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Das Pfarrhaus von Skalunga

Elsa Beskow: Das Pfarrhaus von Skalunga - Kapitel 27
Quellenangabe
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typenovelette
authorElsa Beskow
titleDas Pfarrhaus von Skalunga
publisherAgentur des Rauhen Hauses
printrunSechstes bis achtes Tausend
year1926
firstpub1922
translatorM. E. Fischer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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26.

Holderfeld machte seinem Namen Ehre; denn hier wuchsen eine Menge Wacholderbüsche. Um die zerstreut liegenden Gehöfte standen die schönen, pyramidenförmigen Sträucher in dem kurzen Gras, bis hinauf an den Hochwald.

Mehrere der Katen hier oben hatten graue Mauern, entweder weil die Eigentümer zu arm oder zu gleichgültig waren, um sie rot zu tünchen. Der erste Hof, in den Ols trat, leuchtete jedoch rot in der Sonne, und alles deutete auf Wohlstand. Drinnen aber herrschte Unruhe. Der älteste Sohn, der den Hof übernehmen sollte und schon jetzt die beste Arbeitskraft war, lag krank.

Gerade wie in Jonas' Kate sah Helwig auch hier, wie sich alle Gesichter beim Eintritt des Pastors erhellten und dasselbe Gepräge vertrauender Ruhe und Sicherheit zeigten wie dort, jenes unbestimmbare Etwas, das sie erkennen ließ, wie gänzlich er mit denen eins wurde, denen er zu helfen kam. Bewunderung für seinen Beruf und die Art, wie er ihn ausfüllte, ergriff sie.

Ols ging gleich mit der Mutter des Jünglings in die Kammer, wo der Kranke lag, und Helwig blieb in der Wohnstube bei den jüngeren Geschwistern und der alten Mutter, denn natürlich fand sich auch hier, wie in den meisten Gehöften, eine Alte, die zurückgeblieben war. Wer hätte sonst den Kindeskindern von der Väter Zeiten erzählen können?

Ols blieb lange in der Krankenstube, die jüngeren Geschwister wurden in Anspruch genommen, und es gab ein geschäftiges Hin und Her; denn allem, was Ols für die Behandlung des Kranken verschrieb, mußte man Folge leisten. Es war genau wie beim Besuch eines Arztes.

Von dem ansehnlichen roten Hof ging dann der heilkundige Pastor in einige der grauen Katen hinüber, wo es auch Kranke gab.

»Ja,« sagte er, als er in einem der Häuschen saß und die Klagen anhörte, »wenn es am Körper kneift, dann schickt ihr nach dem Pastor; aber wie oft laßt ihr ihn holen, um eure Seelennöte zu heilen?«

Man lächelte halb belustigt, halb verlegen, und guckte sich gegenseitig an.

»Ja, seht Ihr, man weiß, daß man Sünde hat, aber man merkt's nicht. Wenn man aber Schmerzen im Körper hat, das merkt man,« erklärte der alte Vater, der, von Gicht gekrümmt, in seiner Ecke saß. Er hatte lebhafte Augen, die von Verstand zeugten.

»Jeder Kranke sucht Heilung für seine Krankheit, aber nicht einer von hundert Sündern sucht die Vergebung der Sünden,« sagte Ols. »Und doch ist die Sünde die Wurzel alles Übels.«

Man lachte nicht mehr. Es kam ein nachdenklicher Ausdruck in die Gesichter um den Pastor. Man wußte, daß er recht hatte. Man hörte ihm gern zu, und die Stille in der Stube schien ihn zu bitten, fortzufahren.

»Unser Heiland fing die Heilungen der Krankheiten gern damit an, daß er dem Kranken seine Sünden vergab und nach dem Glauben forschte. Und die Sündenvergebung war gewiß eine noch bessere Gabe als die Heilung selbst,« sagte Ols.

Man sah es vielen Gesichtern an, daß sie aufrichtig zustimmten.

Nicht nur die Familie saß um »unsern Ols« in dem Häuschen, die Nachbarn waren auch herbeigekommen. Sie hatten gehört, daß er da war und trugen ihm ihre Gebrechen vor. Während er auf alle die Klagen hörte, ergriff er das Wort. Man war ja auf bestem Wege, den Pastor über den Arzt zu vergessen, und das wollte Ols nicht.

Er sah mit seinem scharfen und doch gutherzigen Blick von einem Gesicht auf das andere und las manche dunkle oder deutliche Schrift, die da geschrieben stand.

»Ihr alle habt Lasten zu tragen,« sagte er. »Manche kommen leicht zum Vorschein, wie zum Beispiel Krankheit. Aber weiter drinnen sitzen solche, die hervorgesucht werden müssen. Einige könntet ihr gewiß kaum selbst in Worte kleiden. Man weiß den Namen der eigenen Last oft nicht, man fühlt nur ihren Druck. Nicht wahr?«

Ja gewiß, so war es! Man seufzte beistimmend, aber es waren weniger die Seufzer, als der Ausdruck der Gesichter, namentlich bei einigen der jüngeren, der Ols zeigte, daß er das Rechte getroffen hatte.

»Der Druck, den man nicht in Worte kleiden kann, ist der Druck der Sünde,« sagte er. »Man darf sich erst mit der Gewißheit der Sündenvergebung zufrieden geben. Macht keine Umwege ums Kreuz!«

Bei den Worten stand er auf und ging durch die Wohnstube auf die Kammertür zu. Dort wandte er sich um, sah die, die er noch nicht behandelt hatte, einen nach dem anderen an, und sagte ihnen, daß sie nun der Reihe nach zu ihm hineinkommen sollten. Denen, die er jetzt einzeln hineinkommen ließ, hatte er angemerkt, daß sie sich scheuten, das vorzubringen, was ihnen fehlte. Einige hatten sogar getan, als wären sie nur zur Gesellschaft mitgekommen. Aber Ols ahnte, daß sie vielleicht mehr den Geistlichen als den Arzt in ihm suchen würden, wenn er sie unter vier Augen spräche.

Helwig war mit in der Wohnstube und hatte als lebhaft interessierte Zuschauerin dagesessen. Aber trotz des Eindrucks, den sie während der Stunden in Holderfeld empfing, mußte sie doch an ihr Gespräch mit Ols während des Herwegs denken. Besonders eines hatte sich wie mit Widerhaken in ihrem Gemüt festgesetzt, und das war der Ausspruch, daß sie zuviel an sich selber dächte.

Tat sie das? Selbsterkenntnis war doch etwas, wonach man streben sollte, aber wie soll man sie erlangen, ohne daß man über sich selbst nachdenkt?

Fand er, daß sie zu sehr von sich eingenommen war?

Ihre Wangen wurden heiß, als sie sich überlegte, wie ausschließlich sie auf dem ganzen Herweg mit ihm über sich selbst gesprochen hatte. Und wenn sie an alle ihre Unterhaltungen mit ihm während ihres Aufenthalts in Skalunga dachte, so mußte sie bekennen, daß sie sich selbst oft mehr oder weniger zum Gegenstand derselben gemacht hatte. Und sie redete von sich mit Interesse, da sie ein ebenso großes Interesse bei ihm voraussetzte.

Was hatte sie nur dazu verleitet? Wenn es auch wahr sein mochte, daß sie gern über sich nachdachte, so pflegte sie doch im allgemeinen nicht mit anderen über sich selbst zu sprechen. Weit davon entfernt! Vor Bekannten und den meisten ihrer sogenannten Freunde war sie in bezug auf ihr Inneres eher verschlossen, und nicht einmal gegen ihre nächsten Freunde oder ihre Mutter hatte sie sich auch nur annähernd so rückhaltlos ausgesprochen wie dem Pastor gegenüber.

Wie kam das? War es seine Anteilnahme an ihr, was sie mitteilsam machte, oder gehorchte sie nur ihrem eigenen Bedürfnis?

Wie dem auch sein mochte, so beschloß Helwig, ihn auf dem Heimweg dazu zu bringen, von sich mit ihr zu sprechen, dann hatten sie einander nichts vorzuwerfen. Der Beschluß bedeutete kein Opfer ihrerseits, denn sie interessierte sich lebhaft für ihn, und alles, was mit ihm irgendwie in Berührung stand, bekam in ihren Augen einen besonderen Glanz.

Als Ols und Helwig sich endlich auf den Heimweg begaben, schritten sie tüchtig aus, denn sie hatten einen weiten Weg vor sich, und die Sonne stand schon tief.

Von Holderfeld fiel der Weg allmählich nach dem Fluß zu ab. Auf einer breiten Brücke gingen sie hinüber. Oberhalb der Brücke schäumte das Wasser in weißen Stromschnellen, floß aber ruhig unterhalb derselben dahin, um dann gleich wieder der nächsten Stromschnelle zuzuschießen. Von hier oben sah man nur den in die Luft geschleuderten Schaum.

Helwig blieb mitten auf der Brücke stehen und lauschte dem Gebrause der Wasser. Sie blickte auch hinauf nach den beiden Höhenzügen, auf den, von dem sie eben herabgestiegen waren, und auf den, der noch vor ihnen lag. Glutrot lag der Glanz der Herbstsonne aus den Wäldern.

»Es ist, als hätte mein ganzes Wesen hier Wurzel geschlagen!« sagte Helwig innig. »Wie werde ich mich von hier losreißen können?«

Mit hastigen Schritten ging sie weiter, als schmerzte sie etwas. Und das war auch der Fall. Die Worte eben waren echt gewesen und von Herzen gekommen.

Er antwortete nicht, aber seine Pulse schlugen hastig.

Nahe am Fluß war das Land bebaut, aber höher oben fing der Wald an, und da war es einsam. Hier wollte Helwig ihn dazu bringen, von sich zu sprechen.

»Wenn ich Sie bei den Kranken sehe, vergesse ich, daß Sie Pastor sind und nicht Arzt. Warum wurden Sie nicht Arzt?«

»Das Studium ist zu lang.«

»Wenn es das nicht wäre, würden Sie dann Arzt geworden sein?«

Er schüttelte den Kopf.

»Mein Beruf war, Geistlicher zu werden.«

»Sind Sie sicher, daß Sie sich darin nicht geirrt haben? Würden Sie eine so ausgeprägte Anlage für den ärztlichen Beruf bekommen haben, wenn Sie nicht dafür bestimmt wären?«

»So wie es jetzt ist, liegt die Anlage doch nicht ungenutzt da.«

»Nein, aber sie hätte doch mehr zur Geltung kommen können.«

»Das ist noch fraglich.«

Sie versuchte, sich auf seinen Standpunkt zu stellen.

»Sie wollten den Geistlichen in sich nicht vor dem Arzt zurückstehen lassen?«

Er nickte. Da hatte sie den Nagel auf den Kopf getroffen! Sie errötete vor Freude. Es war ebenso unterhaltend, über ihn zu sprechen, wie über sich selbst. Und sie empfand es wie einen Triumph, daß sie ihn dazu vermocht hatte.

»Eigentlich haben Sie dieselbe Not wie ich: die Anlage zu mehr als einer Sache. Aber Sie verstehen es, Ihr Problem besser zu lösen, als ich das meinige. Wie konnten Sie so bestimmt wissen, daß Sie Pastor werden sollten und nicht Arzt?«

»Ich wußte, was ich vor allem anderen wollte: das Evangelium verkündigen. Und da es dafür ausschließlich ein Amt gibt, zu dem man erzogen und geweiht wird und wofür man sich eingehende Kenntnis erwirbt, so war es sonnenklar, was ich zu wählen hatte.«

»Und Ihre ärztliche Anlage machte Sie nicht irre?«

»Nein. Auch darin sah ich meinen Weg klar. Ich sah, wie das meinem Priesteramt dienen könnte. Es verschafft mir Zutritt zu vielen Kranken, die nie nach einem Geistlichen schicken würden.«

»Sie haben einen herrlichen Doppelberuf! Geistlicher und Heilkundiger! Wenn irgend jemand, so müssen Sie doch harmonisch und befriedigt sein!«

»In und von mir selbst, meinen Sie?«

»Ja, und von Ihrem Beruf und der ganzen Welt.«

»Mein Beruf bringt aber auch große Gefahren mit sich, und ich mache oft sehr niederdrückende Erfahrungen.«

»Natürlich können Ihre Kuren nicht immer glücken! Das kann doch auch niemand verlangen!«

»Meine größte Gefahr ist, es so zu machen wie die Gemeindeglieder: den Geistlichen über dem Arzt zu vergessen. Und am niederdrückendsten ist, wenn ich keine Tür zwischen Arzt und Pastor finde, oder wenn es mir nicht glückt, sie zu öffnen.«

»Ich weiß nicht, ob ich Sie recht verstehe?«

»Die Menschen fragen im allgemeinen so viel mehr nach den Angelegenheiten ihres Körpers, als nach denen ihres Geistes, daß es schwer ist, sie auch nur zu dem Bewußtsein zu wecken, daß sie einen Geist haben, der ewig verloren gehen kann, wenn er nicht erlöst wird. Man trifft bedauerlich selten ein Wachen und Leiden um die Sünde.«

»Kann es denn aber nicht sein, daß man gar nicht so sündig ist?«

Er schüttelte den Kopf.

»Ich zum Beispiel kann mich beim besten Willen nicht sündig fühlen. Ich weiß von keiner schweren Sünde in mir,« sagte sie.

»Auch in Ihnen ist Sünde.«

»Ja, wie in allen anderen – –«

»Nicht wie in allen anderen, sondern gerade Ihre eigene Sünde, nach Ihrer Eigenart. Glauben Sie nur nicht, daß Sie die in der Sünde aller anderen verbergen können.«

Bei dieser unmittelbar persönlichen Zurechtweisung stieg das dunkle Rot wieder in Helwigs Wangen. Sie sah ein, daß es ihre eigene Schuld war, ihre unglückselige Neigung, die Unterhaltung auf ihre eigene Person zu bringen! Er hatte seine Aufmerksamkeit auf ihre Selbstsucht gelenkt, und sie sah die Wahrheit seiner Bemerkung mehr und mehr ein. War die Selbstsucht ihre besondere Sünde, unter der sie leiden mußte?

Vielleicht litt sie, wenn auch unbewußt, darunter, vielleicht war das der Grund ihrer Friedlosigkeit.

Sie blickte in das feste Gesicht neben sich und begegnete seinem Blick. Er hatte im Weitergehen ihr nachdenkliches feines Profil beobachtet.

Der rote Glanz der Abendsonne lag auf ihnen beiden, aber der Abglanz des Gedanken- und Gefühlslebens, der sowohl die derben, männlichen Züge wie das feingeschnittene, weibliche Gesicht beseelte, war stärker als das äußere Farbenspiel.

Mehr als je sehnte sich Helwig nach dem übermächtigen Etwas, das sie von der eigensüchtigen Macht ihrer Selbstbeobachtung losreißen und zu einem ganzen Menschen machen könnte, und mit einem Schauer beängstigenden Entzückens empfand sie plötzlich, daß ihr dies Etwas ganz nahe gerückt war.

Aber sie war so voller Widersprüche, daß sie sich aus allen Kräften gegen die ersehnte Macht wehrte. Sie bebte vor der Selbsthingabe zurück, in der sie doch ihre Rettung ahnte.

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