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Das Pfarrhaus von Skalunga

Elsa Beskow: Das Pfarrhaus von Skalunga - Kapitel 38
Quellenangabe
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typenovelette
authorElsa Beskow
titleDas Pfarrhaus von Skalunga
publisherAgentur des Rauhen Hauses
printrunSechstes bis achtes Tausend
year1926
firstpub1922
translatorM. E. Fischer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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37.

Das Rote, das der Verbrecher hinter dem Wacholderbusch hatte schimmern sehen, war Mons' rotes Haar gewesen.

Mons hatte sich aus der Küche gestohlen und war seinem Pflegevater entgegen in den Wald gerannt. Er wußte, woher dieser kam, und da er oft mit ihm ging, kannte er auch die unbegangenen Richtwege, die Ols einzuschlagen pflegte.

Es dauerte lange, bis sein Pflegevater kam, und so hatte sich Mons weiter vom Haus entfernt, als er gedacht hatte. Er überlegte, ob er den Pflegevater vielleicht in der Dunkelheit verfehlt hätte, oder ob der etwa einen anderen Weg wie gewöhnlich eingeschlagen hätte, da trafen sonderbare Laute sein Ohr. Vorsichtig schlich er sich in der Richtung, woher die Laute kamen, weiter und wurde Zeuge der grauenvollen Tat, der Ols zum Opfer fiel.

Als er sich trotz des Abenddunkels entdeckt sah, war er in Todesangst davongestürzt. Ohne Aufenthalt war er nach Hause gestürmt und stand nun, nach Luft schnappend, in der Pastoratsküche.

Mutter Ols, der Knecht Matz und zwei Bauern, die gekommen waren, um mit dem Pastor zu sprechen, saßen um den Tisch, auf den Anna eben die Speisen setzte. Ols hatte ein für allemal gesagt, daß man nie mit dem Essen auf ihn warten sollte. Er wollte die Freiheit haben, über die Zeit auszubleiben, ohne das unbehagliche Bewußtsein, daß andere hungrig waren und seinetwegen warten mußten.

Außer Atem und in einemfort blinzelnd, stand Mons jetzt mitten in der Küche. Schrecken sprach aus jedem Zug seines Gesichts und aus seiner ganzen Haltung. Alle sahen ihn unverwandt gespannt an.

»Hast du Gespenster gesehen?« fragte Matz mit einem Versuch, den Schrecken, der sie alle beim Anblick von Mons' entsetztem Gesicht ergriffen hatte, durch einen Scherz zu vertreiben.

»Pflegevater!« war alles, was Mons hervorbrachte.

Alle erhoben sich.

»Was ist mit ihm?«

»Oben im Wald. Kommt! Nehmt die Zange mit!«

Alle machten sich schleunigst bereit, Mons zu folgen.

»Nehmt die Zange mit!« rief der Junge wieder.

»Wozu?«

»Nehmt die Zange mit!« wiederholte Mons, und es war klar, daß er nicht imstande war, mehr zu sagen.

Matz ergriff schnell eine Hufzange. Vorsichtshalber nahm er auch einen Hammer, eine Feile und verschiedenes andere mit, was er in der Eile gerade faßte.

»Nimm eine Flinte. Es sind zwei,« sagte Mons.

Eine Flinte? Wo sollte man in der Eile eine hernehmen? Man nahm eine Axt, ein Messer und eine Sense. Mutter Ols machte die Stallaterne zurecht und eilte den anderen voraus gleich hinter Mons her. Anna rannte hinunter in die Nachbarhöfe, um die Leute aufzurufen und ihnen den Weg zu zeigen, den die erste Schar eingeschlagen hatte.

Mons war schnell, er rannte so, daß es den Großen schwer wurde, ihm zu folgen. Ganz außer Atem war er und gewiß auch müde; aber daran dachte er nicht, wußte er doch am besten, wie sehr Eile not tat! Er hatte keinen Gedanken für sich selbst, nur für den Pflegevater, den Pflegevater!

Die Berge hinauf, bis auf den Gipfel der Skalungahöhe, dann das Flüßchen entlang, auf der anderen Seite wieder hinunter, stürmte Mons seiner Schar voran. Dann wandte er sich gerade in den Wald hinein.

Wie kann der Junge sich zurechtfinden? Wie kann er im Finstern sehen? Führt er uns recht? Hat er überhaupt etwas gesehen? Vielleicht spielt er uns nur einen schlechten Streich? Wer kann dem Jungen mit dem boshaften Affengesicht trauen?

Man fing an, bedenklich zu werden, und die eiligen Schritte wurden langsamer. Nur Mutter Ols mit ihrer Laterne folgte Mons ebenso eifrig wie bisher auf dem Fuße. Aber auch ihr wurde es schwer, ihm zu folgen, so sehr eilte er.

Sie sah, daß er stehen blieb. Fing auch er an zu zweifeln? War er irregegangen?

Sie blickte ihn nur an, ging auf ihn zu mit ihrer Laterne und fragte ihn, ob er den Weg nicht mehr wisse.

Er antwortete nicht, er hatte keine Luft mehr, aber er zeigte nach vorn, und dann brach er zusammen.

Mutter Ols blickte nach der Richtung, in die er gezeigt hatte, und hob die Laterne über ihren Kopf, um besser zu sehen. Und da entdeckte sie ihren Sohn.

Die Nachkommenden hatten sie jetzt erreicht, und im schwachen Schimmer der Laterne hatten sie einen Anblick, der ihr Blut erstarren ließ.

Mit schwer niederhängendem Kopf, das Kinn auf der Brust, hing ihr Pastor schlaff und leblos da.

Nun verstanden sie Mons' Mahnung, die Zange mitzunehmen, und sie segneten den Jungen, der sich alles so gut überlegt hatte; denn was hätten sie ohne Zange anfangen sollen, jetzt, wo Eile not tat?

Matz und die Bauern hatten wohl öfter Nägel herausgezogen, aber noch nie war es ihnen so schwer geworden wie jetzt. Es ging wohl, aber ach, so langsam! Die kostbaren Minuten verliefen und mit ihnen schwand das Leben, das ihnen allen so unschätzbar war.

Während der Arbeit kamen mehr Leute aus dem unteren Dorfe, Anna und alle, die sie aufgerufen hatte.

Schweigend, eifrig, mit Tränen in den Augen und Weh im Herzen halfen alle ihren Pastor befreien.

Er selbst wußte von nichts. Das Bewußtsein hatte ihn verlassen, aber er war noch am Leben.

Als er frei war, legte man ihn auf den Erdboden, mit dem Kopf in seiner Mutter Schoß.

Ein schwerer Schaden am Kopf zeugte von dem betäubenden Schlag, der ihn seinen Henkern wehrlos ausgeliefert hatte. Seine durchbohrten Hände waren kraftlos hingestreckt, und sein gequälter Körper lag schlaff und leblos da.

Alle standen schweigend um ihn her, und Mutter Ols weinte leise über ihren Sohn.

»Es ist gerade wie mit unserem Heiland,« sagte jemand mit gedämpfter, bebender Stimme.

»Die Hände haben vielen Kranken geholfen, und nun sind sie durchbohrt,« stimmte ein anderer im selben Ton zurückgehaltenen Weinens und ehrfurchtsvoller Liebe ein. Alle entblößten ihre Köpfe.

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