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Das Recht der Mutter

Helene Böhlau: Das Recht der Mutter - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Recht der Mutter
authorHelene Böhlau
year1896
firstpub1896
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleDas Recht der Mutter
pages377
created20140211
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.

Es ist der Winter darauf.

Kristine schreibt in ihr blaues Heft:

Vor unserem Fenster da hängt eine tote Amsel in den kahlen Zweigen am alten Kirschbaum – die ist das erste, was wir am Morgen sehen. Peregrin hat sie zuerst bemerkt und kräht und greift danach, wenn sie im Winde hin- und hergeschaukelt wird, und wenn ich so auf die zerzauste tote Amsel sehe, da wird es mir so weh ums Herz – so weltverlassen. – Da halt' ich Peregrin an mich und fühl' sein kleines Herz schlagen und seh' in seine Äugelchen. Ker – es sind wirklich und wahrhaftig deine Augen, und wenn ich ihn so halte und draußen der Schnee fällt und alles gleichmäßig einhüllt – Weg und Steg – dann ist's mir, als wären wir zwei Mäuse, die unter einer Erdscholle in einer weiten, weiten Einöde überwintern und an die niemand von allen lebendigen Wesen denkt und für die niemand sorgt. Und der Schnee fällt, der dichte, hohe Schnee, und vergräbt sie ganz; aber sie haben es warm in ihrem Nest und sitzen ganz aneinandergeschmiegt – und weit, weit von ihnen, da leben die Menschen. Wir haben es auch warm, unser eisernes Öfchen pustet und glüht und faucht manchmal, so daß mir Rotplätz ein kleines Gitter aus Fichtenstämmchen darum gemacht hat, damit Peregrin nicht zu nahe kommt, wenn er zu 307 kriechen anfängt. Unser Öfchen ist sehr wacklig, und Rotplätz hat es gehörig ausflicken müssen. Aber wenn es in der Dämmerung glüht und pustet, da ist es unsere allergrößte Freude, unser Schauspiel, unsere beste Gesellschaft; da setzen wir uns beide ganz nah, Peregrin und ich, und Peregrin strampelt und schreit vor Vergnügen und quiekt und kräht und drückt sein Köpfchen an meine Wange, und da laufen mir die Thränen herab, denn es ist gerade so, als wenn er mich schon recht lieb hätte. Jüngelchen, Jüngelchen! rief ich ganz glücklich und drückte ihn an mich – und dann kräht er noch lustiger und schlägt mit seinen weichen Händchen mir ins Gesicht – und legt sich wieder so zärtlich, so zärtlich an mich. – Ich bin nicht mehr allein!

Frau Birnstingels Hühner gackern in der Küche, und sie schlurft herum und spricht mit sich selbst. Es kann sich niemand vorstellen, wie einsam es hier ist – so recht ein Platz für Verlassene – so wirklich ganz verlassen.

* * *

Und hier in dieser verschneiten, vergessenen Ecke, in dem von aller Welt vergessenen alten Haus, mitten im Schnee, da schlagen zwei Herzen und brennen wie zwei Feuer – für dich, mein Ker.

* * *

Zwei Winter später.    

Ich habe einen Geldbrief aus Italien bekommen – von meinem Mamachen, die ist dort mit Mathilde – den habe ich aufgehoben – für die Zukunft, Ker – für 308 Peregrin und dich, wenn du noch unter den Lebenden bist? Ich selbst verdiene mir hier etwas Geld, beinahe schon genug für mein Jüngelchen und mich – und das ist so zugegangen.

Rotplätz kam von der Fabrik nach Haus, und ich saß gerade mit Peregrin unten bei seinen Kindern – und hatte meine Arbeit mitgenommen. Er hilft mir und ich helf' ihm manchmal und geb' auf seine Kinder acht und lehre sein kleines Mädchen die Stube ordentlich halten und lehre sie die Suppe ansetzen, damit, wenn der Vater heim kommt, er nicht so lange erst kochen muß. – Und als Rotplätz diesmal heimkam, da zog er aus seinem Sack einen Teller und brummte:

»Wenn ich das hinbrächte – da sullt's besser flecken – aberscht – aberscht! – Das wird mir nischt wären – enen Gockel – nee!« – Und Rotplätz sah das im Brand gesprungene Tellerchen ganz trübselig an. Es war wirklich ein Gockel darauf gemalt.

Ich hab' es mir auch angesehen – und es schien mir gar nicht so sehr schwer.

»Rotplätz,« sagte ich, »ich glaube, das könnte ich Ihnen zeigen, aber freilich, einüben müßte ich es erst auch.«

Da hat mich Rotplätz ganz sonderbar angesehen.

Und ich habe mich gleich oben in meiner Stube darüber gemacht und den Gockel abgezeichnet; und hab' es immer wieder versucht, bis wirklich der Gockel herauskam, ganz schön, und Rotplätz hat mir dann Farben für den Gockel gebracht. Seitdem malen Rotplätz und ich Gockel – ich die Gockel, Rotplätz die Ränder – denn mit erschrecklich vieler Mühe, Sonntags und Werktag abends, hab' ich ihm nicht den Gockel beigebracht. Mir 309 bringt er immer in einem Tragkorb einen ganzen Stoß Teller mit, und ich male auch schon Karpfen, Spatzen, Hühner auf große und kleine Teller nach einem alten Muster, und auch Schmetterlinge, und so verdiene ich mir Geld. Das Schicksal sorgt für mich – und Peregrin hat jetzt eine Mama, die ihm sein Breichen selbst kaufen kann und auch seine Röckchen. Nun hat er alles von mir, sein kleines, süßes Leben, und alle Pflege – und alle Liebe. – Es ist mein Kind – mein Kind!

Die eine Welt, an der mein Herz hängt, nach der ich mich sehne, ist versunken: du, Ker, mein Vater, mein Mamachen, alle Liebe, alle Freundschaft, alle Achtung, alles Vertrauen, alles Verstehen – und meine Musik, mein liebes, schönes Zimmer – der Garten – das Meer – das Boot – alles versunken – – – Aber ein kleiner, neuer Stern ist in der großen, traurigen Öde aufgegangen. – –

* * *

Wenn du mir zurückkehrst, wenn das Wunder geschieht! – in dieser Hoffnung schreibe ich für dich – für mich über Peregrin nieder, was ich gern in der Erinnerung behalten möchte, wie es auch Mamachen gethan hat, als Olga und ich Kinder waren – und da schreib' ich jetzt gleich für uns beide, für dich und mich – und so Gott will, auch für unsern kleinen Peregrin – daß er jetzt in seinem dritten Jahre noch recht drollig spricht, mit einem so lieben Stimmchen – es ist kein dünnes Stimmchen, rund und voll ist's, und doch weich, ganz wie er selbst ist. Er ist ein braunes Kerlchen, fest und stramm, mit großen, dunkeln, ernsten Augen, die sehr schelmisch aussehen können, 310 und so voll Liebe! – Mir ist oft bange Ker, um die große, große Liebe, die ich für Peregrin habe, so eine angstvolle Liebe, so eine Liebe, als stände sogleich der Abschied vor der Thüre, als sollte er mir genommen werden – und dann, Ker! dann! – Kann denn ein Herz alles ertragen? Auch wenn das Letzte genommen wird – auch das? Sag' mir! – Giebt es denn kein Erbarmen auf Erden?

* * *

Peregrin spricht komisch, und wie er etwas einmal benannt hat, dabei bleibt er. –

Sein Röckchen das nennt er ›mein Zubind‹, und meine Korallenkette, die er immer Sonntags um sein Hälschen bekommt, die nennt er ›das Umbind‹.

Und gestern am Abend, als ich im Zimmer sitze und nähe, und draußen ist schöner Frühlingstag, da thut sich die Thüre auf, und Peregrin guckt durch die Spalte.

»Na,« sag' ich – da kommt er angelaufen und fällt mir um den Hals, und blinzelt dabei mit seinen dicken Augenwimpern an meiner Wange:

»Piep – piep – piep – ich hab' dich lieb!«

Wo er das her hat, weiß ich garnicht! –

Mir hat es noch im Herzen lange, lange nachgeklungen.

* * *

Mit Rotplätzen seinen zwei Jüngelchen, dem Zwillingspärchen, spielt und tollt er den ganzen Tag. Sie liegen wie die jungen Bären in der Sonne, und überpurzeln sich, und die beiden älteren lassen sich von Peregrin 311 gehörig zausen, und seit Peregrin läuft, hat Rotplätz, wenn er im Hofe umherschlürft, hinter seinen Stiefeln gar drei Jüngelchen!

* * *

Solcherlei schrieb der gute, tapfere Blondkopf in seiner Einsamkeit in das blaue, dicke Schulheft, all' die lieben, unsäglich herzerquickenden und bewegenden Dinge, die eine junge Mutter mit ihrem Kinde erlebt – die frühlingshaften Geschichtchen – die ersten Keime des Bewußtseins – die warmen Stürme, die in den kleinen Kerlen toben, die sie strampfen und wüten lassen, und die aus der Knospe den künftigen Charakter wecken.

Dies ganze Frühlingstreiben schrieb sie nieder – treu und innig und in rührender Hoffnung.

Es mögen in stiller Hut ungezählte solche liebevollen Aufzeichnungen von Mutterhänden ruhen.

Ob aber solch ein Erinnerungs-Werkchen je geschrieben wurde von einem verstoßenen, verachteten, von aller Welt verlassenen, beschimpften Mädchen? Ob da Seelenfrieden, Tapferkeit, Klarheit, Willensstärke genug vorhanden war, um in aller Schmach dies Werk des ruhigsten Friedens zu schaffen?

* * *

Wir hatten heute ein rechtes Gewitter, und Peregrin saß mit Frau Birnstingel auf der Thürschwelle. Ich mußte eifrig Teller malen, und saß in der Küche hinter den beiden, und sah, wie er sich eng, ganz eng an Frau Birnstingel rückte. Er ist ein armer Furchthase – und bei Gewitter ist er sonst immer sehr ängstlich, und zittert und weint. Ich schaute auf ihn hin, denn er saß auffallend still und griff sich nur manchmal an die Öhrchen.

312 Frau Birnstingel mußte dies auch bemerkt haben. Sie sagte ganz kurz: »Na, es wachsen noch keine; halt Ruh, aber wann's du dich noch länger so fürchtst – dann wärd's so, wie ich dir immer sag', dann macht dir der liebe Herr Gott lange Hasenohren« – und da saß er wieder ganz stille und geduckt – und fraß die Angst in sich hinein – so ein armes Herz! so ein geängstigtes Seelchen!

Und da habe ich ihn an mich gedrückt – er war ganz bleich – und hab' ihn auf dem Schoß behalten, da hat er seine Arme um meinen Hals geschlungen und sein Gesicht an mich gepreßt! Ich fühlte sein Herz angstvoll pochen. – Aber tapfer und brav ist er doch, daß er trotz seiner Angst so still saß.

Und sei nur ruhig, mein Kind, durch mich sollst du keinen Tropfen mehr Angst schlucken müssen, als das Leben, ohne daß ich's wehren kann, dir so wie so bringt – und der Birnstingel hab' ich es verboten, je wieder meinem Kind so dummes Zeug beizubringen.

* * *

Wie hat Peregrin mich heute erschreckt! Ich bin den ganzen Tag umhergegangen voller Sorge. Er war mir unheimlich, der kleine Junge – und ich habe ihn gefragt und gefragt und immer wieder gefragt, als müßte ich sein Herz ergründen – und er sah mich mit den ernsten, geheimnisvollen Augen an, die mich durchschauern, die er manchmal macht, so, als hätte er eine tiefe Seele – oder gar keine, so unergründlich. Peregrin hat mit Rotplätzens Jungen gespielt. Ich sah sie wirtschaften und rief zum Fenster hinab: »Peregrin, 313 was macht ihr denn da?« und ich mußte immer wieder rufen, sie hörten nicht, sie hatten alle drei die Köpfe zusammengesteckt und wirtschafteten. Als Peregrin aber endlich hörte, kam er angelaufen und stand unter dem Fenster, ganz erhitzt und rot und schmutzig.

»Was habt ihr denn da?«

»Einen Frosch seßnitten,« rief er leidenschaftlich und eifrig. Ich rief ihn herauf und er kam angetrappt.

Und dann fragte ich ihn und fragte ihn, ganz angstvoll; immer wieder, aber er blieb immer gleichmütig, beschrieb, wie sie den Frosch zerschnitten hätten – mit einem ›Siefer‹, das ist ein Schieferstein, und dabei hatte er immer die tiefen, geheimnisvollen Augen und bekam so etwas Trotziges, Festes in seinen Antworten, etwas so Gleichmütiges, daß ich gar nicht wußte, was ich aus ihm machen sollte.

»Hat er dir denn gar nicht leid gethan, der Frosch?«

»Nein.«

»Hat er denn nicht geschrieen?«

»Ja.«

»Und da hast du's doch trotzdem thun können?« Mir waren die Thränen in den Augen.

»So etwas, wie krr hat er gesagt.«

Das war ein trauriger Tag!

Wir haben den ganzen Tag nicht wieder von der Sache gesprochen, weil ich es nicht wagte; aber ich habe ihn mehr noch als sonst bei mir behalten.

Am andern Tag gingen wir mit einander hinunter in unser Gärtchen, das sind zwei Beete, da ziehen wir allerlei Gemüse und auch Blumen. Ich habe mir die Beete für Peregrin und mich von Rotplätz herrichten lassen. Ein paar Rosenstöcke hat er mir auch gekauft 314 die blühen dies Jahr schon, und wir gingen mit einander und beschauten alles und begossen das Gemüse, und ich schnitt eine Rose ab, um sie an mein Fenster in das Glas zu stellen. Da sah Peregrin mich ganz befremdet an und sagte langsam mit seiner vollen Stimme: »Mama, hat denn die Rose nicht auch krr gesagt, wenn du sie schnittest?«

Ich konnte es nicht über das Herz bringen zu sagen: »Die fühlt nichts.« Es kam mir so dumm vor. Ich war so froh, daß ich ihn wegen des Frosches nicht gescholten hatte. So ein kleiner Peregrin ist nicht so leicht zu verstehen! Da hört oft alle Weisheit und alle Klugheit der großen Leute auf.

* * *

Nachts steht Peregrin manchmal auf und kommt an mein Bett geschlichen und fährt mir mit seiner weichen, runden Hand über das Gesicht – und wenn ich dann aufwache und ihn in seinem Hemdchen stehen sehe beim flackernden Nachtlichtschein, da weiß ich schon, was er will. –

»Mamachen, hast du mich auch lieb?« frägt er dann so himmlisch zärtlich, daß mir die heißen Thränen manchmal in die Augen kommen und ich gar nicht weiß, wo ich mit meiner großen Liebe zu Peregrin hin soll. Dann schlüpft er in mein Bett und schlägt die Ärmchen um meinen Hals, und ich halte ihn wie eine Welt voll Glück an mich gepreßt – – und wenn ich ihn mir dann tot vorstelle, das braune, herrliche Körperchen, die lieben Augen, den trotzigen, zärtlichen Mund – da erstarrt mir das Herz – das ist ein Augenblick, den alles Glück nicht aufwiegt.

315 Und wenn er mich weinen sieht, da ist er so gut, da schleicht er auf den Zehen, da streichelt er mir die Wangen, da trocknet er mit seinem schmutzigen Tüchelchen mir die Augen, und da sagt er jedesmal, daß bald – bald – bald sein liebes Papachen kommen wird – und jeden Abend beten wir miteinander für ihn – da halten wir uns ganz eng umfaßt und beten für dich, Ker.

* * *

Gestern ist der kleine Junge knieend in seinem Bettchen eingeschlafen, – er war so müde – das sah so rührend aus – das arme Kindchen!

Ich habe immer vergessen aufzuschreiben, daß Peregrin längst ein Bettchen bekommen hat, ein wunderhübsches Bett, das der Schreiner in Berka ihm gemacht hat. Die Birnstingel und ich, wir haben die Kissen genäht und den Sack mit Heu und Moos gestopft, und ein Matratzchen mit Schafwolle gefüllt. Abgenäht haben wir sie, und als das Ganze fertig war, und Peregrin die erste Nacht in seinem Bette schlief, da war es ein großes Fest, da haben ihn alle schlafen gelegt, Rotplätz und die Birnstingel, und die zwei Jüngelchen, und das kleine Mädchen von Rotplätz – und Peregrin lag wie ein Prinz in seinen Kissen und nickte allen zu und blinzelte und freute sich.

* * *

Peregrin schläft oft des Nachts nicht – da thut er mir immer so leid – so still mit großen, offenen Augen liegt er dann in seinem Bett, wenn ich nachts aufwache 316 und mich über ihn beuge, da sehe ich gerade in diese großen, offenen Augen hinein, die so ernst und ruhig schauen, und dann lächelt er übers ganze Gesicht und schlingt die Arme mir um den Hals – und wenn ich ihn frage, weshalb er mich denn nicht ruft, wenn er gar nicht schlafen kann, da sagte er neulich: »Ich brauch' dich nicht, Mamachen, schlaf nur, du kannst doch nis helfen!« –

Das sagte er wie ein alter Mensch, so ernst – ach er weiß es schon, daß sein Mamachen nicht helfen kann. Dies lange, geduldige Wachliegen bei Peregrin macht mir oft Angst, es ist so rührend, und es dauert nun schon so lange an.

Neulich finde ich ihn wieder wach, mit großen Augen; aber diesmal lächelt er nicht, als er mich sieht, sondern seufzt tief auf und sagt:

»Ach Mamachen, leg' doch ein Läppchen vor die Hausthür und leg' mich drauf, dann seh ich die Sterne von Gott und denke, ich bin dein Hündchen und bewach' dich, ich schlaf' doch nich'!«

Das klang so traurig, so verlassen, und schnitt mir ins Herz, und ich mußte vor ihm verbergen, daß mir die Thränen über die Wangen liefen. Mein armes Kindchen hat so einen rührenden Zug in seinem Wesen, für seine Mutter etwas herzzerreißendes – ich kann es nicht genau nennen, ich weiß nicht was es ist – und wenn er nicht ein so kräftiges Kind wäre und so tollte und jagte und so ungezogen sein könnte, so heftig und zornig, so würde er mir noch weit mehr Angst machen.

Ich erzähle ihm so viel von daheim, von der Großmama, von meinem lieben Vater, von unserem Haus, vom großen Meer, von meinem Boot, und da hört er so verständig zu und frägt nach seiner Großmama und nach 317 allen. Und seinen Papa erwartet er immerwährend, ganz wie seine arme, arme Mama es auch thut, und wenn wir spazieren gehen, da stellt er sich breit vor mich hin und sagt mit einem so wichtigen strahlenden Gesicht: »Und rat' einmal, wenn wir um die Ecke sind, da kommt, da kommt, da kommt« – und dann stürzt er mit aller Wucht in meine Arme und sagt mir ins Ohr, so weich und voller Liebe – »Papachen!«

* * *

Was wird denn nur aus meinem Kindchen werden? Niemanden hat's als seine arme dumme Mama. Wie soll die denn ihm helfen ein braver kluger Mensch werden, der gutes im Leben schaffen kann? Wie soll die das? Mein Gott, wie soll sie's denn? Sie kennt ja das Leben gar nicht – und in dieser Einsamkeit, da wird sie immer dümmer und dumpfer und vergißt alles. Wenn ich denke, wie einfach geht mein Tag hin: ein wenig Geld verdienen, die Wirtschaft – und Peregrin. Trauer um Verlornes, und Sehnsucht nach guten Menschen und Liebe, tiefe, tiefe Liebe zu meinem Kinde: alles so, daß ich es jeden Menschen könnte wissen lassen – nichts brauchte ich zu verschweigen – aber was hilft's? Wer mich kannte, wer von mir weiß, spricht doch wie von einer Verworfenen. Ich bin doch mit Schmach beladen! – unauslöschlich! – Wie das niederdrückt! – Wie eine Last liegt es auf der Seele.

Nachts, wenn die alten Tannen rauschen, diese Einsamkeit, diese Verlassenheit!

Unmöglich, sich verständlich zu machen, unmöglich!

Was soll daraus werden?

318 Wir können ja nicht ewig hier bleiben – und ins Leben hinaus? – da werden uns die Blicke treffen, diese verachtungsvollen, eisigen, empörenden Blicke.

Werd ich denn Kraft haben?

Ja!

Aber keine Stunde früher, als es sein muß, gehen wir hinaus in die Welt, mein Peregrin, keine Stunde früher.

Und die Zeit in der Einsamkeit hier soll nicht verloren sein, gewiß nicht.

Deine Mama muß eine große schwere Arbeit zustande bringen, damit du ruhig leben kannst, Peregrin, damit du Boden unter deine Füße bekommst.

Wenn sie haltlos sich hinauswagte, da würden sie ihr das Herz zertreten, da würden wir beide ein Leben führen, wie auf einem untergehenden Schiff.

Sie muß die Menschenfurcht verlernen, lernen muß sie, klar und tapfer zu denken und fest zu sein. Sie muß erstarken und lernen, ihr Recht vor aller Welt offen zu wahren.

Mein Peregrin, deine Mama geht mit dir nur als freier Mensch, frei gekämpft von allen Dingen, mit denen die Leute sie bedrängen könnten; aber dann geht sie aufrecht und gehobenen Hauptes! Du sollst ruhig leben können und bei deiner Mutter größeren Schutz gegen die Menschen finden, als Mauern und alles Feste auf Erden dir geben könnten.

Alles das soll weit, weit, weit unter uns liegen, mein Peregrin! Ich fühl', daß ich es erreichen werde. Immer ruhiger, immer klarer wird es in mir. Dann versucht mich zu beschimpfen! thut es ruhig!

Von dem Tag an, als Rotplätz mein Kind 319 angemeldet hat als den unehelichen Sohn der Kristine Ahrensee, von dem Tag an habe ich den Kampf gegen die Menschenfurcht begonnen – den Kampf um mein heiliges Recht, das heilige Recht der Mutter, heiliger als alle Menschensatzung. Mein Kind ist's, mein liebes, gutes Kind.

Damals als Mathilde und Frau Professor Majunke gegangen waren, da hat Rotplätz gesagt: »Nun müssen wir's thun. Nun müssen wir ihn melden und taufen auch,« und als er mich ängstlich sah, da sagte er und schaute mich so mit seinem gutmütigen Gesichte an, und die vielen Fältchen um seine Augen und seinen Mund lächelten: »Ehelich oder unehelich, je, je, das is's nicht! Das macht nischt, das lassen Sie gut sein, das schonn. Und das sollen Sie aber thun! Gott danken, daß 's Kind so brav is und gedeiht, un daß mer'sch hamm. Wären's schon merken, wären's schon merken. – Also geh mer, gelle ja?« 320

 


 

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