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Das Pfarrhaus von Skalunga

Elsa Beskow: Das Pfarrhaus von Skalunga - Kapitel 30
Quellenangabe
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typenovelette
authorElsa Beskow
titleDas Pfarrhaus von Skalunga
publisherAgentur des Rauhen Hauses
printrunSechstes bis achtes Tausend
year1926
firstpub1922
translatorM. E. Fischer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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29.

Ols Erik ging neben Helwig. Bei einigen Krankenbesuchen hatte sie ihn begleitet, und jetzt waren sie auf dem Heimweg. Trotz des Sonnenscheins war es kühl. Sie hatte ein leichtes Jäckchen an und ging mit den Händen in den Taschen, die ländliche Freiheit genießend.

Er dachte an seine Frage und versuchte, sie auf irgendeine Weise so zu gestalten, daß sie für das feine kleine Ohr paßte, das halb unter dem aufgesteckten Haar verborgen war. Sein Herz klopfte heftig. Daß es so schwer war, die Frage zu stellen! Wenn sie sie wenigstens erwartete! Aber sie sah nicht aus, als dächte sie daran. – In dem einfachen Jäckchen, mit den Händen in den Taschen und dem sorglosen Gesichtsausdruck sah sie so knabenhaft aus! –

Sie schwieg heute! Hatte das etwas zu bedeuten? Dachte sie vielleicht daran, daß es der Mutter jetzt so viel besser ging, daß die Abreise nächstens bestimmt werden konnte? Freute sie sich so darüber, oder stimmte es sie traurig? Er erinnerte sich ihres lebhaften Gefühlsausbruchs an jenem Abend auf der Brücke, als sie sagte, die Wurzel ihres Wesens habe sich hier in die Erde gesenkt! Die Erinnerung machte ihm Mut, und auch die Erinnerung an manches andere, das sie ihm noch gesagt hatte.

»Fräulein Helwig, Sie sagten einmal, Sie glaubten, ich könne Sie zu einem ganzen Menschen machen. Und das klang, als wünschten Sie, daß ich es versuchen möchte. Wollen Sie es mir erlauben?«

Er war ganz blaß geworden, als er das sagte, und er wurde noch blässer, als er ihrem erstaunten Blick begegnete.

Seine so stark bekämpfte Gemütsbewegung erschreckte sie. Aber sie nahm sich zusammen.

»Wie das?« fragte sie kurz.

»Werden Sie meine Frau.«

Niemals hatte sie sich eine Werbung so gedacht! Aber seine Art machte sie nicht irre. Er konnte nicht anders, als solch ein schroffer Freier sein. Und sie konnte sich ihn, trotz seines großen, warmen Herzens, auch nicht als schmachtenden Anbeter vorstellen. Seine Blässe sagte ihr alles, was er ungesagt ließ. Eine mütterliche Zärtlichkeit ergriff sie.

»Warum wollen Sie mich zur Frau haben?« fragte sie, indem sie sich zu derselben einfachen Offenheit erhob wie er.

»Es ist der einzige Ausweg.«

»Woraus?«

Er sah sie hilflos an.

»Verstehen Sie denn nicht? Ich komme nicht zur Ruhe. Ich muß Klarheit haben. Entweder müssen Sie meine Frau werden oder ich muß mir das Auge ausreißen und die Hand abhacken und verstümmelt ins Leben eingehen.«

Es lag etwas Forderndes, etwas Andringendes in den Worten, aber Helwig wußte auch, daß er ihr Sicherheit und Treue bot. Er hatte seine Werbung mit dem Versprechen angefangen, sie zu einem ganzen Menschen zu machen, und sie fühlte, daß sie das werden würde, wenn sie den Sprung wagte und sich in die Arme warf, die er ausstreckte. Aber der ganze Mensch, der sie dort werden würde, würde nicht sie selbst sein, sondern Ols Erik Larsson. So überwältigend stark war er. Niemals hatte sie seine Kraft so mächtig gefühlt, als in dem Augenblick, da er vor ihr stand mit seiner bangen Frage, die doch in der Tat mehr einer Forderung als einer Bitte glich.

Wieder öffnete sich ihr, wie schon früher einmal, aber jetzt noch weit mehr, die strahlende Tiefe seines Wesens, aber jetzt sah sie nicht nur das Licht, sondern fühlte auch die Glut, die daraus aufstieg. Tausend Verlockungen, sich hineinzustürzen, regten sich. Aber ihr Selbsterhaltungstrieb gab ihr ein, sich einige Schritte vor der Glut zurückzuziehen und sich die Augen zu verhüllen, um nicht geblendet zu werden.

»Wir sind so verschieden,« wandte sie schwach ein.

»Als Mann und Frau werden wir eins.«

Es half nicht, daß sie sich zurückziehen wollte, sein Ernst ergriff sie. Sie zitterte vor Schreck und Entzücken, und fühlte seine Übermacht.

Dann blickte sie weit über die Wälder hin. Immer hier bleiben, immer hier leben? Als Frau dieses Mannes? Würde sie das aushalten können? Die ganze übrige Welt, der sie bisher gehört hatte, war in dem verhängnisvollen Augenblick so weit entfernt, und man fühlte ihre Verlockungen nicht in der beherrschenden Nähe des schroffen Freiers. Aber würde sie sich nicht allmählich wieder geltend machen? Die Welt blieb doch bestehen, und sie gehörte ihr an.

»Ich möchte wissen, ob Sie eine Ahnung haben, was ich alles verlassen müßte,« sagte sie zweifelnd.

»Hier würden Sie Ersatz dafür finden.«

Es lag ihr auf der Zunge, ihn zu fragen, worin der Ersatz bestehen sollte, aber sie hielt die Frage zurück.

»Sie müssen mir Zeit lassen,« sagte sie. »Wenn ich mich jetzt entschiede, könnte es leicht übereilt sein.«

Bei der unbestimmten Antwort empfand er eine bedrückende Angst. Er hatte gleich auf eine entscheidende Antwort gehofft, damit die lähmende Ungewißheit aufhörte. Aber nun sollte es so weitergehen! Lange konnte er das sicher nicht aushalten. Aber es war doch nur recht, daß sie Bedenkzeit haben wollte!

»Wie lange wollen Sie Bedenkzeit haben?«

»Warten Sie, bis ich wieder nach Stockholm gekommen und einige Zeit dort gewesen bin. Kommen Sie dann und holen sich Antwort.«

Er holte tief Atem. So lange Zeit! Er hatte sich gedacht, daß sie vielleicht ein paar Tage verlangen würde, und nun wünschte sie die übrige Zeit hier und außerdem noch eine unbestimmte Zeit in Stockholm, wo er sie wieder mitten in ihrem weltlichen Leben mit all seinen Versuchungen wissen würde! Und dann sollte er kommen und sich ihre Antwort holen, die vielleicht ein Nein sein würde! Das waren harte Bedingungen, und sie erregten ihn sehr.

»Warum sagen Sie nicht gleich nein?«

Es lag keine Bitterkeit in seiner Stimme, aber er sah in seiner Erregung finster aus. Ihr Zaudern begriff er einfach nicht. Entweder wollte sie, oder sie wollte nicht! Warum konnte sie jetzt nicht antworten, wenn sie nicht wollte? Und wenn sie wollte, warum dann zögern?

Sie sah ihn an. Seine schmalen, geraden Lippen waren fest geschlossen wie in verhaltenem Schmerz, und zwischen den rostfarbigen Augenbrauen bildete sich eine Falte.

In seiner Werbung hatte er kein Wort von Liebe geäußert. Er hatte auch sie nicht danach gefragt, noch etwas Derartiges von ihr erwartet, und doch – –! Was war das strahlende Licht und das heiße Feuer seines Wesens anders als Liebe, und was hatte er anders als Liebe bei ihr vorausgesetzt, als er von ihr verlangte, daß sie alles verlassen sollte, um zu ihm zu kommen?

Sollte sie nun zuerst von Liebe sprechen? Sollte sie ihm offen sagen, warum sie nicht nein antworten konnte? Sie war nicht blind gegen die Gefahr, seine Leidenschaft zu entfesseln. Noch war er sich ihrer kaum bewußt oder hielt sie doch straff im Zügel.

»Ich kann nicht nein sagen, weil –« begann sie langsam, hielt inne, zögerte vor dem Schicksalssprung, wagte ihn aber dann und fügte hinzu: »Weil ich Sie lieb habe.«

Sein Gesicht, das eben noch sehr bleich war, färbte sich langsam rot, und sein Atem ging schnell.

Sie wartete, halb in Angst, halb mit dem Verlangen, daß er sie stürmisch in seine Arme reißen würde, aber er stand unbeweglich und machte keinen Versuch, sie anzurühren.

Das bewegte sie, und sie wunderte sich über ihn. Da die Entdeckung ihrer Liebe ihn so erregte, konnte er sie nicht vorausgesetzt haben. Wenn dem aber so war, warum hatte er dann um sie geworben? Hatte er es getan, um in ihrem Nein Rettung vor seiner eigenen Liebe zu finden?

Endlich konnte er sprechen.

»Warum antworten Sie nicht ja, wenn Sie mich liebhaben?«

Sein Gefühlsleben war stark und einfach wie sein männlicher Charakter. Es war ihm nicht möglich, ihre verwickelten Gefühle zu fassen. Sie verzweifelte daran, es ihm begreiflich zu machen.

»Es steht doch in der Bibel, daß man die Kosten berechnen soll,« sagte sie. »Und das will ich tun, ehe ich mich entschließe, damit ich weiß, daß ich es nachher nicht bereue. Ich will zu meiner früheren Welt zurückkehren und sie mit euch, mit dir und mit allem hier oben vergleichen, ehe ich mich entschließe, wem ich angehören soll.«

In Gedanken sah er sie wieder in der Welt, in der sie bisher zu Hause gewesen war. Er empfand einen brennenden Schmerz, als er sich vorstellte, wie sie dort alles vergleichen und abwägen würde. Sie behauptete, daß sie ihn liebte, und doch hinderte sie allerhand glänzender Krimskrams daran, ihm gänzlich anzugehören. Begriff sie denn nicht, was es ihm galt?

»Spielen Sie nicht mit mir!«

Das klang hart, aber sie hörte, wie die Angst den schroffen Ton durchzitterte.

»Ich spiele nicht, ich nehme dich in vollem Ernst, und gerade darum bitte ich um Bedenkzeit. Sei mir nicht böse! Verliere die Geduld nicht!«

Sie näherte sich ihm. Hätte er ihr verwickeltes Gefühlsleben verstanden, so hätte er sie in seine Arme genommen, aber er war zu einfach angelegt. Nicht im entferntesten dachte er daran, daß sie das wünschen könnte, wo sie doch noch gar nicht klar darüber war, ob sie seine Frau werden wollte oder nicht.

»Geduld!« sagte er mit bitterem Lächeln. »In gewissen Fällen besitze ich nicht viel davon. Ich muß mich wohl darin üben. Ich will es versuchen!«

»Schenke mir die Tage, die ich noch hier oben verbringe!« bat sie tapfer. »Wir wollen – – einander sehr nahe sein – –, du zueinander sagen – – und – –«

Er hatte sie nie so weich und sanft gesehen. Sie rang sozusagen mit ihm und brachte ihn wohin sie ihn haben wollte. Während einer abgemessenen Zeit begehrte sie herzliche Kameradschaft, erfüllt von dem ganzen Reichtum zweier Seelen, ein Beisammensein in einem goldenen Jetzt, ohne störende Sorge vor den Prüfungen kommender Tage. Und er ging auf alles ein. Was konnte er auch anders tun? Den einzigen Schritt, den er klar vor sich sah, hatte er getan und ihn vorher Gott befohlen. Nun war er nicht da, wohin er gern gekommen wäre, sondern in einem verwirrenden Zauberhain, wo unsichtbare Vögel neue Lieder in den Bäumen sangen. Er wußte nicht, wie er aus dem Hain hinauskommen sollte, oder was für einen heißen Wüstenweg er danach beschreiten müßte. Vorläufig zwang es ihn, zu bleiben, wo er war, wenn ihm auch alles fremd war.

Aber Gott mußte ja mit ihm sein, Gott, der überall ist. Der Gedanke erhielt ihm den Mut.– –

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