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Das Pfarrhaus von Skalunga

Elsa Beskow: Das Pfarrhaus von Skalunga - Kapitel 25
Quellenangabe
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typenovelette
authorElsa Beskow
titleDas Pfarrhaus von Skalunga
publisherAgentur des Rauhen Hauses
printrunSechstes bis achtes Tausend
year1926
firstpub1922
translatorM. E. Fischer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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24.

Am folgenden Tag saß Helwig in der Kirche und malte den Altarraum mit dem alten Altarschrein. Die Sonne schien herein, beleuchtete die Holzschnitzereien und hob die Gesichter und Stellungen der vielen kleinen Gestalten hervor. Helwig malte in gehobener Stimmung. Sie dachte an die gottesdienstlichen Handlungen, die an dem Altar verrichtet wurden, und an den Pastor, der sie ausführte. »Die Religion ist doch schön und erhaben!« dachte sie und fühlte sich zu ihr hingezogen.

Als sie so malte, hörte sie Schritte hinter sich. Sie hatte gelernt, die Schritte zu erkennen, und ihr Herz fuhr zusammen und ging mit ihr durch. Endlich kam er!

Aber sie wandte sich nicht um; denn sie wollte ihrer Bewegung Herr werden, ehe er ihr Gesicht sähe.

Die Schritte kamen näher. Nun stand jemand dicht hinter ihr still, da, wo sie im Mittelgang neben den Bankreihen auf ihrem kleinen Feldstuhl saß und malte.

Da wandte sie sich um und blickte in Ols Eriks Gesicht.

»Sie weichen mir also nicht mehr aus?« sagte sie mit leisem, halb gekränktem, halb spöttischem Lächeln.

»Ich suche Sie vielmehr auf.«

»Wollen Sie etwas Besonderes von mir?«

Er antwortete nicht, denn eigentlich wollte er so vielerlei von ihr, daß er keine Worte dafür finden konnte. Zunächst war es sein Wunsch, den Faden ihrer Unterredung in seinem Arbeitszimmer wieder aufzunehmen, doch hoffte er, daß sie es selbst tun würde. Er betrachtete ihre Malerei und fand, daß sie mit ihrem Choralgesang vom gestrigen Abend übereinstimmte.

»Wie finden Sie die Malerei?« fragte sie.

»Es liegt Andacht darin.«

Sie errötete vor Freude über das Urteil. Ihr Erröten war heiß und schnell. Es hatte wie ihr Lächeln etwas Blitzartiges an sich, das den Reiz ihres lebhaften Gesichtes außerordentlich erhöhte.

Die Andacht, die er in ihrer Malerei erblickte, trat jetzt deutlich in ihrer Stimmung zutage.

»Die Religion ist schön,« sagte sie sehnsüchtig.

»Sie ist mehr als das, sie ist Leben.«

Sie tat einige Pinselstriche und ließ dann die Hand, die den Pinsel führte, in den Schoß sinken.

Sie wünschte, daß hier ein Beichtstuhl wäre, in dem sie, auf den Knien liegend, ihm ihre Beichte heimlich in die Ohren flüstern und sich seiner geistlichen Leitung anvertrauen könnte.

In dieser Stimmung wandelte sich ihre innere Haltung ihm gegenüber betreffs der Frage nach dem, was sie in den letzten Tagen getrennt hatte. In jenem nächtlichen Phantasiegespräch hatte sie sich gegen seine Auffassung gesträubt und die ihrige verteidigt, jetzt war sie willig, alle Schuld auf sich zu nehmen und sie auch als Schuld anzusehen. Seine Strenge sollte sie bußfertig finden.

»Warum nehmen Sie sich Jonas' Tod mehr zu Herzen, als andere Todesfälle?« begann sie.

»Wie wissen Sie, daß ich das tue?«

Sie hatte erwartet, daß er ihre Frage mit einer mehr oder weniger direkten Anklage beantworten würde, und war verwundert, wie wenig er geneigt dazu war.

»Ihre Mutter konnte Ihr Verhalten in den letzten Tagen auf keine andere Weise erklären, als daß Sie sich eines Versäumnisses bewußt sein müßten,« antwortete sie und ging damit geradeswegs auf die Sache los.

Aber auch jetzt kam die erwartete Anklage nicht über seine Lippen, wenn sie sich nicht gerade sein Schweigen als solche deuten wollte. Da ging Helwig selbst zur Anklage gegen sich über.

»Ich weiß wohl,« sagte sie traurig, »daß ein Versäumnis begangen wurde, und zwar von mir. Hätte Jonas gerettet werden können, wenn Sie einen Tag eher zu ihm gekommen wären?«

»Menschlich betrachtet wäre es vielleicht möglich gewesen.«

»Menschlich betrachtet? Wie soll man es sonst betrachten?«

»So, daß Gott über Leben und Tod waltet und nichts von Zufälligkeiten abhängig macht.«

Helwig fiel ein, daß sie in jenem nächtlichen Gespräch gerade diesen Beweis gebraucht hatte, um ihn zu widerlegen.

»Haben Sie die ganze Zeit so gedacht?« fragte sie.

»Ich habe mich zu der Auffassung durchkämpfen müssen. Ich bin wohl ein klein wenig eitel auf meine ärztliche Kunst und geneigt, mir selbst zuviel Macht zuzutrauen.«

Wieder dasselbe, das sie ihm in ihren Gedanken gesagt hatte! Hatte er im Unterbewußtsein ihre Beweisführung vernommen und sich williger davon überzeugen lassen, als er es bei einer mündlichen Aussprache getan hätte?

»Schieben Sie die Schuld an Jonas' Tod denn nicht auf mich?«

»Nein.«

»Aber ich tue es.«

Bei den Worten wandte sie sich plötzlich um und blickte ihn herausfordernd an. Sein stählernes Gesicht wurde noch fester und strenger, als sie es je gesehen hatte.

»Das dürfen Sie nicht.«

»Warum nicht?«

»Weil das übertrieben ist.«

»Wenn aber die Verzögerung, an der ich die Schuld trage, doch seinen Tod verursachte?«

»Erstens wissen wir nicht, ob sie das tat; zweitens kann sie es nicht getan haben, denn Gott läßt niemand sterben, ehe der Augenblick dazu da ist.«

»Und drittens?« fiel sie fragend ein, da er mit einem Ausdruck auf dem Gesicht schwieg, als wäre er noch nicht zu Ende.

»Drittens handelten Sie nicht aus bösem Willen, sondern aus Gedankenlosigkeit. Bitten Sie Gott um Vergebung dafür, aber sehen Sie es nicht so an, als hätten Sie eines Menschen Tod verursacht! Der Gedanke wäre zu schwer.«

Wie sie das finstere Wohlwollen liebte, mit dem er sie gegen die Übertriebenheit ihrer eigenen Anklagen verteidigte, während er zugleich rein heraus sagte, was er als wirkliche Schuld ansah!

Unter der Leitung dieses Mannes könnte sie – – ja, was könnte sie werden? Etwas, wonach sie sich ihr Leben lang im Stillen vergeblich gesehnt hatte.

»Sie könnten mich zu einem ganzen Menschen machen!«

Die Worte, und vielleicht noch mehr der schmerzliche Ton, in dem sie ausgesprochen wurden, ergriffen ihn. Brauchte sie ihn wirklich? Da durfte er nicht feige sein und sie wie eine Versuchung fliehen, er mußte sich ihrer vielmehr, gestärkt durch Gott, annehmen.

»Einen ganzen Menschen?« rief er in mitfühlendem, fragendem Ton aus.

»Ich bin so zersplittert, und darunter leide ich. Ich habe mich immer, mehr oder weniger bewußt, nach etwas gesehnt, das stark genug wäre, um alle meine nach verschiedenen Richtungen strebenden Neigungen zu sammeln und auf ein bestimmtes Ziel zu richten. Mir ist, als bestände ich aus mehreren Menschen. Ich bin nun dieser Zersplitterung müde. Ich will ein ganzer Mensch werden.«

»Und Sie glauben, daß ich Ihnen helfen könnte, es zu werden?« fragte er leise.

»Sie sind selbst wie aus einem Stück gegossen, und können anderen helfen, auch so zu werden! Worin liegt dies Geheimnis?«

»Es gibt nur eins, das den Menschen ganz machen kann. Und das ist die Liebe Gottes in Jesus Christus. Erschließen Sie sich der!« –

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