Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Elsa Beskow >

Das Pfarrhaus von Skalunga

Elsa Beskow: Das Pfarrhaus von Skalunga - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/beskow/pfarrhau/pfarrhau.xml
typenovelette
authorElsa Beskow
titleDas Pfarrhaus von Skalunga
publisherAgentur des Rauhen Hauses
printrunSechstes bis achtes Tausend
year1926
firstpub1922
translatorM. E. Fischer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130304
projectid7cf56d80
Schließen

Navigation:

7.

Die Zeit wurde der Baronin lang, da sie mit ihren Schmerzen unbeweglich auf dem Rücken liegen mußte. Helwig tat, was sie konnte, um die Mutter zu zerstreuen, aber es war nicht immer leicht, Zerstreuung zu finden. Die Bücher, die sie für den Sommer mitgebracht, hatten sie schon alle gelesen.

»Vielleicht könnte man hier welche borgen,« sagte die Baronin.

»Ich habe wohl Büchergestelle in des Pastors Stube gesehen, aber es stehen gewiß nur Andachtsbücher darauf. Aber wenn du es wünschst, Mutterchen, will ich sehen, ob etwas Passendes zu finden ist.«

»Ja, tu das.«

»Es ist gewiß jemand bei ihm; aber ich werde mal zusehen,« sagte Helwig und ging in den Garten hinaus; denn sie hatte entdeckt, daß man von dort in die Studierstube sehen konnte.

Sie sah den Pastor im Schreibsessel sitzen, den er so gedreht hatte, daß er den beiden Besuchern auf dem Sofa zugewandt war. Helwig blickte ihm in das halb abgewandte Profil. So wie er saß, konnte er sie wahrscheinlich nicht sehen, und das machte sie kühner in ihrer Beobachtung.

Was konnten wohl die beiden alten Männer Wichtiges zu verhandeln haben? Sie waren schon lange da, und es sah nicht aus, als beabsichtigten sie, bald zu gehen. Sie brachten gewiß ihr Anliegen sehr langsam und schwerfällig vor, und der Pastor, der selbst ein Bauernsohn war, verfiel natürlich auch in ihre Schwerfälligkeit, anstatt sie anzutreiben! –

Seit die erste Sorge um die Mutter sich gelegt hatte, dachte Helwig viel an Pastor Ols. Er weckte ihre Neugier und ihr Interesse und sogar noch etwas anderes, was ihr aber nicht bewußt war. Sie bildete sich mitunter ein, daß sie ihn nicht leiden könne; aber doch hatte sie das Gefühl, als sei Haus und Hof leer, wenn er nicht da war, und als sei alles in Ordnung, wenn sie nur eine Spur seiner untersetzten Gestalt und seiner groben Joppe erblickte. –

Sie ging auf den Wegen des kleinen Gartens umher und spähte voller Ungeduld verstohlen in das Zimmer, in der Hoffnung, daß sich die Bauern endlich erheben möchten.

Endlich wurde ihr Wunsch erfüllt. Man stand drinnen auf, schüttelte sich die Hände und ging auf die Tür zu. Aber, o weh, der Pastor ging mit hinaus. Er trennte sich aber auf dem Hof von ihnen. Sie gingen auf den Weg hinaus, er in den Garten zu Helwig.

»Kann ich Ihnen mit irgend etwas dienen?« fragte er sie.

»Wie wissen Sie, daß ich etwas wünsche?« fragte sie verwundert.

»Ich sah Sie hier umhergehen und darauf warten, daß meine Gäste gingen. Sie fanden gewiß, daß sie zu lange saßen?«

»Können Sie Gedanken lesen?« rief sie immer verdutzter aus. »Ich glaubte nicht einmal, daß Sie mich sähen! Sie saßen doch mit dem Rücken nach dem Fenster?«

»Nicht ganz. Und übrigens kann ich den Kopf auch bewegen und drehen. Wie gefällt Ihnen der Garten?«

»Es sieht aus, als gediehe hier alles gut.«

»Ja, es ist gute Erde.«

»Sie arbeiten vielleicht selbst darin?«

»Ich habe ihn angelegt und besorge ihn selbst.«

Es lag Besitzerfreude in dem Blick, der nun über den Garten flog. .

»Ich möchte dabei helfen, denn ich bin müde vom Stillsitzen und will meiner Mutter wegen nicht zu weit weggehen.«

»Wie würde es denn damit gehen?« sagte er und sah ihre Hände an.

Es waren schmale, feine Mädchenhände, die nur zum Sticken und Klavierspielen gemacht zu sein schienen.

Er betrachtete sie mit einer Art mitleidiger Bewunderung.

»Taugen sie zu irgend etwas?« fragte er mit einem Zweifel, der sie über die grobe Arbeit des täglichen Lebens emporzuheben schien.

»Probieren Sie es!«

Die Antwort gefiel ihm.

»Wollen Sie gleich anfangen? Hier ist ein Stück Land, das gesäubert werden muß.«

Sie ließ sich das Beet zeigen, sagte aber, daß sie jetzt gerade ein Buch borgen wollte, das sich zum Vorlesen für die Mutter eigne.

»Kommen Sie mit hinein und sehen Sie selbst zu.«

»Ich könnte mir denken, daß Sie nur Erbauungsbücher haben.«

»Doch auch einiges andere.«

Sie prüfte die Bücherbretter angelegentlich. Wie sie erwartet hatte, fanden sich dort Andachtsbücher und theologische Werke, aber, wie er gesagt hatte, auch andere Sachen. Ein paar ärztliche Werke, Bücher über Gartenbau und Landwirtschaft, ein volkstümliches astronomisches Werk, Anatomie, Lebensbeschreibungen, Geschichte und geschichtliche Romane, wie z. B. von Walter Scott, Ingemann, Topelius. Außer geschichtlichen gab es keine Romane oder dem ähnliches.

»Wenn Sie das da nicht schon gelesen haben –,« sagte er, ergriff ein Buch, blies den Staub davon ab und reichte es ihr.

Es war »Des Christen Pilgerfahrt«.

»Ich habe es nie gelesen, nur davon sprechen hören. Ist es unterhaltend?«

»Mehr als das. Es ist spannend und überdies erbaulich.«

»Erbaulich!«

Sie machte eine kleine niedliche Grimasse voll liebenswürdigen Übermutes.

»Ist das ein Fehler?«

»Was ich meiner Mutter vorlese, darf nicht schwerfällig sein.«

»Es schadet wohl nicht, wenn es Gedanken weckt?«

»Man braucht Zerstreuung, wenn man so daliegt.«

»Gedanken helfen besser als Zerstreuung.«

»Ach, wie können Sie das sagen?«

»Ihre Hilfe ist dauernder.«

Sie schüttelte durchaus nicht überzeugt den Kopf.

»Ich will es versuchsweise nehmen, will sehen, ob es Gedanken weckt, aber wenn es zu schwerfällig ist, tausche ich es um.«

»Betrachten Sie meine Bücher als die Ihrigen, solange Sie hier sind.«

»Danke.«

Sie war im Begriff zu gehen, hielt aber wieder inne.

»Wissen Sie, was ich will?« sagte sie in ihrer lebhaften Art. »Ich will Sie malen.«

»Mich!?«

Sie hatte die seltene Befriedigung, daß es ihr geglückt war, ihn zu verblüffen.

»Ja, gerade Siel«

»Ich bin doch so häßlich!«

Sie war entzückt von der unvergleichlichen Art, wie er das sagte. Er stellte nur eine Tatsache fest, die ihn aber nicht im geringsten berührte. Er war sich wohl seiner Häßlichkeit bewußt, aber er litt nicht darunter, das fiel ihm gar nicht ein.

»Ich will Sie malen. Kann ich das nicht?«

»Wozu denn das?«

»Ich habe vom ersten Augenblick an Lust dazu gehabt. Ihr Gesicht begeistert mich. Es ist ein Verbrechen, die Begeisterung eines Künstlers zu unterdrücken.«

»Sind Sie Künstler?«

»Ich hoffe, es möglicherweise zu werden. Mein Unglück ist, daß ich Begabung für mehrere Sachen habe. Es wäre besser, wenn ich in einer bestimmten Richtung einseitig begabt wäre. Dann wüßte ich, welcher Sache ich mich widmen sollte. Aber nun! Eine Zeitlang widmete ich mich der Musik, dann ließ ich die liegen, und nun male ich. Ich muß sehen, ob auf dem Weg etwas Rechtes aus mir wird, oder ob eine dritte Anlage kommt und mich wieder nach einer anderen Richtung zieht.«

Wieder, wie schon einmal, sah sie das gewisse Lächeln tief drinnen in seinem Auge, das sie unsicher machte, so daß sie sich überlegen mußte, was sie gesagt hatte.

»Ich sage das nicht, um zu prahlen,« verteidigte sie sich, obgleich er keine Bemerkung gemacht hatte. »Ich sage nur, wie es ist. Ich habe sowohl für Musik wie für Malerei Anlage, aber vielleicht nicht genug, um etwas Hervorragendes darin zu leisten. Darum wollte ich lieber, daß alle meine Anlagen nach einer Richtung gesammelt wären, damit ich es darin zu etwas bringen könnte. Darüber kann man sich wohl nicht wundern.«

»Und nun haben Sie sich in den Kopf gesetzt, mich zu malen?« lachte er.

»Vielleicht können Sie mir zur Berühmtheit verhelfen, wenn Sie mir Modell sitzen. Wer weiß? Ich würde Ihren Kopf im nächsten Frühjahr auf eine Ausstellung schicken, und vielleicht bekäme ich einen Preis dafür.«

»Mein Bild auf eine Ausstellung! Und einen Preis!«

Er schüttelte den massigen Kopf über eine solche Ungereimtheit.

Sie merkte, daß sie so nicht ihren Zweck erreichte. Es lag ihm nichts daran, ihr zu Erfolg und Ruf zu verhelfen, aber sie kannte ihn schon genügend, und stellte ihm nun etwas anderes vor, was gewiß besser wirken würde.

»Wenn Sie es nicht meinetwegen wollen, dann tun Sie es doch meiner Mutter zuliebe. Nichts macht ihr mehr Spaß, als mir zuzusehen, wenn ich male. Das kann sie fast nie, denn ich habe es nicht gern, wenn mir jemand über die Schulter guckt. Ich werde aber eine Ausnahme machen und lieb gegen sie sein, weil sie es so langweilig hat. Wenn Sie mir drinnen bei ihr sitzen wollen, könnte sie liegen und jedem Pinselstrich zusehen, und das würde ihr die Zeit verkürzen. Sie könnten uns auch die Zeit mit erbaulichen Gesprächen verkürzen. Sie würden ein zwiefaches gutes Werk tun und sollten sich über die Gelegenheit freuen.«

Er lächelte, und sie wußte, daß sie ihren Willen bekommen würde, wenn er sich erst ein wenig mit diesem Gedanken vertraut gemacht hätte.

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.