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Das Pfarrhaus von Skalunga

Elsa Beskow: Das Pfarrhaus von Skalunga - Kapitel 36
Quellenangabe
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typenovelette
authorElsa Beskow
titleDas Pfarrhaus von Skalunga
publisherAgentur des Rauhen Hauses
printrunSechstes bis achtes Tausend
year1926
firstpub1922
translatorM. E. Fischer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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35.

Ols war wieder daheim in Skalunga und besorgte sein doppeltes Amt als Geistlicher und als Heilkundiger, aber seit seinem Besuch in Stockholm war eine große Veränderung in ihm vorgegangen. Die Hoffnung war erloschen, aber nicht auch das Verlangen. Er wollte nun den Gedanken an Helwig von sich schieben, aber das glückte ihm nicht. Sie war überall. Nun, wo er wußte, daß er sie nicht erringen konnte, hatte er das Gefühl, als könnte er ohne sie nicht leben. Und das um so mehr, als er eine Weile in ihrer Welt gelebt und völlig eingesehen hatte, wie fern sie noch dem Reich Gottes stand. Aber zu seiner Liebe und Sehnsucht gesellte sich, gerade nach dem Einblick, den er in Helwigs Welt getan hatte, das Verlangen, sie aus deren verstrickenden Gefahren zu retten. In seinem Kampf zwischen Fleisch und Geist gab es darum die ganze Zeit täuschend viel Geist selbst auf seiten des Fleisches. Vergebens sagte er sich, daß doch nicht der geringste Zweifel bestehen könne, welchen Weg er jetzt, da sie ihn abgewiesen hatte, gehen müsse. Das einzige, was er tun müsse, wäre, ihr Bild aus seinem Herzen zu reißen und sie zu vergessen. Aber eben das konnte er nicht. Teils umgab ihn die Erinnerung an sie rings um ihn her, in seinem eigenen Heim, wo sie gewohnt hatte, auf den Wegen, die er mit ihr gegangen war, in den Hütten, in denen sie mit ihm gesessen und mitfühlend an seinem Werk teilgenommen hatte, und teils bedurfte sie seiner Fürbitte auf den Wegen der Welt, auf denen sie weit vom Reiche Gottes wanderte. Er konnte nicht von ihr lassen.

Aber das Festhalten wurde verhängnisvoll. Er hatte das Gefühl, als neigte der Kampf zwischen Geist und Fleisch immer stärker zum Sieg des Fleisches. Alles, was er tat, schien ihm jetzt geistlos. Vielleicht merkten andere nichts davon, denn er hielt fest an den äußeren Gewohnheiten. Seine innere Kraft aber war ermüdet, das merkte bis jetzt nur er selbst.

Und nur er allein wußte etwas von dem Kampf der Nächte. Es war ihm, als stürmten die bösen Geister auf ihn ein und bedrängten ihn in dem Maße, wie der heilige Geist von ihm wich. Fleischeslust, Bitterkeit, Verzagtheit, ja, sogar Lästerungen fochten ihn in der Stille der Nacht in seiner Einsamkeit an.

Der Geist der Lästerung erschreckte ihn am meisten. Er fand Gott grausam, der ihn solch übermächtiger Versuchung aussetzte. Warum hatte Helwig hierher kommen und alle Kräfte seines Wesens zu solch einem Sturm aufpeitschen und ihm den Frieden seines Herzens rauben müssen? Gott hätte es verhindern können, er ließ es aber geschehen. Das war doch grausam! Und auch jetzt schickte er ihm keine Hilfe! – Er wurde allein gelassen, um mit dem Teufel zu kämpfen.

Hätte er wenigstens in seinem Innern unter Satans Backenstreichen das Flüstern des Geistes vernommen: »Laß dir an meiner Gnade genügen«, dann hätte er Mut zum Aushalten gefaßt, aber er vernahm nichts! Der Geist war ihm gegenüber stumm.

Verzweifelt streckte er seine Hände in die leere Luft und rief Gott an, aber vergebens. Die Hände, die bisher so stark im Helfen waren, bekamen nun selbst keine Hilfe, sondern tasteten ohnmächtig nach dem entschwindenden Mantelsaum des Vaters.

Auch hatte er keinen menschlichen Vertrauten, und es fiel ihm nicht ein, einen zu suchen. Er hatte seinen Stolz, und schreckte davor zurück, seine innere Not vor Menschenaugen zu enthüllen. Er war ja allen, die ihn umgaben, Hirte, Lehrer, Helfer; an wen von ihnen hätte er sich wenden können, um Hilfe für sich zu bekommen? Würde ihr Vertrauen zu ihm nicht erschüttert und sein Wirken unter ihnen erschwert werden, wenn sie ihn so niedergedrückt sähen?

Er suchte keine menschliche Hilfe, aber eines Nachts kam sie von selbst zu ihm.

Seine Aufregung hatte ihn aus dem Bett getrieben. In tiefem Gebetskampf lag er auf den Knien in seiner Studierstube. Er hatte kein Licht angezündet, denn der Mond schien durch das Fenster. Jeder Gegenstand im Zimmer war sichtbar, und das Mondlicht fiel hell auf Ols Eriks kniende Gestalt. Die Tür, durch die er hereingekommen war, stand halb offen, er hatte sie absichtlich nicht zugezogen, damit nicht jemand durch das Geräusch geweckt würde. Und doch ging die Tür jetzt leise auf, und Mutter Ols guckte vorsichtig hinein, als fürchtete sie das, was sie sehen würde, oder als wollte sie nicht gesehen werden.

Sie erblickte ihren knienden Sohn und stand still und betrachtete ihn. An seiner Stellung sah sie, daß er in Ängsten war.

Obgleich er sie nicht ins Vertrauen gezogen hatte, ahnte sie, was vorgefallen war. Sie hatte den Glanz in seinem und Helwigs Gesicht gesehen, sie hatte die Gemütsstimmung bemerkt, die ihn nach der Abreise der lieben Gäste erfüllte, sie hatte die Bedeutung der Reise nach Stockholm geahnt und den Sohn nach seiner Rückkehr voller Spannung beobachtet. Sie dachte, daß er es jetzt gewiß sagen würde, wenn dort alles klar geworden wäre. Aber er hatte nichts gesagt. Zwar hatte er seine Arbeit wie vorher wieder aufgenommen, aber sie hatte doch gesehen, daß er nicht so war wie früher. Wie sehr er sich auch beherrschte, sie hatte doch seinen inneren Unfrieden bemerkt und mit ihm gelitten. Er glaubte sich in seinem Gebetskampf allein, aber seine Mutter hatte doch die ganze Zeit daran teilgenommen.

Und nun stand sie in der Türöffnung und blickte ihn an. Sie stand zögernd da. Sollte sie zu ihm hineingehen oder umkehren und tun, als hätte sie nichts gesehen? Was wäre das beste für ihn?

Zwar achtete sie sich selbst nur gering, aber sie dachte daran, daß der Herr, als er einst wegemüde war, eine Frau um Wasser bat. Und Er war doch der Herr, und das Weib, das ihm zu trinken gab, eine unbekannte Samariterin. Hier lag ein rein irdischer Mann wegemüde auf den Knien, und das Weib, das sich danach sehnte, ihm zu dienen, war keine unbekannte Samariterin, sondern seine eigene Mutter.

Also trat sie ein und setzte sich neben ihn auf das Sofa.

Er fuhr zusammen und blickte auf. Er sah seiner Mutter kleine zähe abgearbeitete Gestalt vom Mondlicht umflossen, er sah ihr mageres Gesicht, das aber das Gepräge der Gesundheit trug, weiß im weißen Licht, er sah die unwandelbare Liebe in ihren Augen. Er fragte nichts, sprach nichts, jede Erklärung war unnötig. Er begriff, daß sie ihn verstand, und daß sie darum gekommen war. Ohne ein Wort legte er den Kopf in ihren Schoß und empfand einen unbeschreiblichen Trost.

Endlich sprach er.

»Mutter, Gott zürnt mir.«

Sie fragte nicht, womit er Gott erzürnt habe.

»Er wird sich deiner wieder annehmen, wenn du nicht abläßt, ihn darum zu bitten,« sagte sie.

»Da ist etwas, das ich festhalte, obgleich ich es aufgeben sollte.«

»Bitte Gott, es dir abzunehmen.«

»Das hat er getan. Und ich hänge doch noch immer daran fest.«

Sie fragte nicht, was das sei, denn sie wußte es.

»Es ist wohl seine Absicht, daß du leiden sollst. Gott braucht es zu deiner Erziehung. Selig sind, die frühe Leid und Versuchung erdulden.«

Ihre Worte gaben ihm Trost und neue Kraft, aber noch mehr tat es nur ihre Nähe. Verkörperte sie ihm nicht in ihrer Person die unwandelbare Liebe, auf die Gott hinweist, wo er ein Bild seiner eigenen unwandelbaren Liebe geben will? Die alte liebe Mutter, in deren Schoß sein Kopf ruhte, würde nie aufhören, ihn zu lieben, was er auch tun mochte, und wie er auch werden würde. Sie würde über ihn trauern können, wenn er ihr Veranlassung dazu gäbe, aber niemals aufhören, ihn zu lieben. Und Gott hat doch von seiner Liebe gesagt, daß selbst, wenn ein Weib ihres leiblichen Sohnes vergäße, er sich dennoch über seine Kinder erbarmen würde.

War es Gott selbst, der die Mutter in seiner dunklen Stunde zu ihm schickte, als lebendigen Hinweis auf seine eigene noch größere Liebe, auf sein eigenes noch größeres Erbarmen?

In der Nacht wurde ihm mehr als Trost zuteil, er bekam Frieden und Stärke und neuen Lebensmut, denn er erfuhr Gottes Gnade im tiefsten Innern und erhielt die Kraft, von sich selbst und seinem eigenen Mangel auf Gott und dessen Fülle zu blicken.

Nun erhob er sich und stand im Mondschein vor seiner kleinen Mutter und blickte hinab in ihr liebes Gesicht, das ihm zugewandt war. Sie suchte nach dem Frieden in seinem Gesicht, den sie dort so gern gesehen hätte.

Er lächelte, und es war nicht ein äußeres, nichtssagendes Lächeln, sondern der wiedererlangte Friede strahlte aus seinem Gesicht.

»Mutter,« sagte er, »in Gottes großer, unverdienter Gnade verschwindet alle meine Sündhaftigkeit wie ein Tropfen im Ozean.«

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