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Das Rätsel von Ravensbrok

Hans Hyan: Das Rätsel von Ravensbrok - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorHans Hyan
titleDas Rätsel von Ravensbrok
publisherEduard Kaiser-Verlag
year1943
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140827
projectid5cee7dc1
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Neuntes Kapitel

Kommissar Reimers saß in seinem Amtszimmer und sah in die Akte, die Assistent Lüders ihm eben gebracht hatte.

»Mir ist bei der Sache nicht recht wohl, Lüders! Im Grunde genommen liegt doch gegen den Mann gar nichts vor. Seine Zeitangaben stimmen nicht ganz. Aber alles, was wir haben, sind kommissarische Vernehmungen mit ein paar jungen Menschen, die recht unsicher aussehen. Sie haben doch mit Doktor von Bernewitz gesprochen, Lüders, wie er neulich hier war, was meinte der denn?«

Das fahle Gesicht des Kriminalassistenten war unergründlich, wie immer.

»Der Herr Rechtsanwalt meinte, wir sollten uns den Mann mal genau ansehen – er wäre wohl nicht ganz astrein, Herr Kommissar!«

»Na, hatten Sie den Eindruck, Lüders, daß sich das auf eigene Beobachtungen von Doktor Bernewitz gründet? Ich kann mir das nicht recht erklären. Bei welcher Gelegenheit will sich der Doktor denn solch Urteil gebildet haben?«

»Der Herr Rechtsanwalt hat den Müller mit Fräulein Winkel zusammen besucht.«

»Ach so, daher weht der Wind! Ja, der Verdacht, den die Winkel auf Müller hat, der ist ja nicht neu! Müller hat sich seinerzeit, wie Stark verhaftet wurde, recht ungünstig über den Maler ausgesprochen. Ich glaube, er hat ausgesagt, daß man dem Stark die Tat wohl zutrauen könnte. Und das hat natürlich Starks Braut bei den Vernehmungen zu hören gekriegt. So erklärt sich auch ihr Argwohn gegen den Feilenfabrikanten.«

Der Kommissar schwieg und schüttelte den Kopf.

»Frauenzimmer sind schlechte Kronzeugen. Wenn sie obendrein noch so interessiert an der Sache sind wie diese blonde Schönheit – nee, wirklich, Lüders, ich bin Ihnen nicht sehr dankbar für den Tip!«

»Aber verzeihen, ich mußte doch Herrn Kommissar die Meldung von Herrn Rechtsanwalt weitergeben!«

»Das mußten Sie. Aber man kann eine Sache so und so ansehen. Na, das hilft nun nichts, wir müssen den Mann jedenfalls vernehmen! Also holen Sie 'n mal 'rein!«

Der Assistent ging hinaus auf den Flur.

Dort der große Schwarze, der mit so ungeduldigen Schritten den Gang durchmaß, der war es! Lüders entsann sich seiner aus dem »Pannkokenkeller« und aus den Verhören mit Hannes Stark.

Er sprach den Daherkommenden an.

»Herr Arnold Müller, nicht wahr?«

Der andere blieb stehen.

»Ja, mein Name ist Müller – Arnold Müller. Ich bin vorgeladen für neun Uhr.« Den schwarzen Spitzbart streichend, sah er den Beamten fest an.

Auf dem Korridor hing eine große, runde Wanduhr.

Hinaufblickend meinte der Assistent: »Halb zehn schon – ja der Herr Kommissar hatte erst noch eine wichtige Vernehmung –

Der Werkzeugmacher holte seine Vorladung aus der Tasche des hellen Mantels, die ihm der Assistent abnahm. Dann ging der vor dem Fabrikanten her in des Kommissars Zimmer.

Der stand höflich auf, als Müller mit mürrischem Gruß eintrat.

»Wir sind uns ja nicht fremd, Herr Müller! Mit den Personalfragen brauchen wir uns also nicht aufzuhalten. Ja, wer hätte das gedacht, in der Nacht damals in Bestmanns Keller, daß wir uns unter solchen Umständen wiedersehen wurden.«

Der Feilenfabrikant nickte, doch er sagte nichts.

Reimer guckte plötzlich hoch und fing Müllers Blick auf. Das war ein Trick von ihm. Aber Müller ward keineswegs verlegen. Er fragte vielmehr:

»Was will denn die Polizei von mir?«

Der Kommissar nahm einen Brieföffner vom Schreibtisch und spielte damit. Er sagte liebenswürdig:

»Mein lieber Herr Müller! Ich kann Ihre Gefühle durchaus begreifen. Jeder Mensch hat ein peinliches Empfinden, wenn er vorgeladen wird von der Polizei und weiß nicht, was er da soll. Schon wenn der Briefträger die Zustellung bringt, werden die Leute nervös.«

Müller schüttelte den Kopf.

»Ich nicht, Herr Kommissar, mir ist so was gar nicht peinlich. Ich habe bloß keine Zeit. Mein Geschäft geht, Gott sei Dank, aber ich muß fortgesetzt auf den Beinen sein. So 'n Vormittag wie heute, der fehlt mir!«

»So, na denn wollen wir sehen, daß wir fertig werden.« Der Kommissar sprach plötzlich schnell und auch nicht mehr so freundlich:

»Sie waren, außer dem Maler Stark, zuletzt mit dem ermordeten Berwin zusammen?«

»Ja,« sagte Müller gleichgültig, »wir saßen in der ›Kajüte‹ auf der Reeperbahn. Und da traf ich zwei Bekannte, mit denen bin ich dann weg. Berwin und Stark, die sind noch dageblieben.«

»Das stimmt alles!« Der Kommissar stützte das Kinn auf den linken Arm. »Und – das brauche ich Ihnen ja nicht zu sagen, Herr Müller – was mich veranlaßt hat, Sie vorzuladen, das hat mit irgendwelchem Verdacht oder auch nur Argwohn nichts zu tun – nicht das mindeste!«

Müllers abweisender Gesichtsausdruck veränderte sich nicht. Der Kommissar ärgerte sich darüber.

»Aber wir dürfen in dieser sehr ernsten Angelegenheit auch nicht das geringste außer acht lassen! Wir müssen alles durchsieben und immer von neuem prüfen, ob uns nicht doch etwas entgangen ist.«

Der Beamte blätterte in dem Aktenstück.

»Sie, Herr Müller, sind in der fraglichen Nacht, in der Berwin erschossen wurde, nach Ihrer damaligen Bekundung in Hamburg geblieben. Es war zu spät geworden, um noch nach Ravensbrok hinauszufahren. Wie spät war es wohl, als Sie sich von den beiden Leuten trennten – ich meine, die Sie in der ›Kajüte‹ getroffen haben?«

Arnold Müller dachte nach.

»Soweit ich mich erinnere, muß es gegen ein Uhr gewesen sein.«

Der Kommissar sah in die Akte.

»Die beiden Männer, der Mechaniker Anton Engel und der Kellner Karl Vollmöller – wir haben sie kommissarisch vernehmen lassen –, die bekunden nun allerdings, es sei noch vor zwölf Uhr gewesen. Aber in solchen Zeitangaben kann man sich sehr leicht irren, besonders nach so langer Zeit.«

»Ja,« sagte Müller, »und das muß wohl der Fall sein, daß sie sich irren, die beiden! Denn wenn es noch vor zwölf Uhr gewesen wäre, so würde ich sicher nach Ravensbrok hinausgefahren sein.«

»Sie bleiben nicht gern in Hamburg?«

»Nö – zu Hause da habe ich mein Bett und habe meine Ordnung, und im Kontor muß ich auf dem alten Kanapee kampieren, das ist nicht gerade angenehm.«

»Kann ich verstehen!« Der Kommissar sah versonnen ins Licht. Aber plötzlich den Blick zu Müller herumwerfend:

»Nur daß Ihre Freunde alle beide die Zeit des Auseinandergehens auf zwölf Uhr angeben, das ist auffallend!«

Der Werkzeugmacher lächelte ironisch. »Wenn man etwas sucht und was finden will, dann fällt einem alles auf! Die beiden wollten in der Nacht nach ein Uhr weiterfahren; da ist es doch kaum anzunehmen, daß sie sich schon vor zwölf Uhr von mir getrennt haben. Wir waren ja ganz in der Nähe vom Hauptbahnhof, und sie hatten vielleicht zehn Minuten dahin zu gehen. – Außerdem, der Vollmöller ist immer ein Sicherheitskommissarius gewesen – um Gottes willen nur nicht zu spät kommen! Das ist seine Parole. Und da hat sich die Zeit in seinem Kopf eben verschoben.«

Reimer nickte verständnisvoll.

»Gewiß, auf die Minute kann man in der Erinnerung die Zeit nicht bestimmen! Aber da ist noch etwas –«

Er suchte den Passus im Protokoll.

»Hier!« Den Finger auf die Stelle setzend und Müller fixierend:

»Da ist die Aussage des Schaffners am Straßenbahnhof! Der Mann, er heißt Knoll, hat ausgesagt, in der Mordnacht wären nur die beiden, Berwin und Stark, zu ihm gekommen und hätten ihre Räder geholt. Der Mann kennt Sie natürlich! Und er sagt aus, Ihr Rad, Herr Müller, hätten Sie nicht bei ihm untergestellt!«

Müller lachte.

»Das stimmt aufs Haar! An dem Morgen, als ich 'reinfuhr nach Hamburg, da hab' ich mein Rad nicht auf dem Bahnhof eingestellt, sondern bei dem Gastwirt Hebenstreit, wo wir manchmal verkehrten. Das hab' ich übrigens auch vor dem Untersuchungsrichter ausgesagt. Herr Doktor Wahlfeld, glaub' ich –«

Der Kommissar sah in den Protokollen nach und fand die Eintragung. Er blickte zu Müller hinüber und meinte den Feilenfabrikanten wieder heimlich lachen zu sehen. Aber er selbst war vielleicht durch diese vergeblichen Recherchen ein wenig ungeduldig und nervös.

Müller sah nach der Uhr.

»Kann ich jetzt gehen, Herr Kommissar? Ich habe wenig Zeit!«

Reimer ärgerte sich noch mehr. Aber er konnte nichts einwenden, er mußte den Mann fortlassen. Da fiel ihm ein:

»Ist denn Ihre Frau schon mal in der Sache vernommen worden, Herr Müller? Ich meine, die erinnert sich vielleicht an manches, was Ihnen heute nicht mehr gegenwärtig ist. Zum Beispiel: Wann Sie in der fraglichen Nacht nach Hause gekommen sind?«

»Ich bin aber in der Nacht nicht zu Hause gewesen, Herr Kommissar!« Müller wurde laut und erregt. »Das wird meine Frau jederzeit bestätigen, wenn sie's nicht inzwischen vergessen hat. Denn ich schlafe öfter mal in der Stadt!«

Er hielt inne. Die starken schwarzen Brauen über den harten Augen zogen sich zusammen. Das Gesicht wurde immer finsterer, und die Lippen preßten sich aufeinander.

»Im übrigen, Herr Kommissar, bin ich etwa angeklagt wegen Mordes oder daß ich das Geld gestohlen habe?«

Reimer sah ein, er war in seinem Eifer zu weit gegangen.

»Aber ich bitte Sie, Herr Müller! Davon ist doch keine Rede! Sehen Sie die Sache doch mal richtig an! Da passiert ein Mord! Oder mindestens ein Totschlag! Wer wird verantwortlich gemacht dafür? – Vor allen Dingen die Polizei! Wir müssen den Täter finden, und wenn er sich sonstwo versteckt hält! Ja, sind wir denn Hexenmeister? Uns bleibt doch nichts weiter übrig, als jeder, aber auch jeder Spur nachzugehen! Und tun wir das und forschen und fragen und verhören natürlich auch, dann sind die Leute beleidigt! Überlegen Sie sich doch das mal! Wir von der Polizei sind doch schließlich auch bloß Menschen!«

Müller zuckte die Achseln, er sah wieder nach der Uhr.

Reimer stand auf. Er ging mit an die Tür.

»Nichts für ungut, Herr Müller, aber ein Beamter muß vor allen Dingen seine Pflicht tun!«

Finster und böse murmelte der Fabrikant etwas in seinen schwarzen Bart, als er aus der Tür ging.

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