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Das Rätsel im Inselwalde

Max Dürr: Das Rätsel im Inselwalde - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorMax Dürr
titleDas Rätsel im Inselwalde
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160906
projectid96b5dd5e
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Zehntes Kapitel

»17. Juni 19 ...

Dem Stadtpolizeiamt.

Anläßlich eines Dienstganges brachte ich gerüchtweise in Erfahrung, daß in der Anzeigesache gegen N. N. wegen Mordes beziehungsweise Totschlags, beziehungsweise andrer Straftat, begangen am 13. dieses Monats im sogenannten Inselwald hiesiger Markung ein der Persönlichkeit nach nicht festgestellter Mann zur Sache gehörige Wahrnehmungen gemacht habe.

Demzufolge hörte ich den Gastwirt zum Goldenen Bären, Johann Kübler, welcher mir angab:

›Ich kann zur Sache nichts angeben. Dagegen hörte ich, daß der bei mir als Gast gewesene Schneidermeister Egelhof vielleicht Angaben machen könnte.‹

Demzufolge hörte ich den Schneidermeister Egelhof, welcher mir angab:

›Ich kann zur Sache keine Angaben machen, dagegen soll der mir der Person nach wohlbekannte Schreinermeister Philipp Allmendinger von der Sache wissen.‹

Demzufolge hörte ich den Schreinermeister Philipp Allmendinger, welcher angab:

›Ich ging am 13. dieses Monats nachmittags gegen 5 Uhr stromabwärts auf dem rechtseitigen Ufer spazieren. Plötzlich sah ich auf der mir zugekehrten (westlichen) Seite der sogenannten Insel in einer Lichtung des Weidengebüschs einen Herrn und eine Dame gehen, die alsbald wieder verschwanden. Nach etwa einer Viertelstunde sah ich den Herrn; den ich als solchen an seinem Strohhut bestimmt wieder erkannte, auf der entgegengesetzten Seite die Insel über die kleine Brücke verlassen. Die Dame war nicht mehr bei ihm und habe ich solche nicht mehr gesehen. – Sonst weiß ich nichts anzugeben.‹

Hiervon mache ich Meldung mit dem Anfügen, daß ich weitere Schritte vorerst unterlassen habe.

Schutzmann Selmann.«

 

»Den 17. Juni 19 ...

Dem Stadtpolizeiamt.

Auf die jenseitige telephonische Anfrage beehre ich mich mitzuteilen, daß allerdings verschiedene Personen am 13. dieses Monats nachmittags halb 6 Uhr einen Gegenstand im Strom hinabtreibend gesehen haben wollen, den sie für einen menschlichen Körper hielten. Nach Angabe der Beteiligten war es die Leiche einer mit heller Bluse und dunklem Rock bekleideten Frauensperson, die als besonderes Kennzeichen einen großen mit rotem Band garnierten Strohhut trug und dem Aussehen der Kleidung nach dem dienenden Stande angehörte. Davon, daß die Leiche irgendwo geländet worden sei, ist bisher nichts bekannt geworden.

Bürgermeisteramt Brühl.«

»Was sagen Sie nun dazu, Höhnerlein?« fragte der Polizeirat, nachdem jener die Meldungen noch einmal aufmerksam durchgelesen hatte.

Höhnerlein erschien stark bewegt. »Also Mord,« erwiderte er kurz. »Meiner Ansicht nach liegt nun der strikte Beweis vor.«

Der Polizeirat sah seinen Untergebenen und dieser ihn wieder an. »Sie haben recht, Höhnerlein. Ein Zweifel ist nicht mehr möglich, es stimmt alles. Nun liegt eine lückenlose Kette von Indizien vor.«

»Und der Täter?« sagte Höhnerlein.

»Ja, der Täter?«

Beide Männer sahen einander wieder in die Augen, es blitzte etwas auf in ihren Augen. Sie verstehen einander, ohne daß sie sich mehr zu sagen brauchen ...

Jeder hat einen Verdacht, den er doch nicht sagen mag.

»Was meinten Sie, Höhnerlein?«

»Es ist nichts, Herr Polizeirat. Es ist zu unsinnig.« Höhnerlein geriet geradezu in Verlegenheit. »Aber der Herr Polizeirat wollte mir etwas mitteilen? Gewiß hat der Herr Polizeirat eine Vermutung?«

Nunmehr nahm auch Herr Lemberger eine gleichgültige Miene an. »Lassen Sie das, Höhnerlein. Was mir soeben durch den Kopf ging, ist ein solch vager Verdacht, eine so wenig begründete Idee, daß es nicht der Mühe wert ist, sie zur Sprache zu bringen ... Die Sache liegt leider absolut im Dunkel. Es ist keine Aussicht vorhanden, sie demnächst aufzuklären.«

»Man wird der Staatsanwaltschaft Meldung machen müssen,« bemerkte Höhnerlein bescheiden.

Das ist es, was Lemberger schon lange befürchtet. Er spielt ein großes Spiel. Auf der einen Seite steht die Verpflichtung, den Herrn Oberstaatsanwalt sofort zu benachrichtigen; wenn er zögert, setzt er sich den schwersten Vorwürfen oder gar einer Bestrafung aus, denn daß hier ein Verbrechen geschehen ist, steht fest. Auf der andern Seite reizt ihn die Aussicht, auf eigene Faust vorzugehen, bevor ihm die Staatsanwaltschaft die Führung aus der Hand nimmt ... Hier ist endlich Gelegenheit, sich hervorzutun, seinen Scharfsinn zu zeigen. Gelingt es ihm jetzt, den Täter zu entdecken und so vor den Herrn Oberstaatsanwalt zu treten, so ist ihm die Anerkennung von höherer Seite sicher, dann mag es sein, daß ihm das buntfarbige Seidenbändchen zuteil wird, nach dem – Frau Agathe so lange trachtet, wenn ihm nicht gar Beförderung winkt.

»Ich denke, ich werde noch zuwarten,« erwiderte er nach einiger Überlegung, »ob nicht meine Anordnungen Erfolg haben und Licht in das Dunkel bringen.«

So weit sind also die beiden Männer gekommen, als sich der Schutzmann Häfele meldet.

Es ist schwer zu sagen, was sich in dem Gesicht des Mannes ausdrückt. Ist es Diensteifer, Stolz, Verwirrung, Grauen, Niedergeschlagenheit, Furcht oder alles zusammen? Der Eifer und der Stolz, eine Meldung von Wichtigkeit überbringen zu können, oder Verwirrung und Grauen über ein unerwartetes Ergebnis seiner Nachforschung, Niedergeschlagenheit und Furcht, die aus dem Zweifel über die Richtigkeit dessen entspringen, was er zu sagen hat?

Im übrigen macht er trotz seiner Wohlbeleibtheit eine gute militärische Figur, als er in gerichteter Haltung vor seinen Vorgesetzten tritt.

»Melde dem Herrn Polizeirat, daß ich den Auftrag ausgeführt und bei sämtlichen Messerschmieden und in andern einschlägigen Geschäften das Messer vorgezeigt habe.« Er legte mit einer automatenhaften Gebärde das sorgfältig in Papier gewickelte Corpus delicti auf den Schreibtisch.

»Und das Resultat?«

»Daß keiner das Messer als aus seinem Geschäft stammend bezeichnete mit Ausnahme des Messerschmieds Rotfuß, der es bestimmt wiedererkennen will –«

»Aha,« sagte der Polizeirat.

»Besonders, und weshalb auch seine Angabe glaubhaft sein dürfte,« ergänzte Häfele, »weil sein Name auf der Klinge steht.«

»Aha,« sagte der Polizeirat wieder, aber diesmal in ganz anderm Tone, man könnte ihn verdutzt heißen. »Da hätten wir uns den Gang in die übrigen Geschäfte ersparen können, Höhnerlein!«

Das hat eine bedenkliche Spitze. Der Polizeiinspektor zwinkerte mit den Augen. Doch glücklicherweise war Häfele mit seiner Meldung noch nicht zu Ende.

»Rotfuß will das Messer erst vor einigen Wochen verkauft haben,« fuhr Häfele fort, »und entschuldigen der Herr Polizeirat, aber es ist so unglaubhaft, was er sagt, daß ich es gar nicht aussprechen mag.«

Dabei lächelte Häfele so kindlich unschuldig, daß der Polizeirat bersten möchte vor Arger. »So machen Sie doch, Häfele,« befahl er barsch.

»Er behauptet nämlich, das Messer gehöre dem Herrn Doktor Romuald Lieberich vom hiesigen Lyzeum, Herr Polizeirat!«

Häfele stieß es schnell hervor, seine Meldung war zu Ende. Mit einer gewissen ängstlichen Spannung beobachtete er den Herrn Polizeirat, denn er erwartete nichts andres als eine spöttische Bemerkung oder gar einen ärgerlichen Tadel seines Vorgesetzten.

Aber nichts davon. Helle Überraschung prägte sich in dem Gesicht der beiden andern aus und wieder blitzte es in ihren Augen auf, genau so, wie zuvor, da sie ihren Verdacht nicht äußern wollten, und wieder sehen die beiden Männer einander in die Augen, aber diesmal fest, anhaltend, ohne den Blick abzuwenden.

»Ich halte nicht viel von dem Geschwätz,« sagte Häfele begütigend. »Rotfuß ist ein alter Mann und ein Schwätzer. Jedenfalls täuscht er sich.«

Aber die weiteren Worte blieben ihm im Munde stecken.

»Nein,« sagte der Polizeirat mit starker Stimme, »er täuschte sich nicht.«

»Nein, er täuschte sich nicht,« erklärte fast gleichzeitig der Polizeiinspektor.

Der Polizeirat ist plötzlich in gewaltiger Erregung. Gerade wie damals, als Höhnerlein nach dem Augenschein seine erste scharfsinnige Vermutung aufstellte. Mit schnellen Schritten ging er in seiner Kanzlei auf und ab. Dann blieb er stehen, er hatte sich wieder gesammelt.

»Rotfuß täuscht sich nicht,« wiederholte er. »Ich will Ihnen etwas sagen ...«

Und nun beginnt er nachdrücklich den Aufhorchenden seine Vermutung darzulegen. Schon lange hat er den Lieberich für einen Menschen gehalten, dem nichts Gutes zuzutrauen ist. Er täuscht sich aber selten in seinen Leuten und sein Eindruck ist durch das bestärkt worden, was ihm Oberstudienrat Doktor Bartenstein mitgeteilt hat. Der Doktor ist in letzter Zeit von einer Nervosität, die auffallend ist. Er hat ein gänzlich verändertes Benehmen, wie Bartenstein sagt, er erkennt den bescheidenen, schüchternen Mann von ehedem nicht wieder. Und dazu kommt eine Entdeckung, die Lieberichs Kollege Seybold gemacht hat, und was der Buchhändler Mühlberger zu sagen weiß ... Ist das nicht sonderbar?

»Und dazu kommt,« fällt plötzlich Höhnerlein ein, der sich nicht mehr zurückhalten kann, »was mir heute morgen der Fischer Hofmeister gesagt hat. Er glaube ganz bestimmt in dem jungen gutgekleideten Manne, den er am Tatorte sah, den Dr. phil. Romuald Lieberich wiederzuerkennen.«

»Sagte er das? Sagte er das?« Lemberger wird immer erregter.

»Gewiß,« erwiderte Höhnerlein ruhig. »Und er machte mir die Mitteilung, ohne daß er von meiner Seite irgendwie auf den Lehrer aufmerksam gemacht worden wäre. Ganz von sich aus. Ich wollte es fast beschwören, sagte er.«

»Und was sagen Sie dazu?« Der Polizeirat nahm mit einem hastigen Griff aus einem Aktenumschlag einen Brief. »Diesen Brief hat mir Rektor Doktor Bartenstein übergeben. Er ist von unbekannter Hand in den Schulbriefkasten geworfen worden.«

Alle drei beugten sich über das Schreiben mit seinen wenigen großen, ungeschickt verstellten Schriftzeichen.

»Herr Doktor Lieberich hat etwas angestellt,« las Höhnerlein mit lauter Stimme.

»Das hat ein Knabe geschrieben,« erklärte er sofort bestimmt.

»Sicherlich,« gab Lemberger zur Antwort, »obwohl Herr Bartenstein es energisch bestreitet. Er hält keinen Schüler dessen für fähig und ist der Ansicht, daß ein Machwerk und Racheakt eines Erwachsenen vorliegt, vielleicht sogar des Vaters eines seiner Schüler. Aber er täuscht sich, die kindliche Schrift und die kindliche Ausdrucksweise, beides zusammen, weisen auf einen Knaben hin und ich möchte sogar vermuten, daß es der Knabe ist, den wir selbst auch suchen und der in dieser furchtbaren Angelegenheit eine bisher noch nicht aufgeklärte Rolle gespielt hat. Ich möchte sogar behaupten, daß ich dieses eigenartige lilafarbene Briefpapier schon irgendwo gesehen habe, obgleich es natürlich Fabrikware ist und in großen Mengen hergestellt wird.«

Der Polizeiinspektor prüfte noch einmal sorgfältig die sonderbaren Zeilen.

»Der Herr Polizeirat hat völlig recht und wir werden auch nicht fehl gehen mit der Annahme, daß dieser Knabe in der Schulklasse des Doktor Lieberich selbst zu suchen ist, und es müßte mit dem Kuckuck zugehen, wenn er nicht ermittelt würde.«

»Gewiß werden wir ihn ermitteln, es ist nur eine Frage der Zeit. Für jetzt erscheint mir aber als Hauptsache, daß wir wissen: Was nun? Lieberich war bisher ein unbescholtener junger Mann, dem ein solch grauenhaftes Verbrechen nicht zugetraut werden durfte. Aber diese Verdachtsgründe, diese schweren Verdachtsgründe! Das Zeugnis des Rektors, des Buchhändlers Mühlberger, des Herrn Seybold, des Fischers Hofmeister, des Messerschmieds Rotfuß, und nun dieser Brief! Das kann nicht mehr Zufall sein.«

»Ausgeschlossen,« sagte der Polizeiinspektor.

»Hallo, da kommt Eberle,« unterbrach plötzlich mit halblauter Stimme Häfele, der dem Fenster am nächsten stand und dessen Blick zufällig die Straße gestreift hatte. »Mir scheint, er hat etwas von Wichtigkeit.«

Häfele hatte recht gesehen. Es war der Vizewachtmeister Eberle und er kam spornstreichs auf die Tür des Herrn Polizeirats zu. Sein Antlitz war gerötet von dem schnellen Lauf und keuchend holte er Atem.

»Melde gehorsamst, eine Sache von größter Bedeutung!«

Alle sahen voll Spannung nach dem Neuangekommenen.

Heute ist ein guter Tag, denkt der Polizeirat. Es soll mich wundern, wenn wir nicht in den nächsten Stunden Gewißheit haben, und er ist fast so atemlos wie Eberle und erwartet dessen Bericht.

»Ich gehe die Kantstraße entlang,« sagte Eberle und brachte seine Worte nur mühsam hervor, »plötzlich sehe ich einen Landstreicher, einen Vagabunden, der aus einem Hause herauskommt und das nächste betritt. Sofort kommt mir der Gedanke: Der ist's, kein andrer! Es ist der Stromer vom Inselwäldchen, dieselbe Figur, wie sie Hofmeister beschrieben hat, das sonnverbrannte Gesicht, der zerfetzte Hut, das schmutzige Halstuch. Gerade kommt er wieder aus dem Haus, sogleich bin ich an seiner Seite. ›Zeigen Sie mir Ihre Papiere,‹ sage ich. ›Habe ich nicht,‹ sagt er. ›Wo kommen Sie her,‹ sage ich. ›Aus diesem Hause,‹ sagt er. ›Was haben Sie in diesem Hause zu tun gehabt,‹ frage ich. ›Um Arbeit nachgefragt,‹ gibt er zur Antwort. ›Das wird noch erlaubt sein ...?‹« Eberle muß Atem holen.

»Weiter! Weiter!«

»Das läßt sich nachher noch feststellen, denke ich, ob der Mensch gebettelt hat. Das ist jetzt nicht so wichtig. Am besten ist, ich sage es ihm auf den Kopf zu, daß er letzten Montag auf der Insel war. ›Gewiß,‹ erwidert er, ›das wird wohl nicht verboten sein.‹ ›Und was haben Sie dort gemacht?‹ ›Nichts. Aber wenn es Sie interessiert, dort geht gerade einer um die Ecke, sehen Sie, der feine Herr dort. Fragen Sie einmal diesen Herrn, das ist gescheiter.‹ Und als ich schnellen Schrittes um die Ecke gehe, um nach dem Herrn zu sehen ...«

»Weiter! Weiter!« drängt der Polizeirat. »Wo haben Sie den Vagabunden?«

»Ist der Kerl verschwunden und trotz aller Bemühungen nicht mehr aufzufinden,« berichtet Vizewachtmeister Eberle kleinlaut.

Der Polizeirat ist wütend, außer sich vor Zorn. Er stampft mit dem Fuße, er schlägt sich vor die Stirne. »Das ist himmelschreiend. Herrgott im Himmel! Eine solch bodenlose Dummheit!«

»Der Herr Polizeirat wird entschuldigen,« wendete Eberle zwar noch immer etwas kleinlaut, aber doch mit einiger Festigkeit ein, »es war nicht meine Schuld. Hätte ich mich an den Stromer gehalten, so wäre mir der andre entkommen.«

»Und haben Sie den andern festgehalten?« fragte Lemberger hastig, während er neue Hoffnung schöpfte.

»Gewiß,« antwortete Eberle, »der Herr, den mir der Stromer angab, ging soeben in seine Wohnung. Ich habe ihn ganz genau gesehen. Es war ein Herr vom hiesigen humanistischen Lyzeum –«

»Und heißt Doktor Romuald Lieberich,« ergänzte der Polizeiinspektor mit eisiger Stimme.

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