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Das Recht der Mutter

Helene Böhlau: Das Recht der Mutter - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Recht der Mutter
authorHelene Böhlau
year1896
firstpub1896
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleDas Recht der Mutter
pages377
created20140211
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.

So, hier steht sie, meine große, große Arbeit, meine Seelenarbeit.

Und schon sind die Flügel gewachsen und sie werden stärker und stärker und werden mich und mein Kind tragen.

Es geht in meiner Seele etwas auf wie ein Geheimnis.

Wir, die wir die Menschheit gebären, sind Sklaven! Was ich meine, ist eine Welt voll Schmach, unter der nicht ich allein gebückt und mißachtet gehe, nein, tausende, tausende und aber tausende. Alle, auch wenn sie es nicht fühlen, auch wenn sie zufrieden sind. Ich kenne jetzt keine schmachlosen Jahre mehr, auch die vergangenen, die schönen sind ganz entstellt davon.

Der Schlag, der mich ins Gesicht traf, der traf nicht mich allein, der traf das Weib, die Gebärerin der Menschheit. Das ist eine entsetzliche Sache, daß die Menschen von Sklaven stammen, von Haustieren. –

Was für eine ungeheure Last von Verachtung, Ungerechtigkeit, Willkür auf uns allen ruht!

Wie ist es nur möglich geworden, daß auf lebendige Menschen solche Last gehäuft wurde? Auf die Toten – – Erde! Die fühlen es nicht! – – Aber wir!

Ist es so langsam und weich gekommen wie Schneefall?

321 Haben sie nie gerungen?

Nicht denken, nicht sprechen, nicht handeln, nicht wollen, nicht dürfen, nicht können! – das ist das Weib.

Mit gebundenen Händen, mit gebundener Seele, mit ertöteten Gedanken, mit einem Körper, der nicht ihr gehört, mit einer Seele, die sie nicht kennt, mit Kraft, von der sie nichts weiß. – Betrogen um alles – um ihr Recht, um ihre Ehre, um ihr Bewußtsein, um ihre Freiheit. Die Liebe werfen sie ihr einzig hin. Das, was sie »Liebe« nennen.

Wie sie aber die Hand danach ausstrecken will – da schlagen sie sie ins Gesicht. Und wenn noch nie, so lange die Welt steht, eine den großen heiligen Stolz gekannt hat – ich kenn' ihn jetzt!

Wie eine Königin fühl' ich mich, wenn ich durch den Wald laufe – den frischen, keimenden Wald im Frühling.

Mein Kind! mein Kind an meiner Seite, mein starkes, schönes Kind!

Und die junge, ewige Liebe im Herzen, die Liebe, die nicht stirbt, die Liebe, die mir mein Kind gab.

Und wie eine Königin zieh' ich in die Welt hinaus, wenn die Zeit gekommen ist.

Ich hab' mein Reich erworben. Mein Kind, das ist ein Königskind!

Nein, ich bin nicht mehr zu erschrecken!

Wie es in mir jubelt – wie mit tausend silbernen Glöckchen. Lang genug bin ich durch feuchten grauen Thränennebel gegangen – schwarze Wolken über dem Herzen. Jetzt tret' ich heraus, mitten in den Sonnenschein. – Und sage: »Ich bin ganz trunken vor Freude, weil ich so viel gelitten habe.«

322 »Eine ganze große Welt lag auf meinem Herzen; ich habe sie abgewälzt. – Nun nimm mich auf, heiliger Sonnenschein, der du über Gräbern scheinst, durchleuchte mich mit Lebensliebe und Wonne.«

* * *

In unserm stillen Leben ist etwas geschehen – etwas trauriges, – ich kann es garnicht fassen. Rotplätz ist vor Gericht gekommen. Es waren so Wilderergeschichten, und Rotplätz wurde als Zeuge gegen einen Arbeiter, der mit ihm in der Fabrik ist, geladen.

Er hat aber nichts ausgesagt, obwohl er sehr wohl alles wußte, und so ist er als Hehler verurteilt worden zu vier Monaten Gefängnis.

Der Rotplätz ist ein guter Mensch, wenn auch keine Seele in der Welt etwas davon weiß, und er selber auch nichts.

Seine großen Stiefel schlurfen und dröhnen viel zu laut, als daß irgend jemand noch etwas weiter von Rotplätz denkt, wenn er ihn gehen sieht, als daß eben seine Stiefel schlurfen, und daß seine alte, kurze Jacke auf ihm sitzt, wie der Sattel auf der Kuh, und daß er sich wie ein Sprenkel hält und ein langes Fabrikarbeitersgesicht hat mit vielen Fältchen.

Wir, Birnstingel und ich, müssen nun für die Kinder einstweilen sorgen.

Aber in die Fabrik soll er, Gott Lob, dann wieder eintreten.

Seit Rotplätz fort ist, da ist's noch einmal so still bei uns.

* * *

323 Meine Mutter hat mir geschrieben, schon öfter, und ich schrieb ihr wieder, aber noch verstehen wir einander gar – gar nicht – mein armes – armes Mamachen. Wie allein bist du!

Und wie würden wir dich lieben, wenn du zu uns kämst.

Peregrin wird nun schon zwei Sommer lang in dem Bach, der vor unserm Hause durch die Wiesen fließt, gebadet an jedem guten Tag, und das ist ein großes Vergnügen, wenn der kleine schöne braune Kerl in dem klaren fließenden Wasser steht zwischen den Wiesenufern – da ist er grenzenlos lustig, da spritzt er und wirtschaftet, und ganz besonderes Vergnügen macht es ihm, vom Wasser aus Blumen zu pflücken.

Ein Verschen sagt er immer, wenn er im Bache steckt, das gehört dazu.

Ist ein Mann ut Hutendücken,
Hätt en Rock ut tusend Flicken,
Hätt en knäkern Angesicht,
Hätt en Kamm und kämmt sich nicht.

Solche dummen Verschen lernt er so leicht. Und vor dem Bad, daß ich es nicht vergesse, da spielt er gestiefelten Kater und läuft nackt in der Wiese umher und hat nur seine Stiefelchen an, und ist so seelenvergnügt, wie ein junges Tierchen.

* * *

Heut bracht ich Peregrin zu Bett und betete mit ihm unser altes Gebet, das wir immer eng an einander geschmiegt beten.

324 Als er in seinem Bette lag, sah er mich mit großen Augen an und sagte: »Du, Mama, ist's denn mit dem lieben Gott auch so, wie mit dem Niclas? Ist der auch nur für Kinder?«

Rotplätz hat in diesem Jahr den Niclas bei uns gemacht, hat Nüsse und Apfel gebracht, seine Kinder angebrummt, und Peregrin hat ihn gleich erkannt.

* * *

Peregrin grübelt und denkt immer und frägt ohne Ende, und wenn er einer Sache ganz sicher sein will, muß ich ihm die rechte Hand daraufgeben, daß es so und nicht anders ist. – Da kommen Geschichten über Geschichten. – Vor ein paar Tagen stellt er sich in seinem Bette auf und fällt mir um den Hals und sieht mich ernsthaft an: »Mamachen, sag' mir, ich will dich etwas fragen: bringt der Storch wirklich die Kinder? Der ist doch ein ganz gewöhnlicher Vogel – die liegen doch nicht im Teich? Gieb mir deine rechte Hand.« Da sagte ich: »Man sagt das nur so; Gott schickt die Kinder.«

Da fiel er mir noch fester um den Hals: »Dann weiß ich's,« rief er, »die Engel bringen sie – da bin ich froh! Ich mochte es nicht gern, daß der Storch sie angeschleppt brächte.«

* * *

Heute hat Peregrin sich mit einem Jungen von Rotplätz wütend gezankt und gehauen, und ich sagte ihnen, das dürften sie nicht, sie müßten sich lieb haben. »Ach,« 325 meinte Peregrin, »man hat nur lieb, was mer selbst ausgebritt hat (ausgebrütet, meint er), und den hab' ich nich' ausgebritt.«

Ich schweige, wenn ich nicht ganz genau weiß, was da gut wäre, und hoffe, es schadet weniger, als wenn ich etwas falsches sagte. 326

 


 

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