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Das Recht der Mutter

Helene Böhlau: Das Recht der Mutter - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Recht der Mutter
authorHelene Böhlau
year1896
firstpub1896
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleDas Recht der Mutter
pages377
created20140211
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel.

Berka, das Thüringer Städtchen, liegt ganz in Schnee gebettet. Es ist Weihnachtsheiligerabend, und auf der Straße huschen die Leute eilig hin und her. Alles duftet nach Weihnachtsstollen. Hökerweiber mit Pfefferkuchen, Äpfeln und Nüssen sitzen in ihren Buden und halten die Hände über ihre Kohlenpfannen. Sie können sich das schon gönnen, denn die Käufer sind seltener geworden; die Hausfrauen haben ihren Bedarf eingeheimst, und in den Häusern da ist jetzt ein Treiben, ein Duften nach Tannenzweigen und Backwerk, ein Huschen und Eilen, ein Braten und Brauen, ein Schleppen und Flüstern, und das ärmste Weibchen wirtschaftet heute aus dem Vollen.

Bei dem Krämer am Markt ist gewaltig aufgeräumt, der hat kaum zwei, drei Päckchen Wachslichter für nächstes Jahr, und die letzten Pfefferkuchenherzen, mit Versen überklebt, haben ihm ein paar Mägde davongetragen, und Citronat und Rosinen, Mandeln und Sirup hat er genau so viel verkauft wie alle Jahre, eher noch etwas mehr. Wohin man sieht, sind die Gesichter zufrieden und lebendiger als sonst. Die Leute auf der Straße rufen einander im Vorüberlaufen zu, reden einander an mehr als an gewöhnlichen Tagen. – Aus dem Haus des Pfarrers und des Doktors 355 sind Kinder von der Armenleutebescherung schon zurückgekommen mit Paketen, aus denen wollene Socken, Mützen, Schürzen, Röckchen, ein Hampelmann, ein hölzernes Pferdchen heraussehen und derlei Dinge.

Vom Turm wird ein Choral geblasen. Und eben ist der Zug auf der Straßenbahn von Weimar angekommen. Der Postkarren ist dazu hinausgefahren und noch zwei Interimskarren, denn jetzt giebt's noch Pakete und weiß Gott was, die schwere Menge, – und Botenweiber und Botenmänner warten auf der Post, um allerlei noch in Empfang zu nehmen und heimzutragen.

Mit dem Zug ist ein Fremder gekommen, ein junger, hagerer Mensch.

Er kennt sich nicht aus in dem Städtchen, blickt um sich und hat etwas Sonderbares, Auffälliges an sich, daß die Leute ihm nachsehen.

Ein Fremder am heiligen Abend; um diese Stunde, der in den Straßen umhersucht, das ist auffällig.

Er hat auch so etwas Hastiges, Erregtes. Betrunken meinen die Leute – sie kommen in der Eile nicht gleich auf etwas anderes.

Er fragt einen Buben, der geht ein Stück mit ihm und weist ihm den Weg nach Blankenhain zu, den Fußweg.

Da wird zum zweitenmale vom Turm geblasen und die Töne ziehen so rein über die dichtbeschneiten Dächer hin und dringen in die Herzen ein und stimmen sie weicher; und die schon weich und bang gestimmten Herzen, die lassen diese Töne hinschmelzen.

Auf dem Postamt frägt er im Vorübergehen nach einem Brief. – Welches Treiben in dem Postamt! – 356 Ja! zwei Briefe, zwei Briefe mit derselben Handschrift –

Und draußen beim letzten Tagesschimmer, im Vorwärtsgehen, da liest er diese Briefe:

»Gott sei gedankt, mein lieber Ker, daß Du mir von Jena aus geschrieben hast! – Was ich Dir schreiben soll, das weiß ich gar nicht – mir ist das Herz so übervoll. – Ich hab' ja von allem nichts geahnt und gewußt! – Mein lieber Ker. – Mir will's nicht aus dem Kopf! Ich kann mir das gar nicht vorstellen. – Und Deine Schwester Jekatirina Alexándrowna ist auch gestorben. Ich kannte sie nicht. Dir war sie aber lieb. – Alles was Dich betrifft, fühle ich mit Dir, und daß Du nun durch den Tod Deiner armen Schwester doch aus der Not gerissen bist, damit ist mir ein Stein vom Herzen gefallen, und wer weiß, mein lieber Ker, unsere böse Geschichte geht doch auch vielleicht noch besser aus, als ich dachte. Ich sagte Dir ja, als Du bei mir warst, daß ich einmal wieder der letzten Zeugin, Deiner Kindermuhme, der Deutschen, auf der Spur wäre, und nun ist es diesmal doch die rechte gewesen – und jetzt ließ sich etwas machen! Das werden wir miteinander bereden. Nur Mut!

Leb wohl, mein lieber Ker.

Dein alter treuer Fuhks.«

Den anderen Brief öffnete er im eiligen Gehen durch den dicken Schnee. Da stand nur:

»Und wahrhaftig, mein lieber Ker – sie ist bei Berka, auf dem Reißberg. Ich hab's erfahren. Du weißt es ja nun schon, aber ich mußte es Dir doch schreiben.

Dein alter, treuer Fuhks.«

357 Und so geht der einsame Wanderer weiter, hält die Briefe noch lange in der Hand, die Dämmerung sinkt mehr und mehr herab und der Schnee leuchtet fahl.

Und wie er geht, unaufhaltsam, wie beflügelt! Das ist der Bettler nicht mehr, der todmüde und abgequält abends spät bei seinem Freund Fuhks an die Ladenthür geklopft hatte.

Er ist noch so hager und abgearbeitet wie in Berlin, umgewandelt voller Hoffnung und Kraft, aber das Herz schlägt ihm, der Atem versagt ihm.

Vor sich sieht er das Bild jenes weichen, hellen Geschöpfes, wie sie so seelenruhig, als er sie das erstemal sah, vor ihm im Boot gesessen; sieht, wie der Wind in den blonden Löckchen spielte, wie er sie in seinen Armen durch das flache Wasser trägt.

Ein Schauer durchrinnt ihn. Eine dunkele Last wälzt sich auf ihn! Alle Qual, die über das ruhige Mädchen gekommen ist.

Und er schreitet durch die Öde der winterlichen Landschaft, wie durch die Öde, die jenes Geschöpf über sich hat ergehen lassen müssen.

Ja, er sollte sie in tiefster Verlassenheit finden, alle Wege, die zu ihr führen, verschneit! – Alle Wege unbetreten!

Wie ihm das ans Herz greift!

Fern von allen Menschen, ausgestoßen, verachtet, von allen verleugnet, da wird er sie finden, sie und das Kind.

Welch rührender Heldenmut gegen eine Welt voll Haß und Verachtung!

Wie könnte er je ihr diese Jahre wieder gut machen? Auch mit voller Kraft nicht – auch mit aller Liebe nicht!

* * *

358 In dem einsamen Reisberghaus, da saßen sie alle im ersten Dämmerlicht bei einander, Rotplätz und die Kinder und die Birnstingel, und Peregrin, während sein Mamachen oben in der Stube alles herrichtete und das Bäumchen schmückte. Und als das Bäumchen im Lichterglanz strahlte, waren sie alle miteinander hereingekommen und Rotplätzens Kinder hatten mit Peregrin gesungen.

Kristine war im Zimmer hin und her gegangen nach diesem und jenem und hatte Peregrin und die Kinder unter den Weihnachtsbaum geführt – und der zerkratzte feuerspeiende Berg, der die ganze Wand, vor welcher der Christbaum stand, einnahm, war ganz erschreckend hell erleuchtet, und die Jägersleute mit ihren Muffen und ihren zernagelten Gesichtern und den Nägeln in Brust und Magen und den abgeschabten Nasen, die standen und schauten ernst zu.

Kristine und Peregrin die knieten miteinander vor einem hölzernen Pferdchen – und Rotplätz tippte Peregrin auf die Schulter, es war ganz Rotplätzens Geschmack; und seine beiden Jüngelchen, die hatten Fausthandschuhe und Wollmützen von Kristine bekommen; das kleine Mädchen, das stand ganz beschämt mit einer Schürze und einem neuen Kochtopf. Und Tabak gab's für Rotplätz, und Kaffee für Frau Birnstingel und Äpfel und Nüsse und Pfefferkuchen.

Und die Kinder fingen, nachdem das erste heilige Staunen über den leuchtenden Christbaum überwunden war, an, lustig zu werden und naschten von ihren Pfefferkuchen und schauten alle miteinander die Bilderbogen an. Und in der Küche wurde dann Thee getrunken und Frau Birnstingels Weihnachtsstollen dazu gegessen.

Dann gingen Rotplätz und die Kinder wieder 359 hinunter und Frau Birnstingel mit ihnen. – Kristine war mit ihrem Kind allein. – Peregrin hockte neben seinem kleinen Pferd und schwatzte vor sich hin, und Kristine knöpfte ihm seine Kleidchen auf, um ihn zu Bette zu legen; aber er wollte nicht – und schlang die Ärmchen um seine Mama und wollte noch ein bißchen auf bleiben. Am Christbaum entdeckte er, daß ein Licht noch unversehrt war, und dann saß er ganz still neben dem Pferd, im Hemdchen, in die Bettdecke eingewickelt, und sah dem Lichtchen zu, wie es einsam am Baume niederbrannte. Kristine stand am Fenster wie alle Jahre und schaute den langen verschneiten Weg hinab – wie alle Jahre . . .

Da kamen die Schatten der Erinnerung über sie.

Der einsame verschneite Weg, der vom Walde herführte – das war ihr vergebliches Hoffen – die ganze Hoffnungslosigkeit!

So lang aber Peregrin wachte, wollte sie nicht weinen. Er saß so ruhig – und wurde nun müde.

Draußen die fahle Blässe über dem Schnee. Die Sterne funkeln und der Wald steht so starr und schwarz.

Kein Laut, der bis zu dem einsamen Haus gedrungen wäre.

Weit – weit – weit über dem Wald und über dem Schnee tiefe Stille.

Kristine blickt wieder den Weg entlang.

Und wie sie so verloren hinschaut, da war's, als wenn ein Schatten vom Wald sich abtrennte und über den Weg glitt.

Ein Schatten! – und wie sie mehr und mehr schaut – eine Gestalt! – Wahrhaftig eine Gestalt – Heute? – Um diese Stunde? Auf diesem Weg eine Gestalt?

Ein Grauen durchfährt sie wie Gespensterfurcht.

Sie schließt die Augen.

Sie öffnet sie wieder – –

Ja, eine Gestalt – und näher und näher, unaufhaltsam näher.

Ein Mantel fliegt im Wind um die Gestalt.

Das Grauen verläßt sie nicht – packt sie mächtiger.

Sie stürzt zitternd, bebend vom Fenster zu ihrem Kind, nimmt es auf, – hält es im Arm – totenbleich.

So steht sie, und Peregrin legt sich schläfrig an ihre Schulter; – und so bleibt sie wie festgebannt mit großen, starren Augen.

Jetzt steht es vor ihrer Thür.

Hat sie denn die Schritte überhört? – Das Grauen überflutet sie . . . raubt ihr den Atem.

Und als die Thür sich aufthut, da bleibt sie unbeweglich, starrt und sieht auf die Erfüllung ihrer langen, bangen Hoffnung mit großen, ungläubigen Augen.

Sie steht vor Peregrins Bett und legt ihn sanft hinein. Und dann sinken sich Zwei in die Arme – ganz lautlos – und ohne ein Wort gefunden zu haben, zieht sie ihn zu dem Bett ihres Kindes, – beugt sich darüber und sagt mit heißen, seligen Thränen:

»Er heißt Peregrin.«

 


 

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