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Das Pfarrhaus von Skalunga

Elsa Beskow: Das Pfarrhaus von Skalunga - Kapitel 39
Quellenangabe
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typenovelette
authorElsa Beskow
titleDas Pfarrhaus von Skalunga
publisherAgentur des Rauhen Hauses
printrunSechstes bis achtes Tausend
year1926
firstpub1922
translatorM. E. Fischer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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38.

Ols lag in seinem Bett. Er war wirklich wieder zum Leben erwacht, aber vorläufig zu einem Leben voller Schmerzen. Glieder waren aus den Gelenken gerissen, Muskeln und Sehnen gestreckt, sein starkes Herz hatte Schaden gelitten, und in seinen von groben Nägeln zerfleischten Händen lauerte die Gefahr der Blutvergiftung. Er lebte aber doch, und es bestand die Möglichkeit, daß er am Leben bleiben würde. Man war wenigstens zur rechten Zeit gekommen, um ihn vor einem grauenvollen Tode zu bewahren. Das erfüllte das erregte Skalunga mit Dankbarkeit zunächst gegen Gott, dann aber auch gegen ein kleines Wesen, von dem bisher niemand etwas Gutes geglaubt hatte, gegen Mons.

Hätte er sich nicht an jenem Abend die Seele für den Pflegevater aus dem Leibe gerannt, so hätte Skalunga jetzt Trauer um seinen Pastor gehabt. Jetzt aber trauerte Skalunga um Mons.

Als er die kleine Schar mit Mutter Ols an der Spitze an den Unglücksort geführt hatte, war er ohne ein Wort zu Boden gesunken. Aber alle waren so sehr davon in Anspruch genommen, ihren sterbenden Pastor zu retten, daß niemand ein Auge für den kleinen Jungen hatte, der unbeweglich liegen blieb, wo er hingefallen war. Erst als die Bahre zurechtgemacht war und man fortgehen wollte, hatte Anna sich über Mons gebeugt und ihn angestoßen, um ihm zu sagen, daß man nun ginge. Aber er hatte sich nicht gerührt. Und als sie den Knecht Matz herbeigerufen und der den Knaben aufgehoben hatte, entdeckten sie, daß er tot war.

Jetzt lag seine Leiche oben in einem der Zimmer. Klein und häßlich wie im Leben lag er in seinem Sarg. Übersehen und ungeliebt war er im Leben gewesen, aber jetzt war er allen in Skalunga ein Held geworden. Alle wollten ihn da liegen sehen.

Niemand hatte etwas Gutes von dem zum Unglück geborenen Kinde geglaubt; selbst sein Pflegevater hatte kaum ein volles Vertrauen zu seiner Entwicklung gehabt; er hatte ihn aber in Jesu Namen aufgenommen, um jeden Funken Gutes aus ihm hervorzulieben.

Jetzt wurde von Mund zu Mund erzählt, wie atemlos und entsetzt, aber eifrig und klug er in der Pastoratsküche gestanden, die Anwesenden zu Hilfe gerufen und ihnen in wenig Worten gerade das gesagt hatte, was sie wissen mußten.

Niemand wußte, wie es zugegangen, daß er Zeuge der entsetzlichen Tat dort im Waldesdunkel geworden war; aber man wußte, daß er dem Pflegevater entgegenzugehen pflegte, wenn er nicht von Anfang an mit ihm war. Gewiß hatte er es auch diesmal getan. Dann hatte er den Leuten gesagt: »Es sind zwei«, und hatte sie eine Flinte mitnehmen heißen. Daraus glaubte man schließen zu können, daß er den Vorgang gesehen habe.

Mut und Geistesgegenwart hatte er an den Tag gelegt. Und noch etwas, das man dem wilden kleinen Herzen gar nicht zugetraut hätte. War es etwas anderes als Liebe, was ihn an dem Abend bewegt hatte? Erst trieb sie ihn dem Pflegevater entgegen, dann lehrte sie ihn das Beste, was getan werden mußte: nach Hilfe zu laufen. Wie er gerannt sein mußte, der kleine Bursche, den weiten Weg nach Hause, allein im Wald, nachdem er Zeuge einer solchen Tat gewesen war! Und dann nach der Heimkehr, keine Minute Ruhe, kein Gedanke an Erfrischung, nicht soviel wie ein Schluck Wasser, dessen er doch gewiß bedurft hätte! Jetzt erst dachte man mit Gewissensvorwürfen daran. Niemand hatte einen Gedanken für den kleinen Boten gehabt, so sehr war man in seiner Botschaft aufgegangen. Er war der erste gewesen, der sich selbst vergessen hatte. Er war nur darauf bedacht gewesen, so schnell wie möglich mit Hilfe zurückzukehren. Er hatte keiner Müdigkeit geachtet, wie müde er auch gewesen sein mochte; keiner Furcht, wieder mit den schlechten Menschen zusammenzustoßen, so sehr ihn auch ihre Schandtat erschreckt haben mochte. Der Pflegevater war sein einziger Gedanke gewesen. Was war das anderes, als Liebe?

»Unser Ols«, der einzige, der ein zärtliches Herz für das zum Unglück geborene Kind gehabt hatte, hatte in Wahrheit seinen Lohn empfangen! Seine Liebe hatte der Liebe Frucht getragen.

So sprach man jetzt von Mons in Skalunga.

Nur Ols selbst wußte nichts. Er war zu krank. Man wagte nicht, mit ihm von Mons' Tod zu sprechen.

Zuerst fragte er auch nach nichts. Er hatte genug mit seinen Schmerzen zu tun. Langsam nur kehrte sein klares Bewußtsein zurück. Mutter Ols, Mutter Karin und der Doktor pflegten ihn. Der Doktor hatte einen jungen Kollegen mitgebracht, der es so eingerichtet hatte, daß er eine Weile dableiben konnte. Ols wollte nicht den weiten Weg zum Krankenhaus getragen werden, und der Doktor hielt es auch nicht für ratsam. Was zu machen war, konnte auch hier geschehen.

An einem der nächsten Tage blickte Ols auf und sah seine Mutter an seinem Bett.

»Mutter, ich war ja so gut wie gekreuzigt.«

»Ja, mein lieber Sohn.«

»Wie hat Er für uns gelitten!«

Das kam aus der Tiefe der Erfahrung.

»Mutter, wie groß ist seine Liebe! Er betete für seine Henker. Ich haßte die meinigen, als ich da hing.«

»Ich kann ihnen auch nicht vergeben,« gab sie zu.

»Hat man sie gefaßt?«

»Noch nicht, aber man ist ihnen auf der Spur.«

»Ich lehnte mich auch gegen Gott auf,« gestand Ols weiter. »Ich war nicht weit davon, zu lästern.«

»Und doch rettete er dich.«

»Wie ging das zu? Wie fand man mich?«

»Es war Mons.«

»Mons?«

»Er muß dir entgegengegangen sein,« fing die Mutter an und erzählte dann, wie alles zugegangen war, sagte aber nichts von Mons' Tod.

Ols Eriks bleiches Gesicht leuchtete auf.

»Daß gerade er zu meiner Rettung kam,« sagte er und dachte dabei an eine Äußerung Helwigs, daß er in ihm eine Schlange an seinem Busen nähre.

Er hatte ihr widersprochen, war aber nicht sicher gewesen, daß es nicht so kommen könnte, wie sie vorausgesagt hatte. Jetzt aber hatte Mons sich in einem anderen Licht gezeigt.

»Wo ist er? Laß ihn hereinkommen.«

»Du bist noch zu krank.«

»Gewiß nicht. Er ist so stille. Laß ihn hier drinnen sitzen. Er möchte es gewiß gern; oder ist er bange davor, mich so zu sehen?«

»Nein, aber – –«

Ols wurde aufmerksam.

»Ist etwas los mit ihm? Wurde er verletzt, oder – – hat ihn jemand fortgeschleppt?«

Ein gräßlicher Verdacht stieg in Ols auf. Des Knaben Vater!

»Nein, niemand hat ihn fortgeschleppt, und er ist auch nicht verletzt,« antwortete Mutter Ols, noch unschlüssig, ob sie die Wahrheit sagen oder versuchen sollte, sie zu verbergen.

»Warum darf ich ihn denn nicht sehen?«

»Er ist nicht da. Gott hat ihn zu sich geholt.«

Und dann erzählte Mutter Ols alles. Der Junge war zu schnell gelaufen und hatte sich überanstrengt. Ein Blutgefäß war in seinem Innern gesprungen.

Ols sagte nichts. Er war überwältigt. Der Knabe hatte sein Leben hingegeben, um das seine zu retten!

Wie wunderbar ketten sich die Geschicke der Menschen ineinander! Er hatte sich des Kindes eines Verbrechers angenommen, um es durch Liebe aus schlimmer Erblichkeit zu retten, und dies Kind war durch Liebe über alles Erwarten gewonnen worden. In seiner Liebe war das Kind des Verbrechers ein Mittel geworden, um seines bösen Vaters Anschlag gegen den, der sich ohne einen Gedanken an sich selbst seiner angenommen hatte, zunichte zu machen.

Ols schloß die Augen, aber dicke Tränen drangen unter den geschlossenen Augenlidern hervor. Er weinte um den Kleinen, während er gleichzeitig Gott von ganzem Herzen für ihn dankte.

Die Aufgabe, die er ausführen sollte, und die er in Gottes Namen auf sich genommen hatte, war jetzt abgeschlossen, vollendet.

»Dein ist die Ehre, Herr, dein ist das Werk von Anfang bis Ende gewesen. Du schenktest mir Liebe zu dem Kind, sonst hätte ich nichts vermocht. Deine Liebe hat alles getan.« – –

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