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Das Pfarrhaus von Skalunga

Elsa Beskow: Das Pfarrhaus von Skalunga - Kapitel 41
Quellenangabe
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typenovelette
authorElsa Beskow
titleDas Pfarrhaus von Skalunga
publisherAgentur des Rauhen Hauses
printrunSechstes bis achtes Tausend
year1926
firstpub1922
translatorM. E. Fischer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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40.

Mutter Ols kam in das Krankenzimmer und trat an das Bett. Sie war besorgt, welche Wirkung ihre Mitteilung auf den Kranken haben würde, sah aber keine Möglichkeit, sie zurückzuhalten.

Ols Erik schlief nicht, obgleich er mit geschlossenen Augen dalag. Die Mutter ging mit leisen Schritten, er hörte sie aber doch. Er hörte sie oft, wenn sie kam und ging, pflegte aber die Augen nicht immer zu öffnen. Jetzt tat er es aber sofort und blickte sie an, als hätte er begriffen, daß sie gekommen sei, um ihm etwas Wichtiges zu sagen.

» Sie ist gekommen,« sagte Mutter Ols, ohne daß es ihr einfiel, zu sagen, wer gekommen sei.

Ols begriff sofort. Er und die Mutter hatten nur eine »sie« zusammen, obgleich sie nicht oft von ihr gesprochen hatten.

»Helwig? Hierher?«

»Ja; soll sie hereinkommen?«

»Ja, freilich.«

Und Helwig kam, ruhig und natürlich, als wäre es gar nichts Bemerkenswertes, daß sie die weite Reise von Stockholm hierher gemacht hatte. Sie kam herein, als gehörte sie zu ihm.

Er konnte ihr keine Hand zur Begrüßung reichen, denn seine beiden Hände lagen verbunden auf der Decke, seine lieben durchbohrten Helferhände! Sie bückte sich und küßte die rechte, die ihr am nächsten lag. Es lag Feierlichkeit, ja Andacht in ihrer Bewegung.

Sein bleiches Gesicht leuchtete und er lächelte.

»Du behandelst meine Hand, als hätte sie ein großes Werk vollbracht, und doch hat sie ja nur gelitten!«

»Sie ist stigmatisiert worden,« sagte sie und sah ihn mit einem strahlenden Blick an, der von gereifter und vertiefter Liebe zeugte.

Er lächelte milde über ihre schwärmerische Auffassung seiner Verwundung.

Mutter Ols stand daneben und hörte, was gesagt wurde, verstand es aber nicht. Sie hatte das fremde Wort noch nie gehört.

Helwig fiel ihr fragendes Gesicht auf, und sie erklärte den von ihr gebrauchten Ausdruck.

»Früher geschah es, daß hochbegnadete Heilige, die sich tief ins Nachdenken über Jesu Tod und Leiden versenkten, die Merkmale seines Leidens an ihrem Körper empfingen. Das nannte man ›stigmatisiert werden‹. Und hier ist nun so ein Wunder geschehen.«

Mutter Ols sah noch immer bedenklich aus.

»Das kann doch nicht wirklich geschehen sein,« sagte sie.

»Warum nicht?« fragte Helwig schwärmerisch. »Es ist doch hier an ihm geschehen.«

Und ihr Blick strahlte das bleiche Gesicht an.

Mutter Ols schätzte ihren Sohn allerdings hoch, aber trotz aller ihrer Liebe und Wertschätzung konnte sie doch kein Wunder in seiner Verwundung erblicken, und wußte darum nicht, ob Helwig das, was sie sagte, wirklich meinen könnte.

Ols Erik verstand Helwig besser.

»Dein Vergleich ist schön,« sagte er.

Was ihm aber am meisten wohltat, war der innige Ton ihrer Stimme, wenn sie zu ihm oder von ihm sprach, sowie auch der Strahl der Liebe, der aus ihren schönen Augen leuchtete.

»Das ist nicht nur ein Vergleich,« beharrte sie. »Das Wunder der Stigmatisierung ist an dir geschehen. Du bist ein Heiliger.«

»Ich ein Heiliger! Wenn du wüßtest, wie unwürdig ich es ertrug! Ich haßte meine Peiniger, und ich lästerte Gott in meinen Schmerzen.«

»Das glaube ich nicht. Du warst nur vor Schmerzen nicht bei dir. Jetzt haßt du weder, noch lästerst du, und das hast du sicher nie von Herzen getan.«

»Versuche nicht, meine Sünde zu vermindern. Das geht nicht, denn sie bleibt gleich groß. Es gibt aber noch einen Weg.«

Er schwieg und sah gerade vor sich hin, mit einem Blick voll Ernst und Frieden.

»Es gibt einen anderen Weg als den der Entschuldigungen und Erklärungen, einen viel besseren Weg, um die Sünde los zu werden. Sich in Jesu Tod versenken und sein Zeichen empfangen, sein Siegel aufgedrückt bekommen. In seiner großen unverdienten Gnade verschwindet alle meine Sünde wie ein Tropfen im Ozean. Wenn er nicht mehr mit meiner Sünde rechnet, warum sollte ich es dann tun?«

Er wandte seinen Blick auf Helwig, und als er in dem ihren las, welch hohe Meinung sie trotz seines Sündenbekenntnisses immer noch von ihm hatte, fügte er hinzu:

»Ebensowenig wie mit meiner Sünde rechnet der Herr mit meinem armseligen Verdienst. Das geht in dem seinen auf wie eine flackernde Lichtflamme im Schein der Mittagssonne. Und wenn er weder mit meiner Sünde noch mit meinem Verdienst rechnet, warum sollte ich es dann tun?«

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