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Das Pfarrhaus von Skalunga

Elsa Beskow: Das Pfarrhaus von Skalunga - Kapitel 35
Quellenangabe
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typenovelette
authorElsa Beskow
titleDas Pfarrhaus von Skalunga
publisherAgentur des Rauhen Hauses
printrunSechstes bis achtes Tausend
year1926
firstpub1922
translatorM. E. Fischer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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34.

Bald nach Neujahr kam Ols nach Stockholm. Er kehrte bei einem Tischler ein, der aus seiner Gegend stammte und seiner Kindheit und ersten Jugend bester Freund gewesen war. Der Tischler hatte Frau und Kinder und bewohnte zwei Zimmer mit Küche; aber die kleinste Wohnung genügt, wenn das Herz weit ist. Der Tischler war überglücklich, Ols Erik bei sich zu haben, und seine Frau machte die gute Stube für den Gast zurecht.

Ols hatte Lebensmittel mitgebracht, die der Hausfrau höchst willkommen waren. Ols Erik kannte auch die Frau seit seiner frühesten Jugend, und sie war stolz auf den Freund der Kindheit, der es so weit gebracht hatte.

Aus dem einfachen Heim ging Ols zu der Baronin Furuclou. Er blieb unverändert, als er in das schöne Empfangszimmer, unter die altertümlichen Möbel und Kunstwerke trat. Sein Schritt war ebenso sicher auf dem weichen Teppich wie auf des Tischlers Strohmatte. Sein Blick und sein Händedruck hatten dieselbe herzliche Wärme, als er die feine Hand seiner früheren Patientin zur Begrüßung drückte, wie da er den einfachen Freunden seiner Kindheit guten Tag sagte. In jedem sah er nur den Menschen. Ob die Schale, die den Kern umgab, mehr oder weniger glänzend war, hatte für ihn keine Bedeutung.

Er hatte seine Ankunft nicht im voraus gemeldet und kam daher überraschend. Helwig war nicht zu Hause, aber die Baronin empfing ihn herzlich. Sie erinnerte sich alles dessen, was er ihr in ihrem Unglück und in ihren Schmerzen gewesen war, und sie schob den Gedanken, warum er jetzt kam, beiseite. Keins von ihnen sagte etwas davon. Sie sprachen natürlich von Helwig, aber so, als verknüpfe Ols und sie kein anderes Band, als die Erinnerung an einige Monate angenehmen Beisammenseins.

Die Baronin lud den Pastor zum Mittagessen an demselben Tage ein.

Er kam. Und da traf er Helwig.

Ihr Herz schlug wild, als sie sein Klingeln hörte und im Empfangszimmer auf sein Eintreten wartete.

Da stand er im auseinandergezogenen Türvorhang und sah sie an.

Welch ein Gegensatz er war zu der reichen Umgebung, in die er eintrat! Aber in seiner schlichten Größe erhob er sich darüber hinaus. Es schien Helwig, als beuge sich der von ihren Vätern ererbte, geschmackvolle und vornehme Luxus vor seiner Persönlichkeit, als wolle er sie nur noch mehr heben.

Er ging auf Helwig zu, und sie reichte ihm beide Hände, ohne etwas zu sagen. Sie fühlte wieder die magnetische Kraft, die von ihm ausging, sie fühlte sie, als müsse es so sein, daß er da bei ihr stände, und sie schwelgte darin, daß sie wieder in sein Gesicht blicken und den eigenartigen Reiz seiner Häßlichkeit genießen konnte. Ihre Augen hingen an seinen schmalen, geraden Lippen, während sie auf sein erstes Wort wartete. Wenn sie ihn recht kannte, würde es nicht nur eine leere Begrüßung sein.

Er ergriff ihre Hände, schwieg aber ebenso wie sie.

Da fiel ihr ein, warum er gekommen war, und ein Gefühl des Entzückens und der Angst ergriff sie. Wenn sie ihrer Regung in dem Augenblick gefolgt wäre, so hätte sie sich an seine breite Brust geworfen und versprochen, ihm zu folgen, wo er hinginge. Aber sie tat es nicht, und ihm fiel es nicht ein, sie mit irgendeinem Gefühlsausbruch zu überrumpeln. Wie stark er auch fühlen mochte, so gab er seine ruhige Haltung doch nicht auf.

Nun kam die Baronin ins Zimmer, und erst da löste sich das Band der Zungen. Aber es wurden keine entscheidenden Worte gesprochen. Durch das Schweigen bei der Begrüßung hatten sich die beiden jungen Leute mehr gesagt, als sie hätten in Worte bringen können.

Es kam jetzt eine kurze Zeit des Beisammenseins für Ols Erik und Helwig, aber sie war ganz anders, als die letzte Zeit in Skalunga, gerade wie die hiesige Welt anders war als die dortige.

Helwig wollte Ols in ihrem Kreis sehen, wie er sie in dem seinen gesehen hatte. Darum lud sie ihn mit ihren vornehmen Bekannten und in den zwanglosen Kreis ihrer Kameradinnen ein, und nahm ihn überall mit, wo sie hinzugehen pflegte, ins Theater, in die Oper, in Konzerte und zu den Bekannten, zu denen sie ihm eine Einladung verschaffen konnte. Da er ihre Welt kennen lernen wollte, folgte er ihr überall, wo sie ihn hinführte.

Daß er gar nicht dahineinpaßte, sah sie klar, und er machte auch kein Geheimnis daraus. Aber er ließ sich durch nichts aus der Fassung bringen und war in keiner Gesellschaft verlegen. Überall blieb er so völlig er selbst wie in den Hütten von Skalunga. Er machte nicht den geringsten Versuch, sich zu ändern oder etwas nachzuahmen, aber er war auch weder in seiner Art noch in seinen Worten herausfordernd. Seiner Gewohnheit, den verschiedensten Menschen ins Herz zu sehen, blieb er treu, und er besaß in hohem Maße die Macht, selbst in den unnatürlichsten und geziertesten Menschen das echt Menschliche zu entdecken und hervorzulocken.

In Helwigs Augen wuchs er und erhob sich über ihre ganze Welt, als sie sah, wie gut er mit dieser ganz andersartigen Umgebung fertig wurde.

Das Verlangen, alles zu verlassen und ihm zu folgen, wurde beängstigend stark, aber zugleich nahm auch eine gewisse Furcht zu, die sie zurückhielt. Denn je deutlicher sie sah, wie sehr sich seine mächtige Gestalt von dem Wesen ihres bisherigen Kreises unterschied, desto klarer wurde es ihr auch, wie vollständig sie sich von allem trennen mußte, damit sie ihm folgen könnte, nicht nur im Äußeren, sondern vor allem mit dem Herzen.

Das Opfer schien ihr so groß und furchtbar, daß sie nicht nur davor zurückschreckte, sondern sich auch fragte, ob er ihr auch wirklich Ersatz dafür bieten würde. Die kalte Selbstbeurteilung hohnlächelte über ihr Verlangen, ohne Vorbehalt dem Geliebten anzuhangen.

»Du weißt,« höhnte sie gegen sich selbst, »daß alle Liebenden den Geliebten idealisieren. Solltest du eine Ausnahme von der Regel machen? Also weißt du, daß er nicht so hochherzig oder so gut ist, wie du ihn siehst, denn in deiner Liebe mußt du übertreiben. Kannst du sicher sein, daß seine Liebe zu dir auch nur halb so groß und opferwillig ist wie die deine? Prüfe ihn, so wirst du es schon sehen! Du bist bereit, ihm deine ganze Welt zu opfern; aber wieviel glaubst du, wird er dir von der seinen opfern? Stelle ihn zuerst auf die Probe, ob er bereit ist, seinen Namen zu ändern und Mons fortzuschicken.«

Sie gehorchte der Stimme und stellte ihn auf die Probe; das hatte sie ja schon von Anfang an tun wollen, wenn sie es auch aufgeschoben hatte und schließlich eigentlich ganz aufgeben wollte.

Er bestand die Probe nicht. Weder seinen Namen wollte er ändern noch Mons fortschicken. Und sie glaubte zu bemerken, daß er auch sie auf die Probe stellen wollte.

»Wenn du mich liebst, kannst du wohl nichts gegen meinen Namen haben, solange ich ihm nicht Unehre mache,« sagte er.

Und im Hinblick auf Mons:

»Willst du meine Frau werden, so darfst du mir nicht ein Hindernis werden, sondern du mußt in allen Dingen meine Gehilfin sein wollen. Wie könntest du dann damit anfangen, daß du ein verstoßenes Kind aus meinem Hause entferntest, das ich in Jesu Namen aufgenommen habe und das an mir hängt!«

Das waren seine Antworten auf ihre beiden Bedingungen.

Hart wie Holz war sein Gesicht geworden, ein Zeichen, daß er sich gegen jede Überredung stählte. In dem Augenblick ahnte sie, daß dieser Gesichtsausdruck ihr verhaßt werden könnte, wenn ihre Liebe einmal kühler werden sollte. Jetzt erblickte sie einen Beweis männlicher Festigkeit darin, aber die selten schlummernde Kritik ihres Verstandes flüsterte ihr zu, daß es vielleicht nur Eigensinn sei.

Ob es nun Festigkeit oder Eigensinn war, sie vermochte ihn nicht zu erschüttern. Wenn sie einwilligte, seine Frau zu werden, mußte sie Frau Ols Erik Larsson heißen und die Pflegemutter des Mons werden.

Es gab auch noch anderes, was sie nachdenklich machte und ihre Hingebung abkühlte. Wenn sie Musik zusammen hörten, merkte sie, daß alle profane Musik, mochte sie noch so vollendet sein, ihn völlig unberührt ließ, dagegen flößte ihm geistliche Musik, selbst solche, die eigentlich das Fassungsvermögen seines ungeschulten Musikverständnisses weit überschritt, eine stille und tiefe Begeisterung ein. Als sie darauf zu sprechen kam, antwortete er, daß er die Musik mit seinem religiösen Sinn genösse.

Die Antwort gab ihr Veranlassung zu mancherlei Grübeleien. Sein religiöser Sinn! Sie fragte sich, ob der vielleicht so in ihm vorwalte, daß er keine beherrschende Liebe oder nicht einmal eine Vorliebe außerdem empfinden könne. In welcher Weise und in wie hohem Grade beruhte wohl seine Liebe zu ihr auf seinem religiösen Sinn? Sie dachte daran, wie sein Interesse sich ihr zuwandte und in dem Maß zunahm, wie sie ihm als Seelsorger ihr Herz geöffnet hatte. Wenn er etwa entdeckte, daß sie nur ihn suchte, und nicht Gott, wie würde das wohl auf seine Liebe einwirken? Mußte sie nicht notwendigerweise abnehmen, da nun einmal der religiöse Sinn in ihm vorherrschte? Und wie würde sie es ertragen, sich in seinen Augen sinken zu sehen, weil sie die Forderung seines religiösen Gemüts nicht erfüllen konnte? Sie ahnte, daß sie furchtbar unglücklich miteinander werden könnten, und mitunter glaubte sie zu ahnen, daß er dasselbe dachte. Vielleicht hatte ihn das so fest gemacht, als er ihre Bedingungen abschlug!

Die Zeit, die Ols für seinen Aufenthalt in Stockholm festgesetzt hatte, neigte sich dem Ende zu. Der letzte Abend war gekommen, und er bat Helwig um die entscheidende Antwort. Sein Gesicht war steinhart und bleich, er war ruhig und entschlossen. Die Augen, die ihre Mutter nicht ohne Grund Schweinsaugen nannte, blickten sie unter den starken Augenbrauen treuherzig an. Wortlose Gelübde von lebenslänglicher, unverbrüchlicher Treue und niemals versagendem Beistand in allen Wechselfällen des Lebens konnte sie darin lesen, Versprechen der Liebe und Fürsorge, es lag aber auch ein Verlangen nach zärtlicher Gegenliebe darin, ein unabweisliches Bedürfnis völliger Hingabe.

Es brannte und schmerzte in Helwigs Herzen, aber jetzt im Augenblick der Entscheidung konnte sie nicht die Antwort geben, die sie in ihrer Verliebtheit nur zu gern gegeben hätte. Der kalte Verstandesgeist saß wach in ihrer Seele und hielt ihr unbarmherzig vor, wie verschieden sie doch trotz ihrer Liebe seien, wie sie getrennten Welten angehörten, die niemals vereint werden könnten, und wie keines von ihnen seine Welt für die des anderen opfern könne. Der Geist siegte über ihr Herz.

Sie sagte alles aufrichtig. Auch sie war bleich, und beide litten stark.

Sie fürchtete und hoffte zugleich, daß er versuchen würde, sie zu überreden, und sie wünschte, daß es ihm glücken möchte, sie zu bezwingen. Da ihr Herz sein Bundesgenosse war, so wäre es ihm gewiß gelungen, wenn er sich dazu entschlossen hätte. Mit verhaltenem Atem, mit Hoffnung und Angst wartete sie auf seinen Entschluß.

»Ich will dich nicht zwingen,« sagte er mit der Ruhe, die bei ihm den Höhepunkt zurückgedrängter Erregung und Kraft bedeutete.

Während einiger Augenblicke hatte er am Abgrund geschwankt, aber er hatte das Gleichgewicht wiedererlangt.

Er war aufgestanden, als er antwortete. Einen Augenblick sahen sie sich bang und schmerzlich an, beide fürchteten, die Herrschaft über ihre Gefühle zu verlieren, und dann verließ er sie, um einsam in sein Amt zurückzukehren.

Und sie? Sie blieb wie versteinert stehen, mit gramvollem Herzen, und alles schien ihr plötzlich so hoffnungslos und leer. Wie sollte sie das Leben ertragen, das sie sich jetzt gewählt hatte?

O, wie sie den kritischen Verstandesgeist haßte, der jetzt über ihr unglückliches Herz triumphierte!

Sind doch ahnte sie, daß er sie vor noch bittererem Leiden rettete. Wie unglücklich sie auch ohne ihn war, so war es doch möglich, daß sie noch unglücklicher mit ihm geworden wäre. Darum rief sie Ols nicht zurück.

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