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Das Postamt

Rabindranath Tagore: Das Postamt - Kapitel 3
Quellenangabe
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typedrama
authorRabindranath Tagore
titleDas Postamt
publisherKurt Wolff Verlag
printrun14.?23. Tausend
translatorHedwig Lachmann und Gustav Landauer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090811
projectid158df39b
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Erster Akt

Schauplatz: Madhavs Haus

Madhav. Der Arzt.

Madhav In was für einem Zustand bin ich! Ehe er kam, fehlte mir nichts; ich fühlte mich so frei. Nun aber, wo er gekommen ist, der liebe Himmel weiß, woher, ist mein Herz angefüllt von seinem teuren Ich; und mein Heim wird kein Heim sein, wenn er fortgeht. Doktor, meint Ihr, er –

Arzt Wenn in seinem Schicksalsbuch Leben geschrieben steht, dann wird er lange leben. Aber nach dem, was die medizinischen Schriften sagen, scheint es –

Madhav Großer Himmel, was?

Arzt Die Schriften sagen: »Galle oder Schlagfluß, Erkältung oder Gicht entspringen alle gleicherweis –«

Madhav O geht, werft mir Eure Schriften nicht an den Kopf; Ihr macht mich nur ängstlicher; sagt mir, was ich tun kann.

Arzt eine Prise nehmend. Der Patient muß die sorgsamste Pflege haben.

Madhav Das ist wahr; aber sagt mir, in welcher Art.

Arzt Ich habe schon erwähnt, unter keinen Umständen darf er ins Freie gelassen werden.

Madhav Armes Kind! Es ist sehr hart, ihn den ganzen Tag ins Zimmer einzusperren.

Arzt Was bleibt Euch andres übrig? Herbstsonne und Nebel sind beide sehr gefährlich für den kleinen Burschen – denn in den Schriften steht: »Bei Keuchen, Ohnmächten oder nervösen Zuständen, bei Gelbsucht oder glanzlosen Augen –«

Madhav Laßt die Schriften in Ruhe, bitte. Ja, dann müssen wir das arme Kerlchen einschließen. Gibt es keine andre Behandlung?

Arzt Gar keine – denn »Bei Wind und Sonne –«

Madhav Was soll mir Euer »bei dem und bei jenem« jetzt helfen? Warum laßt Ihr sie nicht beiseite und kommt gerade zur Sache? Was ist also zu tun? Eure Behandlung ist sehr, sehr hart für den armen Jungen; und dabei ist er so ruhig bei all seiner Krankheit und seinen Schmerzen. Es zerreißt mir das Herz, ihn zucken zu sehen, wenn er Eure Arznei nimmt.

Arzt Je mehr er zuckt, um so sicherer ist die Wirkung. Darum bemerkt der weise Tschyabana: »Bei Arzneien wie bei guten Ratschlägen gilt: die besten sind die, die am schlechtesten schmecken.« Ach ja! ich muß jetzt machen, daß ich fortkomme.

Geht. Väterchen tritt ein.

Madhav O je, verdammt noch mal, da kommt nun gerade Väterchen.

Väterchen Nun, nun, ich beiß dich ja nicht.

Madhav Nein, aber du bist ein Teufelskerl, wenn es gilt, Kindern die Köpfe zu verdrehen.

Väterchen Aber du bist kein Kind und hast kein Kind im Haus; also, warum regst du dich auf?

Madhav O doch, ich hab ein Kind ins Haus gebracht.

Väterchen Wirklich, wieso denn?

Madhav Du weißt doch noch, wie brennend mein Weib danach verlangte, ein Kind anzunehmen?

Väterchen Ja, aber das ist eine alte Geschichte; du wolltest nichts davon wissen.

Madhav Du weißt, Freund, wie schwer es immer war, all dies Geld zusammenzukratzen. Und da sollte das Kind eines andern angesegelt kommen und all das Geld, das mit so viel Not verdient worden war, durchbringen. Oh, ich haßte den Gedanken.

Aber dieser Junge hängt mir so wunderlich am Herzen –

Väterchen So, da sitzt der Haken; und dein Geld geht alles für ihn drauf und ist kreuzfidel, daß es überhaupt gehen darf.

Madhav Früher war Verdienen eine Art Leidenschaft bei mir; ich konnte einfach nicht anders, mußte für Geld arbeiten. Jetzt verdiene ich Geld, und da ich weiß, daß es alles für dieses liebe Kind ist, wird das Geldverdienen eine Freude für mich.

Väterchen Ah, so ist's recht! Und wo hast du ihn aufgelesen?

Madhav Er ist der Sohn eines Mannes, der vom selben Dorf stammte wie mein Weib. Seine Mutter hat er schon als kleines Kind verloren; und jetzt vor kurzem ist ihm auch der Vater gestorben.

Väterchen Armes Kerlchen: und also braucht er mich um so mehr.

Madhav Der Doktor sagt, alle Organe seines Körperchens sind miteinander im Streit, und es ist nicht viel Hoffnung für sein Leben. Es gibt nur einen Weg ihn zu retten, nämlich ihn vor Herbstwind und Sonne zu behüten.

Aber vor dir muß man Angst haben: Du hast in deinem Alter immer noch deine Lust daran, die Kinder ins Freie zu locken!

Väterchen Ei, Gott behüte! So bin ich schon so schlimm wie Herbstwind und Sonne! Aber Freundchen, ich verstehe mich auch so ein bißchen auf das Spiel, sie in der Stube zu halten. Wenn mein Tagewerk vorbei ist, komm ich herein, um mit deinem Kind da Freundschaft zu schließen.

Ab. Amal tritt ein.

Amal Onkel, hör doch, Onkel!

Madhav Holla! Bist du's, Amal?

Amal Darf ich gar nicht aus dem Hof heraus?

Madhav Nein, mein Lieber, nein.

Amal Aber schau, da, wo die Tante Linsen in ihrer Mühle schrotet, sitzt das Eichhörnchen und hat den Schweif aufgerichtet, und mit seinen winzigen Händchen liest es die Linsenkörnerchen auf und zerbeißt sie. Darf ich nicht hinlaufen?

Madhav Nein, mein Liebling, nein.

Amal Ich wollt, ich wär ein Eichhörnchen – das wär lustig. Onkel, warum willst du mich nicht hinauslassen?

Madhav Der Doktor sagt, es ist schädlich für dich, draußen zu sein.

Amal Wie kann der Doktor das wissen?

Madhav Was sagst du da! Der Doktor sollte es nicht wissen, wo er so dicke Bücher liest!

Amal Sagt seine Bücherweisheit ihm alles?

Madhav Natürlich, das will ich meinen.

Amal seufzend. Ach, ich bin so dumm! Ich kann keine Bücher lesen.

Madhav Nun, mußt du bedenken, sehr, sehr gelehrte Leute sind alle so dran wie du; sie gehen nie ins Freie.

Amal Wirklich nicht?

Madhav Nein, wie können sie? Früh und spät schinden und schuften sie über ihren Büchern und haben für nichts anderes Augen. Nun, mein kleiner Mann, du sollst gelehrt werden, wenn du erwachsen bist; und dann wirst du zu Hause sitzen und so dicke Bücher lesen, und die Leute werden von dir reden und werden sagen, er ist ein Wunder.

Amal Nein, nein, Onkel; ich bitte dich fußfällig – ich will nicht gelehrt werden, ich mag nicht.

Madhav Aber Kind, es wäre ein großes Glück für mich gewesen, wenn ich hätte studieren können.

Amal Nein, ich möchte lieber herumgehen und alles sehen, was da ist.

Madhav Nun hör ihn einer! Sehen! Was willst du denn sehen, was ist da so viel zu sehen?

Amal Den fernen Berg möcht' ich sehen, den man von unserm Fenster aus sieht – ich habe oft das Verlangen, hinter diese Berge zu gehen und dann geradeaus weiter.

Madhav O du Schäfchen! Als ob es nichts weiter zu tun gäbe, als gerade auf die Spitze dieses Bergs zu steigen und dann in die Welt! Ei! Du redest unklug, mein Junge. Nun hör' zu, sintemal dieser Berg da aufrecht steht wie eine Schranke, bedeutet er, du kannst nicht hinüber kommen. Was hätte es sonst für einen Sinn, so viele große Steine zu solch einem Riesending aufeinanderzutürmen, he?

Amal Onkel, meinst du, es ist dazu da, uns am Hinüberkommen zu hindern? Mich dünkt, weil die Erde nicht sprechen kann, hebt sie ihre Hände zum Himmel auf und winkt. Und die Leute, die weit in der Ferne wohnen und allein am Fenster sitzen, können das Zeichen sehen. Aber ich denke mir, die Gelehrten –

Madhav Nein, sie haben für die Art Unsinn keine Zeit. Sie sind nicht närrisch wie du.

Amal Weißt du, gestern traf ich einen, der war gerade so närrisch wie ich.

Madhav Meiner Seel', wirklich, wieso?

Amal Er hatte einen Bambusstab über der Schulter, an dessen Ende ein Bündelchen hing, und einen Messingtopf in der linken Hand und ein altes Paar Stiefel an; und er ging durch die Wiese hier, gerade auf die Berge dort los. Ich rief ihn an und fragte: »Wohin gehst du?« Er antwortete: »Ich weiß nicht, irgendwohin!« Ich fragte wieder: »Warum gehst du?« Er sagte: »Ich gehe aus und suche Arbeit.« Sag, Onkel, mußt du auch Arbeit suchen?

Madhav Natürlich muß ich das. Es gibt viele, die sich nach Arbeit umsehen.

Amal Wie schön! Ich will auch umhergehn wie sie und etwas zu tun suchen.

Madhav Nimm an, du suchst und findest nichts. Dann –

Amal Wär das nicht lustig? Dann ginge ich weiter! Ich sah zu, wie der Mann mit seinem Paar zerrissenen Schuhen langsam des Wegs ging. Und als er dahin gekommen war, wo das Wasser unter dem Feigenbaum fließt, machte er halt und wusch seine Füße im Strom. Dann nahm er etwas Bohnenmehl aus seinem Bündel, netzte es mit Wasser und machte sich ans Essen. Dann knüpfte er sein Bündel wieder zu und schulterte es wieder; schürzte seine Kleider bis über die Knie hoch und watete durch den Strom. Ich habe Tante gebeten, sie möchte mich auch an den Strom gehen und mein Bohnenmehl dort essen lassen, gerade wie er es tat.

Madhav Und was hat deine Tante dazu gesagt?

Amal Tante sagte: »Werde gesund, und dann will ich mit dir dahin gehen.« Bitte, Onkel, wann werde ich gesund sein?

Madhav Es wird nicht lange dauern, mein Liebling.

Amal Wirklich? Aber dann will ich in dem Augenblick, wo ich wieder wohl bin, schnurstracks fortgehn.

Madhav Und wohin willst du gehn?

Amal Oh, ich will fortwandern, über so viele Ströme weg und durchs Wasser waten. Alle werden sie hinter verschlossenen Türen in der Hitze des Tages schlafen, und ich will immer weiter stapfen, immer weiter, und Arbeit suchen, weit, weit weg.

Madhav Sieh' mal an! Aber ich meine, du tätest besser, erst gesund zu werden, dann –

Amal Aber dann verlangst du nicht, daß ich gelehrt werde, nicht wahr, Onkel?

Madhav Was möchtest du denn lieber werden?

Amal Jetzt eben fällt mir noch nichts ein; aber ich will es dir später sagen.

Madhav Nun gut. Aber vergiß nicht, du darfst nicht wieder Fremden nachrufen und mit ihnen reden.

Amal Aber ich rede so gern mit Fremden!

Madhav Wenn sie dich nun gestohlen hätten?

Amal Das wäre fein gewesen! Aber nie nimmt mich jemand mit fort. Sie wollen alle, daß ich hier sitzen bleibe.

Madhav Ich muß fort zur Arbeit – aber Liebling, du wirst nicht hinausgehen, hörst du?

Amal Nein, ich geh nicht. Aber Onkel, ich darf doch in diesem Zimmer an der Straßenseite bleiben.

Madhav geht hinaus.

Milchmann Dicke Milch, dicke Milch, schöne dicke Milch!

Amal Milchmann, he, Milchmann!

Milchmann Warum rufst du mich? Willst du dicke Milch kaufen?

Amal Wie kann ich kaufen? Ich hab kein Geld.

Milchmann Was für ein Junge! Warum rufst du dann? Puh! Was für eine Zeitvergeudung.

Amal Ich möchte mit dir gehn, wenn ich könnte.

Milchmann Mit mir?

Amal Ja, mir ist, als bekäme ich Heimweh, wenn ich dich von weitem auf der Straße rufen höre.

Milchmann nimmt seine Trage ab

Was tust du denn hier, mein Kind?

Amal Der Doktor sagt, ich soll nicht hinausgehen, so sitze ich den ganzen Tag hier.

Milchmann Armes Kind, was ist denn mit dir?

Amal Ich kann's nicht sagen. Ich bin nicht gelehrt, weißt du, daher weiß ich nicht, was das mit mir ist. Sag, Milchmann, woher kommst du?

Milchmann Von unserm Dorf.

Amal Dein Dorf? Ist das sehr weit?

Milchmann Unser Dorf liegt am Schamlifluß am Fuß der Pantschmura-Berge.

Amal Pantschmura-Berge! Schamlifluß! Ich möchte wissen – vielleicht hab ich dein Dorf gesehen. Ich weiß nur nicht mehr, wann wohl!

Milchmann Hast du's gesehen? Warst du am Fuß dieser Berge?

Amal Niemals. Aber mir ist, ich erinnere mich, es gesehen zu haben. Dein Dorf liegt unter ein paar sehr alten dicken Bäumen, dicht neben der roten Straße – ist's nicht so?

Milchmann Das stimmt, mein Kind.

Amal Und am Berghang grasen die Kühe.

Milchmann Wie wunderbar! Grasende Kühe in unserm Dorf! Ja freilich, die gibt es da!

Amal Und eure Frauen mit ihren roten Saris holen in ihren Krügen Wasser aus dem Fluß und tragen sie auf dem Kopf nach Hause.

Milchmann Ganz recht. Frauen aus unserm Sennerdorf kommen und holen ihr Wasser vom Fluß; aber es hat nicht eben jede einen roten Sari anzulegen.

Aber, liebes Kind, sicher bist du einmal auf einem Spaziergang dahingekommen.

Amal Nein, wirklich, Milchmann, gar nie bin ich dort gewesen. Aber am ersten Tag, wo der Doktor mich ausgehen läßt, mußt du mich in dein Dorf mitnehmen.

Milchmann Das will ich tun, mein Kind, mit Vergnügen.

Amal Und du wirst mich lehren, dicke Milch auszurufen, und die Trage so wie du auf die Schultern zu nehmen und die lange lange Straße zu wandern.

Milchmann Du meine Güte, hat man je so was gehört? Warum solltest du dicke Milch verkaufen? Nein, du wirst in dicken Büchern lesen und ein Gelehrter werden.

Amal Nein, nie will ich ein Gelehrter werden – ich will sein wie du und meine dicke Milch vom Dorf an der roten Straße neben dem alten Feigenbaum holen und will sie von Hütte zu Hütte ausrufen. Oh, wie rufst du aus – »Dicke Milch, dicke Milch, schöne dicke Milch!« Bring mir die Melodie bei, ja, willst du?

Milchmann Aber Kind, dir die Melodie beibringen – was für ein Gedanke!

Amal Bitte, tu es. Ich hör' sie so gern. Ich kann dir nicht sagen, wie wunderlich mir wird, wenn ich dich von der Straßenbiegung her ausrufen höre, diese Allee herunter! Weißt du, da wird mir, wie wenn ich den schrillen Ruf der Weihe fast vom höchsten Himmel herunter höre.

Milchmann Liebes Kind, willst du etwas dicke Milch haben? Ja, nimm!

Amal Ich hab ja kein Geld.

Milchmann Nein, nein, nicht von Geld reden! Du wirst mich so glücklich machen, wenn du mir etwas von meiner Milch abnimmst.

Amal Sage, hab ich dich zu lange aufgehalten?

Milchmann Nicht ein bißchen; ich habe nichts dabei eingebüßt. Du hast mich gelehrt, wie man glücklich sein kann, wenn man dicke Milch verkauft.

Ab.

Amal im Singsangton

Dicke Milch, dicke Milch, schöne dicke Milch vom Sennerdorf, vom Land der Pantschmura-Berge am Ufer des Schamli. Dicke Milch, schöne dicke Milch; am frühen Morgen treiben die Frauen die Kühe unter die Bäume, daß sie in einer Reihe stehn, und melken sie, und am Abend stellen sie die Milch auf, daß sie dick wird. Dicke Milch, schöne dicke Milch. Hallo, da ist der Wachmann auf seiner Runde. Wachmann, hör' einmal, komm her, sprich mit mir!

Wachmann Was ist denn das für ein Geschrei! Hast du keine Angst vor meinesgleichen?

Amal Nein, warum sollt' ich?

Wachmann Und wenn ich dich jetzt abführe?

Amal Wohin willst du mich mitnehmen? Ist es sehr weit, noch jenseits der Berge?

Wachmann Und wenn ich dich geradewegs dem König vorführe?

Amal Dem König! Tu das, ja! Aber der Doktor wird mich nicht ausgehen lassen. Kein einziger Mensch darf mich mitnehmen. Ich muß den ganzen Tag hierbleiben.

Wachmann Der Doktor wird dich nicht lassen, armer Bursch! Ich merke! dein Gesicht ist blaß, und du hast dunkle Ringe um die Augen. Deine Adern treten aus deinen magern Händchen heraus.

Amal Möchtest du nicht den Gong schlagen, Wachmann?

Wachmann Die Zeit ist noch nicht da.

Amal Wie seltsam. Manchmal sagen sie: Die Zeit ist noch nicht da, und manchmal: Die Zeit ist vorbei. Aber gewiß kommt deine Zeit in dem Augenblick, wo du den Gong schlägst!

Wachmann Das kann nicht sein; ich schlage den Gong nur, wenn es an der Zeit ist.

Amal Ja, ich höre deinen Gong so gern! Wenn es Mittag ist und unser Mahl vorbei ist, geht Onkel zu seiner Arbeit fort und Tante nickt über dem Lesen ihres Ramayana ein, und im Hof unter dem Schatten der Mauer schläft unser Hündchen und steckt die Schnauze in seinen zusammengeringelten Schwanz; dann fängt dein Gong an loszulegen »Dong, dong, dong!« Sag' mir, warum tönt dein Gong?

Wachmann Mein Gong tönt, um dem Volk zu sagen: Die Zeit wartet auf keinen, sondern geht immer weiter.

Amal Wohin, in welches Land?

Wachmann In das Land, das niemand kennt.

Amal Dann denk ich mir, es ist nie jemand dagewesen! Oh, ich möchte mit der Zeit in das Land fliegen, von dem niemand etwas weiß.

Wachmann Wir alle haben eines Tages hinzugehn, mein Kind.

Amal Ich auch?

Wachmann Ja, du auch.

Amal Aber der Doktor wird mich nicht hinlassen.

Wachmann Eines Tags mag der Doktor dich bei der Hand nehmen und dahin geleiten.

Amal Er wird es nicht tun, du kennst ihn nicht. Er sperrt mich nur immer ein.

Wachmann Einer, der größer ist als er, kommt und läßt uns frei.

Amal Wann wird dieser große Doktor zu mir kommen? Ich kann nicht mehr hier drinnen hocken.

Wachmann Du solltest nicht so reden, mein Kind.

Amal Nein, ich bin hier, wo sie mich gelassen haben – ich rühre mich nie von der Stelle. Wenn aber dein Gong anfängt: dong, dong, dong, das dringt mir ins Herz. Sag mal, Wachmann?

Wachmann Ja, mein Lieber.

Amal Sag, was geht in dem großen Haus auf der andern Seite vor, wo eine Fahne hoch oben flattert und die Leute immer ein- und ausgehn?

Wachmann Oh, dort? Das ist unser neues Postamt.

Amal Postamt! Wessen Postamt?

Wachmann Wessen? Nun, des Königs natürlich!

Amal Kommen Briefe von dem König an sein Amt hier?

Wachmann Gewiß. Eines schönen Tags mag ein Brief für dich da sein.

Amal Ein Brief für mich – Aber ich bin nur ein kleiner Junge.

Wachmann Der König schickt ganz kleine Briefchen an kleine Jungen.

Amal O wie herrlich! Wann werde ich meinen Brief bekommen? Woher weißt du, daß er mir schreibt?

Wachmann Warum sollte er denn sonst sein Postamt hier gerade deinem offenen Fenster gegenüber hinstellen und die goldene Fahne flattern lassen?

Amal Aber wer wird mir meinen Königsbrief bringen, wenn er kommt?

Wachmann Der König hat viele Postboten – siehst du sie nicht herumlaufen mit runden Goldschildern auf der Brust?

Amal Ja, wohin gehen sie?

Wachmann Oh, von Tür zu Tür, durchs ganze Land.

Amal Ich will des Königs Postbote werden, wenn ich groß bin.

Wachmann Ha! ha! Postbote, wahrhaftig! Bei Regen und Sonnenschein, an Reich oder Arm, von Haus zu Haus Briefe bestellen – das ist ein sehr wichtiges Amt!

Amal Das möcht' ich am liebsten. Warum lächelst du so? O ja, dein Amt ist auch wichtig. Wenn es überall stille ist in der Mittagshitze, dann tönt dein Gong: dong, dong, dong: – und manchmal, wenn ich nachts ganz plötzlich aufwache und unsre Lampe nicht mehr brennt, kann ich durch die Finsternis deinen Gong langsam tönen hören: dong, dong, dong!

Wachmann Da ist der Vorsteher! Ich muß machen, daß ich fortkomme. Wenn er mich beim Schwatzen erwischt, gibt's ein großes Trara.

Amal Der Vorsteher? Wo herum ist er?

Wachmann Grad da drunten auf der Straße; siehst du den riesigen Palmblätterschirm daherhüpfen? Das ist er!

Amal Hat ihn wohl der König hier zu unserm Vorsteher ernannt?

Wachmann Ihn ernannt? O nein! Den lärmenden Wichtigtuer! Er kennt so viele Wege, sich unbeliebt zu machen, daß ihn alle fürchten. Seinesgleichen hat ordentlich seine Lust daran, jedem Menschen Verdruß zu machen. Ich muß jetzt sehn, daß ich fortkomme! Darf die Arbeit nicht warten lassen, weißt du! Will morgen früh wieder vorsprechen und dir alle Neuigkeiten aus der Stadt erzählen.

Ab.

Amal Es wäre herrlich, jeden Tag einen Brief vom König zu bekommen. Ich will sie hier am Fenster lesen. Aber oh! Ich kann nicht Geschriebenes lesen. Wer wird sie mir nur vorlesen? Tante liest ihr Ramayana; vielleicht kennt sie die Schrift des Königs. Wenn keiner will, muß ich sie gut aufheben und sie lesen, wenn ich groß bin. Aber ob der Postbote mich finden kann?

Vorsteher, Herr Vorsteher, hast du einen Augenblick Zeit?

Vorsteher Wer schreit auf der Straße hinter mir her? – Oh, du bist das, elender Strick?

Amal Du bist der Vorsteher. Jeder hört auf dich.

Vorsteher geschmeichelt aussehend. Ja, o ja, das tun sie! Sie müssen!

Amal Hören die Postboten des Königs auf dich?

Vorsteher Sie müssen. Donnerja, ich wollte mal sehn –

Amal Willst du dem Postboten sagen, daß es Amal ist, der hier am Fenster sitzt?

Vorsteher Was soll das für einen Sinn haben?

Amal Im Fall ein Brief für mich da ist.

Vorsteher Ein Brief für dich? Wer in aller Welt soll dir schreiben?

Amal Wenn es nun der König täte?

Vorsteher Ha! ha! Was du für ein ungewöhnliches Bürschchen bist! Ha! ha! Der König, wahrhaftig, bist du nicht sein Busenfreund, he? Ihr habt euch seit langem nicht gesehen, und dem König bangt es nach dir, ganz sicher. Warte bis morgen, dann bekommst du deinen Brief.

Amal Sage, Vorsteher, warum sprichst du in diesem Ton mit mir? Bist du böse?

Vorsteher Auf mein Wort! Böse, in der Tat! Du an den König schreiben! Madhav ist neuerdings mächtig geschwollen. Er hat ein bißchen was auf die hohe Kante gelegt; und nun reden seine Leute alle Tage von Königen und Padischahs. Ich soll ihn nur einmal kriegen, er soll mir tanzen. Oh, du – du Tropf! Ich will dir dafür sorgen, daß du einen Brief des Königs ins Haus bekommst – wahrhaftig, ich will dir's besorgen!

Amal Nein, nein, bitte, bemüh dich nicht selbst darum.

Vorsteher Und warum nicht, wenn's beliebt? Ich werde dem König über dich berichten, und es wird nicht lange dauern. Einer seiner Diener wird sich bald nach dir erkundigen. Madhavs Unverschämtheit ist wahrhaft verblüffend. Wenn der König davon hört, wird ihm von seinem Aberwitz etwas ausgetrieben werden.

Ab.

Amal nach außen redend Wer geht denn dort? Wer bist du denn? Wie deine Fußspangen klingeln! Verweil' ein wenig, willst du?

Ein Mädchen tritt auf

Mädchen Ich hab keinen Augenblick Zeit; es ist schon spät!

Amal Ich verstehe, daß du nicht verweilen möchtest; ich bleibe auch nicht gern hier.

Mädchen Du kommst mir vor wie ein später Stern am Morgen! Was ist nur mit dir?

Amal Ich weiß nicht; der Doktor will mich nicht hinauslassen.

Mädchen O weh! Dann geh nur nicht! Mußt auf den Doktor hören. Man wird böse mit dir sein, wenn du unartig bist. Ich kann mir denken, wie das ewige Hinaussehen dich müde macht. Ich will dir das Fenster ein wenig zumachen.

Amal Nein, tu das nicht, nur dies eine ist offen. Alle andern sind zu. Aber willst du mir sagen, wer du bist? Mir ist, ich kenne dich nicht.

Mädchen Ich bin die Sudha.

Amal Was für eine Sudha?

Sudha Weißt du nicht? Die Tochter des Blumenhändlers hier.

Amal Und was tust du?

Sudha Ich pflücke Blumen in meinen Korb.

Amal Oh! Blumenpflücken! Darum scheinen deine Füße so froh und klingeln deine Glöckchen so lustig, wenn du einhergehst. Ich wollte, ich könnte auch hinaus. Dann würde ich dir von den allerhöchsten Zweigen, die man gar nicht mehr sieht, ein paar Blüten holen.

Sudha Wolltest du wirklich? Verstehst du so viel von Blumen wie ich?

Amal Jawohl, gerade so viel. Ich weiß auch alles von Tschampa aus dem Märchen und seinen sieben Brüdern. Wenn ich nur dürfte, ich ginge gleich in den dichten Wald, wo man nicht Weg noch Steg mehr finden kann. Und wo der honigschlürfende Kolibri sich auf dem Ende des dünnsten Zweiges schaukelt, will ich zu einer Tschampa erblühen. Möchtest du meine Schwester Parul sein?

Sudha Du bist dumm! Wie kann ich Schwester Parul sein, wenn ich Sudha bin und meine Mutter Sasi die Blumenhändlerin ist? Ich habe so viele Kränze den Tag über zu flechten. Es wäre fein, wenn ich hier müßiggehen könnte wie du!

Amal Was tätest du dann den lieben langen Tag?

Sudha Oh, ich könnte große Feste feiern mit meiner Puppe Benay, das wäre die Braut, und Meni dem Kätzchen und – aber, hör' mal, es wird spät, und ich darf nicht verweilen, sonst finde ich keine einzige Blume.

Amal Oh, bleib noch ein bißchen; das ist so schön!

Sudha Aber nein – nun darfst du nicht unartig sein. Sei brav und sitze still, und auf meinem Rückweg nach Hause mit den Blumen will ich vorbeikommen und mit dir schwatzen.

Amal Und du schenkst mir dann eine Blume?

Sudha Nein, wie kann ich? Man muß dafür zahlen.

Amal Ich werde zahlen, wenn ich groß bin – ehe ich fortgehe und mich jenseits des Stroms dort nach Arbeit umsehe.

Sudha Also gut denn.

Amal Und du wirst zurückkommen, wenn du deine Blumen hast?

Sudha Ja, ich komme.

Amal Du kommst, wahrhaftig?

Sudha Ja, ich komme.

Amal Du wirst mich nicht vergessen? Ich bin Amal, vergiß es nicht.

Sudha Ich vergesse dich schon nicht, du sollst sehen.

Ab. Eine Schar Knaben tritt auf.

Amal Sagt, Brüder, wo wollt ihr alle hin? Bleibt ein bißchen hier.

Ein Knabe Wir wollen spielen gehn.

Amal Was wollt ihr denn spielen, Brüder?

Ein Knabe Wir wollen Pflügen spielen.

Ein zweiter Knabe einen Stecken vorweisend Das ist unsre Pflugschar.

Ein dritter Knabe Wir zwei sind das Ochsengespann.

Amal Und ihr wollt den ganzen Tag spielen!

Ein Knabe Ja, den ganzen Tag.

Amal Und abends, wenn ihr heimgeht, kommt ihr auf der Straße am Flußufer entlang?.

Ein Knabe Ja.

Amal Kommt ihr auf dem Heimweg an unserm Haus vorbei?

Ein Knabe Komm heraus und spiel' mit uns, ja?

Amal Der Doktor will mich nicht hinauslassen.

Ein Knabe Der Doktor! Kümmerst du dich denn wirklich um das, was der Doktor sagt? Wir wollen gehn; es wird spät.

Amal Geht nicht. Spielt auf der Straße in der Nähe meines Fensters. Ich kann euch dann zusehen.

Ein Knabe Was können wir denn da spielen?

Amal Mit all meinen Spielsachen, die da herumliegen. Hier sind sie, nehmt sie. Ich kann nicht allein spielen. Sie werden nur schmutzig und haben keinen Wert für mich.

Knaben Wie famos! Was für feine Spielsachen! Sieh mal, ein Schiff. Da, das ist die alte Mutter Jatai. Ist das nicht ein prächtiger Zinnsoldat? Und die sollen wir alle haben? Du machst dir wirklich nichts draus?

Amal Nein, nicht ein bißchen; nehmt sie nur ja bestimmt!

Ein Knabe Du willst sie nicht zurückhaben?

Amal O nein, ich brauche sie nicht.

Ein Knabe Sag' einmal, wirst du nicht darum gescholten werden?

Amal Niemand wird mich schelten. Aber wollt ihr jeden Morgen ein Weilchen damit vor unsrer Tür spielen? Ich werde euch neue verschaffen, wenn diese alt sind.

Ein Knabe O ja, das wollen wir. Also hört, stellt diese Zinnsoldaten in Reih und Glied. Wir wollen Krieg spielen; wo nehmen wir eine Flinte her? Oh, seht her, das Stück Rohr hier tut es wunderschön. Aber nein, du bist ja drauf und dran, einzuschlafen.

Amal Ich fürchte, ich bin schläfrig. Ich weiß nicht, das kommt manchmal so. Ich habe lange Zeit gesessen und bin müde; der Rücken tut mir weh.

Ein Knabe Jetzt ist's kaum Mittag. Wie kommt es, daß du schläfrig bist? Horch! Der Gong zeigt das Ende der ersten Wache an.

Amal Ja, dong, dong, dong, er läutet mich in Schlaf.

Ein Knabe Wir wollen dann lieber gehn. Wir kommen morgen früh wieder her.

Amal Ich möchte euch etwas fragen, ehe ihr geht. Ihr seid immer draußen – kennt ihr welche von den Postboten des Königs?

Knaben Ja, freilich.

Amal Wie heißen sie? Sagt mir ihre Namen.

Ein Knabe Der eine heißt Badal.

Ein zweiter Knabe Sarat heißt ein anderer.

Ein dritter Knabe Es sind so viele.

Amal Meint ihr, sie werden mich kennen, wenn ein Brief für mich da ist?

Ein Knabe Sicher finden sie dich heraus, wenn dein Name auf dem Brief steht.

Amal Wollt ihr, wenn ihr morgen früh herkommt, einen von ihnen mit herbringen, so daß er mich kennen lernt?

Ein Knabe Ja, wenn du willst.

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