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Das Pfarrhaus von Skalunga

Elsa Beskow: Das Pfarrhaus von Skalunga - Kapitel 9
Quellenangabe
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typenovelette
authorElsa Beskow
titleDas Pfarrhaus von Skalunga
publisherAgentur des Rauhen Hauses
printrunSechstes bis achtes Tausend
year1926
firstpub1922
translatorM. E. Fischer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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8.

Helwig hatte seit dem zweiten Tage ihres Aufenthalts im Skalungaer Pastorat ihre Mahlzeiten zusammen mit ihrer Mutter im Krankenzimmer eingenommen. Mutter Ols oder das kleine Dienstmädchen Anna hatten dabei insofern aufgewartet, als sie den kleinen runden Tisch in der Mitte des Zimmers gedeckt und das Essen darauf gestellt hatten, aber Helwig bediente die Mutter und half ihr beim Essen.

Helwig dachte nicht darüber nach, wo und wann der Pastor seine Mahlzeiten einnahm. Sie nahm an, daß er mit seiner Mutter im großen Saal äße, obgleich sie nie gemerkt hatte, daß der Tisch dort gedeckt wurde. Aber eines Tages – es war in der zweiten Woche ihres Aufenthalts in Skalunga – kam sie mit einem Anliegen in die Küche und sah dabei den langen Tisch an der einen kurzen Wand des großen, gemütlichen Raumes zum Mittagessen gedeckt. Am oberen Ende des Tisches saß der Pastor zusammen mit fünf anderen Personen. Seine Mutter saß am weitesten unten, bereit, aufzustehen und der kleinen Anna beim Auftragen zu helfen, wenn es nötig wäre.

Helwig wollte sich zurückziehen, aber Mutter Ols erhob sich sofort, kam dienstbereit, wie immer, auf sie zu und fragte sie, was sie wünschte.

»Ich wollte nur um etwas warmes Wasser bitten, aber ich kann auch bis nachher warten.«

»Das gibt es. Ich werde es gleich hineinbringen.«

»Ich kann es selbst mitnehmen,« sagte Helwig und blieb stehen.

Die Küche war so gemütlich und stilvoll mit den aus Tuchläppchen gemachten Läufern auf dem Fußboden, dem glänzenden Kupfergeschirr auf den Wandbrettern und den runden Broten auf den Brettern unter der Decke, daß Helwig gern etwas länger verweilte. Der Mittagstisch mit den ländlichen Gästen und dem derb zugeschnittenen Hausherrn paßte zum ganzen Stil. Als die kleine Anna einen Tiegel vom Feuer hob, flammte der Schein hinauf an die weiß gestrichene Decke, funkelte im Kupfer und Zinn und warf einen warmen Widerschein auf die gebohnte Wand hinter den Gästen. Hedwig glaubte sich in die gute alte Zeit versetzt, als die Sitten einfach, der Worte wenig und die Leute kraftvoll waren.

Als Ols ihren bewundernden Blick und ihre Neigung, zu bleiben, sah, stand er auf und ging auf sie zu.

»Alltags essen wir in der Küche,« erklärte er.

»Doch hoffentlich nicht um unsertwillen, um vielleicht meine Mutter nicht zu stören?« fragte Helwig, denn sie dachte daran, daß der Speisesaal dicht neben ihrer Mutter Stube lag.

»Ich tue es immer, außer wenn die Gäste zu zahlreich sind, um in der Küche Platz zu finden.«

»Es sieht so einladend hier aus,« sagte Helwig und blickte sich um.

Sie war bisher noch nicht in der Küche gewesen. Wenn sie etwas wünschte, hatte sie immer mit der silbernen Klingel geläutet, die man ihrer Mutter hingestellt hatte.

»Vielleicht wollen Sie sich zu uns setzen?« fragte Ols.

»Wie kannst du nur so etwas vorschlagen, Erik?« sagte seine Mutter, die jetzt mit der Wasserkanne herbeikam.

»Ich hätte wirklich Lust dazu,« sagte Helwig. »Ich will es nur Mutter sagen.«

Sie nahm die Wasserkanne und eilte zu ihrer Mutter. Es war zwei Uhr. Helwig und ihre Mutter pflegten ihr Mittagessen um drei Uhr zu bekommen. Aber Helwig hatte einen gesunden Landappetit und brauchte nicht noch eine Stunde zu warten, damit das Essen ihr schmeckte.

»Denke dir nur, Mutterchen, der Pastor ißt in der Küche. Das tut er immer, wenn nicht zu viele Gäste da sind. Jetzt waren fünf oder sechs da, lauter Bauersleute. Er lud mich ein, mitzuessen, und dazu hätte ich wirklich Lust, wenn du nichts dagegen hast und ein Weilchen warten willst.«

»Durchaus nicht. Nimm du nur alles an, was dir geboten wird,« sagte die Baronin und lachte im Stillen bei der Vorstellung, daß ihre verwöhnte Tochter es für einen Genuß hielt, mit Bauern in der Küche zu essen.

Als Helwig in die Küche zurückkam, hatten sich die Gäste anders gesetzt, so daß der Platz zur Rechten des Hausherrn für sie frei war. Er stand auf, um sie vorbeizulassen. Sie saßen nämlich auf einer Bank, die in der Wand festgemacht war. Nur die, die mit dem Rücken nach der Küche saßen, hatten alte, blank geriebene Holzstühle. Es waren nur vier, die so saßen: ein Bauernknabe, Mutter Ols, die kleine Anna und der Knecht Matz. Auf derselben Seite wie Helwig saß eine Bauersfrau mit einem häßlichen, kleinen, rothaarigen Jungen und ein junges Paar, anscheinend Brautleute.

Helwig wollte sich ohne weiteres hinsetzen, aber der Pastor schlug in seine Hände, worauf sich alle erhoben. Als er das Tischgebet gesprochen hatte, setzte man sich wieder.

Helwig fand das lächerlich. Sie nahm an, daß sie vorher schon einmal gebetet hatten, bevor sie sich hingesetzt hatten; aber nun mußte es ihretwegen noch einmal geschehen.

»Das Essen muß nun wahrhaftig gesegnet sein!« entfuhr es ihr halblaut.

Sie lachte dabei und sah Ols an. Er war der einzige, der gehört hatte, was sie sagte.

»Ich halte auf alte, gute Sitte,« sagte er.

Das Essen war einfacher als das, was man ihr und ihrer Mutter hineinzubringen pflegte, aber es war ebenso gut zubereitet. Es wurde auch einfacher aufgetragen. Man aß von einem bunten Wachstuch, Messer und Gabeln hatten hölzerne Griffe, und Schüsseln und Teller waren Steingut. Anna hatte das feinere Geschirr und silberne Besteck für Fräulein Furuclou herausholen wollen, aber Ols sagte, das Fräulein habe selbst die Küche gewählt und wolle es so haben, wie es in der Küche Brauch wäre.

Ols stellte nun Helwig die anderen Tischgäste vor.

»Das ist Mutter Britta und ihr kleiner Pflegesohn Mons. Bei denen bin ich gerade an dem Tag gewesen, an dem Sie mich für einen Stier hielten.«

Mutter Britta grüßte, aber Mons stierte sie nur an, und als seine Pflegemutter ihn anstieß, damit er den Kopf neige, rührte er sich nicht, nur sein Gesicht nahm einen tückischen Ausdruck an. Helwig fand, daß die Frau ebenso prächtig aussah wie der Junge abstoßend war.

»Und das ist der Vater aus Hocklingen,« fuhr Ols Erik fort, indem er auf den alten Bauern zur Linken zeigte. »Er ist in Gemeindeangelegenheiten hier. Und wir sitzen nun ganz einträchtig beieinander und essen, obgleich wir Gegner sind.«

Bei diesen Worten grinste der Vater aus Hocklingen vergnügt.

»Nach dem guten Mittagessen stimmt der Vater vielleicht einen friedlicheren Ton an,« bemerkte Helwig.

»O nein,« fiel Ols ein, »der Vater aus Hocklingen läßt sich durch kein noch so gutes Essen von seiner Meinung abbringen, wenn ich ihn recht kenne.«

»Nee, nee, man muß fest bleiben,« meinte der Bauer und freute sich anscheinend, daß der Pastor so über ihn dachte.

»Er meint, wenn Ols allzu eigenmächtig ist,« ergänzte der Pastor.

»Er weiß, was er will, der da, sage ich,« erklärte der Vater aus Hocklingen und zeigte mit dem Tischmesser auf den Pastor.

»Das schadet wohl nicht,« meinte Helwig

»Nee, nee, aber man darf ihm schon mal die Stange halten.«

»Dort unten sitzen Johann und Karin,« stellte Ols weiter vor. »Sie sind weither gekommen, um das Aufgebot zu bestellen, das heißt er. Sie wohnt hier im Dorf, aber er ist aus einem fremden Kirchspiel, obgleich ich ihn gut kenne und zu meinen Schafen rechne.«

Und der Pastor nickte Johann zu, der wieder nickte. Es war ersichtlich, daß die beiden etwas zusammen hatten. Johann blickte vom Pastor auf seine Braut, deren schüchternes Lächeln bewies, daß auch sie eingeweiht war und ihres Verlobten Dankbarkeit gegen »unseren Ols« teilte.

Die Unterhaltung bei Tisch war nicht lebhaft, aber das verlangte auch niemand. Man ließ sich das Essen gut schmecken und gab sich damit zufrieden. Nicht einmal Helwig fühlte die gewöhnliche Verpflichtung, Leben hineinzubringen. Sie genoß die Stimmung.

Die Wand hinter ihr und dem Pastor war mit Decken behangen, die gegen Zug und Kälte schützen sollten. In der entgegengesetzten Ecke der großen Küche, an der Wand, die an die Stube grenzte, stand eine große bemalte Kiste aus Tannenholz, ein gewaltiger Wandschrank, sowie eine hohe Standuhr, die die Stunden so langsam schlug, als wollte sie zum Nachdenken wecken. Kiste, Schrank und Uhr trugen alle dieselbe Jahreszahl aus der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts und dieselben Anfangsbuchstaben zwischen Blumengewinden. In der Nähe der Ausgangstür standen zwei gewaltige kupferne Wasserkufen. Alles war altertümlich, groß und gediegen. Über der Küche und ihren Geräten, sowie über den Leuten darin lag eine Stimmung wie aus alter Zeit, aber am stärksten doch auf dem ruhigen, grob zugeschnittenen Hausherrn selbst, wenigstens schien es Helwig so.

Sie fragte ihn, ob die bemalten Möbel dort drüben Erbstücke oder erst angeschafft seien.

»Geerbt. Sie sind, seitdem sie gemacht wurden, in unserer Familie gewesen.«

»Dann hatten Sie wohl auch ein väterliches Gut?«

»Das haben wir noch. Mein älterer Bruder sitzt darauf.«

»Und doch ist Ihre Mutter hier bei Ihnen?«

»Sie könnte ruhig auf ihrem Altenteil sitzen; aber da mein Bruder verheiratet ist und ich unverheiratet, brauche ich sie notwendiger, darum ist sie bei mir.«

Der Ausdruck seines Gesichts gefiel Helwig, als er bei diesen Worten nach dem Herd blickte, wo das Mütterchen mit dem letzten Gericht beschäftigt war.

»Das ist ihr auch sicher kein Opfer, glaube ich,« sagte Helwig.

»Und wenn es das wäre, so würde sie es doch nie zugeben,« antwortete er. –

Als Helwig ihren Gastgebern für das Essen dankte, bat sie, weiter in der Küche essen zu dürfen.

»Hier ist es aber doch nicht fein genug!« wandte Mutter Ols ein, die sich gleich überlegte, daß sie dann die Speisen ändern müsse.

Aber ihr Sohn, der ihre Sorge begriff, beugte mit seiner Antwort jeglicher Änderung vor.

»Wenn Sie sich mit der einfacheren Kost, die hier geboten wird, begnügen wollen, und sich bei unseren Küchensitten heimisch fühlen, dann sind Sie hier willkommen, so oft Sie Lust haben.«

»Natürlich darf meinetwegen nichts geändert werden. Alles war so schön heute. Es tut gut, aus dem Krankenzimmer herauszukommen, besonders zum Essen. Nun kann ich mich auch ganz und gar meiner Mutter widmen, wenn sie essen soll. Sonst bekommt einer von uns immer kaltes Essen, weil Mutter doch Hilfe braucht.«

Es wurde bestimmt, daß Helwig essen könne, wo sie wolle, bei ihren Hauswirten oder bei der Mutter, gerade wie es ihr im Augenblick einfiele. Der Ehrenplatz am Küchentisch, rechts vom Hausherrn, war immer für sie bereit, und dort war ihr so wunderbar wohl, daß sie sich von nun an immer auf die Mahlzeiten in der Küche freute.

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