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Das Rätsel im Inselwalde

Max Dürr: Das Rätsel im Inselwalde - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorMax Dürr
titleDas Rätsel im Inselwalde
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160906
projectid96b5dd5e
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Fünftes Kapitel

Höhnerlein war übelster Laune, als er in seine eigene Schreibstube hinunterging.

Denn seit er den Tressenrock ausgezogen hat, ist er nicht mehr derart »angehaucht« worden.

Es klingt ihm immer noch in den Ohren: Tatkraft, mehr Tatkraft!

Das ganze ist natürlich, daß der Herr Polizeirat zu Hause Ärger gehabt hat, dachte er. Vermutlich mit dem Eduard, denn der und die Buben des Rektors Doktor Bartenstein sind die ärgsten, nichtsnutzigsten Jungen der ganzen Stadt.

Und dafür muß er, Höhnerlein, büßen.

Er dachte ernstlich darüber nach, ob er sich irgend etwas hatte zuschulden kommen lassen, und er fand nichts. Nichts!

Aber halt, die Geschichte, die in der ganzen Stadt bekannt war und die er nicht kannte?

Das muß er, Höhnerlein, sich sagen lassen!

Wenn man aber auch gar keinen Verlaß hat auf seine Leute!

Wer hat heute Außendienst? Wachtmeister Rink und Vizewachtmeister Eberle?

Er drückte die elektrische Klingel und läutete schrill und anhaltend.

Sofort kommen sie. Rink und Eberle erscheinen wie durch Zauber.

Es ist aber durchaus nicht Zauber, sondern ausschließlich gewandte, militärische Erziehung, Pünktlichkeit und schnelle Ausführung des gegebenen Befehls eines Vorgesetzten.

Sie sind sogar so schnell bei der Hand, daß in dem dicken Schnauzbart Rinks noch etwas Bierschaum sitzt, weil er soeben einen Vespertrunk zu sich genommen hat, als die Glocke läutete, und Eberle einen Bissen Brot in der linken Wange verborgen hält, den er nicht mehr hinunterwürgen konnte.

Höhnerlein stand aufrecht im Zimmer, als sie eintraten.

Sein Gesicht ist noch finsterer als gewöhnlich, und das Kinn faltiger, weil er sich geärgert hat.

Aber da es etwas dunkel im Zimmer ist, können es Rink und Eberle nicht beobachten und sie stehen mit dem Bewußtsein, daß man schneller nicht mehr zur Stelle sein kann, als sie es soeben ausgeführt haben, guten Mutes vor dem Vorgesetzten, den sie erwartungsvoll und harmlos, soweit ein Polizeibeamter harmlos sein kann, ansehen.

Höhnerlein machte nicht so lange Umstände, wie der Polizeirat. Er ist gewohnt, in medias res zu gehen.

»Was ist das für eine Geschichte, die gegenwärtig in der Stadt kursiert,« fragte er kurz.

Da er immer so kurz ist, fiel es ihnen gar nicht auf.

Eberle, der weniger intelligent ist, lächelte nur gutmütig, da er annahm, Höhnerlein mache eine Art Spaß. Rink aber fragte einfach: »Was für eine Geschichte meint der Herr Inspektor?« Und Eberle, der sich jetzt verpflichtet fühlt, auch etwas beizutragen, setzt harmlos hinzu: »Wir wissen von keiner Geschichte, Herr Inspektor.«

Nun stampfte Höhnerlein im Zorn mit dem Fuße, daß es den andern in die Knochen fuhr. »Das wollen Wachtmeister sein! Mit solchen Leuten muß man arbeiten! Das bedenkt der Herr Polizeirat nicht« – ein plötzliches Licht erhellt den gehorsamst Untergebenen das Dunkel. Der Herr Inspektor hat einen Schnaps gefaßt. Sie denken, wie man im Volksmunde spricht – »welches Material mir zur Verfügung steht. Da weiß und erfährt keiner was, wenn es gilt. Eine Meldung bekomme ich überhaupt nicht ... Natürlich das Vespern ist die Hauptsache« – er hat mit scharfem Blick sofort entdeckt, daß Rink den Bart wischt und Eberle eine kauende Bewegung macht – »wenn ich etwas von Ihnen will, sitzen Sie beim Vesperbrot. Ich will aber dafür sorgen, daß das Vespern aufhört!«

Dabei trifft er aber den wundesten Punkt der beiden Wachtmeister. Das ist das Tabu, woran man nicht rühren darf. Lieber ziehen sie ihre Uniform aus, wenn man ihnen dieses Recht auch noch beschneiden will.

»Herr Inspektor,« sagte Rink, zwar in guter militärischer Haltung, aber schon in einem einigermaßen aufrührerischen Tone: »Dafür können wir nichts!«

»Wenn nichts passiert,« setzt Eberle, ermutigt durch das Vorgehen seines Kameraden, recht ungeschickt hinzu. Er denkt, wenn Rink dabei ist, kann ich mir auch ein bißchen Frechheit erlauben.

Darüber wurde Polizeiinspektor Höhnerlein, der sonst auffällig blaß ist, zornrot und er fluchte, wie nur ein alter Feldwebel fluchen kann. »Da heißt es immer: Wenn nichts passiert! Ich sage Ihnen, passieren tut gerade genug, nur merken es die Herren Wachtmeister nicht. Weil die Polizei blind und taub ist. Man hat nichts zu melden, weil man eine Schlafhaube ist, weil man lieber bequem auf seiner Stube sitzt und weil man vespern muß, statt daß man ein bißchen Tatkraft entfaltet. Tatkraft vermisse ich, mehr Tatkraft! Wozu haben Sie denn einen Haufen Leute, wozu sind Sie Wachtmeister, möchte ich wissen?«

Nun mäßigte er seine Stimme, wenn es auch immer noch laut genug zu hören ist.

»Ich will wissen, was das für eine Geschichte ist, von der die ganze Stadt spricht.«

Das ist der Schluß und sie sind entlassen.

Man braucht es ihnen gar nicht zu sagen. Sie machen also eine richtige Kehrtwendung und verlassen das Zimmer. Wie begossene Pudel ziehen sie ab.

Es ist immer so auf der Welt gewesen und wird immer so bleiben. Wer eingenommen hat, will auch ausgeben, wenigstens was er an Unannehmlichkeiten eingenommen hat.

Das heißt man, auf andre abladen.

Es ist klar, daß die beiden Wachtmeister nicht allein die Schuldigen bleiben wollten und da sie nicht wohl dem Herrn Polizeiinspektor zurückgeben konnten, was sie, ihrer Ansicht nach, im Übermaße von ihm empfangen hatten, gingen sie ohne Zögern zur Mannschaftsstube.

Sie brauchten zu diesem Zwecke nur eine Stiege tiefer zu gehen.

Als sie eintraten, waren die vier dort anwesenden Schutzleute emsig beschäftigt und schrieben auf dem alten wurmstichigen Tische, der mit Papieren aller Art überdeckt war, mit einem bemerkenswerten Eifer.

Ein unbefangener Mensch hätte sicherlich seine Freude gehabt an den vier tief über die Arbeit gebeugten Männern. Aber ein erfahrener Wachtmeister sieht besser und läßt sich nicht so bald täuschen.

Rink und Eberle waren erfahrene Wachtmeister.

Darum gewahrte Rink alsbald, obwohl der Tabakrauch nebelhaft über der Gruppe lag, ein Stück einer Spielkarte, die bei der Eile, mit der ein Aktenstück über sie geworfen wurde, unbedeckt geblieben war. Eberle aber dachte bei dem Anblick eines Häufchens Nickel- und Kupfermünzen, das neben dem Schutzmann Häfele auf dem Tische lag und das derselbe vergebens mit der flachen Hand fremden Blicken zu entziehen suchte, daß Häfele wohl der Gewinnende sein müßte.

»Wir stören doch nicht,« sagte Rink mit kaltem Hohne.

»Nein, nein, wir wollen durchaus nicht stören,« pflichtete Eberle bei, da er seinem Amtsgenossen nichts nachgeben durfte.

Häfele war ein dicker Mann mit flachsblondem Schnurrbarte, gutmütigen Augen und der dienstälteste unter den Schutzleuten.

Da er nach seinen bisher gemachten Erfahrungen annehmen konnte, daß Polizeiwachtmeister im Dienste nicht zu Scherzen geneigt seien, erhob er sich sofort mit einer durch das Bewußtsein seiner Schuld wesentlich verstärkten Demut und fragte so harmlos als möglich, indem er den Rangältesten Rink gehorsam ins Auge faßte: »Wünscht der Herr Wachtmeister etwas?«

Das schlägt aber dem Faß den Boden aus und nun wird Rink dunkelrot vor Zorn.

»In erster Linie wünsche ich,« sagte er, »daß während der Dienststunden die Herren Schutzleute« – er ist schrecklich in seiner satirischen Höflichkeit – »das Kartenspielen bleiben lassen. Das ist eine beispiellose Pflichtvergessenheit ... Haben Sie schon einmal solch eine verlodderte Bande gesehen, Eberle?« – Eine Antwort wartet er gar nicht ab, er braucht auch gar keine Unterstützung. Er besorgt die Sache ganz allein und hält eine Standrede, daß den Schutzleuten Hören und Sehen vergeht.

Häfele steht immer noch stramm, so weit er dies bei seiner körperlichen Fülle auszuführen vermag, und die andern haben längst aufgehört, zu schreiben und sich ebenfalls einer um den andern erhoben.

»Kein Wunder, wenn der Herr Polizeiinspektor unzufrieden ist« – verständnisinnig sehen sich drei Schutzleute eine Sekunde an und in den wasserblauen Augen Häfeles leuchtete es ebenfalls sekundenlang auf – »und schilt. Ist es ein Wunder, Eberle?«

Der Wachtmeisterdiensttuer schüttelt den Kopf, wie wenn er sich wunderte, daß auf einem geordneten Polizeidienstzimmer derartige Ausschreitungen überhaupt vorkommen können. Es ist mindestens eine Mark fünfzig Pfennig, was dieser Häfele gewonnen hat. Der Mensch hat ein Schweineglück, denkt er.

»... Aber ich werde dem Herrn Inspektor bei Gelegenheit andeuten,« fährt Rink fort, »wie hier gearbeitet wird. Es fällt mir gar nicht ein, daß ich mich euretwegen herunterputzen lasse« – drei Schutzleute sehen sich verständnisinnig an und in den Augen Häfeles blitzt aufs neue etwas auf; alles in dem Bruchteil einer Sekunde – »fällt mir gar nicht ein ... Von einer Meldung, die mir gemacht wird, ist natürlich keine Rede. Kartenspielen, das kann man, aber eine Meldung machen kann man nicht.«

Er muß eine Kunstpause machen, denn allmählich droht ihm der Atem auszugehen.

Diese Pause denkt der Schutzmann Häfele ausnützen zu können.

»Gestatten der Herr Wachtmeister,« sagt er mit harmlosem Freimut, denn das Sündenkapitel des verbotenen Kartenspiels ist nun vorüber und von dem andern Vorwurf, die Arbeit darob versäumt zu haben, weiß er sich frei: »Wenn nichts passiert, kann man nichts melden als ›Nichts Neues in der Stadt‹.«

Man kann eine gewisse kindliche Fröhlichkeit heraushören.

Es klingt gerade so, als ob ein Kind dem Vater, der es zum Fleiß ermahnt, erwidert: »Wir haben ja doch heute keine Hausaufgabe bekommen!«

Aber das ist gerade, was den Wachtmeister in Harnisch bringt. »Und die Geschichte, von der die ganze Stadt spricht?«

Sprachlos sehen sich die Schutzleute an. Einer sucht Hilfe in den Augen des andern und jeder liest ab, daß der andre nichts weiß. Sie sind tief beschämt.

Diesen Augenblick hält Eberle für geeignet, auch seinerseits einzugreifen. »Natürlich, da stehen sie und reden nicht und deuten nicht und gucken einander an und keiner weiß nichts!«

Nun lächelte Rink bitter. »Mit solchen Leuten soll man arbeiten. Wenn die Vorgesetzten nur das bedächten, ehe sie andern mit Vorwürfen kommen. Ich sage Ihnen, passieren tut gerade genug, aber wer es nicht merkt, das sind die Schutzleute Häfele und Konsorten. Man merkt nichts, weil man Karten spielen muß, weil man gerne auf der Stube sitzt und spielt, statt daß man ein bißchen Tatkraft entfaltet. Tatkraft vermisse ich, etwas mehr Tatkraft, und die Meldungen werden nur so durch das Fenster hereinfliegen ... Und das kann ich Ihnen sagen, ich will wissen und zwar bald wissen, was vorgekommen ist und wovon die ganze Stadt spricht, sonst sollen Sie mich von einer andern Seite kennen lernen.«

Damit wandte er sich und verließ mit Würde die düstere, rauchgeschwärzte Stube, gefolgt von seinem Adjunkten Eberle, der ebenfalls zornige Blicke auf die niedergeschmetterten, schuldbewußten Männer wirft.

Sicherlich sind es mindestens eine Mark und fünfzig Pfennig, denkt er noch, als er mit kräftigem Ruck die Tür hinter sich zuschlägt.

In der Stube aber ist es stille geworden. Einer räumte die Karten zur Seite und der andre legte die Aktenstücke zusammen.

Der dritte aber pfiff leise durch die Zähne und zuckte in komischem Entsetzen die Achseln und plötzlich fangen sie alle drei an, sich mit schlauen Augen verstohlen zuzulachen.

An diesen Männern ist Hopfen und Malz verloren, sie sind hartgesotten.

Das ist ihnen, als sie aktiv waren – so nennen sie ihre Militärzeit – zu dutzendenmalen vorgekommen. Wenn die Wachtmeister den Rücken gekehrt haben, so war alles vorüber. Dann summt man sich eines und denkt sich sein Teil.

Das bringt sie nicht aus dem Gleichgewicht.

Nur einer ist, an dem die Sache nicht spurlos abgeglitten ist, der nicht mit den andern lächelt, dem es nicht gleichgültig ist, wenn er getadelt wird, dem vielmehr unter dem wattierten Rock ein pflichttreues Herz schlägt, der in seinem dicken, ehrlichen Gesicht ein Paar ehrgeizige Augen besitzt, und das ist der Schutzmann Häfele. –

Soeben schlug von dem kleinen Turme des Polizeigebäudes in Hellen durchdringenden Tönen die Glocke an.

Häfele setzte den Helm auf und schnallte um, da ihn die Reihe traf, Patrouille zu gehen.

»Ich werde Meldung bringen,« sagte er mit tiefem Ernst.

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