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Das Pfarrhaus von Skalunga

Elsa Beskow: Das Pfarrhaus von Skalunga - Kapitel 6
Quellenangabe
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typenovelette
authorElsa Beskow
titleDas Pfarrhaus von Skalunga
publisherAgentur des Rauhen Hauses
printrunSechstes bis achtes Tausend
year1926
firstpub1922
translatorM. E. Fischer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid7cf56d80
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5.

»Mein armer Liebling, daß ich dir so etwas mit meiner Ungeschicklichkeit eingebrockt habe,« sagte die Baronin und sah ihre Tochter zärtlich bedauernd an.

»Es ist doch wohl viel schlimmer für dich selbst, Mutterchen. Denke doch keinen Augenblick an mich.«

»Und deine Schule? Mit mir wird es langwierig, das merke ich sowohl dem Doktor wie dem Pastor an, obgleich keiner von ihnen es geradeheraus sagen will. Vielleicht wird es Weihnachten, ehe ich nach Hause reisen kann. Aber deine Malerei, wie soll es damit werden?«

»Ich muß mich natürlich ohne Unterricht behelfen, aber nichts hindert mich, hier oben auf eigene Hand zu malen.«

»Das ist nicht dasselbe. Dabei kannst du nicht solche Fortschritte machen, wie unter Anleitung. Für mich gibt es ja keine andere Möglichkeit, wie hier angekettet zu liegen, und dazu muß ich dankbar sein, daß ich ein so gemütliches und behagliches Heim gefunden habe; aber du brauchtest doch deshalb nicht auch hier zu bleiben.«

»Wie kannst du nur einen Augenblick daran denken, daß ich fortreisen und dich hier lassen könnte, liebste Mutter?«

»Aber deine Malerei, in der du so aufgingst? Du hattest doch die Absicht, dich ihr ganz zu widmen!«

»Das kann ich auch hier. Sobald du dich an die Gefangenschaft gewöhnt hast, kann ich mir ein Motiv aussuchen. Übrigens kann ich auch hier drinnen sitzen und malen. Es würde dir Spaß machen, mir zuzusehen, Mutterchen. Ein Modell, das ich riesig gern malen möchte, ist ›unser Ols‹.«

»Den? Wie in aller Welt kannst du das wollen? Ihn, der so – –, ja, ein prächtiger Mensch ist er wohl, aber er ist doch – – malerisch ist er wirklich nicht.«

Helwig lachte laut, weil ihre rücksichtsvolle Mutter nicht sagen wollte, was sie dachte, nämlich, daß der Pastor häßlich war.

»Er hat die stilvollste Häßlichkeit, die ich je gesehen habe,« erklärte Helwig mit wahrer Begeisterung. »Er sieht aus wie ein Urmensch, wie ein kraftvoll angefangenes, aber unvollendetes Meisterwerk, das nur verlieren würde, wenn es in seinen Einzelheiten ausgeführt würde. In seinen grob geschnittenen Zügen wird die Urkraft des schöpferischen Gedankens weit eindrucksvoller und unmittelbarer wiedergegeben, als es in einem fein ausgemeißelten Gesicht möglich wäre.«

»Aber sein Haar und die Sommersprossen und die kleinen Schweinsaugen?«

»Sein Haar hat herrliche Schattierungen in der Sonne, und was seine Hautfarbe betrifft, so erinnert sie mich in einer gewissen Beleuchtung an Tizians warme Farbenpracht. Schweinsaugen! Die Schweine sollen ja intelligente Tiere sein; wenn man sich also Mühe gäbe, ihren Rüssel zu vergessen, um ihnen in die Augen zu sehen, so würde man sicher Verstand darin entdecken. Einen stilvolleren Mund als seine gerade, lange Spalte habe ich nie gesehen. Und dann seine Stirn! In einem einzigen, gewaltigen Zuge modelliert, dringt sie über den Augen mit solcher Kraft hervor, daß die Meisterhand im letzten Augenblick innehalten mußte, um die geraden, rostigen Eisenbänder von Augenbrauen – wie zwei Gedankenstriche – darunter zu zeichnen. Und die Nase! Im Profil sieht man sie nur als zwei in einem stumpfen Winkel lotterig gegeneinander gezeichnete Züge, aber es sind unglaublich charakteristische Linien. Ich muß ihn malen! Vielleicht später, wenn ich mich etwas heimischer hier fühle!«

»Liebes Kind, wie begeistert du bist! Was bedeutet denn das?« lachte die Mutter.

»Er ist groß angelegt wie die Natur, in der er lebt, und das Schöne spricht mich in jeder Gestalt an, sogar da, wo es eine groß angelegte Häßlichkeit ist. Da am allermeisten, denn das ist etwas so Seltenes.«

»Denke nur nicht, daß er Zeit hat, dir zu sitzen!«

»Ich werde ihn bitten,« erklärte Helwig; sicher, daß das genügen würde.

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