Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hans Hyan >

Das Rätsel von Ravensbrok

Hans Hyan: Das Rätsel von Ravensbrok - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorHans Hyan
titleDas Rätsel von Ravensbrok
publisherEduard Kaiser-Verlag
year1943
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140827
projectid5cee7dc1
Schließen

Navigation:

Fünfzehntes Kapitel

Über dem weiten Kahlschlag, auf dem Stechginster und Heidekraut kniehoch standen, flatterten im Frühlicht gespenstisch die Nebelschwaden. Nach Ravensbrok zu war noch alles finster und trübe, aber im Aufgang bekam der fahle Schein einen rötlichen Schimmer, der erglühte und schnell in die Feuersbrunst der Morgenröte ausbrach.

Nun fingen die kleinen Musikanten des Waldes an, ihre Instrumente zu stimmen. Die Finken schlugen, die Meisen zwitscherten im Buschwerk, und Drosseln und Häher begrüßten lärmend den neuen Tag, der so wunderbar aufflammte in hehrem Frieden und der mit seinem Jubelchor den Himmel erfüllte.

Aber plötzlich warfen die Rehe auf, die sich im Heidekraut ästen. Und das Altreh, das den Sprung führte, schreckte so laut, daß der Fuchs, der nahe bei ihnen mauste, sich im Luftsprung fast überschlug und in großen Sätzen flüchtete.

Da kam drüben aus der Heide zwischen den Stämmen hervor eine Frau, die lief den schmalen Sandweg hinauf, der mitten durchs Heidekraut führte. Wie sie vorwärts hastete, sah man in der großen Helle, die eben über dem Rand der Wälder aufblitzte, das flatternde schwarze Haar und den roten Rock, der ihr um die Waden schlug; ihr Gesicht, ihre Arme und die hurtigen Füße sog das grelle Licht auf, das wie durch Zauberschlag das Feld in Glanz und Lohe tauchte.

Der Mann, der ein paar hundert Schritte zur Seite, aber in gleicher Höhe mit dem Mädchen am Waldrand hinschlich und jeden Strauch zur Deckung benutzte – der hätte sich nicht soviel zu mühen brauchen. Denn die Schlanke sah in ihrer Eile nicht rechts noch links. Nur vorwärts wollte ihr jagender Fuß, nur keine Sekunde verlieren! Einmal glaubte der am Waldrand ein Wort, einen Namen, den sie rief, zu hören. Aber dann mußte er selber aufmerken! Mußte sich beeilen, daß sie ihm nicht davonlief, nicht im Wald verschwand, ehe er heran war.

So wand sich Kriminalassistent Lüders zwischen Stamm und Busch hindurch, als sei er selbst ein Jäger, der auf ein scheues Wild pirschte. Solche Anstrengung bedeutete für ihn wenig, er atmete kaum schneller.

Da! Jetzt nahm der Wald die Eilende auf! Nun hieß es laufen! Dem Fallholz, das unter den Sohlen knackte, geschickt ausweichend, erreichte er die Waldstraße in dem Augenblick, als Marilla oben am Ende des breiten Weges im Holz verschwand.

Mit langen Sprüngen ihr nachsetzend, fand er auch in der Schonung, in der sie verschwunden war, ihre Fährte. Hier war der Boden weich und moosig. Die Eindrücke ihrer kleinen Füße zeigten ihm den Weg im Tannicht, das von der Rosenglut des Morgens in ein fast unirdisches Licht getaucht war. Wie im Traumland glühte und flackerte das Morgenrot zwischen den Kieferstämmen.

Anton Lüders, der doch bei der Verfolgung der Zigeunerin alle Sinne anspannte, rann einmal um das andere ein Schauer über den Nacken.

Da! Er blieb stehen. Er hörte das Tappen der kleinen Füße nicht mehr. Dann schlich er mit letzter Vorsicht weiter ihren Spuren nach ...

Aber plötzlich riß es ihn zusammen!

Ein Schrei! Ein Stöhnen! Ein Schluchzen!

Wo denn? Woher kam es denn? –

Aus der Erde! Aus der Tiefe! Aus der Unterwelt schien es hervorzubrechen!

Achtlos, ob er sich durch das Geräusch verriete, brach der Assistent jetzt durchs Holz. Er brauchte nicht nach der Richtung zu suchen: das Schreien, Stöhnen und Weinen, das dem Klagen eines todwunden Tieres glich, dieser herzbrechende Jammer eines verzweifelten Menschen wies Anton Lüders den Weg.

Und dann war er am Ort. Er, dessen scharfen Augen so leicht nichts entging, er hätte hier zehnmal vorbeigehen können, ohne eine Ahnung von diesem Versteck zu haben, das die Natur selber geschaffen hatte. So sehr der Assistent von diesem nicht aufhörenden Schluchzen und Geschrei, das aus der Tiefe drang, erschüttert war – er mußte doch wieder und wieder die Zuflucht bewundern, die ein von aller Welt Verfolgter sich da geschaffen hatte.

Ein Windbruch. Mitten in einer dreißigjährigen Schonung hatte ein alter Überhälter, eine hundertjährige Fichte gestanden, die der Sturm umgeworfen, die er mit seiner Zyklonenfaust aus der Erde gerissen hatte. Den Stamm hatte man abgesägt und fortgefahren, aber die Wurzeln ragten noch wie verworrenes Astwerk nach oben. Und dahinter, in der natürlichen Grube, war der Eingang zu der Höhle, die sich Mirko Libkowicz, der Zigeuner und berüchtigte Wilderer, vielleicht in monatelanger Arbeit, gegraben hatte!

Wenn es doch nur aufhören wollte zu schreien, das Mädel! Lüders hätte sich am liebsten die Ohren zugestopft! Er war gewiß keine weiche Seele! Aber dieser schluchzende, schreiende Schmerz, die aus dem Boden dringende Totenklage zerriß seine Nerven.

Und doch mußte er hinunter, hinab in die Gruft! Und mußte ihr helfen, die – er zweifelte nicht daran – in der Höhle an der Leiche ihres toten Bruders schluchzte.

Da, da war das dunkle gähnende Loch! Trotz der dichten Zweige warf die Sonne einen dämmernden Schein hinunter. Das war ein richtiger Stollen, mit Brettern und kleinen Stämmchen ausgefüttert. Ein glostendes Licht drang aus der Tiefe.

Behutsam ließ sich Lüders hinab. Als er Boden unter den Füßen hatte, blieb er stehen. Er horchte. Das Mädchen mußte ihn doch gehört haben, mußte aufmerksam werden? Nein, ihr Schreien und Wimmern hörte nicht auf. Sie schrie und schluchzte unablässig. Nicht nur ihr Herz war zerbrochen, auch ihr armer Kopf, ihr Geist schien zerschmettert zu sein.

So kroch Lüders durch den schmalen, niedrigen, mit Brettern abgesteiften Gang, bis zur Höhle, die vielmehr eine bequeme Kammer war. Wo Haufen von Wildfellen den Boden deckten, vor einem Tisch ein Stuhl stand, beides aus Birkenästen gezimmert. Und auf dem Tisch eine Stallampe, die genug Licht gab, Marilla zu sehen, die neben dem Toten auf dem Boden kauerte.

Sie blickte kaum auf, als Lüders in dem Dämmer vor ihr erschien. Sie wimmerte und schluchzte. Und als sie sich wieder hinabbeugte zu ihrem Toten, da schrie und klagte sie von neuem. Ihr Mund stand offen, wie eine blutende Wunde. Und ihre Augen waren rot vom Weinen. Dann warf sie sich über Mirkos Leichnam und umarmte und küßte ihn, als könne sie ihn mit ihrem Hauch wieder zum Leben erwecken.

Anton Lüders, der an der Wand die Waffen hängen sah, Waidmesser, Hirschfänger und Gewehre modernster Konstruktion – Lüders mühte sich wohl eine Stunde lang, Marilla zu überreden, sie solle doch Vernunft annehmen und ablassen von dem Toten, dem ja doch niemand mehr helfen könnte.

Sie sah den Sprechenden, der sie trösten wollte, mit irren Augen an, und dann schrie und schluchzte sie weiter. Nur als der Assistent meinte:

»Armes Mädel! Du hattest wohl keinen weiter, als deinen Bruder?« – da kreischte Marilla auf, halb Weinen war es, halb Lachen, und schrie:

»Mein Bruder? Ich hab' doch gar keinen! Mein Mann war's, mein Liebster! Der eine, einzige, den ich hatte! Ach, du Himmel! Du!«

Und sie fiel in ihr Zigeuneridiom, in diese merkwürdige Sprache, die seit tausend Jahren die Kinder Hels und Hekates über die ganze Erde zusammenhält.

Als Lüders aus der Höhle stieg, war er so zermürbt, daß er sich erst auf einen Grenzhügel setzen und sich wiederfinden mußte. Dann ging er nachdenklich fort, in Gedanken immer verfolgt von dem unterirdischen Schreien und Jammern der Zigeunerin, die nicht von ihrem Toten wich.

Über ihm brannte jetzt die volle, glühende Sonnenscheibe. Aber die Vögel sangen nicht mehr, kein Reh zog durch die Heide. Nur droben im Äther schrieb ein Raubvogel mit »Hiäh! Hiäh!« seine Kreise.

* * *

Kommissar Reimer war früh hinausgefahren nach der »Bärenhöhle«. Sein kleiner Wagen hielt vor der Veranda. Der Wirt saß da im Schatten der Bäume und blies den Rauch seiner Zigarre in die goldige Luft.

Reimer stieg aus, grüßte. Er konnte aber, so scharf er Lubjank beobachtete, kein Zeichen von Erregung an dem immer ruhigen Mann feststellen.

»Kann ich einen Kaffee kriegen, Herr Wirt?«

»Ja, bitte sehr. Sie müssen nur etwas warten, Herr Kommissar, die Marilla, die ist nicht hier – sie wollte schon früh nach der Stadt 'rein.«

»So – hat wohl Besorgungen?« meinte Reimer gleichgültig.

Er hatte bereits mit dem von seinem traurigen Gang zurückkehrenden Assistenten gesprochen. Der hatte schon nach vorheriger Verabredung den Kommissar an der Ravensbroker Landstraße erwartet und ihm alles berichtet. So wußte Reimer mehr als der Wirt, der seine Unruhe dadurch verriet, daß er immer wieder die Straße hinaufsah, die Marilla kommen mußte.

Nachdem sie eine Weile gleichgültig hin- und hergeredet hatten, sagte Reimer plötzlich:

»Hören Sie mal, Lubjank, wär' es nun nicht richtig, Sie würden mal all den Schnurrfar beiseitelassen und mir reinen Wein einschenken?«

Der Wirt lachte freundlich, seine große Nase tanzte ordentlich, als er sagte:

»Wie meinen Herr Kommissar denn das?«

Reimer strich ein Zündholz an und steckte die ausgegangene Zigarre – zum wievielten Male? – in Brand.

»Wie ich das meine, lieber Lubjank? Na, ich kann mir denken, daß Sie in ziemlicher Sorge um das Mädel sind, an dem ja wohl doch Ihr altes Herz hängt, mehr, wie für Sie gut ist.

Aber ich weiß auch da wieder mehr als Sie! Ihr Mädel, die Marilla, sitzt draußen in der Heide am Totenbett ihres Bruders oder ihres Liebsten und weint und schreit, daß es einen Stein erbarmen könnte –«

Der Sprechende blickte dem Wirt in das breite Gesicht, das eben noch sonnenbraun, plötzlich wie grauer Stein geworden war. Der breite Mund mit den schlaffen Lippen stand offen, und ein leises Stöhnen entrang sich ihm. Er wollte wohl reden, aber die Stimme versagte.

»Sehen Sie mal, Lubjank,« sagte der Kommissar, dessen im Grunde mitleidiges Herz des Wirtes tiefes Weh mitfühlte, »es hat ja alles keinen Zweck mehr! Das Reden und Schweigen nicht und das Lügen ebensowenig! Wenn ich jetzt zu Ihnen spreche und Sie frage, so will ich auch gar nicht Ihr Böses! Ich weiß ja schon alles! Daß Sie von dem Wilddieb, der da draußen erschossen in der Höhle liegt, seit langem Wild gekauft haben, das können und werden Sie wohl abstreiten, aber wahr bleibt es darum doch! Aber darum handelt es sich nicht! Der Wilddieb, der höchstwahrscheinlich identisch ist mit dem berüchtigten, überall gesuchten Mirko Libkowicz, der ist tot und kann nicht mehr aussagen. Er kann also auch nicht mehr gegen Sie zeugen! Und die Polizei hat gar kein Interesse, dem Toten nachzuweisen, wieviel Hasen und Rehe er geschossen und an wen er die verkauft hat.

Aber woran die Polizei ein Interesse hat, das ist, endlich einmal festzustellen, wer den Weinreisenden erschossen hat. Daß es kein anderer war, als Mirko, steht fest. Aber nun ist der tot. Und tote Lippen sprechen nicht mehr – Jan Lubjank!«

Der Kommissar legte seine schmale Rechte auf die schlaff auf dem Tisch liegende Pranke des Wirtes.

»Sie wissen, wer es getan, wer den Berwin erschossen hat. Der Tote selber und auch Ihre Marilla hat es Ihnen schon lange gesagt! Reden Sie! – Gestehen Sie es mir ein!«

Vor dem beschwörenden Blick des Kommissars flinkerten die grauen, ausdruckslosen Augen des Bärenwirtes hin und her. Aber seine Lippen öffneten sich nicht.

»Mensch!« sagte der Kommissar verzweifelt. »Haben Sie denn gar kein Gewissen? Wegen dieser Geschichte wäre beinahe ein Unschuldiger verurteilt und hingerichtet worden! Sagen Sie, Lubjank, sind Sie wirklich so ein Teufel, daß Sie einen Schuldlosen leiden und zugrunde gehen sehen möchten?«

Der Wirt kaute an seinem Schnurrbart, er bewegte den Kopf hin und her.

Reimer holte Schreibpapier und Füllhalter aus seiner Aktentasche.

»Wir legen jetzt gemeinsam die Tatsachen fest, Lubjank! Sie unterzeichnen das Protokoll, das wir so abfassen, daß niemand ein Verschulden Ihrerseits herauslesen kann!«

Aber Jan Lubjank schüttelte den Kopf.

»Nei, Herr Kommissar, was Schriftliches aus de Hände jeben, nei, das mach' ich nich!«

Reimers Gesicht wurde plötzlich zur steinernen Maske.

»Dann verhafte ich Sie, Herr Lubjank, und –«

Der Kommissar machte eine absichtliche Pause.

»Mit Ihnen zugleich auch die Marilla. Ich verhafte Sie alle beide unter dem Verdacht der Mitwisserschaft am Mord des Berwin.«

Der Wirt sah den Kommissar mit seinen unergründlich kalten Augen an. Und Reimer dachte: Wie gut, daß wir uns jetzt nicht allein im Wald gegenüberstehen! Da gäb' ich nicht einen Pfifferling ums Leben!

Aber dann sprach Jan Lubjank:

»Gut, Herr Kommissar, ich will's tun. Schreiben Sie's auf. Aber nur das, was ich selber sage und was ich zugebe.«

Und der Kommissar schrieb:

»Ich, Endesunterzeichneter, gebe folgendes zu Protokoll, das in meiner Gegenwart von Herrn Kommissar Reimer geschrieben ist:

Am 15. Januar, nachts um 1 Uhr etwa, ging der Zigeuner Mirkow Libkowicz, wie schon häufig, auf Rehe und Hasen in den Ravensbroker Forst jagen. Es war ein so dicker Nebel, daß man nur schwer weit sehen konnte. Aber der Nebel fiel und stieg wieder. Es war also zeitweise möglich, da der Mond hell schien, Wild zu bezielen und zu schießen.

So glaubte der Zigeuner an der Waldlichtung ein Reh vor sich zu haben, er schoß darauf und hörte ein Ächzen und Stöhnen; es war ihm sofort klar, daß er aus Versehen auf einen Menschen geschossen hatte. Er entfloh. Es kann der Zeit nach und bei der ganzen Örtlichkeit, die der Zigeuner genau kannte und auch so beschrieben hat, keinem Zweifel unterliegen, daß der getötete Bruno Berwin mit dem von Mirkow Libkowicz bezielten Menschen identisch war und daß also der Reisende aus Versehen von dem Zigeuner erschossen worden ist.

Diese Darstellung deckt sich vollkommen mit der Aussage, die der von dem Forstläufer Meiners waidwund geschossene Mirkow L. noch bei Lebzeiten in meiner Gegenwart und im Beisein seiner Cousine und Geliebten Marilla Libkowicz abgegeben hat.«

Der Wirt unterschrieb, und aufatmend setzte Reimer seine Unterschrift daneben. Dann packte er das wertvolle Dokument in seine Ledertasche.

»Mich entschuldigen Sie jetzt wohl, Herr Kommissar!« meinte Lubjank nervös. »Ich muß mich mal nach dem Mädel umsehen.«

»Ich will Sie sogar hinfahren, Lubjank, soweit wird es ja nicht sein?«

»Nein, ich danke, Herr Kommissar, aber die – die Marilla ist zu verzweifelt – ich trau mich selber kaum zu ihr hin.«

So fuhr der Kommissar nach Hamburg zurück. Der Wirt verschloß sein Haus, und Reimer sah zurückblickend, wie er zwischen den Bäumen verschwand. –

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.