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Das Rätsel von Ravensbrok

Hans Hyan: Das Rätsel von Ravensbrok - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorHans Hyan
titleDas Rätsel von Ravensbrok
publisherEduard Kaiser-Verlag
year1943
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140827
projectid5cee7dc1
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Elftes Kapitel

Maria, wie immer hurtig und voller Eifer, eilte zur Haltestelle, wo sie den Mittagszug noch erreichen wollte. Sie war mit Rechtsanwalt von Bernewitz verabredet, er hatte ihr telephonisch bestellen lassen, er habe ihr Wichtiges mitzuteilen. So trafen sie sich manchmal im »Senator«. Und Maria dachte oben mit einem kleinen spitzbübischen Lächeln, daß die Mitteilung am Ende gar nicht so wichtig sein würde und daß der Anwalt nur gern einmal wieder mit ihr plaudern wolle. Auch sie war gern mit ihm zusammen, wenn es ihr auch etwas peinlich war, sich bei solchen Gelegenheiten von Herrn von Bernewitz freihalten zu lassen. Trotzdem hätte sie um keinen Preis seine Einladung abgelehnt: einmal würde ja doch etwas kommen, was Hannes Schicksal zum Guten entschied!

Ihre Gedanken flogen der Zeit voraus! Je näher sie ihrem Ziel kam, desto größer wurde ihre Ungeduld. Und schneller atmend, glaubte sie nun selber, es hätte sich in der Sache ihres Hannes Entscheidendes ereignet.

Jetzt war sie am Theater und nun in fliegender Eile vor dem Restaurant. Da verhielt sie den Schritt und atmete schwer, tausend Gedanken und Empfindungen jagten sich in Herz und Hirn. Sie hatte plötzlich wieder Angst.

Dann war sie im Lokal. Und da stand von Bernewitz schon vor ihr. Er hielt eine Zeitung in der Hand, die er Maria gab.

»Das Mittagsblatt. Da!« Er deutete auf einen Artikel mit der Überschrift »Zu der Ravensbroker Mordsache«. »Da, bitte lesen Sie!«

Marias Pulse jagten; sie hielt das Blatt ganz fest in ihren Händen und las:

»Der Rechtsanwalt Doktor von Bernewitz bittet uns in der von ihm vertretenen Ravensbroker Mordsache um Unterstützung, die wir ihm in folgendem gern gewähren: In der Mordnacht waren der getötete Bruno Berwin und der jetzt angeklagte Hannes Stark auf einer Kneiptour auch im ›Paradiesvogel‹, dem bekannten Tanzlokal in Altona.

Dort haben sich die beiden jungen Männer um die Verteilung des Lotteriegewinns lange gestritten. Und zuletzt hat der offenbar schwer umgängliche Reisende Berwin dem Maler dreitausend Mark als Anteil am Gewinn abzugeben versprochen.

Das geschah auf der Toilette des Lokals. Ein Herr, der sich dort die Hände wusch, hat diesen Streit und Berwins endliches Zustimmen mitangehört. Denn beim Verlassen des Raumes sagte er, im Hinblick auf die stattgehabte Einigung zwischen den beiden: »Na, immerhin!« Nun ist einer der strittigen Punkte in der Anklage gegen Stark der Besitz der dreitausend Mark, die nach seiner Verhaftung bei ihm gefunden wurden und die er als seinen, von Berwin freiwillig gegebenen Gewinnanteil bezeichnet. Für die gerichtliche Beurteilung des Falles ist die Bemerkung bzw. das Zeugnis jenes Unbekannten sehr wichtig. Wir bitten daher jenen Herrn, wo er sich auch aufhält, seine Adresse dem Rechtsanwalt Doktor Aldo von Bernewitz. Große Bleichen 27, so schnell als tunlich bekanntzugeben!«

Die Buchstaben auf dem Zeitungsblatt tanzten vor Marias Augen. Von Bernewitz nahm ihr die Zeitung aus der Hand und sagte leise:

»Der Mann aus dem ›Paradiesvogel‹ hat sich eben in meinem Büro gemeldet. Er will mich aufsuchen, jetzt, sofort! Kommen Sie mit, Fräulein Maria, wir fahren in mein Büro!«

Wie sie aus dem Lokal auf die Straße und in das Auto gekommen war, das wußte sie gar nicht. Bernewitz mußte ihr immer wieder Mut und Ruhe zusprechen.

Und dann waren sie in der Kanzlei des Rechtsanwalts.

Der Herr, der sich als Versicherungsinspektor Riebenstedt vorstellte, saß schon im Büro. Auch er war rot vor Aufregung. Dann gingen von Bernewitz und Maria mit ihm ins Anwaltszimmer.

»Mein Gott,« sagte Riebenstedt, »gern getan hab' ich es ja nicht und mich gemeldet! So was ist immer unangenehm! Aber was soll man machen!«

Der noch junge und recht wohlgenährte Mann rieb, im Ledersessel sitzend, die fleischigen Hände aneinander.

»Wenn ich denke, ein Mensch sitzt unter Mordverdacht und er ist vielleicht unschuldig und – und ich kann ihn retten durch meine Aussage – nein, wahrhaftig! Da kann ich nicht still sein, da muß ich reden!«

Marias Augen hingen, wie betend, an den vollen, roten Lippen des erregten Mannes. Nur Bernewitz behielt seine Ruhe. Er bat:

»Einen Augenblick, Herr Riebenstedt!«

Dabei nahm er den Hörer ab vom Haustelephon.

»Herr Munter, ja? Kommen Sie doch bitte selber zur Diktataufnahme.«

Er wandte sich an den Besucher.

»Das ist mein Bürovorsteher, ich brauche für das Protokoll einen absolut zuverlässigen Menschen.«

Maria nickte. Von Bernewitz lächelte ihr ermutigend zu.

Der Bürovorsteher kam. Bernewitz stellte ihn vor. Dann zu dem Versicherungsinspektor: »Wollen Sie uns nun bitte alles ganz ausführlich erzählen?«

Der rundliche Herr nahm Haltung an. Er sprach, als stände er schon vor den Geschworenen.

»Ich befand mich am Abend des 15. Januar mit einem Kunden, den ich am selben Tage versichert hatte, auf einer kleinen Spritztour. Sie müssen wissen, meine Herrschaften,« Herr Riebenstedt sah dabei Maria an, die ihn überhaupt zu interessieren schien, deren Namen ihm der Anwalt nicht genannt hatte, die der Versicherungsinspektor aber gleichwohl mit der Affäre in Verbindung brachte, »unser Geschäft ist ohne ein paar Tropfen Lebeöl nicht zu machen. Wir saufen nicht, aber wir trinken, in bescheidenen Grenzen natürlich! Na, und so fielen wir denn um die besagte Stunde in den ›Paradiesvogel‹ ein. Mein Kunde hatte noch einen Freund bei sich, den ich notabene auch versichern wollte. Er wollte allerdings noch nicht. Kein Baum fällt ja auf den ersten Hieb, und Rom ist auch nicht in einem Tage erbaut worden! Aber, dachte ich, warte nur, bald unterzeichnest du auch!«

Der Sprechende lächelte Maria zu.

»Ich bitte um Verzeihung, gnädige Frau! Das sind ja eigentlich alles Männer Sachen, aber sie gehören dazu!«

»Wie lange blieben Sie denn da im »Paradiesvogel«?« unterbrach von Bernewitz.

»Bis um halb elf.«

»Und da, ehe Sie fortgingen, benutzten Sie die Toilette, um sich die Hände zu waschen?«

Der Versicherungsinspektor verbeugte sich.

»Ganz recht. Ich tue das stets, ehe ich ein Lokal verlasse. Schon mein seliger Vater sagte immer: »Wasch dich, so oft du kannst, Ludwig, Sauberkeit ist's halbe Leben!« So bin ich erzogen, und ich finde –«

»Ja,« nickte der Anwalt, »was war nun aber das, was in dem kleinen Raum Ihr Interesse erregte?«

»Mein Interesse? Ach, Sie meinen das Gespräch? Ja, allerdings! Es hielten sich in dem kleinen Raum noch zwei Männer auf. Junge Leute, kann man sagen. Der eine war kleiner und blond, sogar sehr blond – und außerdem war er – na, sagen wir, er war angeheitert! Das heißt, er war voll, vollkommen gefüllt! Er schwankte, wie – wie – na, er schwankte eben. Und trotzdem war er ganz vernünftig. Er führte sozusagen die Verhandlung mit seinem Vertragspartner. Das war der Große mit den braunen Locken. Ich habe sie ja beide ganz genau gesehen in dem Spiegel über dem Waschtisch. Sie stritten sich, und ich blieb stehen, weil mich das interessierte. Der Große sagte: ›Zehn Mille.‹ Der Kleine: ›Tausend!‹ Der Große: ›Fünf!‹ Der Kleine: ›Zweitausend!‹ Da hatten sie sich wieder in den Haaren! Aber schließlich, bei Dreitausend sagte der Kleine: ›Ja!‹ Und das war der Augenblick, wo ich das Lokal, das heißt den Waschraum verließ und sagte –«

Herr Riebenstedt erhob sich aus seinem Sessel, nahm die Brust heraus und brachte laut und vornehmlich sein Stichwort:

»Na, immerhin!«

Der Bleistift des Bürovorstehers, der jedes Wort, das Riebenstedt gesprochen, festgehalten hatte, knirschte nicht mehr. Und Maria, der sich der Versicherungsinspektor wieder und wieder zuwandte, hatte kein bebendes Herz mehr. Der Anwalt aber hatte sich erhoben. Er reichte Riebenstedt beide Hände: »Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen von Herzen! Sie haben allen an dieser ernsten Sache Beteiligten einen großen Dienst erwiesen!«

Herr Riebenstedt ging. Er ging wie jemand, der seine Pflicht getan hat, der sich dessen aber auch bewußt ist. An der Tür, an die ihn der Anwalt begleitete, blieb er stehen.

»Werde ich denn auch vernommen, und wann wohl?«

»Wahrscheinlich sehr bald – ich tue alles, um die Vernehmung zu beschleunigen, Herr Riebenstedt!«

»Ja – jawohl, aber sagen Sie, Herr Rechtsanwalt,« die Frage wurde dem Behäbigen nicht leicht, »bin ich da, vor Gericht, bin ich da allein oder – oder werden Sie auch dabei sein?«

Von Bernewitz war ganz ernst, als er sagte: »Wenn Sie Wert auf meine Anwesenheit legen, Herr Riebenstedt, so werde ich bei Ihrer Aussage zugegen sein. Geben Sie mir nur rechtzeitig das Verhandlungsdatum bekannt!«

Der Versicherungsinspektor atmete tief auf. Und dann entfernte er sich mit Verbeugungen und mit einem letzten vollen Blick auf Maria.

Als er das Zimmer verlassen hatte, sprang sie auf und kam schnell zu Bernewitz, ihm beide Hände hinstreckend. Er nahm sie freundlich und führte die leise Schluchzende zu dem kleinen Ecksofa. Dann setzte er sich ihr gegenüber.

»Beruhigen Sie sich doch, Maria. Und denken Sie, daß wir noch nicht gesiegt haben. Die Aussage des Herrn Riebenstedt ist zwar wertvoll, aber sie ist noch kein schlüssiger Beweis für Starks Unschuld! Da müssen wir noch andere Teste beibringen – Verzeihung, ich meine unwiderlegliche Zeugenaussagen.

Mit feuchten Augen nickte Maria.

»Ja, ja, ich weiß, aber ich bin Ihnen so dankbar, Herr Doktor! Ich weiß nur nicht, wie ich das je wieder gutmachen soll. Ich besitze fünfhundert Mark, die ich mir gespart habe, und die gebe ich natürlich mit Freuden, Herr Doktor, für die Kosten –«

Er schüttelte den Kopf, und Maria sah nur das Leuchten in seinen Augen. Dann lachte er, ein bißchen müde und resigniert, wie es ihm eigen war.

»Ich nehme nie Vorschüsse auf ein Honorar, das ich später fordere. Im übrigen verlange ich entweder gar nichts oder aber ein Honorar, das Sie nicht zahlen könnten.« Er machte eine kurze Pause und lächelte wieder. »Aber jetzt, Sie kleine, tapfere Frau, ehe ich den Untersuchungsrichter aufsuche, muß ich weitere Recherchen anstellen. Über Herrn Riebenstedt, seinen Leumund, seine Wahrheitsliebe und – über seine Nüchternheit an jenem Abend. Alsdann werde ich zu Herrn Doktor Wahlfeld gehen, und da ist es nicht ausgeschlossen, daß ich Ihnen die Erlaubnis mitbringe, Maria, daß Sie Ihren Bräutigam im Gefängnis besuchen dürfen.«

Während er das sagte, ging Herr von Bernewitz vor Maria her zur Tür. Dort wollte er ihr die Hand küssen. Aber der Anwalt bezwang sich. Maria war es kaum gewöhnt, daß man ihr die Hände küßte. Sie würde, wenn er es tat, darin mehr als eine Höflichkeit finden. Und das wollte dieser alles menschliche Tun symbolisch sehende Mann vermeiden.

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