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Das Rätsel von Grünweide

Johanna Klemm: Das Rätsel von Grünweide - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorJohanna Klemm
titleDas Rätsel von Grünweide
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
year
firstpub
illustratorM. Barascudts
printrunZweite Auflage
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100702
projectid0d2a28a4
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Erstes Kapitel: Im Gewitter

Über dem stattlichen Dorf Grünweide stand ein schweres Gewitter. Gegen Abend war es. Der schwarze Himmel wurde immer wieder von feurigen Blitzen zerrissen, ohne daß ein lösender Regen Erfrischung brachte. Alle Bewohner des Dorfes hielten sich still in ihren Häusern, nachdem die Tagesarbeit auf dem Felde beendet war, oder sie sahen im Stall nach dem unruhigen Vieh.

Auf dem großen Gutshof waren alle Türen der Wirtschaftsgebäude geöffnet, die Pferde losgemacht, ja sogar die Feuerspritze schon aus dem Schuppen gezogen, und was dergleichen Vorkehrungen sind, die in ländlichem Betrieb beobachtet werden müssen in Sorge vor drohender Feuersgefahr.

Der junge Gutsverwalter, der die abwesende Herrschaft vertrat, wanderte in hohen Wasserstiefeln unablässig über den Hof, nach allem sehend und überall Hand mit anlegend. Eine merkbare Unruhe stand in seinem offenen, hübschen Gesicht, das man sonst kaum anders kannte als mit dem Ausdruck ruhiger Entschlossenheit. Um den blondbärtigen Mund, von dem die Leute des Dorfes wie die Hofknechte so gern und willig bestimmte Weisungen oder Ratschläge entgegennahmen, zuckte es heute oft; ja, als ein besonders lang hinrollender Donner die Fenster des kleinen Verwalterhauses klirren ließ, wandte sich der Eifrige mit jähem Ruck dorthin, wo hinter den Scheiben das ebenfalls unruhig gespannte Gesicht einer alten Frau zu sehen war, die eben die Hände faltete, als wollte sie des Himmels Schutz anrufen.

Kein Wunder, daß sowohl der junge Verwalter wie seine Mutter, sonst zwei unerschrockene, zielbewußte Naturen, sich heute mehr erregten als sonst, bei den bekannten Erscheinungen und Nebenumständen eines Gewitters am Abend. Hatte man doch in Grünweide während dieses Sommers schon dreimal die Feuerglocke geläutet und sehr böse Stunden der Gefahr mit erheblichem Schaden in der Folge durchgemacht. So war es begreiflich, daß auch ein Mann ohne Nerven, wie Hermann Matersen sich sonst zu nennen pflegte, jetzt wieder das Wimmern der Glocke im Ohr zu haben meinte und jeden Augenblick das Aufglimmen einer Flamme zu sehen glaubte.

Eben näherte er sich den beiden hohen Pappeln am Eingang des Hofes, da konnte die Mutter am Fenster es nicht länger mit ansehen. Sie stieß den einen Fensterflügel auf und rief so angstvoll den Namen des Sohnes, daß dieser sich rasch umkehrte und sie beruhigte, besonders da nunmehr auch die ersten lösenden Tropfen fielen.

»Mutting, Mutting,« rief er und hob beschwichtigend die Hand, »es zieht schon ab; wir kommen heut gut davon.«

»Gott gebe es,« sagte die alte Frau. »Nun fängt es ja auch an zu regnen! Aber mein Jung,« fuhr sie lebhaft fort, »unter den hohen Pappeln kann ich dich nicht sehen; du weißt wohl: ›Der Blitz schlägt eher in die Türme als in die niederen Hütten ein,‹ pflegte Großmutter zu sagen –«

Da lachte der Sohn erleichtert. »Mein Mutting hat schon wieder einen kleinen Spruch bei der Hand – dann ist die Gefahr vorbei. Da will ich jetzt zu dir in unsere niedere Hütte kommen.«

Sie empfing ihn an der Tür. »Gottlob, es regnet! Und nun schilt nur nicht zu sehr! Du weißt, dein Alting ist doch sonst nicht gerade ein Banghase, aber wer das durchgemacht hat wie wir in letzter Zeit, der –«

Der Sohn strich ihr liebevoll über das faltige Gesicht.

»Gewiß, Mutting, der sieht im Geist immer das Feuer.«

»Ach, und wäre es nur damals Blitzschlag gewesen! Da dächte man, unmittelbar vom Himmel fällt das Feuer – Gott schickt es und wir müssen es nehmen; aber so –«

»Komm, komm, Mutting; es ist ja vorbei,« beruhigte der Sohn, aber sie sah ihn an und klagte: »Ach, wenn es nur wirklich vorbei wäre – das, was ich meine – was noch immer kein Ende hat. Die Redereien meine ich.«

»Schlimm ist und bleibt es ja,« sagte Hermann finster, »daß ich am Abend des unseligen Brandes allein auf dem Hofe war, daß ich jene Hochzeit im Dorfe nicht mitmachte. Da habe ich mir durch die Absage in dem August Bantzkow, der mir schon immer nicht wohlwollte, einen entschiedenen Feind geschaffen.«

Die Mutter seufzte.

»So ist der Kleine unserer armen Hermine in aller Unschuld dir zum Verhängnis geworden. Hätten wir nicht gerade an dem Tage die Nachricht von dem Tode des süßen Kindes erfahren, und wärst du nicht solch guter Sohn, der seine alte Mutter mit ihrem Kummer nicht allein lassen mochte, dann wärst du auch ins Dorf zum Tanz gegangen, und niemand hätte es wagen können, dich mit der unseligen Geschichte in Zusammenhang zu bringen.«

»Ja, Mutting,« sagte Hermann schwermütig, »aber es kommt eben alles, wie es kommen soll!«

»Ja, mein Sohn, und wenn es Gottes Wille so war, müssen wir glauben, daß er auch noch Wege finden kann, all dies Verworrene aufzuklären.«

In diesem Augenblick meldete sich der Statthalter; so konnten Mutter und Sohn nicht weitersprechen. Frau Matersen ging ins Nebenzimmer, wo das Abendessen eben aufgetragen wurde; still setzte sie sich ans Fenster und wartete. Es war ihr heute wieder so in die Glieder gefahren; sie mußte sich wirklich ein bißchen ausruhen. »Man wird alt,« sagte sie vor sich hin, und dann stiegen die Bilder der letzten Zeit noch einmal vor ihr auf. Der gewaltige Feuerschein über dem Hof und der ganzen Umgebung, der brennende Schafstall, die qualvoll blökenden Tiere – die arbeitenden Menschen, und Hermann, ihr Hermann mitten dazwischen, immer da, wo die Gefahr am größten schien! Wie verzweifelt war er wiederholt in den Stall gedrungen, trotz der schon stürzenden Balken, mit eigenen Armen ein paar der gemarterten Tiere rettend, die ihm entgegendrängten. Aber was waren die wenigen gegen die schöne Herde von fünfhundert Stück?

Und noch immer keine Spur, nicht der geringste Anhalt, wie das Feuer ausgekommen sein konnte! Und das eben war das Schlimme, hatte so furchtbare Folgen nach sich gezogen, unter denen die alte Frau noch heute schauerte. Ihren Hermann, ihren einzigen, prächtigen Sohn, hatte man vor Gericht gefordert, ja sogar in Untersuchungshaft geführt, weil er nicht beweisen konnte, daß er zu der Zeit, als das Feuer ausbrach, abwesend vom Hofe war, weil er vielmehr, wie andere bezeugen mußten, sich gegen Abend eine Zeitlang fast allein dort befunden hatte. Das schon genügte, einen unbescholtenen Mann nicht vor der Möglichkeit eines so niederen Verdachtes zu schützen, das – das –

Die alte Frau fuhr trotz der eben gefühlten Schwäche hoch empor und fing an, hin und her zu gehen; die Empörung war zu groß, und damit kam die gewohnte Regsamkeit zurück. Sie lief nach der Tür und rief: »Hermann, kommst du denn gar nicht? Das Essen wird kalt – ach so –!«

Sie sah noch jemand im Zimmer, einen uniformierten Boten, und der Sohn hielt ein Telegramm. Wieder wollte sie sich erregen, aber Hermann wandte sich ruhevoll zu ihr.

»Die Herrschaft kommt morgen, Mutting. Gut, daß wir so einigermaßen wieder in Ordnung sind! Am Herrenhause wenigstens sieht man nichts mehr, weil es mehr Wasser von der Spritze als Feuerschaden war.«

»Ja, aber nun soll man bei nachtschlafender Zeit noch die Zimmer zurechtmachen,« eiferte die alte Frau; doch der Sohn begütigte: »Das soll man eben nicht, Mutting! Darum gerade telegraphiert ja der Herr heute, damit morgen früh vor der ersten Post mit den Vorbereitungen begonnen werden kann. Erst am Nachmittag sind sie hier.«

»Noch nicht zu Tisch? Das ist sehr gut, ich habe ja gerade Wäsche.«

»Davon brauchte weiter nicht die, Rede zu sein,« fiel Hermann lächelnd ein, »mein Mutting hat trotzdem morgen alles zur rechten Zeit in Ordnung – das weiß ich.«

»Ja, ja, aber ein seines Mittagessen will vorbereitet sein,« beharrte Frau Matersen, »die Zimmer freilich, das schaffen wir wohl.«

»Lotte kann dir ja helfen.«

»Hm, das arme Ding! Am ersten Ferientag möchte sie wohl ausschlafen und dann ein bißchen herumlaufen.«

»Na na,« erwiderte Hermann gutmütig, »allzu arg wirst du sie ja nicht gleich anspannen; da kenne ich doch unsere Mutter. Scheuern wirst du sie nicht lassen, aber ein wenig Bewegung ist ihr nur gut nach all dem Festsitzen bei den Büchern. Armes Ding, möcht' ich zu diesem Stillhocken sagen. Aber sie will es ja nicht anders.«

»Laß sie nur, Hermann, es ist ja gut, wenn sie was lernt. Als Wirtschafterin etwa hier auf dem Gutshof, das möchtest du doch selbst nicht.«

»Nein – weil sie sich gar nicht dazu eignet. Wo steckt sie übrigens?«

»Hinausgelaufen ist sie, gleich nach dem Gewitter; so wunderschön sei es jetzt, sagte sie.«

»Und wunderschön ist es auch,« klang eine helle Stimme vom Hof her.

Eine junge, schlanke Gestalt schwang sich von außen auf das Fensterbrett und von da mit einem Satz ins Zimmer. Die Mutter wollte ein wenig die Stirn runzeln, der Bruder aber rief: »Bravo, Lotte! Turnen Nummer eins, scheint mir.«

Das Mädchen lachte frisch.

»Du kannst noch ganz anderes erleben; Klettern und Turnen wirklich eins! Wär' ich nur hier gewesen bei dem Feuer, wie hätte ich beim Löschen geholfen!«

Aber die Mutter unterbrach: »Wünsche dir das nicht, Kind, daß du die schrecklichen Abende hier mit durchgemacht hättest! Das vergißt man nie.«

»Mag sein, Mutter! Aber ich kann mir nicht helfen: ich wäre doch gern hier gewesen, hätte all das Spüren und Forschen nachher mit durchgemacht. Wer weiß, ob ich nicht irgend was entdeckt hätte!«

»Bilde dir nichts ein,« sagte die Mutter streng. »Was die Herren vom Gericht, die Versicherungsbeamten und sonstige erfahrene Leute nicht herausfinden können, was –«

Aber Lotte unterbrach wieder.

»Einmal muß es doch heraus!« sprudelte sie heftig hervor. »Das geht nicht an, daß Hermann nur entlassen wird wegen mangelnder Beweise – Männe, daß wir das erleben müssen, mit dir, unserem Stolz und Abgott!«

»Vielleicht war ich das für euch eben zu sehr und soll es nicht mehr sein!«

»Ach, Hermann!« Voll Zärtlichkeit schlang Lotte die Arme um den Hals des Bruders; dann führte dieser, sich sacht losmachend, die Stürmische ins Eßzimmer, wo die Mutter eben die Lampe angesteckt hatte, denn es war inzwischen so spät geworden, daß man nicht mehr, wie sonst an Sommerabenden, ohne Licht zu Tisch gehen konnte.

Die Geschwister saßen nebeneinander, und die Mutter konnte wohl mit Freude auf die beiden jungen Gestalten blicken, die einander zwar wenig ähnlich sahen, aber beide den Eindruck frischer Kraft und Gesundheit machten. Hermann war ja ausgesprochen blond, Lotte dagegen ein rechtes »nußbraunes Mägdlein«, wie es in manchem alten Liede heißt. Braun die Augen, mit einem Goldtupfen drin, braun die an den Schläfen gekrausten Haare, die langen Zöpfe, und bräunlich auch die Haut des freundlich gebildeten Gesichts. Ja, auch die Hände waren dunkler, als man es von einer jungen Stadtpensionärin eigentlich erwarten sollte.

Der große Bruder beobachtete sie mit Vergnügen, wie sie so frisch und lebhaft sich bewegte und mit gesundem Hunger die festen weißen Zähne in das kräftige Landbrot setzte. Trotzdem konnte sie von dem Thema »Feuer« noch nicht recht abkommen, bis Hermann leise warnte: »Rege Wutter nicht immer wieder damit auf, Kleine! Höre lieber, was für Nachricht ich eben bekommen habe. Morgen treffen die Herrschaften ein.«

»Ei fein! Hoffentlich nicht bloß der Geheimrat und das alte Fräulein? Nelli wird doch endlich mal wieder dabei sein?«

»Das weiß ich nicht.«

»Das wäre ja großartig für die Ferien!«

»Na, Lütting, freue dich nicht zu früh! Zwei Jahre habt ihr euch wohl nicht gesehen; da ändert sich manchmal allerlei.«

»Ach geh, Männe! Du unkst mal wieder; was sollte sich ändern? Nell ist ebenso wie ich zwei Jahre älter geworden, aber mit meinen siebzehn stehe ich ihr keineswegs nach.«

»In dem Punkt nicht, aber vielleicht in anderer Hinsicht,« versetzte Hermann; es sollte scherzend klingen, doch seine Miene war viel zu ernst. So nahm Lutte ihn beim Ohr und schalt zärtlich: »Alter Schwarzseher! Ist dieser Zug seit den Tagen dieses greulichen Brandunglücks in dich gefahren?«

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