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Das Rätsel im Inselwalde

Max Dürr: Das Rätsel im Inselwalde - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorMax Dürr
titleDas Rätsel im Inselwalde
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160906
projectid96b5dd5e
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Dreizehntes Kapitel

In unsrer Zeit ist es dem Verbrecher nicht so leicht gemacht zu entkommen.

Gelang es ihm einst, die nahe Grenze zu erreichen, so war er so gut wie geborgen, der Arm des Gesetzes reichte nicht eben weit und der Richter hatte wohl seine liebe Not, seinen Willen außerhalb seiner nächsten Umgebung in die Tat umzusetzen. Das Sprichwort, die Nürnberger henken keinen, sie haben ihn denn zuvor, hat heute noch Geltung, aber ehedem durfte es mit Recht weit öfter angeführt werden.

Denn heutzutage arbeitet der elektrische Funke, der Draht, das Sonnenlicht, die Druckerschwärze im Dienste der Polizei und diese vier Mächte sind, wenn sie zusammenarbeiten, wohl imstande, auch einem gewiegten und erfahrenen Verbrecher Sorge zu machen.

Lemberger und Höhnerlein hatten nicht sobald wieder das Polizeiamt erreicht, als der Fernsprecher nach allen Richtungen seine Tätigkeit begann.

Zuerst läutete es bei den Polizeistationen der Bahnhöfe Ost und West, dann jagte das unscheinbare Glöckchen die sämtlichen Polizeiwachen der städtischen Peripherie aus ihrer Ruhe, schließlich erweiterte sich der Ring um die ganze ferne Umgebung der Stadt und gerieten sämtliche Sicherheitsstellen in Bewegung, soviele ihrer in Bahnhöfen, Polizeiämtern, Gendarmerieposten zu finden waren.

Es ließ sich aus der Vergleichung des Zeitpunktes, in dem Lieberich seine Wohnung verlassen haben mußte, mit Sicherheit feststellen, daß es ihm bisher nicht möglich war, den Bahnzug zu benutzen.

Damit war viel gewonnen und es mußte sonderbar zugehen, wenn man es in der mittelgroßen Stadt nicht fertig bringen sollte, seiner noch heute habhaft zu werden. Es war nur einige Geduld von nöten, und der Polizeirat oder Höhnerlein durften sich das Warten nicht verdrießen lassen.

In der Tat wurden ihre Nerven nicht allzusehr auf die Probe gestellt, denn schon nach einer Stunde kam von der Polizeiwache 4 die erste Meldung.

Man hatte den Gesuchten in großer Eile die untere Ringstraße entlang gehen sehen.

Eine zweite Meldung traf von der äußeren städtischen Sanitätsstation ein und deckte sich vollkommen mit der ersten.

Der Polizeirat machte sich mit Höhnerlein bereit, persönlich die Verfolgung aufzunehmen.

Dann kam von der sogenannten Bastion aus die dritte Nachricht.

Meldung des Schutzmanns Häfele: »Vor kaum einer Viertelstunde ist der Doktor Lieberich an der oberen Fähre über den Strom gesetzt. Der Fährmann, der ihn persönlich kannte, hat diese Auskunft gegeben.«

Auf dies hin brachen der Polizeirat und Höhnerlein sofort auf. Rink und Eberle erhielten den Befehl, sie zu begleiten, Häfele wurde durch Fernspruch beordert.

Rätselhaft blieb einzig und allein, und der Gegenstand einer kurzen, aber lebhaften Erörterung, die zu einer Einigung nicht führte, welche Beweggründe den Doktor leiteten, seine Flucht in dieser Richtung zu nehmen. Denn darüber konnte ein Zweifel nicht auftauchen, daß der Doktor vor allem danach trachtete, das Inselwäldchen, den Schauplatz seines Verbrechens zu erreichen.

Deshalb blieb nur noch übrig, rechtzeitig den westlichen, von der Stadt abgekehrten Ausgang der Insel zu besetzen, falls es dem Flüchtling, was ja kaum anzunehmen war, einfallen sollte, die Insel sofort wieder über die hölzerne Brücke zu verlassen, um das platte Land zu erreichen.

Sobald darum Lemberger mit seiner Begleitmannschaft bis zu dem zur Insel führenden Damme gekommen war, gab er den Wachtmeistern Rink und Eberle den Auftrag, auf dem linken Ufer stromabwärts zu gehen und die Insel von der andern Seite zu betreten, während er selbst mit Höhnerlein und Häfele, der an der Fähre pünktlich zu ihm gestoßen war, sich seitlich im Gebüsch verbarg, bis Rink durch einen Schuß aus seinem Dienstrevolver das Zeichen gab, daß sie die Umgehung ausgeführt hätten.

*

Es war ein wundervoller Abend, der anbrach.

In voller Reinheit wölbte sich der tiefblaue Himmel. Das Gehölz atmete jenen sommerlichen warmen Duft aus, der auf die Bestrahlung der heißen Mittagssonne zu folgen pflegt, der Geruch von Harz, Moos und Kräutern.

Ein leichter angenehmer Luftzug drang aus dem tieferliegenden Strombett herauf. Fink und Meise überboten sich im Wettgesang, dazwischen klang der volle süße Klang der Amsel.

Ein köstlicher Garten ist diese Insel, köstlichen Frieden atmet diese schöne Wildnis.

Aber der Schein trügt, denn im Innern birgt sich der Verbrecher und andre wiederum lauern auf ihn und trachten ihn zu überwältigen, denn das ist ihr ernster Beruf.

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