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Das Recht auf den Tod

Georg Hirschfeld: Das Recht auf den Tod - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDas Wunder von Oberpurzelsheim / Das Recht auf den Tod
authorGeorg Hirschfeld
year1913
firstpub1913
publisherXenien-Verlag
addressLeipzig
titleDas Recht auf den Tod
pages26
created20151102
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Georg Hirschfeld

Das Recht auf den Tod

 


 

Im Xenien-Verlag zu Leipzig
[1913]

 


 

Konstanze schonte den alten Heinrich, der sie mit derselben verstörten Miene einließ, die er gestern auf dem Friedhof gehabt hatte. Sie fragte ihn nicht, wo Ernst sich aufhielt, sondern schritt an ihm vorüber durch die stillen und etwas luftlosen Räume. Nur in dem Arbeitszimmer blieb sie stehen, denn hier war das Lebendige noch haften geblieben. In einem dieser Bücherwinkel, zwischen seltsamen Instrumenten, konnte noch das graue Männchen sitzen mit seinem mächtigen Kopf und dem dürftigen Körper, der die Welt nun verlassen hatte. Im Arbeitszimmer wurde es Konstanze noch einmal ganz bewußt, was geschehen war. Die Zierde der Universität, der erste Physiker des Landes, einer der wenigen festen Begriffe von Menschenwert, hatte in seinem fünfundsiebzigsten Lebensjahre Hand an sich gelegt. Der Geheimrat Waldbauer eine Revolverkugel im Herzen. Das Bild des großen Überwinders für eine Stunde entstellt – für eine Stunde nur, solange die Menschen draußen auf ihren wirren Lebenspfaden brauchten, über die Zerstörung einer Sicherheit fortzukommen, die sie für garantiert gehalten hatten. Alle diese 24 Schüler und Lehrer, Fürsten und Frauen maßten sich ja an, daß Eduard von Waldbauers Alter nicht ihm, sondern seiner Mitwelt als schützender Hafen gehört hatte. Durch wen? Ein »lieber Gott« ist im Angesichte des Todes für die Freiesten erreichbar. Konstanze erinnerte sich voll Schmerz an den tiefen Vorwurf, den sie selbst empfunden hatte, als in der Zeitung die Schreckensnachricht stand: »Unser großer Mitbürger Eduard von Waldbauer hat heute früh in seinem Hietzinger Heim seinem unersetzlichen Leben selbst ein Ziel gesetzt. Der Gelehrte, seit längerem schwer leidend, muß in einer plötzlichen Umnachtung zum Revolver gegriffen haben. Sein langjähriger, treuer Diener fand den Greis um die siebente Morgenstunde vor seinem Schreibtisch sitzend, ins Herz geschossen, tot.« Ein Vorwurf! . . . Wie konnte er nur . . . Ja, wie konnte er. »Wenn Goethe im Alter erblindet wäre, ein anderer Faust – der Herr seines Lebens hätte vielleicht auch da noch den Willen behalten und keinen Fremden eingreifen lassen, der aus der Materie, nicht aus dem Weltgeist stammt.« Diese Worte standen, flüchtig hingekritzelt, auf einem Zettel, den man auf dem Schreibtisch des Toten gefunden hatte. Ein Zeitungsmann benützte die erste 25 Verwirrung, nahm den Zettel mit und veröffentlichte ihn, sehr stolz darauf, als erster Licht in das Dunkel zu bringen. Jetzt begann man nach leerem Wehklagen nachzudenken. Ein großer, erlösender Schmerz kam in die Gemüter. Konstanze fühlte ihn in ihrem Elternhause, bevor sie wußte, ob Ernst ein schriftliches Erbe seines Vaters besaß, das tiefere Aufklärung brachte. Erblindung und Gehirnlähmung, langsames Welken, – diese Gespenster standen vor Eduard von Waldbauers Bewußtsein. Der Scharfsichtigste und Klarste von allen sollte sich der Vernichtung ausliefern. Lagen da nicht Gram und Leiden lange vor der letzten Tat? Mußte nicht das, was die Welt mit einem Schauder, der zur Anklage wurde, erfüllte, ein wunderbares Emporschweben zur höchsten Freiheit gewesen sein? Der Greis, der am besten wußte, was er geleistet hatte und der Gottheit schuldig war, er haßte den Niedergang. Er mußte dem gemeinen Gesetz der Zerstörung Trotz bieten. So ging er, als er wußte, daß für ihn nichts mehr zu hoffen war. Das Gefäß seines Wertes war noch ganz – er zerschlug es mit eigener Faust, bevor der Fäulnisprozeß des Inhaltes es durchdringen konnte. Der Mitwelt hatte er so viel 26 erspart – auch diesen Anblick noch, auch dieses. Nur so war seine Tat zu verstehen. Nur so, in ihrer Würde großem Selbstzweck, konnte man mit ihr versöhnt werden.

Konstanze sah noch eine Weile in das dunkle Lenbachbild empor, das den Verstorbenen am besten darstellte. Wie unergründlich war doch dieser wehe, fast spöttische Blick unter buschigen Brauen. Wie kühn lag die zur Faust geballte Hand auf der Stuhllehne. Die Haltung des Kopfes gemahnte an Darwin. Hatte Ernst eigentlich Ähnlichkeit mit seinem Vater? Kaum. Und doch – die feine Anmut seiner Jugend war mit dem grotesken Urmenschentum des Alten verwandt. Konstanze riß sich los. Sie ging in den Garten hinunter, der voll leuchtender Herbstblumen stand.

Am Springbrunnen sah sie Ernst langsam umherschreiten. Es trieb ihn noch, es war wie eine Peitsche hinter ihm her.

»Ernst«, sagte Konstanze leise, die Hand an ihrem breit gerandeten Hute, den der Wind fortziehen wollte. Es war ein grauer, wild bewegter Tag. Die Nachmittagssonne warf ihre Strahlen wie silberne Pfeile aus Wolkenrissen.

27 Er zuckte zusammen und kam auf sie zu. »Du bist da – das ist gut. Jetzt werde ich's wissen.«

»Was?«

Wie groß, von tiefer Traurigkeit ermattet, waren seine Augen. Hatten sie ihre Leuchtkraft verloren, oder lagen nur Wolken auf ihrem Blau, wie die am Himmel droben, in der singenden Klage des Herbstes? Welk war plötzlich sein junges, bartloses Antlitz, die feingeschnittenen Lippen trocken und fieberheiß. Da er nicht antwortete, nahm sie seine rechte Hand und streichelte sie, als wollte sie das verwaiste Kind in ihr trösten. »Ernst, wenn du vielleicht von mir erwartest – ein Wissen mein' ich, warum – wie alles bei deinem Vater zusammenhing – – das glaube ich jetzt zu haben. Viele werden es jetzt haben. Und du ja zuerst.«

Sie erschrak, denn er schloß die Augen und schüttelte den Kopf. Mit der feinen Hand über den braunen Scheitel fahrend, antwortete er leise: »Nein, nein . . . da ist ja alles klar für den, der nicht an sich denkt . . . Er! . . . . Er hat ja immer gewußt, was ihm gut war . . .«

Gut? – Wie seltsam klang das positive Wort 28 in diesem Augenblick. Bitterkeit? Ein tieferer Vorwurf noch als der überwundene? Sie verstand ihn nicht. Eine Weile hielt sie seine Hand fest – dann schob sie ihren Arm in den seinen und zog ihn sanft fort. Sie dachte nicht daran, daß aus Nachbarsgärten beobachtet werden könnte, wie Konstanze Door mit dem jungen Waldbauer verkehrte. Langsam schritt sie mit ihm in die Tiefe des Besitzes hinaus. Bunte Astern drängten sich wie lüsterne Gaffer am Wege. An der Grenzmauer lag eine Laube, von wildem Wein umsponnen. Hier war alles zugewachsen, still – ein leises Raunen wurde aus dem heftigen Winde. In die Laube führte Konstanze ihren Leidenden.

Sie setzten sich an den Tisch, auf dem die Gärtnerskinder buntes Spielzeug hatten liegen lassen – ein hölzernes Pferdchen mit steifen Beinen und ausgerauftem Schwanz, ein paar trockene Papierblumen, die den Kindern lieber waren als die Asternpracht des Gartens. Ernst faßte das sinnlose Gerät behutsam an, während er träumend zu sprechen anfing. »Verzeih' mir, daß ich dir für deine Worte vorhin nicht gedankt habe. Ich weiß, wie sie gemeint waren, Konstanze. Aber das ist es eigentlich nicht, 29 was mir die Ruhe nimmt. Das war es in den ersten Stunden nicht. Denn da . . . .«

»Da? –«

Konstanze griff mit ihrer Frage nach seinem Geständnis, wie nach einem Waldtier, das sich aus dem Schlupf gewagt und beim Anblick eines Menschen zurückfahren möchte. Jetzt durfte er nicht wieder abbrechen. Sie hielt ihre Hände auf seinen Händen. Er nickte leise. »Laß mich erst noch etwas anderes sagen . . . . In mir ist wüste Unordnung. Du bist der einzige Mensch auf Gottes Welt, der Ordnung schaffen kann – das weiß ich. Darum laß mich von einem zum andern kommen. Die Zusammenhänge such' ich . . . . Weißt du noch – –«

»Was, Ernst?«

»Wie glücklich gerade die letzten Tage waren, als du mit deinen Eltern in Dornbach wohntest, und ich kam immer heimlich hinaus. Und schließlich nach dem furchtbaren Gewitter hörten wir, daß mein Vater –«

»Ja, das waren wunderbare Tage. Sie sollen nichts einbüßen von ihrer Schönheit.«

»Gewiß . . . . Aber das ewige Nebeneinanderleben der Menschen, die sich einbilden, miteinander 30 zu leben – darüber komme ich nicht fort. Ich muß jetzt immer an das Gedicht des armen Remming denken, das er ›Theater vor Gott‹ nannte. Erinnerst du dich? Satan, der Hiob vernichtet hat, öffnet die menschlichen Spielzeugschachteln unten und zeigt neben dem Jubel der einen die Qual der anderen. ›Nachbarn‹ wissen nichts voneinander. Satan ist ein guter Regisseur, und der liebe Gott will sich auch einmal unterhalten.«

»Ernst . . . Dein Vater hat immer sein eigenes Leben geführt.«

»Ja, Konstanze. Und das bewunderte ich an ihm – das kam mir so maßlos erhaben vor, wenn ich auch von Kind auf unter seiner Kälte zu leiden hatte. Er sah mich ja kaum. Aber je mehr ich ihn bewunderte, desto mehr ließ ich mich von ihm verachten. Das war das Dämonische an meinem Vater. Er brauchte niemand – so schien es wenigstens. Meine Mutter habe ich kaum gekannt. Ich habe ihn aber niemals klagen gehört um meine Mutter.«

»Er war ein unergründlich harter Mann. Aber verachtet hat er dich nicht, Ernst.«

»Wir wollen es lieber Gleichgültigkeit nennen. Ein Grat auf dem Hochgebirge, der von Hügelwegen 31 nichts wissen mag. Nur Sonnennähe, keine Blumen. Und plötzlich doch der Abgrund – plötzlich doch das jähe Zerschellen – bei diesem alten Weisen wie bei einem verzweifelten Jüngling. Von Goethe zu Kleist.«

Ernst schwieg eine Weile. Er schien ruhiger zu werden. Die Augen auf etwas Unbestimmtes geheftet, saß er gebückt und sah an Konstanze vorbei. Das Mädchen begann jetzt behutsam auszusprechen, was es an Trost mitgebracht hatte. Für sie sei die Tat des Vaters nicht das letzte Glied einer Leidenskette, sondern die Aufwallung eines Gesunden und Gewaltigen, der Unzerstörbares plötzlich angefressen gefühlt habe. Erschrocken sah Konstanze, wie Ernst sie nach diesen Worten betrachtete. Staunendes Entzücken und gramvoller Zweifel zugleich lagen in seinen Augen. »Ja, wenn es so wäre,« sagte er leise. »So, wie du sagst, Konstanze . . . Sich selber ganz getreu. Mir fremd und fern bis zuletzt . . .«

»Du sagtest es selbst vorhin – das Nebeneinanderleben. Auch Vater und Sohn. Aber jetzt muß es dir doch ein großer Trost sein. Er hat im Tode am wenigsten an dich gedacht. Sonst hätte er es nicht tun können. Seine ungeheure 32 Selbstsucht . . . Was ist dir, Ernst?! Mein Gott, was hast du? . .«

Ernst zitterte – er griff an die linke Seite der Brust, und mühsam preßte er hervor: »Sei vorsichtig, Konstanze . . . Wäge deine Worte . . . Dein gutes Herz treibt dich zu weit . . . Kannst du wohl raten, was ich hier in der Tasche habe?«

»Was ist es?«

»Ein Brief – –«

»Von deinem Vater?«

»Von meinem Vater . . . Geschrieben in seiner Todesstunde . . . Ich habe den Brief noch nicht gelesen.«

Konstanze überlegte in fliegender Hast, dann rief sie: »Gib ihn mir! Lies ihn nicht! Ich bewahre ihn dir! Ich gebe ihn dir, wenn du ruhiger bist!«

Doch Ernst hielt seine Hand auf der Brusttasche. Er nickte mit seltsamem Lächeln. »Siehst du . . . du fürchtest dich . . . Es geht dir wie mir. Eben hast du noch behauptet, daß er mir zuletzt ganz fern war – ich sollte ihm Kälte mit Kälte vergelten – und nun erfährst du plötzlich, daß ich, sein Sohn, der einzige Mensch gewesen bin, bei dem seine letzten Gedanken weilten. An keinen hat er geschrieben 33 – die wissenschaftlichen Mitkämpfer, alles, was dieser Mann anerkannt und verehrt hat – alles warf er von sich, ohne Aufklärung, ohne Abschied – nur ich, die ›minderwertige Jugend‹, die er in plattem Genuß verkommen sah, ich mußte sein letztes Wort haben.«

»Sei gerechter gegen dich und gegen ihn, Ernst!«

»Nun trage ich's hier seit 36 Stunden auf dem Herzen, dieses elende, verschlossene Papier – mein ›Erbe‹! Oh, hätte er nie daran gedacht! Auf seinem Schreibtisch wurde es gefunden. Ich habe bis jetzt damit gekämpft, ob ich es öffnen soll oder nicht. Ich wußte nicht, was der höhere Mut war. – Ich wollte warten, bis du kommst, Konstanze, und wie immer alles entscheidest.«

Konstanze stand auf und griff nochmals mit inniger Bitte nach seiner Hand, die auf der linken Brust lag. »Ich danke dir, – ich danke dir, Ernst, – aber nun laß mich auch entscheiden! Gib mir den Brief und vergiß ihn mir zuliebe! Mir zuliebe! Verstehst du, Ernst? Was ich für dich habe, das ist doch das Leben! Nicht wahr, das weißt du! Du hast es mir in Dornbach immer gesagt! Du schenktest mir deine Zukunft! Ich kann damit anfangen, was 34 ich will, ich wurde die Gesundheit für deinen kranken Willen, aber ich weiß auch, was mir anvertraut wurde. Ernst, nichts Totes laß ich mehr an dich herankommen! Was kann er dir noch sagen, der alte Mann? Du bist viel weiter! Du kannst dich völlig über ihn hinwegsetzen!«

Sanft, aber fest wehrte Ernst ihre suchende Hand ab. »Ruhig, – ruhig, Konstanze . . . Ich begreife dich nicht . . . Darum kann es sich jetzt nicht mehr handeln. Daß ich diesen Brief lese, ist selbstverständlich. Begreifliche Neugier, nicht wahr? . . .

»Du hast doch bis jetzt gezögert!«

»Weil ich auf dich gewartet habe . . . Weil ich mit dir, mit deinen Augen gleichsam, lesen wollte. Über das Rätsel der Tatsache kannst du mir auch keine Aufklärung geben. Aber der letzte Wille meines Vaters – den habe ich zu respektieren – –«

»Nichts, als dich selbst!«

Er hatte den Brief schon aus der Tasche gezogen und öffnete ihn langsam.

»Ernst – so beschwöre ich dich – – du weißt, daß du mir zuliebe auch andere Briefe nicht mehr gelesen hast!«

»Konstanze!«

35 »Alles, was dir die Vaneri schrieb – immer wieder – alles konntest du verbrennen – weil ich es wollte . . .«

»Was war die Vaneri, und was ist mein Vater?«

»Dunkle Mächte . . . beide . . . Aber unser hohes, friedliches Licht! Laß es nicht wieder erlöschen! Tief lagst du danieder –«

»Erinnere mich nicht daran – –«

»Du kamst ja empor! Du konntest es noch! Ein vergessener Traum, ein böser Albdruck wurde sie dir – –«

»Mein Vater ist mehr!«

»Ernst – bei allem Guten, was wir für uns erhoffen – –«

»Höre! . . . Der Tote ist uns nahe! . . . Er ist stärker als du! . . . Höre, Konstanze! . . . Ich muß jetzt wissen, was er mir gesagt hat.«

Konstanze ließ ab. Der Dämon dieses Briefes war stärker als ihre Liebeskraft. Hätte sie Ernst das Papier jetzt entrissen – er hätte es ihr nie vergeben. Ins Ungeheure wären die Gespenster des unbekannten Inhalts gewachsen, der in Wahrheit vielleicht nur ein flüchtiger Schmerz war. Den Kopf gesenkt, hörte sie zu, als Ernst ihr mit trockener, fieberheißer 36 Stimme vorlas. Angstvoll starrte sie in den Ausgang der Laube, wo der müde Tanz fallender Herbstblätter sichtbar wurde.

»Mein lieber Sohn, ich nehme Abschied von Dir, denn Du bist das Kind meiner Martha, die ich nie vergessen habe. Was wir uns sonst noch sind, magst Du ermessen – ich weiß es nicht. Trage mir dieses Nichtwissen nicht nach. Ich habe meinem Studium gelebt und hatte keine Zeit, einen Sohn zu erziehen. Vielleicht bist Du mir dankbar, daß ich dem Leben jede Erziehungsarbeit überlassen habe. Aber der Urzusammenhang zwischen uns fordert von mir, da ich den letzten Entschluß nun gefaßt habe, ein Wort an Dich zu richten. Mein Organismus ist dem Absterben nahe – das schicke ich voraus – und der Gedanke, den schrecklichen Untergang nicht mit wachen Sinnen mitzumachen, kam mir nicht am Schreibtisch, sondern auf dem Wege vom Leopoldsberg nach Klosterneuburg hinunter. Du kennst ihn – als du noch ein kleiner Junge warst, sind wir ihn oft gegangen. Als ich ihn jetzt allein schritt, an einem wunderbaren Herbstmorgen, klirrendes Laub unter den Füßen, blauen Himmel über mir, da lehrte mich die letzte Anbetung des Schöpfers den Abschied. Genug davon. 37 Was ich jetzt tun werde, ist nur noch ein operativer Eingriff. Und der ist mir erlaubt, mein Sohn. Von wem? Ja, wer den Gesetzgeber nennen wollte. Ein Dualismus jedenfalls stellt sich am Schluß ein. Ich kann dir aus Erfahrung versichern, daß der gesunde Geist sich völlig von dem kranken Körper trennt und sein Ende entscheidet. An ›Gottes‹ Statt. Wir Menschen können Götter werden – was nützt es, wenn sie nur phantasiert sind?

Ich habe mein Werk getan. Nun räume ich alles fort, was seine Wirkung hemmt. Das ist wohltuend. Meinen Leib hält nichts mehr, und wohin der Geist gelangen wird, das soll er in der nächsten Stunde erfahren.

Ich strecke mich nicht behaglich aus. Ich will jetzt erst den wahren langen Weg gehen. Nicht 75 Jahre – tausend Jahre.

Aber da ich mich an Dich gewandt habe, erscheint es mir auch gerecht, Dir etwas zu hinterlassen, mein Sohn. Was kannst Du von mir wohl brauchen? Mein materielles Vermögen fällt Dir selbstverständlich zu, aber das bedeutet erst etwas, wenn Du das Richtige damit anfängst. Und dafür – eine Anleitung zum Genießen oder Verwerfen will ich Dir 38 geben. Das ist meine Vaterpflicht. Das Recht zu leben traute ich mich nicht zu verleihen – ich achtete Deinen Weg nicht, und Du bliebst mir fremd. So vermache ich Dir denn das Recht auf den Tod.

Ich bin ein alter Mann, und Du bist jung. Tausend Wege, tausend Brücken sind noch vor Dir. Aber ich glaube, Du bist schon etwas müde. Den Segen der Arbeit, der mich aufrecht hielt, hast Du nicht erkannt. Jetzt mag es zu spät sein. An Deinem Lager ruht eine schöne Katze und hindert Dich, aufzustehen. Du möchtest sie totschlagen, um hinausgehen zu können, ins Freie, wo die andere wartet, das deutsche, tapfere Mädchen, das Dich erlösen will. So ist es – nicht wahr? Du sahst mich nicht – aber ich sah Dich oft – mit beiden. Den Sieg in Deinem Zwiespalt kann ich Dich nicht lehren – was gehen mich auch fremde Siege an? Ich ringe um meinen eigenen. Aber da Du mein Sohn bist, gebe ich Dir für alle Fälle einen Trost: bist Du satt, so darfst Du aufstehen von der Tafel. Lange nur vorher tüchtig zu! Der Wirt ist nur mächtig, solange er etwas zu geben hat. Nach dem Dessert bedankt man sich und geht. Niemand kann uns festhalten. 39 Niemand will uns festhalten. Ich lehre Dich das Recht auf den Tod. Es ist nicht das schlechteste Erbe für einen Beladenen zwischen Kirchenbann und Weltdrang. Laß Dich nicht einschüchtern! Sei stolz! Ein Schritt! Wenn nicht alle Blütenträume reiften, was niemand von uns zu verlangen hat, so soll es auch keinen ewigen Herbst geben. Stimme des Guten? Engel zur Rechten? Höre auf ihn, wenn es Zweck hat, Zweck! Wenn Du gesund genug dafür bist und rein genug! . . . Du verstehst mich. Ich denke, daß Du mich verstehst. Vielleicht wirst Du hundert Jahre? Aber auch dann noch: wach und obenauf! Dein Vater.«

Eine taube, stumme Stunde, von Ungeheurem erfüllt und doch inhaltslos, zog an Ernst und Konstanze vorüber. Sie sahen sich nicht an, sie starrten beide hinaus, in das Todesspiel der Blätter. Als das Mädchen den seltsamen Erben neben sich plötzlich sprechen hörte, war es ihr, als ob er längst gesprochen hätte.

»Das ist es . . . Ja . . . Mein Gefühl ist Dank . . . Wie wunderlich . . . Hast du alles begriffen, Konstanze? – – Der alte Mann hat mich zeitlebens beneidet . . . Der Vater den Sohn. Um sich 40 vor seinem Neid zu schützen, hat er mir mein Bestes verdächtigt. Er war schon als Junge krumm – laß dir nichts vormachen – nicht durch Arbeit wurde er so. Er war immer ein Ausgestoßener des Lebens. Meine Mutter nahm ihn aus ›Bildungsdrang‹ und Mitleid. Und er bekam einen geradegewachsenen Sohn. Einen Sohn, der vermöge seiner Geradheit in jede Gefahr hinauslaufen konnte. In jede! – Ich bin etwas müde? Sagst du das mit deinem giftigen Lächeln? Den Segen der Arbeit, der dich aufrecht hielt, den habe ich nicht erkannt? Du hast recht, alter Cyniker. Meinen Segen suche ich anderswo. Aber da ist – die Schuld . . .«

»Ernst! . . .« Sie schmiegte sich an ihn.

»Er wußte alles, wie Satan. Eine Katze liegt an meinem Lager? . . . Ja. Aber totschlagen kann ich sie nicht . . . Und du stehst draußen – ja – du stehst draußen!«

»Jetzt bin ich bei dir – und die andere hast du getötet! Im Innersten getötet – das weiß ich!«

»Was gingen ihn fremde Siege an? Er rang um seinen eigenen. Aber da ich sein Sohn bin – – er hat mich gehaßt, wie seine Werke zuguterletzt – das Recht auf das Leben gab er mir nicht –«

41 »Er hat es dir nicht gegönnt!«

»Da nahm ich es mir – wie er – der Ausgestoßene – und muß es jetzt büßen. Anders, als er.«

»Mein Geliebter – gib mir doch den Brief her – vergiß ihn – um meinetwillen!«

»Um deinetwillen müßte ich alles andere als ihn vergessen. Um dich dienen, Konstanze, mich läutern, klar sein, bewußt sein – das müßte ich. Er hat dich auch gekannt? Der unsichtbare Schleicher? Wie mein Schatten war er. Du stehst draußen – ja, Konstanze – ewig draußen.«

»Versündige dich nicht! Du hältst mich in deinen Armen!«

»Dich?! – – Was bin ich denn?! Ich habe ja noch nichts geleistet!«

»Am Anfang stehst du!«

»Was ich für Kraft und Schönheit hielt, war öde Genußsucht! Jugend! Wo ist meine Jugend? – Aber ich soll mich ja nicht einschüchtern lassen!«

»Nein, Ernst!«

»Du verstehst mich nicht! Hier steht es in dem Brief: Laß Dich nicht einschüchtern! Sei stolz! Ein Schritt! Es braucht keinen ewigen Herbst zu geben!«

42 »Höre mich –!«

»Stimme des Guten? Engel zur Rechten? . . . Zweck? . . .«

»Was meinst du – –?«

»Oh, alles nur angedeutet, aber tausend Wahrheiten, teuflische Wahrheiten in jedem Wort. Das Buch meines Lebens ist dieser Brief. Alles steht darin – jetzt weiß ich's.«

»Gib ihn mir – reiß dich los – wie durfte er – du hast doch mich!«

»Wenn ich gesund genug bin? Rein genug? Sonst?! Du verstehst mich? – – Ja, ich versteh' dich, Vater.«

»Liebster! . . .«

»Ihr Gift ist in mir – so will ich's dir denn sagen – – das Gift – von der andern!!«

Er hatte es herausgewürgt, schreiend, mit stürzenden Tränen – nun lag er vor ihr auf den Knien und umklammerte sie, wie ein Ertrinkender.

»Laß doch – laß – ich werde dir helfen –!«

»Helfen?!« Er sprang auf. »Sieh da! Den Schatten! Draußen an der Mauer! Sie ist zurückgekommen! Sie ist wieder da! Sie wartet auf mich!«

43 »Die Vaneri?«

»Sie weiß, daß ich komme!«

»Ernst!!!«

»Ich zertrümmere dein Bild!«

Sausender Herbststurm setzte ein, Staub und Kiesel, tote Blätter aufwirbelnd. Ins Innere der Laube war Ernst zurückgetaumelt; denn Konstanze hatte ihn losgelassen. Minuten verstrichen. Mit geschlossenen Augen wartete er. Als er sie langsam, in schaudernder Neugier, wie ein Mörder, der sein Opfer nicht zu sehen wagt, wieder öffnete, erblickte er das Mädchen nicht mehr. Konstanze hatte ihn allein gelassen. Da reckte er sich in wildem Gram. Gewißheit war ihm gegeben. Die Hand aufs Herz gepreßt, wo der Brief seines Vaters lag, schritt er mit dunklem Lächeln in das Arbeitszimmer des Gelehrten hinauf, um an seinem Pult einen Brief an Claudia Vaneri zu schreiben.


Drei Jahre waren seit diesem Herbsttage vergangen. In dem altmodischen Wohnzimmer des Hofrats Door unter der Hängelampe saßen Konstanzes Eltern und sie selbst, so herb und still, wie sie in den 44 letzten Jahren geworden war. Der Vater tat an diesem Abend, was er jeden Abend tat – er las Frau und Tochter die Zeitung vor. Er tat es in gewichtigem und bewegtem Ton, als ob er schon vorher wüßte, was er zu lesen hatte, und als ob die Zeitung ihren Nachrichtenschatz aus ihm hervorholte. Mutter und Tochter, die gar nicht so neuigkeitslüstern waren, ließen die wunderliche Eitelkeit des Gewohnheitsmenschen über sich ergehen. Sonst fing der Hofrat erst beim Dessert seine Vorlesung an, heute mußte aber eine besondere Neuigkeit in der Zeitung stehen, die ihm auf der Zunge brannte; denn statt sein Hühnchen zu zerlegen, griff er nach dem Abendblatt und begann:

»Zugrunde gerichtet. Der Sohn eines großen Mannes. Das ist die Überschrift, Kinder, – hört einmal zu, es wird euch interessieren. Aus Paris meldet uns unser Korrespondent: Gestern vormittag erschien bei dem bekannten Psychiater und Leiter der großen Heilanstalt in Meudon, Dr. Rochelle, ein junger, reduziert gekleideter Mann, der sich Ernst von Waldbauer aus Wien nannte und um Aufnahme bat, da er seine geistige Umnachtung herannahen fühle. Dem jungen Mann folgte ein seltsamer Troß 45 von andern jungen Leuten. Männer und ekstatische Mädchen, die ihm wie Jünger einem Messias folgten, und dazwischen Polizisten, die vergebliche Versuche gemacht hatten, den Geisteskranken seiner fanatischen Gemeinde zu entreißen. Auch ein schimpfender Gastwirt stellte sich ein, dem der Messias Geld schuldig geblieben war. Aus den wirren Reden der aufgeregten Leute entnahm Dr. Rochelle, daß Ernst von Waldbauer in einem öffentlichen Lokal eine Versammlung abgehalten und aus einem kleinen Buche, als dessen Verfasser er sich bekannte, Verschiedenes vorgelesen habe. Das Buch trägt den Titel »Das Recht auf den Tod«. Waldbauer verkündet darin die moralische Berechtigung des Selbstmordes, die sein Vater ihn gelehrt habe. Sein Vater sei der berühmte Physiologe Eduard von Waldbauer in Wien gewesen, der im fünfundsiebzigsten Lebensjahre durch Selbstmord geendet habe. Das Recht auf den Tod sei des Sohnes Spezialstudium geworden, und er habe seine Weltanschauung in dem leider kaum beachteten Buche niedergelegt. Als er jetzt aber zum ersten Male versucht habe, öffentlich dafür zu propagieren und die Berechtigung des Selbstmordes vor Altersgenossen zu predigen, da sei ihm aus den Gesichtern seiner 46 Zuhörer plötzlich entgegengetreten, daß er ganz allein auf der Welt stehe, und daß sein Unternehmen das eines Narren sei. Er sei deshalb geflohen, um in einer Irrenanstalt Zuflucht zu finden. Man solle ihn schützen vor seiner Gemeinde und vor den Händen der Polizei. Dr. Rochelle erfuhr noch ferner von dem Unglücklichen, als er mit ihm allein war, daß er sich nach der Beerbung seines Vaters (das Erbe habe außer einer Million Gulden in dem »Recht auf den Tod« bestanden) sofort einer wilden Verschwendung hingegeben habe. Innerhalb zweier Jahre sei er sein Vermögen für Claudia Vaneri, eine Soubrette und Abenteurerin aus Triest, die jetzt in Rußland ihre Erfolge suche, losgeworden. Von Begierde zu Genuß sei er getaumelt, vergebens habe er sich durch Börsenspekulationen in die Höhe bringen wollen. An Leib und Seele gebrochen, sei er schließlich als ganz Verarmter nach Paris gelangt. In den schmutzigsten Winkeln von Montmartre habe er gehaust und sein Buch geschrieben, das auf der ersten Seite eine Widmung trage (eine geheimnisvolle) an K. D. Als ihm das Werk endlich gedruckt worden, sei er umhergewandert, um in Paris öffentlich dafür Propaganda zu machen. Aber der erste Versuch in einem 47 Gartenlokal in Meudon sei so kläglich gescheitert. Nun stehe er am Ende. – Dies bestätigt Dr. Rochelle. Ernst von Waldbauer sei unheilbar und werde die Anstalt, die er selbst aufgesucht hat, nicht mehr verlassen. Er kann sich das Recht auf den Tod nicht nehmen. Das Leben fällt ihn zuvor. – Hierzu bemerkt nun die Zeitung . . . Aber was ist dir denn, Konstanze? Bist du unwohl? Wohin willst du denn, mein Kind?«

Der Hofrat brach ab, sehr ungehalten über die plötzliche Unterbrechung. Konstanze war aufgestanden und hatte das Zimmer verlassen.

»Sehr merkwürdig! Was sind denn das für Sitten! Während ich lese?«

»Laß doch . . .« Die Gattin winkte beschwichtigend mit der Hand. »Wie kannst du auch nur . . . Sie hat ihn doch gekannt.«

»Wen? Den jungen Waldbauer? Meine Tochter –?«

»Das heißt – in allen Ehren – selbstverständlich. Er hat auf verschiedenen Bällen mit ihr getanzt, ihr den Hof gemacht, auch Briefe geschrieben – sonst nichts.«

»Hast du die Briefe gelesen?«

48 »Nein.«

»Warum hast du die Briefe nicht gelesen? Sie war ja kreideweiß . . .«

»Nun ja – da hört sie plötzlich sein schreckliches Ende. Sie hat sich eben für ihn interessiert.«

»Das arme Kind. Willst du nicht einmal nach ihr sehen?«

»Die Tür ist zugesperrt. Aber Konstanze! Konstanze! Mach' doch auf!

»Was sollen denn die Torheiten!« Der Hofrat erhob sich. Im Nebenzimmer fiel ein Schuß.

 


 








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