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Das Rätsel im Inselwalde

Max Dürr: Das Rätsel im Inselwalde - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorMax Dürr
titleDas Rätsel im Inselwalde
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160906
projectid96b5dd5e
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Zwölftes Kapitel

Das Mittagsmahl der Familie Lemberger fiel heute ganz besonders still und schweigsam aus.

Am Tische fehlte das Oberhaupt.

Nun war es aber schon immer eine Gewohnheit des Polizeirats gewesen, mit peinlicher Genauigkeit die Zeit des Mittagessens einzuhalten, so daß Frau Agathe geborene von Gimay mit Recht in Unruhe war.

Übrigens würde es ihr dank ihrer anerzogenen Selbstbeherrschung niemand angemerkt haben. Frau Agathe saß so hoheitsvoll und feierlich am Mittagstische, wie nur je, obwohl sie in Sorge war. Denn wenn eine Frau den Vorstand eines Polizeiamts zum Gemahl hat, weiß sie, daß er jederzeit in Gefahr sein kann, mindestens aber muß irgend ein unangenehmer Zwischenfall eingetreten sein, sonst wäre Herr Lemberger jetzt zur Stelle.

Dazu kommt aber noch etwas. Sie sieht nach dem Platze, wo mit ungewohnter Artigkeit und Stille der kleine Eduard sitzt.

Wenn es am Mittagstische des Polizeirats natürlich immer so hergeht, wie es gute Sitte und Erziehung erfordert, so sorgt doch der Knabe sonst dafür, daß die Mahlzeit nicht allzu stille und leblos verläuft.

Heute aber sitzt er mit saubergescheiteltem Haar und einem frommen Gesicht auf seinem Stuhl und die Hände legt er sehr artig, ohne zu spielen, auf der Tischkante auf.

Da er ein Briefchen des Herrn Oberstudienrats nach Hause mitbekommen hat, in dem er wegen eines üblen Streiches der väterlichen Züchtigung empfohlen wurde, hält er es für nützlich und angemessen, so wenig als möglich Aufsehen zu erregen.

Frau Agathe aber denkt, daß es einen schlimmen Auftritt geben wird, denn wenn der Gemahl nicht rechtzeitig zum Essen kommt, ist er an sich nicht gut gelaunt, und findet er das Briefchen vor, so kann sich Eduard heute auf etwas gefaßt machen.

Das ist also ihre zweite Sorge.

Fräulein Blanka aber sitzt blaß wie ein Marmorbild am Tische, fast wie eine Heilige sieht sie aus mit ihrem frommen Duldergesicht. Denn in letzter Zeit ist sie überhaupt sehr wehmütig gestimmt und weint so viel, wie in ihrem ganzen Leben noch nicht, auch fehlt ihr die Eßlust vollständig und sie scheint von Luft und Sonnenstäubchen zu leben.

Gegen ein Uhr sandte Herr Lemberger Botschaft und ließ sagen, man möchte mit dem Essen nicht länger zuwarten, da er noch zu arbeiten habe.

Gegen zwei Uhr war er immer noch nicht zu Hause und Frau Agathe wurde unruhiger als zuvor. Eduard aber schien den schulfreien Nachmittag dazu benutzen zu wollen, seine Kenntnis der lateinischen Vokabeln gründlich zu verbessern. Als ein berechnender junger Mann suchte er Eindruck zu erwecken, falls der Herr Papa jetzt das Zimmer betreten sollte.

Fräulein Blanka aber hatte sich still in die Fensternische, ihr Lieblingsplätzchen, zurückgezogen.

Endlich gegen drei Uhr kam der Herr Polizeirat in nervöser Ermattung und er sah gedankenschwer aus.

Schweigend und zerstreut nahm er hastig das verspätete Mittagsmahl ein, dann schickte er sich an, nachdem Frau Agathe mit einigen vorbereitenden Worten Aufklärung gegeben hatte, Herrn Doktor Bartensteins Mitteilung durchzulesen, aber er legte sie, ohne zu Frau Agathes Verwunderung in seinen gewöhnlichen Zornesausbruch zu verfallen, mit einer Gebärde, die an Gleichgültigkeit grenzte, neben seinem Teller nieder. Nur einen einzigen grimmigen Blick warf er nach dem kleinen Pulte, an dem der Missetäter über seinem Buche saß. Oder vielmehr noch soeben gesessen war, denn der Platz war leer und Eduardchen war in aller Stille verschwunden.

Frau Agathe sah ihren Mann mit einiger Besorgnis an.

Es muß etwas Außerordentliches vorgefallen sein, denkt sie, denn er ist ganz anders als sonst.

»Hast du so viel Arbeit?« begann sie und in dem Tone ihrer Stimme lag etwas wie Zärtlichkeit; auch ergriff sie seine Hand.

Der Polizeirat sah um sich, als ob er jemand suchte.

Dabei schien er müde, aber doch stolz, sorgenvoll und noch selbstbewußter als sonst.

»Blanka,« sagte er ruhig und gemessen, »geh auf dein Zimmer, ich habe mit Mama zu reden.«

Darauf erhob sich Blanka sanft und gehorsam wie ein Lamm und verließ schmerzlich bewegt mit niedergeschlagenen Augen das Zimmer, während sich der Polizeirat erst behutsam und vorsichtig überzeugte, ob nicht in dem anstoßenden Raume unberufene Ohren lauschen könnten.

Verwundert sah Frau Agathe seinem Beginnen zu.

»Selbstverständlich muß das, was ich dir jetzt sage, liebe Agathe, strengstes Geheimnis bleiben,« begann er mit nicht geringer Feierlichkeit. »Mit einer einzigen unbedachten, unvorsichtigen Äußerung könnte der ganze Erfolg auf dem Spiele stehen. Man sieht es an Beispielen, wie schnell, wie überraschend schnell sich eine Neuigkeit durch die Stadt verbreitet. Ich habe bisher geschwiegen, weil alles noch unbeständig, nicht sicher umrissen, sozusagen noch im Flusse war. Aber nunmehr kann ich dich es ja schon wissen lassen, denn morgen wird es auch die ganze Stadt wissen ... Nur immer das eine« – er hob beschwörend die Hand – »bevor die Sache ausgeführt ist, reinen Mund!«

»Lieber Mann,« erwiderte Frau Agathe einigermaßen gereizt, »ich denke, daß ich dir bisher keine Veranlassung gegeben habe, mir derartige Verhaltungsmaßregeln geben zu müssen. Im übrigen wäre ich dir verbunden, wenn du endlich einmal beginnen wolltest. Das ist ja schauerlich.«

»Es handelt sich um nichts mehr und nichts weniger, als den Doktor Lieberich zu verhaften.«

Frau Agathe war wirklich erschrocken. Eine solche Nachricht hört man nicht alle Tage, selbst wenn man die Frau des Vorstandes eines Polizeiamtes ist. Unwillkürlich gerät man selbst in Furcht, denn es ist immer unheimlich, wenn ein bisher unbescholtener Mann, welcher der guten Gesellschaft angehört, verhaftet werden soll.

»Du meine Güte! ... So sag mir doch?«

Und der Herr Polizeirat dämpfte seine Stimme zu halblauter Rede.

*

»Blanka! Blanka!« rief Frau Agathe.

Ahnungslos erschien die Gerufene.

Sie ist es gewöhnt, daß Papa und Mama zuweilen Dinge verhandeln, die sie nicht hören soll. Noch immer wird sie wie ein Kind behandelt und sie ist doch längst kein Kind mehr, ihre Freundin Irene Goldschmied ist genau so alt, wie sie selbst, und ist schon ein halbes Jahr verheiratet ... Darum ist es lächerlich von Papa und Mama, Geheimnisse vor ihr zu haben, aber sie macht sich nichts daraus, denn man hat sie zum Gehorsam erzogen und außerdem ist sie ganz gern allein mit ihren Gedanken, besonders in letzter Zeit, es läßt sich so süß träumen.

Papa ist schon wieder ausgegangen, weil er es gegenwärtig sehr strenge hat. Das macht sie aber auch nicht unglücklich. Sie hat Papa recht lieb, aber zuweilen ist sie ihm nicht mehr so gut, wie früher, weil er so schlecht von Doktor Lieberich redet. Und es sogar nicht zulassen will, daß er mit ihr tanzt. Aber es wird schon wieder recht werden und Papa wird auch noch anders von ihm denken lernen, das weiß sie gewiß, das sagt ihr eine innere Stimme.

»Wo ist denn Eduard?«

Blanka hat Eduard nicht gesehen, sie kann nicht sagen, wo er sich herumtreibt, der schreckliche Junge. Wahrscheinlich ist er durchgegangen, weil er Schläge befürchtet.

Frau Agathe ist in merkwürdiger Aufregung, wie man es von ihr gar nicht gewöhnt ist.

Es ist aber nicht wegen Eduard, denn sie kümmert sich gar nicht viel um ihn, während sie doch sonst gleich in Sorge ist, sobald er nicht um den Weg ist.

Auch sie ist im Begriffe auszugehen und ist schon im Hut und im Schleier. Denn sie muß auf einen Sprung zu Frau Hofrat Beierlein.

Frau Hofrat Beierlein ist eine verschwiegene Dame, die niemals das in sie gesetzte Vertrauen mißbraucht und ein Geheimnis zu wahren weiß, und sie muß ihr das Geheimnis, von dem morgen ja schon die ganze Stadt voll ist, mitteilen, sonst versagen ihr die Nerven. Auch daß der Herr Oberstaatsanwalt gesagt hat, er werde ihren Mann wegen der bewiesenen Umsicht und Tatkraft zu einer Auszeichnung Vorschlägen ... Frau Hofrat Beierlein ist keine Neiderin und versteht zu würdigen, was das heißt.

Aber all das vertraut Frau Agathe ihrer Tochter Blanka beileibe nicht an, denn das Kind ist noch zu jung, als daß man dergleichen mit ihr reden könnte.

»Wo ist denn auch Eduard?« sagte sie noch einmal zerstreut. »Blanka, sieh du nach Eduard, bis ich wieder komme, damit er keine dummen Streiche macht. Ich werde bald wieder zu Hause sein.«

Nun ist Blanka wieder allein mit ihren Gedanken, die so traurig und doch so süß sind.

Sie setzt sich in ihre Lieblingsecke in der Fensternische und läßt die Hände in den Schoß sinken. Wenn man so jung ist und schon so unglücklich ... Einmal ist die Welt so voll Glück und Seligkeit und dann wieder so, daß man am liebsten sterben möchte –

Fräulein Blanka erwachte aus ihrem Traume, weil sie durch ein eigentümliches Geräusch gestört wurde, durch ein sonderbares Rascheln, Kratzen und Klopfen am Fußboden.

Zuerst erschrak sie beinahe, aber das Rätsel löste sich sehr schnell, denn unter dem Sofa kam der Kopf eines Jungen zum Vorschein und alsbald folgte der ganze Körper.

»Was du für ein ungezogener Junge bist. Es ist schrecklich. Was hast du denn unter dem Sofa getrieben?«

Der kleine Schurke grinste in nichtswürdiger Weise. »Weil Papa mich doch bloß durchgehauen hätte! Solche Gemeinheit von dem Herrn Rektor! Das hätte ich gar nicht geglaubt von ihm.«

»Darum hast du dich versteckt?«

»Wetten, daß Papa bis morgen lange nicht mehr so böse ist?«

»Du bist ein schlechter, ein ganz miserabler Junge. Gib nur Obacht, ich sage es Papa.«

»Das sagst du bloß so, du tust es ja doch nicht.«

»Bestimmt werde ich es tun, sobald er heimkommt.«

»Dann sage ich dir auch nicht, was er über Doktor Lieberich gesagt hat.«

Das zieht. Das weiß der Schlingel ganz genau. Nun wird sie gleich andre Saiten aufziehen und bitten und betteln, und dann sagt er ihr alles und sie wird gleich ein richtiges Geheul verführen ... Das geschieht ihr gerade recht, weil sie auch immer so schlecht mit ihm ist, ihm keine Ruhe läßt und ihn immer verschwätzt. Ihn auch nie machen läßt, was er gern tun will.

Fräulein Blanka verlegt sich jetzt wirklich auf Bitten. Es ist ja doch nicht wahr, was du sagst. Papa hat gar nicht von Herrn Doktor Lieberich gesprochen.«

»Und ob! Daß du es nur weißt, Papa muß den Lieberich heute noch verhaften, mich freut es elend!«

»Ver ... haf ... ten?«

Fräulein Blanka bringt das Wort kaum über die Lippen. Alles Blut strömt ihr zum Herzen und sie wird weiß wie die Wand.

Der Bursche nickte wichtig zweimal, dreimal mit höhnischer Schadenfreude. »Wetten, daß ...? Papa hat gesagt, es ist eine schauderhafte Geschichte und er will ihn in einer Chaise holen, weil er gefesselt werden muß ... Und dann habe ich nichts mehr gehört, weil Papa und Mama bloß noch ganz leise gesprochen haben.«

Plötzlich ertönte ein langgezogenes Schreckensgeheul und der kleine Eduard rannte wie besessen aus dem Zimmer.

Es war nämlich etwas geschehen, an das er nicht gedacht hatte, seine Schwester Blanka war ohnmächtig zu Boden gesunken.

*

Durch die Römerstraße fuhr mit mäßiger Geschwindigkeit ein eleganter Wagen.

Es war nichts Auffallendes an ihm, weder an seiner Ausstattung, noch an den Pferden, noch an dem Kutscher, wenn man den Umstand ausnehmen will, daß er trotz des heißen Wetters und der schwülen Luft geschlossen war und daß neben dem Kutscher auf dem Bocke ein Mann saß, über dessen Eigenschaften man nicht ohne weiteres ins klare kommen konnte. Denn er hatte keinerlei Abzeichen eines Dieners, trug einen schlichten dunkeln Hut und nicht einmal jene bescheidenen, baumwollenen weißen oder schwarzen Handschuhe, die man bei Hochzeitladern oder Leichenbesorgern zu sehen pflegt. Auch hatte er ein gewisses militärisches Aussehen bei der straffen Haltung und der Würde, mit der er neben dem Kutscher Platz genommen hatte.

Übrigens mußte der Kutscher genaue Weisung haben, denn er hielt ohne Zögern bei dem Hause Nummer 15 die Zügel an. Der militärisch aussehende Mann stieg nicht sehr gewandt vom Bocke und öffnete den Schlag der Kutsche, welcher zwei Zivilisten entstiegen, worauf der Kutscher sofort umlenkte und steif und ruhig in umgekehrter Richtung wieder vor der Haustür anhielt.

Frau Karoline Maier hatte das Rollen des Wagens gehört, und da sie eine kluge lebenserfahrene Frau war, vermutete sie sofort nichts Gutes.

Es ist auch nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, daß sie diesen Morgen schon Besuch der Polizei empfing und Deutungen und Weisungen von ihr erhielt, daß ihr jetzt noch der Schrecken in allen Gliedern liegt, und daß inzwischen noch weitere Sachen vorgekommen sind, die ihr gewaltig zu denken geben und ihre Aufregung noch steigern müssen.

Sie ging darum so schnell, als es ihre Körperfülle erlaubte, zur Vortür und horchte ängstlich und mit verhaltenem Atem.

Als aber auf der ächzenden engen Treppe die Tritte vieler Menschen hörbar wurden – allerdings waren es nur drei im ganzen, aber Frau Karoline Maier schätzte sie auf mindestens acht bis zehn – hatte sie etwa das Gefühl, als ob ihr letztes Stündlein gekommen wäre.

Alsbald ertönte die Klingel und, als sie halb von Sinnen öffnete, betrat ein kurzer dicker Herr, ein langer hagerer Mann und kräftiger starker Mensch den kleinen Flur ihrer Wohnung, welcher dergestalt kaum genügend Raum zu bieten schien für so viele Leute.

Zuvörderst bewahrte alles ein tiefes Schweigen, Weil der Frau Karoline Maier beim Anblick der beiden erstgenannten, ihr vom Morgen her noch wohl in Erinnerung stehenden Männer direkt die Sprache versagte.

Nachdem aber Polizeirat Lemberger sich versichert hatte, daß nun alle Beteiligten innerhalb der Vortür standen, schloß er mit großem Ernst die Tür, die angelehnt geblieben war, und sagte: Führen Sie uns zu Herrn Doktor Lieberich!«

Die Mienen der Männer sind sehr feierlich. Nun wird es gleich einen schlimmen, einen dramatischen Auftritt geben, denkt der Polizeirat. Am liebsten wäre es ihm, wenn die Sache vorüber wäre und man hätte den Menschen im Wagen, obwohl er sich ja kaum zur Wehr setzen wird.

Hauptsächlich muß man darauf achten, daß der Mensch keine Gelegenheit bekommt, sich selbst etwas anzutun, denkt der Polizeiinspektor. Denn das ist in ähnlichen Fällen schon ab und zu vorgekommen.

Der letzte der Angekommenen, der aussieht wie eine starke blutdürstige Dogge, denkt vielleicht weniger, weil er das Denken seinen Vorgesetzten überläßt, aber er macht sich mit der Hand in der Tasche zu schaffen und man hört ein leises metallisches Geräusch, wie von Handschellen, die aneinander stoßen.

»Der Herr Doktor ist nicht da,« sagte Frau Karoline Maier furchtsam.

»Nicht da? ... Man hat ihn aber noch vor einer Viertelstunde gesehen, wie er das Haus betrat.«

»Er ist aber sogleich wieder fort, in aller Eile. Ich bin in der Küche,« erzählte Frau Maier, »und bin noch ganz außer mir und weiß gar nicht, was ich tun und sagen soll, so höre ich schon wieder seine Tür gehen. – Was ist das? denke ich. Der Herr Doktor wird doch nicht schon wieder gehen? Und wie ich zur Küchentür hinaussehe, ist er schon an der Vortür. Ausgesehen hat er, blaß wie der Tod, und die Treppe ist er hinabgesprungen wie ein Verrückter ...«

Höhnerlein hört gar nicht weiter, was die Frau schwätzt. Mit einigen schnellen Schritten ist er in das Zimmer des Gesuchten, und der Polizeirat folgt ihm, während eine fliegende Röte in seinem Gesicht aufsteigt.

Das Zimmer war leer.

Friedlich in ruhiger Behaglichkeit bot es sich ihren Blicken, es wies auch nicht das geringste darauf hin, daß hier etwas Besonderes vorgegangen wäre.

Doch halt! Höhnerlein schnüffelt in der Luft.

»Es ist hier Papier verbrannt worden!«

Das Türchen des niederen Kohlenofens ist offen und siehe, auf der kleinen Eisenplatte, auf dem Stahlrost, liegt ein halbverbranntes Blättchen Papier.

»Es ist das gleiche Briefpapier,« sagte der Polizeirat in großer Erregung, »wie das des anonymen Briefs an Rektor Bartenstein.«

Höhnerlein war nicht minder erregt. »Aber die Schrift ist anders ...«

»Sie kommt mir sogar bekannt vor ...«

Höhnerlein hat das Gefühl, als sollte er ersticken, vor atemloser Spannung – und vor Zorn.

»Wer ist hier gewesen?« herrschte er die Vermieterin an.

Frau Karoline Maier warf ihm einen furchtsamen Blick zu. Nun wird man auf mich auch noch Verdacht haben, denkt sie. Es ist entsetzlich. Wenn nur mein Mann noch lebte! »Ein Mädchen ... Ein Dienstmädchen,« stammelte sie, »mit einem Briefchen an den Herrn Doktor.«

Die beiden Beamten kümmerten sich nicht weiter um sie.

»Was hast Du getan? Zwischen uns ist alles aus!« las der Polizeiinspektor mit lauter Stimme. »Fliehe, fliehe, so schnell als möglich, bevor man Dich verhaftet!«

Der Rest des Briefchens war versengt und unleserlich.

Die beiden Männer warfen sich einen Blick des Verständnisses zu, einen Blick zugleich des Zorns und der Enttäuschung.

»Er ist gewarnt worden,« sagte der Polizeirat, »er hat einen Helfershelfer, er ist entkommen!«

»Noch nicht,« entgegnete Höhnerlein ruhig, »noch nicht, Herr Polizeirat! Wir werden ihm folgen!«

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