. Mir ist's gleichgiltig, ich stehe über dem ganzen Trödel geht mich nichts an – bin ein altes zufriedenes Weib – – und ein alter freier Mensch. Aber die jungen Weiber – für die Feuerseelen – die giebt's ja doch auch hier hie und da, trotzdem alles geschehen ist, um sie völlig auszuroden – für die ist's erbärmlich, die thun mir in der Seele weh.

»Gehen mich aber auch nichts an. Hol' alles der Teufel, mir ist's gleichgiltig, ich schau zu. Ändern und bessern kann man ja doch nichts – und im allgemeinen fühlen sie sich so wohl –

»Was ich vom Pessimismus sagte, ist wirklich vollkommen richtig, und so einfach es ist, hat's noch keine Menschenseele gesagt, geschrieben oder gedruckt – eben weil's so einfach ist. –

»Verstehst du, weshalb sie alle Optimisten sind? –

»Ich sage dir: alle Achtung vor den Pessimisten – 41 ich meine nicht im gewöhnlichen Sinn, daß sie unzufriedene mürrische Leute sind – wie man von ihnen sagt. Ich lobe sie deshalb, weil sie es sind, in denen das Mitleid steckt. Sie stehen auf der Seite der Opfer, sie fühlen mit denen, die gefressen werden – sie leiden mit ihnen –

»Die Andern aber können sich aus dem Bann des Vorteils, ihre Nebengeschöpfe nach Lust fressen zu dürfen, nicht frei machen. Wer, glaubst du, hat das Gute auf Erden angestrebt und geschaffen? Die auf der Seite der Fresser – oder die anderen?«

»Die andern, Kaatya – und zu welchen, glaubst du, daß ich zum Beispiel gehöre?«

»Das muß sich zeigen, mein Junge.«

»Es soll sich zeigen,« sagte ich ihr und reichte ihr meine Hand.

»Bravo! Wollen sehen.«

Es ist von Jekatirinas Gesellschaft wirklich nicht viel mehr zu erwähnen – und ich habe diese Geschichten eigentlich nur zu dem Zwecke in mein Buch eingeschrieben, um mir das Bild meiner Schwester festzuhalten.

Ich glaube sicher, sie ist ein Original.

Die Frau des berühmten Dichters, des Henneberg, so schön sie ist, behagt mir wenig. Ich glaube wohl, daß er das Naive an ihr durch seine Dressur glücklich herausdressiert hat. Es ist die reine Modepuppe übrig geblieben. Das einzige, daß man mit ihr über Rußland plaudern kann.

Ihre Familie will zum Sommer hierher nach Jena kommen. Der Vater ist schwer krank und hofft Heilung von den hiesigen Berühmtheiten.

Es sind Deutsche in Finnland – Wiborg, glaub' ich.

* * *

42 Wieder ein Brief.

Jena, den 8.    

»Warum hast Du, geliebter Herr Dmitri Alexandrowitsch, bis heute Dein Versprechen nicht erfüllt, mir von Deiner Schwester Jekatirina Alexándrowna zu berichten?

Warum hast Du sie nicht zurückgebracht mit ihrem Kindlein, hierher in unser Dorf, zu uns auf Dein Stammgut?

Was hält Dich ab, Deine Pflicht zu thun, jetzt, da doch Dein letzter Bruder Alexander Alexandrowitsch, der General, tot ist, nun Du doch alleiniger Herr bist und alleiniger Erbe der Herrschaft Deines Vaters? der Herrschaft hier bei St. Petersburg, die Dörfer Murino und Malinowka und Dein Landhaus am Pargolowschen See und die Dörfer auf der schwarzen Erde am Prut und an der Matuschka Wolga und wo Ihr sonst noch im heiligen Rußland Häuser und Dörfer und Güter habt.

Wir blicken alle auf zu Dir, und Du vergißt uns Waisen.

Und läßt Sztipann Sztipannowitsch für Dich schalten und walten.

Der Mischka, mein Schwestersohn, ist wiedergekommen, der zwanzig Jahr im Kaukasus unter Deinem Bruder gedient hat. Der hat mir berichtet, warum Dein Bruder gestorben ist, denn von Sztipann Sztipannowitsch erfahren wir gar nichts, nur daß er im Januar nach Tiflis gereist war.

Es hat auch in der Zeitung gestanden, wie Dein Bruder beim Manöver bei Derbent vom Pferde geschossen worden ist.

43 Ich weiß etwas anderes, denn er hat alle, Offiziere und Soldaten, Tscherkessen und Rechtgläubige, geschunden. Wir lassen uns alles gefallen, aber eine Tscherkessenkugel fehlt nicht.

Ich war auch im Kaukasus, da sind unendlich hohe Berge, alles Fels und Gestein, das fällt immer wieder herunter, und reißende Bäche schaffen es immer weiter fort ins flache Land. Ich weiß es nicht, ob es so ist. aber einmal, einmal wird alles Gestein herunter gefallen sein, und alle Thäler werden ausgefüllt sein, und wo die Berge gestanden sind, wird alles schönes, ebenes Fruchtland sein; aber ob die Menschen besser werden, das weiß ich nicht.

Alexander Alexandrowitsch ist in hohen Ehren begraben worden. Alle Orden sind ihm vorgetragen worden. Aber nachgeweint hat ihm niemand.

Sztipann Sztipannowitsch ist auch hingekommen, hat das Haus verkaufen lassen und hat alle auseinandergejagt, denn Alexander Alexandrowitsch hat kein Weib und kein Kind hinterlassen. Da ist denn auch Mischka, mein Schwestersohn, fortgejagt worden und ist hierher wiedergekommen, und noch zwei sind mit ihm gekommen und haben mir alles erzählt. Jetzt komm' Du zu uns zurück, Dein Erbe zu verwalten.

Der alte Starosta ist gestorben. Gott im Himmel hab' ihn selig. Es war meiner toten Frau Bruder und noch nicht einer von den schlimmsten. Jetzt hat Sztipann Sztipannowitsch einen jungen Fant eingesetzt, den haben wir wählen müssen.

Dem unreinen versoffenen Hund, unserem Popen, sind alle Kirchenbücher verbrannt. Sztipann Sztipannowitsch sagt, wir Bauern hätten es gethan. Warum 44 hätten wir es thun sollen? Vielleicht wollte er es selbst so.

Sztipann Sztipannowitsch schindet uns Bauern sehr.

Geschieht dies mit Deinem Wissen und Willen?

Jetzt komm her, Dein Erbe zu verwalten. Und wenn Du nicht kommst, Dein Erbe zu verwalten, so wirst Du betteln gehen.

Dein unterwürfiger Diener

Jermák.«

Im Januar war Sztipann Sztipannowitsch in Tiflis? Also ist Alexander im Januar gestorben und ich erfahre bis heute, in vier Monaten, nichts? Entweder ist es eine Phantasie des alten Jermák oder – – –

Ich will gleich jetzt an Sztipann Sztipannowitsch schreiben und mir in aller Form Aufklärung erbitten.

 

15. Mai.    

Acht Tage, kein Brief, kein Telegramm.

 

16. Mai.    

Ein langes Schreiben. Alexander ist im Januar in Derbent gestorben. Sonst nur Ausflüchte und Entschuldigungen und dabei allerlei dumme Redensarten, als ginge mich die ganze Sache nichts an. Sonderbarer Kumpan, mein Herr Schwager. Thut, als ob alles auch ohne mich gethan werden könnte. Er beantwortet nicht eine einzige von meinen Fragen, spricht nicht von meinem Bruder, sondern vom General, seinem Schwager; spricht von der großen Arbeitslast, die ihm durch den betrübenden Fall in der Familie zugefallen ist, und über die Schwierigkeiten der Verwaltung, und wie sehr sich Anna 45 Alexándrowna den Tod zu Herzen genommen hat, und von mir ist mit keinem Wort die Rede – nur legt er, wie einem Bettler, einen lumpigen Wechsel auf Mendelssohn, Berlin, bei, da ich vermutlich Geld brauche!!

Dem General wird ein Denkmal in der Familiengruft auf Wolkowa gesetzt. Schön! Ich habe nichts gegen das Denkmal. Ich habe den Bruder nie gekannt, und gehört habe ich nur, daß er stark trinke und sehr lustig lebe, – daß er sehr gegen die dritte Heirat Papas mit meiner Mutter war und mit Papa sich vollkommen brouillierte.

Damals war er mit Sztipann Sztipannowitsch ein Herz und eine Seele, dann haben sie sich verzankt, und darum ist er auch nach Papas Tode, glaube ich, nie nach Petersburg gekommen, wenigstens nicht zu Sztipann Sztipannowitsch. So viel ich mich erinnere, habe ich ihn noch als Knabe nur einmal zufällig gesehen. Ich habe nichts gegen das Denkmal, aber man hätte mich doch fragen können.

Sztipann Sztipannowitsch thut aber so, als wenn er zu entscheiden hätte. Ja, wer ist denn Papas Erbe? Sztipann Sztipannowitsch oder ich? Ich weiß nicht, warum ich ihn nie gemocht habe? Er ist mir immer verdächtig vorgekommen, und ich könnte ihm allerlei zutrauen.

Ich schreibe noch einmal und verlange klare Antwort. Indessen mache ich mich gefaßt.

 

23. Mai.    

Ade, schöner Mai! Ade, mein Jena! – Ich muß nach Petersburg.

 


 

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