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Das Rätsel im Inselwalde

Max Dürr: Das Rätsel im Inselwalde - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorMax Dürr
titleDas Rätsel im Inselwalde
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160906
projectid96b5dd5e
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Neuntes Kapitel

Rektor Doktor Bartenstein drückte dem Polizeirate zum Abschied herzlich die Hand.

»Das ist eine ganz ungeheuerliche, unheimliche Geschichte. Aber ich möchte nicht annehmen, daß einer von meinen Schülern dabei beteiligt war.«

Der Polizeirat verstand sehr wohl. Das will kein Schulvorstand zugestehen, weil es dem Rufe der Anstalt schaden kann. »Aber ich muß bemerken,« sagte er mit liebenswürdiger Hartnäckigkeit, »daß nach den Aussagen des Zeugen Hofmeister der Knabe eine Mütze trug, wie sie die Schüler in den Mittelklassen des Lyzeums tragen –«

»Was nicht ausschließt, daß sich dieser Hofmeister getäuscht hat oder daß auch ein andrer Knabe solch eine Mütze trägt,« bemerkte Doktor Hartenstein fein. »Ich will ja die Möglichkeit nicht abstreiten, denn am Montag nachmittag war schulfrei, aber Sie haben ja selbst gesehen, verehrter Herr Polizeirat, daß alle unsre Bemühungen und Nachforschungen vergeblich waren. Es waren heute sämtliche Schüler anwesend und krank gemeldet ist auch keiner. Auf meine Aufforderung, vorzutreten, hat sich niemand gemeldet, obwohl Sie selbst es an weiterer ernstlicher Ermahnung nicht haben fehlen lassen. Ich kann aber nicht glauben, daß einer meiner Schüler derart verstockt wäre ...«

»Gewiß, gewiß,« sagte der Polizeirat etwas zerstreut und nachdenklich. »Das ist allerdings anzunehmen ... Also meinen besten Dank und entschuldigen Sie die unliebsame Störung.«

»Keine Entschuldigung, Herr Polizeirat! Ich weiß, die Pflicht ...«

Damit schüttelten sich die beiden Männer wiederholt herzlich die Hand und trennten sich.

Als Lemberger reichlich spät heim kam, traf er dort eine schwüle Stimmung an.

Die Damen des Hauses saßen festlich geschmückt und aufgeputzt im Wohnzimmer und rührten sich nicht.

Frau Agathe geborene von Grimay trug ein dunkelblaues Seidenkleid, hatte schon ihre neuen blaßgelben Handschuhe übergezogen und einen seidenen gestickten Pompadour am linken Arm hängen und starrte unbeweglich auf die Straße.

Fräulein Blanka dagegen war in unschuldiges Weiß gehüllt, das ihrem sanften frommen Gesicht einen besonderen Liebreiz verlieh. Ihre großen Augen aber sahen leidvoll und mit sprechendem Vorwurf nach dem Kommenden.

Auch Blanka hatte schon als Zeichen, daß sie zum Ausgehen fertig war, ihre langen weißen, bis zum Ellbogen reichenden fünfknöpfigen Glacéhandschuhe angezogen, trug eine kostbare Armspange um das linke Handgelenk und hatte um die feine Büste ein dünnes weißes Seidentuch geschlagen. Ihrer Haartracht war besondere Sorgfalt gewidmet, wie sie üblich ist, wenn junge Mädchen zum Balle geführt werden, aber statt des farbigen Bandes hatte sie sich eine dunkelrote, halbaufgeblühte Rosenknospe in dem reichen Haare befestigt.

Lemberger blieb einen Augenblick überrascht stehen, als er seine Tochter sah.

Das Gesellschaftskleid, der Wechsel der Frisur veränderte ihre ganze Erscheinung und nahm ihr das kindliche, backfischmäßige Aussehen, verlieh ihr eine liebliche Reife. Er wunderte sich selbst, da er jetzt erst sah, daß seine Tochter kein Kind mehr war, und plötzlich fiel ihm wieder ein, was er im Drange des Geschäftes beinahe vergessen hätte, daß heute abend Zusammenkunft im Gesellschaftsgarten war.

»Ah, ihr seid schon fertig,« sagte er und mit einem schwachen Versuche zu scherzen. »Ihr habt euch ja recht schön gemacht.«

»Aber Papa, wie spät du kommst,« entgegnete statt allem andern Fräulein Blanka mit sanftem schmerzlichen Tone.

Frau Agathe geborene von Grimay aber richtete sich hoch auf. »Wenn du dich beeilen wolltest, dich umzukleiden, wäre ich dir dankbar ... Möglicherweise bekommen wir noch einen Platz.«

Das »möglicherweise« reizte und ärgerte den Polizeirat. Er kennt diese Nadelstiche und weiß, daß ein Vorwurf darin liegt. »Ich denke, zuerst kommt das Amt, und nachher das Vergnügen.«

»Gewiß, dieser Grundsatz ist sehr löblich. Bedauerlich ist nur, daß das Amt immer dann am meisten Anforderungen stellt, wenn die Familie wartet, wenn irgend einmal wünschenswert wäre, man könnte eine Stunde erübrigen.«

Das ist lächerlich. Der Polizeirat beginnt große Verstimmung zu zeigen. »Meine Pflicht, Agathe ...«

»Deine Pflicht ist es auch, lieber Mann, daran zu denken, daß du eine Tochter hast, die Ansprüche darauf machen kann, in die Welt eingeführt zu werden. Blanka wird schwer tun, jetzt noch Tänzer zu bekommen.«

Nun hält es aber Fräulein Blanka für richtig, dem armen Papa zu helfen. »O das macht nichts, Mama. Daran liegt mir nicht viel,« sagte sie und errötete leicht. »Das wird sich schon finden.«

»Du willst nicht tanzen, Blanka?« –

Hätte Frau Agathe mehr von den kriminalistischen Fähigkeiten ihres Mannes angenommen, so würde sie hinzusetzen, daß ihr das sehr verdächtig vorkomme. Doch sie hat entschieden keine Anlage dazu. »Du wirst sehen, Blanka,« fuhr sie fort, »wie es geht. Aber ich will keine Tränen sehen, wenn die andern tanzen werden.«

Der Polizeirat ist dankbar, daß er bei seiner Tochter Unterstützung findet. »Darum ist mir nicht bange,« sagte er und blickte mit väterlichem Stolz auf sein liebliches Kind ... »Im übrigen will ich mich beeilen. Ich werde in einem Nu fertig sein. Haltet euch nur bereit, in zehn Minuten werden wir aufbrechen ...«

Aber der Herr Polizeirat täuscht sich bedeutend.

Sich waschen und rasieren, die Wäsche zu wechseln und vom Kopf bis zum Fuß umzukleiden, das bringt der Herr Polizeirat Lemberger nicht in zehn Minuten fertig. Auch nicht in zwanzig Minuten.

Als er endlich wieder zum Vorschein kommt und in das Wohnzimmer zurückkehrt – Frau Agathe ist sprachlos vor Entrüstung und Fräulein Blanka ist nahe daran zu weinen – läßt sich der Oberstudienrat Doktor Bartenstein mit einer dringenden Nachricht anmelden.

»Ich störe doch nicht, Herr Polizeirat? Gewiß komme ich wieder ungeschickt?«

»Durchaus nicht, Herr Oberstudienrat.« Das sind diese Unwahrheiten, die man sich täglich sagt. Tatsächlich könnte er nicht ungeschickter kommen, aber ihm dies zu sagen, ist ja doch nicht angängig, besonders wenn es sich um eine solch wichtige Angelegenheit handelt.

»Mir ist die Geschichte, von der Sie gesprochen haben, im Kopf herumgegangen,« sagte er, während ihn Lemberger in das Empfangszimmer nötigte, »und da fällt mir ein – kaum sind Sie fort – daß ich gestern einen ganz dummen, törichten Brief bekommen habe. Er sieht gerade aus, als hätte ihn einer der Jungen geschrieben und in den Schulschalter geworfen, und so sehr ich mich dagegen wehrte, wurde ich den Gedanken nicht los, der Brief könnte im Zusammenhang stehen mit der Geschichte, wegen der Sie bei mir vorsprachen.«

Der Polizeirat ist ganz Ohr. Nun denkt er nichts andres mehr als an seinen Beruf und an seine Pflicht. Seine Damen und die Zusammenkunft im Gesellschaftsgarten müssen zurückstehen und plötzlich schwebt ihm das Bild vor von einer genialen Lösung des furchtbaren Rätsels, von der Verbreitung seines Ruhms in der Presse, von Auszeichnung, Ehre, Avancement. »Nur eine Minute, Herr Oberstudienrat,« sagte er wichtig und wandte sich zur Tür, »ich will nur meiner Frau und meiner Tochter sagen, daß sie nicht auf mich zu warten brauchen ...«

*

Der Gesellschaftsgarten liegt malerisch auf einer mäßigen Höhe eine halbe Stunde vor den Toren der Stadt.

Es kostet keine große Mühe hinzukommen, man geht auf einer sanften schattigen Steige hinauf und wenn man erst droben ist, genießt man eine wundervolle Aussicht über die ganze Stadt mit ihren Türmen, die sich klein und zierlich vom Horizont abheben, mit dem Strome, der wie ein schmales silbernes Band schimmert, den vielen Brücken, die aussehen, als hätten sie Knaben aus einem Baukasten aufgestellt.

Der große Garten ist voll von Tischen und Bänken, die halbversteckt liegen unter lauschigen Fliederbüschen. In der Mitte des Gartens ist ein runder freier Platz mit feinem kurzgeschorenem Rasen, auf dem getanzt wird. Auch ein kleiner Musikpavillon ist angebracht und es ist der Gesellschaftsgarten an heiteren Sommerabenden ein hübscher Aufenthaltsort.

Am heutigen Abend ist er dicht besetzt.

Aber Frau Agathe geborene von Grimay hat trotzdem noch einen recht hübschen Platz erhalten, wenn er auch schon etwas am Ende des Gartens ist.

Als der Herr Polizeirat Lemberger nach einer langen Unterredung mit Doktor Bartenstein – der alte Herr ist sehr redselig – unter dem Eingangstor des Gartens erschien, bemerkte er es auf der Stelle. Er sah auch sogleich, daß der Stuhl, der für Blanka bestimmt war, leer war, und daß sein Freund, der Buchhändler Mühlberger, und ein hagerer junger Mann seiner Frau Gesellschaft leisteten, während für ihn selbst ein Platz aufbehalten wurde, indem man ihn mit Tüchern, Handschuhen und solchen Dingen belegte.

Nun ging er mit aufrechter, würdevoller Haltung und einem sehr ernsten Gesichte durch die Tischreihen, er versäumte auch nicht, zwar mit großer Höflichkeit, aber mit geziemender Zurückhaltung nach mancherlei Seiten Grüße auszuteilen.

»Ei, was macht der Herr Polizeirat für ein Gesicht,« sagte Mühlberger scherzend zu Frau Agathe. »Er ist immer im Amt, der Herr Gemahl, er kann sich nicht trennen. Ist er wohl zu Hause auch so?«

Frau Agathe lächelte mit schmerzlichem Stolz. »Mein Mann ist überaus pflichteifrig, er gönnt sich niemals Ruhe. Wie oft habe ich ihm schon gesagt, er möchte sich seine Amtsmiene abgewöhnen, wenn er in Gesellschaft geht, aber so sind die Männer.«

Mittlerweile war der Polizeirat am Tische angelangt und begrüßte zuerst seine Gäste und alsdann Frau Agathe.

»Du kommst sehr spät, Eduard,« sagte sie mit leichter Klage und freundlichem Vorwurf.

»Immer im Dienst, immer im Dienst!« warf Mühlberger jokos ein. »Frau Gemahlin hat sich soeben über Sie beklagt, Polizeirätchen.«

Der Polizeirat legte Stock und Hut ab. »Wahrhaftig, Arbeit gerade genug. Und dazu ungemein schwierige Sachen, von einer Nervenaufreibung, die mir allmählich fast zu viel wird.«

»Ah, gewiß diese unheimliche Geschichte? Wie steht nun die Sache? Immer noch keine Aufklärung?«

Der Polizeirat setzte sich. »Ich kann nur sagen, es soll mir lieb sein, wenn es nicht eine recht, recht böse Geschichte absetzt. Die Sachs zieht ihre Kreise.«

»Wirklich?« sagten Frau Agathe, Mühlberger und der hagere junge Mann wie aus einem Munde.

Lemberger suchte ein humoristisches Gesicht zu machen, aber der Versuch mißlang vollständig. »Wenn nur nicht noch Personen besserer Stände darin verwickelt werden! Mehr darf ich nicht sagen.«

»Teufel!« rief der Buchhändler in komischem Entsetzen, »sehen Sie mich nicht so an, Polizeirat! Ich bin unschuldig. Sie wären imstande und würden mich unter Anklage bringen!«

»Da wäre es gerade nötig,« sagte der junge Mann, der auch einmal seinen Witz dazu geben wollte, es war der Geograph des humanistischen Lyzeums, Oberlehrer Seybold, »man machte es, wie mein Kollege Doktor Lieberich.«

»Und wie machte es dieser?« fragte Lemberger interessiert.

Seybold lächelte auf eine unangenehme Weise. »Er beschäftigt sich neuerdings mit kriminalistischen Studien, er ist ungemein umfassend, der Herr Kollege. Geben Sie Obacht, er pfuscht Ihnen noch in das Handwerk, Herr Polizeirat.«

»Wieso? Das verstehe ich nicht.«

»Das glaube ich gerne, das versteht auch kein Mensch, daß ein klassischer Philologe dem modernen Strafgesetzbuch Geschmack abgewinnen kann. Nun machte ich aber die Wahrnehmung, daß Lieberich kürzlich während der lateinischen Anthologie im Strafgesetzbuch las. Er hat es wenigstens aufgeschlagen in der Kathederschublade liegen lassen ... Eine merkwürdige Liebhaberei.«

»Ei warum das?« sagte der Buchhändler. »Das muß heutzutage jedermann kennen. Das beweist nur einen starken Bildungsdrang dieses Herrn, ... Er ist wegen des Buches selbst bei mir gewesen. – Was wünscht der Herr Doktor? frage ich. Vielleicht einen Horaz, ein Tibull? Einen Tacitus, einen Sallust? Die Dramen des Sophokles? Oder die Komödien des Aristophanes? Alles zu Diensten. ›Herr Mühlberger,‹ gibt er zur Antwort und wird rot wie ein junges Mädchen, ›für diesmal suche ich nicht mehr und nicht weniger ... als ein Strafgesetzbuch. Es ist doch vorrätig?‹ Ei natürlich, sage ich. Aber Sie werden doch nicht umsatteln wollen, mein Bester? ›Nicht ganz,‹ sagt er und lächelt ein wenig. ›Aber man weiß nie, wie man es brauchen kann.‹«

»Und da hat er vollkommen recht,« warf der Polizeirat, da Mühlberger etwas weitschweifig wurde, schnell ein, aber in einem solch eigenartigen Tone, daß Frau Agathe ihn erstaunt ansah. »Das schadet niemanden,« setzte er gleichgültiger hinzu. »Wo ist Blanka?«

»Sie ist zu ihren Freundinnen gegangen,« erwiderte Frau Agathe hoheitsvoll. »Ich denke, die jungen Leute werden tanzen wollen.«

Gleich darauf kam die verwitwete Frau Hofrat Beierlein und stattete einen kleinen Besuch ab, worauf die beiden Damen in ein lebhaftes Gespräch über eine dritte Dame gerieten.

Da die Männer sich derart vernachlässigt sahen, begannen sie ihrerseits, sich über gewisse politische Punkte auseinanderzusetzen, und es zeigte sich, daß merkwürdigerweise jeder der Männer den Standpunkt des andern nicht zu billigen vermochte. Auch war der Polizeirat zerstreut und nicht ganz bei der Sache, wie Mühlberger mißbilligend bemerkte, denn Lemberger sah zu wiederholten Malen sehr nachdenklich aus und wurde allmählich schweigsam.

Darüber war Herr Mühlberger sichtlich gekränkt und als die verwitwete Hofrätin ihren Besuch beendete, brach er mit ihr auf, der Geograph aber, dem es zu lange wurde, auf Fräulein Blanka zu warten, sprach den Wunsch aus, sie am Tanzplatze aufzusuchen.

So blieb das Ehepaar allein.

Der Polizeirat bestellte ein Abendessen in dem Gedanken, daß Blanka, wenn sie Hunger hätte, sich von selbst einfinden werde, und als er dasselbe verzehrt hatte, wurde er müde und Frau Agathe geborene von Grimay fing an, Langeweile zu bekommen.

Die jungen Leute hatten zu tanzen begonnen und der Beruf der Ballmutter und des Ballvaters ist sehr unbefriedigend. Erst freut man sich über die Freude der Kinder, dann gedenkt man der eigenen Jugendzeit und wird wehmütig, schließlich wird man verdrießlich und beginnt zu gähnen.

»Ich werde nach Blanka sehen,« sagte Frau Agathe und ging mit der ihr eigenen Würde und Erhabenheit nach dem Tanzplatze.

Mittlerweile geschah aber etwas, was einiges Aufsehen erregte. Ein Schutzmann erschien, suchte nach allen Seiten, fragte an jedem Tische und meldete sich schließlich, nachdem er sich durch das Gewirr zurechtgefunden hatte, bei dem Herrn Polizeirate. Es blieb auch nicht unbemerkt, daß er eine längere Unterredung mit seinem Vorgesetzten hatte und vermutlich eine Nachricht von nicht geringer Bedeutung überbrachte.

Neugierige Köpfe wandten sich nach dem Tische.

Der Herr Polizeirat hat Arbeit.

Er sollte das Vergnügen nicht stören, sagten einige Mißliebige und Nörgler.

Auch Frau Agathe empfand das Unschickliche der Störung, als sie zurückkehrte. »Aber mein Gott, wir sind doch hier nicht im Amt. Das stört ja die ganze Veranstaltung.«

Das sieht auch Lemberger ein. Außerdem ist er selbst kein Freund von Störungen, wenn man in Gesellschaft ist. Morgen ist auch noch ein Tag, denkt er, indem er das Schreiben, das ihm der Schutzmann überbracht hat, in seiner Brusttasche unterbringt.

Damit ist der Mann entlassen. Er macht ein einigermaßen verwundertes Gesicht, aber was er denkt, ist gleichgültig, ein Schutzmann hat überhaupt nicht zu denken, wenn er keinen Befehl dazu hat.

»Er ist ja ein recht gewöhnlicher Mensch, ein Prügelmeister,« sagte Frau Agathe, als sie wieder Platz nahm. »Wenn er wenigstens noch ernste Absichten hätte,« setzte sie dann, bedeutend weniger hoheitsvoll, hinzu.

Lemberger erwachte aus seinen tiefen Gedanken, in die er versunken war. »Von wem sprichst du?«

»Natürlich von Doktor Lieberich. Er tanzt mit Blanka, schon zum zweitenmal.«

Darauf zuckte der Polizeirat zusammen und richtete sich lebhaft auf. »Agathe, das darf nicht sein! Doktor Lieberich ist nicht der passende Mann für unsre Tochter. Untersag' es ihr ein für allemal, mit Lieberich zu tanzen.«

Frau Agathe sah ihren Mann beschwörend an. »Ich bitte dich, mach doch kein Aufsehen! Was ist mit Lieberich? Was weißt du?« –

Nunmehr wird der Polizeirat aufgebracht, ganz unverständlich aufgebracht. Er ist überhaupt in letzter Zeit sehr nervös.

»Nichts weiß ich, nicht das geringste. Aber ich will nicht, daß Blanka mit ihm tanzt!«

Wenn er so spricht, so muß sogar Frau Agathe geborene von Grimay gehorchen, denn sie weiß, daß er in dem Zustande, in dem er sich befindet, imstande wäre, einen Skandal zu machen und um den Preis, dies zu vermeiden, gehorcht sie lieber.

Sie geht also, um Blanka das väterliche Gebot zu überbringen und es dauert gar nicht sehr lange, so kommen Mutter und Tochter zusammen zurück.

Fräulein Blanka sieht entzückend aus in ihrem duftigen weißen Kleidchen, mit der Rose in dem gewellten Haare. Vom Tanzen haben sich ihre Wangen leicht gerötet und ihre großen träumerischen Augen sind lebhafter als sonst, vor Vergnügen.

Sie weiß noch nichts und ist ganz im Glücke. Sie denkt, daß Mama sie ruft, um Papa zu begrüßen.

Sie schickt sich auch alsbald an, dies zu tun, aber Frau Agathe sagt: »Nun kannst du ihr deinen Wunsch selbst mitteilen.«

Es ist ihm sehr unangenehm, aber er kann nun nicht mehr anders und er sagt ihr also sein Verlangen.

Der Erfolg ist schlimm. Fräulein Blanka setzt sich an den Tisch – wenn man sie von den andern Tischen aus beobachtet hätte, würde man sagen, sie sei auf den Stuhl gesunken – aber es beobachtet sie niemand; die liebliche Röte ist von ihren Wangen gewichen und ihre Augen haben auf einmal diesen seligen Glanz verloren. Aber der sanfte Mund ist sehr trotzig geworden.

»Ich sage ja nicht, daß du nicht mehr tanzen sollst, Blanka. Bloß mit Lieberich sollst du nicht mehr tanzen,« sagte Papa Lemberger ärgerlich.

»So tanze ich überhaupt nicht mehr,« erwiderte das sonst so gefügige Töchterchen heftig.

Plötzlich aber weicht der trotzige Zug in ihrem Gesichtchen und der Mund wird weich, und nun wird auch der Nebentisch aufmerksam, wie Frau Agathe mit Entsetzen bemerkt, denn Fräulein Blanka beginnt zu weinen.

»Gehen wir nach Hause,« sagte Frau Agathe.

Der Polizeirat gab den ihm eigenen grunzenden Ton von sich, aber diesmal war es volle Zustimmung, und die Familie Lemberger brach sehr schnell auf.

Ein häßlicher Abend und er hatte so schön begonnen!

Draußen vor dem Tore des Gesellschaftsgartens wartete ihrer noch eine kleine Überraschung.

Dort steht Höhnerlein und harrt mit Schmerzen, bis der Herr Polizeirat kommt, weil er nicht gewagt hat, hier einzudringen.

»Hat der Herr Polizeirat die Meldung bekommen? Was meint der Herr Polizeirat, daß man tun soll?«

Aber Höhnerlein hat den Zeitpunkt für die Betätigung seines Diensteifers sehr schlecht getroffen.

Der Polizeirat verkannte den redlichen Eifer des Polizeiinspektors völlig, er ärgerte sich über diese Aufdringlichkeit.

Darum fertigte er seinen Vertrauten kurz ab. »Das wird sich zeigen,« sagte er verstimmt, »Sie werden es morgen früh erfahren, Höhnerlein.«

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