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Das Pfarrhaus von Skalunga

Elsa Beskow: Das Pfarrhaus von Skalunga - Kapitel 34
Quellenangabe
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typenovelette
authorElsa Beskow
titleDas Pfarrhaus von Skalunga
publisherAgentur des Rauhen Hauses
printrunSechstes bis achtes Tausend
year1926
firstpub1922
translatorM. E. Fischer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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33.

Helwig befand sich in Stockholm wieder in ihrem alten, wohlbekannten, abwechslungsreichen Leben. Sie war wieder von ihrem und ihrer Mutter feinem Verkehrskreis und von ihren Kameradinnen in Anspruch genommen. Die beiden Kreise gehörten nicht zusammen; aber vielseitig, wie Helwig war, paßte sie in beide. Sie genoß das Wiedersehen, fühlte sich wieder in ihrem Element und nahm ihre frühere Lebensweise, den Umgang mit Freunden verschiedener Art und ihre Malerei mit Eifer auf.

Dort oben hatte sie auf eigene Faust gemalt, jetzt mußte sie wieder unter Anleitung arbeiten und hörte mit großer Befriedigung, daß der Lehrer sich über ihre Fortschritte wunderte. Er behauptete, sie habe sich zu einer wirklich künstlerischen Persönlichkeit entwickelt. Bei dem Lob trat ein geheimnisvolles Leuchten in Helwigs Augen. Sie wußte wohl, was ihre Individualität herausgearbeitet hatte, doch klärte sie weder den Lehrer darüber auf, noch sagte sie ihren Kameradinnen etwas.

Ach, die Freundinnen, wie heimisch sie sich unter ihnen fühlte, wie lustig sie es mit ihnen hatte, wie sie zusammen die Anregungen der Kameradschaft genossen! Wohl hatte sie sie dort oben in Skalunga nicht eigentlich vermißt, denn sie waren doch noch da gewesen, und sie hatte gewußt, daß sie wieder unter ihnen sein würde. Wenn sie nun aber wieder nach Skalunga zurückkehrte, um da zu bleiben, dann würde das auf immer ein Ende des anregenden Verkehrs und der angenehmen Arbeit bedeuten, die ihre Tage jetzt aufs beste ausfüllten.

Und alles andere, das ihr hier zu Gebote stand! Nicht zum wenigsten die Musik, die Oper mit ihrer glänzenden Welt der Phantasie, deren Töne sie so völlig mitrissen, daß sie sogar auf Augenblicke den höhnischen Selbstbeobachter in sich vergaß. Wie sie jetzt in der weiten Welt der Schönheit schwelgte!

Es war, als beglückte sie alles das, wovon sie eine Zeitlang getrennt gewesen war, jetzt mehr als je. Und doch! Sie war nicht dieselbe wie früher. Wenn sie auch alles ganz besonders genoß, so betrachtete sie es doch als etwas Äußerliches. Sie war nicht mehr so ganz eins mit dieser Welt wie früher. Es war etwas Neues in ihr gewachsen, das nicht von dieser Welt war.

Die großartige Landschaft von Skalunga und deren einzigartiger Pastor waren ihr weit entrückt, aber durch die Entfernung nur noch größer geworden. Dort oben war eine Welt für sich, eine hohe und reine Welt unter ewigen Sternen, fremd der Welt, in der sie jetzt lebte; ihr Glanz war ein anderer, und das Neue in Helwig war ihr Widerschein.

Getrennte Welten kämpften um sie, und unglückselig zersplittert wie sie war, wurde sie zu beiden hingezogen. Welcher gehörte sie an? Sie konnte nicht beiden angehören, sie mußte zwischen ihnen wählen, das war ihr ganz klar.

Stand die Wahl ihr frei? Konnte sie wohl nach ihrem Willen oder nach ihrem Gefühl wählen, mußte sie nicht nach ihrem Wesen wählen? Gehörte sie ihrem Wesen nach nicht dem weltlichen Lebenskreise an, dem sie entstammte? Mußte nicht ihr ganzes Wesen verwandelt werden, wenn sie das abgeschiedene, einfache, selbstverleugnende Leben wählte, das ihr die Liebe zum Pastor von Skalunga öffnete?

Er hatte ja von der Wiedergeburt, als dem einzigen Weg, gesprochen.

Und sie wußte sehr wohl, daß er damit nicht den Weg nach Skalunga meinte, sondern den Weg ins Reich Gottes; aber sie hatte das Gefühl, als ginge der Weg ins Reich Gottes für sie über Skalunga. Wählte sie die hohe, reine Welt, die für sie in dem Mann, den sie liebte, verkörpert war, so wählte sie den Weg ins Reich Gottes. So aus einem Guß wie der Mann war, konnte sie nur eins mit ihm werden, wenn sie im Geist sowohl, wie in allem anderen, eins mit ihm wurde.

Dies Bewußtsein trat hier stärker hervor als in Skalunga, nun sie seinem beherrschenden persönlichen Einfluß entrückt war und sich in dem verlockenden und schimmernden Netz des Weltlebens gefangen sah. Dort oben war sie so stark zu ihm hingezogen worden, daß sich das Trennende nicht geltend machte, aber jetzt sah sie deutlich die tiefe Kluft zwischen hier und dort. Und der Abstand war so groß, daß er entweder überbrückt werden mußte oder sie für immer von Skalunga trennte.

Wie würde sie den Spalt überbrücken kennen, oder wie würde sie es ertragen, sich durch ihn von ihrer Liebe trennen zu lassen? Sie fühlte sich ebenso unfähig zu dem einen wie zu dem anderen.

Sie hatte gehofft, ein ganzer Mensch durch ihn zu werden, aber nun war sie durch ihn mehr zersplittert als vorher.

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