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Das Recht der Mutter

Helene Böhlau: Das Recht der Mutter - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Recht der Mutter
authorHelene Böhlau
year1896
firstpub1896
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleDas Recht der Mutter
pages377
created20140211
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel.

Dies und mehr schrieb Kristine in ihr Kinderbuch; aber es kam eine Zeit, da schrieb sie lange nicht. Peregrin war erkrankt. An einem Herbstnachmittag, als die Kinder draußen getollt und geschrieen hatten, kam er so müde nach Hause, setzte sich seinem Mamachen auf den Schoß und legte seinen Kopf an ihre Schulter, saß ganz still und schwer, und seufzte manchmal tief auf.

Sein Atem, der Kristinens Hals traf, war so heiß; Kristine fühlte sein Köpfchen an, das glühte und brannte, da faßte sie das böse, verzweifelte Erstarren, daß sie sich nicht vom Stuhle erheben konnte.

»Nun ist es da – nun ist es da – das Unglück!« Sie preßte ihn an sich und sah hinauf gen Himmel, wie ein verwundetes Tier, ohne Gedanken, ohne Gebet, – nur in Todesangst.

Und nach diesem ersten Schrecken kamen Nächte und Nächte, Tage und Tage, schwer und erdrückend, während deren ihre Augen an einem glühenden Gesichtchen hingen, während deren ihre Hände ein wildes, heißes Körperchen immer von neuem einhüllten, während deren sie so schmerzliche Seufzer hörte von den lieben Lippen; Peregrins Augen waren in dieser Krankheit von Fieber befangen, und jetzt erst schienen sie ihr geheimnisvoll, wenn er still 327 und ruhig vor sich hinsah und die kleinen Pulse flogen und der Atem so schnell ging. Da lag sie auf den Knieen vor dem Bettchen und blickte in diese Augen, wie ein verzweifelter Mensch in tiefes, dunkles Wasser. Bewußt und unbewußt flüsterten ihre Lippen immer das gleiche, immer vor sich hin: »Wenn du ihn mir nimmst, dann nimm mich auch!« Das klang so hart, so wild, so trostlos; und immer wieder, immer wieder.

Und dann dachte sie, wenn sie nun doch leben blieb, und wenn in Jahr und Tag Ker käme, was sie da sagen würde; wie sie von Peregrin sprechen würde wie von etwas vergangenem. Dann liefen ihr die heißen, trostlosen Thränen über die Wangen.

Manchmal rief sie auch nach ihrem Mamachen, jammervoll, hilfesuchend.

Das erste klare Wort ihres Kindes, das zersprengte ihr fast das Herz vor Freude.

In der Zeit der Genesung da hielt sie Peregrin wie ein Heiligtum; wenn sie ihn berührte, dankte sie immer Gott in ihrem Herzen, und wenn Peregrin unvermutet sie etwas fragte, da kamen ihr die Thränen in die Augen.

Wie er aber die Krankheit abschüttelte und frischer und kräftiger wurde, als vordem, kam auch das Gefühl ins alte Geleise, und auf ein leeres Blatt in ihrem Buche schrieb sie: »Peregrin war schwer krank.« Mehr konnte und wollte sie nicht schreiben.

* * *

Rotplätzens Strafzeit lief ab und er wurde zurückerwartet.

328 Und eines schönen Morgens kam der Bote aus Berka, der zwischen Berka und Blankenhain geht, und brachte eine Postkarte.

»Motag aben – kumm heim.

Rotplätz.«

Eifrig ging es da im Reisberghaus zu. Frau Birnstingel mußte scheuern und fegen, es wurden aller Art Vorbereitungen getroffen.

Frau Birnstingel wurde ausgeschickt, Einkäufe zu machen zu einem Nachtessen, und sie war es, die auf den Gedanken verfiel, am Abend zur Feier Lotto zu spielen. Sie besaß so ein altes Lotto, aber da fehlten Nummern und Glasscherben zum Zahlenbedecken. Das alles wurde wieder instand gesetzt von Kristine und Rotplätzens Kindern. Aber die Gewinne! Die wurden auch besorgt, die brachte Frau Birnstingel mit aus der Stadt. Zuckerwaren aller Art und Tabak, den immer Rotplätz gewinnen sollte, und Zwirn und Nadeln, was die Frauenzimmer gewinnen sollten.

Und Frau Birnstingel versuchte es vorsorglich, Peregrin klar zu machen, daß, wenn er den Tabak und den Zwirn gewönne, er ihn nicht behalten, sondern eintauschen müßte. Im Reisberghaus wurde gebraten und gebacken, Frau Birnstingel hatte für die Kinder einen Kuchen zustande gebracht.

Und gegen Abend waren sie alle auf der Lauer und gingen Rotplätzen entgegen.

Das war ein Wiedersehen, so harmlos, als käme Rotplätz von einer Badereise heim. Rotplätz mußte erzählen und Kristine und Frau Birnstingel erzählten ihrerseits; und dann das wunderschöne Essen und die 329 glückseligen Kinder und das Lottospielen, und die Gewinne! – An diesem Abend saßen in der Stube bei Rotplätz nicht Philosophen beisammen, Gott bewahre, die allereinfachsten Leute von der Welt. Aber was ist denn das? Lottospielen, wenn der Vater aus dem Zuchthaus kommt, und braten und backen? Er ist doch ein gezeichneter Mensch? Ja, wäre Rotplätz ein gebildeter, vornehmer Mann, so hätte er, um sich und seinen Kindern die Ehre wieder zu geben, Grund genug gehabt, sich eine Kugel durch den Kopf zu schießen. Da er aber nicht zu den Bevorzugten gehört, ist er ein Mensch, der sich nicht so leicht verblüffen läßt. Und das junge Weib mit ihrem Kind, das den vornehmen Leuten Angst einjagte wie ein toller Hund, das so ein Schreckensbegriff für sie war, daß er ihnen die Sinne völlig verwirrte, daß sie geschrieen und gejammert haben wie auf der Folter, daß sie sich geschädigt, entehrt, erniedrigt glaubten, alle miteinander, – welche Zuflucht hat sie hier gefunden!

Da sitzen sie in der elenden Stube so ruhig bei einander und spielen Lotto, und freuen sich über das magere Festessen und die ganze Feier.

Und aller Wust und alle Schreckensbilder, die sich die Menschheit selber aufgerichtet hat, von denen sich die Vornehmsten, die Gebildetsten, die Unterrichtetsten, die Philosophen beugen, sich in Angst jagen, unterjochen und entsetzen lassen, weshalb wohl üben die nicht auch hier in der armseligen Spelunke ihre verwirrende Macht?

* * *

330 Kristine schreibt:

Nun ist's wieder einmal Winter, wieder dichter Schnee. Nun kommt Weihnachten wieder heran – das einsame Weihnachten, das das Herz in Sehnsucht vergehen läßt und in Hoffnungslosigkeit.

Und gerade zu Weihnachten, da darf ich nicht trauern.

Mein armes Kind soll eine schöne liebe Erinnerung fürs Leben haben.

Es soll nicht fühlen, was für abgerissene Blätter wir beide sind. Gewißlich nicht.

Seit zwei Weihnachten sind nun auch die Hennebergs aus Jena fort. Mit meinem Mamachen wohnen sie in Heidelberg zusammen. Sie haben ihr Haus verkauft. Mamachen schrieb mir: Es war ihm unmöglich, länger in Jena zu bleiben. Er fühlte sich dort wie gebrandmarkt. Wie sie noch in Jena waren – hab' ich am Weihnachtsabend ganz still zum Fenster hinausgeschaut, der Gegend zu, wo Jena liegt – und habe so ein Gefühl gehabt, als wäre ich doch noch nicht ganz allein und verlassen.

Mein Mamachen schrieb mir, daß Jekatirina Alexándrowna gestorben ist – schon vor drei Jahren – und ich habe es nun erst vor wenigen Wochen erfahren! Ich hab' oft an sie gedacht und mir war immer, wenn jemand kommen würde, so müßte sie es sein. – Ja, ich habe auch auf sie gewartet.

Und zu Weihnachten, wie habe ich da immer vom Fenster auf den verschneiten Weg hinabgesehen, bis ich müde wurde.

Der lange bange Weg!

Ach Weihnachten!

331 Und wie er sich freut, mein guter kleiner Junge. Die Lichter am Baum, die Nüsse, der Pfefferkuchen, die bunten kleinen Sachen, die erfüllen seinen Geist.

Das Christkind liebt er sehr. Wenn er abends durchs Fenster schaut, dem Walde zu über den Schnee, hat er mich oft schon herbeigerufen – »Jetzt ist's in den Wald geschlupft, ich hab's gesehen! Bäumchen holt's!« Dann fragt er wieder, ob es denn eigentlich ein Wickelkind ist.

»Mama,« sagt er, »beten wir denn zu einem Wickelkind eigentlich? – das mag ich nicht, so ein großer Junge wie ich. – Lieb hab' ich's – aber beten?«

Ich habe ihm erzählt, daß aus dem Wickelkind ein herrlicher guter Mensch geworden ist, der so gut war, wie nie einer vor ihm und nie einer nach ihm – und daß er alle Menschen geliebt habe.

Das hat Peregrin sehr gefallen – und er frägt mancherlei noch darüber – und wir sitzen abends wieder vor unserm Öfchen und hören zu, wie es pustet und faucht, und freuen uns, wenn es glüht, und erzählen uns allerlei. Peregrin mir und ich ihm.

* * *

»Peregrin,« sagte ich zu ihm, »willst du zu Weihnachten dein Mamachen sehr – sehr lieb haben?«

»Ja,« sagte er und blinzelte mit seinen Augenwimpern mir an der Wange, das thut er immer noch, wenn er sehr zärtlich ist.

»Du hast es gut,« sagte ich – »du hast ein Mamachen; aber ich hab' keins! Ach! Ich hab' kein Mamachen! kein Mamachen!« – – Wie hat er sich da 332 an mich gedrückt, der kleine gute Junge – und hat mich gestreichelt und ist nicht von meiner Seite gegangen und war so gut – so gut, daß ich nicht anders konnte, ich mußte mich bitterlich ausweinen; über ihn, über mich und über alles – alles. –

Etwas ist mir in die Einsamkeit gefolgt, etwas, das mit mir spricht! etwas, das meine Seele ganz erfüllt, – das mir sagt: »Was hast du erlebt, du glückseliges Geschöpf! Du kennst sie, – die große, große – heilige Liebe!

»Mächtiger ist die Liebe als der Tod,
Fest wie die Hölle,
Unbezwinglich wie das Niederreich.
Ihre Gluten sind Feuergluten
Wie Jehovahs lodernde Flammen,
Wasserwogen löschen die Liebe nicht,
Und Ströme ersticken sie nimmer.«

Etwas, was ich in heiliger Stunde an mein Herz drücke – – ist dein Lied, Ker!

Dein hohes Lied! Dein Judenlied, wie du sagtest – Dein Lied, das du in meine Hände legtest! – Dein lebendiges Lied!

In stiller, trostloser Nacht ist es von brennenden Augen gelesen. Gebetet und geweint ist darüber.

Die Sehnsucht hat sich in die Worte tief – – tief eingegraben, hat deine Stimme hören wollen, hat nach dir gejammert und gerufen und geschrieen, hat in jedem Bilde, jedem Worte dich erkannt! Hat die Arme nach dir ausgestreckt und hat auf dich gehofft! – gehofft! – gehofft!

Zu deinem Liede komme ich, wenn ich leben will! Da breite ich die Arme danach aus, da drücke ich es an 333 mich, da liebe ich es, wie ich die ganze, für mich versunkene Welt liebe.

Auch diesen Weihnachten, wenn alles schläft, soll es wieder zu mir sprechen.

Auch ich will meine heilige Stunde haben!

Ich Glückliche! Ich Arme! 334

 


 

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